Elisabeth von Heyking
Weberin Schuld
[erstmalig erschienen 1921]
Bildnis der Verfasserin nach einem Gemälde von Fritz Rhein
In allen Ländern der Welt hockt Weberin Schuld und lauert, gleich
einer bösen Spinne, auf Gier und Geiz und jede schlimme Regung
in den Herzen der Menschen. Feinste Fäden dreht sie daraus und
verknüpft sie zu unentrinnbarem Netze. Drin zappeln dann die
Armen.
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Inhaltsverzeichnis
Die Trommel...3
Paquito...28
Unter blühenden Mangobäumen...48
Im Tempel zu den späten Glückseligkeiten...65
Der letzte Schuß...79
Am Ende der Welt...90
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Die Trommel
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Zu den indischen Bergen, wo sie einst glücklich gewesen, hatte
es sie zurückgezogen.
Oftmals war ihr im Traum die ferne indische Sommerstadt
erschienen, die, einem riesigen Wespennest gleich, an der Bergwand
zu hängen scheint und aus kühler Höhe herabschaut auf die
endlose, in der Hitze dampfende Ebene tief unten.
Nun, nach Jahren, war die einsame Frau wieder dort oben.
Aus dem lärmenden, dünnwandigen Hotel mit den wackligen
Holzveranden, wo sie, nach der langen Postfahrt bergan,
abgestiegen war, trat sie bald wieder hinaus und schritt durch die
winklig gewundenen Gäßchen des Bazars.
Es war da alles wie früher, und, wie so oft im Traume, erkannte sie
es nun in der Wirklichkeit wieder. Da waren die glatten,
geschmeidigen Händler aus Delhi, die schimmernde
Goldstickereien und glitzerndes Geschmeide in elenden Buden
feilbieten; die feierlichen Kaschmirioten, die ihre Warenballen
aufrollen und alte Schals ausbreiten, deren Farben wie bunte
Kirchenfenster
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glühen; die Holzschnitzer, die in offener
Werkstatt immer wieder die gleichen durchbrochenen Wandschirme
anfertigen. Kameele, in langer Reihe, zogen noch wie einst mit
wiegendem Nicken der würdevollen Köpfe durch die Straße; neben
ihnen afghanische Karawanentreiber mit grünem Turban und
rotgefärbten Bärten. Unverändert waren auch die fetten
bengalischen Babus mit ihren Imperatorenköpfen dekadenten
Zeitalters, ihren togaartigen Gewändern, weißen Socken an nackten
haarigen Beinen, schwarzen Zugstiefeln und baumwollenen
Regenschirmen. Alles so unverändert, als müßten es noch dieselben
Menschen, dieselben Tiere sein, die sie hier vor Jahren gesehen!
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Aus dem Gewirr der Stimmen begann sie einzelne Klänge zu
unterscheiden; sie hatte damals die Sprache der Eingebornen erlernt
mit dem Eifer der Jugend und ihrem heiligen Glauben an den Wert
des Wissens; jetzt erkannte sie die Laute, die sie so lang nicht mehr
vernommen, und verstand alsbald wieder ihren Sinn.
Nun bog sie aufwärts zu dem bewaldeten Berge, wo die Bungalows
der weißen Beherrscher des Landes verstreut im Grünen liegen.
Hier begegneten ihr Regierungsboten in scharlachroten,
goldbetreßten Gewändern; mit ernsten Mienen trugen sie für ihre
fremden Gebieter Aktenmappen in die Ministerien oder auch
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kleinere Schriftstücke in die Wohnungen der vielen schönen
Strohwitwen, die, selbst Kühlung suchend, aus der Sommerglut der
Ebene aufsteigen zu den Bergen und hier manch neues Feuer
entzünden. Rickschaws kamen der Einsamen entgegengesaust,
gezogen von untersetzten, mongolisch aussehenden Gebirgskulis;
blasse europäische Frauen lehnten darin, und eine jede, wenn sie
nur ein bißchen hübsch und jung war, wurde von einem Reiter
begleitet, der in Sonnenhelm, Flanellanzug und hohen Stiefeln
neben ihrem leichten Gefährte trabte; der Syce, mit der Pferdedecke
auf dem Rücken, keuchte hinterdrein.
Auch das - ganz wie einst.
Und doch alles so verschieden.
Damals hätte sie die Namen all der weißen Frauen und ihrer
Begleiter gewußt, - heute schritt sie grußlos an ihnen vorüber. Denn
sie war selbst fremd geworden, niemand kannte sie mehr; für die
rasch wechselnde Gesellschaft dieser Sommerstadt gehörte sie
schon zu einer entschwundenen Epoche. Aber tieferer Unterschied
noch trennte sie von jenen: alle, denen sie begegnete, hatten Zwecke
noch und Ziele, standen noch im Zwang des Wollens; sie aber war
wie losgelöst von allem Seienden, glich, lebend noch, doch schon
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den Schatten, die sehnsuchtsvoll Stätten einstmaligen Lebens
umschweben.
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Ein seltsames Gefühl der Unwirklichkeit überkam die Wanderin.
Wie im Traume stieg sie weiter hinan. Die Bungalows lagen nun alle
hinter ihr; sie befand sich im dichten Walde. Aber ganz oben, nahe
des Berges Gipfel, an den zerklüfteten Felsen gelehnt, in dessen
Höhlen Gaukler, Schlangenbeschwörer und Fakire, die die heiligen
Affen füttern, wohnen, - dort oben, wußte sie, stand noch ein
Haus. »Das letzte Haus«, wie man es nannte. Dort hatte sie einst
gewohnt. Nicht einsam damals.
Zum letzten Heim war ihr das letzte Haus geworden. Nachher - da
war das schaudernde Erwachen aus dem Wahn gekommen, - aber
hier, ja hier in diesem Walde, auf diesen selben Pfaden, da hatte sie
ihres Lebens Traum geträumt. Unten im Bazar und zwischen den
Wohnstätten der Weißen hatte sie nur all die altbekannten Gestalten
wiedererkannt, die Statisten im längst gespielten Stücke ihres
Lebens gewesen, - hier oben aber in des Waldes Stille, da fand sie
sich selbst wieder. Sich - und ihn. - Die ganze entschwundene
Vergangenheit erstand plötzlich vor ihr und füllte das tiefe
Schweigen mit tausend Stimmen. Brausend rauschte es ihr aus den
Kronen der knorrigen Deodare entgegen, murmelnd plätscherten
es die gleitenden Quellen, säuselnd erzählte es der Wind in den
Zweigen der rotblühenden
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Rhododendren, flüsternd winkten
und wehten Farren und Gräser es ihr zu: »Hier bist du glücklich
gewesen.« - Und als sie einzelne alte Bäume erkannte, bemooste
Felsplatten gewahrte, auf denen sie oft gesessen, und noch
dieselben Blumen wie einst blühen zu sehen glaubte, da erschien
ihr, was doch Jahre zurücklag und wovon sie durch schlimmere
Abgründe als Jahre getrennt war, so gegenwärtig, daß sie wähnte, es
wieder fassen und an sich pressen zu können. Nur noch ein paar
eilende Schritte, das letzte, steilste Stück des Weges hinan und dann
würde sie ihn wieder erblicken; am Eingang des Hauses würde er
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stehen - und es würde alles sein wie einst!
Und nun lag es vor ihr, das letzte Haus. Wie sie es oft im Traume
geschaut. Die eine Seite dicht an den Felsen gedrängt, schien es sich
fest an ihn zu klammern, um mit weit vorspringendem Dach und
Altane hinauszulugen über die bewaldeten Abhänge und die
endlose Ebene tief unten. Doch er stand nicht da.
Die Pforte des Gärtchens gähnte weit offen und mußte wohl schon
lange so gestanden haben, denn rankendes Gestrüpp hatte Tür und
Angeln mit dichten grünen Ketten umwoben. Die Pfade des
Gartens waren überwachsen, Rasen und Beete zu einem Feld
blühenden Unkrauts geworden. Von allen Seiten drang wuchernde
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Wildnis ein. Dazu zirpten unzählige Zikaden, schillernde
Libellen schossen surrend durch die Luft, Eidechsen raschelten an
bröckelndem Gemäuer, langzüngige Chamäleone schielten nach
schwirrenden Fliegen, Mücken summten in Schwärmen, wilde
Tauben, gurrten wie im Traume. Am Boden aber hockte eine Schar
großer grauer Affen; im Halbkreis umgaben sie einen der ihren; der
war ein besonders menschenähnlicher alter Geselle und mochte
wohl ihr Anführer sein; mit wichtigtuendem Geschnatter schienen
sie Rat zu halten, während ihre übermütigen Jungen kichernd an
den Zweigen schwangen. Und gerade diese Stimmen der völlig
unbekümmerten Tiere erweckten ein Gefühl unendlicher
Einsamkeit - sie sagten so deutlich, daß es da schon lange keine
menschlichen Herren mehr gab, vor denen sie verstummen mußten.
Leise und behutsam schritt die Fremdgewordene durch den Garten,
und ganz von selbst folgten ihre Füße den einstmaligen Windungen
des verwischten Pfades. Zu der offenen Veranda führte er, die rings
um das Haus lief. Und sie trat ein.
Wie oft waren sie beide da zusammen eingetreten! Wenn sie, müde
vom frühen Morgenritt, nach dem grellen Sonnenlicht draußen hier
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schattige Kühle fanden; oder wenn sie, abends spät von
Gesellschaften heimkehrend,
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noch einen Augenblick hier stehen
blieben, ehe sie zur Ruhe gingen, und aneinander geschmiegt
zurückblickten auf die tausend kleinen Feuer der Leuchtkäfer, die
draußen im Gebüsch des nächtlichen Gartens blinkten.
Und die Diele der Veranda knarrte laut, als erinnere auch sie sich an
all das!
Glastüren führten in die einzelnen Räume. Durch verstaubte, von
Spinngeweben überzogene Scheiben schaute die einsame Frau in
die Zimmer, die sie einst bewohnt, zaghaft, als läge da drinnen
etwas, das nicht geweckt werden dürfe. Doch da war ja nur trostlose
Leere, Verfall und Verlassenheit überall. Ihren sich erinnernden
Augen aber verhüllten süße Bilder der Wirklichkeit Öde, und sie sah
vieles, das längst entschwunden.
Weiterschreitend beschrieb sie unwillkürlich im Gehen Bogen, als
wiche sie Möbeln aus, die doch nicht mehr vorhanden; schob mit
der Hand unsichtbare Vorhänge beiseite, verweilte vor einer leeren
Wand, als erblicke sie noch an ihr das aufgehängte Fell des Tigers,
den er einst geschossen. Überall haftete für sie noch etwas von den
Dingen, die damals gewesen; blühender Zweige erinnerte sie sich,
die sie aus dem Walde mitgebracht und in hohen Vasen zu Sträußen
geordnet hatte, und
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der Bücher entsann sie sich, die sie, hier
sitzend, gelesen. Verwehte Düfte, verhallte Worte umschwebten sie;
Gedanken und Empfindungen, die verzaubert hier geschlummert,
erwachten bei ihrem Nahen und fluteten ihr entgegen.
Bis zur äußeren, dem steilen Bergesabsturz und der Ebene
zugewandten Seite des Hauses war sie nun gekommen. Hier
gewahrte man, wie leicht und schwankend das ganze Gebäude war
mit seiner weit ausladenden Veranda; schwächer noch und
vergänglicher als andere menschliche Behausungen, einem Neste
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gleich, das jeder Sturmwind verwehen konnte, so hing es am Felsen.
Über das Geländer beugte sich die einsame Frau. Ihre Blicke glitten
den jähen Abhang des Bergrückens entlang, an dem die
Rhododendren mit ihren feurigen Blütenbüscheln
emporzuklimmen schienen, wie ein Heer von finstern Trägern
blutroter Fähnchen. Und weiter hinab schweiften ihre Blicke, wo
unter diesem Gipfel immer neue, niedriger werdende Bergmassen
vorsprangen, kauernden Riesentieren gleich, deren letzte Ausläufer
sich wie langgestreckte Tatzen in die dunstige Ebene schoben.
Sie kannte dies Bild so gut - hatte so oft von hier oben mit ihm
hinabgeschaut und gesehen, wie aus den
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Bergfalten
Nebelstreifen aufstiegen, sich zu seltsamen Gebilden formten und
dann, von der Sonne aufgesogen, spurlos zerrannen. Und sie kannte
auch den zitternden Zaubersang zahlloser Zikaden, bei dessen
einschläferndem Zirpen sie beide hier manch heißen Nachmittag, in
den niederen Strohsesseln liegend, hingedämmert hatten.
Wie sie so stand und in die endlose Weite starrte, und ihre
Gedanken auf tausend Pfaden eilten, die alle zurück zu
vergangenen Jahren führten, erzitterte plötzlich das Gebälk über
ihr; ein Ächzen und Krachen lief durch die Träger und Stützen; es
schwankte das Dach wie unter dem schnaubenden Ritt eines Zuges
böser Kobolde, und dazu klang aus den Lüften Kichern und
Keifen, Poltern und tückisches Lachen unheimlicher Stimmen!
Erschreckt fuhr die Fremde aus ihren wachen Träumen und
aufschauend erblickte sie eine Schar Affen, die, von dem großen,
graubärtigen geführt, vom Felsen aus über das Dach des Hauses mit
lautem Geschnatter jagten. - Da entsann sie sich, wie sie einst durch
dies selbe Geräusch wilder Sprünge in einer der ersten Nächte, die
sie hier verbracht, aus dem Schlummer aufgeschreckt worden war.
Ängstlich, an allerhand Spuk denkend, hatte sie damals in der
Dunkelheit die Hand suchend nach ihm ausgestreckt - und er hatte
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sie an sich gezogen und halb verschlafen gemurmelt: »Nicht
fürchten, das
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sind ja nur die heiligen Affen!« In seinen Armen
war sie dann eingeschlafen und fürchtete sich nicht mehr. - So
lebhaft war die Erinnerung, daß sie auch jetzt wieder die Hand
unwillkürlich, wie suchend ausstreckte - und wußte doch, daß jene
andere Hand sich nie mehr um die ihre schließen würde.
Wie grausam schmerzte es, gerade hier all dessen zu gedenken, das
unwiederbringlich verloren! - Kindlich, abgöttisch, voll
Bewunderung und grenzenlosem Vertrauen war ihre Liebe gewesen.
Sie ahnte ja nicht, daß sie ihn, aus der Fülle ihres eigenen Herzens,
mit vielen ihm fremden Eigenschaften ausgestattet hatte, bis daß sie
einen durch ihre Einbildung geschaffenen und ganz anderen liebte,
als er in Wahrheit war, - ahnte nicht, daß seine unbekümmert
sorglose Art, die sie Kraft dünkte, des Leichtsinns Schwäche barg, -
sah in ihm den, der sie vor jedem Unheil schützen würde, wähnte,
daß ihr bei ihm niemand ein Leid zufügen könne.
Und er selbst war es, der ihr das Schlimmste angetan.
Wie war es nur möglich gewesen - er und jene andere Frau? Heute
noch schien es ihr ebenso unfaßlich wie damals in der ersten
Stunde, da sie dem Zeugnis der eigenen Augen nicht glauben wollte.
Dann waren Zorn und Empörung in ihr aufgeloht, und nur den
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einen Wunsch noch hatte sie gekannt: Fort! fort! Nie mehr jene
beiden sehen müssen, von denen sie gekränkt, erniedrigt, betrogen
worden ... So hatte sie alle Gemeinschaft mit ihm öffentlich
zerrissen.
Jahre waren seitdem vergangen. Und dann war plötzlich ein
rastloses Sehnen über sie gekommen, und mit unwiderstehlicher
Gewalt hatte es sie aus der Ferne hierher zurückgezogen in das
Haus, wo das Glück einst wohnte. Sie wußte nicht, was es war, das
sie gezwungen hatte wiederzukehren, da doch alles verloren - aber,
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was sie bisher nur dunkel gefühlt, ohne es sich selbst doch
eingestehen zu wollen, hier tönte es ihr fragend aus den verödeten
Räumen und von den kahlen Wänden entgegen: warst du es nicht
selbst, die das fliehende Glück auch noch vertrieben?
Ihrer Jugend war damals unmöglich erschienen, daß sich über die
Verheerungen solchen Zusammenbruchs je eine Brücke schlagen
ließe, auf der die für immer getrennt Scheinenden, doch wieder den
Weg zueinander fänden; heute wußte sie, daß gar manches auf
Erden, das stark genug ist, schwere Lasten zu tragen, aus
Trümmern erbaut wurde, und daß die meisten Leben nur Flickwerk
sind. Sie hatte es erfahren, daß jedes neue Jahr doch etwas von
jenen unantastbar scheinenden Forderungen abhandelt, mit denen
die Menschen des
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Lebens Fahrt antreten, bis endlich die
Erkenntnis entsteht, daß in einer Welt der Unzulänglichkeiten das
aus tiefstem Mitleid entspringende gegenseitige Vergeben der
einzige Weg ist, der zum Frieden führt. - Sie hatte ja nichts dadurch
gebessert, daß sie damals die Welt zum Zeugen gerufen und sich
vor aller Augen öffentlich Recht verschafft. Unrecht, das
barmherzig zu verdecken in ihrer Macht gestanden, hatte sie
grausam enthüllt. Offenkundig geworden, mußte es verheerend
weiterwirken. Unfaßlich schien es ihr heut in diesem Hause, daß sie
hier einst, als drei Menschenlose in ihrer Hand lagen, einzig auf die
Stimme eigenen Gekränktseins gelauscht hatte. Oh, daß sie noch
einmal zurückgekonnt hätte zu jener Schicksalsstunde! Denn sie war
in den Jahren eine andere geworden, der Jugend Unerbittlichkeit
und Härte waren von ihr gewichen, und die Vereinsamung hatte sie
gelehrt, daß selig ist, wer noch einen besitzt, dem er vergeben kann.
Sehnsüchtig breitete sie die Arme aus, als sei die Lust erfüllt von
Unsichtbarem, das sie an sich ziehen wollte. So unendlich viel von
ihnen beiden war ja hier in diesem letzten Hause haften geblieben, -
ungreifbar und doch gegenwärtig fühlte sie es überall, - es blickte sie
an, es flüsterte ihr zu, - ach, es mußte einen Weg geben, auf dem
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