Zur Semantik der Diminutive
in der
gegenwärtigen Schriftsprache
des Deutschen
Schriftliche Hausarbeit
für die Magisterprüfung der Fakultät für Philologie
an der Ruhr-Universität Bochum
(Magisterprüfungsordnung vom 8. Dezember 1998)
vorgelegt von
Borgdorff, David Willem
am
25. September 2008
David Willem Borgdorff -- Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen
2
Inhalt
1 EINFÜHRUNG ... 4
1.1 Diminutive ... 4
1.2 Zur Themenstellung und Zielsetzung der Arbeit ... 5
2 ÜBERBLICK ÜBER DIMINUTION UND IHRE ERFORSCHUNG ... 7
2.1 Diminution als Art der Modifikation ... 7
2.2 Forschungsstand zur Diminution im Deutschen ... 7
2.3 Forschungsstand zur Semantik der Diminutive... 9
3 DIE VORGEHENSWEISE ... 11
3.1 Ziel der Untersuchung ... 11
3.2 Struktur der Untersuchung ... 11
4 DIE KORPUSRECHERCHE ... 12
4.1 Die zu untersuchenden Suffixe... 12
4.2 Die zu untersuchenden Diminutive ... 12
4.3 Das Korpus ... 13
4.4 Das gewählte Teilkorpus ... 14
4.5 Das Suchprogramm und die Suchanfrage ... 15
4.6 Die ersten Ergebnisse ... 16
4.7 Eine neue Suchmethode ... 16
4.8 Bereinigung der Ergebnislisten ... 17
5 THEORETISCHE VORÜBERLEGUNGEN ... 18
5.1 Hin zu einem adäquaten Modell zur Analyse und Beschreibung ... 18
5.2 Suffixbedeutung und Assoziationen ... 19
5.3 Objektivität und Subjektivität ... 21
5.4 Der Ansatz von D
RAEGER
... 22
5.5 Motivation für Diminution ... 24
5.6 Motiviertheit, Lexikalisierung, Idiomatisierung... 25
5.7 Die Stellung der unmotivierten Diminutive in der Auswertung ... 26
5.8 Das Modell der semantischen Features... 27
5.9 Zur Zuweisung der Features ... 30
6 DIE ANALYSE ... 32
6.1 Das Feature [
KLEIN
] ... 32
6.2 Das Feature [
JUNG
]... 37
6.3 Das Feature [
EINZELHEIT
]... 39
6.4 Das Feature [
VERSCHLEIERND
] ... 41
6.5 Das Feature [
EMOT
.
POS
] ... 45
6.6 Das Feature [
EMOT
.
NEG
] ... 51
David Willem Borgdorff -- Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen
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6.7 Das Feature [
FESTE
.
GRÖSSE
] ... 55
6.8 Unmotivierte Diminutive ... 58
7 ÜBERSICHT UND TYPOLOGIE ... 62
7.1 Zum Begriff 'Typologie' ... 62
7.2 Diminution in den germanischen Sprachen ... 62
7.3 Zwei produktive Diminutivsuffixe ... 63
7.4 Die Distribution von -chen und -lein ... 63
7.5 Zur Charakterisierung der Suffixleistungen ... 67
7.6 Die prototypischen Features von -chen ... 68
7.7 Die prototypischen Features von -lein ... 70
7.8 Vergleich der Distribution der Features von -chen und -lein ... 71
7.9 Die prototypischen Features der deutschen Diminutivsuffixe ... 72
7.10 Konfigurationen ... 73
7.11 Die prototypischen Konfigurationen von -chen ... 74
7.12 Die prototypischen Konfigurationen von -lein ... 76
7.13 Vergleich der Konfigurationen von -chen und -lein ... 78
7.14 Die prototypischen Konfigurationen der deutschen Diminutivsuffixe ... 83
8 ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLUSSBEMERKUNGEN ... 85
8.1 Zusammenfassung der Ergebnisse ... 85
8.2 Evaluation ... 86
8.3 Ausblick ... 88
8.4 Schlussworte ... 89
LITERATUR... 90
David Willem Borgdorff -- Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen
4
1 Einführung
1.1 Diminutive
,,«Was 'n Wetterchen!» ruft ein Mädchen begeistert. «Ja, wunderbar!» erwidert ihre
Freundin, während sie ein Fädchen von ihrem neuen Röckchen zupft. Sie sitzen auf einer
Terrasse in der Sonne. Unter den Holztischchen tummeln sich Spätzchen. «Trinken wir
noch ein Weinchen?» Die beiden Blondchen schauen sich schelmisch an. «Warum nicht,
ein Stündchen haben wir ja noch.» Am Tischchen nebenan sitzt ein altes Mütterchen, das
die Kellnerin mit der Anrede 'Fräulein' herbeiruft. Die Mädels schmunzeln. Nachdem sie
nochmal bestellt haben, tauschen die beiden Anekdötchen über die Sommerferien aus. In
einem Büchlein zeigt das eine Mädchen, wie putzig das französische Dörfchen war, in dem
sie mit ihren Eltern Urlaub gemacht hat. Dann steht eins der Mädchen auf. «Na, wollen
wir mal fahren?» «Wie fahren? Du hast doch getrunken!» «Ach, das waren doch nur
zwei Gläschen!» «Naja, okay. Aber wenn's ein Knöllchen gibt, zahl ich nicht mit!»"
1
Im oben stehenden Text haben die kursiven Wörter eins gemeinsam: sie werden in der
Linguistik als 'Diminutive' bezeichnet. Als deutsches Wort dafür tritt vor allem
umgangssprachlich 'Verkleinerungswort/-wörter' auf. Schon ein flüchtiger Blick auf
die kursiven Wörter genügt jedoch um zu erkennen, dass es sich keineswegs in allen
Fällen um bloße Verkleinerungen handelt. Nur bei Fädchen und (Holz-)tischchen liegen
eindeutig Verkleinerungen vor, in einigen Fällen könnte die Bedeutungskomponente
'klein' eine Rolle spielen (Spätzchen, Röckchen, Dörfchen, Büchlein), aber in der
überwiegenden Zahl der Fälle ist eine solche Komponente kaum (Mädchen, Mädels,
Gläschen, Anekdötchen) oder nicht zu erkennen (Wetterchen, Weinchen, Stündchen, Knöllchen,
Fräulein, Blondchen, Mütterchen).
1
In diesem konstruierten Text wurden absichtlich sehr viele Diminutive verwendet. Solche extremen
Anhäufungen von Diminutiven sind in der normalen Sprachpraxis nicht zu erwarten.
David Willem Borgdorff -- Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen
5
Außerdem kommen Fragen auf wie: Von welchem Wort sollen Mädchen und Mädel
Verkleinerungen sein? Handelt es sich bei den Spätzchen wirklich um ungewöhnlich
kleine Spatzen? Wie hat man sich eine Verkleinerung des Wetters vorzustellen? Wären
einige dieser Diminutive nicht treffender als 'Verniedlichung' zu bezeichnen? Spielen
neben Kleinheit nicht auch emotionale Aspekte eine Rolle? Warum gibt es eigentlich
gleich mehrere Suffixe (-chen, -el, -lein), mit denen man verkleinern kann? Gibt es einen
Unterschied zwischen einem Heftchen und einem Heftlein?
Diese kurzen Überlegungen enthalten bereits wenn auch salopp formuliert einige
der wichtigen Fragestellungen zur Semantik der Diminutive. Wie wir in Kapitel 2 sehen
werden, hat die Forschung sich ausführlich mit diesen Fragen beschäftigt. Die Forscher
sind sich darüber einig, dass die Suffixe mannigfaltige Bedeutungen wie »klein«, »jung«,
»reizend«, »vertraut«, »unbedeutend«, »schwach«, »erbärmlich«, »schützenswert« etc.
haben können, sie betrachten diese teilweise recht unterschiedliche Bedeutungen jedoch
als besondere Färbungen der Grundbedeutung »klein«
2
.
1.2 Zur Themenstellung und Zielsetzung der Arbeit
Bei einem solchen Reichtum an Bedeutungen der Diminutivsuffixe böte es sich an,
anhand einer empirischen Untersuchung festzustellen, welche Bedeutungen am
häufigsten vertreten und somit typisch für die Diminution im Deutschen sind.
Sofern dies überhaupt versucht wurde
3
, hat sich eine solche Analyse als methodisch sehr
problematisch erwiesen. Das Hauptproblem bildet die Tatsache, dass sich die
Suffixbedeutungen zum Teil stark überschneiden und dass es daher nicht ohne Weiteres
möglich ist, die Bedeutungen scharf voneinander zu trennen und einzelne Bildungen
nach diesen zu kategorisieren. Für dieses Problem wurde bis dato keine befriedigende
Lösung gefunden und es liegt somit bisher keine einzige Studie vor, in der eine
2
Die Identifikation der Grundbedeutung mit »klein« ist nicht unumstritten, andere Forscher setzen als
ursprüngliche Bedeutung der Suffixe "Zugehörigkeit, Vertrautheit" an. Dazu §2.3.
3
Die bisherigen Ansätze werden in Kapitel 2 besprochen.
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6
repräsentative, auf Empirie basierende Typologie der Semantik der Diminutive
aufgestellt wird. Die vorliegende Arbeit will diese Lücke schließen.
Dazu wird eine neue Methode vorgestellt, mit der sich die Bedeutungen der Diminutive
adäquat analysieren und beschreiben lassen. Auf der Basis einer empirischen
Korpusuntersuchung werden die Suffixbedeutungen beschrieben und anschließend wird
eine quantitativ-semantische Typologie der deutschen Diminution aufgestellt.
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7
2 Überblick über Diminution und ihre Erforschung
2.1 Diminution als Art der Modifikation
4
Diminutive sind die Produkte eines Verfahrens der derivationalen Wortbildung, der
Diminution. Während die semantische Veränderung des Basiswortes bei Diminution
primär darin besteht, das vom Basiswort ausgedrückte Konzept als explizit »klein« zu
bezeichnen, bewirkt die Augmentation das Gegenteil, d.h. der Sprecher signalisiert, dass
er das vom Basiswort ausgedrückte Konzept als explizit »groß« betrachtet.
Augmentation ist im Deutschen eine relativ junge Erscheinung und ist im Vergleich zur
Diminution nur sehr gering ausgeprägt (vgl. etwa Mega- in Megaspektakel). Beide
Verfahren werden mit dem Begriff 'Gradation' zusammengefasst. Gradation bildet mit
Motion, Taxation, Negation und Kollektion die Gruppe der Verfahren, die man als
'Modifikation' bezeichnet
5
. Allen Arten der Modifikation gemeinsam ist, dass sie
Verfahren sind, bei denen ein Basiswort semantisch verändert wird, indem ein Affix
angehängt wird, wobei sowohl die Basiswortart als auch die Bedeutungskategorie
erhalten bleiben. Je nachdem, was bei der semantischen Veränderung markiert wird,
sprechen wir von Motion (Sexus), Gradation (relative Größe), Taxation (zugemessener
Wert) oder Negation (Gegenteil). Die Kollektion stellt eine besondere Art der
Modifikation dar, sie vereinigt eine Menge Entitäten zu einer Einheit.
2.2 Forschungsstand zur Diminution im Deutschen
Der Forschungsstand zur Diminution im Deutschen ist im Allgemeinen als weit
fortgeschritten zu beurteilen. Es sind zahlreiche gründliche Untersuchungen und
Forschungsbeiträge zu unterschiedlichen Aspekten des Themas veröffentlicht worden
6
.
4
Beschreibung nach W
EGERA
[erscheint], wo Modifikation in kognitiver und typologischer Perspektive
beschrieben wird.
5
Mit diesen Begriffen konkurrieren in der deutschsprachigen Fachliteratur die auf -ierung (Movierung
(=Motion), Diminuierung, usw.). Hier werden die einheitlichen Formen auf -tion bevorzugt.
6
Einen tabellarischen Überblick über den Forschungsstand im Deutschen bis 1975 findet man in
E
TTINGER
1980: 48.
David Willem Borgdorff -- Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen
8
Neben zahlreichen diachronischen Arbeiten, die der Entstehung und historischen
Entwicklung der Diminutive gewidmet sind, sind auch einige (historisch-)synchronische
Untersuchungen zu verzeichnen, welche die Diminutive in einzelnen Sprachstufen des
Deutschen beschreiben. Zusammen behandeln die Forschungsbeiträge den ganzen
Zeitraum von Anfang bis Gegenwart lückenlos
7
.
Der wohl am häufigsten diskutierte Aspekt der deutschen Diminution ist ihre
Entstehung. Insbesondere die Untersuchungen von P
OLZIN
(1901)
8
, W
REDE
(1908) und
dessen Schüler H
ASTENPFLUG
(1914) bildeten den Ausgangspunkt für zahlreiche
Auseinandersetzungen in der Forschungsliteratur. Die Hauptstreitpunkte bilden die
Frage der Herkunft der Suffixe, sowie die Thesen, dass die Diminution im Deutschen
durch lateinischen Einfluss entstanden sei oder dass lateinischer oder französischer
Einfluss zur starken Verbreitung der Diminution im Deutschen beigetragen, wenn nicht
gar geführt habe
9
.
Ein Aspekt der Diminution, dem eine deutlich geringere Aufmerksamkeit der Forscher
zuteil wurde, ist der Konkurrenzkampf zwischen den Suffixen -chen und -lein im Laufe
der deutschen Sprachgeschichte. Neben den Ausführungen in den historischen
Grammatiken
10
sind die Studien von P
OLZIN
(1901), G
ÜRTLER
(1909a, 1909b),
H
ASTENPFLUG
(1914), Ö
HMANN
(1946, 1972), T
IEFENBACH
(1987) und
W
EGERA
/S
OLMS
(2002) zu nennen
11
.
7
Zeiträume mit wichtigsten Werken: Die Zeit bis 1600: P
OLZIN
1901; Ö
HMANN
1946; Zeitraum von
1600 bis 1750: G
ÜRTLER
1909a; zwischen 1750 und 1900: P
FENNIG
1904; nach 1900: Ö
HMANN
1972;
H
ENZEN
3
1965; F
LEISCHER
/B
ARZ
3
2007; K
ÜHNHOLD
/W
ELLMANN
1975 und D
RAEGER
1996: 182-191.
8
Vgl. Kritik auf P
OLZIN
bei J
ELLINEK
1903: 140-141. Kritik auf W
REDE
bei S
CHATZ
1910:
9-15.
9
Eine ausführliche und sachliche Übersicht über die geführten Diskussionen und die jeweiligen
Argumente bietet E
TTINGER
1980: 49-58.
10
W
EINHOLD
1883: § 279, § 282; G
RIMM
1890: 664ff.; W
ILMANNS
1896: 316ff.; S
TOPP
1978: 118ff.
11
Einen Überblick über den Forschungsstand geben W
EGERA
/S
OLMS
2002: 159-165. Vgl. auch die dort
angeführte Literatur.
David Willem Borgdorff -- Zur Semantik der Diminutive in der gegenwärtigen Schriftsprache des Deutschen
9
2.3 Forschungsstand zur Semantik der Diminutive
Zur Semantik der Diminutive ist viel geschrieben worden, wobei namentlich zwei
Probleme die Diskussionen geprägt haben. Erstens wurde vor allem in älteren Studien
rege über die ursprüngliche Bedeutung der Diminutivsuffixe diskutiert, wobei diese
von manchen Forschern
12
in der noch heute geläufigen Bedeutung »klein«
wiedererkannt, von anderen
13
jedoch mit 'Zugehörigkeit bezeichnend' identifiziert wird,
von welcher sich dann heutige Bedeutungen wie »vertraut«, »lieb«, »jung« und »klein«
herleiten. Es handelt sich dabei somit um die Frage, ob mit den Suffixen zuerst
Sachbezeichnungen 'verkleinernd', oder zuerst Personen 'kosend' bezeichnet wurden
14
.
Dieser Streitpunkt muss heute noch als nicht endgültig geklärt gelten. Es wird im
Rahmen dieser Untersuchung nicht weiter auf diesen Punkt eingegangen.
Das zweite oft diskutierte Problem bildet die Frage, von welchen und wie viel
Suffixbedeutungen auszugehen ist. Dies wird teilweise sehr unterschiedlich beurteilt.
D
RAEGER
stellt kritisch fest
15
, dass Forscher wie K
RAMER
(1962), H
ÖPPNER
(1980) und
M
OTSCH
(1983) von einer einzigen Suffixleistung ausgehen. Auch die Wörterbücher
vermerken Diminutive grundsätzlich als 'Verkleinerungen'. H
ENZEN
(
3
1965),
K
ÜHNHOLD
/W
ELLMANN
(1975) und F
LEISCHER
/B
ARZ
(
3
2007) sprechen von
verschiedenen Bedeutungsabschattungen oder -färbungen, sehen diese jedoch ebenfalls
als Produkte einer einzigen Suffixleistung an.
An dieser Stelle muss die empirische Arbeit von D
RAEGER
16
genannt werden. Nach
ihrer Ansicht sind die Suffixbedeutungen zum Teil dermaßen unterschiedlich, dass sie
nicht befriedigend aus einer einzigen Suffixleistung erklärt werden können. Sie hat eine
Kategorisierung nach unterschiedlichen Suffixleistungen von -chen und -lein
12
P
AUL
1920; N
ÖRRENBERG
1923; E
RBEN
5
2006.
13
So W
REDE
1908: 132; H
ASTENPFLUG
1914: 77; K
LUGE
1925: 26-30; S
CHMIDT
1982: 107.
14
Vgl. H
ENZEN
3
1965: 140; Besprechung der Diskussionen in E
TTINGER
1980: 49-58.
15
D
RAEGER
1996: 183.
16
D
RAEGER
1996: 182-191.
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