Hauptseminar „Juden in Preußen“
WS 2002/2003 Seminararbeit zum Thema
vorgelegt von:
aus: Oldenburg, März 2003
1
Inhaltsverzeichnis
Einleitung S. 3 5
1. Vorrausetzungen für die Einwanderung der Juden nach Ostfriesland
1.1. Ansiedlung der Juden in Ostfriesland S. 6 7
1.2. Konjunkturelle und soziale Vorrausetzungen für die Einwanderung
der Juden nach Ostfriesland
S 7 8
2. Herrschaftskonflikte
2.1. Konflikte in der Zeit der Ständekämpfe( 1570 1744 ) S 8 11
2.2. Konflikte zwischen Ständen und Juden S 11 13
3. Lokale Situation der Juden
3.1. Vergleich der Situation der Juden im Fürstentum und unter preußischer
Herrschaft S 14 18
3.2. Juden in Emden S 18 20
3.3. Juden in Aurich S 20 22
3.4. Juden in Esens S 22 24
4. Auswirkungen des Herrschaftswechsels und abschließende
Bemerkungen
S 24 26
5. Quellen und Literaturverzeichnis S 26
2
Einleitung
Die relativ tolerante Judenpolitik der ostfriesischen Grafen und Fürsten hatte der ostfriesischen Judenschaft recht freiheitliche Lebensbedingungen geschaffen. 1 Durch die Schutzbriefe des Landesherrn genossen die so genannten „vergleiteten“ Schutzjuden eine gewisse Rechtssicherheit. 2 In den Judenschutzbriefen waren alle wichtigen Lebensbereiche der Schutzjuden geregelt, z.B. der Schutz der Persönlichkeit, der Wohnung, der Religionsausübung, der Handelserlaubnis, der Organisation der Gemeinden und der Höhe des Schutzgeldes. Die Schutzbriefe oder Generalgeleite hatten eine Laufzeit von bis zu 20 Jahren und wurden beim Tode des Grafen oder Fürsten von dessen Nachfolger erneuert. 3
1726/27 kam es im Appellkrieg zu einem Konflikt zwischen dem Fürsten Georg Albrecht (1708- 1734) und einem Teil der Stände, aus dem der Fürst als Sieger hervorging. Auch die an der Spitze der renitenten Stände stehende Stadt Emden musste sich unterwerfen. Die innenpolitischen Verhältnisse blieben weiter so gespannt, dass sich 1734 nach der Regierungsübernahme des letzten Fürsten von Ostfriesland, Carl Edzard, ein Herrschaftswechsel andeutete. 4 Die Stadt Emden, durch den Krieg wirtschaftlich geschwächt und politisch isoliert, versuchte seinen Rang als alte ständische Hauptstadt Ostfrieslands wiederzugewinnen. 5 „Emden ruft noch einmal die Generalstaaten zu Hilfe. Da diese sich aber desinteressiert zeigen, wendet sich die Stadt durch Vermittlung des Kreis -Direktorialrats Homfeld an Preußen.“ 6 Daraufhin kam es 1744 zur Emder Konvention, in der die Stadt Emden das preußische Nachfolgerecht anerkannte, wenn Emdens Privilegien auf Grundlage der alten Landesverträge bestätigt werden sollten. Aufgrund einer von Kaiser Leopold 1694 ausgestellten Exspektanz hatten die Hohenzollern für den Fall des Aussterbens der Cirksena das Recht auf Belehnung des Fürstentums Ostfrieslands erhalten. 7 1744 starb Carl Edzard ohne Erben. Mit ihm war der Mannesstamm der Cirksena erloschen. 8 Sofort wird die preußische Anwartschaft durch Friedrich den Grossen geltend gemacht und preußische Truppen proklamieren die preußische Herrschaft. „Trotz des Widerstands Hannovers sollte sich Preußen im Bemühen um Ostfriesland durchsetzen.“ 9 Kurz darauf schloss der preußische König am
31. Juli 1744 eine Konvention mit den ostfriesischen Ständen, in der deren
1 Vgl.:Rokahr: Die Juden in Esens, S.48.
2 Vgl.: Brilling , Jüdische Gemeinde in Emden, S.217.
3 Vgl. zu diesem Abschnitt: Rokahr: Die Juden in Esens, S. 48f.
4 Vgl.: Schnath : Geschichte des Landes Niedersachsen, S.115f.
5 Vgl. dazu: Schmidt: Politische Geschichte Ostfrieslands, S.328.
6 Zit. nach: Schnath : Geschichte des Landes Niedersachsen, S.116.
7 Vgl.: Schmidt: Politische Geschichte Ostfrieslands, S328.
8 Vgl. dazu : Schnath : Geschichte des Landes Niedersachsen, S.116.
9 Zit. nach: Sonntag: Die preußische Wirtschaftspolitik in Ostfriesland 1744 -1806.
3
Rechte bestätigt wurden. Gegen eine jährliche Zahlung von 24000 Talern behielten die Stände die Steuerhoheit. Ebenso wurde Ostfriesland gegen eine weitere Zahlung von 16000 Talern von der Militärpflicht und von Einquartierung befreit. Durch die preußische Machtübernahme sind die Ständekämpfe beendet worden. 10 Es setzte eine Stabilisierung der politischen Verhältnisse im Land ein. Durch die neu zusammengefasste Verwaltung lösten preußische Ordnung und Sparsamkeit die Schuldenwirtschaft der Cirksena ab. Die neue Herrschaft wurde von der großen Mehrheit der Ostfriesen positiv bewertet. 11 Die ostfriesischen Juden dagegen hatten keinen Grund, Friedrich II. als „Großen“ zu bezeichnen, da er ihnen möglichst hohe Lasten auferlegte. Die preußische Judenpolitik nach der preußischen Besitzergreifung war vor allem auf drei Ziele ausgerichtet: „1. den Umfang der jüdischen Bevölkerung möglichst niedrig zu halten; 2. durch Abgaben möglichst großen Nutzen aus ihnen zu ziehen; und 3. die wirtschaftliche Betätigung der Juden auf die Gebiete festzulegen, die dem Staat entwicklungsbedürftig erschienen.“ 12 Gab es rechtliche und ökonomische Veränderungen bei den ostfriesischen Juden durch den Herrschaftswechsel? „Das „Revidierte Generalprivilegium und Reglement“, das am 17. April 1750 in Kraft gesetzt wurde, galt ausdrücklich nicht für Schlesien und Ostfriesland.“ 13 Durch diese Verordnung verschlechterte sich die rechtliche Stellung der Juden. In diesem Reglement von 1750 hatte Friedrich der II. die Unterscheidung zwischen „ordinairen“ und „extraordinairen“ Schutzjuden getroffen. 14 Während „ordinaire“ Schutzjuden ihren Schutzbrief auf zwei Kinder übertragen konnten, besaßen die „extrordinairen“ dieses Recht nicht. Ihr Schutz galt nur auf Lebenszeit. Nach 1750 galten Bestimmungen des Generaljudenreglements auch für die ostfriesischen Juden, so auch die Verordnung über die Einteilung der Schutzjuden in „ordinaire“ und extraordinaire. 15 Die Judenpolitik unter Friedrich II. brachte die ostfriesischen Juden in eine ökonomisch schwierige Situation: 1744 zwang der König von Preußen die Juden zur Zahlung eines „Antrittsgeldes“ von 1000 Talern. Seit 1748 mussten die ostfriesischen Juden erhöhte Schutzgelder zahlen und kein neuer Schutzbrief sollte weniger als 50 Taler einbringen. 16 Insgesamt hat also die Erhöhung der Schutzgelder und die Einführung von Antrittsgeldern eine enorme Belastung für die Juden bedeutet. Dabei erfüllten die Juden gerade im ländlichen Bereich wichtige Funktionen für die Bevölkerung. Besonders für die ostfriesische Landbevölkerung war die Existenz jüdischer Pfandleiher und Kleinhändler von Bedeutung. 17 „Die Mehrheit der Bevölkerung konnte beim jüdischen Händler gebrauchte oder
10 Vgl.: Schnath: Geschichte des Landes Niedersachsen, S116.
11 Vgl. zu diesem Abschnitt: Schnath:a.a.O.,S.117.
12 Zit. nach: Rokahr: Die Juden in Esens,S.48.
13 Vgl.: Freund, Emanzipation, Bd.2, S.22-55.,zit. nach: Kohnke: Preußen und die ostfriesischen Juden, S.49.
14 Vgl. zu diesem Abschnitt: Rokahr: Die Juden in Esens, S.49.
15 Vgl. dazu : Kohnke: a. a .O., S.50.
16 Vgl.: Stern: Preußen III/1, S.64f.
17 Vgl.: Rokahr: Die Juden : Die Juden in Esens, S.63.
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fehlerhafte Waren des täglichen Bedarfs billig erwerben, die Bauern der Umgebung konnten auf die vermittelnde Tätigkeit der jüdischen Viehhändler nicht verzichten.“ 18 Hinzu kam, dass der Viehhandel häufig mit dem Schlachtergewerbe verbunden war, und meist auch von Juden betreiben wurde. 19 Welche Rolle spielten die Juden als Kapitalgeber? Eine weitere bedeutende Funktion übernahmen die Juden in der Zeit des Merkantilismus als Hoffaktoren: Die Aufgabe der jüdischen Hoffaktoren war es, vom Landesherrn benötigte Waren und Dienstleistungen gegen Kredit zu liefern. 20 Weiterhin ist festzuhalten, dass die Juden vor allem in fürstlicher Zeit für das Land enorme Vorteile durch die Finanzjuden und die Schutzgelder brachten. Dennoch trafen die Juden auf allgemeine Ressentiments in der Bevölkerung. „Weit verbreitet war die Ansicht, die Juden seien für alle Zeiten verdammt, weil sie den Herrn Jesus Christus ans Kreuz geschlagen hätten.“ 21
Stand der Forschung und Quellenlage:
Landesgeschichtliche Werke wie die politische Geschichte Ostfrieslands von Heinrich Schmidt, sowie die Geschichte Niedersachsens von Georg Schnath bieten keinen oder nur sehr wenig Einblick in die Geschichte der Juden. Eine umfassende Darstellung der Geschichte der Juden in Ostfriesland fehlt bis heute. Als besonders wichtig ist „ Selma Stern über den preußischen Staat und die Juden“ anzusehen. Im dritten Teil dieses Werkes wird auch die erste preußische Zeit Ostfrieslands behandelt. Die Bearbeiterin hat, was Ostfriesland angeht, 56 Quellen abgedruckt. Ihre Auswahl ist sehr gut, aber stellt noch keinen Gesamtüberblick dar.
Die Anfänge der jüdischen Gemeinde in Emden liegen im Dunkeln, so dass sich um deren Entstehung mehrere Legenden in der Forschung entwickelten. Bernhard Brilling stellte diesen Sachverhalt klar. Georg Eggersglüß befasste sich mit der Auricher Judengemeinde in: „Hofjuden und Landrabbiner in Aurich und die Entstehung der Auricher Judengemeinde.“ Die bisher einzige Gesamtdarstellung für eine Ostfriesische Judengemeinde lieferte Gerd Rokahr: „Die Juden in Esens.“ Meta Kohnke stellt in: „Preußen und die ostfriesischen Juden“ in einer Festschrift „Nationalsozialismus und Region“ richtig, dass das „revidierte Generalprivilegium“ von 1750 ausdrücklich nicht für Ostfriesland galt. Sie macht aber deutlich, dass nach 1750 grundsätzliche Bestimmungen auch für die Ostfriesische Judenschaft erlassen wurden. Die meisten Veröffentlichungen basieren auf Quellen des Niedersächsischen Staatsarchivs in Aurich, des Staatsarchivs Emden sowie Akten des preußischen Geheimen Staatsarchivs, dessen Bestände sich von 1949/50 bis 1993 im ehemaligen
18 Vgl: Grab, W, in: Juden in Preußen, S.24, zit. nach: Rokahr : Die Juden in Esens, S.63
19 Vgl.: Rokahr: Die Juden in Esens; S.63.
20 Vgl.: Eggersglüß: Hofjuden und Landrabbiner in Aurich und die Anfänge der Auricher Judengemeinde, in: Frisia Judaica: Beiträge zur Geschichte der Juden in Ostfriesland, hrsg. von Herbert Reyer u. Martin Tielke,Aurich,1988, S.114.
21 Zit. nach: Rokahr: Die Juden in Esens, S.43.
5
Zentralen Staatsarchiv Abteilung Merseburg befanden. Diese Dokumente sind bis 1993 nicht berücksichtigt worden. „ Die über Juden vorhandenen Quellen in den Staatsarchiven der ehemaligen DDR unterlagen von Mitte der sechziger Jahre bis 1986 /87weitgehenden Benutzungsbeschränkungen, und zwar auch für Forscher der DDR.“ 22
1.Voraussetzungen für die Einwanderung der Juden nach Ostfriesland
1.1. Ansiedlung der Juden in Ostfriesland
Über die Frage der Ansiedlung der Juden in Ostfriesland ist bisher wenig wissenschaftlich gearbeitet worden. Diese mangelnde historische Klärung hat dazu geführt, dass Legenden über das Alter der Gemeinden und die Herkunft der Juden entstanden sind. Eine der Legenden besagt, dass die ersten Juden nach der Zerstörung Jerusalems (im Jahr 70) nach Ostfriesland gelangt seien. Eine Legion unter Befehl von Titus soll jüdische Gefangene nach Ostfriesland gebracht haben. 23 Laut einer anderen Legende soll ein ostfriesischer Häuptling im 14. Jahrhundert von einem Italienaufenthalt Juden nach Ostfriesland mitgebracht haben. 24 Diese Legenden fanden eine Übernahme in wissenschaftliche Handbücher der sechziger Jahre, ohne dabei urkundliche Nachrichten zu nennen. In der 1930 ff. in Berlin herausgegebenen Encylcopaedia Judaica wird ebenfalls nichts über die Ansiedlung der ersten Juden in Ostfriesland ausgesagt. Hier wird nur auf die Marranen hingewiesen, die aus Spanien und Portugal vertriebenen zwangsgetauften Juden, die heimlich am Judentum festhielten. 25 Diese hätten sich in Emden niedergelassen und dort zum jüdischen Glauben bekannt. Die Abstammung der Emder Gemeinde auf spanische und portugiesische Juden zurückzuführen erschien zumindest überzeugender als die vorher erwähnten Legenden. „So waren um 1601 Marranen in Emden gelandet, die sich allerdings nicht niederließen, sondern von dort sofort nach Amsterdam weiterzogen.“ 26 „Ferner waren im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts einzelne spanische und portugiesische Juden in Emden für kurze Zeit aufgetaucht und schließlich hatte die Stadt Emden sogar Privilegien für eine portugiesisch-jüdische Gemeinde erteilt.“ 27 Dennoch bestand dieses 1649 von der Stadt Emden ausgestellte Privileg nur auf dem Papier, da es als Rückversicherung bei einer eventuellen Vertreibung dienen sollte. 28 Die Erteilung dieses Privilegs führte nicht zur Ansiedlung einer Gemeinde. Denn
22 Zit. nach: Kohnke: Quellen zur Geschichte der Juden in Ostfriesland, Emden, 1995, S.109.
23 Vgl. dazu : Brilling : Die Entstehung der jüdischen Gemeinde in Emden. In: Frisia Judaica, hrsg. von Herbert Reyer und Martin Tielke, Aurich,1988, S.27.
24 Vgl. Brilling: a. a . O., S.27.
25 Vgl. Brilling: a.a.O., S.28.
26 Vgl.: d`Ancona , S.206. zit. nach: Brilling : a. a. O. , S.28f.
27 Vgl.: Grunwald ,S. 143, zit. nach Brilling :a. a. O., S.29.
28 Vgl. dazu: Brilling: a. a. O, S.43.
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Markus Schubert, 2003, Juden in Ostfriesland, München, GRIN Verlag GmbH
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