Friedrich- Alexander- Universität
Institut für Germanistik
PS: Die Anfänge Thomas Manns
Wintersemester 1999/ 2000
Hausarbeit
zum Thema:
Der Einfluss Schopenhauers in Thomas Manns ,, Buddenbrooks"
2
Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkung ... 3
2. Erste Berührungen Manns mit dem Gedankengut Schopenhauers ... 4
3. Wie viel Schopenhauer ist in den ,, Buddenbrooks"? ... 7
3. 1. Manns eigene und andere Einschätzungen ... 7
3. 2. Das Schopenhauererlebnis ... 8
3. 2. 1. Einflüsse allgemein... 8
3. 2. 2. Einordnung im Roman... 9
3. 2. 3. Die Philosophie Schopenhauers ( 1788- 1860 )... 9
3. 2. 4. Inhalt und Interpretation ... 11
3. 3. Das Verhältnis Wille- Intellekt in den Buddenbrooksgenerationen ... 13
4. Schlussbemerkung... 14
Literaturverzeichnis... 15
3
1. Vorbemerkung
Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, den Einfluss Schopenhauers in Thomas Manns
Erstlingsroman ,, Buddenbrooks", erstmals erschienen 1901, zu erörtern.
Die Haltung hierbei wird, in Bezug auf den Grad der Beeinflussung Thomas Manns
durch Schopenhauer, eine gemäßigte sein, wie sie in etwa auch Gero v. Wilpert
1
und
Werner Frizen
2
vertreten. Extreme Ansichten, wie z. B. von Erich Heller
3
, der die ,,
Buddenbrooks" als philosophischen Roman klassifiziert, werden, aufgrund fehlender
objektiver Belege und wegen gegensätzlicher Äußerungen von Thomas Mann selbst,
nicht berücksichtigt. So wird sich die Betrachtung, nach einer kurzen Beleuchtung des
Verhältnisses von Thomas Mann zu Schopenhauerischem Gedankengut ( Kapitel 2 ),
hauptsächlich auf das sogenannte Schopenhauerkapitel/ - erlebnis im 10. Teil, Kapitel 5
des Romans beschränken ( Kapitel 3. 2. ) und dessen intertextuellen Zusammenhang mit
Schopenhauers ,, Die Welt als Wille und Vorstellung", II, Kapitel 41: ,, Über den Tod
und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich" verdeutlichen. Ferner
werde ich in Kapitel 3. 3. auf einen Aufsatz von Peter Pütz
4
eingehen, der die Dekadenz
der Buddenbrooks schopenhauerisch erklärt und schließlich am Ende versuchen, die
Rolle der Philosophie, respektive von Schopenhauers und Nietzsches Gedankengut, in
den ,, Buddenbrooks" in einem Fazit zusammenzufassen ( Kapitel 4 ).
1
siehe: Ken Moulden/ Gero v. Wilpert ( Hg. ): Buddenbrooks- Handbuch. Stuttgart 1988.
S. 293- 304.
2
siehe: Werner Frizen: Zaubertrank der Metaphysik. Quellenkritische Überlegungen im Umkreis der
Schopenhauer- Rezeption Thomas Manns. Frankfurt a. M. u. a. 1980.
3
siehe: Erich Heller: Der ironische Deutsche. Frankfurt a. M. 1959.
4
Peter Pütz: Die Stufen des Bewußtseins bei Schopenhauer und den Buddenbrooks.
In Hermann Kurzke ( Hg. ): Stationen der Thomas Mann Forschung. Aufsätze seit 1970. Würzburg 1970.
4
2. Erste Berührungen Manns mit dem Gedankengut
Schopenhauers
Bevor man daran geht, die schopenhaurischen Elemente und Gedanken in den
,, Buddenbrooks" zu bestimmen, muss man zumindest knapp behandeln, inwieweit
Thomas Mann selbst und vor allem auf welche Art und Weise er mit Schopenhauers
Philosophie vertraut war.
Man wird feststellen müssen, dass ein eindeutiges Herausfiltern von
Schopenhauerischem Gedankengut, sieht man von dem expliziten
Bezug im 5. Kapitel des 10. Teils ab, nicht möglich ist. Die Frage der Rolle der
Philosophie in Thomas Manns Roman ist deswegen auch, laut Gero v. Wilpert
5
, der
,, strittigste Punkt in der ,, Buddenbrooks"- Forschung".
Schon bei der Datierung der erstmaligen Schopenhauerlektüre, den beiden Bänden
von ,, Die Welt als Wille und Vorstellung", von Mann ergeben sich die ersten
Schwierigkeiten: Manns Selbstäußerungen darüber sind uneinheitlich. So spricht er
bspw. in den ,, Betrachtungen eines Unpolitischen" ( 1918 ), dem ,, Lebensabriß"
( 1930 ), dem Schopenhauer- Essay ( 1938 ) und in späteren Briefen stets vom
,, dreiundzwanzig- oder vierundzwanzigjährigen Autor" [ der ,, Buddenbrooks" ], wenn
es um den Zeitpunkt der ersten Lektüre geht. Im Schopenhauer- Essay redet Mann
allerdings auch vom von der Willensmetaphysik Schopenhauers berauschten
,, Zwanzigjährigen".
Die Meinungen, welche Aussage/ n glaubwürdig sei/ en gehen auseinander. Gero v.
Wilpert z. B. vertritt die Version des ,, dreiundzwanzig- oder vierundzwanzigjährigen"
Erstlesers
6
Thomas Mann, der zu diesem Zeitpunkt ( 1899 ) schon zwei Drittel des
Romans niedergeschrieben hatte. Begründend fügt v. Wilpert hinzu, dass in den
Entwürfen zu den ,, Buddenbrooks" kein spezifischer Schopenhauereinfluss
festzustellen sei, eine frühere Lektüre daher eher unwahrscheinlich sei
7
. Werner Frizen
dagegen plädiert für eine frühere Datierung des ersten Kontakts mit Schopenhauers
Werken, da die Konstruierung und Objektivierung, bzw., Verfremdung, (durch
Nietzsche ) des Schopenhauererlebnisses mehr Zeit zwischen eigener Lektüre und der
5
im Buddenbrooks- Handbuch, S. 293.
6
ebenda, S. 295f.
7
ebenda, S. 296.
5
Verarbeitung im Roman bedurft hätte. An selber Stelle räumt Frizen jedoch die topische
Qualität des zwanzigsten Lebensalters bei Mann ein, welches jener als eine Zeit seiner
eigenen inneren Heranreifung begriff.
8
Desweiteren stützt Frizen seine Behauptung auf
die Untersuchung von Manns Notizen vor 1900, in denen der Name Schopenhauer
häufiger auftaucht, was allerdings nicht mehr als ein Indiz sein kann
9
.
Zur selben Datierung um das Jahr 1895/ 96 neigt z. B. auch Kristiansen
10
.
Durchgehend gleichlautend sind jedoch Manns Beschreibungen seines eigenen
,,Schopenhauererlebnisses". Im Schopenhauer- Essay ist z. B. zu lesen, dass die erste
Lektüre der Originalwerke von ,, Die Welt als Wille und Vorstellung" einem
,, Rausch" gleichkam und die ,, organische Erschütterung, [ ... ], nur mit einem Rausch
verglichen werden kann, welche die erste Bekanntschaft mit der Liebe und dem
Geschlecht in der jungen Seele erzeugt, [ ... ]."
11
. Eine Reaktion, die Mann auch
Thomas Buddenbrook zukommen lässt.
Relativ einig ist man sich auch über die Selbststilisierung Manns ( nicht nur in diesem
Fall ) bei seinen Beschreibungen des Erwerbs und Lesens der Schopenhauer-Werke, die
sich an Nietzsches Erfahrung mit Schopenhauer und den Beginn des Bibelstudiums von
Augustinus anlehnen.
12
Als gesichert gilt auch, dass der erste Kontakt mit
Schopenhauers Gedankenwelt über Nietzsche führte, der als ,, Schüler" von
Schopenhauer dessen Philosophie kritisierte und weiterentwickelte. Schriften über und
von Nietzsche habe Mann schon ab 1894 (und dann in Schüben über mehrere
Jahrzehnte hinweg, bis 1948 ) rezipiert
13
. Somit erklärt sich auch die spezielle
Auffassung und Umformung der Philosophie Schopenhauers durch Thomas Mann, der
uns im Schopenhauer- Essay den Schlüssel und die damit verbundene Schwierigkeit für
die Interpretation seiner Literatur im Hinblick auf den Schopenhauereinfluss, nicht nur
in den ,, Buddenbrooks", an die Hand gibt, wenn er sagt,
,, daß man im Sinn eines Philosophen denken kann, ohne im geringsten Sinn nach seinem
Sinn zu denken, will sagen: daß man sich seiner Gedanken bedienen- und dabei denken
kann, wie er durchaus nicht gedacht haben will. Hier dachte freilich einer, der außer
8
So datiert Mann seine erste Nietzsche- Lektüre auch auf sein zwanzigstes Lebensjahr, obwohl diese
wohl schon früher stattgefunden hatte ( siehe Frizen, S. 38 ).
9
Frizen, S.38ff.
10
Borge Kristiansen: Thomas Mann und die Philosophie. In: Helmut Koopmann ( Hg. ): Thomas- Mann-
Handbuch. Stuttgart 1990. S. 259- 282.
11
Thomas Mann: Gesammelte Werke. 13 Bände. Frankfurt a. M. 1974, IX, S. 651. ( im Folgenden: GW )
12
z. B.: Buddenbrooks- Handbuch, S. 297: v. Wilpert vergleicht hier die ähnlich lautenden Textstellen in
den jeweiligen Schriften.
13
siehe Kristiansen, S.260.
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