Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Zum Begriff der Identität und zur Bildung von Persönlichkeit 3
3. Das Motiv der Identität in North By Northwest’ 5
3.1 Was hat eigentlich das O zu bedeuten?’ - 5
Thornhills Suche nach Identität
3.2 Als ich noch ein kleiner Junge war, erlaubte ich 9
nicht mal meiner Mutter, mich auszuziehen’ -
Thornhills Beziehung zu seiner Mutter und zu Eve Kendall
4. Das Doppelgänger-Motiv in North By Northwest’ 11
im Vergleich zum Roman Die Elixiere des Teufels’
und dem TV-Film The Case Of Mr. Pelham’
5. Fazit 13
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1. Einleitung
Would it not be strange, in a city of seven million people, if one man were never mistaken for another… if, with seven million pair of feet wandering through the canyons and corridors of the city, one pair of feet never by chance strayed into the wrong footsteps? (a pause) Strange, indeed. 1
Und so geschieht es dann eines Tages doch: Die Füße von Roger Thornhill verirren sich in den falschen Fußstapfen und zwingen ihren Besitzer zur Annahme einer neuen Identität. Thornhill wird George Kaplan. Dieser aber ist lediglich eine vom Geheimdienst erfundene Existenz, die nun eine Verkörperung erfährt. Doch was bedeutet dieser Rollentausch für Thornhill? Alfred Hitchcocks ‚North By Northwest’ 2 ist ein Verwirrspiel rund um das Thema Identität. Identität, die nicht vorhanden ist, die fälschlicherweise aufgezwungen, die gesucht, die schließlich gefunden wird. In dieser Arbeit möchte ich untersuchen, wie der Film darlegt, dass Thornhills Odyssee quer durch die USA gleichzeitig auch eine Suche nach seiner eigenen Persönlichkeit ist. Zunächst erläutere ich kurz, wie sich der Begriff ‚Identität’ definieren lässt, um dann die theoretische Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit nach Erikson zu beschreiben. Danach werde ich anhand ausgewählter Szenen des Films darlegen, wie sich diese Erkenntnisse auf Thornhill und seine Entwicklung im Laufe der Handlung anwenden lassen. Schließlich werde ich unter Verwendung von Theorien Sigmund Freuds untersuchen, wie das Doppelgänger-Motiv in E.T.A. Hoffmanns Roman ‚Die Elixiere des Teufels’ 3 und Alfred Hitchcocks TV-Film ‚The Case Of Mr. Pelham’ 4 zum Ausdruck gebracht wird, sowie Parallelen und Unterschiede zu ‚North by Northwest’ aufzeigen.
2. Zum Begriff der Identität und zur Bildung von Persönlichkeit
Das Lexikon definiert Identität als „völlige Übereinstimmung einer Person oder Sache mit dem, was sie ist oder als was sie bezeichnet wird“. 5 Im psychoanalytischen Sinne jedoch geht der Identitätsbegriff weit über diese im Alltag gebräuchliche Definition, die ich im Weiteren als ‚äußere Identität’ bezeichnen möchte, hinaus. 6 Um einen für die Thematik dieser Arbeit brauchbaren Identitätsbegriff zu fassen, beziehe ich mich im Folgenden auf Erikson, der den Terminus der „Ich-Identität“ verwendet. Damit ist eine subjektive Erfahrung der eigenen Entwicklung gemeint: Das Ich lernt von
1 Ernest Lehman: North By Northwest. O.O, o.J. (vor den Haupttitel gesetzte Einführung, die im Film nicht verwendet wurde).
2 North By Northwest (Regie: Alfred Hitchcock, USA 1959; dt. Verleihtitel: Der unsichtbare Dritte)
3 E.T.A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels. Nachgelassene Papiere des Bruder Medardus eines Kapuziners [1815/16]. München 1961.
4 Alfred Hitchcock Presents: The Case of Mr. Pelham (CBS) (Alfred Hitchcock, USA 1955)
5 Identität. In: Der Brockhaus in 15 Bänden. Sechster Band. Leipzig; Mannheim 1998, S. 361.
6 Es würde den Rahmen der Arbeit sprengen, alle Ansätze zur Erforschung des Begriffs ‚Identität’ zu beleuchten. Ich beschränke mich hier auf die Ausführungen von Erik H. Erikson (1902 - 1994) zu dieser Thematik, da sich an ihnen die Problematik der Fragestellung besonders deutlich festmachen lässt.
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Kindesbeinen an, wesentliche Schritte in Richtung einer greifbaren kollektiven Zukunft zu machen, und entwickelt sich so zu einem definierten Ich innerhalb einer sozialen Realität: 7
Das bewußte Gefühl, eine persönliche Identität zu besitzen, beruht auf zwei gleichzeitigen Beobachtungen: der unmittelbaren Wahrnehmung der eigenen Gleichheit und Kontinuität in der Zeit, und der damit verbundenen Wahrnehmung, daß auch andere diese Gleichheit und Kontinuität erkennen. Was wir hier Ich-Identität nennen wollen, meint also mehr als die bloße Tatsache des Existierens, vermittelt durch persönliche Identität; es ist die Ich-Qualität dieser Existenz. 8
Die ‚Ich-Identität’ steht also für einen Zuwachs an Persönlichkeitsreife, den das Individuum nach der Adoleszens vorweisen können muss, um den Herausforderungen des Erwachsenenlebens gewachsen zu sein. 9
Zur Frage, was man unter einer gesunden Persönlichkeit beim Erwachsenen überhaupt verstehen muss, zieht Erikson eine Definition von Marie Jahoda heran, wonach „die gesunde Persönlichkeit ihre Umwelt aktiv meistert, eine gewisse Einheitlichkeit zeigt und imstande ist, die Welt und sich selbst richtig zu erkennen.“ 10 Um zu beschreiben, wie dem Menschen die Fähigkeit, dieses Ziel zu erreichen, zuwächst, unterteilt Erikson die Genese der Persönlichkeit vom ersten Lebensjahr bis ins Alter in acht Phasen, die jeweils von einem speziellen psychologischen Konflikt eines mitein-ander konkurrierenden Kräftepaars geprägt sind. 11 Um - im psychologischen Sinn - am Leben zu bleiben, muss der Mensch die aus dem Widerspruch der Kräfte entstehenden Konflikte unaufhörlich lösen. 12
Aufgrund des begrenzten Umfangs meiner Arbeit möchte ich an dieser Stelle nur die für Thornhills Entwicklung besonders bedeutsamen Phasen VI und VII kurz beschreiben, um sie im nächsten Kapitel stärker in Beziehung zur Person Thornhills zu setzen. Phase VI (im frühen Erwachsenenalter) wird bestimmt durch den Widerspruch von ‚Intimität’ und ‚Isoliertheit’. Wurde in der Adoleszenz eine Ich-Identität erreicht, so ist die Person fähig, eine stabile Beziehung zu einer anderen Person aufzubauen und Ermutigung und Belastung dieser Beziehung zu tragen (Intimität). Dagegen scheuen Menschen, die sich ihrer Identität (noch) nicht sicher sind, vor solch intimen Beziehungen zurück und lassen sich auf nur oberflächliche Begegnungen, z.B. in Gestalt von Promiskuität, ein. Dieses Verhalten führt zu Distanzierung und Isolation. 13 Das Ziel von Phase VII (‚zeugende Fähigkeit’ gegen ‚Stagnation’) ist Generativität, die Fähigkeit, schöpferisch tätig zu sein, die dem Erwachsenen das Gefühl vermittelt, für Andere brauchbar zu sein und von Anderen gebraucht zu werden. Eine Form der Generativität ist z.B. das produktive und kreative Tätigwerden auf anderen Gebieten (als dem angestammten) im Interesse der Gesell-
7 Vgl. Erik H. Erikson: Identität und Lebenszyklus [1963]. Frankfurt am Main 1993, S. 17f.
8 Erikson: Identität und Lebenszyklus, S. 18.
9 Vgl. ebd., S. 123.
10 Ebd., S. 57.
11 Vgl. Hermann-Josef Fisseni: Persönlichkeitspsychologie. Ein Theorienüberblick [1984]. Göttingen 1998, S. 90.
12 Erikson: Identität und Lebenszyklus, S. 56.
13 Vgl. Fisseni: Persönlichkeitspsychologie. Ein Theorienüberblick, S. 92f.
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schaft. Schafft es die Person nicht, für die Interessen anderer offen zu sein, kann sie durch das Empfinden, nicht gebraucht zu werden, ihre zwischenmenschlichen Beziehungen verarmt sehen, was nach Erikson zum Gefühl der Stagnation führt. 14
3. Das Motiv der Identität in ‚North By Northwest’
‚Was hat eigentlich das O zu bedeuten?’ -Thornhills Suche nach Identität
Verschafft man sich einen Überblick über das filmische Schaffen Alfred Hitchcocks, so stellt man fest, dass sich das Thema der ‚Identität’ und des Verlusts derselben als ein Leitmotiv wie ein roter Faden durch das gesamte Werk des Regisseurs zieht. In Bezug auf die von diesem Identitätsverlust betroffenen Figuren spricht Sterneborg - in Anspielung auf einen Filmtitel Hitchcocks 15 - von den „,wrong men’, die aus ihrem Leben geworfen werden, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind“. 16
In dem 1959 gedrehten Thriller ‚North By Northwest’ ist es Werbefachmann Roger Thornhill (gespielt von Cary Grant) 17 , der von einer Minute zur anderen aus seinem Routineleben gerissen wird, da ihn ein Agentenring fälschlicherweise für den feindlichen Spion George Kaplan hält. Auf der Suche nach dem wahren Kaplan wird Thornhill in einen Mordfall verstrickt, so dass er auf der Odyssee, die ihm seine Identität zurückbringen soll, sowohl von den Spionen als auch von der Polizei gejagt wird. Žižek beschreibt den Vorgang der Identitätsvertauschung folgendermaßen:
Wie bereits hervorgehoben, spielen zufällige Begegnungen im Hitchcockschen Universum eine wesentliche Rolle. In diesem Universum […] genügt ein zufälliger Vorfall, um einen ganz gewöhnlichen Menschen in einen Alptraum zu stürzen. Dieses zufällige Ereignis legt die Struktur offen, in die das Subjekt verwickelt ist. Im Grunde weist die zufällige Begegnung folgende Form auf: Sie ist die Verbindung zwischen einem Element und einem leeren Platz (einer Leere, die wie eine Falle auf das Subjekt wartet). NORTH BY NORTHWEST ist dafür das beste Beispiel. Der Name George Kaplan - ein leerer Signifikant, denn es ist der Name eines nicht-existierenden Agenten - ist hier die Falle, die sich über Roger O. Thornhill schließt: Thornhill wird nun diesen leeren Raum ausfüllen. 18
Doch auch wenn es sich bei der Verwechslung Thornhills mit Kaplan durch die Spione vordergründig um einen Zufall handeln mag (und von einem solchen spricht Žižek), so hat sie doch einen tieferen Sinn: Thornhill passt in die Rolle Kaplans, da es für ihn bei den Ereignissen der nächsten Tage
14 Vgl. Fisseni: Persönlichkeitspsychologie. Ein Theorienüberblick, S. 93.
15 The Wrong Man (Alfred Hitchcock, USA 1956; dt. Verleihtitel: Der falsche Mann)
16 Anke Sterneborg: North by Northwest (1958). In: Alfred Hitchcock. Hrsg. v. Lars-Olav Beier und Georg Seeßlen. Berlin 1999, S. 396-402, S. 396.
17 Patalas beschreibt Grant als ‚Mann ohne Eigenschaften’, und aufgrund dessen prädestiniert, in viele Rollen zu schlüpfen [Vgl. Enno Patalas: Alfred Hitchcock. München 1999, S. 128.]. Tatsächlich schrieb Ernest Lehman das Drehbuch bereits im Hinblick auf Grant [Vgl. Donald Spoto: Alfred Hitchcock. Die dunkle Seite des Genies [1983]. München 1986, S. 480.], der für die Verkörperung des oberflächlichen Durchschnittsmenschen, der ebenfalls eine Vielzahl von verschiedenen Rollen annehmen muss, offensichtlich bestens geeignet war.
18 Slavoj Žižek u.a.: Was Sie immer schon über Lacan wissen wollten und Hitchcock nie zu fragen wagten [1988]. Frankfurt am Main 2002, S. 41.
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Arbeit zitieren:
Florian Steinacker, 2004, Was hat eigentlich das ‚O’ zu bedeuten? - Das Motiv der Identität in Alfred Hitchcocks ,North By Northwest’ , München, GRIN Verlag GmbH
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