Zusammenfassung
Die vorliegende qualitative Untersuchung erforscht die Frage, ob Männer, die Sex mit Männern (MSM) haben, auf Grundlage ihres sexuellen Risikoverhaltens - in diesem Fall „Barebacking“, also ungeschützter, beabsichtigter Sex mit einer anderen Person als dem Primärpartner - eine eigenständige Identitätsform entwickeln können. Diese Fragestellung wurde mithilfe der egozentrierten Netzwerkanalyse und des qualitativen Interviews untersucht.
Sieben Interviews mit homosexuellen Männern, von denen allerdings nur sechs in die Auswertung eingehen konnten, bilden den Ausgangspunkt dieser Analyse. Ausgehend von der Definition von „Identität“ nach Keupp (1997) konnte gezeigt werden, dass eine „Barebacker“-Identität existiert, welche sich aus einem Zugehörigkeitsgefühl zu der Eigengruppe der „Barebacker“, sozialer Anerkennung durch Sexualverhalten innerhalb dieser Gruppe, subjektiver Bedeutung des Sexes, alltagsstrukturierender Relevanz von Sexualität und umfassenden kognitiven Strategien in Bezug auf HIV und weiterer Risikofaktoren zusammensetzt. Ebenfalls wurde ersichtlich, dass die „Barebacker“ dieser Untersuchung oftmals ein diffuses Verantwortungsgefühl empfanden, da sie nicht genau bestimmen konnten, inwiefern und bis zu welchem Grad sie für ihre Sexualpartner verantwortlich sind, mit denen sie sich in diese sexuelle Risikosituation begeben.
Den Abschluss bilden Überlegungen, wie diese Erkenntnisse in einem präventiven Kontext berücksichtigt werden sollen.
Schlüsselwörter: „Bareback“ - Identität - Männer, die Sex mit Männern haben -HIV - Risikoverhalten - Ungeschützter Sex
Abstract
The present qualitative examination ascertains the question if men who have sex with men can develop an independent form of identity based on their sexual risk behavior - in this case “barebacking”, unprotected intended sex with someone other person than a primary partner. This question was explored with the aid of the egocentric network analysis and the qualitative interview.
Seven interviews with homosexual men - only six of them could go into the appraisal - build the source of this analysis. Derived from the definition of “identity” of Keupp (1997) was shown, that a “bareback”-identity exists which is composed of a feeling of togetherness inside the group of “barebacker”, social acceptance because of sexual behavior within the group, subjective meaning of sex, relevance for the structure of everyday life and comprehensive cognitive strategies concerning HIV and other risk factors. Furthermore it appears that the “barebacker” of this examination often felt a diffuse feeling of responsibility as they could not exactly define in what extent and to which degree they are responsible for their sexual partners with whom they betake in this sexual risk situation. The ending consists of considerations how these findings could be regarded in a preventive context.
Key Words: „bareback“ - identity - men who have sex with men - HIV - risk behaviour - unprotected sex
Barebacking - „Eine neue Art des Lebens“? 2
Inhaltsverzeichnis
1 EINFÜHRUNG. 6
1.1 Barebacking - Folge einer Normalisierung von HIV und AIDS? 6
1.2 Bareback - der Versuch einer Definition. 11
1.3 Gegenwärtiger Stand der Forschung 13
1.4 Aktualität und Brisanz des Themas 17
1.4.1 Medienpräsenz. 19
1.4.2 Persönliche Motivation und auslösendes Moment 22
1.5 Das Konzept Identität 24
1.5.1 Herangehensweisen an das Konstrukt in verschiedenen Ansätzen 24
1.5.2 Die konstruktivistische Sichtweise nach Heiner Keupp 26
2 METHODIK 29
2.1 Die Netzwerkanalyse. 29
2.1.1 Das egozentrierte Netzwerk 30
2.1.2 Methodisches Vorgehen. 30
2.2 Das qualitative Interview. 32
2.3 Auswahl der Interviewpartner. 34
2.4 Die Auswertung 35
2.4.1 Die Grounded Theory als Ausgangsbasis 35
2.4.2 Einfluss der Netzwerkanalyse 37
2.4.3 Die Motivation der Interviewpartner als besonderer Auswertungsaspekt
37
3 VORSTELLUNG DER INTERVIEWPARTNER 40
3.1 Stefan (40 Jahre, HIV-positiv): „Jeder hat für sich die Verantwortung zu
übernehmen“ 40
3.1.1 Kontaktaufnahme 40
3.1.2 Sein Netzwerk 40
3.1.3 Zusammenfassung des Gesprächs 42
3.2 Idefix (44 Jahre, HIV-negativ): „Barebacker - Selbstmörder auf Raten“ 46
3.2.1 Kontaktaufnahme 46
3.2.2 Sein Netzwerk 46
3.2.3 Zusammenfassung des Gesprächs 48
Barebacking - „Eine neue Art des Lebens“? 3
3.3 Zenon (37 Jahre, HIV-positiv): „Ich denke, es gibt Einige ( ), die mich
beneiden “ 50
3.3.1 Kontaktaufnahme 50
3.3.2 Sein Netzwerk 51
3.3.3 Zusammenfassung des Gesprächs 52
3.4 Peter (30 Jahre, HIV-positiv): „HIV macht mir eigentlich nichts aus“ 54
3.4.1 Kontaktaufnahme 54
3.4.2 Sein Netzwerk 54
3.4.3 Zusammenfassung des Gesprächs 55
3.5 Johannes (37 Jahre, HIV-positiv): „Ich bin ein einsamer Wolf“ 57
3.5.1 Kontaktaufnahme 57
3.5.2 Sein Netzwerk 57
3.5.3 Zusammenfassung des Gesprächs 59
3.6 Michael (36 Jahre, HIV-positiv): „Sex der besonderen Art“ 60
3.6.1 Kontaktaufnahme 60
3.6.2 Sein Netzwerk 61
3.6.3 Zusammenfassung des Gesprächs 62
3.7 Theo (64 Jahre, HIV-negativ): „Ich bin schwul und das ist gut so“ 64
3.7.1 Kontaktaufnahme 64
3.7.2 Sein Netzwerk 64
3.7.3 Zusammenfassung des Gesprächs 66
4 GEFUNDENE KATEGORIEN DER JEWEILIGEN
INTERVIEWPARTNER ZU IHRER
IDENTITÄTSKONSTRUKTION 68
4.1 Verantwortungszuschreibung als entscheidendes Moment 68
4.1.1 Umgang mit HIV bei Stefan 68
4.1.1.1 Psychologischer Faktor der Angst 68
4.1.1.2 Verantwortungsbewusstsein. 70
4.1.1.3 HIV-Wahrnehmung. 71
4.1.2 Organisation von Sexualität 72
4.1.2.1 Bedeutung seiner Sexualität 72
4.1.2.2 Selektion von Sexualpartnern 74
4.1.3 Lebenskontexte. 74
4.1.3.1 Selbstbeschreibung. 74
4.1.3.2 Außenwahrnehmung. 76
4.1.3.3 Zeitlichkeit 76
4.2 Risikomanagement durch Selektion der Sexualpartner nach Abfrage ihres
Sexuallebens. 78
4.2.1 Umgang mit HIV bei Idefix. 78
4.2.2 Organisation von Sexualität 79
4.2.2.1 Bedeutung seiner Sexualität 79
Barebacking - „Eine neue Art des Lebens“? 4
4.2.2.2 Selektion von Sexualpartnern 81
4.2.3 Lebenskontexte. 81
4.2.3.1 Selbstbeschreibung. 81
4.2.3.2 Außenwahrnehmung. 83
4.2.3.3 Zeitlichkeit 84
4.3 Bewusste Entscheidung für „besseren“ Sex mit all seinen Konsequenzen 87
4.3.1 Umgang mit HIV bei Zenon 87
4.3.1.1 Indirekt thematisierte Angst 87
4.3.1.2 Verantwortung 89
4.3.1.3 HIV-Wahrnehmung. 90
4.3.2 Organisation von Sexualität 92
4.3.2.1 Bedeutung von Sex 92
4.3.2.2 Selektion von Sexualpartnern 94
4.3.3 Lebenskontexte. 94
4.3.3.1 Selbstbeschreibung. 94
4.3.3.2 Wahrgenommene gesellschaftliche Normen. 96
4.3.3.3 Perspektiven als „Barebacker“ 99
4.4 Sehnsucht nach „Leben“ 100
4.4.1 Umgang mit HIV bei Johannes. 100
4.4.1.1 Verantwortungsbewusstsein. 100
4.4.1.2 HIV-Wahrnehmung. 101
4.4.2 Organisation von Sexualität 104
4.4.2.1 Bedeutung von Sex 104
4.4.2.2 Wahl der Sexualpartner nach ausgestrahlter „Vitalität“ 105
4.4.3 Lebenskontexte. 105
4.4.3.1 Selbstbeschreibung. 105
4.4.3.2 Außenwahrnehmung. 107
4.4.3.3 Zeitlichkeit 108
4.5 Gemeinsame Absprache als Risikomanagement-Strategie 109
4.5.1 Umgang mit HIV bei Michael 109
4.5.1.1 Gemeinsame Verantwortung 109
4.5.1.2 Fehlende Todesangst. 110
4.5.1.3 HIV-Wahrnehmung. 111
4.5.2 Organisation von Sexualität 113
4.5.2.1 Bedeutung von Sex 113
4.5.2.2 Selektion von Sexualpartnern 114
4.5.3 Lebenskontexte. 115
4.5.3.1 Selbstbeschreibung. 115
4.5.3.2 Außenwahrnehmung. 116
4.5.3.3 Zeitlichkeit 116
4.6 Selektion der Sexualpartner aufgrund eines HIV-Mythos. 118
4.6.1 Umgang mit HIV bei Theo 118
4.6.2 Organisation von Sexualität 119
4.6.2.1 Bedeutung von Sex 119
Barebacking - „Eine neue Art des Lebens“? 5
4.6.2.2 Selektion von Sexualpartnern 120
4.6.3 Lebenskontexte. 121
4.6.3.2 Außenwahrnehmung. 122
4.6.3.3 Zeitlichkeit 122
5 MÖGLICHE DETERMINANTEN EINER „BAREBACKER“-
IDENTITÄT 124
5.1 „Labeling“-Effekt und daraus resultierende Gruppenbildung 124
5.2 Sexualität als wichtiger Bestandteil des Alltags 126
5.3 Subjektive Bedeutung der Sexualität 127
5.4 Risikomanagementstrategien 128
5.4.1 HIV-Coping 128
5.4.2 Illusionäre Kontrollwahrnehmung durch HIV-Mythen 131
6. BAREBACKING ALS „NEUE“ LEBENSFORM 133
Literatur. 137
Zeitungsartikel. 143
Internetquellen 144
Fernsehbeitrag. 144
Abbildung. 144
ANHANG 146
I. Netzwerkkarte. 146
II. Interviewleitfaden 146
III. Gefundene Kategorien und Kodes 149
1 Einführung
1.1 Barebacking - Folge einer Normalisierung von HIV und AIDS?
„Gesetzt dem Fall, das Testergebnis stimmt, so werden Sie nach den vorliegenden, sozialepidemiologisch durchweg kaum aussagefähigen Studien und nach den bisherigen Erfahrungen in einem Zeitraum zwischen einem halben Jahr und unbekannt vielen, vielleicht zehn oder mehr Jahren, nach der/den Infektionen (nicht etwa nach dem Test) mit einer unbekannten Wahrscheinlichkeit Symptome (LAS/ARC) entwickeln und/oder am Vollbild AIDS erkranken. Die auf der Basis methodologisch vertretbarer Studien vorgenommenen seriösen Schätzungen für diese Wahrscheinlichkeit liegen zwischen 20 und 50 % für eine AIDS-Erkrankung nach 10 Jahren. Diese Quoten können sich durch eine längere Beobachtung der Krankheit sowohl nach unten als auch nach oben hin verändern. Wann die Krankheit ausbricht, wenn sie ausbricht, ist schwer zu sagen und hängt von weitgehend unerforschten Faktoren ab. Warum bei Ihnen, im Gegensatz zu einer unbekannten Anzahl anderer Menschen mit Viruskontakt, das Virus eingedrungen ist, weiß niemand. Die Existenz von Antikörpern in Ihrem Blut kann zweierlei bedeuten, entweder ist Ihr Immunsystem mit der (möglicherweise geringen) Anzahl eingedrungener Viren fertig geworden, oder, das ist wahrscheinlicher, in Ihrem Körper findet derzeit ein Auseinandersetzungsprozeß mit offenem Ausgang statt. Wie Sie den Prozeß in Ihrem Körper, wenn es ihn überhaupt gibt, beeinflussen können, weiß auch niemand. Lassen Sie sich da von den wie bei jeder medizinisch unbeherrschbaren Krankheit aus dem Boden schießenden Quacksalbern nichts vormachen. Wahrscheinlich ist es das beste, einfach gesund zu leben. Am wichtigsten sind vielleicht eine positive Lebenseinstellung und eine gesicherte soziale Existenz. Auch scheint die Angst vor der Krankheit die Krankheit befördern zu können, während emotionale Wahrnehmungs- und Ausdruckskraft, das Akzeptieren Ihrer Selbst und Ihrer Sexualität sowie insgesamt ein aktiver Umgang mit dem eigenen Leben und Krankheit bremsend oder verhindernd wirken können. Das ist allerdings leider nicht sehr spezifisch, denn dies gilt eigentlich als Lebensregel für jede Person und verbessert allgemein die Gesundheits- und Lebenschancen. Hinsichtlich der spezifischen AIDS-Prävention gelten die gleichen Regeln, die auch besser vorher für Sie gegolten hätten: Safer Sex und Einmalspritzen. Wenn Sie irgendwann eine Symptomatik íunterhalb‘ von AIDS entwickeln (LAS, ARC), so kann dies in einem unbekannten Zeitraum und mit einer nicht bestimmten Wahrscheinlichkeit später in AIDS übergehen. Sollten Sie zu der unbekannt großen Gruppe derer gehören, die irgendwann am Vollbild AIDS erkranken werden, werden Sie nach dem heutigen Stand des Wissens über palliative, symptomatische und kurativer Interventionsmöglichkeiten der
Medizin mit einer Wahrscheinlichkeit von über 80 % an diesem Syndrom sterben.“ (Rosenbrock 1988, in: Kindler 1995, S.2) 1
Noch Ende der 80er Jahre sollte nach Ansicht des Mediziners Rosenbrock ein Patient diese Auskunft von seinem Arzt erhalten, nachdem dieser ihm ein positives HIV-Antikörper-Testergebnis konstatiert hat. Diese Aneinanderreihung von Ungewissheiten und die unsichere Prognose schildern anschaulich die damalige Lage der HIV-Infizierten, die hauptsächlich durch Unschlüssigkeiten, Todesangst und Zweifel geprägt war. Der Patient war relativ hilflos und ohnmächtig seiner Diagnose ausgeliefert.
Mittlerweile aber hat sich die Situation HIV-Infizierter deutlich verändert. Die Perspektivlosigkeit der 80er und 90er Jahre weicht nach Sheon und Crosby (2004) einem zunehmenden „treatment optimism“ (ebd., S.2105). Anfang des 21. Jahrhunderts hat „AIDS (…) seinen Schrecken verloren“, wie das Magazin „Die Zeit“ am 25.11.2004 feststellt (ebd., S.15). Grund hierfür ist maßgeblich der bedeutende medizinische Fortschritt: 1996 wurden die ersten erfolgreichen Kombinationstherapien 2 neuer Medikamente durchgeführt, die bis heute angewendet und laufend durch verminderte Nebenwirkungen und verzögerte
Resistenzentwicklungen verbessert werden. Dank dieser antiretroviralen Therapie steigen Lebenserwartung und Lebensqualität erheblich, da sie die Vermehrung von HI-Viren im Körper eindämmen. Diese sinkende Viruslast der HIV-Infizierten führt laut Robert Koch-Institut (RKI) 3 zu einem „Rückgang der Infektiosität und senkt damit die Übertragungsrate von HIV“ (RKI 2006, S.417). Aufgrund dessen und dem enorm verzögerten Ausbruch der Erkrankung erscheint vielen, wie man in „Die Zeit“ lesen kann, AIDS als eine „chronische, aber behandelbare Krankheit“ (ebd., Ausgabe vom 25.11.2004, S.16). Es findet sozusagen ein Wandel in der Einstellung gegenüber HIV statt, weg von der tödlichen Bedrohung, die von dem Virus ausgeht
1 Diese Mitteilung soll in einem medizinischen Aufklärungsgespräch einem symptomlosen Patienten seinen aktuellen Zustand nach einer Infektion mit HIV erklären. So soll ihm die Bedeutung des positiven Testergebnisses transparent gemacht werden, gemäß dem aktuellen medizinischen Stand der damaligen Zeit.
2 „highly active anti-retroviral therapy“ (HAART); siehe www.hiv.net
3 Robert Koch-Institut: Im Folgenden RKI
und in den 80er Jahren stark betont wurde, hin zu der Meinung, es sei eine chronische, aber behandelbare Krankheit.
Von einer Heilung der Immunschwächekrankheit und dem Syndrom AIDS kann man allerdings noch lange nicht sprechen, in letzter Konsequenz droht nach wie vor der Tod. Zu der heute zu beobachtenden Unterschätzung der Erkrankung trägt auch bei, dass
„die Jugendlichen von heute - heterosexuelle wie schwule - den AIDS-Schock der achtziger Jahre nicht miterlebt haben. Sie kennen nicht mehr die ausgemergelten, dahinsiechenden Sterbenden aus den frühen Jahren der Epidemie.“ (Die Zeit, 25.11.2004., S.15)
HIV und AIDS werden infolgedessen als eine „Krankheit der Älteren“ (ebd., S.15) wahrgenommen, die für die Jugendlichen keine größere Bedrohung darstellt und ihren Alltag nicht oder nur kaum tangiert. Wolfgang Joop beschreibt dieses Desinteresse der heutigen Adoleszenz anschaulich in seinem Dossier „Sex auf Leben und Tod“, ebenfalls in „Die Zeit“ erschienen:
„Aids ist unmodern, war es von Anfang an. Schon als deríSpiegel‘ das Thema vor 20 Jahren zum ersten Mal auf den Titel setzte, zeigte er einen Sensemann im Holzschnitt: pures Mittelalter. Und so wirkt die Seuche bis heute. Sie passt unserer Gesellschaft nicht in den Kram. Also denken die jungen Leute: Lasst uns in Ruhe mit eurer blöden Krankheit aus den Achtzigern!“ (ebd., 25.11.2004., S.15)
Diese sich wandelnde Einstellung gegenüber HIV und seinen Auswirkungen spiegelt sich auch in der homosexuellen Szene wider. Waren in den 80er Jahren HIV und AIDS noch ein Problem, welches die gesamte „Community“ 4 betraf und allgemeines Thema war, so ist es heute eine individuelle Angelegenheit, die jeder einzelne Mann, der Sex mit Männern hat (MSM) - unabhängig davon, ob er sich selbst als Homosexuellen bezeichnen würde - mit sich selbst ausmachen und für sich allein lösen muss (vgl. Sheon 2004, S. 2106).
Als „Symptom“ (Wolitski 2005, S.11) dessen wird beobachtet, dass die Häufigkeit risikobehafteten Sexualverhaltens unter MSM immens angestiegen ist, wie verschiedene Studien berichten (vgl. Mansergh et al. 2002, Sheon et al. 2004,
4 „Community“ meint hier die Gemeinschaft der Homosexuellen
Halkitis et al. 2003). Michael Bochow nennt hierfür sogar genaue Zahlen: Er belegt, dass sich gerade der Prozentsatz der Männer, die sich auf Risikokontakte mit unbekannten Partnern einlassen, seit 1996 verdreifacht hat, wohingegen die Zahl der Männer, die Risikokontakte ausschließlich mit ihrem festen Partner eingehen, gesunken ist (vgl. Bochow 2004, S.40 ff.).
Auch das Robert Koch Institut konstatiert wie Bochow eine Verhaltensänderung in Deutschland: Mitte der 80er Jahre gingen die Zahlen der HIV-Neuinfektionen bei MSM deutlich zurück, was auf sinkende Partnerzahlen, eingeschränkte penetrierende Sexualpraktiken, Ausweichen auf Oralverkehr, Onanieren allein und in Gesellschaft sowie zunehmenden Kondomgebrauch zurückzuführen sei. Anfang der 90er Jahre hielt sich dann die Zahl der Neuinfektionen auf einem stabilen und im europäischen Vergleich niedrigen Niveau. Die Einführung der Kombinationstherapie HAART im Jahr 1996 hingegen zieht statistisch gesehen steigende Partnerzahlen nach sich, da nach Spekulationen des RKI die Sterblichkeitsrate HIV-Infizierter signifikant sinke und sich die Lebensqualität Infizierter immens verbessere, so dass auch das Verlangen nach sexueller Aktivität wieder ansteige. So wird bei vermeintlich serokonkordanten 5 Sexualpartnern immer öfter bewusst auf ein Kondom verzichtet (vgl. RKI 2006, S. 417).
Übersehen wird dabei, dass man sich trotz einer serokonkordanten Beziehung andere sexuell übertragbare Infektionen zuziehen kann. Gerade bei HIV-Positiven ist die Inzidenz solcher Krankheiten immens höher als bei HIV-Negativen. Das RKI führt im Jahr 2006 als eine Ursache hierfür, neben der Anfälligkeit für Krankheiten aufgrund des geschwächten Immunsystems, den „Kerngruppen“-Effekt an: „Gemeint sind damit zahlenmäßig (…) begrenzte Gruppen von sexuell ausgesprochen aktiven Männern mit überdurchschnittlich vielen Sexualpartnern und einem hohen Anteil ungeschützter Sexualkontakte. Sexuell übertragbare Erreger zirkulieren hier intensiv.“ (ebd., S.418)
5 Der Serostatus gibt an, ob gewisse Antikörper als Reaktion auf ein Antigen im Blut nachweisbar sind. Hier bedeutet der seropositive Zustand, dass der Betroffene HIV-positiv ist beziehungsweise seronegativ, dass er HIV-negativ ist. Serokonkordant meint, beide Männer in einer Partnerschaft haben den gleichen Serostatus. Das Gegenteil davon ist serodiskordant, demnach ist einer der beiden Partner HIV-positiv wohingegen der andere HIV-negativ ist.
Die Konsequenzen in der Wende der Therapieverabreichung von HAART sind ebenfalls noch nicht zu erkennen. Wurde im Jahr 1996 noch nach der „Hit hard and early“-Strategie (RKI 2006, S.417) die medikamentöse Behandlung von HIV so schnell wie möglich begonnen, verlagert sich der Therapiebeginn zur Jahrtausendwende deutlich nach hinten, um die teils schwerwiegenden Nebenwirkungen dieser Medikamente, zum Beispiel eine mögliche Fettumverteilung, die so genannte Lipodystrophie, sowie massive Magen-Darm-Beschwerden und die einnahmebedingte Einschränkung des Alltags, zu reduzieren. Auffällig ist nur, dass Personen, die keine HAART erhalten, signifikant höhere Inzidenzen sexuell übertragbarer Krankheiten aufweisen, im Vergleich zu Personen, die diese Therapie erhalten (vgl., ebd. S.418). Darüber hinaus setzen sich HIV-positive Männer in einer serokonkordanten Beziehung der Gefahr einer „Superinfektion“ aus. Dieser Begriff umschreibt die Entstehung immer resistenterer HIV-Stämme und deren Verbreitung, sowie dem Verlust von CD4-Zellen und damit der Möglichkeit, dass bei den Betroffenen opportunistische Infektionen eher einsetzen und damit das Vollbild AIDS schneller entwickelt wird (vgl. Halkitis et al. 2005a, S.28).
Von den zahlreichen Facetten des sexuellen Risikoverhaltens, die trotz der aufgezählten Risiken in der heutigen Zeit vermehrt auftreten, wie Bochow und das RKI konstatieren, rückt ab Mitte beziehungsweise Ende der 90er Jahre vor allem ein Phänomen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, das so genannte „Barebacking“. Ursprünglich ist mit diesem englischen Begriff, der aus dem Rodeo-Jargon stammt, das „Reiten ohne Sattel“ gemeint, im übertragenen Sinne „Sex ohne Kondom“. Eine andere Lesart jedoch könnte sein, dass man es als Bewegung zurück (= „back“) zu dem Nackten, Bloßen (= „bare“), beziehungsweise zu dem ursprünglichen Zustand interpretiert, vor 1980, als es noch kein HI-Virus gab und Safer Sex kaum Thema war.
Diese sexuelle Praktik, die hauptsächlich die risikoreichste Form des Geschlechtsverkehrs in Bezug auf die Übertragung von HIV und anderen sexuell
übertragbaren Krankheiten (STD) 6 darstellt, nämlich den beabsichtigten ungeschützten Analverkehr zwischen meist Homosexuellen 7 sowie dessen denkbarer Einfluss auf die Identitätsbildung des Praktizierenden, beziehungsweise die Möglichkeit einer „Bareback“-Identität, soll nun eingehender behandelt werden. Ausgangsbasis für diese Arbeit soll die wissenschaftliche Definition nach Mansergh et al. (2002) sein, nach der „Bareback“ als unter Männern praktizierter, intentionaler, ungeschützter Analverkehr mit einer anderen Person als dem Primärpartner, also dem festen Lebenspartner, verstanden wird (vgl. ebd., S. 654). Der Schwerpunkt dieser Definition liegt dabei auf der sexuellen Praktik, die mit verschiedenen Sexualpartnern ausgelebt wird, unabhängig vom Beziehungsstatus des Agierenden. Da wissenschaftliche Erkenntnisse jederzeit falsifizierbar sind, wird diese Definition gegebenenfalls im Verlauf der Untersuchung verändert, beziehungsweise revidiert, denn auch unter den Forschern ist man sich bis dato über eine exakte Eingrenzung beziehungsweise Bestimmung dieses Begriffs uneinig, wie aus dem Folgenden ersichtlich wird.
1.2 Bareback - der Versuch einer Definition
Aus den USA schwappte das Phänomen „Barebacking“ Ende des letzten Jahrtausends nach Deutschland über, welches nun immer mehr in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses rückt. Erstmalig wurde dieser Trend 1997 in einer Veröffentlichung über HIV-Positive explizit benannt (vgl. Gendin 1997 in: Parsons und Bimbi 2006, S.278). „Barebacking“ beinhaltet demnach den beabsichtigten, unsafen Sex mit wechselnden Partnern, nicht einen oder mehrere mögliche „Ausrutscher“, bei dem ein Kondom vergessen wurde, nicht unfreiwilligen Sex und nicht die „negotiated safety“ in einer Partnerschaft, bei der sich beide Partner darauf einigen, innerhalb der Beziehung ohne Verhütung miteinander zu schlafen, wohingegen bei anderen Personen außerhalb der Partnerschaft ein Kondom beim
6 Sexually Transmitted Desease: Im Folgenden STD
7 Unter Heterosexuellen wird dieser Begriff ebenfalls immer verbreiteter, als Bezeichnung für ungeschützten Sex mit einem anderen als dem Primärpartner (siehe www.poppen.de; Forumsbeiträge zum Thema „Barebacking“). Ob dieser Begriff allerdings die gleiche identitätsstiftende und in Bezug auf HIVdynamische Bedeutung hat wie bei Homosexuellen, gilt es noch zu erforschen.
Geschlechtverkehr Pflicht ist (vgl. Parsons und Bimbi 2006, S.278). Die Forschung fokussiert dabei den ungeschützten Analverkehr, da Oralverkehr oder gegenseitige Masturbation in Bezug auf HIV und andere STDs als risikoarme beziehungsweise risikolose Praktiken bezeichnet werden können (vgl. RKI 2006, S.417). Die Zeitschrift „Our Munich“ (2007) gibt sogar an, das Infektionsrisiko bei Oralsex läge bei 0.56 Prozent. Dennoch wird von ungeschütztem oralem Verkehr eher abgeraten (vgl. S.9).
Darüber hinaus sollte jenes Verhalten unabhängig vom Serostatus der agierenden Person zu betrachten sein. Jemand, der „Bareback“ betreibt, kann also HIV-negativ, HIV-positiv oder von unbekanntem Serostatus sein (vgl. Mansergh, Marks, Colfax, Guzman, Rader und Buchbinder 2002, S. 653). Der Rückschluss, zwei MSM, die „Bareback“ betreiben, seien automatisch HIV-positiv, ist auch nach Meinung der Verfasserin nicht haltbar. Die Gefahr einer Ansteckung kann man(n) schließlich durch gewisse Strategien verringern, beispielsweise den „Rückzieher“ vor der Ejakulation. Allerdings ist die Möglichkeit einer „Barebacker“-Identität unter HIV-Negativen nach Parsons und Bimbi (2006) ein noch unerforschtes Feld (vgl. ebd. S.278).
In der Forschungsliteratur gibt es allerdings gewisse Unterschiede in der Definition von „Bareback“: Bei manchen Erklärungen wird der Aspekt der Absicht, ungeschützten Verkehr zu haben, zwar erwähnt, spielt aber für die Definition keine Rolle (vgl. Wolitski 2005, S.11) oder der unsafe Sex innerhalb einer Partnerschaft wird mit einbezogen (vgl. Halkitis, Parsons und Wilton 2003, S.352). Allerdings ist man sich auch in der „Gay Community“ sowie in der Alltagspsychologie der Laien uneinig über die exakte Definition des „Bareback“ (vgl. Parsons und Bimbi 2006, S.278). Die freie Internetenzyklopädie „Wikipedia“ zum Beispiel definiert jenen Begriff als bewussten, ungeschützten Analverkehr zwischen MSM, wobei der unsafe Geschlechtsverkehr innerhalb einer festen Beziehung mit eingeschlossen ist 8 . Halkitis (2005) führt eigens zu dieser Frage eine Studie durch, um sich einer einheitlichen Definition anzunähern, wobei diese Ergebnisse ebenfalls inkonsistent
8 vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Barebacking
sind. Für manche ist beispielsweise „Barebacking“ jegliche Form ungeschützten Verkehrs, andere verstehen darunter ausschließlich ungeschützten Analverkehr unabhängig von der Intention (vgl. ebd., S. 43). Offensichtlich ist die Frage nach der Definition von „Bareback“ nicht einfach damit abzutun, dass es „bloß“ ungeschützter Geschlechtsverkehr unter Männern sei, sondern ist ein bei weitem diffizileres und tiefgründigeres Problem. Schließlich würde nicht jeder schwule Mann, der ungeschützten Verkehr betreibt, sich auch als „Barebacker“ bezeichnen.
1.3 Gegenwärtiger Stand der Forschung
Mansergh et al. (2002) und Halkitis et al. (2003) versuchen zunächst, das Phänomen „Barebacking“ in seiner demographischen Ausbreitung und seinem Bekanntheitsgrad zu erfassen, wobei sie zwar einerseits mögliche Erklärungen, wie eine tiefere Verbundenheit zwischen den Partnern, Drogenkonsum oder eine Ermüdung gegenüber Safer Sex-Kampagnen, für dieses Verhalten anhand eines quantitativen Fragebogens mit erheben, andererseits aber die Möglichkeit einer Identität noch nicht erfassen. Halkitis betont allerdings, dass „Barebacking“ und daraus folgende Dynamiken in einer partnerschaftlichen Beziehung komplex sind (vgl. Halkitis et al. 2003, S.352).
Um ein tieferes Verständnis für „Barebacker“ zu entwickeln, führen Holmes und Warner (2005) daraufhin eine qualitative Untersuchung durch, in der erstmalig der Symbolcharakter des Samenaustausches und psychische Dimensionen des „Bareback“sexes auch philosophisch erfasst werden sollen (vgl. ebd., S.11). Wichtigstes Ergebnis dabei ist, dass für jene Autoren „Bareback“ eine Dialektik von Sehnsucht und Gefahr darstellt (vgl. ebd., S.19). Die Vollendung des Sexes findet im Samenaustausch statt. Samen ist also mehr als nur ein Nebenprodukt und kann dabei auch den versteckten Wunsch nach einer Familie bedeuten (vgl. ebd., S.13). Allein die Idee der absoluten, ungehinderten Natürlichkeit des Sexes kann dem „Barebacker“ Lust verschaffen (vgl. ebd., S.14). Insgesamt stellen Holmes und Warner fest, dass „Barebacker“ genau wissen, was sie tun und was sie wollen (vgl. ebd., S.18).
Im gleichen Jahr versuchen Halkitis, Wilton, Wolitski, Parsons, Hoff, und Bimbi (2005a) die Identität eines „Barebackers“ quantitativ mit ihren demographischen und psychologischen Korrelaten zu erfassen. Bei dieser Studie, im Unterschied zu Halkitis` Untersuchung zwei Jahre zuvor, wurde allein anhand der Frage „Do you think of yourself as a barebacker?“ (ebd., S.28) den Versuchspersonen eine „Bareback“-Identität zugeschrieben oder nicht, abhängig davon, ob sie diese Frage mit ja oder nein beantworteten. Darüber hinaus erhebt er dazu keine eigene Stichprobe, sondern wertet die Daten der groß angelegten SUMIT-Studie von New York City und San Francisco neu aus (vgl. ebd., S.18). Dieses Vorgehen erscheint der Verfasserin als unzureichend, denn letztendlich ist es nicht nachvollziehbar, wie die Autoren aufgrund der Zustimmung zu einer einzigen Frage zu dem Sexualverhalten eines MSM auf so etwas komplexes wie eine Identität schließen. Die Konstrukte Identität und Sexualverhalten werden folglich nicht sauber getrennt. Parsons und Bimbi (2006) widmen sich genau diesem Problem, denn nicht nur Halkitis, sondern auch andere Autoren gehen ihrer Meinung nach inhaltlich unsauber vor (vgl. ebd., S.278). Für eine genaue Erfassung einer möglichen „Barebacker“-Identität ziehen sie allerdings Ergebnisse vorangegangener Studien heran, die vor allem die „typischen“ Verhaltenskorrelate eines „Barebackers“ betreffen. Aufgrund dessen stellten sie die Hypothesen auf, dass sich eher HIV-positive Männer als „Barebacker“ identifizieren würden, sowie zu dem Konsum der Droge Crystal Methamphetamin, zu „compulsive sexual behaviors“ (ebd., S.277), zu Gruppennormen, die zu ungeschütztem Sex anhalten, und zu „sexual expectations“ (ebd., S.277), gerade unter Drogen- oder Alkoholeinfluss, neigen. Diese quantitative Studie untersucht Prävalenz und Prädiktoren einer „Barebacker“-Identität. Ein Ergebnis dieser Untersuchung ist, dass die Autoren sich von ihrer Hypothese, HIVpositive Männer würden sich eher als „Barebacker“ identifizieren, distanzieren, denn die Verteilung der festgestellten „Barebacker“-Identitäten ist in ihrer Stichprobe sowohl bei den HIV-Negativen als auch bei den HIV-Positiven ungefähr gleich. Darüber hinaus scheinen der Drogenkonsum des Betroffenen, sein sexueller Drang und erstaunlicherweise sein romantisches Begehren stärkere identitätsstiftende Faktoren zu sein als bisher angenommen (vgl. ebd., S.280ff.). Parsons und Bimbi diskutieren ferner, ob die soziale Integration des MSM in seine bevorzugte
homosexuelle Szene ein weiterer Einflussfaktor auf die Ausbildung einer „Bareback“-Identität ist. Somit wäre das Safer Sex-Verhalten des Einzelnen Ergebnis eines sozialen Prozesses. Je schwächer sich jemand mit der „Gay Community“ identifiziere, umso eher neige er dazu, sich auf sexuelle Risiken einzulassen. Generell können Parsons und Bimbi (2006) aber, sowie andere Autoren, beobachten, dass der Gruppendruck innerhalb der MSM weg von dem Appell zum Kondomgebrauch hin zu dem Gebot zum Bareback-Sex geht (vgl. ebd., S.284). Dawson, Ross, Henry und Freeman (2005) gehen bei ihrer Beschreibung einer möglichen „Bareback“-Identität in eine ähnliche Richtung wie Parsons und Bimbi. Dabei stützen sie ihre Meinung vor allem auf die Untersuchungen von Yep et al. (2002 in: Dawson 2005, S.77), die der Meinung sind, dass gerade sexuell beziehungsweise generell risikobereite MSM - so genannte „sensation seeker“ - und „sexuelle Abenteurer“ gerne das Tabu des ungeschützten Sexes in der schwulen Szene brechen würden, um so unsafen Sex zur Norm zu erheben. Das Phänomen der „Barebacker“ kennzeichne sozusagen einen Wandel in der Gemeinschaft der MSM, welcher die Grenzen des Safer Sex-Verhaltens und die Möglichkeit, sich neue Identitäten anzueignen, ausweite (vgl. Dawsons 2005, S.77). Shidlo, Huso und Boaz (2005) hingegen erwähnen in ihrer quantitativen Untersuchung zur Einstellung HIV-negativer MSM gegenüber ungeschütztem Analverkehr die Möglichkeit eben erwähnter, veränderter Gruppennormen nur marginal. Nach Auswertung ihrer Ergebnisse kommen sie zu dem Schluss, die notwendigen und wichtigsten Komponenten, eine mögliche „neue“ Identitätsform wie die des „Barebackers“ auszubilden, seien die klare Absicht der jeweiligen Person, ungeschützten Analverkehr zu betreiben sowie ein fehlendes Reuegefühl gegenüber dieser Praktik des Geschlechtsverkehrs (vgl. ebd., S.121).
Folgende Tabelle fasst die wichtigsten Ergebnisse dieser vorangegangenen Studien zusammen:
Verbundenheit
Halkitis et al. Medizinische Fortschritte durch
Bimbi 2006 Dawson et al. „sensation seeking“
2005 Shidlo et al. Intention
Tab.1: Zusammenfassung bisheriger Studien
9 Höhere Werte bei einzelnen Komponenten beziehen sich auf einen Vergleich mit Personen, die sich nicht als „Barebacker“ identifizieren.
Alle jene gesammelten Erkenntnisse sind für die Konzeption des Interviewleitfadens mit verwendet worden, der für vorliegende Untersuchung erstellt und angewendet wurde. So soll gewährleistet sein, dass eine mögliche „Barebacker“-Identität in all ihren Facetten möglichst umfangreich erfasst wird.
1.4 Aktualität und Brisanz des Themas
Auslöser für das gestiegene Interesse an der Sexualpraktik des „Bareback“ ist mit Sicherheit die Tatsache, dass das Robert Koch-Institut in seinem epidemiologischen Bulletin seit 2001 eine steigende Anzahl an Neuinfektionen mit HIV meldet, welche sich gerade letztes Jahr immens erhöhte und fast ausschließlich die Gruppe der MSM betrifft (vgl. RKI 2004/2006). Im ersten Halbjahr des Jahres 2006 liegt die Zahl der gemeldeten HIV-Neudiagnosen um circa 50% höher als noch zwischen 1999 und 2001, wobei die Gruppe der MSM den höchsten Wert seit 1993 erzielt. Besorgniserregenderweise stellen die MSM mit 62% der Neuinfizierten den größten und am kontinuierlichsten wachsenden Anteil dar, der sich nicht nur auf Großstädte beschränkt, sondern sich über alle Regionen Deutschlands hinweg ausweitet. Hervorstechend ist auch der Umstand, dass die Inzidenz der HIV-Neudiagnosen in der Altersgruppe der 30-39jährigen MSM seit 2003 absinkt, wohingegen die Inzidenz der 25-29jährigen drastisch ansteigt (vgl. RKI 2006b, S.1 f.). Darüber hinaus lässt sich verzeichnen, dass der Verkauf von Kondomen in Deutschland seit 2000 rückläufig ist, bis 2003 sank er von 207 Millionen auf 189 Millionen Stück. Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass nicht nur Homo- sondern auch Heterosexuelle immer öfter das Risiko einer möglichen Ansteckung mit einer sexuell übertragbaren Krankheit eingehen (vgl. Die Zeit, 25.11.2004, S.15).
Diese erschreckenden Zahlen werfen natürlich die Frage auf, was Männer dazu verleitet, sich dem nicht geringen Risiko der Übertragung einer infektiösen Krankheit auszusetzen und „Bareback“ zu betreiben. Auffällig ist, dass dieser Trend mittlerweile kommerzielle Auswirkungen hat, das heißt, teilweise werden „Bareback“partys in homosexuellen Saunen, Clubs oder Bars veranstaltet, was auch politische Diskussionen anheizt, worauf später noch genauer eingegangen wird.
Mittlerweile haben vermeintliche „Barebacker“ allerdings differenzierte Verhaltensstrategien entwickelt, um einer möglichen HIV-Infektion scheinbar zu entgehen und so ihre Vorlieben auf Partys oder Privatveranstaltungen auszuleben. Zum einen zählt dazu das bereits angesprochene „Serosorting“, nachdem sich nur Sexualpartner mit dem gleichen - dem vermeintlich tatsächlichen oder so wahrgenommenen beziehungsweise gewünschten - Serostatus zu ungeschütztem Geschlechtsverkehr treffen. Erleichtert wird das Finden des entsprechenden Partners durch die seit 2000 zahlreich entstehenden Internetportale und Kontaktforen, wie beispielsweise www.barebackcity.de oder www.gayromeo.com (vgl. RKI 2006, S.418). Als weitere angebliche Risikominimierungstaktik ist das „strategic positioning“ (Wolitiski 2005, S.20) anzuführen. Dabei wird bewusst auf eine Verhütung verzichtet, wenn der HIV-Positive den rezeptiven und der HIV-Negative den insertiven Part des Aktes übernimmt. Bei geschütztem Sex könne man jenes Muster dagegen nicht erkennen (vgl. Wolitiski 2005, S.20). Dieses Verhalten beruht nach Angaben des Robert Koch-Instituts 2006 allerdings auf einer markanten „Fehleinschätzung des HIV-Übertragungsrisikos auf den insertiven Partner beim Analverkehr“ (ebd., S.420). Hierbei wird fatalerweise übersehen, dass nicht nur Sperma und Vaginalsekret Überträger des HI-Virus sind, sondern auch die Flüssigkeiten der Darmschleimhaut (vgl. ebd., S.420). Somit müssen nach Einschätzung der Verfasserin weiter reichende Faktoren zu diesem Sexualverhalten führen, als eine mögliche Normalisierung von HIV und AIDS. „Barebacking“ als Konsequenz von Leichtsinnigkeit, Lustlosigkeit, ein Kondom zu verwenden oder zügelloser Erregung zu betrachten, erscheint der Verfasserin als nicht treffend. So herrscht nach Ansicht vieler Menschen das Stereotyp vor, dass gerade promiskuitiv lebende MSM aus überschäumendem sexuellen Trieb auf ein Kondom verzichten und so das Verantwortungsbewusstsein, das sie sich und dem Partner gegenüber haben sollten, vergessen und nur nach dem ultimativen „Kick“ suchen (vgl. Die Zeit, 25.11.2004, S.16). Aber sind das wirklich die Gründe, die einen schwulen Mann augenscheinlich dazu verleiten, außerhalb seiner Partnerschaft kondomlosen Sex zu betreiben? Sind MSM wirklich so „triebgesteuert“?
Nach Zimbardo und Gerrig (1996) handle jeder Mensch nach einem „sexuellen Skript“, einem sozial erlernten „Programm“ sexuellen Verhaltens, welches man sich in lebenslanger Zeitspanne durch soziale Interaktion aneigne. Es enthalte implizite „Anweisungen“, wie mit dem jeweiligen Geschlechtspartner zu verfahren sei. Ferner heißt es,
„[d]ie Einstellungen und Werte, die in das sexuelle Skript eingebunden sind, stellen eine externe Quelle sexueller Motivation dar; sie geben mögliche bzw. akzeptierte Verhaltensweisen vor.“ (ebd., S.330)
Zusammenfassend sagen sie,
„Skripts sind Kombinationen von aus sozialen Normen abgeleiteten Vorschriften (was gehört sich und wird akzeptiert?), individuellen Erwartungen, und aufgrund von Erfahrungen bevorzugten
Verhaltenssequenzen. Ein sexuelles Skript enthält nicht nur Szenarien dessen, was man für sich selbst als angemessen erachtet, sondern auch der eigenen Erwartungen an den Sexualpartner.“ (ebd., S.330)
Demnach wäre es ein voreiliger Schluss, „Bareback“-Verhalten allein auf unbedachtes sexuelles Verlangen zurückzuführen. Es beinhaltet eine externe Motivation, bestehend aus übergeordneten Lebenseinstellungen. Dieses Verhalten gehört damit zur jeweiligen Identität der agierenden Person und entsteht dieser Definition nach außerdem aus sozialen Normen, nicht allein aus „Hormonausschüttungen“.
Darüber hinaus werden die persönliche Bedeutung, die der Sex für MSM hat (vgl. Martin 2006, S.9 f.) und der Faktor, dass gerade die Sexualität des Homosexuellen eine starke und wichtige Komponente seiner Identität ausmachen kann, da er sich diese in einer heterosexuellen Gesellschaft meist hart und lebenslang erkämpfen muss (vgl. Edinger 2006, S.15 ff.), bei einer solchen vorurteilsbehafteten Betrachtungsweise eher übergangen.
1.4.1 Medienpräsenz
Das Thema „Bareback“ ist nicht nur in der wissenschaftlichen Forschung immer stärker vertreten, sondern auch Gegenstand aktueller Diskussionen in Politik und Presse. Eher unbekannte Politiker machten im Sommer 2004 dadurch auf sich
aufmerksam, indem sie von den gesetzlichen wie privaten Krankenkassen insofern Leistungseinschränkungen fordern, dass MSM, die „Bareback“ betreiben, Therapie und Behandlung selbst bezahlen sollen. Diese Debatte beschäftigte letztendlich Bundestag und Bundesregierung, welche dann aber schließlich an dem Argument erlosch,
„dass auch Extremsituationen, die zu einer Erkrankung führen, Teil einer Solidar- und Versicherungsgemeinschaft sind und sogar sein müssen, weil Krankenkassen schlichtweg das Gesundheitsrisiko einer Gesellschaft in ihrer Gesamtheit abdecken“ (Boes 2005, S.5).
Zudem strahlte die ARD-Sendung „Report aus Mainz“ den Beitrag „Sexfalle Sauna-Club - Das AIDS-Virus breitet sich wieder aus“ am 28. November 2005 aus, in welchem die Frage aufgeworfen wurde, ob „Bareback“partys, die oft in Darkrooms oder Saunen stattfinden, für öffentliche Räume in Deutschland verboten werden sollten, wie es bereits in Österreich und in der Schweiz der Fall ist. Manch ein Politiker ließ sich aufgrund dieses Beitrages zu einer vorschnellen Deutung der steigenden Zahlen der HIV-Neuinfektionen hinreißen, indem „Bareback“betreibende MSM hierfür verantwortlich gemacht wurden. So meinte die CDU-Bundestagsabgeordnete Kristina Köhler, dass es dem „Barebacker“ weniger an Aufklärung, sondern mehr an Einsicht fehle und infolgedessen gesetzliche Schritte angemessen seien (vgl. Bless 2006, S.8). Was solche Politiker übersehen, ist die Tatsache, dass „Barebacking“ beziehungsweise „Bareback“partys als Ursache für eine Neuinfektion bei Umfragen mit Infizierten nicht angegeben wird (vgl. RKI 2006a, S.2). Gemäß dem RKI 2006a scheint „[b]ewusstes Eingehen von offensichtlichen Infektionsrisiken (…) dabei [bei steigenden HIV-Neuinfektionszahlen, Anm. der Verf.] keine überragende Rolle zu spielen“ (ebd., 2006a, S.2). Anscheinend gibt es wohl kaum jemanden, der sich absichtlich ansteckt, beziehungsweise wissen Personen, die „Bareback“partys aufsuchen, um die Ansteckungsgefahr und verhalten sich dementsprechend - entweder sie sind bereits HIV-positiv oder sie haben die Möglichkeit, ihre eigenen Schutzmaßnahmen, beispielsweise „Serosorting“ oder „strategic positioning“ zu ergreifen. Am 2. Dezember 2006 berichtet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ über einen von beiden Regierungsfraktionen beschlossenen Antrag zur Bekämpfung von HIV
und AIDS, nach dem die Betreiber von Kontaktagenturen im Internet oder Organisationen kommerzieller Sex-Partys unter Strafe gestellt werden sollen, um in Deutschland eine fahrlässige Verbreitung der todbringenden Krankheit einzudämmen. Auch soll das Bewerben sowie die Unterstützung ungeschützten Geschlechtsverkehrs verhindert werden. Eine Umsetzung dieses Plans ist für das erste Halbjahr 2007 vorgesehen.
Ferner wird in den einschlägigen Magazinen der homosexuellen Szene das Thema „Barebacking“ regelmäßig und intensiv diskutiert. Im Mai 2006 startet die Zeitschrift Sergej zusammen mit der Münchner AIDS-Hilfe, dem Schwulenberatungszentrum SUB und dem HIV-Medikamentenhersteller Pfizer die Kampagne „Bleib negatives lohnt sich“ (vgl. ebd., S.11/S.32), die auf das Verharmlosen von HIV-Positiv-Sein reagiert. In einer A4 großen Anzeige werden zunächst mögliche Vorteile, drei an der Zahl, HIV-positiv zu sein aufgelistet, woraufhin die Nachteile angeführt werden, wobei es sich um 24 handelt (vgl. ebd., S.11). Diese Anzeige soll abschrecken, aber auch zum Nachdenken anregen (vgl. ebd., S.32). Die Kampagne geht sogar so weit, dass Workshops unter diesem Motto angeboten werden, die Informationen und Strategien vermitteln, negativ zu bleiben. Dazu bietet das
Schwulenberatungszentrum SUB nun vierteljährlich kostenlose HIV-Tests, für Homo- wie Heterosexuelle, an, die auch Information und Beratung beinhalten (vgl. Sergej Oktober 2006, S.33).
Während die Pressemitteilungen der Zeitschriften, die sich an den homosexuellen Leser wenden, zum Thema „Barebacking“ versuchen, einen konstruktiven Zugang zu dieser heiklen Angelegenheit zu finden, aufzuklären und Vorurteile gegenüber Homosexuellen generell abzubauen, könnte man manchmal denken, die heterosexuelle Tagespresse würde Gegenteiliges erreichen wollen. So liest man in der Berliner Morgenpost vom 18.2.2007 den Artikel „Ich liebe dich zu Tode“, Autorin Britta Stuff, von MSM, die bewusst und vorsätzlich andere anstecken, sowie von solchen, die aktiv infizierte Personen suchen, um sich mit der tödlichen Krankheit anzustecken, so genannte Pozzer. Bedauerlicherweise lässt dieser Artikel durch die Aneinanderreihung extrem seltener Einzelfälle den Eindruck entstehen, dass ein solches fremd- und selbstgefährdendes Verhalten vermehrt zwischen
Homosexuellen auftrete. Damit wird nach Ansicht der Verfasserin diese Gesellschaftsgruppe diskriminiert.
Man kann der aktuellen Diskussion entnehmen, wie verschieden emotional besetzt und brisant das Thema „Barebacking“ in den Medien ist. So wird es wie oben erwähnt in der Tagespresse als Bedrohung, nicht nur der homosexuellen Gruppe, sondern auch des Gesundheitssystems, dargestellt, wobei sich die Berichterstattung eher anklagend und vorwurfsvoll äußert. Szenemagazine hingegen enthalten sich dieser Wertung und wollen sich anscheinend aktiv der Problematik stellen, indem sie die Leserschaft mobilisieren, Aufklärungsarbeit leisten und zum „Hinschauen“ bewegen ohne den praktizierenden „Barebacker“ zu verurteilen.
1.4.2 Persönliche Motivation und auslösendes Moment
Von persönlichem Interesse ist das Thema „Barebacking“ und seine möglichen Auswirkungen auf die Identitätsbildung für mich, da viele meiner engsten und wichtigsten Freunde, männlich wie weiblich, homosexuell sind. Aufgefallen ist mir dabei, mit welchen vorschnellen, oftmals auch erniedrigenden Vorurteilen und Stereotypen gerade MSM zu kämpfen haben, und das, obwohl wir in den Zeiten einer zunehmenden „Wowereitisierung“ (Edinger 2006, S.9) leben, in der Homosexualität eigentlich kein Problem mehr sein sollte und auch Politiker offen schwul sein können. Eine ansteigende Akzeptanz beziehungsweise ein tieferes Verständnis der unterschiedlichsten Lebensweisen und der jeweiligen Beweggründe, darunter auch die eines „Barebackers“, halte ich daher für erstrebens- und wünschenswert. Ebenso meine ich, dass Sexualität ein spannendes Thema ist, welches man allerdings kontextbezogen betrachten sollte und nicht nur auf „niedere“ Triebe zurückführen sollte. Sex findet ebenso im Kopf statt. In ihrer Vielfalt hat Sexualität die unterschiedlichsten Bedeutungen, was den MSM oft nicht zugestanden wird, wenn man ihr Sexualleben auf bloßes Triebausagieren reduziert. Die noch zu erörternden Fragen, inwiefern das Thema HIV das Erleben, Verhalten und die Sexualität eines „Barebackers“ beeinflusst, ob diese Sexualitätsform Auswirkungen auf ihre Identität haben, und wenn ja, welche, macht „Barebacking“ nicht nur zu
einer medizinischen und gesellschaftlichen, sondern auch zu einer psychologischen Angelegenheit.
Zwei Jahre, nachdem der Begriff „Bareback“ das erste Mal in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung aufkam, erschien der Artikel „They shoot barebackers, don`t they?“ (Gendin 1999), in welchem die These aufgestellt wurde, dass „Barebacking“ eine Persönlichkeitseigenschaft sei und damit auch so etwas wie eine Identität schaffe. Es wird also klar zwischen Verhalten und möglicher Identität differenziert, jemand der sich als „Barebacker“ bezeichnet, muss deswegen nicht das psychische Profil von jemandem mit einer ausgeprägten „Barebacker“-Identität haben (vgl. Halkitis et al. 2005b, S.4). Diese Ansicht wurde in der wissenschaftlichen Forschung bisher eher marginal untersucht und es erscheint lohnenswert, aus gegebenen genannten Umständen die Möglichkeit einer „Bareback“-Identität intensiver zu diskutieren. Da noch nicht feststeht, ob eine solche Identitätsform überhaupt existent ist, ist ein qualitatives Untersuchungsdesign, mit welchem man die individuellen Ansichten des Einzelnen flexibel und empathisch erfassen kann, dem quantitativen vorzuziehen.
Vorliegende Arbeit möchte die These Gendins eingehender beleuchten und anhand von sieben qualitativen Interviews mit „Bareback“-Praktizierenden erforschen, ob es so etwas wie eine „Bareback“-Identität überhaupt gibt, was diese gegebenenfalls genau ausmacht und wie sie sich auf das Leben des Einzelnen auswirkt. Interessant sind auch die Fragen, wie eine Person mit einer solchen Identitätsform, sofern sie vorhanden ist, in seinem sozialen Umfeld agiert, wie sich ihr soziales Netzwerk zusammensetzt, wie sie seine Sexualität wahrnimmt und bewertet und in welchen Punkten sie sich von einem „Durchschnitts“-Homosexuellen unterscheidet. Auch der Aspekt, inwiefern HIV bei jenen Gesprächspartnern eine Rolle spielt und inwiefern die Angst - oder vielleicht auch die fehlende Angst - vor dem Virus eine treibende Kraft darstellt, ist gerade in einem reflexiv-sozialpsychologischen Zugang zu diesem Thema von Interesse. Nicht nur die Sorgen und Nöte des jeweiligen Individuums stehen im Vordergrund, sondern auch die Wechselbeziehung zwischen der einzelnen Person und ihrer Einschätzung, wie „die Anderen“ sie wahrnehmen und auf sie
reagieren, spielt dabei eine wichtige Rolle. All jenes versucht diese Arbeit mit Hilfe der Netzwerkanalyse und eines eigens hierfür zusammengestellten Interviewleitfadens näher zu ergründen.
1.5 Das Konzept Identität
„Wer bin ich, was macht mich aus?“ ist eine oft gestellte und vielfältig beantwortete Frage, die ursprünglich der Philosophie entstammt. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts setzt sich auch die noch junge Wissenschaft der Psychologie mit dieser alten Fragestellung auseinander, wie sich ein Individuum vom anderen unterscheidet und was es einzigartig macht. Identität versucht demnach die einmalige Persönlichkeitsstruktur, verbunden mit der Wahrnehmung, die andere von jener Struktur haben, zu erfassen. Allerdings konnte diese wissenschaftliche Disziplin bis heute noch keine empirisch überprüfbare Theorie zu diesem Konstrukt bilden, geschweige denn eine einheitliche Definition davon (vgl. Straus und Höfer 1997, S.270). Generell kann man allerdings sagen, dass sich unterschiedliche Herangehensweisen in der Psychologie herauskristallisiert haben, wie man das Konzept der Identität erfassen könnte (vgl. Höfer 2000, S. 175).
1.5.1 Herangehensweisen an das Konstrukt in verschiedenen Ansätzen
Die verschiedenen psychologischen Theorien zum Konstrukt Identität lassen sich unter drei Weltanschauungen zusammenfassen: Als erste Betrachtungsweise ist der Standpunkt des Vitalismus zu nennen. Er geht davon aus, dass Menschen über eine natürlich vorbestimmte Lebensenergie verfügen, die ihren Leben Sinn verleihe. Sie tragen also eine wahre Identität in sich und zu ihrer Lebensaufgaben zähle es, eben diese zu entdecken und ihr aktiv und willentlich zu folgen. Die mechanistische Weltsicht wiederum vertritt ebenfalls die Meinung, alles Beobachtbare sei durch natürliche Gegebenheiten verursacht, andererseits aber reagiere der Mensch passiv auf jegliche Umstände. Aufgrund dessen sei Identität allein von äußeren Einflüssen abhängig, der Mensch werde das, was seine Umwelt ihm vorschreibt.
Konstruktivistische Annahmen schließlich haben die Ansicht, die Einheit Identität bestünde aus mehreren Teilen, wobei es eben auf die - individuelle und gesellschaftliche - Konstruktion genau dieser Teile ankäme. Wird die Struktur verändert, so verändere sich auch die Bedeutung der einzelnen Elemente. Der Mensch könne aktiv seine Identität entwickeln und dabei frei entscheiden, wer er werden will (vgl. Höfer 2000, S.175 f.).
Auf der Basis dieser Auffassungen entwickelten sich verschiedenste psychologische Erklärungsversuche. In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts stellt Erik Erikson seine Annahmen zu diesem Thema in seinem Stufenmodell psychosozialer Entwicklung vor. Identität ist bei Erikson ein Thema in der Phase der Adoleszenz. Am Ende dieser Phase müsse der Mensch ein Gefühl innerer Gleichheit und Kontinuität ausgebildet haben, wobei diese Gleichheit und Kontinuität für sein soziales Umfeld genauso wahrnehmbar sein soll, um für die Aufgaben der nächst höheren Stufe, dem Erwachsen-Sein, gewappnet zu sein. Entnommen werde dieses Gefühl aus der Integration bereits erlebter Kindheitserfahrungen der vorherigen Entwicklungsstadien und den aktuellen Anforderungen der Adoleszenz. Die Erfahrung von Selbstkonsistenz und die Erfüllung des Gefühls von „sozial anerkannter Eigenwirklichkeit“ (Schulz 1995, S.12) machen nach Erikson eine ganzheitliche Identität aus (vgl. Schulz 1995, S.11 ff.). Frey und Haußer (1987) hingegen vertreten die Meinung, Identität entstünde aus situativen Erfahrungen, welche übersituativ verarbeitet und generalisiert werden würden. Es sei also ein selbstreflexiver Prozess der jeweiligen Person. Des Weiteren bestünde Identität aus einer kognitiven, einer emotionalen und einer motivationalen Komponente, welche demnach die situativ gebundene Selbstwahrnehmung, Selbstbewertung und personale Kontrolle seien. Diese würden dann vom jeweiligen Individuum verallgemeinert werden zu seinem Selbstkonzept beziehungsweise Selbstbild, Selbstwertgefühl und Kontrollüberzeugung, welche in wechselseitiger Beziehung zueinander stehen (vgl. ebd. S.21).
Das gemeinsame Element all dieser Definitionen ist mit Sicherheit die Auffassung, Identität als subjektive Konstruktion eines Menschen über sein eigenes Wesen zu betrachten. Dieses Konstrukt ist immer sozial eingebettet, der Mensch ist dazu aufgefordert, seine Erlebnisse kohärent zu organisieren, um so seinem Lebenslauf
Kontinuität und Besonderheit zu verleihen (vgl. Drewes, S. 7 ff.). Keupp (1997) nimmt dieses gemeinsame Element in seiner Definition auf (vgl. ebd., S.34 f.) und arbeitet es weiter in Bezug auf die Gegenwart aus, wie im Folgenden ersichtlich wird.
In Zeiten der Postmoderne sei das Ideal einer ganzheitlichen Persönlichkeit, welches oben erwähnte psychologische Ansätze indirekt postulieren, obsolet. Der Mensch sei durch die Möglichkeit, sich eine „Wahlbiografie“ (Keupp 2006) zu erschaffen, entwurzelt. Der Verlust traditioneller Stabilitäten im Zuge der Proteste von 1968 forderte einen Wandel tradierter Werte heraus. Selbstbestimmung, Mobilität, freie Wahl der Ausbildung, Hedonismus sowie Unabhängigkeit sind Werte der Postmoderne. Dieser Zugewinn neuer Lebensmöglichkeiten und die sich verändernden Anforderungen im Zuge von Modernisierungsprozessen hätten zu einem qualitativen Wandel in Stärke und Ausprägung der Identität geführt (vgl. Keupp 2002). Keupp vertritt eine Begriffsbestimmung von Identität, die die durch die Postmoderne ausgelösten Veränderungen in Werten und in der Gesellschaft berücksichtigt, sowie den Menschen als aktiv handelndes und selbstreflexives Individuum betrachtet. Diese Auffassung erscheint der Verfasserin aufgrund ihrer Aktualität, Flexibilität und ihrer sozialen Einbettung als angemessene Ausgangsbasis, um eine mögliche Identitätsform eines „Barebackers“ in der Gegenwart zu erfassen.
1.5.2 Die konstruktivistische Sichtweise nach Heiner Keupp
„Identität ist ein Projekt, das zum Ziel hat, ein individuell gewünschtes oder notwendiges íGefühl von Identität‘ (…) zu erzeugen. Basale
Voraussetzungen für dieses Gefühl sind soziale Anerkennung und Zugehörigkeit. Auf diesem Hintergrund von Pluralisierungs-,
Individualisierungs- und Entstandardisierungsprozessen ist das Inventar übernehmbarer Identitätsmuster ausgezehrt. Alltägliche Identitätsarbeit hat die Aufgabe, die Passungen (…) und die Verknüpfungen unterschiedlicher Teilidentitäten vorzunehmen. Qualität und Ergebnis dieser Arbeit findet in einem machtbestimmten Raum statt, der schon immer aus dem Potential möglicher Identitätsentwürfe bestimmte behindert beziehungsweise andere favorisiert, nahelegt oder gar aufzwingt. Qualität und Ergebnis der Identitätsarbeit hängen von den Ressourcen (…) einer Person ab, von
individuell-biographisch fundierten Kompetenzen über die kommunikativ vermittelten Netzwerkressourcen bis hin zu gesellschaftlich-institutionell vermittelten Ideologien und Strukturvorgaben. Das Identitätsprojekt muss nicht von einem Wunsch nach einem kohärenten Sinnganzen bestimmt sein, wird aber von Bedürfnissen geleitet, die aus der persönlichen und gesellschaftlichen Lebenssituation gespeist sind. Insofern konstruieren sich Subjekte ihre Identität nicht in beliebiger und jederzeit revidierbarer Weise, sondern versuchen sich in (…) ein íimaginäres Verhältnis zu ihren wirklichen Lebensbedingungen‘ zu setzen (…).“ (Keupp 1997, S.34 f.)
Identitätsbildung ist infolgedessen ein fortschreitender, lebenslanger und sich wandelnder Prozess, nicht wie zum Beispiel bei Erikson auf einen bestimmten Zeitabschnitt beschränkt. Es erfordere vom Individuum permanente Passungsarbeit zwischen seinem aktiven Handeln und den Reaktionen seines sozialen Umfeldes darauf, besonderes in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche, ausgelöst beispielsweise durch die Globalisierung. Um jener Anforderung gerecht zu werden, bedarf es wiederum der Fähigkeit zur Selbstorganisation und zum „Selbsttätigwerden“. Eine Ausbildung von Teilidentitäten, einer „Patchwork-Identität“, erleichtere eine gelingende Identitätsarbeit, bemessen an dem Gefühl der Authentizität und Sinnhaftigkeit im Inneren des Menschen sowie seiner Wahrnehmung der Anerkennung von außen. Demnach erfordere es aktives „Identitätsmanagement“, diese Teilidentitäten zu einer Metaidentität zu vereinen, in der trotz geforderten Wandels und Flexibilität der Person eine biografische Kontinuität erkennbar sein soll. Denn obgleich für eine aus mehreren Teilen bestehende Persönlichkeit, dem „Multioptions-Ich“, die Anpassungsfähigkeit an Trends und sich verändernde Verhältnisse selbstverständlich und hilfreich sei, herrsche doch das Ideal eines stimmigen und eigenen Ganzen. Eine „populäre Orientierung“ sei hierfür, sein Leben als „Projekt“ oder gegebenenfalls als „Gesamtkunstwerk“ zu betrachten. Diese Selbstbestimmungsmöglichkeiten, die vom Individuum Kompetenzen wie Ressourcen verlangen, beinhalten aber sowohl Chancen als auch Risiken. Der Mensch sei eigenverantwortlich auf sich gestellt (vgl. gesamte entlehnte Stellen, wo nicht anders vermerkt, Keupp 2002).
Ausgehend von der Keupp`schen Sichtweise soll in dieser Analyse die mögliche Existenz einer „Bareback“-Identität erforscht werden, die sowohl Risiken in sich
bergen kann, nämlich die in der Mediendiskussion dargestellte soziale Unerwünschtheit dieses Phänomens, als auch die Chance, ein kohärent erzeugtes Identitätsgefühl zu produzieren beziehungsweise durch geleistete Identitätsarbeit eine in sich stimmige Identität auszubilden, bei der man im Einklang mit sich leben kanntrotz möglicher Erfahrung von Verurteilungen von außen. Die Frage, die sich hierbei stellt, ist, ob es sich dabei um eine Teilidentität handelt, einen Aspekt der „Patchwork-Identität“ des einzelnen Befragten, ob es eine aktiv ausgebildete, höher gestellte Metaidentität darstellt oder ob „Barebacking“ eine Anpassungsleistung auf sich verändernde gesellschaftliche Verhältnisse anzeigt. Hierfür werden in dieser Analyse den Teilnehmern Fragen nach ihrer wahrgenommenen sozialen Anerkennung, ihrem Zugehörigkeitsgefühl, ihrem Vorhandensein von sozialen Ressourcen, ihrer eventuell biografischen Entwicklung im „Bareback“-Verhalten, dessen Integration in den Alltag und mögliche daraus folgende soziale wie gesundheitliche Konsequenzen, sowie nach ihrer subjektiv empfundenen Lebenszufriedenheit gestellt. Interessant wird dabei auch der Aspekt sein, ob sich die Befragten für ihr Leben und ihr „Bareback“-Verhalten eigenverantwortlich fühlen - nach der Definition von Keupp müssten sie dies.
Arbeit zitieren:
Dipl.-Psych. (Univ.) Cindy Bönhardt, 2007, Barebacking - "Eine neue Art des Lebens"?, München, GRIN Verlag GmbH
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