Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 2
2 Die Ethnostruktur im Kosovo vor der Migration von 1690. 3
2.1 Religionszugehörigkeit und Ethnizität im Kosovo der Frühen Neuzeit 4
2.2 Orts- und Personennamen als Indiz ethnischer Herkunft 9
2.3 Zusammenfassung - Die Situation vor 1690 11
3 Die große Migration und ihre Folgen 12
3.1 Die Habsbuger Niederlage und die Flucht - Diskussion um die Migration 12
3.2 1690 als Wendepunkt? Migrationsbewegungen nach der großen Flucht 16
4 Fazit 17
5 Literatur- und Quellenverzeichnis. 19
1
Die Bedeutung der großen Migration von 1690 für die
1 Einleitung
Der Streit um das Kosovo zwischen Serben und Albanern ist eine Auseinandersetzung, die vor allem die Historiker beider Nationen sehr stark in den Konflikt miteinbezogen hat. Die Kernfragen „Wer war zuerst da?“ bzw. „Wer war wann da?“ sind wohl kaum unterschiedlicher zu beantworten, als das bei den beiden Parteien der Fall ist. Beide Seiten beanspruchen für sich das Recht auf das Gebiet des Kosovo und berufen sich u.a. auf ihre jeweiligen Geschichtsschreiber. Die hierbei vertretenen Standpunkte sind recht einfach wiederzugeben. Die Albaner sehen sich als Nachkommen der Illyrer, der antiken „Urbevölkerung“ des Kosovo 1 und Umgebung, und leiten davon ihre Besitzansprüche auf das Gebiet ab. 2 Die Serben hingegen sehen das Kosovo als „Wiege der Kultur und des Staates des serbischen Volkes“ 3 und stützen dies auf die Aussage, dass das Kosovo ab dem Mittelalter rein serbisch besiedelt war. 4 Eine Verbindung zwischen den Illyrern der Antike und den Albanern wird von serbischer Seite nicht anerkannt. Ganz besondere Bedeutung innerhalb der Geschichte des Kosovo kommt dem Jahr 1690 zu. Nach der Niederlage der Habsburger gegen die Osmanen bei Kaçanik schlossen sich eine große Zahl von Menschen, die die Habsburger im Krieg unterstützt hatten, aus Angst vor türkischen Vergeltungsaktionen der Fluchtbewegung der habsburgischen Truppen an und verließen das Kosovo. Hier liegt einer der Hauptstreitpunkte zwischen Vertretern der serbischen und albanischen Volksgruppen. Wer waren die Flüchtigen? Mitglieder welcher ethnischen Gruppe kämpften auf Seiten der Habsburger gegen die Türken? Wie viele Menschen verließen das Kosovo 1690? Und vor allem stellt sich die zentrale Frage: War es diese Migration, die einen kompletten Wandel der Ethnostruktur des Kosovo herbeiführte?
1 Bezüglich der Vokabel „Kosovo“ sei der Vollständigkeit halber erwähnt, dass diese in der gesamten Arbeit natürlich aus dem heutigen Verständnis heraus gebraucht wird, da in der behandelten Zeit Kosovo noch kein festgelegtes Gebiet darstellte.
2 Vgl. z.B. Klaus Lange: Der Kosovo Konflikt. Aspekte und Hintergründe, München 1999, S. 6
3 So heißt es im offiziellen Belgrader Standpunkt zum Thema Kosovo, abgedruckt in: Werner Daum (Hrsg): Albanien. Zwischen Kreuz und Halbmond, München 1998, S.267
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Hinsichtlich dieser Frage stehen zahlreiche serbische Autoren auf dem Standpunkt, dass vor 1690 ausschließlich Serben das Kosovo besiedelten und dass erst aufgrund der Fluchtbewegung (die nach dieser Theorie nur aus Serben bestand) eine albanische Besiedlung des Kosovo begann. 5
Diese Arbeit wird sich kritisch mit der Bedeutung der großen Migration von 1690 auseinandersetzen. Dabei soll die Verschiebung der Ethnostruktur im Kosovo im Vordergrund stehen. Um eine Veränderung in der Bevölkerungsstruktur zu untersuchen, muss natürlich zunächst die Situation im Kosovo vor 1690 genau untersucht werden. Hiermit wird sich der erste Teil der Arbeit beschäftigen. Im zweiten Teil soll dann die Habsburger Niederlage und ihre Folge, nämlich die große Fluchtbewegung, näher beleuchtet werden und auf ihre Bedeutung für eine Veränderung der ethnischen Zusammensetzung der Bevölkerung im Kosovo eingegangen werden.
2 Die Ethnostruktur im Kosovo vor der Migration von 1690
Wie bereits in der Einleitung kurz dargestellt, ist die Frage nach der Bedeutung der großen Migration nicht ohne eine eingehende Untersuchung der Bevölkerungsstruktur vor 1690 zu beantworten. Ausgehend von beiden kontroversen Standpunkten, die in ihren maximalen Forderungen jeweils die ethnische Bevölkerungsmehrheit vor der Migration für sich beanspruchen, soll nun untersucht werden, welche Gruppen tatsächlich unmittelbar vor 1690 das Kosovo bewohnten. Dabei ergeben sich vor allem folgende Probleme. Die Religionszugehörigkeit spielt (vor allem in den kirchlichen Quellen) eine herausragende Rolle bei dem Versuch, die ethnischen Zugehörigkeiten einzelner Personengruppen zu bestimmen. Jedoch können (entgegen der Handhabung einiger Autoren) nicht generell Rückschlüsse von Religions- auf ethnische Zugehörigkeit gezogen werden. Dieser Schritt wäre eine zu starke Vereinfachung. Sicherlich gab es Tendenzen, die z.B. besagen, dass viele Serben orthodox, viele Albaner (zumindest anfänglich) hingegen katholisch waren; eine Generalisierung würde jedoch möglicherweise zur Verfälschung von Tatsachen führen. Des Weiteren ist
4 Vgl. Konrad Clewing: Mythen und Fakten zur Ethnostruktur in Kosovo - Ein geschichtlicher Überblick, in: Ders. - Jens Reuter (Hrsg.): Der Kosovo-Konflikt. Ursachen, Akteure, Verlauf. München 2000, S. 17-63, S.21
5 Vgl. z.B. Milutin Garasanin: Illyrians and Albanians, in: Ranko Petcovic (Hrsg.): Kosovo. Past and Present, Belgrad o.J. S. 33-38, S.33ff.
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die Sekundärliteratur aus den betroffenen Ländern (Serbien und Albanien) mit Vorsicht und kritischem Blick zu betrachten. Oft erscheint die Literatur eher politische Propaganda als historisch aufgearbeitetes Material zu sein. Letztlich ist die Quellenlage aus der entsprechenden Zeit relativ unzureichend. Information entstammt Militär- und Reiseberichten und oft vor allem kirchlichen Quellen. Diese wiederum beschäftigen sich jedoch zumeist eher mit der Konfession als mit der Ethnizität, so dass die Quellenauslegung oft zu einer Interpretationsfrage wird. Allgemein war die ethnische Herkunft damals eher zweitrangig und trat in ihrer Bedeutung deutlich hinter Konfession, sozialem Status oder der Loyalität zum jeweiligen Herrscher zurück. 6 Die kirchlichen Quellen stellen zwar nicht den einzigen, aber wohl den umfangreichsten Teil der Anhaltspunkte dar. Aus diesem Grund soll nachfolgend zum besseren Verständnis zunächst ein Überblick über die Religionszugehörigkeit in Verbindung mit der ethnischen Zugehörigkeit gegeben werden. Danach folgt dann die Auswertung der Quellen bezüglich der Ethnostruktur des Kosovo vor 1690.
2.1 Religionszugehörigkeit und Ethnizität im Kosovo der frühen Neuzeit
Betrachtet man das Kosovo im 17. Jahrhundert, so findet man hinsichtlich der Religionszugehörigkeit eine bunt gemischte „Masse“ vor. Katholiken, Orthodoxe und Muslime bewohnten gemeinsam das Gebiet, die Mehrheitsverhältnisse variierten von Ort zu Ort. Doch welche ethnische Zugehörigkeit steckt hinter diesen religiösen Gruppen und wie kam diese Durchmischung zustande? Mit Beginn der Osmanischen Herrschaft Mitte des 15. Jahrhunderts wuchs auch die Zahl der Muslime stetig an. Diejenigen serbischen Autoren, die die Präsenz der Albaner im Kosovo bis 1690 nicht komplett abstreiten, gehen bei diesem rapiden Anstieg von einer Einwanderung von (meist katholischen) Albanern aus, die dann sehr schnell zum Islam konvertierten. 7 Was jedoch sollte diese Konvertierung bewirkt haben?
Tatsächlich war es so, dass mit dem Annehmen des islamischen Glaubens eine Reihe von Vorteilen einherging. So kam es z.B. zu Steuererleichterungen gegenüber Christen, die eine Kopfsteuer entrichten mussten. Des Weiteren hatte
6 Vgl. Holm Sundhaussen: Kosovo - Eine Konfliktgeschichte, in: Konrad Clewing - Jens Reuter (Hrsg.): Der Kosovo-Konflikt. Ursachen, Akteure, Verlauf. München 2000, S. 65-88, S. 66
7 Vgl. Noel Malcolm: Kosovo. A short history. New York 1998, S. 112
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Arbeit zitieren:
Stephan Scheeder, 2003, Die Bedeutung der großen Migration von 1690 für die Ethnostruktur des Kosovo, München, GRIN Verlag GmbH
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