Universität Zürich
Proseminar: Nationalismus und Rassismus im 20. Jahrhundert HS 2007
Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben
In Homo Sacer stellt Giorgio Agamben die These auf, dass die Biopolitik die Menschen auf einen biologischen Nullwert führt und, dass diese das nackte Leben zum Subjekt der Moderne macht. Im römischen Recht wurde das nackte Leben von der Figur des homo sacer verkörpert: Er durfte straflos getötet, nicht aber geopfert werden. Der homo sacer markiert die Grenze zwischen dem nackten und dem rechtlich eingekleideten Leben. Giorgio Agamben bezieht sich explizit auf die Analyse Michel Foucaults, wenn dieser am Schluss von Der Wille zum Wissen den Prozess darstellt, aufgrund dessen die Politik sich in der Moderne in Biopolitik verwandelt und das natürliche Leben in die Kalküle der Staatspolitik einbezogen hat:
„Jahrtausende hindurch ist der Mensch das geblieben, was er für Aristoteles war: ein lebendes Tier, das auch einer politischen Existenz fähig ist. Der moderne Mensch ist ein Tier, in dessen Politik sein Leben als Lebewesen auf dem Spiel steht.“ 1
Entscheidend war nach Michel Foucault in diesem Zusammenhang der Übergang vom „Territorialstaat“ zum „Bevölkerungsstaat“ und damit die wachsende Bedeutung des biologischen Lebens für die souveräne Macht. Der moderne westliche Staat habe damit subjektive Techniken der Individualisierung und objektive Prozeduren der Totalisierung integriert. Michel Foucault spricht von einem politischen double bind, das die gleichzeitige Individualisierung und Totalisierung der modernen Machtstrukturen bildet.
Die Politisierung des nackten Lebens bildet, nach Giorgio Agamben, das entscheidende Ereignis der Moderne und markiert eine radikale Transformation der klassischen politisch-philosophischen Kategorien. Die Griechen kannten für den das Wort Leben zwei Begriffe, die morphologisch und semantisch verschieden waren: zÀé meinte die einfache Tatsache des Lebens, bíos dagegen bezeichnete die Form des Lebens. Giorgio Agamben versteht seine Arbeit als eine Untersuchung zwischen dem juridisch-institutionellen Modell und dem biopolitischen Modell der Macht: Warum hat sich die abendländische Politik über eine Ausschliessung des nackten Lebens begründet? Die Struktur der Ausnahme scheint ihm in dieser Perspektive konsubstantiell mit der abendländischen Politik zu sein. Die Politisierung des nackten Lebens ist seiner Auffassung nach die Aufgabe der
1 Michel Faucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit I, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1977, S. 171.
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Metaphysik, in der über den lebenden Menschen entschieden wird. Das fundamentale Kategoriepaar der abendländischen Politik ist jene vom nacktem Leben/politischer Existenz, zÀé
/bíos, Ausschluss/Einschluss: Politik gibt es deshalb, weil der Mensch das Lebewesen ist, das in der Sprache das nackte Leben von sich abtrennt und zugleich in einer einschliessenden Ausschliessung die Beziehung zu ihm aufrechterhält. Das nackte Leben erscheint mit dem Prozess, durch den die Ausnahme überall zur Regel wird und in einer Zone, wo Ausschluss und Einschluss, Aussen und Innen, zÀé und bíos, Recht und Faktum in eine Zone irreduzibler Ununterscheidbarkeit geraten. Das nackte Leben bleibe in der Form der Ausnahme eingefasst, als etwas, das nur durch eine Ausschliessung eingeschlossen wird. Disziplinierung der Menschen und Subjektivierung der politischen Macht als Bindung der Subjekten an eine äusserliche Kontrollmacht wären die zwei Prozesse, welche die moderne Demokratie kennzeichnen. Hinter dem Prozess, der zur Anerkennung der Menschenrechte führt, steht der Körper des homo sacer mit seinem souveränen Doppel, seinem nicht Opferbahren, jedoch Tötbahren Leben. Die abendländische Politik kenne in diesem Zusammenhang keinen anderen Wert als das Leben, und solange die Widersprüche, die sich daraus ergeben, nicht gelöst sind, werden Nazismus und Faschismus, welche die Entscheidung über das nackte Leben zum höchsten politischen Kriterium erhoben haben, bedrohlich aktuell bleiben. Der abendländischen Politik sei nicht gelungen die Verbindung herzustellen, die den Bruch zwischen zÀé und bíos, und damit das arcanum imperii, hätte überwinden sollen.
Die Politisierung des Lebens
In seiner Analyse der abendländischen Machverhältnissen geht Giorgio Agamben davon aus, dass ein und dieselbe Einforderung des nackten Lebens in den bürgerlichen Demokratien zu einem Vorrang des Privaten gegenüber dem Öffentlichen, in den totalitären Staaten dagegen zum Ort souveräner Entscheidung geführt hätte. Das biologische Leben wurde zum politischen Faktum und erkläre die Geschwindigkeit, mit der im 20. Jahrhundert die parlamentarischen Demokratien in totalitären Staaten und die totalitären Staaten sich beinah ohne Übergangslösung in parlamentarischen Demokratien umwandeln konnten. In dem writ de Habeas corpus und in der Magna Charta entdeckt Giorgio Agamben das nackte Leben und den Körper des Homo sacer. Corpus - schreibt er - ist ein doppelgesichtiges Wesen, das sowohl Träger der Unterwerfung unter die souveräne Macht als auch der individuellen Freiheit ist.
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Arbeit zitieren:
Giacomo Francini, 2008, Das nackte Leben - Kommentare zum Werk "Homo Sacer" von Giorgio Agamben, München, GRIN Verlag GmbH
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