Inhaltsverzeichnis
I. Im Lauf der Zeit - von den Anfängen bis 1976 2
II. Das filmisch antiliterarische Strukturprinzip 3
II.1 Filmisches Erzählen 3
II.2 Literarische Verweigerung 7
III. Die Filmliteratur als integrativer Übersetzungsprozess -. 8
IV. Metaebenen gegen die Verdummung 12
IV.1 Motivanalyse - Sehen 12
IV.2 Motivanalyse - Übersetzen 15
V. Schlussbetrachtungen. 20
Bibliographie. 21
I. Primärliteratur Peter Handkes. 21
II. Sekundärliteratur. 21
1
Ich erwarte von Literatur ein Zerbrechen aller endgültig scheinenden Weltbilder. Und weil ich erkannt habe, daß ich selbst mich durch die Literatur ändern konnte, bin ich auch überzeugt, durch meine Literatur andere ändern zu können. Peter Handke 1
I. Im Lauf der Zeit - von den Anfängen bis 1976
Seit seiner Jugend war Peter Handke Cineast, besuchte bis zu zweimal täglich Filmvorstellungen. Vielleicht ist es ausgehend davon gar nicht so ungewöhnlich, dass Handke nicht als Dramatiker und Schriftsteller erstmals Aufmerksamkeit erregte, sondern durch einen filmreifen Auftritt: 1966 wurde Handke in Princeton als 23jähriger, unbekannter Autor zum öffentlichen „Ankläger“ bei einem Treffen der Gruppe 47 und warf den dort versammelten, ranghöchsten Repräsentanten der deutschen Nachkriegsliteratur von Angesicht zu Angesicht „Beschreibungsimpotenz“ 2 vor. Doch Handke machte sich in diesem Jahr nicht nur als Enfant terrible (un)beliebt, ihm gelang zuglich sein Durchbruch mit einem bahnbrechenden Stück: Publikumsbeschimpfung (1966). Als Dramatiker war er seither etabliert und es sollte kaum ein paar Jahre dauern, dann hatte sich Handke durch seine ungewöhnlichen Herangehensweise an die Literatur, wie etwa im Roman Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1970), ebenfalls als Prosaautor einen Namen gemacht. Dem Film blieb Handke in den folgenden Jahren nicht nur als Zuschauer treu, er entpuppte sich zugleich als Drehbuchautor, wobei er mit dem ihm freundschaftlich und beruflich eng verbundenen Wim Wenders - mit dem er sowohl ästhetische wie kulturelle Ansichten teilte - zusammenarbeitete. Beispielsweise entstand in gemeinsamer Arbeit das Drehbuch zu Falsche Bewegung (1975). Ein Jahr nach diesem erreichte der Neue deutsche Film einen seiner Höhepunkte mit Wenders Kinoerfolg Im Lauf der Zeit. Und ebenso in diesem Jahr, zehn Jahre nach seinem erstem großen öffentlichen Auftritt, publizierte Handke Die linkshändige Frau (1976) - eine Erzählung, in welcher die nachhaltige Wirkung des Kinos nun auch in seiner Prosa deutlich zutage trat. Die Nähe der Textstruktur zum filmischen Erzählen wurde schnell von der Kritik erkannt und als Simulation einer filmischen Abfolge im Verfahren der „Segmentiertung“, als drehbuchtypisch eingeordnet 3 . Die Kritik ging sogar so weit,
1 So Peter Handke in dem Aufsatz: „Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms“ von 1967. In: OZ 2007, S.38 2 So Peter Handke 1966, zitiert nach der Sendung „Begegnungen“, 3sat Mai 2008. Nachzulesen unter http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/begegnungen/gvb/115981/index.html
3 So v.a. Durzak 1982, S. 144
2
den Text nur als Vorlage für den gleichnamigen, später entstandenen Film anzusehen
4
. Viel zu kurz griff eine solch diffamierend pauschale Einschätzung der Erzählung und wurde dem niemals eindeutigen Text nicht gerecht. Peter Handke selbst betonte, dass „sein Film keine Literaturverfilmung sei, sondern daß vielmehr Buch und Film ihre Entstehung dem gleichen Erkenntnismoment verdanken, das er seit 1972 mit sich herumgetragen habe, nämlich einem <
Aufzudecken wie, wann und warum der Text filmisch erzählt und dass sein Prinzip am Ende nicht nur weit über eine cineastische Darstellungsweise zum Selbstzweck hinausgeht, sondern alle die oben genannten Aspekte, als Teile einer neuen Weltanschauung, aufeinander bezogen werden, ist Hauptanliegen der folgenden Analyse. In einem ersten Teil sollen daher Handkes filmische und literarische Mittel und Textstrukturprinzipien aufgezeigt werden, ein zweiter Teil stellt sie hingegen als integrative Übersetzungsprozesse dar und dem ersten gegenüber. Ein dritter und abschließender Teil behandelt, dass mittels der bis dahin aufgezeigten Aspekte unterschiedliche Metaebenen in Die linkshändige Frau eingewebt werden und zeigt auf, wie sie den Gedanken des integrativen Prozesses zu einer Weltanschauung erweitern.
II. Das filmisch antiliterarische Strukturprinzip
II.1 Filmisches Erzählen
Zunächst einmal ist ein Film kein Buch und ein Buch kein Film. So banal und offensichtlich das klingt und vielleicht auch ist, so wird diese Aussage dennoch die Grundlage sein, auf der ich mich hier Handkes Text nähern möchte. Warum wir den Gegensatz Buch-Film so einfach bejahen können, ist zu allererst der
4 Ebd.
5 Sandberg 1986, S. 56
6 So beispielsweise Thornton 1983, S. 76
7 So beispielsweise Barthmann 1984, S. 219
8 So beispielsweise Thornton 1983, S.80 ff.
9 So beispielsweise Avventi 1984, S. 44/45, oder auch Linstead 1988, S. 165 ff.
3
unterschiedlichen Rezeptionsweise geschuldet - sehen und hören versus lesen. Wie kommt man also überhaupt dazu, Handkes Erzählweise als filmisch zu bezeichnen? Ich möchte dafür den Blick direkt auf einen Textabschnitt werfen 10 :
An einem Winterspätnachmittag saß sie [die Frau] in dem gelben Licht, das von außen kam, am Fenster des ausgedehnten Wohnraums an einer elektrischen Nähmaschine, daneben ihr [...] Sohn, der einen Schulaufsatz schrieb. Die eine Längsseite des Raums war eine einzige Glasfront vor einer grasbewachsenen Terrasse mit einem weggeworfenen Christbaum und der fensterlosen Mauer des Nachbarhauses. Das Kind saß an einem braungebeizten Tisch über das Schulheft gebeugt und schrieb mit der Füllfeder, wobei seine Zunge zwischen den Lippen hervorleckte. Manchmal hielt es inne, schaute zur Fensterfront hinaus und schrieb dann eifrig weiter; oder es blickte zur Mutter hin, die, obwohl abgewendet, es merkte und zurückblickte.
Streng aus distanzierter Perspektive beschreibt der Erzähler wie ein Protokollant die Situation. Gut vorstellbar ist die Szene als Filmsequenz, da die bedeutenden, bildimmanenten Elemente der Filmtechnik deutlich hervorgehoben sind:
- die Kamera (sie ist lokalisierbar und ihre perspektivische Sicht verdeutlicht: von der dem Fenster gegenüberliegenden Wand aus sehen wir in den Raum und in diesem die beiden Akteure sitzen, hinter denen wir durch das Fenster die Umgebung erblicken),
- das Licht (es wird nicht nur im Farbwert: gelb, sondern auch die Lichtführung beschrieben: „von außen kommend“ 11 ),
- der Ton (die Szene wirkt leise, ruhig, wenn nicht sogar geräuschlos, da in ihr stark auditive Elemente vorkommen - leicht vorstellbare und typisierte Geräusche wie das Rattern einer Nähmaschine und das Kratzen eines Füllfederhalters -, deren Wertigkeit und Klang jedoch nicht definiert werden; wir wissen nicht einmal, ob die Frau nur vor der Nähmaschine sitzt, oder sie auch betätigt),
10 LF 2002, S.7
11 Dieser Ausdruck könnte auf die Möglichkeit einer künstlichen Lichtquelle schließen lassen, wobei auf ihn als literarische Form im späteren Verlauf noch eingegangen werden wird.
4
- der Schnitt (filmähnliche Schnitte sind an anderen Stellen des Buches besser erkennbar, s.u.).
Wie zur Beschreibung eines Bildausschnitts legt der Text beinahe stichpunktartig fest, was wir sehen und wie es beschaffen ist.
Weitere Aspekte filmischen Erzählens, die der Text ausschöpft, gehören zu denen des Tons und des Schnitts, lassen sich jedoch an einer anderen Textstelle besser exemplifizieren 12 :
Die Kinder schauten vor sich hin und fingen nacheinander zu grinsen an. Die Frau: „Versteht mich bitte.“ Das Kind: „Kochst du uns jetzt etwas?“
Die Frau senkte den Kopf; dann sagte das Kind böse: „Ich bin auch traurig, nicht nur du.“
Sie saß im Schlafzimmer vor der Schreibmaschine; ohne zu tippen. Es war still im Haus. Vom Flur her näherten sich die Kinder, flüsternd und kichernd. Auf einmal schob die Frau die Schreibmaschine zur Seite, und diese fiel zu Boden.
In einem Großkaufs-Markt in der Nähe stapelte sie Riesenpakete in den Großeinkaufs-Wagen, diesen von einer Abteilung der Riesenhalle zur anderen schiebend, bis er übervoll war. In einer langen Reihe stand sie mit vielen Leuten an der Kasse; die Wagen der Kunden vor ihr so voll wie der ihre. Auf dem Parkplatz vor dem Großmarkt schob sie das schwere Gefährt, dessen Räder sich immer wieder querstellten, zum Auto. Sie lud das Auto voll, auch die hinteren Sitze, so daß sie nicht mehr zum Rückfenster hinausschauen konnte. Zuhause lagerte sie die Sachen im Keller, weil alle Kästen und die Tiefkühltruhe schon gefüllt waren.
In der Nacht saß sie im Wohnraum des Bungalow am Tisch und spannte ein Blatt Papier in die Maschine; saß still davor. Nach einiger Zeit legte sie die Arme auf die Maschine; dann den Kopf auf die Arme. Später in der Nacht saß sie in der gleichen Haltung da, jetzt schlafend.
12 LF 2002, S.45-47
5
Arbeit zitieren:
Carolina Franzen, 2008, Peter Handkes "Die linkshändige Frau" - Über filmisches Erzählen und die Erfindung einer Weltanschauung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Darstellung postmoderner Aspekte in Christoph Ransmayrs Werk 'Die ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 17 Seiten
Unterrichtsmodell zu Ernst Jandls Gedicht -im park-
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 16 Seiten
Zum Buch 'Stopfkuchen' von Wilhelm Raabe: Warum nur Stopfkuche...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 15 Seiten
Gemeinsamer Unterricht - Integration von Menschen mit Behinderung in d...
Hausarbeit, 20 Seiten
Schüler (be)sucht Bauer: Vorbereitung für die Erkundung eines landwirt...
Unterrichtsstunde Erdkunde, Kl...
Geowissenschaften / Geographie - Didaktik d. Geographie
Unterrichtsentwurf, 10 Seiten
Leben nach dem Tod - Über die Ansichten von Religion und Wissenschaft,...
Theologie - Didaktik, Religionspädagogik
Seminararbeit, 28 Seiten
Personenbeschreibungen in Theodor Fontanes 'Effi Briest'
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 15 Seiten
Gottfried Kellers "Pankraz der Schmoller"
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 26 Seiten
Unterrichtsstunde: Handlungsorientierter Umgang mit einem Märchen
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 31 Seiten
Die vier Elemente im Roman 'Die letzte Welt' von Christoph Ran...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 21 Seiten
Behinderte Kinder im Unterricht: Lehren und Lernen mit behinderten Kin...
Über die Gestaltung des Unterr...
Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik
Hausarbeit, 27 Seiten
Geowissenschaften / Geographie - Geographie als Schulfach
Referat / Aufsatz (Schule), 6 Seiten
Text- und Erzählstruktur in Christoph Ransmayrs 'Die letzte Welt &...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 18 Seiten
Storm, Theodor - Aquis submersus - Interpretation der Novelle mit Bezu...
Referat / Aufsatz (Schule), 11 Seiten
Unterrichtsstunde: Friedrich Dürrenmatt 'Der Besuch der alten Dame...
Der Besuch der alten Dame als ...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Unterrichtsentwurf, 24 Seiten
Angelus Silesius - Analyse des mystischen Brautgedichts 'Sie schre...
Mystische Brautdichtung
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 12 Seiten
Integration von Kindern mit Behinderungen in der Grundschule
Hausarbeit, 20 Seiten
Die Bedeutung der Roten Schanze in Wilhelm Raabes 'Stopfkuchen'...
Hausarbeit, 22 Seiten
Carolina Franzen's Text Peter Handkes "Die linkshändige Frau" - Über filmisches Erzählen und die Erfindung einer Weltanschauung ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Carolina Franzen hat den Text Peter Handkes "Die linkshändige Frau" - Über filmisches Erzählen und die Erfindung einer Weltanschauung veröffentlicht
Carolina Franzen hat einen neuen Text hochgeladen
Wim Wenders and Peter Handke: Collaboration, Adaptation, Recomposition...
Martin Brady, Joanne Leal
Contemporary German Stories: Peter Handke, Friederike Mayrcker, Uwe Ti...
Peter Handke, P. Handke, Leslie A. Willson
Peter Handke, Jugoslawien und das Problem der strukturellen Gewalt
Literaturwissenschaft und poli...
Anne Lindner, Klaus-Michael Bogdal, Erhard Schütz, Jochen Vogt
Fashion in Fiction: Text and Clothing in Literature, Film and Televisi...
Text and Clothing in Literatur...
Peter McNeil, Vicki Karaminas, Catherine Cole
0 Kommentare