Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Entstehung des Malte Laurids Brigge 3
3. Literaturgeschichtlicher Kontext 4
4. Rilke und die Mystik 4
5. Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge 5
5.1. Pariser Großstadterfahrung. 5
5.2. Kindheitserinnerungen. 6
5.3. Maltes Lektüren 7
6. Mystische Motive und Erscheinungen im „Malte“ 7
6.1. Das „neue Sehen“ 7
6.2. Tod und Angst 8
6.3. Die Mauer 9
6.4. Der Sterbende in der Crémerie 10
6.5. Das Große 12
6.6. Der Epileptiker 13
6.7. Das mystische Bewusstsein der Brahes 14
6.8. Maltes Hand 18
6.9. Das Spiegelgeschehen. 19
6.10. „Der verlorene Sohn“ 21
7. Fazit 22
Literaturverzeichnis
2
1. Einleitung
Mit seinem tagebuchähnlichen Prosawerk „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ lässt Rilke eine neue Form des Romans entstehen. Die Hauptfigur des Werks ist der junge Dichter Malte Laurids Brigge, der isoliert in seinem Pariser Apartment seine Eindrücke, Empfindungen und Erinnerungen niederschreibt und Wege aus seiner Identitätskrise und Existenzangst sucht. „Malte“ ist sicherlich im Kontext zu Rilkes eigenen Lebenserfahrungen zu lesen. Dennoch kann man den „Malte“ vor der Hintergrund der Endzeitstimmung um die Jahrhundertwende, Gegenströmung zum Naturalismus sowie der Kritik an der modernen Zivilisation interpretieren. In dem Zusammenhang widmeten sich Autoren wie Morgenstern, Musil und Rilke der Mystik, so dass ihre Werke als „Epiphanie“ zu lesen sind.
Zunächst werde ich die Entstehung des Werkes MLB, dessen literaturhistorischen Hintergrund, das Verhältnis Rilkes zur Mystik sowie den Inhalt des Werkes darlegen, bevor ich speziell auf die mystischen Erscheinungen im Prosawerk eingehe, die Maltes Identitätsproblematik verdeutlichen.
1. Entstehung des Malte Laurids Brigge
Ich möchte dir sagen, liebe Lou, daß Paris eine ähnliche Erfahrung für mich war, wie die Militärschule; […] Damals als ich ein Knabe unter Knaben war, war ich allein unter ihnen; und wie allein war ich 1 jetzt unter diesen Menschen, […].
Diese Erfahrungen schilderte Rilke am 18. Juli 1903 in einem Brief an seine Vertraute Lou Andreas-Salomé. Rilke befand sich im Sommer 1902 in Paris, nach dem er sein bürgerliches 2 In Paris hat Rilke seine Großstadterfahrungen im Familienleben in Westerwede aufgegeben hatte.
dritten Teil des Stundenbuchs sowie in Briefen schriftlich verarbeitet und schaffte so die erste 3 Grundlage für die zentralen Szenen des „Malte Laurids Brigge“.
Rilke begann mit der eigentlichen Niederschrift während eines Aufenthaltes in Rom von September 1903 bis Juni 1904. Weitere Schreibphasen mit schöpferischen Pausen erfolgten während seiner Aufenthalte in Skandinavien, auf der Insel Capri sowie in der französischen Provence. Im Januar 1910 verließ Rilke Paris und beendete in Leipzig die rund sechsjährige Arbeit am Malte. Der 4 Erstdruck der Aufzeichnungen erschien am 31. Mai 1910.
Rilkes verarbeitete im MLB seine schrecklichen Großstadterlebnisse. Der Name „Malte Laurids Brigge“ gleicht vom Rhythmus und Intonation her dem Namen „Rainer Maria Rilke“, so dass die Vermutung besteht, es handele sich bei MLB um ein autobiographisches Werk. Doch im Brief an Lou Andreas-Salomé vom 28. Dezember 1911 schreibt er:
Die gute Ellen Key hat mich natürlich umgehend mit dem Malte verwechselt…aber niemand als du, 5 liebe Lou, kann unterscheiden und nachweisen, ob und wieweit er mir ähnlich sieht…“
Die Titelfigur Malte, die Familienpersonen sowie die historischen Figuren sind von Rilke in 6 Der Autor befasste sich mit skandinavischer Literatur und dänischen Fiktionen verwandelt worden.
1 Rilke an Lou Andreas-Salomé, 18.07.1903, In: Materialien zu Rainer Maria Rilke „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, Hartmut Egelhardt (Hg.). Frankfurt 1974, S. 23.
2 Franz Loquai: Zeittafel zu Rilke. In: R.M.R:. Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Mit einem Nachwort, einer Zeittafel zu Rilke, Anmerkungen und bibliographischen Hinweisen von Franz Loquai. München 2005, S. 241. 3 Loquai: Nachwort, S. 216. 4 Ebd., S. 216/217.
5 Rilke an Lou Andreas-Salomé, 28.12.1911, Hartmut Egelhardt (Hg.), S. 88. 6 Loquai, S.218/219.
3
7 Für die im „Malte“ erwähnten Ereignisse Quellen, um die Familiengeschichte Maltes zu kreieren.
und Gestalten aus der französischen und russischen Geschichte durcharbeitete er historische 8 Das Malte-Werk ist also ein Resultat von Rilkes Lektüren und Quellenstudien, verknüpft Werke.
mit autobiographischen und literaturgeschichtlichen Hintergründen.
2. Literaturgeschichtlicher Kontext
Rainer Maria Rilke gehört zu der Dichtergeneration, die den „rational betonten Naturalismus durch 9 überwinden wollten. Diese Hinwendung zu einer am Irrationalen orientierten Geisteshaltung“
irrationale Bewegung wird als „Symbolismus“ bezeichnet und fand seinen Ursprung im Jahre 1885 10 Die Vertreter forderten die „Wiederentdeckung der im (…) Naturalismus in Frankreich.
vernachlässigten und (…) verlorenen gegangenen Gefühlswerten und die Rückgewinnung einer von der Subjektivität getragenen Form“. Charakteristisch hierfür sind psychisch-irreale Elemente 11 Der sowie der kosmische Bezug des Menschen und seiner Stellung zu Gott und der Schöpfung. symbolistische Weg ist mit den Schlagwörtern „Seelenschöpfer“, „Mysterium“ und „spiritualistischer 12 Gegenstand der symbolistischen Dichtung ist die Beschäftigung Naturalismus“ gekennzeichnet.
mit dem Einzelmenschen, dessen inneres Seelenleben, seine Gefühlsregungen und seiner Angst
in Verbindung mit dem Metaphysischen dargelegt werden soll.
14
des Individuums geprägt, wie auch im MLB. vom „persönlichen Erleben“
Die Dekadenz-Dichtung, welche die Endzeitstimmung und den Tod thematisierte, wurde auch 15 Die Todesthematik und die damit verbundene unter dem Begriff Symbolismus gefasst.
Existentangst und der Identitätszerfall spielt auch in Rilkes Prosawerk eine zentrale Rolle. Bei MLB handelt es sich um ein Werk, welches in einer Krisensituation der Moderne, in Zeiten der Endzeitstimmung und der neuen Zivilisation, entstanden ist, welches anhand symbolistischer und mystischer Elemente die problematische Beziehung zwischen Ich und Welt thematisiert.
3. Rilke und die Mystik
Rilkes Werke sind Teil einer Strömung der Jahrhundertwende, in der mystische Erfahrungen im Zentrum des literarischen Schaffens sind. Theologen definieren wird die Vereinigung der menschlichen Seele mit Gott als
„Mystik“ bezeichnet, während Philosophen den Begriff als Erkenntnis- oder Wahrheitserfahrung definieren. In der Literaturwissenschaft wird die mystische Erfahrung als „Epiphanie“ bezeichnet. 16 Hierbei soll durch die Sprache eine „unbildliche Erfahrung“ verbildlicht und erfahrbar werden.
7 Loquai, S. 219.
8 Ebd.
9 Hans W. Panthel: Der französische Symbolismus als literarischer Hintergrund beider Dichter. In: Rainer Maria Rilke und Maurice Maeterlink, Berlin 1973. S. 10. 10 Panthel, S. 10. 11 Ebd., S. 11. 12 Ebd., S. 12. 13 Ebd., S. 13. 14 Ebd., S. 13. 15 Ebd., S. 14.
16 Vgl. Martina Wagner-Egelhaaf: Mystik der Moderne. Die visionäre Ästhetik der deutschen Literatur im 20. Jahrhundert. Stuttgart 1989. S. 2.
4
Rilkes Bestreben, das „Unsagbare zu Wort zu bringen, seiner bildhaften, antithetischen Sprache, dem Ding-Symbolismus, der Idee der Abhängigkeit Gottes vom Menschen sowie der zentralen 17 weisen auf die Mystik in seinen Werken hin. Stellung der Todesthematik“
Rilkes Aufenthalte in Frankreich und Russland und die Dekadenz des Zeitalters beeinflussten 18 Rilke setzt die Kritik an „die westliche Malte hinsichtlich seines mystischen Bewusstseins.
Zivilisation, den Rationalismus, die Mechanisierung der Welt, die Unkultur der großen Städte“ mit 19 Rilke bezog sich hierbei auf die Kultur- und Zivilisationskritik der Sehnsucht nach Gott entgegen.
20 und der Problematik der Disharmonie zwischen Ich und Welt. Während in seinen Nietzsches
frühen Werken wie „Das Stundenbuch“ oder „Die Geschichten vom lieben Gott“ die Gotteserfahrung im Vordergrund steht, geht es im MLB mehr um die Suche nach der Identität, die Existenzangst und den Integrationsversuch eines Einzelmenschen in der modernen Zivilisation. Die mystische Erfahrung ist hier durch das fremde Gegenüber von Subjekt und Objekt geprägt. Mystik ist der Weg zur Ent-Einzelung, Ent-Persönlichung und so auch immer wieder der Weg des 21 Leidenden, der Weg aus der Weltangst.
4. Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Malte Laurids Brigge ist ein 28jähriger Adeliger dänisch-ländlicher Herkunft, der von der Grafenfamilie Brahe, väterlicherseits von den Brigges abstammt. Als junger Mann verlässt er seine Familie und reist nach Paris. In dieser großstädtisch-modernen Zivilisationswelt fällt der Dichter in eine tiefe Sinn- und Lebenskrise, die ihn dazu veranlasst, sich in seine Kindheit zu flüchten und 22 So notiert er isoliert in seine zukünftige Existenz nach Vorbild seiner Lektüren zu entwickeln. seinem Apartment seine Gedanken. Die tagebuchähnlichen Aufzeichnungen bestehen aus den gegenwärtigen Paris-.Erfahrungen (1-26), den vergangenen Kindheitserinnerungen (27-53) sowie den Raum und Zeitübergreifenden Lektüren Maltes (54-71).
4.1. Pariser Großstadterfahrung
23 Auf „So, also hierher kommen die Leite um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier.“ diese Weise schildert Malte seine ersten Impressionen der Großstadt Paris, die geprägt sind von Hässlichkeit, Elend, Not, Krankheiten, Angst und Tod. Er sieht Hospitäler, sterbende Menschen, Schwangere vor ihrer Entbindung, Bettler, Prostituierte oder einen Mann, der „blind war und schrie“. Malte erkennt, dass er „Sehen“ lernt, dass er ein Inneres hat, was er noch nicht kennt und in welches bereit für das Äußere ist (MLB, [4]). Malte „sieht“ dabei nicht nur mit den Augen, sondern mit allen Sinnen, um seine Impressionen und den elendigen Zustand der modernen Gesellschaft auszudrücken. So riecht er den Geruch von Jodoform, Pommesfrites und Angst, welches ein Kind im Kinderwagen einatmet (MLB, [1], S. 7) oder hört die Geräusche der industriellen Großstadt, wie elektrische, läutende Bahnen, Automobile oder klirrende Scheiben. (MLB, [2], S. 8) In Paris hat
17 Wagner-Egelhaaf, S. 62.
18 J.H. Wild: Rainer Maria Rilke. Sein Weg zu Gott. Zürich 1936, S. 11. 19 Ebd., S. 67.
20 Manfred Engel: Das mittlere Werk 1902-1910. In: Manfred Engel, Dorothea Lauterbach: Rilke-Handbuch Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart 2004 (Metzler), S. 330.
21 Fritz Dehn: Rainer Maria Rilke und sein Werk. Eine Deutung. Leipzig 1971. S. 100. 22 Engel, S. 320.
23 Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. In: R.M.R.: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Mit einem Nachwort, einer Zeittafel zu Rilke, Anmerkungen und bibliographischen Hinweisen von Franz Loquai. München 2005, 2., überarb. u. erw. Auflage, S. 7-190; hier : S. 7. Im Folgenden zitiert als: MLB, Kapitel- und Seitennummer.
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Malte eine Begegnung mit dem Fremden und Hässlichen, einer neuen, abschreckenden Wirklichkeit. Immer wieder spricht er von Angst und Furcht: „Ich fürchte mich. Gegen die Furcht muß man etwas tun, wenn man sie einmal hat. Es wäre sehr häßlich, hier krank zu werden.“ (MLB, [6], S. 10). Er klagt über das anonyme, „fabrikmäßige Sterben“ in Hotels (MLB [7], S. 11.) und denkt an seinen Großvater Brigge, der im Gegensatz zu den Großstadtmenschen seinen „eigenen Tod“ hatte. (MLB [8], S. 12 ff.)
Das Sehenlernen, die Betrachtung der gesamten Wirklichkeit, bedeutet für Malte auch seine Dichterexistenz: „Ich glaube, ich müsste jetzt anfangen zu arbeiten, jetzt, da ich sehen lerne.“ (MLB, [14], S. 18, 1) Der Dichter Malte verkörpert den einsamen, anonymen Menschen in der Großstadtmasse mit Existenzängsten. Er zählt sich aufgrund seiner sozialen Isolation und seiner Armut zu den „Fortgeworfenen“, den „Abfälle[n] und Schalen von Menschen“ (MLB, [16], S. 34) gehört. Selbst bezeichnet er sich als ein „Nichts“. (MLB, [14], S. 21) So identifiziert er sich mit dem Schrecklichen wie die verfallenen Pariser Häuser, sowie mit einem Sterbenden und dem Epileptiker, versucht sich zu integrieren. Dabei macht Malte eine Entfremdung von allem durch: „Ich bin ja noch gar nicht in dieser Welt eingewöhnt gewesen, die mir gut scheint. Was soll ich in einer anderen?“ (MLB, [18], S. 43) Paris ist für ihn eine „veränderte Welt“ mit „merkwürdigen Versuchungen“, denen er erlegen ist. (MLB, [18], S. 43) Malte empfindet seinen Großstadt-Aufenthalt als eine Veränderung seines Lebens, seines Charakters und seiner Weltanschauung. (Vgl. MLB, [22], S. 58) Er erkennt die Unterschiede zu den Großstadtmenschen Menschen, von denen er sich abtrennt und sehnt sich nach seiner Kindheit im ländlichen Dänemark, wo er unter Hunden in der „verwandten Welt“ leben kann. (MLB, [18], S. 43).
4.2. Kindheitserinnerungen
Die Kindheit als Ort der Harmonie und Geborgenheit soll die Gegenseite zu den entsetzlichen
Herüberrettung in die heillose Gegenwart und die Bewältigung seiner Identitätskrise. Rückblick in die scheinbar idyllische Kindheit bei den Brahes und Brigges im ländlichen Dänemark ist geprägt von Todesfällen, missglückten Geburtstagen, mysteriösen Erlebnissen und Geistererscheinungen. Um geben von skurrilen Familienmitgliedern, ist Malte auch in seiner Kindheit einsam. Zuneigung erhält er nur von seiner Maman und nach deren Tod von ihrer 26 Als sein Vater Schwester Abelone. Malte erkennt, dass er damals schon ein Außenseiter war. stirbt, war Malte schon im Ausland und „kam zu spät“. (MLB, [45], S. 117) Malte wurde von den 27 Denn Vater Brigge wird in seiner Brigges als nichtexistent oder gar für tot erklärt.
„Jägermeisteruniform“ als letztes Stammmitglied der Familie beigesetzt. Sein Wappen, Helm und Siegel werden durch den „Herzstich“ vernichtet. Malte wurde also als letzter Spross der Familie übergangen: „Nun war das Herz durchbohrt, unser Herz, das Herz unseres Geschlechts. (…) „Heute Brigge und nimmermehr““ (MLB, [46], S. 120) Wie Elendgestalten in Paris, wurde von der 28 Dies schien der Beweggrund für ihn gewesen zu sein, seine Familie verstoßen, fortgeworfen.
24 Loquai, S. 223.
25 Ebd., S. 228. 26 Ebd., S. 223. 27 Ebd., S. 228. 28 Ebd., S. 224.
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Sarah Kalis, 2007, Die mystischen Erscheinungen in Rilkes "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", München, GRIN Verlag GmbH
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