Das Florentiner Baptisterium San Giovanni
Kunsthistorisches Institut der Universität Kiel
Ort, Bild und Ritus der christlichen Taufe in ausgewählten Denkmälern der Kunst und
Architektur
Katharina Fee Volling
SomSem 2008
Abgabetermin: 31.08.2008
2
Inhaltsverzeichnis
1
Einleitung ... 3
2
Baugeschichte und allgemeine Baubeschreibung ... 4
3
Die liturgische Anlage und ihr Gebrauch... 5
3.1
Das Florentiner Taufbecken ... 5
3.2
Das Pisaner Taufbecken ... 6
3.3
Der Pisaner und der Florentiner Taufritus... 7
4
Die Deckenkonstruktion und das statische System... 8
5
Stilgeschichtliche Einordnung des Baptisteriums ... 9
5.1
Antikenrezeption ... 9
5.1.1
Die Innenfassade ... 9
5.1.2
Die Außenfassade... 11
5.2
Nicht-Antike Elemente... 13
6
Schluss ... 14
Literaturverzeichnis... 15
3
1
Einleitung
In der vorliegenden Arbeit wird das Florentiner Baptisterium San Giovanni unter besonderer
Berücksichtigung der liturgischen Anlage und ihres Gebrauchs, der Statik des Gebäudes und
seiner stilgeschichtlichen Einordnung betrachtet. Einführend wird die Baugeschichte
zusammen mit einer allgemeinen Baubeschreibung dargestellt. Den ersten Schwerpunkt
dieser Arbeit stellt dann der Themenkreis zum Ort und Ritus der christlichen Taufe im
Florentiner Baptisterium dar, da das Baptisterium zwecks dieser Aufgabe erbaut wurde.
Hierzu gehört eine genauere Betrachtung des mittelalterlichen Taufbeckens. Weil dieses 1577
entfernt wurde
1
, dient ein Vergleich mit dem Pisaner Baptisterium der umfassenderen
Betrachtung. Die dortige Anlage wurde nach dem Vorbild des Florentiner Bassins entworfen
2
.
Der Themenkreis um die Taufe soll durch die Erläuterung des im mittelalterlichen Pisa und
Florenz üblichen Taufritus zum Abschluss gebracht werden.
Im Gegensatz zum Taufbecken findet die Deckenkonstruktion von San Giovanni im Italien
der Entstehungszeit des Baptisteriums keinen Vergleich
3
. Aus diesem Grund befasst sich ein
weiterer Abschnitt der Arbeit mit dem Aufbau der Kuppel und dem damit
zusammenhängenden statischen System des Gebäudes.
Im letzten Abschnitt dieser Arbeit soll es schließlich um das Baptisterium als einem Bau der
Protorenaissance gehen. Es wird beschrieben werden, in wie fern an Innen- und Außenfassade
Antikenrezeptionen auszumachen sind und in welchen Punkten San Giovanni sich von einem
antiken Bau unterscheidet. Hier dient das Pantheon in Rom als Vergleichsbau. Der
florentinische Geschichtsschreiber Giovanni Villani (um 1280-1348) war der erste, der die
Gliederung der Innenfassade des Baptisteriums mit dem Pantheon verglich. Seitdem haben
sich verschiedene Historiker mit dieser These beschäftigt und sie immer wieder bestätigt
4
. Die
wesentlichen Parallelen und Unterschiede sollen hier kurz vorgestellt werden. Für die
Außenfassade gibt es kein solch eindeutiges Vorbild, jedoch wird ihr Aufbau maßgeblich von
der Gliederung des Innern bestimmt
5
. Im Vordergrund wird daher stehen, die Parallelen
zwischen der Gliederung der Innen- und Außenfassade aufzuzeigen und wie diese mit dem
statischen System zusammenhängt.
1
Paatz 1941, S.175
2
Paatz 1941, S. 177
3
Swoboda 1918, S. 75
4
Swoboda 1918, S. 75
5
Paatz 1941, S. 185
4
2
Baugeschichte und allgemeine Baubeschreibung
Das Florentiner Baptisterium zählt zu den Hauptwerken mittelalterlicher Architektur und ist
ein Bauwerk hauptsächlich aus dem späten 11. und frühen 12. Jahrhundert
6
. Die Datierung ist
bis heute nicht eindeutig möglich, da das Baptisterium an einer Stelle erbaut wurde, an der
sich Baureste älterer Kulturen aus dem 1. und 3. Jahrhundert n. Chr. finden lassen
7
. Um zu
einer eindeutigen Datierung des Baptisteriums gelangen zu können, müssten weitere
Ausgrabungen unternommen werden. Die nord- und die südwestliche Hälfte des Platzes um
das Baptisterium sind bereits Ende des 19. Jahrhunderts freigelegt worden, ebenso wie die
Westhälfte unter der Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nur Grabungen an
den verbleibenden Stellen können die Baugeschichte des Baptisteriums ganz
aufdecken
8
.
Urkundlich wurde eine Johanneskirche bereits 897 das erste Mal erwähnt
9
. Doch inzwischen
ist ziemlich sicher, dass es sich dabei nicht um den gleichen Bau handelte, sondern vielmehr
um ein langobardisches Baptisterium, das an gleicher Stelle stand
10
. Von diesem Bau
übernahm der Baumeister des heutigen Florentiner Baptisteriums vermutlich den oktogonalen
Grundriss
11
. Überliefert ist eine Weihe, die Papst Nikolas II. am 6.11.1059 durchführte
12
.
Hierbei handelte es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um die Grundsteinweihe des heutigen
Florentiner Baptisteriums. Die Bautätigkeiten wurden 1150 zum Abschluss gebracht, als dem
achtseitigen, zeltartigen Pyramidendach eine ebenfalls achtseitige Laterne aufgesetzt wurde
13
.
Nachträglich wurden am Baptisterium noch einige wesentliche Änderungen vorgenommen.
So wurde 1202 die ursprünglich halbkreisförmige Apsis an der Westseite des Gebäudes von
einer querrechteckigen Chorkapelle ersetzt, die auch einen eigenen Eingang in Form einer
kleinen Priestertür an der nördlichen Seite erhielt. Von 1250 bis 1300 wurde die achtteilige,
spitzbogige Klostergewölbe-Kuppel mit ihrem heutigen Mosaikschmuck versehen
14
, der das
wichtigste Beispiel seiner Gattung in der Toskana ist
15
. Die einschneidenste Veränderung am
Baptisterium wurde jedoch 1577 durch Bernado Buontalenti (1523-1608, Florentinischer
Maler und Architekt) vorgenommen, als dieser entgegen der Proteste der Bürgerschaft das
6
Paatz 1941, S. 178
7
Giusti 2000, S. 15
8
Paatz 1941, S. 175
9
Swoboda 1918, S. 59
10
Paatz 1941, S. 173
11
Paatz 1941, S. 178
12
Giusti 2000, S. 16
13
Paatz 1941, S. 174
14
Paatz 1941, S. 174
15
Paatz 1941, S. 200
5
ursprüngliche Taufbecken und den dazugehörigen Kanonikerchor entfernen und zerstören
ließ
16
.
3
Die liturgische Anlage und ihr Gebrauch
3.1
Das Florentiner Taufbecken
Das von Buontalenti entfernte Taufbecken (vgl. Abschnitt 2) entstand 1128. Es ahmte in
seiner achteckigen Form den Grundriss des Baptisteriums nach und stand in der Mitte des
Raumes. Die heute sichtbare, nicht dekorierte Fläche im Boden markiert die Größe eines
Schrankenachtecks, welches das Taufbecken umgab. Auch die Maße des eigentlichen
Taufbeckens kann man noch heute anhand eines unter dem Boden befindlichen blockartigen
Fundamentes rekonstruieren
17
(siehe Grundriss: Abb.1). Hieraus und aus der Beschreibung
von Giovanni Boccaccio (1313-1375, Schriftsteller und Dichter; lebte größtenteils in Florenz)
kann geschlossen werden, dass das Taufbecken ungefähr zwölf Menschen aufnehmen
konnte
18
. Vier brunnenartige Schächte sogenannte Pozzi , die innerhalb des Beckens an
vier Ecken angebracht waren, boten je einer weiteren Person Platz; sie dienten den Priestern
während der Taufe als Standort
19
.
Zusammen mit dem Kanonikerchor bildete das Taufbecken eine einheitliche Anlage, die mit
Marmor kunstvoll inkrustiert war
20
. Zeugen hierfür sind die zwei Platten, die im Museo del
Opera del Duomo in Florenz gelagert werden. Es sind zwei Seiten der acht Wände des
Taufbeckens und zeigen, wie diese verziert waren
21
. Vermutlich war jede Seitenwand in zwei
nebeneinander angeordnete Kassetten geteilt
22
. Wie in Abbildung 2 zu sehen ist, sind diese
Kassetten von einer Rahmenleiste umgeben. Innerhalb des Feldes, das von der Rahmenleiste
umgeben wird, befindet sich ein auf die Spitze gestelltes Quadrat. Zwischen Rahmen und
Quadrat sind die freibleibenden Flächen mit schwarzen, halbkreisförmigen und vier
dreieckigen Marmorstücken verziert. Das Quadrat bildet seinerseits einen Rahmen für das
ebenfalls quadratische innere Feld, in dem sich eine Rosette befindet. Die einzelnen Rosetten
sind alle in sehr ähnlicher Ausführung; vermutlich besaß jede Seitenwand zwei identische
Rosetten. Innerer und äußerer Rahmen sind mit einfachen ornamentalen Verzierungen
geschmückt und sind vermutlich ebenso wie die Marmorinkrustation an allen Kassetten
16
Paatz 1941, S. 175
17
Paatz 1941, S. 177
18
Paatz 1941, S. 231
19
Paatz 1941, S. 230
20
Paatz 1941, S. 177
21
Paatz 1941, S. 229
22
Paatz 1941, S. 177
6
übereinstimmend gewesen. Diese Schlüsse lässt ein Vergleich beider noch erhaltener
Seitenwände zu (siehe Abb. 3).
3.2
Das Pisaner Taufbecken
Auch das Pisaner Taufbecken ist als achteckiges Bassin auf einem Sockel von drei Stufen
angelegt worden und weist die gleichen vier in dem Becken befindlichen Schächte für die
Priester auf (siehe Abb.4). Ursprünglich besaß Pisa ein deutlich kleineres Becken, erhielt
dann aber 1246 das noch heute vorhandene Becken, welches von Guido Bigarelli de Cumo
gefertigt wurde
23
. Hierüber liefert die Inschrift, die in der Innenseite des Beckens zu finden
ist, Auskunft:
A·D·MCC·XLVI·SVB·IACOBO·RECTORE·LOCI·GVIDO·
BIGARELLI·DE·CVMO·FECIT·OPVS·HOC
24
Die acht Wände des Beckens sind wie in Florenz in jeweils zwei quadratische Kassetten
untergliedert, die mit Rosettenschmuck und Marmorintarsia verziert sind. Der Stil des Pisaner
Beckens ist jedoch deutlich fortgeschrittener
25
. Für seine Einlegearbeiten nutzte Bigarelli
bunten Marmor und seine ornamentalen Verzierungen sind ungleich feiner und reicher (vgl.
Abb. 2/3 mit Abb. 5/6). Jede Kassette ist anders gestaltet (siehe Abb. 5) und selbst die
Umrahmungen sind an keiner der acht Wände gleich (siehe Abb. 6). Was gleich ist, ist das
Grundmuster: in einem quadratischen Feld befindet sich ein Kreis, in dem wiederum ein reich
durchbrochener Rosettenschmuck Platz findet.
Ein weiteres Zeichen für eine höher entwickelte Stilstufe stellen die Tier- und Menschenköpfe
dar. Zwar versuchte Bigarelli nicht, an den Figurenreichtum byzantinischer und antiker
Vorbilder anzuknüpfen
26
; dennoch finden sich an jedem der vier Tangentenpunkte der
Rosettenkreise Köpfe von Figuren, die ebenfalls alle in individueller Ausführung gestaltet
sind (siehe Abb. 7). Auf solch figuralen Schmuck verzichtete der Florentiner Künstler ganz.
Zudem ließ Bigarelli die Köpfe, aber auch die Rosetten und Umrahmungen deutlich weiter
aus der Fläche hervortreten, als es noch der Künstler des Florentiner Beckens knapp 120 Jahre
zuvor getan hatte.
23
Schubring 1902, S. 33
24
Schubring 1902, S. 37
25
Swoboda 1918, S. 56
26
Schubring 1902, S. 36
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