Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Revolution und Selbstsowjetisierung. 2
2.1 Der Partisanenkrieg zwischen Aufstand und Revolution. 3
2.2. Selbstsowjetisierung. 5
3. Strategien des Terrors. 7
3.1. Liquidationen 8
3.2 Die Inhaftierung und Vertreibung der Volksdeutschen 10
3.3. Prozesse. 11
4. Motive 13
5. Anmerkungen zur Forschungslage. 15
6. Conclusio 17
1
1. Einleitung
Der US-Botschafter John C. Cabot trat sein Amt 1946 in der jugoslawischen Hauptstadt Belgrad an und hielt seine Erlebnisse im noch jungen sozialistischen Staat in Berichten an seine amerikanischen Kollegen im Foreign Service fest. Jugoslawien erschien ihm als den Vereinigten Staaten überaus feindlich gesinnt („a cold yielding hatred“) und er betrachtete mit Sorge die Durchführung von Aktionen der regierenden jugoslawischen Kommunisten gegen die amerikanische Botschaft: „Belgrade is about as difficult and exasperating a post as I have ever had and I must confess it is a depressing experience to be here. (..) At the Moment the Jugs are conducting a charming campaign to harass, humiliate and intimidate the Embassy by pinching Jug employees, giving officers the runaround, etc. Give me, oh Lord, a long temper!” 1 Sein Kollege John C. Campbell formulierte die damalige amerikanische Einschätzung des Regimes unter Josip Broz Tito: “We regarded the Yugoslavs as being the toughest pro-Soviets of all the Eastern European governments.” 2
Die in außenpolitischen Belangen prosowjetische Einstellung der jugoslawischen Führung ging einher mit einer entsprechenden Innenpolitik. Die Kommunistische Partei Jugoslawiens (KPJ) ging gerade in den ersten Jahren des Bestehens des sozialistischen Staates hart gegen vermutete und tatsächliche Gegner vor und verbreitete wohl kalkuliert Angst und Schrecken in der Bevölkerung. Repression und Terror waren dabei Charakteristika und als legitim betrachtete Mittel der kommunistischen Herrschaftsausübung.
„Angst“, so beschrieb der slowenische Schriftsteller und spätere Dissident Edvard Kocbek die damalige Atmosphäre in der jugoslawischen Gesellschaft in seiner Novelle ‚Die dunkle Seite des Mondes‘, "zeugt Unglück auf Unglück. Wer Angst hat, wird blind und gefährlich, und seine Gefährlichkeit zeugt neue Angst." 3
In dieser Arbeit sollen unter Herstellung des historischen Kontexts die Strategien und Motive des ausgeübten Terrors dargelegt werden. Es soll herausgestellt werden, daß der Terror der Nachkriegsjahre ebenso Ausdruck einer stalinistischen Ideologie ist und dem sich aus den
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spezifischen Umständen der jugoslawischen Revolution speisenden Vergeltungsbedürfnis war. Seine machtpolitische Bedeutung lag in der temporären oder endgültigen Entfernung möglicher oder tatsächlicher Gegner, die dem neuen Staat Widerstand entgegenbringen konnten.
2. Revolution und Selbstsowjetisierung
Es bedurfte ungewöhnlicher Umstände, um der Kommunistischen Partei Jugoslawiens (KPJ) den Weg zur Macht zu ebnen. 1919 gegründet, vermochte sie es 1920, in den Wahlen im damaligen jugoslawischen Königreich 4 auf Anhieb die Position der drittstärksten Partei zu erreichen und 60 000 Mitglieder zu vereinigen. Nach mehreren Anschlägen auf bürgerliche Politiker und der Ermordung des Innenministers Drašković wurde die Partei 1921 verboten, da sie „bereit gewesen sei, eine brutale Revolution nach russischem Vorbild“ zu durchzuführen. 5 Politisch versank die KPJ, deren Mitglieder im Folgenden Verfolgungen durch die Staatsorgane ausgesetzt waren, in die Bedeutungslosigkeit.
1928 setzte ein Prozeß der „vollständigen Bolschewisierung“ ein, an dessen Ende die Partei organisatorisch gestrafft und „strikt stalinistisch“ war. 6 Sie war dabei auch vom Stalinistischen Terror betroffen, dem 1937 der Generalsekretär Milan Gorkić und etwa 800 weitere Mitglieder zum Opfer fielen.
1940 setzte sich der der bislang als Komintern-Funktionär fungierende Josip Broz Tito als Generalsekretär durch und stellte auf einer Konferenz im Oktober das Ende der stalinistischen Säuberungen fest. Edvard Kardelj, der Chefideologe der Partei, sah in seinem Beitrag der nationalsozialistischen Bedrohung entgegen und stellte für einen etwaigen Widerstand fest, daß dieser „progressiven“ Charakter haben müsse und damit eine Systemveränderung in Form einer Revolution anstrebe. 7
Obgleich der Zweite Weltkrieg in Europa bereits ausgebrochen war, blieb das Königreich Jugoslawien bis zum April 1941 von einer Involvierung in Kampfhandlungen verschont. Erkauft wurde dies mit einem außenpolitischen Kurs, der sich weitgehend den Achsenmächten annäherte und dessen vorläufiger Höhepunkt der beabsichtigte Beitritt zum Dreimächtepakt war, der am
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27.3.1941 erfolgen sollte. Die Regierung Cvetković -Maček wurde nach Protesten in Belgrad und einem Militärputsch zum Rücktritt gezwungen, um eine außenpolitische Korrektur zu bewirken. Im ökonomisch geschwächten und politisch tief gespaltenen Staat betrachteten sich die Ethnien mit zunehmendem Mißtrauen, der sich im Besonderen im ständigen serbischkroatischen Gegensatz manifestierte. 8 . Die deutsche Reaktion erfolgte umgehend: am 06.04. begann der deutsche Überfall auf Jugoslawien, dem die Monarchie militärisch kaum etwas entgegenzusetzen hatte und bereits am 17.04.1941 kapitulierte. Die Regierung samt Regenten, Petar Karađorđević, floh nunmehr ins Londoner Exil und blieb formal weiterhin bestehen - ohne jedoch nennenswerten Einfluß auf die folgenden Ereignisse zu haben.
2.1 Der Partisanenkrieg zwischen Aufstand und Revolution
Der 22. Juni 1941 markierte den Beginn der Partisanenbewegung: An diesem Tag rief die KPJ zum Widerstand gegen die deutschen und italienischen Besatzungsmächte sowie der inzwischen formierten Kollaborationsregime auf. Initiierender Moment war jedoch nicht die Situation im eigenen Land, wie Milovan Đilas erläuterte, sondern der deutsche Überfall auf die Sowjetunion, zu dessen Schutz sich die Partei verpflichtet fühlte und einer entsprechenden Weisung aus Moskau folgte. 9
Widerstandspotenzial barg vor allem der inzwischen tobende Bürgerkrieg im Land, für den vor allem die Ereignisse im „Unabhängigen Staat Kroatien“ 10 , der bereits am 10.04. proklamiert wurde, ursächlich waren. Hier war auf Betreiben der deutschen und italienischen Besatzungsmacht die radikale und nationalistische Ustaša-Bewegung unter ihrem Führer Ante Pavelić an die Macht gelangt. 11 Diese Organisation war überzeugt von ihrer eigenen Superiorität und identifizierte in politisch Andersdenkenden, Serben und Juden Gegner, die potentiell gefährlich für den noch jungen Staat und damit gewaltsam zu beseitigen waren. Entsprechende diskriminierende Maßnahmen wurden kurz nach der Machtübernahme ergriffen, diese kulminierten in Massenerschießungen und der Errichtung von Konzentrationslagern. Im unter offizieller deutscher Militärverwaltung stehenden Serbien bildete sich im Mai bereits eine Widerstandsbewegung, die Četnici, die als Reaktion auf die Greuel an der serbischen
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Bevölkerung gegen die Ustaša und die deutsche Besatzungsmacht gerichtet war - gegenüber letzterer beschränkte man sich jedoch auf eine weitgehend passive Strategie. 12 Politisch setzte sich diese Bewegung für eine Widerherstellung der Monarchie unter serbischer Dominanz ein. In Ausweitung ihrer Aktivitäten auf das Gebiet der NDH, übte sie Rache an der muslimischen und kroatischen Bevölkerung und strebten etwa danach, „Bosnien von allem zu reinigen, was nicht serbisch ist.“ 13
In diesem Konflikt boten die Partisanen mit dem Konzept einer breiten und multinationalen antifaschistischen Widerstandsfront und in ihrer sozialistischen politischen Prägung eine weitere politische Alternative. Zwar strebte die KPJ nach der politischen Führungsrolle, doch wurden Angehörige anderer politischer Überzeugungen ebenso aufgenommen. Aus dieser politischen Spannbreite generierte sich die Anziehungskraft dieser Bewegung. Ihre politischen Zielsetzungen formulierten die Partisanen in einem eigens eingerichteten Kriegsparlament, dem Antifaschistischem Rat der Volksbefreiung Jugoslawiens 14 , das für einen gemeinsamen Staat mit föderalen Strukturen unter Gleichberechtigung aller Nationen eintrat.
Terror war in dieser militärischen Auseinandersetzung ein legitimes Mittel, bei der es immer stärker um die Nachkriegsordnung und weniger um den Kampf gegen die Besatzungsmächte ging. Die Bereitschaft zur Anwendung von Terror speiste sich bei den Partisanen aus dem Verständnis des Aufstandes als systemverändernde Revolution. In mehreren Regionen wurde vor allem in den ersten beiden Jahren von terroristischen Maßnahmen, dem sogenannten „red terror“, der das Niederbrennen von als feindlich rezipierten Dörfern und der Konfiszierung von feindlichem Eigentum beinhaltete, Gebrauch gemacht. 15 Zudem erhielten Partisaneneinheiten Erschießungsquoten, die einzuhalten waren. Die Namen der Ermordeten wurden in Publikationen veröffentlicht, versehen mit dem drohenden Zusatz „to be continued“. 16
Mit der Befreiung von Gebieten erfolgte ab 1944 verstärkt eine Säuberung der jeweiligen Territorien von feindlichen Kräften, die für die militärischen Gegner in summarischen Exekutionen endeten und auch bereits in Prozessen durch eilig formierte Zivil- und Militärgerichte mündeten. Dabei war bereits, wie Đilas in seinen Erinnerungen festhielt, die „bloße Zugehörigkeit“ zu einer Formation ausreichend. 17 Dies ist insofern bedeutsam, als sich
Arbeit zitieren:
Martina Pataca, 2007, Die dunkle Seite des Mondes - Repression und Terror im sozialistischen Jugoslawien (1944-46), München, GRIN Verlag GmbH
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