Inhaltsangabe:
1. Einleitung: der klassische Doppelgänger als Sonderform des ´Anderen´ 3
Begriffserweiterung 3
2. Beschreibung des modernen Doppelgängers an Hand wichtiger Stationen. 4
2 . 1 Vorspiel des modernen ´Doppelgängers´: Goethe und das Andere. 4
2.2 Erste Manifestation des klassischen Doppelgängers. 6
2.3 Abstraktion des sog. Doppelgängers. 9
2.4 Generalisierte Formen des sog. Doppelgängers. Dekonstruierte Metaphysik. 11
3. Schluss. 17
2
1. Einleitung: der klassische Doppelgänger als Sonderform des ´Anderen´. Begriffserweiterung.
Der Diskurs der geisteswissenschaftlichen Disziplinen lebt nicht primär davon, dass er exakte Fakten liefert, sondern vielmehr vom Austausch der Ergebnisse verschiedener Sichtweisen. Als eine Art Handlungsträger dieser wissenschaftlichen Diskussion ist der Forschende hier in größerem Maße als etwa jener der Physik abhängig von den Begriffen, die er gebraucht und von der Art des Sprechens, die so entsteht. Während jener vorwiegend auf die Informationen angewiesen ist, die sich in Form exakter Werte aus bestimmten Experimenten ergeben, geht es hier mehr um die Kommunikation, aus welcher die Brennpunkte entstehen, welche die Aufmerksamkeit der forschenden Gemeinde auf sich zieht. Auf diese Weise entstehen neue Probleme, ergeben sich Lösungen und neue Sichtweisen. Schließlich kommt es somit dazu, dass hier die Terminologie ständig im Wandel begriffen ist. Es gilt also von Zeit zu Zeit, die Begriffe zu überdenken, die benutzt werden. Aus diesem Grund sei diesem Text als literaturwissenschaftliche Arbeit zum Ziel gesetzt, einen bestimmten Begriff in seiner Definition zu ändern: da in Kittlers Aufsatz 1 zur Entstehung des Doppelgängers in der Literatur für verschiedene Erscheinungen dieses Motivs der gleiche Begriff benutzt wird, erscheint es mir sinnvoll, statt der Bezeichnung dieses Phänomens als ´Doppelgänger´ den Terminus ´das Andere´ 2 einzuführen. Es wird sich zeigen, dass bei ersterer in strenger Beschreibung lediglich eine Sonderform des zweiten vorliegt. Weiterhin wird sich zeigen, dass die Genese des bei Kittler als ´Doppelgänger´ Bezeichneten eine bestimmte Art der Entwicklung, nämlich die der sukzessiven Abstraktion aufweist, welche eine angemessenere Definition des Gemeinten verlangt. Es sollen daher die verschiedenen Typen des Anderen dargestellt werden. Von diesem Punkt ausgehend lässt sich mittels der allgemeineren Definition (das Andere) der Schluss ziehen, dass diese Erscheinung (des sog. Doppelgängers) nicht erst in der Zeit auftritt, in welche
1 Kittler, Friedrich: Romantik - Psychoanalyse - Film: Eine Doppelgängergeschichte. In: Hoerisch, Jochen (Hrsg.), Tholen, Georg Christoph (Mithrsg.). Eingebildete Texte. Affairen zwischen Psychoanalyse und Literaturwissenschaft. München, 1985. S. 118-135.
2 Mir ist bewusst, dass diese Bezeichnung an den Begriff des Anderen bei Lacan erinnert. Während dieser jedoch
die Erfindung des Subjekts gelegt wurde 3 . Die Stationen hingegen, zwischen welchen Kittler seine Argumentation aufspannt, nämlich Romantik, Psychoanalyse und Film, scheinen mir gut geeignet als Orientierungspunkte für die Ausführungen zu diesem Thema. Allgemein lässt sich bereits jetzt sagen, dass die Thematik des sog. Doppelgängers einen guten Indikator für die Diskussion um die Bedingung und Konstitution des Subjektes, was immer dieses auch sein mag, abgibt. Es soll hier also eine Kritik der bisherigen Definition geleistet und somit ein größerer Themenkomplex vereint werden. Dazu wird der ´Doppelgänger´ in seinen allgemeinsten Ausprägungen angesprochen werden, etwa in Form des Films, um so die Möglichkeit der Diskussion dieses Themas zu erweitern.
2. Beschreibung des modernen Doppelgängers an Hand wichtiger Stationen.
Die von Kittler gewählten historischen Stationen, die er auswählt, um sein Thema auszuführen, halte ich für sinnvoll. Auch hier sollen sie als Orientierungspunkte dienen, um eine Beschreibung der verschiedenen Typen des Doppelgängers zu geben.
2. 1 Vorspiel des modernen ´Doppelgängers´: Goethe und das Andere.
Die Beschäftigung mit der Geschichte der Menschheit zeigt, dass das Phänomen, welches sich in unserer Zeit als der sog. Doppelgänger manifestiert, in anderer Form schon immer existent war. Zu jeder Zeit kannte der Mensch etwas, dass ihm unerklärlich gegenüberstand und dennoch mit ihm auf gewisse Weise in Verbindung stand. Allem was unkontrollierbar und ohne Rücksicht auf ihn einwirkte, erhielt den
3 Vgl. Foucault
4
Nimbus der Willkür höherer Mächte, denen man Opfer zu bringen hatte, um sie zu beschwichtigen und für sich dienlich zu machen. Zunächst aber sollen hier die Formen des Doppelgängers behandelt werden, welche in jüngerer Zeit - hier: Klassik/Romantik bis heute - auftreten.
So sei zunächst an dieser Stelle mit Goethe zu beginnen, mit Goethe als Symbol der Wende von der ´alten´ Zeit zur Moderne. Nicht zu unrecht wurde er bezeichnet
als “Prototyp des modernen Menschen“ 4 , sind doch die Worte über die Doppelnatur der Seele, welche er seinem Faust in den Mund legt bereits in die alltägliche Sprache eingegangen, was immer ein Zeichen für die Aktualität einer Sache darstellt.
Es sei somit neben der Episode aus dem Wilhelm Meister 5 darauf hingewiesen, dass Goethe sich über sein Werk hinaus im persönlich-alltäglichen Bereich der Polyphonie der seelischen Regungen bewusst war. So finden sich in Eckermanns Aufzeichnungen seiner Gespräche mit Goethe sehr aufschlussreiche Aussagen, welche den ´Olympier´ und somit die schulmäßig als aufklärerische und vernunftbestimmte Klassik in einem anderen Licht erscheinen lassen:
“>Das Dämonische<, sagte er [Goethe], >ist dasjenige, was durch Verstand und Vernunft nicht aufzulösen ist. In meiner Natur liegt es nicht, aber ich bin ihm unterworfen.<“ 6
Selbst für Goethe also ist die Welt und im Besonderen die menschliche Seele nicht vollkommen mit den Mitteln der Vernunft erfassbar. Es gibt Dinge, die auf andere Weise begreifbar werden. Auf die Frage Eckermanns, ob sich das ´Dämonische´ nicht auch in den Begebenheiten zeige, antwortet Goethe, es manifestiere sich “auf die verschiedenste Weise in der ganzen Natur, in der unsichtbaren wie in der
sichtbaren“ 7 . Nehmen wir nun die Episode aus dem Meister, als von Menschen bewusst inszenierte und im Gegensatz dazu die Ahnung des Dämonischen als unpersönlich abstraktem Ausdruck des ´Doppelgängers´, so sehen wir bereits in
4 vgl. Koob, Olaf: Das Ich und sein Doppelgänger. Zur Psychologie des Schattens. Stuttgart, Berlin, 1998. S. 235
5 vgl. Kittler (1985), S. 121f. u. Frenzel, Elisabeth: Motive der Weltliteratur: Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. 4., überarb. u. ergänzte Aufl. Stuttgart, 1992. S. 101f.
6 Zit. Nach: Koob (1998), S 237.
7 ebd.
5
groben Zügen das über den Doppelgänger in Person hinausgehende Feld des abstrakten Doppelgängertums, des ´Anderen´.
An dieser Stelle wäre noch hinzuweisen auf die Gedanken Schillers über die von ihm jeweils so bezeichnete naive und sentimentalische Dichtung, welche die kulturell bedingte Trennung künstlerisch tätiger Menschen in einander entgegengesetzte Lager aufzeigt. Dieser Umstand weist meiner Meinung nach auf eine mögliche Erklärung des Entstehens des ´Doppelgängers´ seiner Zeit hin. Das Phänomen hätte demnach seine Ausprägung in dieser Form mitunter dem Umstand zu verdanken, dass das Kollektiv - auch außerhalb des kulturellen Bereichs - mit fortschreitender Technisierung zunehmend spezialisierte Individuen hervorbrachte. Als Gegenreaktion zum hochdifferenzierten Menschen aber ergeben sich vom Bewusstsein abgetrennte Reservate, welche ihren Ausdruck in der projizierten Form des Doppelgängers als konkrete Person bedingen.
2.2 Erste Manifestation des klassischen Doppelgängers.
Die uns wohl geläufigste Art des klassischen Doppelgängers - klassische sei hier gemeint im Sinne von richtungsweisend - findet mit Elisabeth Frenzel 8 gesprochen ihren Durchbruch im Werk Jean Pauls. So treten in dessen Geschichte über seinen Siebenkäs dann “voll ausgestaltete Doppelgänger auf, die obendrein ihre Namen, Leibgeber und Siebenkäs, ausgetauscht haben.“ 9 Die andere Person hat in der romantischen Literatur vor allem die Eigenschaften, den Körper einer Person zu besitzen, während das Verhalten im Gegensatz zum ´Leibgeber´ wie Frenzel es nennt, steht.
Es ist daher logisch und richtig, dass Kittler seinen Text, der im Grunde nichts anderes darstellt, als einen Abriss der Geschichte des modernen Doppelgängers, mit dem Vorfall in Chamissos Gedicht beginnen lässt, welcher in seinem Zimmer dem eigenen Spiegelbild begegnet, wobei eine eigenartige Antinomie besteht: während das Physische gewissermaßen 1:1 kopiert wird, geschieht mit dem Charakter der Person, der seelischen Eigenschaften, das Gegenläufige. Alle Aussagen des
8 Frenzel (1992), S. 102
9 ebd.
6
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Christian Herzig, 2001, Variationen des Doppelgängers oder das Andere, Munich, GRIN Publishing GmbH
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