Seminar: „Grundlagen christlicher Ethik”
2001
Thema:
Die religiöse Akkommodation des Pater Matteo Ricci
Lt Andreas Hönicke
Universität der Bundeswehr München
Staats – und Sozialwissenschaften Jahrgang 1999
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Forschungsgegenstand und Materiallage S. 3
1.2. Fragestellungen und Schwerpunkte der Arbeit S. 3
2. Riccis und die chinesischen Religionen
2.1. Möglichkeiten der positiven Bewertung fremder religiöser Traditionen S. 4
2.2. Riccis Beurteilung von Buddhismus und Taoismus S. 5
2.3. Hinwendung zum Konfuzianismus – allgemeine Aspekte S. 6
3. Akkommodation der Begriffe
3.1. Gottesbegriff
3.1.1. Geschichte und Gebrauch S. 8
3.1.2. Riccis Erklärungsbemühungen S. 11
3.1.3. Das Kruzifix und die Leidensgeschichte Christi S. 12
3.2. Die Schöpfung S. 15
3.3. Die Seele S. 16
3.4. Hölle und Paradies S. 17
4. Schluß S. 19
5. Literaturverzeichnis S. 20
6. Internetlinks S. 20
1. Einleitung
1.1. Forschungsgegenstand und Materiallage
Im Rahmen der folgenden Seminararbeit möchte ich die Akkommodation christlicher Grundbegriffe während der Chinamission des Jesuitenpaters Matteo Ricci genauer beleuchten. Meine ausführliche Literaturrecherche ergab eine Vielzahl von Monographien und Aufsätzen, welche sich mit diesem Thema auseinandersetzen. Allerdings findet man auf deutschsprachigem Terrain häufig nur oberflächliche Abhandlungen, gerade was die in dieser Arbeit näher betrachtete religiöse Akkommodation betrifft. Ausnahmen stellen hierbei zum einen das recht umfassende Werk von Johannes Bettray, die Geschichte der Jesuitenmission Gernet’s und die kürzlich erschienene Arbeit von Wenchao Li dar, welche sich ausschließlich mit religiösen Aspekt des Anpassungsvorgangs beschäftigt. Leider war es mir aufgrund sprachlicher Einschränkungen nicht möglich, italienische Originaldokumente in meine Betrachtungen einzubeziehen, welche aber zum Großteil in der von mir verwendeten Literatur bereits berücksichtigt sind.
1.2. Fragestellungen und Schwerpunkte der Arbeit
Ziel meiner Arbeit ist es, gemäß Gliederung spezifische Fragestellungen zur Akkommodation zu bearbeiten. Hierbei möchte ich meinen Schwerpunkt auf das chinesische und europäische Verständnis ausgewählter christlicher Grundbegriffe legen und zeigen, welche Anknüpfungspunkte Matteo Ricci in den Werken des Frühkonfuzianismus fand. Nach einer kurzen theoretischen Einführung in religiöse Akkommodationsmodelle möchte ich anschließend auf allgemeine Standpunkte der Jesuitenmission gegenüber den Religionen Chinas eingehen. Darauffolgend werde ich mit der Analyse der Begriffsakkommodation beginnen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Gottesbegriffes, welcher um praktische Aussagen über den Umgang mit dem gekreuzigten, menschgewordenen Christus ergänzt wird. Innerhalb dieser Arbeit möchte ich versuchen aufzuzeigen, welche Möglichkeiten und produktiven Ansätze sich durch das konsequente Anwenden des neuen Missionskonzeptes boten, aber auch an welche Grenzen die Jesuitenmönche dabei stießen. Den Abschluß bildet eine Zusammenfassung sowie das Literaturverzeichnis.
2. Riccis und die chinesischen Religionen
2.1. Möglichkeiten der positiven Bewertung fremder religiöser Traditionen
Für einen Missionar wie Ricci gab es zwei grundsätzliche Möglichkeiten der positiven Bewertung fremder religiöser Traditionen: die Theologia naturalis und die Theologia prisca.
Letztere bezog sich auf Uroffenbarung in und nach dem Paradies. Sie ging der alttestamentlichen Offenbarung voraus und hinterließ darum ihre Spuren auch bei nicht-christlichen Völkern. Diese Denklinie war vor allem in der Patristik und der Renaissance weit verbreitet.1 Zu ihren Hauptvertretern in Europa zählte Athanasius Kirchner. Ende des 17. Jahrhunderts griff Joachim Bouvet den Gedanken erneut auf und begründete die Gemeinschaft der Figuristen. Diese versuchten in chinesischer und christlicher Chronologie eine gemeinsame Uroffenbarung zu finden und respektierten dabei im Gegensatz zu Matteo Ricci auch Aspekte von Taoismus und Neokonfuzianismus. Ricci hingegen war ein Anhänger der Theologia naturalis, welche auf der Grundlage der Apostelgeschichte 17, 27-28, sowie Römer 1,19-20, 2,14-15 basierte. Das Konzept ging davon aus, daß dem Menschen kraft seines Geschöpfseins auch außerhalb der geschichtlichen Offenbarung zwar nicht der Zugang zu den eigentlichen Glaubensmysterien, wohl aber die Erkenntnis bestimmter religiössittlicher Überzeugungen möglich ist. Dies beinhaltet das Erkennen eines persönlichen Schöpfergottes, der Geistigkeit und der Unsterblichkeit der Seele, der Freiheit des menschlichen Willens und des natürlichen Sittengesetzes.2 Fanden sich in fremden Kulturen in diesem Sinne interpretierbare Überzeugungen, konnten diese Erkenntnisse akzeptiert und positiv integriert werden. Besonders deutlich spiegelte sich diese Ansicht im Werk „Die wahre Lehre über den Herrn des Himmels“ wider, worin Riccis Anlehnung an den Konfuzianismus ablesbar war.
2.2. Riccis Beurteilung von Buddhismus und Taoismus
In den ersten Jahren des 17. Jahrhunderts faßte Ricci sein Studium der chinesischen Religionen zum Werk „Storia del introduzione dell Christianesimo in Cina“ zusammen.
Er benannte drei „chinesische Sekten", wobei der Begriff Sekte eher als Philosophenschule verstanden werden sollte. Die "Sekte der Idole", das heißt der chinesische Buddhismus, und die "Sekte des Laozu", sprich: Taoismus bildeten mit einer Vielzahl von magischen Praktiken, Götter-und Geisterglauben die vom Volk getragenen Religionen. Als offizielle Staatsideologie bzw. Staatsreligion fungierte der Konfuzianismus – die hohe Schule von Philosophie und Moral, verinnerlicht durch die mit der Staatsführung vertrauten Literaten.3 Pater Ricci lehnte die Buddhisten pauschal als Idolverehrer ab. Er kritisierte das Fehlen gewisser Grundelemente einer natürlichen christlichen Gotteslehre. Hinzu kam sein negativer Eindruck von den Bonzen, den er sich nach und nach verschaffte.4
Einer der Hauptkritikpunkte war der Aspekt der Wiedergeburt. Ricci stellte in seinem Katechismus fest, daß dem wiedergeborenen Menschen keinerlei Intellektualität oder Erinnerungsvermögen seiner alten Seele zur Verfügung stand. Weiterhin könnten Menschseelen in Tieren unmöglich existieren. Dies belegte er mit der Drei- Stufen-Lehre, nach der die Seelen in vegetative, sensitive und intellektive kategorisiert werden können.5 Einem Tier wäre es demzufolge unmöglich letztere in sich zu tragen, so daß die Seele als individuell und nicht anpassungsfähig betrachtet werden sollte. Ricci kritisierte, daß die Buddhisten zwar einerseits kein Fleisch aßen, um die Seele des eventuell wiedergeborenen Verwandten zu schützen, andererseits aber auf Ochsen ritten und mit Peitschen vor den Pflug zwangen.6 Vielgötterei und Vergötzung wurden ebenfalls beanstandet und vor allem in brieflichen Disputen mit Bonzen zum Ausdruck gebracht.
[....]
1 http://www.bildungssystem.purespace.de/Natuerliche.htm
2 Schatz, Klaus: Kulturelle Optionen der Jesuiten in China, in: Li, Wenchao und Poser, Hans (Hrsg.): Das Neueste über China. G.W. Leibnizens Novissima Sinica von 1697, Stuttgart 2000, S. 73
3 Hoffmann-Herreros, Johann: Matteo Ricci. Den Chinesen ein Chinese sein – ein Missionar sucht neue Wege, Mainz 1990, S. 40-44.
4 Bettray, Johannes: Die Akkommodationsmethode des Pater Matteo Ricci in China, Rom 1955, S. 256.
5 ebenda.
6 Hoffmann-Herreros, S. 94.
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Andreas Hönicke, 2001, Die religiöse Akkommodation des Pater Matteo Ricci, Munich, GRIN Publishing GmbH
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