Inhaltsverzeichnis
ABK ÜRZUNGSVERZEICHNIS. V
TABELLENVERZEICHNIS VII
VORWORT.............................................................................................................. VIII
1 GRUNDLEGUNG. 1
1.1 EINLEITUNG 1
1.2 DIE FORSCHUNG ZUR GESCHICHTE DER KJS DER DDR 4
1.2.1 Vorbemerkungen. 4
1.2.2 Die DDR-Forschung. 5
1.2.3 Die BRD-Forschung bis 1990. 7
1.2.4 Die gesamtdeutsche Forschung nach 1990. 9
2 ZUR ENTWICKLUNG VON KÖRPERKULTUR UND SPORT IN DER SBZ /
DDR BIS ZUR GRÜNDUNG DER KJS (1945-1953) 11
2.1 VORBEMERKUNGEN 11
2.2 ANMERKUNGEN ZUM ZUSTAND DES DEUTSCHEN SPORTS IN DER
UNMITTELBAREN NACHKRIEGSZEIT 11
2.3 ZUR NEUORGANISATION DES SPORTS IN DER SBZ / DDR NACH 1945 UNTER
BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG DER ENTWICKLUNG IN MAGDEBURG 14
2.4 ZUR GENESE DES SCHULSPORTS IN DER SBZ / DDR 20
3 ANREGUNGEN UND MAßNAHMEN ZUR ERRICHTUNG SPORTLICHER
SPEZIALSCHULEN IN DER DDR IM VORFELD DER GRÜNDUNG DER
KJS MAGDEBURG (1950-1953) 24
3.1 VORBEMERKUNGEN 24
3.2 ZUR KONFRONTATION MIT DEM KJS-MODELL DER SOWJETUNION 25
3.3 DAS PROJEKT „ZENTRALE JUGENDSPORTSCHULE NORDHAUSEN“ 26
3.4 ZUR ENTSTEHUNG UND ERÖFFNUNG DER ERSTEN SPORTSCHULEN DER DDR. 30
4 DIE ERÖFFNUNG DER KJS MAGDEBURG UND IHR BESTEHEN ALS
SPORTBETONTE SCHULE (1953-1962) 36
4.1 VORBEMERKUNGEN 36
4.2 ZUR ERÖFFNUNG DER KJS MAGDEBURG 36
4.3 ZUR ENTWICKLUNG UND KONSOLIDIERUNG DER KJS MAGDEBURG IN DEN
1950ER JAHREN 41
4.3.1 Zur schulischen Entwicklung der KJS 41
4.3.2 Zur sportlichen Entwicklung der KJS. 44
4.3.3 Zur Entwicklung der Internatsstruktur. 48
4.4 ZUR UMGESTALTUNG DER KJS ZWISCHEN 1958 UND 1962 51
III
5 DIE KJS MAGDEBURG ALS „SPEZIALSCHULE DES SPORTLICHEN
NACHWUCHSES“ (1962-1975) ..........................................................................54 5.1 VORBEMERKUNGEN ........................................................................................54
5.2 DIE PLANERISCHEN GRUNDLAGEN ZUR UMSETZUNG DER „MAßNAHMEN ZUR
ENTWICKLUNG DER KJS DER DDR ZU SPEZIALSCHULEN DES SPORTLICHEN
NACHWUCHSES“ AN DER KJS MAGDEBURG......................................................55
5.3 ZUR PRAKTISCHEN UMSETZUNG DER „MAßNAHMEN ZUR ENTWICKLUNG DER
KJS DER DDR ZU SPEZIALSCHULEN DES SPORTLICHEN NACHWUCHSES“ AN
DER KJS MAGDEBURG VON 1962 BIS 1975 .....................................................58
5.3.1 Zu den Veränderungen im schulischen Bereich................................58
5.3.2 Zu den Auswirkungen der Maßnahmen auf den sportlichen
Bereich ..............................................................................................66
5.3.3 Zur Entwicklung der Internatsstruktur................................................72
5.3.4 Anmerkungen zur Situation der Trainingsstätten ..............................75
6 ZUM SCHULNEUBAU DER KJS MAGDEBURG IN DER FRIEDRICH-
EBERT-STRAßE (1976) ......................................................................................79
7 DIE WEITERE PROFILIERUNG DER KJS MAGDEBURG ALS
EINRICHTUNG FÜR DEN HOCHLEISTUNGSSPORTS (1975-1990) ................83
7.1 VORBEMERKUNGEN ........................................................................................83
7.2 ZUR ENTWICKLUNG DER KJS MAGDEBURG IM SCHULISCHEN BEREICH ...............84
7.3 ZUR ENTWICKLUNG DER KJS MAGDEBURG IM SPORTLICHEN BEREICH ...............88 8 ZUR UMGESTALTUNG DER KJS MAGDEBURG IN EIN
SPORTGYMNASIUM (1990-1991)......................................................................92
1 Grundlegung
1.1 Einleitung
Das Sportsystem der DDR mit seinen unzähligen Erfolgen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften hat über Jahre hinweg Bewunderung, Anerkennung, Staunen, Neugier und Neid hervorgerufen - je nach Standpunkt des Betrachters. Die Entwicklung dieses Sportsystems war in dieser Form nur möglich, weil der totalitäre Herrschaftsanspruch der SED auch den Sport nicht überging, sondern ihn im Gegenteil so stark förderte, wie es noch nie ein Staat in der Geschichte getan hat. Der Sport wurde politisch instrumentalisiert und entwickelte sich zum am stärksten ausgeprägten Subsystem der DDR (vgl. Gallinat, 1997, S. 11). Er wurde als Identitätsträger des Staates, ja sogar des gesamten politischen Systems genutzt.
Die identitätstragenden Erfolge des DDR-Sports bedurften jedoch einer äußerst aufwendigen und kostenintensiven Vorbereitung. Es entstand ein dreistufiges Fördersystem, welches im letzten Jahr seines Bestehens fast 80.000 Sportler einbezog (vgl. Anlage 2). Das wichtige Bindeglied in diesem System, das die Kinder und Jugendlichen in den 1.692 Trainingszentren und -stützpunkten (1. Förderstufe) auf die Arbeit in einem der 27 Sportclubs (3. Förderstufe) vorbereiten sollte, waren die am Ende 25 Kinder- und Jugendsportschulen (KJS), welche die zweite Förderstufe darstellten. Bis zur Auflösung der DDR und der anschließenden Öffnung der Archive für die Forschung waren die KJS über Jahrzehnte hinweg eine zwar weltweit bekannte, aber geheimnisumwobene Erscheinung. Dies resultierte aus der von der DDR-Sportführung initiierten Geheimhaltung und führte zur kausalen Verknüpfung der KJS mit dem Aufstieg der DDR zur Sportweltmacht. Eine der ersten dieser auf den Sport ausgerichteten Spezialschulen war die KJS Magdeburg, deren historische Entwicklung von der Gründung 1953 bis zum Ende, dem Übergang zum Sportgymnasium 1991, im Folgenden aufgezeigt wird.
1
Es soll herausgearbeitet werden, unter welchen Voraussetzungen und Motiven die Schule entstand und welchen Fortgang ihre Genese nahm. Da das Verständnis hierfür eine mindestens in Grundlagen vorhandene Kenntnis von der Herkunft sowie der Planung und Umsetzung der Idee einer sportbetonten Schule voraussetzt, werden die Anregungen und Maßnahmen zur Entstehung von Sportschulen in der DDR im dritten Kapitel kurz erläutert. Dem wird im zweiten Kapitel vorangestellt, wie sich der Sport allgemein in der SBZ / DDR herausbildete, da ein entsprechender Entwicklungsstand im Bereich des Sports die Grundlage für ein Nachdenken über entsprechende Spezialschulen darstellt. Dabei wird der regionalen Entwicklung in Magdeburg besondere Beachtung geschenkt. Auch die Anfänge des Schulsports, der die Grundvoraussetzung für eine sportbetonte Schule bildet, werden in diesem Kapitel betrachtet.
Mit diesem Grundwissen um die Genese und den Zustand des Sports und des Schulsports sowie um den Entwicklungsstand bei der Herausbildung der KJS in der DDR zum Zeitpunkt der Entstehung der Sportschule in Magdeburg als Basis - diese kann im Rahmen dieser Arbeit nur überblicksartig und unvollständig ausfallen - wird in den darauffolgenden Kapiteln die Genese der Kinder- und Jugendsportschule Magdeburg detaillierter dargestellt. Dazu wird der gesamte Betrachtungszeitraum von 1953 bis 1991 nach der von Helfritsch und Becker (1993) erschaffenen chronologischen Vierteilung gegliedert.
1. Die KJS als allgemeinbildende Schule mit erweitertem Sportunterricht und beginnender Förderung sportbegabter Schüler in ihren Spezialsportarten und -disziplinen (1953-1962) 2. Die Entwicklung der KJS zu Spezialschulen für den Leistungssport (1962-1975)
3. Die weitere Profilierung der KJS als Einrichtungen für den Hochleistungssport (1975-1990)
4. Die Dezentralisierung der KJS und ihre Umgestaltung zu Gesamtschulen bzw. Gymnasien mit sportlichem Schwerpunkt (nach 1990)
2
Innerhalb dieser Etappen werden jeweils die Entwicklung der Schule (Struktur, Schüler, Lehrer), die Entwicklung des Sports (leistungssportliche Ausprägung, Sportunterricht, Sportlehrer, Training, Trainer) sowie die 1 schwerpunktmäßig untersucht, da sich Entwicklung der Internatsstruktur darin die Besonderheiten dieser Schulform widerspiegeln. Das Kapitel sechs gleicht einem Exkurs zur Thematik des Schulneubaus und schildert explizit die diesbezüglichen Bemühungen sowie die Probleme und deren Bewältigung auf dem Weg zum Schulumzug im Jahre 1976. Zwar gehört dieser Teil der KJS-Geschichte in die dritte Entwicklungsphase, seine Ursprünge liegen indes schon in den frühen 1960er Jahren. Deswegen und weil der Schulneubau die wohl wesentlichste Veränderung für die KJS Magdeburg nach der allgemeinen Umstrukturierung von 1963 darstellt, ist dieser Thematik ein eigenes Kapitel gewidmet.
Hinsichtlich der verfügbaren Literatur muss grundsätzlich zwischen solchen Schriften unterschieden werden, die sich explizit mit der Geschichte der KJS Magdeburg befassen, jenen Arbeiten, die allgemein die KJS der DDR thematisieren und den Veröffentlichungen, welche die Sportentwicklung der SBZ / DDR zum Gegenstand haben.
Für den letztgenannten Bereich, der aus besagten Gründen für diese Arbeit von Interesse ist, erweist sich die Literaturlage als vergleichsweise gut. Gerade von der neuesten Forschung wurde die Genese der Sportstruktur in der SBZ / DDR recht ausführlich behandelt. Für das zweite Kapitel dieser Arbeit werden vornehmlich die Sammelbände von Becker und Buss (2001) sowie Nitsch und Peiffer (1995), außerdem die Monografie von Gallinat (1997) und für die Schulsportentwicklung die Arbeit von Thomas (1999) herangezogen.
Die Literatur zur Entwicklung der KJS der DDR ist sehr ausführlich, sie ist jedoch, gerade bei älteren Arbeiten, kritisch zu betrachten. Daher erachtet es der Verfasser als wichtig und notwendig, einen kurzen Literaturbericht zur
1 Da sich in der dritten und vierten Entwicklungsphase bezüglich der Internatsstruktur in Magdeburg
keine Veränderungen mehr ergaben, wird in den Kapiteln sieben und acht auf ein explizites
Unterkapitel verzichtet.
3
Thematik zu geben, der im Kapitel 1.2 zu finden ist. Dieser ist jedoch bewusst kurz gehalten, um das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren.
Texte, die sich explizit mit der Geschichte der KJS Magdeburg befassen, stehen lediglich in rein publizistischer Art zur Verfügung. Im Speziellen sind das die Chronik vom Förderverein des Sportgymnasiums Magdeburg e.V. (2003), die von Olfert (2003) geschriebene 21-teilige Volksstimme-Serie „50 Jahre Sportschule Magdeburg“ sowie die Jubiläumsbroschüre zum zehnjährigen Bestehen der KJS Magdeburg (o.J.). Da dies einer wissenschaftlichen Schrift nicht genügt, basiert diese Arbeit auf denzumindest bis 1976 - zahlreichen Akten aus den Beständen des Stadtarchivs Magdeburg (StadtAM) sowie des Landeshauptarchivs Sachsen-Anhalt, Abteilung Magdeburg (LHASA, MD). Auch der Besuch des Schularchivs des Sportgymnasiums Magdeburg war sehr hilfreich, da dieses fast alle Klassenlisten aufbewahrt, die in der Arbeit zu statistischen Auswertungen herangezogen werden. Diese Klassenlisten sind für die Zeit von 1977 bis 1990 auch die einzigen zur Verfügung stehenden Quellen.
1.2 Die Forschung zur Geschichte der KJS der DDR
1.2.1 Vorbemerkungen
Im Folgenden wird die Forschung zur KJS der DDR von den 1950er Jahren bis zur Gegenwart skizziert. Bei der Beschäftigung mit der Literatur werden wesentliche Unterschiede zwischen der DDR-Forschung, der
bundesdeutschen Forschung bis 1990 und der gesamtdeutschen Forschung nach 1990 bezüglich der Wahrnehmung, der Interessenschwerpunkte und letztlich der Bewertung deutlich. Die Arbeiten vor 1990 gleichen auf beiden Seiten oftmals weniger einer wissenschaftlichen Untersuchung als vielmehr polemischen Erklärungsversuchen, die vom „Wettkampf der Systeme“ geprägt waren. Daher hatte die Forschung nach 1990 die schwierige Aufgabe, das vorhandene Bild der KJS einem modernen wissenschaftlichen Anspruch genügend darzustellen und gegebenenfalls zu korrigieren. Dieser
4
Prozess ist längst noch nicht abgeschlossen. Im Folgenden wird ein Überblick über die DDR-Forschung, die BRD-Forschung vor 1990 und die gesamtdeutsche Forschung nach 1990 gegeben, um die differierenden Darstellungsweisen aufzuzeigen.
1.2.2 Die DDR-Forschung
In der DDR-Forschung sind die KJS von Beginn an ein weitreichend erörtertes Thema. Bereits vor der Gründung der ersten Sportschulen berichtet Boywitt (1952), die als Referentin im Ministerium für Volksbildung (MfV) maßgeblich an der Schaffung und der Entwicklung der frühen KJS beteiligt war, über den Zweck und die Voraussetzungen dieser Einrichtungen. Die Arbeit gleicht einem Leitfaden zum Aufbau von Kindersportschulen - es wird beschrieben, welche materiellen, medizinischen und pädagogischen Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine Sportschule eingerichtet werden kann.
Im Laufe der 1950er Jahre erschien eine Vielzahl von Zeitschriftenartikeln, in denen die Schulen als überaus fortschrittliche und vorbildhafte Bildungseinrichtungen dargestellt werden. Diese Arbeiten wurden in der Regel von involvierten Personen, wie etwa (stellvertretenden) KJS-Direktoren, MfV-Funktionären etc. verfasst und berichten meist vom Aufbau der Schulen selbst oder von der Lösung verschiedener Probleme. Helbig (1954), Direktor der KJS Karl-Marx-Stadt, sieht die Aufgabe der Sportschulen noch darin, „den Trainer-, Sportlehrer- und Sportärztenachwuchs vorzubereiten“, wobei er auch anführt, dass „sich weitere Perspektiven auf sportlichem Gebiet eröffnen, die wir noch nicht übersehen können (BSG-Leiter, Spartenleiter, Spitzensportler usw.)“ (S. 12). Friedrich (1957a, 1957b), für die KJS zuständiger Referent im MfV und später Direktor der KJS Nordhausen, akzentuiert in seiner Bilanz der ersten fünf Jahre die Herausbildung von jungen Leistungssportlern als Aufgabe der KJS schon deutlicher. Eine Fülle weiterer Arbeiten der 1950er Jahre ist nach dem gleichen Schema aufgebaut. In fast allen wird betont, dass die KJS einen
5
allgemeinbildenden Charakter haben und zu einem normalen Abschluss führen, mit dem auch sportfremde Berufe erlernt werden können. Überhaupt werden die schulischen Leistungen als wichtiges Kriterium für den Besuch 2 . Auch wird mehrfach betont, dass eine entsprechende einer KJS genannt
Quote an Arbeiter- und Bauernkindern (mindestens 50%) an den KJS lernt, um dem Anspruch der DDR, ein Arbeiter- und Bauernstaat zu sein, gerecht zu werden.
Bäskau (1957a), stellvertretender Direktor der KJS Rostock, beschreibt hingegen besondere Probleme, welche die KJS mit sich brachten. So befasst er sich zum Beispiel mit der Belastung der Schüler an den KJS und bemängelt die nicht ausreichende Abstimmung zwischen Schule und Training oder er stellt seine Erfahrungen aus der Zusammenarbeit zwischen der KJS und dem SC Empor in Rostock dar, die, wie er betont, nicht ohne Spannungen und Meinungsverschiedenheiten verlief (vgl. Bäskau, 1957b). In Bäskaus Darstellungen wird der Weg angedeutet, der dann ab 1960 konsequent gegangen wurde: Die autonome Stellung der KJS wurde aufgegeben, die Schulen den SC angeschlossen und aus den Schulen mit sportbetonter Prägung wurden Spezialschulen des sportlichen
Nachwuchses. Mit dieser Entwicklung aus sporthistorischer Sicht beschäftigt sich Bäskau dann in seiner Dissertation ausführlich (vgl. Bäskau, 1962). Fortan ist in der öffentlich zugänglichen Literatur kaum mehr etwas über die KJS zu lesen. Lediglich Nennungen von KJS bei Auszeichnungen, Erlebnisberichte bekannter Sportler oder Jubiläumsschriften der Schulen gaben Kunde von der Existenz der Bildungseinrichtungen. Das heißt allerdings nicht, dass sich die Forschung nicht mit den Spezialschulen beschäftigt hätte. In den 1970er Jahren wurden in Halberstadt, später in Magdeburg, Forschungsgruppen eingerichtet, die sich mit den Themen „Training im frühen Schulalter“, „Didaktisch-methodische Gestaltung des allgemeinbildenden Unterrichts“, „Persönlichkeitsentwicklung und Lebensgestaltung“ und „Zusammenwirkung mit den Eltern und Zusammenarbeit von KJS und SC“ beschäftigen, um die KJS noch effektiver
2 So führt z.B. Friedrich (1957a, S. 522) gute schulische Leistungen als ersten Punkt, besondere
sportliche Leistungen hingegen erst als vierten Anforderungspunkt auf.
6
zu gestalten. Die Ergebnisse dieser Arbeit waren allerdings nur einem kleinen Personenkreis zugänglich (vgl. Helfritsch & Becker, 1993, S. 9).
1.2.3 Die BRD-Forschung bis 1990
In der Bundesrepublik wurde die Einrichtung der ersten KJS ab 1952/53 zunächst kaum wahrgenommen. Zwar äußert Peltzig (1952) bereits vage Vorstellungen über Kindersportschulen in der DDR, jedoch erst Richter (1957) macht auf westdeutscher Seite ernsthaft auf die KJS aufmerksam und sieht bereits deren Ziel darin, künftige Leistungssportler auszubilden. Zur Mitte der 1960er Jahre wurde dann die Forschung zur Thematik der KJS wieder aufgegriffen, also zu einem Zeitpunkt, zu dem in der DDR keine allgemein zugänglichen Arbeiten zur KJS mehr veröffentlicht wurden. Ausschlaggebend war nicht zuletzt eine Diskussion darüber, ob ein ähnliches Schulmodell auch in der Bundesrepublik praxistauglich wäre. Diese entbrannte nach dem schlechten Abschneiden der westdeutschen Mannschaften bei den Olympiaausscheidungen des Jahres 1964 3 . Als dann zwei Jahre später die Olympischen Spiele von 1972 nach München vergeben wurden, befürchteten viele „das ,Schreckgespenst’ des Überranntwerdens auf eigenem Boden“ (Brögel, 1967, S. 377). So lehnen etwa Böhlmann (1966), Paschen (1966, 1969) oder Karger (1967) eine sportbetonte Schule aus pädagogischer Sicht nicht unbedingt ab, sondern sehen in ihr vielmehr eine wirkungsvolle Möglichkeit der Talentsuche und -förderung. Brögel (1967, 1969) hingegen hält ein Übertragen dieser zentral gesteuerten Schulform auf das föderalistisch geprägte Schulsystem Westdeutschlands für sehr fragwürdig und erkennt bereits, dass die KJS nur einen Teil des umfassenden Leistungssportsystems der DDR darstellen und daher nicht isoliert betrachtet werden können (vgl. Brögel, 1967, S. 377-378). Insgesamt werden in zahlreichen westdeutschen Veröffentlichungen der 1960er Jahre die augenscheinlichen Merkmale der KJS, wie etwa das
3 Bis einschließlich 1964 traten beide deutsche Staaten mit einer gemeinsamen, gesamtdeutschen
Mannschaft bei den Olympischen Spielen an. In den verschiedenen Sportarten wurde ein
Vergleichswettkampf zwischen den Sportlern der DDR und denen der BRD ausgetragen und die
jeweils Bestplatzierten gehörten zum gesamtdeutschen Aufgebot.
7
erweiterte Sportangebot, die gute materielle Ausstattung, eine Internatsunterbringung oder die gezielte Auswahl von Schülern und Lehrern, sowie der leistungsorientierte Charakter dieser Schulen erkannt und herausgestellt. Ein tieferer Einblick zu Problemen, zur Planung oder zu organisatorischen Abläufen kann jedoch nicht gegeben werden. Es scheint, dass die westdeutschen Kenntnisse vom KJS-System der tatsächlichen 4 Entwicklung desselben hinterherhinkten .
Diese Wissenslücke wuchs im Laufe der Zeit immer weiter an. Während der 1960er Jahre wurde der Informationsfluss aus der DDR zunehmend 5 spärlicher . Neue Veröffentlichungen waren nicht mehr für jedermann zugänglich und bereits vorhandene wurden nicht mehr verliehen (vgl. Brögel, 1967, S. 378). Spätestens mit dem Schreiben des MfV an die Räte der Bezirke vom 29.05.1970 riss der Informationsfluss nach Westdeutschland ganz ab. In diesem Schreiben wird darauf aufmerksam gemacht, dass der Bundesausschuss zur Förderung des Leistungssports des westdeutschen Sportbundes ausführliche Informationen über die Entwicklung des Leistungssports in der DDR zu erhalten versuche und dass jegliche Anfragen zur Arbeitsweise der KJS etc. nicht zu beantworten seien und statt dessen dem DTSB-Vizepräsidenten übermittelt werden sollen (Schreiben des Ministerrates der DDR an den Rat des Bezirkes vom 29.05.1970; LHASA, Nr. 7881, o.Bl.).
Die wenigen zu Beginn der 1970er Jahre erschienenen Publikationen beziehen sich in der Regel auf ältere Veröffentlichungen, so dass in der Bundesrepublik seit dieser Zeit nichts Neues mehr bekannt wurde. Zwar wagt Knecht (1978) erneut den Versuch, das KJS-System zu beschreiben, sein Bild ist jedoch sehr undifferenziert und fernab der Realität. Fortan
4 So bezieht sich beispielsweise Böhlmann (1966) auf die KJS in ihrer Zeit als sportbetonte Schule,
obwohl sie 1966 schon eine Spezialschule mit stark veränderten Strukturen war. Weiterhin waren
nicht einmal die genauen Standorte der KJS bekannt (vgl. Brögel, 1969, S. 297).
5 Ein eindrucksvolles Beispiel ist die mehrfach aufgelegte „Kleine Enzyklopädie Körperkultur und
Sport“. Während die erste Auflage (1960) etwa 250 Wörter zur KJS enthält, schrumpfte der
Umfang der dritten Auflage (1965) auf etwa 75 Wörter und die vierte und fünfte Auflage (1972
bzw. 1979) kommen mit knapp 50 Wörtern aus, wobei die letztgenannte nicht einmal den Begriff
„Kinder- und Jugendsportschule“ im Stichwortverzeichnis führt (vgl. Hoffmann, 2003, S. 4).
8
erschienen keine Beiträge mehr zu den KJS. Die Schulen werden lediglich als Teil des Sportförderungssystems der DDR erwähnt.
1.2.4 Die gesamtdeutsche Forschung nach 1990
Nach der politischen Wende, der Wiedervereinigung und der folgenden Öffnung der DDR-Archive wurde die Forschung zur Thematik der KJS wieder aufgenommen. Erste Veröffentlichungen, wie etwa die von Rott (1991), Ledig und Wojciechowski (1993) oder Brettschneider, Heim, Drenkow und Hummel (1994), beschäftigen sich mit der Zukunft der KJS. Im Rahmen der Erörterung des Problems der Umgestaltung der Sportschulen und der Arbeitsweise ihrer Nachfolger werden die Eigenschaften der KJS dargestellt, ohne dass jedoch neue Erkenntnisse zum Vorschein kommen. Es werden lediglich die konstitutiven Merkmale der KJS (Internate, sportmedizinische Kontrolle, Anpassung des Unterrichts an das Training, Einzelunterricht, Schulzeitstreckung etc.) zusammengefasst. Die Autoren stützen sich in ihren Arbeiten vornehmlich auf Zeitzeugenbefragungen oder eigene Erfahrungen. Eine erste ausführliche Analyse der KJS erfolgt durch Helfritsch und Becker (1993), die erstmals die seither zur Verfügung stehenden Archivdokumente nutzten. Die Verfasser prägten auch die Strukturierung der KJS-Entwicklung, die sie aufgrund mehrerer signifikanter Umgestaltungen in vier Etappen zusammenfassen: 1. Die KJS als allgemeinbildende Schulen mit erweitertem Sportunterricht (1952-1961); 2. Die Entwicklung der KJS zu Spezialschulen für den Leistungssport (1962-1975); 3. Die weitere Profilierung der KJS als Einrichtungen für den Hochleistungssport (1975-1990); 4. Die Dezentralisierung der KJS und ihre Umgestaltung zu Gesamtschulen / Gymnasien mit sportlichem Schwerpunkt (nach 1990). Helfritsch (1997) gibt einen fundierten Überblick über die Entstehung und Entwicklung der KJS bis zur Auflösung der DDR, ohne allerdings auf die politischen Rahmenbedingungen tiefgreifend einzugehen. Nachfolgende Autoren konzentrieren sich auf Begebenheiten an einzelnen KJS oder auf verschiedene Teilbereiche der Entwicklung. Ahrens (2000)
9
erzählt in einer Art Erlebnisbericht über sein Wirken als Direktor an der KJS Leipzig und gibt, ähnlich wie Ledig (2001) oder Boelcke (2002), einen Einblick in den Alltag der KJS aus der Perspektive eines Insiders. Albiez (2001, 2002) legt am Beispiel der KJS Jena die Kontrolle der Sportschüler durch das MfS dar. Reichelt (2001) und Korte (2001) beschränken sich, ebenso wie Wiese (2001) und Falkner (2003), auf die Entwicklung der KJS in den 1950er und 1960er Jahren und stützen ihre Arbeiten auf zahlreiche Quellen aus den Archiven des ZK der SED, des MfV, des STAKO und des DTSB. Daher ist es ihnen möglich, die politischen Intentionen zu beleuchten und ein umfassenderes Bild der Entstehungszeit zu geben. Wiese (2001, 2004) und Falkner (2003) gehen bei ihren Darstellungen auch ausführlich auf die Vorgeschichte der KJS-Gründungen ein und sehen deren Ursprung im Modell der Sowjetunion (SU).
Für die Zeit der 1970er und 1980er Jahre gibt neben den Autoren der genannten älteren Darstellungen nur Hoffmann (2003) Auskunft, der, bezogen auf die gesamte Geschichte der KJS, den Fokus auf den Konflikt zwischen MfV und DTSB bezüglich eines „humaneren Kinderhochleistungssports“ legt.
Einen umfassenden Bericht über die Geschichte der KJS erarbeitet derzeit Wiese. In seiner geplanten Dissertation beabsichtigt er, die Organisationsstruktur des KJS-Systems, „anhand der Kriterienpaare ,Lenkung und Kontrolle’, ,Verflechtung und Abgrenzung’ sowie ‚Erfolg und Misserfolg’ im gesamten Betrachtungszeitraum“ (1949-1990) zu überprüfen (Wiese, 2006, S. 63).
10
2 Zur Entwicklung von Körperkultur und Sport in der SBZ /
DDR bis zur Gründung der KJS (1945-1953)
2.1 Vorbemerkungen
Um das Interesse an und die damit verbundene Entstehung von sportbetonten Schulen in der DDR zu veranschaulichen, erscheint es sinnvoll, einen grundlegenden Überblick über die Entwicklung des Sports in der SBZ bzw. der frühen DDR zu geben. Nur mit dem Wissen über die rechtlichen, materiellen und personellen Voraussetzungen ist es möglich, die Genese der KJS im Allgemeinen und die der KJS Magdeburg im Speziellen adäquat zu beleuchten und zu verstehen. Ebenso erweist es sich als hilfreich, die frühe Entwicklung des Schulsports in der SBZ / DDR darzustellen, da nur so die Besonderheiten der sich konstituierenden Sportschulen herausgestellt werden können. Beides, die Genese des Sports als solche und die Entstehung des Schulsports, soll im folgenden Kapitel in einem idealtypischen Überblick zur Strukturgeschichte verdeutlicht werden. Auf regionale Besonderheiten wird nur, soweit dies möglich ist, bezüglich der Entwicklung in Magdeburg eingegangen. Der Überblick soll zeigen, welchen Stand die Entwicklung dieser zwei Bereiche des Sports bei der Einrichtung der ersten Sportschulen der DDR im September 1952 erreicht hatte und wie dieser zustande kam.
2.2 Anmerkungen zum Zustand des deutschen Sports in der unmittelbaren Nachkriegszeit
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zeigte sich in ganz Deutschland bezüglich des Sports ein analoges Bild. Viele Sportstätten waren zerstört, andere wurden zweckentfremdet als Lazarette, Lagerhallen oder Notunterkünfte gebraucht. Intakte Sportstätten wurden nicht selten von den örtlichen Vertretern der Besatzungsmächte genutzt und waren somit der Bevölkerung nicht oder nur schwer zugänglich (vgl. Gallinat, 1997, S. 34).
11
Neben den entsprechenden Sportanlagen fehlte es auch an Sportgeräten und -bekleidung. Die materielle Hinterlassenschaft des zusammengebrochenen nationalsozialistischen Sportsystems war katastrophal. Weiterhin beherrschten Hunger, Armut und zerstörte Städte das Bild. Die Bevölkerung hatte, selbst wenn das Interesse bestand, kaum die Möglichkeit, sich sportlich zu betätigen.
Dennoch gab es bereits kurz nach dem Kriegsende Gedanken zur Wiederbelebung des Sports, deren Umsetzung aber, wie das gesamte öffentliche Leben in Deutschland, der strengen Gesetzgebung der Alliierten unterlag.
Es erscheint nicht verwunderlich, dass der Bereich des Sports zunächst eine inferiore Rolle in der Politik der Besatzungsmächte spielte 6 . Entsprechende Gesetze und Verordnungen betrafen den Sport daher anfangs nur indirekt durch den Prozess der Entnazifizierung und der Entmilitarisierung. Hier sei zunächst der Befehl Nr. 1 des Chefs der Besatzung in Berlin vom 28. April 1945 genannt, der die NSDAP und die ihr unterstellten Organisationen und damit den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen (NSRL) und die ihm unterstellten Verbände und Vereine verbot. Dieses Verbot galt zwar nur für Berlin, in anderen Ländern und Städten der SBZ wurden allerdings ähnliche Regelungen erlassen, die sich am Befehl Nr. 1 orientierten (vgl. Gallinat, 1997, S. 28). Das Fehlen einer einheitlichen Vorgabe machte sich allerdings beim Aufbau einer Sportsozialisation bemerkbar, da sämtliche Entscheidungen diesbezüglich der lokalen Militärverwaltung oblagen und somit willkürlich waren. Die regionale Sportentwicklung lag daher im persönlichen Ermessensspielraum des zuständigen Kontrolloffiziers (vgl. Nitsch, 1990, S. 32). Mit der Konstituierung des Alliierten Kontrollrates am 30. Juli 1945 wurden dann einheitliche Bestimmungen für ganz Deutschland erlassen. In der Proklamation Nr. 2 vom 20. September 1945 wurden die NSDAP und mit ihr der NSRL samt der ihm unterstellten Verbände und Vereine endgültig für
6 An Bedeutung gewann der Sport lediglich durch die historische Erfahrung mit den illegalen
paramilitärischen Organisationen der 1920er Jahre. Dadurch bedurfte er aus Gründen der Sicherheit
und Kontrolle rechtssystematisch einer gesonderten Regulierung (vgl. Mai, 1990, S. 97).
12
aufgelöst erklärt. Weiterhin wurden alle Gruppen und Organisationen verboten,
„die militärische Eigenschaften entwickeln könnten, [...] gleichgültig, ob derartige Organisationen oder Gruppen angeblich politischer, erzieherischer [...] sportlicher oder irgendwelcher anderer Natur sind“ (Frost et al., 1991, Dok. 4, S. 6).
Das Kontrollratsgesetz Nr. 2 über die Auflösung und Liquidierung der 7 und das Gesetz Nr. 8 über die Naziorganisationen vom 10. Oktober 1945 Ausschaltung und das Verbot der militärischen Ausbildung vom 30. November 1945 eliminierten die nationalsozialistische Sportstruktur endgültig. Mit diesen Maßnahmen sollte ein erneuter Missbrauch des Sports für militärische Zwecke in Deutschland seitens der alliierten Besatzungspolitik verhindert werden (vgl. Keiderling, 1995, S. 157). Eine weitere, in diesem Zusammenhang häufig zitierte Weisung ist die Kontrollratsdirektive Nr. 23 vom 17. Dezember 1945 über die Beschränkung und Entmilitarisierung des Sportwesens in Deutschland. In dieser wurden erneut alle vor der Kapitulation in Deutschland bestehenden „sportlichen, militärischen oder paramilitärischen athletischen Organisationen (Klubs, Vereinigungen, Anstalten und andere[.] Organisationen)“ verboten. Es wurde die Auflage erteilt, diese bis spätestens zum 1. Januar 1946 aufzulösen. Ebenfalls verboten wurde die „Ausbildung in athletischen Übungen militärischen oder militärähnlichen Charakters“. Aber diese Weisung kam keinesfalls einer Liquidierung des Sportes an sich gleich, denn es wurde explizit und erstmals erwähnt, dass die Existenz und die Neugründung von nichtmilitärischen Sportorganisationen gestattet sei. Allerdings mussten diese von der entsprechenden örtlichen
Besatzungsbehörde genehmigt werden und sie durften das Niveau eines Kreises nicht überschreiten, wenn nicht die ausdrückliche Erlaubnis des Zonenbefehlshabers vorlag (Frost et al., 1991, Dok. 6, S. 8-9).
7 Der NSRL ist hier neben anderen Organisationen explizit aufgeführt (Frost et al., 1991, Dok. 5, S.
8).
13
Zwar erscheint diese Direktive auf den ersten Blick wie ein Startsignal zur Wiederbelebung des Sports in neuen Strukturen, jedoch blieb ihre tatsächliche Wirkung relativ gering (vgl. Mai, 1990, S. 97). Die Weisung richtete sich nicht an die Deutschen, sondern an die Zonenkommandeure, welche auch zuvor schon eine relativ freie Hand hatten. Somit änderte die Kontrollratsdirektive Nr. 23 faktisch nicht viel an der Sportentwicklung in Deutschland. Dieser Umstand ist auch darin ersichtlich, dass die Initiativen zur Wiederbelebung des Sports schon sehr viel früher einsetzten. Denn all den ungünstigen äußeren Bedingungen zum Trotz begann schon sehr bald eine „Normalisierung des Lebens“, die auch sportliche Betätigungen in verschiedenen Formen beinhaltete. Dazu gehörten Tanzveranstaltungen, Kinderfeste mit Sport und Spiel oder Wanderungen (vgl. Wonneberger, 2001, S. 194). Aber auch erste Fußballspiele fanden schon ab Ende Mai 1945 etwa in Hamburg, Berlin oder Frankfurt/M., zumeist gegen Armeemannschaften der Besatzungsmächte, statt (vgl. Teichler, 2002, S. 24). Das Bedürfnis der Bevölkerung nach sportlicher Betätigung war vorhanden und es wurde im Rahmen der bescheidenen materiellen und rechtlichen Möglichkeiten zu befriedigen versucht.
2.3 Zur Neuorganisation des Sports in der SBZ / DDR nach 1945 unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklung in Magdeburg
Wenngleich die äußeren Umstände für ein Sporttreiben im ländlichen und im kleinstädtischen Bereich aufgrund des geringeren Zerstörungsgrades weitaus günstiger waren, begann die Belebung des Sportbetriebes zunächst in den größeren Städten (vgl. Nitsch, 1990, S. 30). In der SBZ entwickelte 8 nach dem Vorbild Berlins. Am 15. Mai 1945 wurde sich ein Kommunalsport
nach einer sowjetischen Weisung der Magistrat der Stadt Berlin eingesetzt. Er galt als kommunalpolitisches Modell für die Errichtung einer neuen
8 Mit Kommunalsport wird die sportliche Betätigung im Rahmen und unter Aufsicht einer
kommunalen Sportbehörde bezeichnet (vgl. Keiderling, 1995, S. 159).
14
Staatlichkeit in der Sowjetzone. Eine solche Beispielrolle sollte auch dem neu entstehenden Sportwesen der Stadt zukommen (vgl. Keiderling, 1995, S. 158). 9 die Beim Aufbau der Berliner Verwaltung, bei dem die „Gruppe Ulbricht“ Leitung übernahm, spielte der Sport zunächst keine nennenswerte Rolle. Erst als ehemalige Sportfunktionäre, vorwiegend aus dem Arbeitersport, bei der Militärkommandantur auf den Sport aufmerksam machten, wurde man für dieses Problem sensibilisiert. Am 7. Juni 1945 konstituierte sich dann das Sportamt (ab Oktober 1945 Hauptsportamt) der Stadt Berlin als Fachressort in der Abteilung für Volksbildung mit der Aufgabe, die organisatorische Arbeit im Bereich des Sports voranzutreiben. Da die besonderen Verhältnisse im Sport, wie etwa die Verwaltung von Liegenschaften, die Bildung einer städtischen Körperschaft für den Sport erforderten und die alte Sportorganisation mit ihren Strukturen verboten war, schien der Kommunalsport eine geeignete Organisationsform zu sein (vgl. Gallinat, 1997, S. 40). Der Schritt weg von der deutschen Vereinstradition hin zum Kommunalsport wurde von Franz Müller, dem Leiter des Sportamtes, wie folgt begründet:
„Eine neue Zersplitterung der Sportbewegung in verschiedene Vereine würde jegliche Kontrolle erschweren und gebe [sic!] den Nationalsozialisten Gelegenheit, unter dem Deckmantel des Sports ihre politischen Absichten weiter zu verfolgen.“ (SAPMO-BArch IV 2/16/5 Bl. 67, zitiert aus: Gallinat, 1997, S. 41)
Kurze Zeit später vollzog sich der Sportaufbau in den 20 Berliner Verwaltungsbezirken, in denen Bezirkssportämter gebildet wurden, sehr zügig, so dass bereits im Oktober 1945 über 25.000 aktive Sportler in 29 Sportarten erfasst waren. Der Sportbetrieb gliederte sich dabei in Kinderturnen, Schul-, Jugend- und Erwachsenensport (vgl. Keiderling, 1995, S. 159).
9 Das war eine von drei Gruppen, die aus Remigranten bestanden und von der Sowjetunion eingesetzt
wurden, um politische Vorarbeit für die weitere Entwicklung zu leisten. Der Leiter dieser Gruppe
war Walter Ulbricht.
15
Damit hatte das Fundament des kommunalen Sports in der SBZ seine Gestalt angenommen und es wurde von Berlin aus mit Hilfe der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) und des KPD-Parteiapparates auf die übrigen Regionen der SBZ zu übertragen versucht. Die Anbindung des Sports an die kommunalen Abteilungen für Volksbildung hat ihren Ursprung in der Sowjetunion, die hier, wie häufig, richtungsweisend war. Dort wurde die Körperkultur, wie der Terminus bereits verdeutlicht, als Bestandteil der sozialistischen Kultur und nicht als Teil des Gesundheits-oder Sozialwesens verstanden.
Dennoch wurde der Kommunalsport offenbar nur als eine Übergangslösung betrachtet, die aus der Not heraus erwuchs. So verstand es zumindest Otto Winzer, Stadtrat für Volksbildung im Berliner Magistrat. Im Sommer 1946 äußerte er sich wie folgt:
„Die Bildung unserer Sportämter haben wir seit Beginn als eine Übergangsregelung betrachtet. Ich bin fest überzeugt, dass [...] wir wieder zur freien Betätigung auf dem Gebiet des Sports kommen können. Unsere Arbeit ist darauf ausgerichtet, jede andere Darstellung ist eine Verwirrung.“ (LAB (STA), Rep. 120, Nr. 18888, Bl. 86, zitiert aus: Keiderling, 1995, S. 161)
Die Internalisierung des Kommunalsports verlief allerdings nicht in der gesamten SBZ einheitlich.
In Magdeburg allerdings wurde vermutlich noch im August 1945 das Sportamt innerhalb der Selbstverwaltungsorgane der Stadt gegründet (vgl. Heise, 1991, S. 55). Seine Aufgabe bestand primär darin, für die Umsetzung der alliierten Verordnungen zu sorgen. Weiterhin war es für die Verwaltung und die Nutzbarmachung sämtlicher Sportanlagen der Stadt zuständig (vgl. Knobbe, 2005, S. 22). Nur kurze Zeit später konstituierte sich in Magdeburg auf Initiative des städtischen Sportamtes der Antifaschistische Sportausschuss. Er entstand als organisatorisches Element einer spontanen Sportbewegung, die sich seit spätestens Sommer 1945 vornehmlich durch ehemalige Arbeitersportler begründete, und kann als Keimzelle des
16
selbstverwalteten Sports angesehen werden (vgl. Thomas, 2001, S. 98). Die Bildung des Antifaschistischen Sportausschusses war notwendig geworden, da das Sportamt seinen Aufgaben nicht gewachsen zu sein schien 10 . Der Antifaschistische Sportausschuss begann mit dem Aufbau eines arbeitsfähigen Verwaltungsapparates und bildete in den einzelnen Stadtteilen Volkssportgemeinschaften (VSG). Bereits am 1. Oktober 1945 bestanden in 11 . Magdeburg 14 dieser VSG
Der Antifaschistische Sportausschuss wurde allerdings im Januar 1946 durch eine Weisung der Provinzialregierung in Halle wieder aufgelöst, da der Sport in der SBZ auf kommunaler Ebene einheitlich geführt werden sollte. Im gleichen Schreiben wurde angeordnet, dass das Stadtsportamt personell erweitert werden sollte, um den gesamten kommunalen Sport in Magdeburg anzuleiten. Zu dieser Erweiterung kam es allerdings nicht (vgl. Knobbe, 2005, S. 23).
Es wird deutlich, dass sich der Sport schon unmittelbar nach dem Ende des Krieges zu entwickeln begann. Die Organisation des Sports wurde durch die Weisungen der Besatzungsmächte sukzessive reglementiert und letztlich bildete die Kontrollratsdirektive Nr. 23 ab Ende 1945 die Grundlage für die Sportorganisation. Zwar war es organisatorisch möglich, die Direktive durchzusetzen, technisch war sie jedoch nicht praktikabel. Da laut der Weisung die Kreisgrenzen nicht überschritten werden durften 12 , war der Aufbau eines Wettkampfsystems unmöglich. In vielen Kreisen gab es so wenige aktive Sportler, dass kein Wettkampfbetrieb zustande kommen konnte. Daher mussten die Bestimmungen der Direktive nach und nach gelockert werden (vgl. Gallinat, 1997, S. 42) 13 . Zunehmenden Widerstand gegen den Kommunalsport gab es seitens der Arbeitersportler und der Jugend. Erstgenannte standen der neuen
10 Das Stadtsportamt setzte sich aus lediglich drei Personen zusammen.
11 Als „Vater“ der VSG Fermersleben kann Herbert Wahrendorf bezeichnet werden, der später als
erster Direktor der KJS Magdeburg maßgeblichen Anteil an der Entwicklung der Schule hatte.
12 Vgl. Kapitel 2.2 dieser Arbeit.
13 Damit wurde sich in der SBZ den Entscheidungen der anderen Besatzungszonen immer mehr
angepasst.
17
Organisationsform zwar anfangs wohlwollend gegenüber, jedoch änderte sich die Einstellung, als klar wurde, dass eine Wiederherstellung der alten Traditionsvereine nicht möglich sein sollte. Vielen Jugendlichen war die politische Einflussnahme auf den Kommunalsports durch die KPD ein Dorn im Auge. Außerdem wurden allgemein die schlechte Organisation, die fehlende sportliche Führung und das Ausbleiben von Erfolgen kritisiert (vgl. Keiderling, 1995, S. 162). Bereits Ende 1946 war der kommunale Sport an seine Grenzen gestoßen und er wirkte sich im Jahre 1947 zunehmend nachteilig auf die Sportentwicklung aus. Nicht zuletzt die Überlastung der Sportämter trug ihren Teil dazu bei. Gallinat (1997) sieht eine weitere Ursache darin, dass die Besatzungsmacht 1945/46 zwar klar festlegte, wie sich der Sport nicht entwickeln durfte, jedoch nur schemenhaft umriss, wie er zu gestalten sei (S. 55).
Einen Ausweg aus dieser misslichen Lage forderte im April 1946 Erich Honecker, der zu dieser Zeit Vorsitzender der kurz zuvor gegründeten Einheitsorganisation Freie Deutsche Jugend (FDJ) war. Nach anfänglicher 14 dann in der FDJ die geeignete Ignoranz sah der SED-Kulturausschuss
tragende Kraft, um den Kommunalsport in ein neuartiges Vereinskonzept eines Volkssportverbandes zu überführen. Spätestens ab dem Herbst 1946 war der Sport zu einem festen Bestandteil der Jugendarbeit herangereift. Mit dem wachsenden Einfluss der FDJ auf das gesellschaftliche Leben in den Jahren 1947/48 verstärkte sich auch deren Einfluss auf den Sport. Während anfangs lediglich die sportliche Betätigung der FDJ-Mitglieder organisiert wurde, bekam die FDJ im Mai 1948 mit der Zustimmung der SMAD die Verantwortung für den gesamten Sport übertragen 15 (vgl. Nicklaus, 1982, S. 38). Das geschah, weil sich die Unzufriedenheit mit der strukturellen Entwicklung des Sports verstärkte. Vor allem die steigende Zahl aktiver Sportler und die Beschränkungen der Kontrollratsdirektive Nr. 23 -
14 DieSED war am 21./22. April 1946 aus der Vereinigung von KPD und SPD hervorgegangen. Die
Vorbereitung dieser Fusion führte auch dazu, dass sich mit der Problematik des Sports, die von
Honecker angesprochen wurde, zunächst nicht befasst wurde.
15 In Mecklenburg hatte die FDJ bereits mit ihrer Gründung die Verantwortung über den gesamten
Sport übernommen, in Sachsen-Anhalt und Brandenburg geschah das zur Mitte des Jahres 1947
(vgl. Nicklaus, 1982, S. 38)
18
insbesondere die Einengung auf die Kreisebene - lösten diese Missstimmung aus (vgl. Wonneberger, 2001, S. 197). Bereits im Juni 1948 wurde die alleinige Trägerschaft durch die FDJ wieder revidiert. Nach einer gemeinsamen Beratung beschlossen der Zentralrat der FDJ und der Bundesvorstand des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB), dass fortan FDJ und FDGB in gemeinschaftlicher Arbeit die demokratische Sportbewegung entwickeln sollten (vgl. Keiderling, 1995, S. 172). Auf der 11. Tagung des Parteivorstandes der SED am 29./30. Juni 1948 wurden neben der FDJ und dem FDGB, die als Träger der Sportbewegung offiziell bestätigt wurden, auch die großen Betriebe angehalten, Sportgemeinschaften (SG) zu gründen, die nach Sportarten (Sparten) aufgegliedert sein sollten (vgl. Frost et al., 1991, Dok. 41, S. 53). Die Hauptlast beim Aufbau der neuen Strukturen trug dabei der FDGB, da er über die effektivere Organisation, höhere Beitragseinkünfte der Mitglieder und bessere materielle Voraussetzungen verfügte (vgl. Keiderling, 1995, S. 173).
In der Folgezeit schritt der Aufbau der neuen Sportbewegung weiter voran. In den Ländern und Kreisen konstituierten sich mit der Zustimmung der SMAD Sportausschüsse, welche die teilweise noch vorhandenen kommunalen Sportämter ablösten (vgl. Gallinat, 1997, S. 121). Selbst die Bevölkerung wurde aufgerufen, sich an der Gründung einer „einheitlichen demokratischen deutschen Sportbewegung“ zu beteiligen. Dazu sollten, so forderten es die Vorsitzenden der Trägervereinigungen Erich Honecker (FDJ) und Hans Jendretzky (FDGB) im Sport-Echo, in allen Dörfern, Städten und Großbetrieben Sportgemeinschaften ins Leben gerufen werden (Frost et al., 1991, Dok. 42, S.55-56). Am 1. Oktober 1948 wurde dann die Dachorganisation der neuen Sportbewegung, der Deutsche Sportausschuss (DS) gegründet. Wie es die Träger dieser Organisation, FDJ und FDGB, vermuten lassen, bildeten der Jugend- und der Betriebssport das Fundament der „demokratischen Sportbewegung“. Deren organisatorischer Aufbau war
19
Arbeit zitieren:
Tobias Jantz, 2007, Von einer sportbetonten Schule zur Kaderschmiede für den Leistungssport – Zur Geschichte der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) Magdeburg von 1953 bis 1991 , München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Tobias Jantz hat den Text Von einer sportbetonten Schule zur Kaderschmiede für den Leistungssport – Zur Geschichte der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) Magdeburg von 1953 bis 1991 veröffentlicht
Tobias Jantz hat einen neuen Text hochgeladen
Kinder und Jugendliche im Leistungssport
Beiträge des internationalen, ...
Reinhard Daugs, Eike Emrich, Christoph Igel
Chronische Belastungen und pro...
Alfred Richartz, Karen Hoffmann, Jeffrey Sallen
Sowjetische Deutschland-Politik 1953 bis 1958
Korrekturen an Stalins Erbe, C...
Gerhard Wettig
Das war das 20. Jahrhundert in Magdeburg
Das Buch zur Serie der 'Volkss...
Hans-Joachim Krenzke
Selbstständigkeit für Kinder- die große Freiheit
Kindheit zwischen pädagogische...
Helga Zeiher, Ulf Preuss-Lausitz, Tobias Rücker
Die Perspektive der Kinder
Caroline Fritsche, Peter Rahn, Christian Reutlinger
Ein kindheitswissenschaftliche...
Raimund Geene, Michael Klundt, Melanie Lubke, Thekla Pohler
0 Kommentare