F ür meine Familie,
Angela , Jonas Christin.
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort. 4
1. Einleitung. 5
2. Familie im Wandel
2.1. „Familie“ - Wort und Begriff. 11
2.2. Familienpolitik - Eine historische
Ableitung für die Bundesrepublik Deutschland. 13
2.3. Demografischer Wandel und Familie
2.3.1. Der erste und der zweite demografische Übergang. 19
2.3.2. Ursachenkomplexe der demografischen Veränderungen. 21
2.3.3. Herausforderungen des demografischen Wandels. 26
2.4. Familie und Familienpolitik in den beiden deutschen Staaten
2.4.1. Vorbemerkungen. 31
2.4.2. Das bürgerliche Familienmodell in der alten Bundesrepublik -
Von der Komplementarität zur Partnerschaft? 32
2.4.3. Produktion und Reproduktion - Familie und Familienpolitik
in der DDR. 37
2.4.4. Zwischenfazit. 42
3. Politik mit der Familie
3.1. Familienpolitik - Inhalte im Wandel
3.1.1. Interventionsformen staatlicher Familienpolitik. 45
3.1.2. Problemfelder der aktuellen Familienpolitik. 48
3.1.3. Das Leitbild von der nachhaltigen Familienpolitik. 52
3.2. Ökonomie und Familie - Standpunkte und Betrachtungsweisen. 58
3.3. Kontroversen um die Integration von Erwerbs- und Familienleben
3.3.1. Familie als soziale Ordnung? - Traditionelle
Familienbilder im Wandel. 66
3.3.2. Parteipolitische Blickwinkel auf Familie und Familienpolitik. 72
4. Karriere oder Familie - AkademikerInnen im Spannungsverhältnis
4.1. Studieren mit Kind? 81
4.2. Familie und akademische Berufslaufbahn. 86
5. Bilanz. 92
Literaturverzeichnis. 99
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Vorwort
Rosemarie Nave-Herz verweist in ihrem Buch „Familie heute“ auf die große Bedeutung eigener familiärer Erfahrung, welche Rezipienten der Beurteilung wissenschaftlicher Aussagen zu Familienproblemen stets einräumen. So stehen Arbeiten wie die Folgende oft vor dem Dilemma, dass die inhaltlichen Ausführungen mit eben diesen Erfahrungen intensiv verglichen werden. Stimmen beide Seiten überein, wird dem Leser nur Bekanntes präsentiert, im gegenteiligen Fall erwachsen ihm Zweifel. Der Ausweg aus dem Dilemma ist mir nicht bekannt, es bleibt zu hoffen, dass dem Leser ein stetiger Wechsel zwischen ohnehin Bekanntem und Zweifelhaftem erspart bleibt. Ich bin verheirateter Vater zweier Kinder. Meine Ehefrau und ich verfolgen zahlreiche Interessen. Vor allem wollen wir aber beruflich erfolgreich arbeiten und gleichzeitig ein glückliches Familienleben führen. Wir glauben, dass diese beiden Lebensbereiche einander bedingen und Voraussetzungen für eine erfüllte und glückliche Ehe sind. In unserer Familie ist es selbstverständlich, dass wir diese Herausforderung gemeinsam bewältigen wollen. Wir können uns dabei auf ein intaktes und über die Maßen nützliches Netzwerk aus Familienangehörigen, Freunden und Institutionen stützen. Wir haben uns daher sehr früh für Kinder entschieden, in dem Bewusstsein, dass es den „idealen Zeitpunkt“ nicht gibt. Wir glaubten, dass die Zeit des Studiums alle Rahmenbedingungen bietet, welche Elternschaft am ehesten möglich machen. Die Vorteile dieser Entscheidung, aber auch die Sorgen und Nöte auf dem beschrittenen Weg sowie die gesellschaftlichen Probleme um Familie, Ehe und Elternschaft haben mich inspiriert, diese Arbeit zu schreiben. Sie soll ein Plädoyer für die bewusst frühe Elternschaft sein.
So danke ich meiner Frau Angela und meinen Eltern Marlies und Rolf, dass sie mich bei der Fertigstellung dieser Arbeit so tatkräftig unterstützt haben, auf ihre Kritik und ihre nützlichen Hinweise sind manche Verbesserungen und Ergänzungen zurückzuführen. Meinen Kindern danke ich dafür, dass sie den gestressten Papa so tapfer ertragen haben.
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1. Einleitung
„Deutschland ist nicht familienfreundlich!“ 1 ,
sagt Malte Ristau, Leiter der Abteilung Familienpolitik, Wohlfahrtspflege und bürgerschaftliches Engagement im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), und zeigt dabei vor allem auf die Ignoranz von Wirtschaft und Medien im Bezug auf Familienpolitik. Tatsächlich spielte die Familie noch zur Regierungszeit Gerhard Schröders eine nachgeordnete Rolle, was nicht zuletzt durch dessen bekannte, herabwürdigende Bezeichnung für das Bundesministerium als Ministerium für „Familie und das ganze Gedöns“ deutlich wurde. Das BMFSFJ ist heute das kleinste Ministerium, es hat ein geringes Budget, nur wenig Personal und vergleichsweise wenig gesetzliche Kompetenzen. Vielleicht ist es deswegen mit Ursula von der Leyen, einer streitbaren siebenfachen Mutter, prominent besetzt. Ihr gelang es, das Thema Familie vom Rand in das Zentrum der politischen Diskussion zu führen. Familie, Familienpolitik und nicht zuletzt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind in der Wissenschaft und in der Politik so präsent wie selten zuvor. Bei Politikern ist die Familie zu einem Kernthema ge-worden, Parteien des gesamten Spektrums bemühen sich um die Gunst von Familien. Dabei ist Familienpolitik auch immer ein ideologisch aufgeladenes Politikfeld, wie es zum Beispiel die Diskussionen um den Familiennachzug im Rahmen des Zuwanderungsgesetzes zeigen 2 . Auch das Volksbegehren „Für ein kinder-und jugendfreundliches Sachsen-Anhalt“ aus dem Jahr 2005 3 war ein deutliches Zeichen dafür. Selbst die Reaktion auf Eva Hermans Entgleisungen und ihre vehemente Verteidigung des selbst entwickelten „Eva-Prinzips“ zeigt die vielfältige Beachtung des Themas Familie in den Medien. So werden Familienbündnisse gegründet, Familiengipfel abgehalten und die Familienfreundlichkeit von Unter-
1 Ristau,M.: Der ökonomische Charme der Familie, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, (2005)23-24, S. 16-23, S. 16.
2 Vgl. Butterwegge, Chr.: Familie und Familienpolitik im Wandel, in: Butterwegge, Chr.; Klundt, M. (Hrsg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien- und Sozialpolitik im demografischen Wandel, Opladen ²2003, S. 225-242, S. 225.
3 Ziel war es, den Betreuungsanspruch von Kindern arbeitsloser Eltern auf 5 Stunden am Tag zu reduzieren, um auf diese Weise große Geldsummen einzusparen, dies ging einher, mit einer drastischen Erhöhung des Betreuungsschlüssels, womit eine deutliche Arbeitszeitreduktion der Kindergartenerzieherinnen und Erzieher verbunden war. In dessen Rahmen wurde mit viel Polemik seitens der Landesregierung gegen arbeitslose Mütter und Väter, die ihre Kinder angeblich nicht zuhause haben wollen, Stimmung gemacht. Auf sämtliche anderen Aspekte des neuen Gesetzes wurde in der öffentlichen Diskussion nicht eingegangen. Aktuell scheint sich die Lage dahin gehend zu verändern, dass die CDU/SPD Landesregierung die damals verringerten Betreuungszeiten, welche in dem ironischer Weise mit „Kinderförderungsgesetz“ betitelten Gesetz festgelegt wurden, wieder ausweiten möchte. Dabei wird gar ein kostenloses letztes Kindergartenjahr diskutiert, ein nicht ganz so leicht nachvollziehbarer Gedanke!
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nehmen und Institutionen festgestellt und bewertet. All dies geschieht unter stetig steigender Beachtung in der Medienlandschaft.
Die wissenschaftliche Literatur zum Thema ist kaum noch zu überschauen. Die Familie steht im Zentrum der Forschungen zahlreicher Wissenschaften, Soziologen, Psychologen, Wirtschaftswissenschaftler und nicht zuletzt die Politologen zeigen ein großes wissenschaftliches Interesse am Thema. Warum ist dies so? Zum einen werden immer wieder die wirtschaftlichen Herausforderungen des demografischen Wandels angeführt, demnach sei es ein großes Problem, dass immer weniger Kinder geboren werden. Zum anderen wird angeführt, dass der Geburtenrückgang auf einen Werteverlust im Bezug auf Ehe und Familie sowie auf einen Bedeutungsverlust und teilweisen Zerfall traditioneller Leitbilder zurückzuführen sein. Die einzelnen Wissenschaften versuchen nun, diesem Problem auf ihren jeweiligen Fachgebieten auf den Grund zu gehen. Als Faktum bleibt zumindest stehen, dass der demografische Wandel als ein Problem erkannt wurde, welches zahlreiche Folgewirkungen hat. Immer wieder wird dabei aus einer ökonomischen Sichtweise argumentiert, von Fachkräftemangel und volkswirtschaftlichem Schaden gesprochen, es werden ganze Familienwirtschaftstheorien entwickelt und Erkenntnisse der Wirtschaftswissenschaften auf Familien übertragen. Dabei seien hier mit der Humankapitaltheorie 4 , der Theorie interfamilialer Zeitallokation 5 oder der endogenen Fertilitätstheorie 6 nur einige wenige genannt. Dieses Vorgehen kann indes als äußerst problematisch betrachtet werden. Eine Analyse familialen Verhaltens mithilfe ökonomischer Modelle unterstellt letztendlich, dass eben dieses das Ergebnis nutzenoptimierender Entscheidungen der Familienmitglieder ist 7 . Das würde zugespitzt bedeuten, dass sich Paare allein aufgrund einer Kos-
4 LautFranz-Xaver Kaufmann wird unter Humankapital die Gesamtheit der Kompetenzen verstanden, welche die einer Gesellschaft zuzurechnenden Individuen in die verschiedenen gesellschaftlichen Zusammenhänge, wie Wirtschaft, Staat, Kultur, Familie, einbringen. Vgl. Kaufmann, F.X.: Keine Glückwünsche. Replik auf den Beitrag Max Wingens: Anmerkungen zu 50 Jahren Familienministerium in Rück- und Ausblick, in: Zeitschrift für Familienforschung, 15(2003)3, S. 299-302, S. 300.
5 Laut Jörg Althammer versucht diese Theorie die Wirkung familienpolitischer Instrumente auf die Arbeitsverteilung innerhalb der Familie zu untersuchen. Darüber hinaus wird durch die Untersuchung der innerfamiliären Arbeitsteilung und des Rollenverständnisses von Mann und Frau versucht zu ermitteln, welche Produktivität die einzelnen Familienmitglieder haben. Aus den Ergebnissen sollen dann Handlungsanleitungen für die Familienpolitik abgeleitet werden. Vgl. Althammer, J.: Ökonomische Theorie der Familienpolitik. Theoretische und empirische Befunde zu ausgewählten Problemen staatlicher Familienpolitik, Heidelberg 2000, S. 55ff.
6 Im ökonomischen Ansatz werden die Entscheidungen über Fertilität (Fruchtbarkeit), Erziehung und Ausbildung von Kindern als Konsumprozess der Elterngeneration verstanden, demnach träten nachfolgende Generationen nicht als Individuen sondern als ‚Argumente’ der elterlichen Nutzenfunktion auf. Vgl. Althammer, J.: Ökonomische Theorie, a.a.O., S. 3.
7 Vgl. Althammer, J.: Ökonomische Theorie, a.a.O., S. 2.
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ten-Nutzen-Rechnung für oder gegen die Ehe, beziehungsweise für oder gegen Kinder entscheiden. Ein anderes Forschungsfeld zeigt auf, dass sich Familien-freundlichkeit zum Beispiel in mittelständischen Unternehmen wirtschaftlich rechnet, weil sich allein durch familienfreundliche Maßnahmen mehr Umsätze und damit höhere Gewinne erzielen lassen. Der „methodische Imperialismus der Wirtschaftswissenschaften“ 8 verstellt dabei allzu oft den Blick auf die Familie als soziale Instanz. Liebe, Partnerschaft und Elternschaft können heute nicht in erster Linie ökonomisch begründet werden. Sicherlich ist es auch ein ökonomisches Problem, wenn sich immer mehr Paare gegen Kinder entscheiden. In erster Linie ist es jedoch ein soziales und gesellschaftliches Problem, denn nicht nur der daraus resultierende Arbeiter- und Fachkräftemangel ist höchst gefährlich, sondern vor allem das Fehlen neuen, jungen Lebens, welches eine Gesellschaft vital, innovativ und dynamisch hält. Eine Gesellschaft ohne Kinder ist insgesamt nicht zukunftsfähig. Ihre Zukunftsfähigkeit begrenzt sich, mathematisch leicht nachzuvollziehen, auf 30 bis 40 Jahre, nämlich auf die Zeit der aktiven Bevölkerung 9 . Die Familie ist wie kaum eine andere gesellschaftliche Institution grundlegenden Veränderungen unterworfen, eine fortschreitende Individualisierung, die Pluralisierung der Lebensformen und eine gewisse Enttraditionalisierung stellt sie vor eine existenzielle Herausforderung 10 . Im deutlichen Gegensatz zur allgemeinen Sozialpolitik, welche sich unter dem Leitbild des aktivierenden Sozialstaats und unter dem Motto „Sozial ist, was Arbeit schafft“ verstärkt auf dem Rückzug befindet, werden im Bereich der Familienpolitik die Leistungen nach Art und Umfang weiter ausgebaut. Eine Kindergelderhöhung, die Kinderfreibeträge und die neue Bewertung von Erziehungsleistungen in der gesetzlichen Rentenversicherung sind familienpolitische Maßnahmen der Rot-Grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder, die Einführung des neuen Elterngeldes und der angestrebte Ausbau des Kinderbetreuungsangebots sind Wegmarken der großen Regierungskoalition unter Angela Merkel. Sie verdeutlichen einen gewissen familienpolitischen Paradigmenwechsel, auf den im Verlauf der Arbeit einzugehen ist. Diese Sonderstellung der Familienpolitik zeigt, dass über die prinzipielle Notwendigkeit staatlicher Sozialpolitik in diesem Bereich ein breiter Konsens herrscht und diese dabei auf
8 Althammer, J.: Ökonomische Theorie, a.a.O., S. 2.
9 Vgl. Bertram, H.; Rösler, W.; Ehlert, N.: Zeit, Infrastruktur und Geld: Familienpolitik als Zukunftspolitik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, (2005)23-24, S. 6-15, S.14.
10 Vgl. Bertram, H.; Borrmann-Müller, R.: Individualisierung und Pluralisierung familialer Lebensformen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, (1988)13, S.14-23, S.14.
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eine breite gesellschaftliche Akzeptanz bauen kann. Deutschland soll sich bald zum familienfreundlichsten Land Europas entwickeln, Familienfreundlichkeit wird dabei seitens der Politik auch und vor allem als Standortfaktor der Zukunft begriffen.
Neben den demografischen und ökonomischen Problemkreisen haben wir es im Bereich der Familienpolitik auch mit gewissen Mentalitätsproblemen zu tun, die auf die deutsche Geschichte und den Untergang des Staatssozialismus zurückzuführen sind. Im vereinten Deutschland existieren immer noch verschiedene Grundmodelle familialen Zusammenlebens und verschiedene tradierte Geschlechterrollen. Während in den alten Bundesländern das Modell der Ernährerehe beziehungsweise das der Hausfrauenfamilie dominiert, haben wir es in den neuen Bundesländern vermehrt mit Familienmodellen zu tun, in denen beide Elternteile oder Partner erwerbstätig sind. Daher leiden Frauen in Ostdeutschland besonders unter dem Wegfall ihrer Arbeitsplätze und dem Abbau der Kinderbetreuungseinrichtungen, was sie zu gleichberechtigten Partnerinnen ihrer Männer machte 11 . Es gehört zu den Leitbildern der so genannten nachhaltigen Familienpolitik, die Erwerbstätigkeit von Frauen zu steigern und gleichzeitig die Geburtenrate zu erhöhen. Konservative Familienpolitik verbindet jedoch die Erhöhung der Geburtenrate mit einer Reduktion der Erwerbsbeteiligung der Frau 12 . Nun scheint es so zu sein, dass die deutsche Familienpolitik die Reproduktion traditioneller Geschlechterrollen forciert 13 . Das Beispiel von Ländern wie Norwegen oder Irland zeigt indes auf, dass eine hohe Erwerbsbeteiligung der Frau nicht im Gegensatz zu einer hohen Geburtenrate stehen muss. Ungeachtet dessen kann heute darauf hingewiesen werden, dass sich die Bildungs- und Erwerbsbeteiligung von Frauen stark verbessert hat und die Abhängigkeiten von den Männern sinken. Die familienpolitischen Maßnahmen wie Elterngeld und der angestrebte Ausbau des Kinderbetreuungsangebotes sind richtige Instrumente zur Verwirklichung dieses Ziels, leider haben diese Instrumente Herstellungsfehler, auf die im Laufe der Arbeit einzugehen ist. Die ungünstige demografische Entwicklung und der Geburtenrückgang, die wirtschaftlichen Herausforderungen, die durch den als Globalisierung bezeichneten Prozess entstehen und die verschiedenen gesellschaftlichen Mentalitäten und Auf-
11 Vgl.Butterwegge, Chr.: Familie und Familienpolitik, a.a.O., S. 228.
12 Vgl. Gruescu, S.; Rürup, B.: Nachhaltige Familienpolitik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, (2005)23-24, S. 3-6, S. 3.
13 Vgl. Schmitt, C.: Familiengründung und Erwerbstätigkeit im Lebenslauf, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, (2007)7, S. 3-8, S. 6.
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fassungen zeigen die Probleme deutlich, denen hier nachzugehen ist. Deutsch-land ist nicht familienfreundlich, es steht vor großen Herausforderungen, um das Ziel einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erreichen. In der folgenden Arbeit sollen nun diese Probleme hinterfragt und diskutiert werden, im Vordergrund sollen dabei nicht ausschließlich ökonomische Denkansätze stehen. Die Problemfelder Familie und Familienpolitik, insbesondere die bestmögliche Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sind mit ökonomischen Erfordernissen eng verbunden, die hier auch zum Tragen kommen sollen. Darum soll das Verhältnis von Ökonomie und Familienfreundlichkeit untersucht werden. Es sollen Gründe für den Geburtenrückgang erörtert und der Frage nachgegangen werden, warum es heute für Frauen und Männer häufig ein Problem ist, Beruf und Familiengründung zu vereinen. Warum sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit beider Lebensbereiche so schlecht? Dabei soll auch gefragt werden, welcher Veränderungen es bedarf, um günstige Rahmenbedingungen zu schaffen 14 . Ein weiteres Problem zeigt der Zusammenhang zwischen dem Bildungsgrad der Frau und der erreichten beruflichen Position einerseits und der deutlichen Abnahme der Geburtenwahrscheinlichkeit andererseits. Circa 40% der Akademikerinnen entscheiden sich gegen Kinder, damit ist die Kinderlosigkeit gerade bei Akademikern sehr hoch. Daher soll der Vereinbarkeit von Familie und akademischer Berufslaufbahn ein besonderes Augenmerk gelten und hinterfragt werden, warum gerade für Akademikerinnen die Voraussetzungen zur Familiengründung so ungünstig sind. Dabei sollen Lösungsansätze aufgezeigt und kritisch beurteilt werden.
Zunächst wird es einen Grundlagenteil geben, in welchem geklärt werden soll, welches Gebilde sich hinter dem Wort Familie verbirgt. Des Weiteren soll hier dann auf den Wandel der Familie eingegangen werden, in dem die verschiedenen Modelle familialen Zusammenlebens dargestellt und diskutiert werden sollen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf den bestehenden Unterschieden innerhalb
14 Befragt man Paare, welche Faktoren ihrer Meinung nach zu einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf beitragen, treten drei Antworten am häufigsten auf. Demnach ist es auf der individuellen Ebene von großer Bedeutung, dass der Partner mit im Haushalt lebt und damit die Verantwortung und die Familienaufgaben geteilt werden können. Darüber hinaus sind für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf die Arbeitszeiten von großer Bedeutung. Neben einer flexiblen Arbeitszeit ist es Paaren sehr wichtig nicht am Wochenende und in der Nacht arbeiten zu müssen und eine Arbeit „auf Abruf“ vermeiden zu können. Als Drittes wird unter Familienfreundlichkeit verstanden, dass Mütter und Väter in ihren Familienpflichten undrechten durch ein entsprechendes Betriebsklima unterstützt werden. Geldleistungen spielen demnach eine sehr untergeordnete Rolle. Vgl. Klenner, C.; Schmidt, T.: Familienfreundlicher Betrieb - Einflussfaktoren aus Beschäftigtensicht, in: WSI-Mitteilungen. Monatszeitschrift des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung, 60(2007)9, S. 494-501, S. 494f.
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des vereinten Deutschlands. Im zweiten Hauptteil sollen die oben aufgerissenen Problemkreise um demografischen Wandel und ökonomische Betrachtungsmuster der Familie erörtert und die derzeitig geforderte nachhaltige Familienpolitik als Lösungsansatz diskutiert und bewertet werden. Hier soll dann auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eingegangen werden. In diesem Teil soll auch ein soziologischer Blick eröffnet werden und der Frage nachgegangen werden, ob die Familie heute überhaupt noch als ein Prinzip der sozialen Ordnung gelten kann. Im dritten Hauptteil soll, wie bereits angekündigt, besonders auf das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei Akademikern eingegangen werden. „Es ist Zeit für ein neues Leitbild: Mehr Kooperation für Kinder und Karriere!“ 15 In diesem Sinne soll die Arbeit gesellschaftliche und politische Problemkonstellationen aufzeigen und so der Vereinbarkeit von Familie und Beruf weiter Vorschub leisten.
15 Damme, N.; Dettling, D.: Kinder, Karriere und Kooperation. Familienpolitik nach dem Karlsruher Urteil, in: Neue Gesellschaft. Frankfurter Hefte (2001)6, S. 225-242, S. 328.
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Das Wort Familie, welches vom lateinischen Wort familia stammt und mit Hausgenossenschaft übersetzt werden kann, bezeichnet heute einen nicht mehr so einfach zu definierenden Begriff. In diesem Zusammenhang spielen Werte, gesellschaftliche Normen, Geschlechterverhältnisse, Rollenmuster und Emotionen wie Autoritäts- und Partnerschaftsmuster, subjektive Erfahrungen und Ideologien und nicht zuletzt die institutionelle Funktion der Familie in der Gesellschaft eine bestimmende Rolle. Da mit dem Begriff Familie kulturell sehr verschiedene Formen des Zusammenlebens beschrieben werden können, bedient sich die Soziologie zunächst des Terminus der „privaten Lebensform“, um die Struktur von privaten sozialen Beziehungen von Menschen zu bezeichnen. Die familiale Form ist demnach eine mögliche Form des privaten Zusammenlebens. Der Terminus wird darüber hinaus auch verwendet, um eine deutliche Scheidung vom oft negativ besetzten Begriff der „bürgerlichen Familie“ zu erwirken. Private Lebensformen werden dabei bevorzugt als relativ stabile Beziehungsmuster der Bevölkerung im privaten Bereich verstanden, die allgemein mit Formen des Alleinlebens oder Zusammenlebens mit Kindern beschrieben werden können 16 . Kriterien für die Abgrenzung verschiedener Lebensformen sind dabei das Vorhandensein eines Haushalts, eine gewisse Generationenzusammensetzung dieses Haushalts, die sozialrechtliche Stellung der Personen, die in diesem Haushalt leben, der Familienstand und die Kinderzahl 17 . Rosemarie Nave-Herz gibt als konstitutive Merkmale einer Familie Folgendes an:
„1. die biologisch-soziale Doppelnatur aufgrund der Übernahme der Reproduktions- und zumindest der Sozialisationsfunktion, neben anderen, die kulturell variabel sind, 2. ein besonderes Kooperations- und Solidaritätsverhältnis; denn über die üblichen Gruppenmerkmale hinaus [..] wird in allen Gesellschaften der Familie eine ganz spezifische Rollenstruktur mit nur für sie geltenden Rollendefinitionen und Bezeichnungen [..] zugewiesen, 3. die Generationendifferenzierung.“ 18 .
16 Vgl. Lauterbach, W.: Familie und private Lebensformen oder: Geht der Gesellschaft die Familie aus? in: Glatzer, W.; Ostner, I. (Hrsg.): Deutschland im Wandel. Sozialstrukturelle Analysen, Opladen 1999, S. 239-354, S. 239.
17 Vgl. Zapf, W.: Individualisierung und Sicherheit - Untersuchungen zur Lebensqualität in der Bundesrepublik Deutschland, München 1987, S. 30.
18 Nave-Herz, R.: Familie heute, Wandel der Familienstrukturen und Folgen für die Erziehung, Darmstadt ²2002, S. 15.
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Eine Familie wird demnach als „Verantwortungsgemeinschaft von mindestens zwei Generationen“ 19 verstanden. Als deutsche „Normalfamilie“ gilt folglich ein verheiratetes Paar mit einem oder mehreren leiblichen Kindern 20 . Eben diese Gruppe von Eltern und Kindern wird dabei mit den Worten „Kernfamilie“ oder „Kleinfamilie“ bezeichnet und gilt als die für moderne Industriegesellschaften typische und adäquate Organisationsform 21 . Doch ist eben genau eine solche Normalfamilie begrifflich kaum fassbar, eine Abgrenzung zwischen Ehe, Familie und Verwandtschaft gibt es im sprachlichen Bereich nicht mehr. Singles, kinderlose Paare, nicht-eheliche Lebensgemeinschaften, alleinerziehende, Stieffamilien und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften gelten im Sprachgebrauch ebenso als Familie wie Drei- beziehungsweise Vier-Generationen-Familien. Darüber hinaus umfasst die Bezeichnung Familie im Sprachgebrauch auch jene Personen, die zur Verwandtschaft zählen, also Onkel, Tanten oder Cousins 22 . Das Bundesfamilienministerium hat im Rahmen des vierten Familienberichts 1985 eine wissenschaftliche Definition von Familie veröffentlicht, demnach kann Familie „eine Gruppe von Menschen bezeichnen, die miteinander verwandt, verheiratet oder verschwägert sind, gleichgültig, ob sie zusammen oder getrennt leben, ob die einzelnen Mitglieder noch leben oder verstorben sind. Familie kann unabhängig von räumlicher oder zeitlicher Zusammengehörigkeit als Folge von Generationen angesehen werden, die biologisch oder rechtlich miteinander verbunden sind.“ 23 Familie stellt zusammenfassend eine „Folge von Generationen“ dar, die „biologisch oder rechtlich“ miteinander verbunden sind. Die moderne Familie in Deutschland kann sich also als eine Form des Zusammenlebens darstellen, in der zunehmend ursprünglich verwandtschaftlich definierte Verhältnisse durch erworbene soziale Rechte ersetzt werden können 24 . Familie im rechtlichen Sinn ist also auch die Stieffamilie, die kinderlose Ehe oder die eingetragene Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare mit oder ohne Kinder. Soll Familie aus dem Blickwin-
19 Ristau,M.: ökonomische Charme, a.a.O., S. 18.
20 Vgl. Erler, M.: Die Dynamik der modernen Familie. Empirische Untersuchung zum Wandel der Familien-formen in Deutschland, Weinheim, München 1996, S. 11; Peuckert, R.: Familienformen im sozialen Wandel, Opladen ²2002, S. 20.
21 Vgl. Meyer, T.: Private Lebensformen im Wandel, in: Geißler, R.: Die Sozialstruktur Deutschlands. Die gesellschaftliche Entwicklung nach der Vereinigung. Mt einem Beitrag von Thomas Meyer, Wiesbaden ³2002, S. 401-433, S. 402.
22 Vgl. Schäfers, B.: Sozialstruktur und sozialer Wandel in Deutschland, Stuttgart 8 2004, S. 114.
23 BMFSFJ (Hrsg.): 7. Familienbericht, Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik, CD-Rom Version, Berlin 2006, hier Archiv, 4. Familienbericht der Bundesregierung 1985, S. 14.
24 Vgl. Erler, M.: Dynamik der modernen Familie, a.a.O., S. 12.
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kel des Politischen betrachtet werden, scheint es begründet zu sein, sich dem Bundesverfassungsgericht anzuschließen, welches Familie als diejenige umfassende Gemeinschaft von Eltern und Kindern auffasst, in der den Eltern vor allem Recht und Pflicht zur Pflege und Erziehung der Kinder erwachsen 25 . Zu diesen Kindern gehören auch eindeutig Stief-, Adoptiv- und Pflegekinder. Die Frage der Geschlechterverhältnisse der Eltern ist hier im Bezug auf Familie und in Abgrenzung zur Ehe bewusst offen gelassen. Diesem weiten Familienbegriff wird sich die vorliegende Arbeit anschließen, jedoch nicht ohne darauf zu verweisen, dass das Mehrgenerationenmerkmal als das entscheidende Merkmal einer Familie betrachtet wird. Darüber hinaus wird darauf verwiesen, dass in den folgenden Ausführungen - der Kürze wegen - die oben beschriebene „Kernfamilie“ als Familie bezeichnet wird. Ist aufgrund inhaltlicher Darstellungen eine weitere Differenzierung notwendig, werden die genannten unterschiedlichen Familienbegriffe herangezogen. Darüber hinaus scheint es analytisch hilfreich zu sein, die Familie nicht nur als Einheit aus Vater, Mutter und Kindern zu betrachten, sondern als Kopplung von Partnerschaft beziehungsweise Ehe und Elternschaft. 26 Familienfreundlichkeit ist also immer ein Kriterium, welches auf die Lebensumstände einer Partnerschaft mit Kindern zielt, dabei ist es unwichtig, ob diese Partnerschaft amtlich bescheinigt ist oder nicht. Darüber hinaus gilt alleinerziehenden Eltern eine besondere Aufmerksamkeit, es wird die Auffassung vertreten, dass Aspekte der Familienfreundlichkeit hier im Besonderen Gültigkeit besitzen.
Die Familie war ein tragendes Element der vorindustriellen Gesellschaft. Sie stellte neben der sozialen auch eine rechtliche, politische und wirtschaftliche Einheit dar. Die Familie war patriarchalisch strukturiert, so waren dem Mann und Familienoberhaupt alle Familienangehörigen sowie alle zum Hof oder Haushalt gehörigen Angestellten untergeordnet. Durch die Modernisierungen der industriellen Revolution wurde die Familie, ihre Struktur sowie ihr Umfeld stark verändert. Immer mehr rückte sie ab vom drei bis vier zum ein bis zwei Generationenhaushalt. Doch nicht allein die Industrialisierung veränderte die Familienstrukturen zur sogenannten
25 Vgl. Hesselberger, D.: Das Grundgesetz. Kommentar für die politische Bildung, (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 409), Bonn 13 2003, S. 108.
26 Vgl. Meyer, T.: Private Lebensformen, a.a.O., S. 401f.
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Kernfamilie, auch vorher gab es bereits ein Nebeneinander von unterschiedlichen Familienformen, welche stark von der Produktionsweise und der Erwerbstätigkeit der Eltern bestimmt waren 27 . Vor allem in den Städten entwickelte sich im 18. und 19. Jahrhundert die so genannte bürgerliche Familienkonstellation. Neu an dieser Familienform war, dass nun Arbeitsstelle und Wohnort getrennt waren, die Produktion fand nicht mehr innerhalb der Familie, sondern außerhalb statt. Arbeit und Familie, Dienst- und Privatsphäre wurden nun dauernd getrennt. „Seither haben private und öffentliche Lebenssphäre sich so auseinandergespalten, dass jeder ein besonderes gesellschaftliches Milieu entspricht [...] Der Dualismus der gesellschaftlichen Sphären ist das Sondermerkmal neuzeitlichen Daseins“ 28 . Die Produktionsfunktion der Familie wurde ersetzt durch eine Erholungs- und Entlastungsfunktion. Die Familie fußte dabei auf dem Eheideal, verschärfte aber gleichzeitig die Ungleichheit zwischen Mann und Frau. Diese Entwicklungen stellen die Problemkonstellation der familienpolitisch hochaktuellen Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf dar.
Die Familienpolitik hat nun allgemein betrachtet die Aufgabe, die rechtliche, wirtschaftliche und soziale Struktur der oben genannten privaten Lebensformen verbindlich zu regeln. Unter Familienpolitik versteht man das bewusste, zielgerichtete und planvolle Einwirken öffentlicher und freier Träger auf rechtliche, wirtschaftliche und soziale Lagen von Familien, auf ihre Mitglieder und ihre Umwelt 29 . Ziel ist dabei die Gewährleistung der durch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen möglichst wenig beeinträchtigten Entfaltung der eigenständigen, optimal funktionsfähigen Familie 30 .
Obwohl es bereits zu viel früherer Zeit punktuelle Eingriffe des Staates in familienbezogenes Verhalten gab und die Wahrnehmung von Familienaufgaben durch den Staat eine lange Tradition hat, wird in der Literatur davon ausgegangen, dass die Familienpolitik im Sinne eines planvollen Einsatzes verschiedener Instrumentarien zur Einflussnahme auf die Lebenssituation und Funktionswahrnehmung von
27 Vgl. Geißler, R.: Die Sozialstruktur Deutschlands. Die gesellschaftliche Entwicklung nach der Vereinigung. Mit einem Beitrag von Thomas Meyer, Wiesbaden ³2002, S. 43.
28 Geiger, T.: Demokratie ohne Dogma, München o.J., S. 61ff., zitiert nach: Geißler, R.: Sozialstruktur Deutschlands, a.a.O., S. 47.
29 Vgl. Textor, M.: Familienpolitik. Probleme, Maßnahmen, Forderungen, Bonn 1991, S. 33, des Weiteren: Wingen, M.: Zur Theorie und Praxis der Familienpolitik, (= Schriften des deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge, Bd. 270), Frankfurt a.M. 1994, S. 3.
30 Vgl. Wingen, M.: Familienpolitik. Ziele, Wege und Wirkungen, Paderborn ²1965, S. 65.
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Familien erst in der Weimarer Republik ihren Anfang nahm 31 . Hier war sie jedoch vor allem „Bevölkerungspolitik“ 32 . In der Zeit des Nationalsozialismus erreichte diese ihren traurigen Höhepunkt, es ging allein darum, dass „rassisch wertvolle“ Frauen dem völkischen Staat Kinder gebaren. Mit den Nürnberger Gesetzen, dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ oder dem Verein „Lebensborn“ seien hier nur einige wenige Stichworte genannt, die versinnbildlichen sollen, wie das NS-Regime „Familienpolitik“ betrieb 33 . Familie und Mutterschaft waren im NS-Deutschland keine Privatsache, sondern galten als Vorbereitung auf den geplanten Rassenkrieg 34 . Die Hausfrauenarbeit wurde in einmaliger Weise professionalisiert und in ihrer Bedeutung für die Volksgemeinschaft aufgewertet. Beides, Professionalisierung und Entprivatisierung, dienten dem NS-Staat dazu, sich der natürlichen Fähigkeiten seiner Bürgerinnen zu bedienen. Nicht nur aufgrund dieses rassen- und kriegspolitischen Hintergrunds der „NS-Familienpolitik“, sondern auch aufgrund der rassenpolitisch motivierten Repressionen der NS-Sozialpolitik ist es äußerst bedenklich, wenn heute in der Öffentlichkeit ein Zurück zum Familiengedanken der Nationalsozialisten diskutiert wird. Weite Teile der Bevölkerung wie zum Beispiel Juden, Homosexuelle, Ausländer und politisch Andersdenkende wurden von Sozialleistungen ausgeschlossen 35 . Es gab hier keine Familienpolitik, es gab hier auch keine Grundwerte bezüglich der Familie als solche, es gab nur Kriegspolitik! Daher kann es keine Diskussion darüber geben, ob in der NS-Familienpolitik Anleihen genommen werden können, um heutige familienpolitische Probleme zu lösen oder gar dem diagnostizierten Werteverfall entgegenzutreten. Mit der Gründung der Bundesrepublik 36 und der Amtszeit Konrad Adenauers wird Familienpolitik vor allem als Institutionenpolitik betrieben. Von einer systematischen Familienpolitik kann hier noch nicht gesprochen werden. Die christdemokratische Politik baute dabei auf dem Familienbild der katholischen Soziallehre auf, wonach das Prinzip der Familiensubsidiarität einen Grundpfeiler gesellschaftlichen
31 Vgl. Gerlach, I.: Familie und staatliches Handeln. Ideologie und politische Praxis in Deutschland, Opladen 1996, S. 149.
32 Unter Bevölkerungspolitik wird ein zielgerichtetes politisches Handeln verstanden, welches der planmäßigen Beeinflussung demografischer Verhältnisse wie der Größe der Bevölkerung, deren Altersaufbau, ihrer regionalen Verteilung und ihrer Wachstumsintensität dient. Vgl. Bethusy-Huc, V. Gräfin von: s.v. Familienpolitik, in: Holtmann, E. (Hrsg.): Politik-Lexikon, München, Wien ³2000, S. 169-172, S. 172.
33 Vgl. Gerlach, I.: Familie und staatliches Handeln, a.a.O., S. 91f.
34 Vgl. Frevert, U.: s.v. Frauen, in: Benz, W. u.a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 4 2001, S. 220-234, S. 226.
35 Vgl. Pilz, F.: Der Sozialstaat. Ausbau - Kontroversen - Umbau, (= Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 452), Bonn 2004, S. 32.
36 Auf die Entwicklungslinien der Familienpolitik in der DDR wird im Kapitel 2.4.3. näher eingegangen.
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Zusammenlebens darstellt 37 . So trat der Staat auch nicht als primärer Anbieter von Transfer- und Sozialleistungen auf sondern eher als eine Instanz, die Hilfe leistete, wenn die Leistung nicht aus eigener Kraft erbracht werden konnte. Ziel war es, die familiale Leistungserbringung durch die in Arbeitsteilung und Rollenwahrnehmung traditionell bestimmte Familie zu sichern 38 . Mit Familie verband man vor allem Vorstellungen von kinderreichen Hausfrauenfamilien 39 , wobei die Frauen- beziehungsweise Müttererwerbsarbeit als Bedrohung für die Funktionserfüllung von Familie gesehen wurde. So wurde auch der Ausbau von Betreuungseinrichtungen als familienfeindlich betrachtet und dementsprechend abgelehnt. Ziel von Familienpolitik dieser Zeit war es dabei auch, wieder geordnete wirtschaftliche Verhältnisse für Familien herzustellen. Es wurde darüber debattiert, ob die Familie verfassungsrechtlich zu schützen sei, was unter Familie zu verstehen wäre und welchen Personenkreis sie umfasse 40 . Im Hinblick auf eine sich herausbildende Familienpolitik standen anfänglich meistens Maßnahmen der Einkommensverteilung zugunsten der Familien mit Kindern im Vordergrund, vor allem um dem kriegsbedingten Geburtenrückgang entgegenzuwirken 41 . Darüber hinaus sollten Familienbeihilfen die Frau davon entlasten, Geld zum Familienunterhalt verdienen zu müssen. Die Bindung der Mutter an das Haus galt als unabdingbare Vorstellung. Die Mehrkindfamilie stellte dabei das Ideal dar, welches zur Verwirklichung von Opferbereitschaft, Achtung christlicher Werte, Sittlichkeit und Arbeitsamkeit führte. So waren die Beihilfen auch nicht zur Befreiung der Familie von den Kinderkosten gedacht. Die Elternschaft wurde vielmehr so gesehen, dass deren materielle Zwänge auch zu sittlicher Stärke führen können. Nicht zuletzt wurde die Familie auch in dieser Zeit bereits zu politischen Zwecken genutzt, so stellte sie nach Ansicht des damaligen Familienministers Franz-Josef Wuermling auch ein Bollwerk gegen die „drohende Gefahr der Völker des Ostens“ dar 42 . Man glaubte also, mit der Familie dem Kommunismus entgegenwirken zu können. Ein nicht ganz leicht nachzuvollziehender Gedanke, aber wohl nicht der einzige Fehlglauben, den das „Schreckgespenst Kommunismus“ zu dieser Zeit hervorgerufen hatte.
37 Vgl. Pfau-Effinger, B.: Kultur- und Frauenerwerbstätigkeit in Europa. Theorie und Empirie des internationalen Vergleichs, Opladen 2000, S. 129.
38 Vgl. Gerlach, I.: Familie und staatliches Handeln, a.a.O., S. 211.
39 Vgl. Kaufmann, F.-X.: Kein Glückwünsche, a.a.O., S. 299.
40 Vgl. Gerlach, I.: Familie und staatliches Handeln, a.a.O., S. 96.
41 Vgl. Wingen, M.: Theorie und Praxis der Familienpolitik, a.a.O., S. 4.
42 Vgl. Gerlach, I.: Familie und staatliches Handeln, a.a.O., S. 189.
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Mit der sozialliberalen Koalition kam es zu einem Umschlag von der Familieninstitutionenpolitik zu einer Familienmitgliederpolitik. Als wichtige Leistung ist dabei die rechtlich-praktische Öffnung des Familienbegriffs zu nennen, was im Nichtehelichengesetz oder im Adoptivgesetz deutlich wird. Familienpolitik versteht sich von nun an als Teil einer gestaltenden Gesellschaftspolitik 43 . Nicht mehr der Schutz der Institution Familie stand im Mittelpunkt der Politik, sondern die Durchsetzung von Rechten vor allem der Frauen und Kinder. Die SPD/FDP Koalition sorgte dabei auch für einen Anstieg der materiellen Förderung für Familien. Die 68er Bewegung hatte deutlich gemacht, dass sich die Geschlechterrollen zu ändern begannen. So war eine gewisse Bedeutungssteigerung der weiblichen Erwerbstätigkeit gegenüber der Mutterschaft zu verzeichnen. Durch die Familienmitgliederpolitik sollte nun die relative Benachteiligung der Frauen und Kinder in der Gesellschaft abgebaut werden. Die Durchsetzung der Emanzipation der Frau war erklärtes Ziel der sozialliberalen Regierung. Darüber hinaus war die Politik zum Handeln gezwungen, da der Geburtenrückgang seit den 1960er Jahren bedrohlich Ausmaße angenommen hatte. Familienpolitik wurde nun verstärkt unter bevölkerungspolitischen Aspekten betrieben. So wurde im Jahr 1979 der Mutterschaftsurlaub eingeführt, der aber nur für berufstätige Frauen möglich war. Der Dritte Familienbericht von 1979 machte dabei deutlich, dass Familienpolitik die Lebenslagen der Menschen so zu gestalten habe, dass sie sich für Kinder entscheiden können, dass die Frau das Recht auf eine gleichberechtigte Integration in den Arbeitsmarkt habe und, dass Familien einen Anspruch auf die Sicherung eines angemessenen Lebensniveaus haben 44 . So empfahl man bereits in diesem Bericht die Einführung eines Erziehungsgeldes, eine eigenständige soziale Sicherung der nichterwerbstätigen Frau, einen umfangreichen Katalog von beruflichen Qualifizierungs- und Wiedereingliederungshilfen sowie eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten und eine entsprechende Anpassung der Öffnungszeiten von Kinderbetreuungseinrichtungen.
Mit dem Regierungswechsel 1982 wurde der Mutterschutz eingeführt, welcher Erziehungsgeld und Erziehungsurlaub mit sich brachte. Als weitere familienpolitische Maßnahme ist die Anerkennung von Kindererziehungszeiten als Renten erhöhende Beitragszeiten in der gesetzlichen Rentenversicherung zu nennen 45 . Als Leis-
43 Vgl.Gerlach, I.: Familie und staatliches Handeln, a.a.O., S. 211.
44 Vgl. Ebenda, S. 183f.
45 Vgl. Pilz, F.: Sozialstaat, a.a.O., S. 40.
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tung zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit wurde dabei auch die Absenkung der Mindestversicherungszeit der Rente von 15 auf fünf Jahre betrachtet. In diesen familienpolitischen Maßnahmen wird besonders deutlich, dass die bundesdeutsche Familienpolitik bis dahin noch immer das Modell der traditionellen Ernährerfamilie zu fördern versuchte, es wurden Anreize dafür geschaffen, dass die Frau zum Zwecke der Kindererziehung zuhause bleiben kann. Die finanziellen Nachteile, zum Beispiel bei der Rente, versuchte man zu minimieren. Die moderne Familienpolitik hat sich von der bevölkerungspolitischen Ausrichtung gelöst. Heute werden zum einen kompensatorische Ziele verfolgt, so sollen soziale Ungerechtigkeiten durch verschiedene Leistungen ausgeglichen werden. Familienpolitik verfolgt heute zum anderen korrektive Ziele, in dem zum Beispiel versucht wird, materielle Engpässe zu beseitigen, darüber hinaus werden präventive Ziele verfolgt, indem versucht wird, Fehlentwicklungen zu vermeiden. Die Konkretisierung dieser Ziele ist in der Politik dabei äußerst umstritten. So verfolgten christliche Parteien lange eine konservative Familienpolitik, wonach die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau und zwischen Familie und Staat beibehalten werden sollte, während liberale und sozialdemokratische Parteien eher eine sozialliberale Familienpolitik verfolgten, die der Chancengleichheit aller Familienmitglieder und der Erwerbsbeteiligung von Männern und Frauen mehr Raum gibt 46 . Laut Artikel 6, Absatz 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutsch-land stehen Ehe und Familie unter besonderem Schutz des Staates. Das bedeutet zum einen, dass diese Institutionen vor Beeinträchtigungen von außen bewahrt werden sollen und dabei durch geeignete Maßnahmen zu fördern sind, und zum anderen bedeutet dies für Staat und Politik, Familie und Ehe nicht zu schädigen oder sonst zu beeinträchtigen 47 . Es muss also Bereiche geben, die der staatlichen Einwirkung entzogen sind, um das Recht auf eine selbstbestimmte, private Lebensgestaltung zu garantieren. So muss das Ehe- und Familienrecht so gestaltet sein, dass zum Beispiel die Entscheidung darüber, ob sich einer der Partner ausschließlich dem Haushalt widmen oder beruflich tätig sein will, eine mögliche, rein private Entscheidung ist. Laut § 1356 des Bürgerlichen Gesetzbuches regeln die Ehegatten die Haushaltsführung im gegenseitigen Einvernehmen. Daher sind beide Partner grundsätzlich berechtigt, erwerbstätig zu sein. Dabei haben sie jedoch
46 Vgl. Schmidt, M.G.: s.v. Familienpolitik, in: Schmidt, M.G. (Hrsg.): Wörterbuch zur Politik, Stuttgart 1995, S. 294-296, S. 296.
47 Vgl. Hesselberger, D.: Grundgesetz, a.a.O., S. 109.
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auf die Belange des jeweils anderen Partners und besonders der gesamten Familie Rücksicht zu nehmen. Die familiale Arbeitsteilung ist in der Bundesrepublik heute Privatsache.
Die Familienpolitik des letzten Jahrzehnts kann insgesamt als Politik bezeichnet werden, die durch die Realisierung der Rechte von Familienmitgliedern die Sicherung der Erfüllung von Funktionen der Familie gewährleisten möchte. Im Hinblick auf das Steuerungsverhältnis von Familie durch Staat kann davon ausgegangen werden, dass sich das Leitbild von Familienpolitik im Verlauf des Bestehens der Bundesrepublik immer stärker der sozialen Realität angepasst hat, nachdem zu Beginn der Institutionalisierung von Familienpolitik versucht worden war, staatliche Politik gelebten Entwicklungen entgegenzusetzen 48 .
„Deutschland schrumpft und ergraut. Die Bundesrepublik rangiert mit ihrer Geburtenrate unter 190 Staaten auf Platz 185. Vier von zehn deutschen Akademikerinnen verzichten auf Mutterglück und Mutterstress.“ 49 titelt „Der Spiegel“ im Februar 2004 und macht medienwirksam deutlich, welch große Probleme die Bundesrepublik hinsichtlich ihrer Geburtenrate hat. Franz-Xaver Kaufmann bemerkt hier einen Wandel in der Publizistik, demnach würde sich das Augenmerk hinsichtlich der Bevölkerungsentwicklung 50 weg von der absehbaren Überalterung der Gesellschaft hin zum Geburtenproblem verlagern. So wäre es auch in der Politik angekommen, dass hinsichtlich der Demografie nicht ausschließlich die vielen alten Menschen als Problem erkannt werden dürfen, sondern das Problem, dass es zu wenige junge Menschen gibt 51 . Über die Ursachen und Konsequenzen dieses sich aus dem Perspektivenwechsel ergebenen Problems gehen die politischen Meinungen indes weit auseinander. Kaufmann konstatiert jedoch, dass die demografische Problematik in der Bundesrepublik in Wissenschaft und Politik bisher glei-
48 Vgl.Gerlach, I.: Familie und staatliches Handeln, a.a.O., S. 212.
49 Bölsche, J. u.a.: Land ohne Lachen, in: Der Spiegel, 58(2004)1, S. 38-48, S. 38.
50 Unter Bevölkerung wird dabei diejenige Gemeinschaft von Personen verstanden, die in einem Gebiet längerfristig zusammenlebt, dabei ist es unwichtig, welche Staatsangehörigkeit diese Personen haben. Als Bevölkerungsstruktur wird dann die Untergliederung der Bevölkerung, unter anderem nach Alter, Geschlecht und ethnischer Zugehörigkeit verstanden. Diese Bevölkerungsstruktur kann nur durch Geburt, Sterbefälle und Außenwanderungen verändert und beeinflusst werden. Vgl. Hradil, S.: Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich, Wiesbaden 2004, S. 37.
51 Vgl. Kaufmann, F.-X.: Schrumpfende Gesellschaft. Vom Bevölkerungsrückgang und seinen Folgen, Frankfurt a.M. 2005, S. 9.
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chermaßen vernachlässigt wurde. Trotz dieser Erkenntnisse und verschiedener Urteile des Bundesverfassungsgerichts zielt die staatliche Sozialpolitik nach wie vor auf die Altersphase und weniger auf die Kinder ab. Lösungen zugunsten der Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Elternschaft stehen in Deutschland noch zu wenig auf der Agenda
52
. Dabei kommt der Familie die zentrale Rolle im demografischen Wandel zuteil. Nicht nur, dass Familien seine Auslöser und Motoren sind, auch die Art und der Zeitpunkt der Gründung einer Familie, ihre Größe, die Dauer und die mögliche Auflösung sowie der mögliche Verzicht auf eine Familiengründung sind Faktoren, die die Geburten- und Bevölkerungsentwicklung maßgeblich beeinflussen. Im folgenden Abschnitt soll nun der aufgezeigte Zusammenhang zwischen dem demografischen Wandel, dem als eines der großen Probleme die niedrige Fertilität zugrunde liegt, und der Familie betrachtet werden. Dabei soll zunächst auf den Wandel der demografischen Verhältnisse als solchen eingegangen werden. Diesem Wandel liegen zwei deutliche demografische Übergänge zugrunde, welche durch einen drastischen Rückgang der durchschnittlichen Geburten pro Frau geprägt sind, einen Trend, der in allen Industriegesellschaften zu beobachten ist. Dem Modell des ersten und des zweiten demografischen Übergangs zufolge haben sich die Kinderzahlen den neuen sozioökonomischen Rahmenbedingungen der Industriegesellschaft angepasst. Als demografischer Übergang wird dabei das langfristige Absinken der Sterblichkeit und die nachfolgende Verringerung der Geburten bezeichnet
53
. So verringerte sich im Verlauf des so genannten ersten demografischen Übergangs, also in der Zeit vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zurzeit nach dem 1. Weltkrieg, die Zahl der durchschnittlichen Geburten pro Frau von fünf auf zwei Kinder. Mit dieser Phase wird der Übergang von der vorindustriellen Bevölkerungsweise zur industriegesellschaftlichen Bevölkerungsweise beschrieben. Diesem Modell zufolge sind in der vorindustriellen Bevölkerungsweise Geburten und Sterbefälle sehr häufig, wobei die Geburtenrate die Sterberate überstieg. Durch eine starke Erhöhung der Lebenserwartung sank die Sterberate, gleichzeitig reduzierten die Menschen die Zahl ihrer Kinder. Die Menschen bekamen weniger Kinder und lebten länger. Da das Geburtenniveau aber immer noch etwas über der Sterblichkeit lag, wuchs die Bevöl-
52 Vgl.Thränhardt, D.: s.v. Bevölkerung, 3. Bevölkerungsperspektiven, in: Woyke, W.; Andersen, U. (Hrsg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, (= Lizenzausgabe der Bundes-
zentrale für Politische Bildung), Bonn 4 2000, S. 32-34, S. 34.
53 Vgl. Andorka, R.: Einführung in die soziologische Gesellschaftsanalyse. Ein Studienbuch zur ungarischen Gesellschaft im europäischen Vergleich, Opladen 2001, S. 240.
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kerung langsam weiter. Dies wird als industriegesellschaftliche Bevölkerungsweise bezeichnet 54 . In der Zeit seit Mitte der 1960er Jahre bis in die Mitte der 1980er Jahre verringerte sich die Zahl der Geburten pro Frau nochmals drastisch auf 1,4 Kinder. Die Geburtenrate sank dauerhaft unter die Sterberate. Dieser Geburtenrückgang wird als zweiter demografischer Übergang bezeichnet und beschreibt den Übergang von der industriegesellschaftlichen Bevölkerungsweise zur postindustriellen 55 . Des Weiteren ist der zweite demografische Übergang von einem Rückgang der Mehrkindfamilien und einer Steigerung der Kinderlosigkeit 56 geprägt. Die Bevölkerungsentwicklung in der DDR weicht indes von der anderer Industriegesellschaften ab. Sie entspricht viel mehr der eines Auswanderungslandes, wodurch die Bevölkerungszahl seit ihrer Gründung kontinuierlich von 19,1 auf 16,4 Millionen Einwohner im Jahr 1989 sank. Die Geburtenrate pro Frau lag in der DDR zwischen 1965 und 1989 indes höher als die in der BRD 57 . Der Zusammenbruch der DDR und die Wiedervereinigung mit der BRD brachten auf dem Gebiet der neuen Bundesländer einen drastischen demografischen Knick mit sich. Neben einer starken Rückentwicklung der Geburtenrate um bis zu 60 % sanken auch die Scheidungs- und Heiratsziffern. Die Kinderlosigkeit, welche in der DDR-Zeit noch sehr selten war, stieg sprunghaft an 58 .
2.3.2. Ursachenkomplexe der demografischen Veränderungen
Als Ursachen dieser Prozesse werden die wirtschaftliche Entwicklung und der Anstieg des Lebensstandards für das Absinken der Sterberate angenommen, während für die Abnahme der Geburtenziffer die soziale Entwicklung in der Moderne, die Urbanisierung, die Erhöhung der Schulbildung und ein Wechsel traditioneller Denkweisen hin zu modernen als Gründe angenommen werden 59 . Stefan Hradil gibt dabei jedoch zu bedenken, dass im Laufe der Geschichte die Sterbe- und Geburtenziffer in den einzelnen Gesellschaften bei sehr unterschiedlichem Stand der gesellschaftlichen Modernisierung zu schrumpfen begann. Er ist daher bemüht, die Ursachen diese Übergänge differenzierter zu betrachten und gibt eine
54 Vgl. Hradil, S.: Sozialstruktur Deutschlands, a.a.O., S. 39.
55 Vgl. Meyer, T.: Die Familie im demografischen Wandel, in: Frevel, B. (Hrsg.): Herausforderung demografischer Wandel, Wiesbaden 2004, S. 58-74, S. 58.
56 Die Kinderlosigkeit stieg bei den zwischen 1950 und 1960 geborenen Frauen von 15 % auf 26 % an. Vgl. BMFSFJ (Hrsg.): 7. Familienbericht, a.a.O., S. 20.
57 Vgl. Geißler, R.: Sozialstruktur Deutschlands, a.a.O., S. 51ff.
58 Vgl. Ebenda, S. 56.
59 Vgl. Andorka, R.: soziologische Gesellschaftsanalyse, a.a.O., S. 240.
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Matthias Kolodziej, 2008, Neue Herausforderungen in Gesellschaft und Politik - Das Verhältnis von Familie und Beruf im Wandel, München, GRIN Verlag GmbH
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