Vorwort 3
1. Tierbildlichkeit in der Literatur. 4
2. Die politischen Lieder und ihr historischer Kontext 5
2.1. Oswald von Wolkenstein (Lied Nr. 27) 5
2.2. Hans Rosenplüt ( Das Lied von den Türken’) 13
3. Ein Vergleich - Das Lied von den Türken’ und Ich hab gehört durch mangen
granns ’ (Kl. 27) 21
Literaturverzeichnis 23
2
Vorwort
Tiere können in der Literatur in zweifacher Funktion auftreten: Zum einen erscheinen sie als Abbild, wobei „das Tier seiner selbst Willen“ 1 gebraucht und in seiner natürlichen Umgebung mit seinen animalischen Charakteristika dargestellt wird. Zum anderen können Tiere in der Funktion eines Sinnbildes auftreten. Hierbei werden sie nicht um ihrer selbst willen genannt, „sondern eines indirekten verhüllten oder ausgesprochenen Bezuges wegen“ 2 . Diesen Bezug jedoch gilt es richtig zu deuten, um das Sinnbild, und somit die Aussage des Textes, erfassen zu können.
Diese Arbeit beschäftigt sich demnach mit der Funktion, welche die Autoren Rosenplüt und Oswald von Wolkenstein mit der sinnbildlichen Vogeldarstellung in ihren Liedern verfolgten.
In einem ersten Teil der Arbeit soll die allgemeine Funktion der Tierbildlichkeit in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Literatur Betrachtung finden. Anschließend werden diese Ergebnisse auf die zu behandelnden Lieder angewandt. Hierbei sollen unter Einbeziehung der geschichtlichen Entstehungszusammenhänge, sowie der thematischen Inhalte, speziell die verwendeten Vögel und ihre metaphorische Funktion Aufschluss über die Aufgabenstellung geben.
In einem letzten Teil werden die beiden Werke miteinander verglichen, um so zu einem vollständigen Bild der Thematik zu gelangen.
1 Beck, Heinrich: Die Tiere der Jagd und Walstatt in den eddischen Liedern, in: Das Tier in
der Dichtung, Heidelberg 1970, S. 55.
2 Beck (Anm.1), S.55.
3
1. Tierbildlichkeit in der Literatur
Die Verwendung von Tierbildern in den älteren historischen Liedern ist ein durchaus übliches Phänomen 3 . Dabei werden die Tiere als Sinnbilder für bestimmte Personen oder Personengruppen verwendet. Die Auswahl des Tieres erfolgt über dessen Charakteristika und Handlungsgewohnheiten, die es vermeidlich innehat. Um die Metaphorik entschlüsseln zu können, muss beim Rezipienten Vorwissen und Erfahrung mit ähnlichen bildhaften Texten vorhanden sein. Der Schriftsteller knüpft an das Wissen der von ihm gewählten Zielgruppe an. Es handelt sich meist um einen Insider, der für ein ‚Insiderpublikum’ schreibt 4 .
„Mit Hilfe der Verlagerung menschlicher Handlungen in die Tierwelt kann (…) der Effekt des ‚delectare’ in den Dienst der Aufgabe des ‚docere’ treten 5 “. In der Regel verfolgt der Autor die Absicht, seine kritische Meinung zu politischen Ereignissen oder Umständen zu äußern. Er versucht, durch die Indirektheit, dem Leser neue Sichtweisen zu eröffnen und „die Sehweise (…) zu steuern“ 6 .
Einerseits verhalft es dem Verfasser dazu, seine Parteilichkeit vor den kritisierten Personen verborgen zu halten oder hinauszuzögern. Im Zweifelsfall konnte er für eine andere Form der Auslegung plädieren. Andererseits hatten die Rezipienten die Möglichkeit, den vollen, meist tadelnden, Umfang der Aussagen verstehen zu können. Eine „mehrschichtige Lesbarkeit“ 7 kann demnach als Kalkulation des Verfassers betrachtet werden. Außerdem führt die Verwendung der, oft uneindeutigen, Tiermetaphorik zu mehreren Interpretationsmöglichkeiten und langfristigen Übertragungen. Diese Art der Darstellung machte es möglich,
3 Vgl. Glier, Ingeborg, „Rosenplüt, Hans“, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters,
Verfasserlexikon, Bd.8, Berlin/New York 1992, Sp.200.
4 Vgl. Joschko, Dirk, Oswald von Wolkenstein, eine Monographie zu Person, Werk und
Forschungsgeschichte, Göppingen 1985, S.94.
5 Harms, Wolfgang, Von den Vorzügen uneigentlicher Formulierung und unscharfer
Assoziation in der Bildpublizistik, Tiere als Akteure auf illustrierten Flugblättern der Frühen
Neuzeit, hrsg. von Jahn, Bernhard/ Neudeck, Otto, in: Tierepik und Tierallegorese (=
Mikrokosmos, Beiträge zur Literaturwissenschaft und Bedeutungsforschung, Bd.71),
Frankfurt am Main u.a. 2004, S.299.
6 Schilling, Michael, Allegorie und Satire auf illustrierten Flugblättern des Barock, hrsg. von
Walter Haug, in: Formen und Funktionen der Allegorie, Symposion Wolfenbüttel 1978
(=Germanistische Symposiien, Berichtsbände 3), Stuttgart 1979, S.405 , zit. In: Harms
(Anm.5), S.299.
7 Harms (Anm.5), S.299.
4
bewertende Meinungen zu publizieren, ohne selbst eine Zensur vornehmen zu müssen.
Auch Oswald von Wolkenstein und Hans Rosenplüt nutzten diese Art der verdeckten Meinungsäußerung mit Hilfe der Vogelbildlichkeit. Im folgenden Teil der Arbeit sollen ihre politischen Lieder durch enge Textarbeit interpretiert werden.
2. Die politischen Lieder und ihr historischer Kontext
2.1. Oswald von Wolkenstein (Lied Nr. 27)
Über das genaue Geburtsjahr Oswald von Wolkensteins liegen in der Literatur verschiedene Meinungen vor. Anhand der Angaben in seinen Liedern lässt sich das Datum seiner Geburt auf die Jahre 1376 bis 1378 eingrenzen 8 . Er entstammte einer Südtiroler Adelsfamilie, den Villandern. Wolkenstein genoss eine ritterliche Erziehung in deren Verlauf er unter anderem im Dienst eines fahrenden Ritters stand. Im Laufe seines Lebens nahm er an zahlreichen politischen und militärischen Auseinandersetzungen teil. Diese Erfahrungen schlagen sich in seinem vielschichtigen Oeuvre nieder. Hierbei „mischen sich vielfältige lyrische Gattungen, Themen, Stilhaltungen, Topoi und Sprachformeln“ 9 . Oswald von Wolkenstein verstarb am 2. August 1445 in Meran.
Das zu behandelnde Lied „Ich hab gehört durch mangen granns“ (Kl. 27) lässt sich zu seinen historisch-politischen Liedern zählen. Das so genannte Hussiten-Lied 10 greift die subjektive Sichtweise des Autors auf die Ereignisse um die Hussitenkriege Anfang des 15. Jahrhunderts in Böhmen auf. Wolkenstein kam im Dienste des Bischofs von Brixen nach Konstanz 11 , wo er seit dem 16. Februar 1415 in der Pflicht des Königs Sigmund stand. Für das
8 Anton Schwob führt das Lied „Es fügt sich“ (1416) als Beleg an. Darin schreibt Oswald, er
sei zum Verfassungszeitpunkt vierzig Jahre alt. Daraus folgernd datiert Schwob das
Geburtsjahr Wolkensteins auf das Jahr 1376.; Vgl. Schwob, Anton: Oswald von Wolkenstein,
Eine Biographie, Bozen 1977, S. 19.
9 Schilling, Michael: Oswald von Wolkenstein, in: Kindlers Neues Literaturlexikon, München
1991, S. 814.
10 Schwob, Anton: Oswald von Wolkenstein, Eine Biographie, Bozen 1977, S. 162.
11 Vgl. Feldges, Mathias, Lyrik und Politik am Konstanzer Konzil, Eine neue Interpretation von
Oswald von Wolkensteins Hussitenlied, in: Literatur, Puplikum, hitorischer Kontext (=Beiträge
zur älteren deutschen Literaturgeschichte, Bd.1), Bern 1977, S.138.
5
Konstanzer Konzil kann Wolkenstein, zumindest für dessen Anfänge im November 1414, als Augenzeuge betrachtet werden. Dort standen unter anderem die Lehren des böhmischen Reformators Jan Hus zur Verhandlung. Dieser sprach sich gegen den weltlichen Besitz der Kirche aus. In der Bibel sah er die einzige Autorität in Glaubensfragen und erkannte den Papst als Oberhaupt der Kirche nicht an. Diese Ansichten wurden durch das Konzil verurteilt, da sie als ketzerische Bewegung die weltliche und geistliche Ordnung zu bedrohen schienen. Daraufhin wurde Hus am 4. Mai 1415 zum Tode verurteilt und am 6. Juli auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Zu ersten Entladungen der Anhänger des Jan Hus, den so genannten ‚Hussiten’, kam es 1419 durch den Sturm auf das Prager Rathaus 12 . Die somit ausgebrochenen Hussitenkriege hielten bis in die 30er Jahre des 15. Jahrhunderts an.
Das Lied 27 spiegelt eine Einstellung gegen die hussitische Lehre wieder und stellt somit die subjektive Meinung des Autors zu den Vorgängen im Reich dar. Dabei bedient er sich unter anderem der Tiermetaphorik, die in der folgenden Textarbeit im Vordergrund stehen soll. In der ersten Strophe zeigt Oswald die Ausganglage für seine weiteren Schilderungen auf. ,
Ich hab gehört durch mangen granns
mit ainem prichwort dick ain toren triegen:
imm, Lippel wër ain gute ganns,
hett er neur federn, das im lawnt ze fliegen.
bei dem ain jeder merken ol, 5
das ich die löff in manchen weg verkeren;
das prüfft man an den genen wol,
ir ainvalt i gecheidiklichen meren
zu Behem und ouch anderwo,
do i die federn reren. 13 10
Das Wort granns bedeutet wörtlich übersetzt Schnabel, Rüssel oder Maul 14 und wird im Zusammenhang mit der fortlaufenden Vogelbildlichkeit verwendet. Da die Vogelmetaphorik auf Menschen anwendbar ist, kann es hier als Mund verstanden werden. Vermutlich handelt es sich um die Münder
12 Vgl. Feldges (Anm.11), S.137.
13 Kuhn, Hugo (Hrsg.), Die Lieder Oswalds von Wolkenstein (=Altdeutsche Textbibliothek,
Nr.55), Tübingen 1975, S.100.
14 Lexer, Matthias, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, 38. Aufl., Stuttgart 1992, S. 75.
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