Inhalt
1. Einleitung 1
2. Gegenstandsbestimmung 3
2.1. Die Werke - Zeitgenössische Rezeption und Publikum 3
2.2. Intertextualität 6
2.2.1. Das zugrunde gelegte Intertextualitätskonzept 6
2.2.2. Funktionen intertextueller Bezüge 10
2.2.3. Exkurs: Zum Problem der Mündlichkeit in der mediävistischen
Intertextualitätsforschung 13
3. Intertextuelle Bezüge des Parzival im Willehalm 14
3.1. Der Willehalm vor dem Hintergrund des Parzival 14
3.2. Intertextuelle Bezugnahmen auf Parzival-Figuren 18
3.2.1. Anfortas 18
3.2.2. Feirefiz und Secundille 24
3.2.3. Gahmuret 33
3.2.4. Parzival 35
3.2.4.1. Parallelen zwischen Rennewart und Parzival 35
3.2.4.2. Parzival als Folie für Rennewart? 39
3.2.5. Gawan 47
3.2.6. Die Besiegten im Kampf mit Feirefiz 52
3.2.7. Alîze 55
3.3. Intertextuelle Bezugnahmen auf nicht personenbezogene Parzival- Elemente56
3.3.1. Artushof und Gralswelt 56
3.3.2. Der Wald Lignaloe 59
3.3.3. Die Lanzenschäfte aus Oraste Gentesîn 60
3.4. Bezugnahmen auf Themen und Handlungsmotive des Parzival 62
4. Funktionen der intertextuellen Bezüge des Parzival im Willehalm 71
5. Der Willehalm - Weiterführung oder Kontrastbildung
zum Frühwerk? 76
6. Schlussbetrachtungen 79
7. Anhang 84
8. Literaturverzeichnis 91
„Es gibt kein literarisches Werk, das nicht, in einem bestimmten Maß und
je nach Lektüre, an ein anderes erinnert. (...) Aber (...) manche [machen es]
mehr (oder offensichtlicher, massiver und expliziter) als andere.“ (Gérard Genette; 1993)
1. Einleitung
Die vorliegende Examensarbeit befasst sich mit den beiden Werken Wolframs von Eschenbach, dem Parzival (~1200/10) und dem unvollendeten Willehalm (~1210/20). Doch nicht nur den Autor haben diese beiden Dichtungen gemeinsam, sondern Wolfram stellt im Verlauf der jüngeren Dichtung auch intertextuelle Bezüge zwischen ihnen her.
Dass sich mittelalterliche Texte auf andere beziehen, ist bekannt, seit sich die Forschung mit diesen Werken auseinandergesetzt hat. Doch zunächst zeigten eine Vielzahl von Untersuchungen lediglich die Quellen und die Einflüsse auf, welche den Übernahmen und Verweisen zu entnehmen waren. Erst in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts - und damit relativ spät - hat die Frage nach dem Sinn der Anspielungen auf ein vorangegangenes Werk, und damit überhaupt erst der Intertextualitätsbegriff, Einzug in die mediävistische Forschung gefunden 1 .
Eben dieser Frage nach dem Grund für die intertextuelle Bezugnahme seitens des Autors wird diese Arbeit nachgehen. Auf der Basis einer Analyse der Intertextualitäten wird sich vor allem mit der Frage nach deren Bedeutung und Funktion für die Texte und die Rezipientenschaft beschäftigt. Doch vor einer interpretatorischen Auseinandersetzung mit diesem zentralen Untersuchungsgegenstand der Arbeit soll in einem ersten Teil die Frage nach der Rezeption der beiden Werke Wolframs relevant werden. Denn nur, wenn von der Kenntnis des älteren Werkes seitens der Rezipientenschaft auszugehen ist, können die Verweise innerhalb der neueren Dichtung verstanden werden. Danach erscheint es sinnvoll, kurz den theoretischen Standort zu skizzieren, von dem diese Analyse ausgeht. Die Bandbreite der Veröffentlichungen, die sich mit dem Intertextualitätsbegriff auseinandersetzen, ist sehr groß und der Begriff selbst dementsprechend diffus geworden. Aus diesem Grund wird auf einen umfassenden Überblick über die Intertextualitätsforschung verzichtet, da es Aufgabe und Ziel dieser Arbeit sein wird, einen eigenen, spezifischen Intertextualitätsbegriff für die Beziehung zwischen den beiden Werken Wolframs zu erarbeiten. Nach einer kurzen Skizzierung der möglichen Funktionen von
1 Vgl. Wolfzettel, Friedrich: Zum Stand und Problem der Intertextualitätsforschung im Mittelalter
(aus romanistischer Sicht), in: Artusroman und Intertextualität (= Beiträge der Deutschen
Sektionstagung der Internationalen Artusgesellschaft vom 16. bis 19. November 1989 an der
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a.M.), hrsg. von Friedrich Wolfzettel, Giessen
1990, S. 1ff.
1
intertextuellen Bezügen wird das Hauptaugenmerk auf der eigentlichen Analyse der einzelnen Willehalm-Textstellen liegen. Mit Hilfe der darin erzielten Ergebnisse sollen die obigen Fragestellungen beantwortet und ein möglichst genaues Bild von den einzelnen Funktionen und der Intensität der intertextuellen Bezüge des Parzival im Willehalm Wolframs von Eschenbach erarbeitet werden. Die Verweise zwischen den Werken werden innerhalb der Forschung durchaus zur Kenntnis genommen und nach ihrem Auftreten im Willehalm chronologisch aufgelistet 2 . Eine umfassende Darstellung und Analyse aller Bezüge ist bisher jedoch ausgeblieben. Um eine solche zu erarbeiten, wird neben den einschlägigen Monographien und Aufsätzen der Parzival- und Willehalm-Forschung vor allem eng mit den Texten Wolframs gearbeitet. Als Primärtexte dienen die Willehalm- Textausgabevon Werner Schröder (2003) 3 und die Parzival-Ausgabe von Karl Lachmann (2003) 4 , die damit Ausgangspunkt der Analyse sein sollen.
2 Vgl. Singer, Samuel: Wolframs Willehalm, Bern 1918, S. 21.; Vgl. Schirok, Bernd:
Parzivalrezeption im Mittelalter (= Erträge der Forschung, Bd. 174), Darmstadt 1982, S. 65.; Vgl.
Kiening, Christian: Reflexion - Narration, Wege zum ‚Willehalm’ Wolframs von Eschenbach (=
Hermaea, Germanistische Forschungen, Bd. 83), Tübingen 1991, S. 94-102. u.a.
3 Eschenbach, Wolfram v.: Willehalm, 3. durchgesehene Aufl., Text der Ausgabe von Werner
Schröder, Übersetzung, Vorwort und Register von Dieter Kartschoke, Berlin/New York 2003.; Im
Folgenden nur noch durch Werkskürzel (Wh.), Dreißigereinheit und Zeilenangabe gekennzeichnet.
4 Eschenbach, Wolfram v.: Parzival, Studienausgabe, 2. Aufl., Mhd. Text nach der 6. Ausgabe von
Karl Lachmann, Übersetzung von Peter Knecht, Mit Einführungen zum Text der Lachmannschen
Ausgabe und in Probleme der ‚Parzival’-Interpretation von Bernd Schirok, Berlin/ New York 2003.
Im Folgenden nur noch durch Werkskürzel (Pz.), Dreißigereinheit und Zeilenangabe
gekennzeichnet.
2
2. Gegenstandsbestimmung
2.1. Die Werke - Zeitgenössische Rezeption und Publikum
Der Parzival ist ein Artus-Gral-Roman aus dem Stoffkreis der keltischen Sagen um König Artus und die Ritter der Tafelrunde. Der Autor erzählt in verwobenen Handlungssträngen die ritterlichen Aventiuren zweier Hauptfiguren: Einerseits die Entwicklung des Titelhelden Parzival vom unwissenden Jüngling zum Gralskönig und andererseits die abenteuerlichen Bewährungsproben für den Artusritter Gawan.
Das Werk ist vermutlich im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts entstanden. Als französische Vorlage diente Wolfram der unvollendete Conte du Graal von Chrétien de Troyes, wobei er diesem gegenüber zahlreiche Veränderungen und Erweiterungen vorgenommen hat.
Konkrete Aussagen über den Wirkungsbereich der mittelalterlichen Autoren, deren Mäzene oder das Publikum, vor welchem die Romane mündlich vorgetragen wurden, lassen sich häufig überhaupt nicht oder nur mit großer Unsicherheit treffen. Die Tatsache, dass zur Entstehung eines solchen Werkes die Quellen beschafft werden mussten sowie gewisse materielle Arbeitsmittel notwendig waren, lassen „einen hochadligen Gönner voraussetzen“ 5 . Im Fall des Parzival lässt sich der Auftraggeber jedoch nur vermuten, da Wolfram ihn an keiner Stelle nennt. Innerhalb der Forschung wird, wenn auch unsicher, Landgraf Hermann von Thüringen als einer der Mäzene angenommen, da der Autor ihn mit seinem Werk in Verbindung bringt (vgl. Pz. 297,16-23). Insgesamt wird von mehreren Gönnern im fränkisch-bayerischen Raum ausgegangen 6 . Als Vortragsort der mittelalterlichen Epen wird der Hof angenommen, da besonders an den großen Höfen ein reges Interesse an der französischen Gesellschaftskultur und deren Dichtung herrschte 7 . Eine etwas genauere Auskunft über den Rezipientenkreis ist nur über die Verweise, die der Autor selbst in sein Werk einfließen lässt, zu gewinnen. Es fallen dabei vor allem die zahlreichen innerliterarischen Hinweise auf Persönlichkeiten, Ereignisse oder Örtlichkeiten aus anderen Texten auf. Besonders häufig werden auf Hartmann von Aues Erec und Iwein sowie Dichterkollegen wie Heinrich von Veldeke und Walther von der Vogelweide angespielt. Selbstverständlich muss Wolfram selbst also deren Texte gekannt
5 Schirok: Parzivalrezeption im Mittelalter, S. 7.
6 Vgl. Bumke, Joachim: Wolfram von Eschenbach, (= Sammlung Metzler, Bd. 36), 8. völlig neu
bearb. Aufl., Stuttgart 2004, S. 14ff.
7 Vgl. ebenda, S. 12.
3
haben, zugleich aber davon ausgegangen sein, dass auch sein Publikum Kenntnisse über sie hat 8 . Wolfram trug seine Dichtung also mit aller Wahrscheinlichkeit einem höfischen und literarisch gebildeten Rezipientenkreis vor.
Das Werk selbst war ein großer Erfolg und wird in der Forschung als der beliebteste höfische Roman des Mittelalters gehandelt 9 . Im 13. Jahrhundert ist kein anderes Epos so häufig zitiert, abgeschrieben und bebildert worden. Seine literarische Rezeption setzte unmittelbar nach dem ‚Erscheinen’ des Parzival ein und reichte bis in den Beginn des 16. Jahrhunderts hinein. Dabei wurde zum Beispiel der von Wolfram ausgesparte Schluss im Jüngeren Titurel (um 1260-75) von Albrecht 10 weitergedichtet oder einzelne Figuren, Handlungsstränge sowie sprachliche Besonderheiten Wolframs sind zum Gegenstand anderer Werke geworden. Die vielen Wolframnennungen anderer zeitgenössischer Autoren lassen auf eine große Bekanntheit und Beliebtheit des Dichters und seiner Werke schließen. So bezeichnet beispielsweise Wirnt von Grafenberg in seinem Wigalois (1210-1215) Wolfram als einen weisen Mann mit großem Kunstsinn, dem gegenüber kein Laie je besser gedichtet habe 11 . Im Ganzen dürfte es „kaum einen späteren Verfasser höfischer Epen in Deutschland gegeben haben, der nicht mit dem Parzival vertraut war“ 12 .
Insgesamt sind 15 nahezu vollständige Handschriften sowie etwa 71 Fragmente überliefert. Davon fallen allein 44 in das 13. Jahrhundert. Stellt man diesen Zahlen etwa den Erec Hartmanns mit insgesamt vier handschriftlichen Überlieferungen, wovon nur zwei in das 13. Jahrhundert fallen, oder das Nibelungenlied mit elf für dasselbe Jahrhundert gegenüber, so erfuhr der Parzival im Vergleich zu anderen Werken derselben Entstehungszeit 13 in dominierender Weise Verbreitung 14 . Der Parzival wurde mehr als alle anderen Texte um 1200 rezipiert. Ausgehend von dieser Verbreitung kann man annehmen, dass das Frühwerk Wolframs nicht
8 Vgl. Bumke: Wolfram von Eschenbach, S. 10f.
9 Vgl. Mertens, Volker: Der deutsche Artusroman (= Reclams Universal-Bibliothek, Nr. 17609),
Stuttgart 1998, S. 101.
10 Inzwischen ist man weitgehend davon abgekommen in Albrecht von Scharfenberg den Verfasser
des Jüngeren Titurel zu sehen. Aus diesem Grund nennt die Forschung den Verfasser meist
Albrecht.
11 Vgl. Schirok: Parzivalrezeption im Mittelalter, S. 68.
12 Bumke: Wolfram von Eschenbach, S. 255.
13 Siehe hierzu die Tabelle in Anhang -1- ‚Handschriftliche Überlieferung mittelalterlicher Werke um
1200’.
14 Vgl. Schirok: Parzivalrezeption im Mittelalter, S. 57f.
4
nur ein integraler Bestandteil der Literatur des 13. Jahrhunderts darstellte 15 , sondern ihm besonders in dieser Zeit eine außerordentliche Bekanntheit zuteil wurde.
Das unvollendete Epos Willehalm ist nach dem Parzival, etwa 1210-1220, entstanden. Das Werk ist eine Bearbeitung der altfranzösischen Chanson de Geste La Bataille d’Aliscans aus dem Sagenkreis um Guillaume d’Orange. Das zentrale Thema stellt der Konflikt zwischen Orient und Okzident dar. Wolfram macht damit ein bereits seit der Antike beliebtes Thema zum Mittelpunkt 16 . In zwei Schlachten auf Alischanz kämpfen die Christen unter der Führung des Markgrafen Willehalm gegen die Heiden. Nachdem sie in ersterer vernichtend geschlagen werden, endet die Entscheidungsschlacht mit einem christlichen Sieg. Die Kämpfe sind nicht nur religiös und politisch, sondern auch durch persönliche Rache motiviert.
Wie bereits für den Parzival, so ist auch für den Willehalm wahrscheinlich, dass die Rezeption im Wesentlichen innerhalb einer adligen Publikumsschicht erfolgte 17 und der Hof als Vortragsort diente. Doch anders als bei seinem Frühwerk, bei dem der Rezipientenkreis, besonders durch den zeitgenössischen Erec und Iwein Hartmanns, mit der Gattung des Artusromans vertraut gewesen ist, verfasste Wolfram die Willehalm-Dichtung etwa 30 Jahre nach Aliscans, also für ein Publikum, dem der Chanson de Geste-Zyklus selbst nicht bekannt war 18 . Auch allgemeine Kenntnisse über den Islam oder muslimische Lebensweisen können bei dem - meist analphabetischen Publikum - nicht vorausgesetzt werden. Dessen Hauptinteresse galt wohl vor allem denjenigen Themen, zu denen sie Bezüge zu ihrer eigenen Lebenswelt herstellen konnten, wie Kampf, minne, Rittertugenden oder höfische Prachtentfaltung. Somit muss bei den Zuhörern von einem anderen Erwartungshorizont ausgegangen werden 19 .
Die Wirkung des Willehalm war kaum geringer als die des Parzival. Dies bezeugen die große Anzahl der erhaltenen Handschriften (Vgl. Anh. 1) sowie zahlreiche Bezugnahmen späterer Texte auf die Dichtung. Anspielungen auf
15 Vgl. Schirok: Parzivalrezeption im Mittelalter, S. 173.
16 Vgl. Bumke: Wolfram von Eschenbach, S. 322.
17 Vgl. Kleinschmidt, Erich: Literarische Rezeption und Geschichte, Zur Wirkungsgeschichte von
Wolframs Willehalm im Spätmittelalter, in: DVjs 48 (1974), S. 647.; Vgl. Bumke: Wolfram von
Eschenbach, S. 395.
18 Vgl. Greenfield, John/ Miklautsch, Lydia: Der ‚Willehalm’ Wolframs von Eschenbach, Eine
Einführung, Berlin/New York 1998, S. 53.
19 Vgl. Bumke, Joachim: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter (= Geschichte der
deutschen Literatur im Mittelalter, Bd. 2), München 1990, S. 162.
5
Wolframs Werk finden sich beispielsweise in der Österreichischen Reimchronik Ottokars von der Steiermark oder in der zweiten Fortsetzung der Kaiserchronik 20 .
An dieser Stelle kann festgehalten werden, dass sowohl der Parzival, als auch der Willehalm im 13. Jahrhundert von großer Bekanntheit waren, da sie eine beträchtliche Verbreitung erfuhren. Beide Dichtungen wurden an großen Höfen und vermutlich einem literarisch gebildeten Rezipientenkreis vorgetragen, denn die vielen innerliterarischen Bezugnahmen lassen auf Kenntnisse der Zuhörer schließen. Ob dies tatsächlich auf jeden einzelnen Zuhörer zutrifft, kann die vorangegangene Darstellung der zeitgenössischen Rezeption sicher nicht beweisen. Zudem ist fraglich, ob eine Person beide Werke kannte. Da jedoch die außerliterarischen Anspielungen für den Parzival und den Willehalm oft dieselben sind, wie zum Beispiel der Raum um den Thüringer Hof, ließe sich dieser für beide als einer der Vortragsorte annehmen 21 . Ob gleicher Vortragsort gleiches personales Publikum verheißt, muss an dieser Stelle offenbleiben, wobei die geringe zeitliche Distanz zwischen der ‚Erscheinung’ beider Werke einen, zumindest zum Teil, identischen Rezipientenkreis möglich erscheinen lässt. Allein die Tatsache, dass der Parzival durch die intertextuellen Bezüge im Willehalm von Wolfram als bekannt vorausgesetzt wird, muss hier als Indiz für dessen Kenntnis seitens der Zuhörer genügen.
Insgesamt muss aber bei allen Hinweisen „auf den intendierten Wirkungs- und Hörerkreis und auf die literarischen Kenntnisse des Publikums“ 22 ihre Scheinhaftigkeit betont werden, da weder die Intention des Autors, noch die Rezeptionsvoraussetzungen eindeutig rekonstruierbar sind 23 .
2.2. Intertextualität
2.2.1. Das zugrunde gelegte Intertextualitätskonzept
Julia Kristeva erwähnte in ihrem Aufsatz von 1967 Bakhtine, le mot, le dialogue et le roman 24 erstmalig das Wort intertexte. Inhaltlich lässt sich das Phänomen der Intertextualität jedoch schon weit vor Kristeva, in Form von Zitaten, Anspielungen, Imitationen, Quellen, Parodien und anderen, finden. Das Neue in den 60er Jahren
20 Vgl. Bumke: Wolfram von Eschenbach, S. 396.
21 Vgl. Schirok: Parzivalrezeption im Mittelalter, S. 9f.
22 Ebenda, S. 8.
23 Vgl. Kiening: Reflexion - Narration, Wege zum ‚Willehalm’ Wolframs von Eschenbach, S. 162.
24 Vgl. Kristeva, Julia: Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman, in: Literaturwissenschaft und
Linguistik, Ergebnisse und Perspektiven, Bd. 3, hrsg. von Jens Ihwe, Frankfurt a.M. 1972, S. 345-
375.
6
lag vor allem darin, dass sich nun mit dem Begriff der Intertextualität ein Globalbegriff etablierte, der all diese Formen in einem Wort zusammenfasste 25 . Doch Hermann Meyer sah durch diesen allgemeinen und weiten Begriff die Gefahr, „ins Uferlose [zu] geraten“ 26 . Wenngleich also dieser Oberbegriff sicher nicht für all die unterschiedlichen Phänomene eingesetzt werden kann, so bilden diese doch die wichtigsten Bausteine der Intertextualität 27 . Eine unumstrittene Feststellung innerhalb der Forschung ist also, dass die Theorie der Intertextualität eine Theorie der Beziehungen zwischen Texten ist. Umstritten ist dabei jedoch, welche Arten der Beziehungen darunter gefasst werden sollen: Die Skala reicht von der Ansicht, dass Intertextualität als Eigenschaft von Texten allgemein erscheint (Modell des Poststrukturalismus), bis hin zur Auffassung, dass sie eine spezifische Eigenschaft bestimmter Texte oder Textklassen sei (Modell des Strukturalismus). Die erste und weitere Konzeption fasst Intertextualität als prinzipielle Signatur von Texten, die in einem regressus ad infinitum 28 auf andere Texte verweisen, auf. Demzufolge bauen sich alle Texte als Mosaik von Zitaten auf 29 , denn „[j]eder Text ist Reaktion auf vorausgegangene Texte, und diese wiederum sind Reaktionen auf andere“ 30 . Ein solches allgemeines Konzept mit der Annahme eines „universalen Intertextes“ 31 ist als konkrete Analyse- und Interpretationskategorie aber nur wenig geeignet, da damit die spezifische Form intertextueller Bezugnahme im Einzeltext nicht treffend zu erfassen ist. Aus diesem Grund erfolgten zahlreiche Versuche, die verschiedenen Formen der Intertextualität zu klassifizieren und den Begriff weiter einzuengen. So unterscheidet Renate Lachmann mit Bezug auf den verwandten Begriff der Dialogizität 32 zwischen einer textontologischen und einer textdeskriptiven
25 Vgl. Stocker, Peter: Theorie der intertextuellen Lektüre, Modelle und Fallstudien, Paderborn
1998, S. 17f.
26 Meyer, Hermann: Das Zitat in der Erzählkunst, Zur Geschichte und Poetik des europäischen
Romans, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1967, S. 15.
27 Vgl. Stocker: Theorie der intertextuellen Lektüre, S. 20f.
28 Vgl. Pfister, Manfred: Konzepte der Intertextualität, in: Intertextualität, Formen, Funktionen,
anglistische Fallstudien (= Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft, Bd. 35), hrsg. von
Ulrich Broich und Manfred Pfister, Tübingen 1985, S. 9.; Als regressus ad infinitum skizziert Pfister
treffend die Konzeption Julia Kristevas und ihrer Anhänger.; Vgl. hierzu: Kristeva: Bachtin, das
Wort, der Dialog und der Roman, S. 345-375.
29 Vgl. Kristeva: Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman, S. 348.
30 Pfister: Konzepte der Intertextualität, S. 11.
31 Ebenda, S. 12.
32 Dialogizität ist ein auf Michail Bachtin zurückgehendes Konzept. Im Gegensatz zum äußeren,
von zwei Sprechpartnern gestalteten Dialog meint Dialogizität die ‚innere’ Dimension einer
Aussage als deren Mehrstimmigkeit. Der Begriff wurde schließlich auch auf ‚äußerlich’ dialogische
7
Eingrenzung. Ersterer meint die oben bereits angesprochene „generelle Dimension von Texten überhaupt, [also den] Text als Bestandteil eines ‚Universums’ miteinander korrespondierender Texte“ 33 . Der textdeskriptive Aspekt begreift Dialogizität „als spezifische Form der Sinnkonstitution von Texten“, das heißt „den Dialog mit fremden Texten (Intertextualität)“ 34 . Da ein literarisches Werk kaum in der Lage ist, zu allen Texten in Beziehung zu treten, erscheint laut Wolfgang Preisendanz „Intertextualität nicht als universelles Prinzip ästhetischer Literatur bzw. Rezeption (...), sondern als eine Möglichkeit, eine Alternative, ein Verfahren des Bedeutungsaufbaus literarischer Werke“ 35 . Damit wird Intertextualität also zum „Oberbegriff für jene Verfahren eines mehr oder weniger bewußten und im Text selbst auch in irgendeiner Weise konkret greifbaren Bezugs auf einzelne Prätexte [oder] Gruppen von Prätexten“ 36 .
In dieser Arbeit soll, wie es bereits die Themenstellung erwarten lässt, mit diesem engeren Begriff, welcher Intertextualität als werkspezifische Kategorie begreift, gearbeitet werden, wobei der konkrete Bezug auf einen Prätext, den Parzival, bereits festgelegt ist (Einzeltextreferenz 37 ). Die intertextuellen Bezüge erfolgen, so viel sei an dieser Stelle bereits vorweggenommen, zumeist in Form der Anspielung oder des Zitats. Besonders diese beiden Formen werden in der Forschung stark diskutiert, da ihre Abgrenzung voneinander schwierig und der Übergang zum Teil fließend ist 38 . Unter der Anspielung, auch Allusion, wird hier deshalb „die indirekte Erwähnung als bekannt vorausgesetzter Gegebenheiten“ 39 verstanden. Dabei werden im gegenwärtigen Text, hier dem Willehalm, Strukturen oder Teile des Parzival mittelbar wiedergegeben. Darüber hinaus können Objekte der Anspielung das
Textbeziehungen erweitert und Bachtins Konzept der Dialogizität wurde zur Grundlage, wenn auch
in wesentlich veränderter Form, von Julia Kristevas Theorie der Intertextualität.
33 Lachmann, Renate (Hrsg.): Dialogizität, Theorie und Geschichte der Literatur und der schönen
Künste, Reihe A, Bd. 1, München 1982, S. 8.
34 Ebenda, S. 8.
35 Preisendanz, Wolfgang: Zum Beitrag von R. Lachmann ‚Dialogizität und poetische Sprache’, in:
Dialogizität, Theorie und Geschichte der Literatur und der schönen Künste, Reihe A, Bd. 1, hrsg.
von Renate Lachmann, München 1982, S. 26f.
36 Pfister: Konzepte der Intertextualität, S. 15.
37 Im Gegensatz zur Einzeltextreferenz bezieht sich die sogenannte Systemreferenz auf allgemeine
Textsysteme, wie z.B. auf komplexe Gattungsmuster, also nicht, wie erstere auf individuelle
Prätexte.
38 Vgl. Draesner, Ulrike: Wege durch erzählte Welten, Intertextuelle Verweise als Mittel der
Bedeutungskonstitution in Wolframs ‚Parzival’ (= Mikrokosmos, Beiträge zur
Literaturwissenschaft und Bedeutungsforschung, Bd. 36), Frankfurt a.M. u.a. 1993, S. 26ff.
39 Stenzel, Jürgen: Anspielung, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, hrsg. von
Klaus Weimar, Bd. 1, 3. neubearb. Aufl., Berlin/ New York 1997, S. 93.
8
Werk selbst sein oder Teile dessen, wie etwa Motive oder bestimmte Textstellen 40 . Unter dem Zitat wird hingegen die unveränderte und unmittelbare Übernahme des Prätextes, oder ein Teil desselben, in den Referenztext verstanden 41 . Der Umfang kann also vom einzelnen Wort bis zum vollständigen Text reichen 42 . Darunter fallen hier vor allem die Nennungen von Figuren- und Ortsnamen. Denn wie ein Zitat, so wiederholt auch ein wiederverwendeter Name „ein Sprachsegment des (...) Prätextes“ 43 . Diese bestimmte Bezugsform wird auch als Interfiguralität bezeichnet 44 . Die unterschiedlichsten Figurenbeziehungen reichen dabei von der bloßen Namensähnlichkeit oder -gleichheit, bis hin zur Übernahme von Name samt Namensträger aus einem literarischen Werk in ein anderes 45 . Im Rahmen der Untersuchung soll die Markierung dieser intertextuellen Bezüge, beispielsweise durch die ausdrückliche Nennung der Quelle, jedoch nicht als unabdingbarer Bestandteil von Intertextualität aufgefasst werden, da bei entsprechender Bekanntheit von Texten (vgl. Kap. 2.1.) durchaus darauf verzichtet werden kann. Natürlich bleibt die Realisierung des Bezuges durch den Leser im Hinblick auf dessen Bedeutung und Funktion relevant 46 .
Im Gegensatz zur gängigen Praxis in Teilen der Intertextualitätsforschung soll die Existenz eines Autors und damit auch einer Autorintention nicht in Frage gestellt werden. Denn an einigen Stellen, wie sich in der Analyse zeigen wird, erscheint der Bezug auf eine mögliche Intention Wolframs interessant und zum Teil sogar unumgänglich 47 . Hier wird also davon ausgegangen, dass der Autor bewusst einen Bezug zu seinem früheren Werk gewählt hat, der vom Rezipienten realisiert
40 Vgl. Stenzel: Anspielung, S. 93f.
41 Vgl. Holthuis, Susanne: Intertextualität, Aspekte einer rezeptionsorientierten Konzeption,
Tübingen 1993, S. 92.
42 Vgl. Helmstetter, Rudolf: Zitat, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft,
Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte, hrsg. von Jan-Dirk Müller,
Bd. 3, Berlin/ New York 2003, S. 896.
43 Plett, Heinrich F.: Sprachliche Konstituenten einer intertextuellen Poetik, in: Intertextualität,
Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien (= Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft,
Bd. 35), hrsg. von Ulrich Broich und Manfred Pfister, Tübingen 1985, S. 81.
44 Vgl. Müller, Wolfgang G.: Interfigurality, A Study on the Interdependence of Literary Figures,
in: Intertextuality, hrsg. von Heinrich F. Plett, Berlin/ New York 1991, S. 101ff.
45 Vgl. Müller, Wolfgang G.: Namen als intertextuelle Elemente, in: Poetica 23 (1991), S. 146.
46 Vgl. Broich, Ulrich: Formen der Markierung von Intertextualität, in: Intertextualität, Formen,
Funktionen, anglistische Fallstudien (= Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft, Bd. 35),
hrsg. von Ulrich Broich und Manfred Pfister, Tübingen 1985, S. 32.
47 Siehe hierzu besonders das Kapitel 3.1. ‚Der Willehalm vor dem Hintergrund des Parzival’; Die
Forschung hat noch nicht mit Sicherheit zeigen können, inwieweit zwischen dem Dichter Wolfram
und dem Erzähler Wolfram zu unterscheiden ist. Aus diesem Grund ist hier, wenn im Folgenden
von Erzähler, Autor oder Dichter die Rede sein wird, nicht eine fiktionale Gestalt oder eine
poetische Erfindung des Autors gemeint, sondern Wolfram von Eschenbach selbst.
9
wird. „Intertextualität in diesem engen Sinne setzt also das Gelingen eines ganz bestimmten Kommunikationsprozesses [zwischen Autor und Publikum] voraus“ 48 . Die hier formulierte Definition eines eingeschränkten Intertextualitätsbegriffs ist sicher nicht unproblematisch, da man damit Gefahr läuft, die traditionelle ‚sources and analogues’-Forschung der Moderne zu betreiben 49 . Aber, wie auch Manfred Pfister einlenkt, muss dem nicht so sein, „weil (...) hier Intertextualitätsforschung nicht einfach Spurensicherung bedeuten [soll], sondern die Integration der verschiedenen intertextuellen Verfahren und deren Funktionen als neuer Analysefokus wirksam werden [sollen]“ 50 .
2.2.2. Funktionen intertextueller Bezüge
Die Frage, was Autoren mit den verschiedensten Rückgriffen auf vorangegangene Texte bezwecken wollen, ist zentral und muss daher bei der Analyse jedes intertextuell-strukturierten Textes gestellt und beantwortet werden. Doch wie schon der Begriff der Intertextualität so sind auch die Funktionen sehr vielfältig und stark diskutiert 51 . Sie können, um nur einige zu nennen, von dem bloßen Spiel mit der Literatur, über die konkrete Figurencharakterisierung und -beschreibung und die Kommentierung der Erzählinhalte und Antizipation, bis hin zur Dramatisierung von Ereignissen und der Erzeugung von Komik reichen 52 . Des Weiteren können die Rückgriffe auf einen Prätext als Distanzierung von diesem funktionieren oder Kritik an ihm üben 53 . Häufig treten verschiedene Funktionen in einem Text gleichzeitig auf.
Für jeden einzelnen Text lässt sich ein solcher Katalog von Intertextualitätsfunktionen erstellen. Doch zunächst soll es Ziel und Zweck dieses Kapitels sein, eine Art systematisierende Grundlage für den hier zu untersuchenden Gegenstand zu erarbeiten. Dabei wird weitestgehend auf die umfassende Darstellung von Funktionstaxonomien und -modellen der
48 Broich: Formen der Markierung von Intertextualität, S. 31.
49 Vgl. Broich, Ulrich: Intertextualität, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft,
Neubearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte, hrsg. von Harald Fricke,
Bd. 2, 3. neubearb. Aufl., Berlin/ New York 2000, S. 179.
50 Vgl. Pfister: Konzepte der Intertextualität, S. 19.
51 Vgl. Schulte-Middelich, Bernd: Funktionen intertextueller Textkonstitutionen, in: Intertextualität,
Formen, Funktionen, anglistische Fallstudien (= Konzepte der Sprach-und Literaturwissenschaft,
Bd. 35), hrsg. von Ulrich Broich und Manfred Pfister, Tübingen 1985, S. 198f.
52 Vgl. Stocker: Theorie der intertextuellen Lektüre, S. 73ff.
53 Vgl. Lindner, Monika: Integrationsformen der Intertextualität, in: Intertextualität, Formen,
Funktionen, anglistische Fallstudien (= Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft, Bd. 35),
hrsg. von Ulrich Broich und Manfred Pfister, Tübingen 1985, S. 133.
10
Forschungsliteratur 54 verzichtet. Deren vorbehaltlose Anwendung könnte in der konkreten Textinterpretation zu Schwierigkeiten führen, da jedem
Intertextualitätsbegriff ein eigener Funktionsbegriff zugrunde liegt. Die differenzierten funktionalen Aspekte sollen und können erst in der Analyse der einzelnen Textstellen herausgearbeitet werden.
Die Ausweitung des Intertextualitätsbegriffs von Julia Kristeva hat einen operationalisierbaren Funktionsbegriff weitgehend unmöglich gemacht. Ähnlich wie der Begriff, so wird auch dessen Funktion nahezu gegenstandslos 55 . Da sich im vorherigen Kapitel von der Definition Kristevas abgewandt wurde, muss folglich nach einem Funktionsbegriff für den eingegrenzten Intertextualitätsbegriff gesucht werden. Auch dabei ist es erneut Renate Lachmann, die eine erste Begrenzungsmöglichkeit liefert, indem sie dem Konzept der Intertextualität eine Doppelfunktion zuweist: Dabei wird zwischen einer Funktion für den Prätext, das heißt einer „Reinterpretation bekannter (...) Texte“ 56 und einer Funktion für den neuen Text, der Erstinterpretation dessen, unterschieden. Um also die Funktion der Bezüge herausarbeiten zu können, müssen neben dem Folgetext auch die Prätexte explizit und vor allem separat benannt werden können. Eine Analyse von Einzeltexten wäre mit der Definition Kristevas, die von einem universalen Intertext ausgeht, nur bedingt möglich. Jörg Helbig schließt sich der von Lachmann vorgeschlagenen
Funktionszuweisung an, erweitert sie aber, neben der am Referenztext und am Folgetext orientierten Funktion, um die produzentenorientierte Funktion 57 . Dabei soll die Aufmerksamkeit des Rezipienten weniger auf den vorliegenden Text oder den Referenztext gelenkt werden, sondern vielmehr auf den Autor selbst, dessen Bestreben es ist, sich in einem Dialog mit dem Hörer zu renommieren, sich mitzuteilen oder zu rechtfertigen 58 . „Die Argumentation verfolgt hierbei vor allem zwei Zielsetzungen: (Selbst-)Verteidigung und Selbstdarstellung“ 59 . Insgesamt sieht Helbig aber die sogenannte Rezipientenorientiertheit als die übergeordnete Grundfunktion an, denn die intertextuellen Bezüge bilden ein kommunikatives
54 Siehe hierzu vor allem: Vgl. Schulte-Middelich: Funktionen intertextueller Textkonstitutionen,
S. 197ff.; Vgl. Pfister: Konzepte der Intertextualität, S. 73.; Vgl. Helbig, Jörg: Intertextualität und
Markierung, Untersuchungen zur Systematik und Funktion der Signalisierung von Intertextualität
(= Beiträge zur neueren Literaturgeschichte, Folge 3, Bd. 141), Heidelberg 1996, S. 143ff.
55 Vgl. Schulte-Middelich: Funktionen intertextueller Textkonstitutionen, S. 202.
56 Vgl. Lachmann: Intertextualität als Sinnkonstitution, S. 68.
57 Vgl. Helbig: Intertextualität und Markierung, S. 143ff.
58 Vgl. ebenda, S. 181.
59 Ebenda, S. 181.
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Bindeglied, über das eine Verständnis- oder Interpretationshilfe seitens des Autors für den Rezipienten geschaffen wird: Zunächst dient dabei der Einsatz von Intertextualitäten, wenn sie als solche auszumachen sind, zur
Aufmerksamkeitserregung, da der Rezeptionsverlauf durch die „Wahrnehmung eines Störfaktors“ 60 irritiert ist. Wird dieser als Referenz zu einem konkreten Text identifiziert, kommt es seitens der Rezipienten zur Aktualisierung von Konnotationen, die durch die Verbindung zum Referenztext freigesetzt werden. Wird diese Konnotation nun auf den präsenten Text übertragen, kann es zu neuen sinnerweiternden oder sinnstützenden Schlussfolgerungen für dessen Interpretation kommen 61 . Peter Stocker spricht in diesem Zusammenhang von einem semantischen Mehrwert für den Folgetext, unter Umständen aber auch für den Referenztext 62 . Die übergeordnete Rezipientenorientiertheit bedeutet also, dass die Leserschaft durch die vom Autor gesetzten intertextuellen Bezüge durch den neuen und älteren Text (referenzorientiert, textorientiert) gelenkt wird und darüber hinaus mögliche weitere Aussagen des Autors (produzentenorientiert) übermittelt bekommt 63 .
Diese oben aufgezeigten Grundfunktionen von Intertextualität ließen sich in Anlehnung an Helbig noch in weitere Unterfunktionen unterteilen, die hier jedoch keine weitere Betrachtung erfahren sollen. Der Funktionsbegriff würde dadurch zu speziell und somit für die hiesige anwendungsorientierte Untersuchung unbrauchbar. Bis hierhin kann meines Erachtens das Modell Helbigs eine Hilfestellung für die Analyse der Intertextualitäten im Willehalm darstellen, wobei diese allgemeinen Funktionsbündelungen nur als vorläufige Schwerpunktsetzung verstanden werden sollen, die im Licht der Interpretationsergebnisse noch nähere Differenzierung erfahren werden.
Welche konkreten Funktionen die intertextuellen Bezüge im einzelnen, aber auch in ihrer Gesamtheit haben, soll schlussendlich die Analyse im Hauptteil dieser Arbeit aufzeigen.
60 Helbig: Intertextualität und Markierung, S. 162.
61 Vgl. ebenda, S. 161f.
62 Vgl. Stocker: Theorie der intertextuellen Lektüre, S. 80.
63 Vgl. Helbig: Intertextualität und Markierung, S. 143ff.
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2.2.3. Exkurs: Zum Problem der Mündlichkeit in der mediävistischen Intertextualitätsforschung
Innerhalb der Forschung ist viel diskutiert, ob das vorangegangene Intertextualitätskonzept mit seinen modernen Fragestellungen auf den Bereich des Mittelalters anwendbar ist. Vor allem das Problem der Mündlichkeit beschäftigt die mediävistische Intertextualitätsforschung. Schließlich handelt es sich bei dem mittelalterlichen ‚Text’ nicht um ein statisches Konstrukt, sondern er erhält durch seine mündliche Vortragssituation einen dynamischen Charakter 64 . Die Rezeption einer solchen Dichtung ist für den Zuhörer immer ein „einmaliger, flüchtiger (...) und individueller“ 65 interpretatorischer Akt. Dies gilt zwar in der Form auch für den Leser eines Buches, jedoch ist diesem in der Regel der Rückgriff auf das schriftliche Werk möglich. Eine einmalige mündliche Aufführungssituation kann hingegen so nicht wiederhergestellt werden, da in jedem Vortrag die Stimme und Gesten des Darstellers variieren. Zudem ist es eher unwahrscheinlich, dass eine Person eine Dichtung zweimal hört.
Bezogen auf die hier zu untersuchenden Intertextualitäten ist also ungewiss, ob der Rezipient während der Aufführung, wenn die Bezüge zum Parzival erkannt wurden, diese in der Kürze der Zeit in ihrer Funktion deuten konnte. Der Grundbestandteil der Rezeption mittelalterlicher Dichtung ist somit die Arbeit des Zuhörers selbst 66 , die speziell im vorliegenden Fall das sofortige Abrufen und Übertragen von bereits Gehörtem erfordert. Auch die Art der Markierung der intertextuellen Bezüge kann nur auf intonatorischer oder gestikulierender Ebene erfolgen 67 und muss dort realisiert werden.
Wie bereits unter 2.2.1. festgelegt, wird hier die Markierung keinen unabdingbaren Bestandteil von Intertextualität darstellen. Dies vor allem deshalb, weil die Erzählerintonation und die unterstützende Gestik aus der Vortragssituation, die unter Umständen ein Erkennungszeichen von Intertextualitäten darstellen können, nicht mehr nachvollziehbar sind. In schriftlichen Werken hingegen können Fußnoten oder graphische Hervorhebungen als Markierung von intertextuellen Bezugnahmen dienen.
Wenn im Folgenden also von Bezügen zwischen den Werken die Rede ist, müssen diese immer vor dem Hintergrund der Mündlichkeit betrachtet werden.
64 Vgl. Wolfzettel: Zum Stand und Problem der Intertextualitätsforschung im Mittelalter, S. 4.
65 Zumthor, Paul: Einführung in die mündliche Dichtung, Berlin 1990, S. 203.
66 Vgl. ebenda, S. 203.
67 Vgl. Helmstetter: Zitat, S. 896.
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In den meisten Untersuchungen und Analysen zur Intertextualität der mittelalterlichen Literatur dient der Begriff weniger als Theorie, sondern mehr als Handwerkszeug, um den Erwartungshorizont des Publikums, das Problem der Quellen, Zitate oder Anspielungen in neuer Perspektive zu zeigen 68 . Intertextualität soll auch hier nicht als theoretisches Konstrukt verstanden werden, sondern als analytisches Instrumentarium, welches in der Interpretation beider Wolfram-Texte seine praktische Anwendung finden soll. Vor allem der rezeptionsästhetische Aspekt der Intertextualität, also der Erwartungs- und Wissenshorizont sowie das Verständnis der Rezipienten bilden hier, neben der rein inhaltlich-interpretatorischen Bedeutung für die Werke, die zentralen Betrachtungsweisen der Analyse.
3. Intertextuelle Bezüge des Parzival im Willehalm 69
3.1. Der Willehalm vor dem Hintergrund des Parzival
Im Prolog des Willehalm stellt sich Wolfram dem Rezipienten als Parzival-Autor vor: ich Wolfram von Eschenbach,
swaz ich von Parzival gesprach,
des sin aventiure mich wiste,
etslich man daz priste. (Wh. 4,19-22)
Damit präsentiert er sich gleich zu Beginn vor dem Hintergrund des eigenen dichterischen Wirkens. Interessant an dieser Stelle ist die Art und Weise der wolframschen Vorstellung. Denn hieß es im Parzival noch „ich bin Wolfram von Eschenbach“ (Pz. 114,12), so tritt er in seinem Spätwerk als „eine mittlerweile bekannte Personalität, die sich nicht mehr vorstellen [und] die eigenen Fähigkeiten nicht mehr ausdrücklich betonen mu[ss]“ 70 , auf. Wolfram setzt hier folglich die Kenntnis seiner Person beim Zuhörer voraus.
An anderer Stelle wird dies explizit vom Autor formuliert: Als er beginnt, von der Gewalt und Erbarmungslosigkeit der ersten Kämpfe auf Alischanz zu berichten, verdeutlicht er dies, indem alles, was er e da von gesprach (Wh. 10,22), nicht mit den hiesigen Darstellungen zu vergleichen sei. Durch den scheinbar selbstverständlichen Verweis auf bereits Erzähltes kann das Publikum also mit
68 Vgl. Wolfzettel: Zum Stand und Problem der Intertextualitätsforschung im Mittelalter, S. 6.
69 Um ein besseres Textverständnis zu erreichen, werden im Folgenden alle Textstellen, die sich
inhaltlich auf das Frühwerk Parzival beziehen, im Präteritum und Inhalte des Willehalm im Präsens
verfasst.
70 Kiening: Reflexion - Narration, Wege zum ‚Willehalm’ Wolframs von Eschenbach, S. 54.
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den Werken Wolframs als vertraut vorausgesetzt werden 71 . Somit erfährt das unter 2.1. erzielte Ergebnis zur Bekanntheit des Parzival und Willehalm durch das Selbstverständnis ihres Dichters erneute Unterstützung. Annette Volfing sieht in der ausdrücklichen Nennung des Werkes die Erinnerung an Wolframs fähige und kompetente Bearbeitung des unvollendeten Conte du Graal (1180/90) von Chrétien de Troyes. Den als „standard for comparisons“ 72 geltenden Parzival gleich zu Beginn als gemeinsamen Bezugsrahmen für eine gebildete Rezipientenschaft einzuführen, erweist sich laut Volfing als eine Art Marketing-Strategie des Autors. Man könnte also annehmen, diese und folgende Anspielungen auf das erfolgreiche Frühwerk sollen das eigene Ansehen und das des neuen Werkes erhöhen 73 . Dieser Ansicht schließt sich Joachim Bumke an. Er bezieht aber, anders als Volfing, die kurz nach der Autorennennung folgende Kritik, die am Parzival geübt wurde, mit ein 74 : ir was ouch vil, diez smæhten
unde baz ir rede wæhten. (Wh. 4,23-24)
Die negative Beurteilung wird von Wolfram nicht näher ausformuliert, aber die zeitgenössischen Reaktionen auf das Werk waren offensichtlich unterschiedlich. In der Forschung ist man sich einig, dass Wolfram hier vor allem an Gottfried von Straßburg (1180-1215) gedacht haben dürfte 75 . Dieser hatte im Literaturexkurs des Tristan (1210) Hartmann von Aue den höchsten Rang unter den Dichtern zuerkannt 76 , wohingegen er „die Ansprüche anderer - wobei er Wolfram meint[e], ohne ihn zu nennen - zurückgewiesen hatte“ 77 . Gottfrieds Kritik mündet in einem vernichtenden Gesamturteil über den Autor und sein Werk, wobei sich diese Art des deutlichen Angriffs als einmalig in der Wolfram-Rezeption erwiesen hat 78 . Dass der Autor hier sehr zurückhaltend und lediglich anspielend auf die Kritik
71 Vgl. Kiening: Reflexion - Narration, Wege zum ‚Willehalm’ Wolframs von Eschenbach, S. 71.
72 Volfing, Annette: Parzival and Willehalm: Narrative Continuity?, in: Wolframs ‚Willehalm’, Fifteen
Essays, hrsg. von Martin H. Jones und Timothy McFarland, Rochester u.a. 2002, S. 50.
73 Vgl. ebenda, S. 50.
74 Vgl. Bumke: Wolfram von Eschenbach, S. 359.
75 Vgl. Schröder, Werner: Der tragische Roman von Willehalm und Gyburc, Zur
Gattungsbestimmung des Spätwerks Wolframs von Eschenbach (= Akademie der Wissenschaften
und der Literatur, Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse, Jhg. 1979, Nr.
5), Mainz/ Wiesbaden 1979, S. 3.
76 Vgl. Straßburg, Gottfried v.: Tristan, 2. durchges. Aufl., Bd. 1, Verse 1-9982, Nach dem Text
von Friedrich Ranke, Übersetzung, Stellenkommentar und Nachwort von Rüdiger Krohn,
Stuttgart 1981; swer guote rede zu guote/ und ouch ze rehte kan verstân/ der mouz dem
Ouwaere lân/ sîn schapel und sîn lôrzwî (Tr. 4634-4637)
77 Schirok: Parzivalrezeption im Mittelalter, S. 66.
78 Vgl. ebenda, S. 67.
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reagiert, könnte darauf hindeuten, dass das Augenmerk nun auf die neue, aktuelle Geschichte gerichtet werden soll 79 : gan mir got so vil der tage,
so sag ich minne und ander klage (Wh. 4,25-26)
(...)
unsanfte mac genozen
Diutscher rede deheine
dirre die ich nu meine,
ir letze und ir beginnen. (Wh. 4,30-5,3)
Die wenig später folgenden Zeilen stützen diese Annahme: daz süezer rede wart nie getan (Wh. 5,10).
Das Selbstbewusstsein des Autors im Hinblick auf das alte und neue Werk wird an weiterer Stelle unterstrichen, als Wolfram einen gewissen Cristjans (Wh. 125,20) als Verfasser seiner Quelle nennt. Die Vermutung liegt nahe, dass damit Chrétien de Troyes, Autor der Parzival-Hauptquelle Conte du Graal, gemeint ist 80 . Wolfram wirft ihm dichterische Ahnungslosigkeit (Wh. 125,22; tumpheit) vor: In Chrétiens Dichtung habe Willehalm in Laon einen alten Zwillich getragen. Wolfram kritisiert diese ungenaue Wiedergabe, da der Markgraf im Kampf mit dem Perser Arofel kostbaren Schmuck errungen hatte und diesen nun in Laon trägt (vgl. Wh. 125,20-27). Diese Verse können auch als Metapher verstanden werden: So armselig wie Chrétien Willehalm gekleidet hat, so armselig hat er ihn auch be- und geschrieben 81 . Doch warum kritisiert der Erzähler an dieser Stelle einen Autor, der nichts mit der Aliscans-Vorlage zu tun hat? Die Antwort ist laut Kiening im Parzival zu suchen, da die Begriffe tumpheit und wân zentrale Signale dafür seien, diesen Willehalm-Abschnitt mit dem im Frühwerk initiierten Diskurs zu lesen. Zudem wird direkt nach der Nennung Chrétiens ein Bezug zum Parzival hergestellt, indem die Figuren Feirefiz und Secundille (vgl. Wh. 125,28-29) angeführt werden 82 . Wolfram hatte bereits darin Chrétiens Autorität als Dichterperson untergraben. In dessen Epilog versicherte er dem Publikum, dass er nicht der fehlerhaften und fragmentarischen Fassung Chrétiens gefolgt sei, sondern berief sich auf die Ausführungen eines gewissen Kyots (vgl. Pz. 827,1-5). Diese Berufung auf den französischen Provenzalen wird in der Forschung zumeist als Quellenfiktion
79 Vgl. Kiening: Reflexion - Narration, Wege zum ‚Willehalm’ Wolframs von Eschenbach, S. 54.;
Vgl. Greenfield/ Miklautsch: Der ‚Willehalm’ Wolframs von Eschenbach, S. 232.
80 Vgl. Decke-Cornill, Renate: Stellenkommentar zum III. Buch des Willehalm Wolframs von
Eschenbach (= Marburger Studien zur Germanistik, Bd. 7), Marburg 1985, S. 103f.
81 Vgl. Volfing: Parzival and Willehalm: Narrative Continuity?, S. 49.
82 Vgl. Kiening: Reflexion - Narration, Wege zum ‚Willehalm’ Wolframs von Eschenbach, S. 107.;
Näheres zu dieser Textstelle siehe Kapitel 3.2.2. ‚Feirefiz und Secundille’.
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Nina Hollstein, 2008, Intertextuelle Bezüge des Parzival im "Willehalm" Wolframs von Eschenbach, München, GRIN Verlag GmbH
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