II
Schritte gegen Bilanzbetrug in den USA
- Das Sarbanes-Oxley-Gesetz -
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
1.1. Problemstellung 1
1.2. Zielsetzung und Aufbau der Arbeit 1
2. Wichtige Personen 2
2.1. Die Person Paul S. Sarbanes 2
2.2. Die Person Michael G. Oxley 3
3. Auslöser des Sarbanes-Oxley-Gesetzes 4
3.1. Der Fall Enron 4
3.1.1. Enron: Der Beginn einer beispiellosen Unternehmensentwicklung 4
3.1.2. Enron: Die Geschäfte und ihre Praktiken 5
3.1.3. Enron: Erste Probleme und ihre zweifelhaften Lösungen 6
3.1.4. Enron: Die Habsucht der Manager 9
3.1.5. Enron: Das Ende eines umjubelten Stars 10
3.1.6. Enron: Fazit 12
3.2. Der Fall WorldCom 14
3.2.1. WorldCom: Die Geburt eines Telekommunikationsriesen 14
3.2.2. Worldcom: Die Geschäftspraktiken eines ungleichen Duos 15
3.2.3. Worldcom: Erste Restriktionen durch Aufsichtsbehörden 17
3.2.4. Worldcom: Der Anfang vom Ende 18
3.2.5. Worldcom: Fazit 20
3.3. Die Rolle von Arthur Andersen LLP 21
3.3.1. Andersen: Verstrickungen im Fall Enron 22
3.3.2. Andersen: Die rechtlichen Konsequenzen und ein unrühmliches Ende 23
3.3.3. Andersen: Fazit 25
3.4. Weitere Bilanzskandale S 25
4. Das Sarbanes-Oxley-Gesetz S. 28
5. Reaktionen der Unternehmen auf das Gesetz S. 50
6. Schlussbetrachtung S. 53
7. Anhang S. 55
bzw. beziehungsweise ca. circa etc. et cetera ff fort folgende u.a. unter anderem usw. und so weiter Vgl. vergleiche z.B. zum Beispiel
§ Paragraph §§ Paragraphen Mio Millionen Mrd Milliarden USD US-Dollar
B.A. Bachelor of Arts LL.B. Bachelor of Law J.D. Juris Doctor
AC Audit Committee BDI Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. CEO Chief Executive Officer CFO Chief Financial Officer
COO Chief Operating Officer Corp. Corporation EU Europäische Union F.B.I. Federal Bureau of Investigations GAO General Accounting Office IDW Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e. V. NNG Northern Natural Gas NYSE New York Stock Exchange PCAOB Public Company Accounting Oversight Board SEC Securities and Exchange Commission SPE Special Purpose Entities UNO United Nations Organization USA United States of America
AktG Aktiengesetz GAAP General Accepted Accounting Principles SA Securities Act of 1933 SEA Securities Exchange Act of 1934 SOA Sarbanes-Oxley Act of 2002 USC United States Code
1. Einleitung
1.1. Problemstellung
Das US-amerikanische Wirtschaftsmodell basiert grundlegend auf den freien und selbstregulierenden Kräften des Marktes. Dieses freie, marktwirtschaftliche Modell mit seinen Selbstregulierungsmechanismen scheint jedoch, so zeigen es die Bilan-zierungsskandale um Enron, WorldCom und weiterer Großkonzerne, in einigen Fällen keinen ausreichenden Schutz für Anleger zu bieten. An den US-Börsen wurden innerhalb von 9 Monaten durch Betrügereien und andere unlautere Machenschaften Unternehmenswerte von mehreren hundert Mrd USD vernichtet. Durch die Verunsicherung der Anleger aufgrund gefälschter Bilanzen, falscher Prüftestate und maßlos überzogener Quartalsprognosen beginnt eine zunehmende Kapitalflucht von den Finanzplätzen der Welt. Das Vertrauen der Anleger in das Zahlenwerk der Manager ist massiv gestört.
Diesen Vertrauensverlust zum Anlass, sieht sich die amerikanische Regierung genötigt, schärfere Gesetze zum Schutze der Investoren zu erlassen. In kürzester Zeit beschließt der amerikanische Kongress im Sommer ein Gesetz zur Reform der Wirtschaftstandards. Das Sarbanes-Oxley-Gesetz soll die Qualität der Unternehmensberichterstattung und der Wirtschaftsprüfung erheblich verbessern. Es soll den Anlegerschutz verbessern und sieht härtere Strafen für potentielle Bilanzfälscher und ihre Handlanger vor. Manager sollen mit dem Gesetz von kriminellen Machenschaften abgeschreckt werden.
1.2. Zielsetzung und Aufbau der Arbeit
Diese Diplomarbeit soll sich mit den Umständen und Gründen des Entstehens des Sarbanes-Oxley-Gesetzes beschäftigen. Weiterhin sollen die einzelnen Bestimmungen kurz erläutert und etwaige Diskussionspunkte mit Regelungen anderer Wirtschaftssysteme aufgezeigt werden.
und Namensgebern des Gesetzes die auslösenden Umstände für das neu geschaffene Reformwerk beschrieben. Es soll dargelegt werden, aus welchen Gründen der Gesetzgeber die größte Unternehmensreform seit Mitte der Dreißigerjahre initiiert hat. Anschließend werden die einzelnen Bestimmungen erläutert und deren rechtliche Auswirkungen aus der Sicht deutscher Unternehmen beschrieben. Abschließend sollen Reaktionen der Unternehmen auf die veränderten Wirtschaftsregeln in den USA aufgezeigt werden.
Da die Fristen zur Umsetzung einzelner Bestimmungen erst im laufe des Jahres 2003 auslaufen, ist es noch abzuwarten, inwieweit sich noch der genaue Wortlaut einzelner Regelungen ändern wird. Diese Arbeit wurde auf Basis des Kenntnis-standes zum 10. Februar 2003 erstellt. Weitergehende Entwicklungen sind auf-grund der sich ändernden politischen Umstände noch nicht abschätzbar.
2. Wichtige Personen
2.1. Die Person Paul S. Sarbanes
de in den Schulen der Philosophie, Politik und Wirtschaft.
Am 3. November 1970 wird der Demokrat Paul Spyros Sarbanes das erste Mal in das Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten gewählt, dem er 6 Jahre ange-
hört. Im Januar 1976 wählen ihn die Bürger des Staates Maryland zum Senator. Das Amt des Senators übt Paul Sarbanes seit nunmehr 27 Jahren aus und arbeitet hierbei im „Banking, Housing and Urban Affairs Committee“ ( Mitglied seit 1977, Vorsitzender seit 2001), im „Foreign Relations Committee“ (Mitglied seit 1977), im „Committee on the Budget“ (Mitglied seit 1993), sowie im „Joint Economic Committee“ (Mitglied seit 1995) mit 1, 2 .
2.2. Die Person Michael G. Oxley
gehört diesem bis heute an. Der Republikaner aus Ohio ist Mitglied des „Commerce Committee“, Vorsitzender des „New House Committee on Financial Services“, Vorsitzender des „Finance and Hazardous Material Subcommittee“ sowie stellvertretender Vorsitzender des „Telecommunications, Trade and Consumer Protection Subcomitee“ 3,4 .
1
Vgl.
3. Auslöser des Sarbanes-Oxley-Gesetzes
3.1. Der Fall Enron
3.1.1 Enron: Der Beginn einer beispiellosen Unternehmensentwicklung
und veräußert. In diesem System staatlicher Kontrollen und Vorschriften bleibt kaum Platz für ein Privatunternehmen wie Enron. In diesem für Unternehmen äußerst problematisch wirkenden Marktumfeld übernimmt 1986 Kenneth Lay das Kommando des angeschlagenen Unternehmens.
Lay, der vormals auch schon für Exxon sowie für die staatliche Energieaufsichtsbehörde tätig war, erkennt die immer mehr zunehmende Bedeutung alternativer Geschäftsfelder für das in der klassischen Energieerzeugung beheimatete Unternehmen. Enron beginnt mit Energie zu handeln. Lay kauft Energie von einem Ort des Energieüberschusses (z.B. eines Energieversorgers in Boston) und verkauft sie an einen Ort des Energiemangels (z.B. an einen Energieversorger in Detroit). Enron kümmert sich um die Pipelines und Leitungen für den Transport der Energie und um das Schreiben von Rechnungen.
3.1.2. Enron: Die Geschäfte und ihre Praktiken
Bei all diesen Geschäften kommt Enron die immer stärker einsetzende Welle der staatlichen Deregulierung der Neunzigerjahre zugute. Enrons Geschäfte florieren in einem Energiemarkt, der frei von monopolistischen Strukturen ist. Diesem Umstand kommt es zugute, dass Lay schon früh die Bedeutung und den Nutzen politischer Einflussnahme kennt und ausübt. Insgesamt ca. 6 Mio USD spendet Enron allein in der letzten Dekade für direkte Wahlkampfmittel, wobei der größte Teil (73 Prozent) an die republikanischen Wahlkampfkandidaten transferiert wird 5 . So verblüfft es auch niemanden, als es der spätere U.S. Präsident George W. Bush - er erhielt für seinen Wahlkampf mehr als 10 Prozent der Enron-Spenden 6 als Gouverneur des Bundesstaates Texas vormacht und den hiesigen Energiemarkt liberalisiert. Enron wird damit fast uneingeschränkt die Möglichkeit zum Wachstum geliefert. Es sieht jedoch zunächst so aus, als würden alle von den Geschäften Enrons profitieren.
Der Staat muss sich nicht mehr um die für ihn kostenintensiven Versorgungsaufgaben kümmern, Enrons Kunden profitieren von im Schnitt günstigeren und sichereren Energiepreisen und Enron selbst profitiert von den kleinen aber häufig anfallenden Preisspannen der Transaktionen. In der Blüte der Enron-Handelstätigkeit werden über die eingerichtete Plattform EnronOnline täglich Strom, Gas und Rohstoffe im Wert von 3 Mrd USD gehandelt 7 . Die Vorgehensweise der politischen Einflussnahme, die einst in den USA Enron zu einem angesehenen Unternehmen gemacht hatte, wird in den Folgejahren schamlos auf das Ausland ausgeweitet. So gelingt es dem texanischen Unternehmen, Erdgaspipelines und Gaskraftwerke auf fast allen Kontinenten der Erde zu bauen und zu betreiben (z.B. in: Argentinien, Bolivien, Brasilien, Kroatien, Indien, Mozambique und Indien). Überall dort, als Beispiel sei hier Mozambique erwähnt, wo es Enron alleine nicht schafft, tritt die amerikanische Regierung (zumeist in Form des ansässigen Botschafters) tatkräftig für die Belange des Konzerns ein.
5
Vgl.
6
Vgl.
7
Vgl.
Afrika, wie der US-Botschafter in Mozambique der dortigen Regierung mit einem Stop der Entwicklungshilfegelder für den Fall drohte, dass Enron nicht die vor der Küste lagernden Erdöl- und Gasvorkommen ausbeuten dürfe. Mozambique lenkt schließlich ein. Weitere Beispiele für diese Praxis finden sich auch in Indien oder Kroatien.
3.1.3. Enron: Erste Probleme und ihre zweifelhaften Lösungen
Enron ist nun kaum noch wiederzuerkennen. Lay hatte innerhalb von 10 Jahren aus einem eher kleinen Unternehmen der „Old Economy“ einen globalen Multiplayer der „New Economy“ gemacht. Nachdem jedoch Mitte der Neunzigerjahre die Geldquellen für die rasante Expansion Enrons kurzzeitig versiegen - Banken verweigern wegen Überschuldung weitere Kredite - tritt ein junger aber engagierter Finanzjongleur in das große Enronspiel ein. Der spätere Chief Financial Officer (im Folgenden als CFO geschrieben) - welcher dem deutschen Finanzvorstand entspricht 8 - Andrew Fastow stellt den Topmanagern Enrons im November 1997 ein Konzept vor, das den ratlosen Managern bewundernde Blicke entlockt. Er gründet reihenweise Firmen, so genannte „Special Purpose Entities“ (im Folgenden als SPE geschrieben), die Enronintern auch oft als Partnerschaften bezeichnet werden, welche er zumeist nach Figuren aus den Starwarsfilmen oder nach den Initialen seiner Frau und seiner Kinder benennt (Chewco, Jedi, LJM1/2, usw.). Enron-Manager, befreundete Banker und Geschäftspartner kaufen privat - Traumrenditen werden dabei von Enron garantiert - jeweils 3 Prozent dieser SPE. Durch diesen buchhalterischen Trick verschwinden diese Partnerfirmen ganz legal aus den Büchern des Mutterkonzerns oder werden zu Fußnoten degradiert. Das Vermögen der Firmen besteht dabei zumeist aus Enron-Aktien. Enron lagert nun Verluste aus Investitionen oder Finanzdeals bei diesen Partnerschaften aus, vereinnahmt jedoch jegliche Gewinne, die dort erzielt werden. Die meisten der später 3500 SPE sind dabei auf den verschwiegenen und steuergünstigen karibischen Cayman Islands beheima-
8 Vgl. Peter Wippermann, Duden-Wörterbuch der New Economy, 1. Auflage, Mannheim 2001
tet 9 . Durch diese scheinbar legalen Tricks kann Enron nach Belieben weiter wachsen, ohne nach außen erkennbare Schulden zu machen. Großbanken wie die Citigroup und JP Morgan Chase sind wohl ebenfalls in die dubiosen Transaktionen verwickelt 10 .
Der texanische Konzern ist nun dem Wahn des „Shareholder Value“ endgültig verfallen. Unter „Shareholder Value“ versteht man „...eine an der Wertsteigerung des Aktienkapitals orientierte Unternehmensführung...“ 11 . Je besser Aktien von Enron im Kurs stehen und solange Ratingagenturen Enron wohlwollend einstufen, steht das Kartenhaus stabil. Nach der Ratingagentur Moody´s Investors Service handelt es sich bei Ratings um „Meinungen über die Fähigkeit und Bereitschaft eines Emittenten zur vollständigen und fristgerechten Erfüllung seiner Zahlungsverpflichtungen aus den von ihm begebenen Schuldverschreibungen während deren Laufzeit“ 12 .
Um jedoch glänzend da zu stehen und ein gutes Rating zu erreichen, bläht Enron seine Bilanzen immer weiter auf. Hierfür werden alle buchhalterischen Tricks herangezogen. So wird zum Beispiel nach Abschluss eines Vertrages, der über Jahre gewisse Einnahmen garantiert, die ganze Summe auf einmal als Einnahme verbucht. Im Jahre 2000 weist der Energieriese einen Gesamtumsatz von ca. 100 Mrd USD aus. Mit diesem Umsatzvolumen landet Enron auf Rang 7 der umsatzstärksten Unternehmen. Das „Shareholder Value“ Konzept weiter streng verfolgend, nimmt Enrons Aktienwert 1998 um 40, 1999 um 58 und 2000 sogar um 89 Prozent zu 13 . Am 17. August 2000 notiert Enrons Aktienkurs an der New York Stock Exchange (im Folgenden als NYSE geschrieben) den Allzeithöchststand mit 90 USD pro Aktie.
9
Vgl.
10
Vgl.
11 Vgl. Frank W. Mühlbradt, Wirtschaftslexikon, 7. Auflage, Berlin 2001
12
Vgl.
13
Vgl.
abzuschwächen beginnt und reihenweise die hochgelobten Firmen der „New Economy“ wieder vom Markt verschwinden, beginnt auch der Aktienkurs Enrons zu fallen.
Dennoch benötigt Enron für sein Überleben - Finanzkontrakte waren zum Großteil durch Enron-Aktien abgesichert und garantiert - einen möglichst stabilen und hohen Aktienkurs. In dieser angespannten finanziellen Lage zeigt sich nun Andrew Fastows ganze Kreativität und Skrupellosigkeit bei der „Bilanzkosmetik“. Er entwickelt mit Hilfe seiner rechten Hand und Vertrautem Michael Kopper eine weitere Methode, die seit kurzem rückläufigen Bilanzen weiter aufzublähen. Sie kreieren, zum Teil sogar mit ihren eigenen SPE, so genannte „Roundtrip Deals“ 14 , bei denen zwei Parteien wechselseitige Lieferungen von Gas und Strom im gleichen Umfang vereinbaren. Die Umsätze werden dann Enron zugeschrieben, obwohl nie eine Lieferung erfolgt ist. Nach späteren Angaben von Michael Kopper ist der damalige „Chief Operating Officer“ (im Folgenden als COO geschrieben)
14
Vgl.
bzw. „Chief Executive Officer“ (im Folgenden als CEO geschrieben) Jeff Skilling ebenfalls in die Scheingeschäfte verwickelt.
3.1.4. Enron: Die Habsucht der Manager
Den ersten, die Lage von Enron unglaubwürdig machenden Dämpfer versetzen Enrons-Führungskräfte dem Aktienkurs jedoch selbst, als sie im Juni 2001 massiv private Enron-Aktienpakete verkaufen. Darunter auch der seit Februar 2001 amtierende CEO Jeff Skilling. Der CEO ist die angelsächsische Übersetzung des im deutschen Sprachraum üblichen Vorstandsvorsitzenden und somit meist der wichtigste und mächtigste Mann im Unternehmen 15 .
Der Aktienkurs bricht als Folge dieser Aktivitäten in der ersten Jahreshälfte um 39 Prozent ein und Skilling kassiert 17,5 Mio USD für seine Aktien 16 . Der seit 1990 im Unternehmen tätige Jeff Skilling war seit 1997 als COO tätig und maßgeblich für die operativen Geschäfts- und Finanzgebaren mitverantwortlich. Der COO ist eine im angelsächsischen Raum verbreitete, nicht klar umrissene Position unterhalb des CEO. Der COO kümmert sich um das gesamte operative Geschäft, während der CEO den Bereich der Strategieentwicklung leitet 17 .
Anfang August 2001 kündigt Jeff Skilling überraschend seinen Rücktritt an. Der Rücktritt habe, so Skilling, persönliche Gründe 18 . Kenneth Lay, der sich zeitweilig auf einen Posten im Aufsichtsrat zurückgezogen hatte, kehrt an die Spitze des Unternehmens zurück.
Viele Angestellte und Investoren sehen jedoch in dem Schritt Skillings keinen Anlass zur Besorgnis. Der „Erfinder“, der „Magier“, die „Vaterfigur“ Enrons war zurückgekehrt. So erklärte Lay jedem der es hören wollte noch im September 2001 das Unternehmen sei gesund und der nächste Quartalsbericht sehe großartig aus. Selbst seinen eigenen Angestellten, die ihre Pensionsvorsorge zum Großteil in Enronaktien angelegt haben, versichert Lay noch am 26. September die Aktien von
15 Vgl. Peter Wippermann, Duden-Wörterbuch der New Economy, 1. Auflage, Mannheim 2001
16
Vgl.
17 Vgl. Peter Wippermann, Duden-Wörterbuch der New Economy, 1. Auflage, Mannheim 2001
18 Vgl. < www.zeit.de/2002/07/Politik/200207_enron_haupttext.html> (02. Dezember 2002)
Enron seien eine hervorragende Geldanlage. Während er dies tut, verkauft der Chef von nahezu 20 000 Mitarbeitern weltweit private Aktien des Unternehmens und nimmt dafür zwischen 70 und 100 Mio USD ein 19 . Der Aktienkurs fällt weiter rapide ab und notiert im September bei einem Tiefststand von ca. 25 USD.
3.1.5. Enron: Das Ende eines umjubelten Stars
Wie brisant die Situation des angeschlagen Riesen jedoch ist, zeigt sich für Angestellte, Investoren und Behörden erst, als Kenneth Lay und Andrew Fastow am 16. Oktober 2001 bei der Vorstellung der Geschäftszahlen für das dritte Quartal unerwartet Abschreibungen aus dem Ausstieg diverser Investmentgeschäfte und Beteiligungen, für die Fastow verantwortlich sei, in Höhe von 1,2 Mrd USD bekannt geben. Gleichzeitig beziffert er den Quartalsverlust auf 638 Mio USD. Diese Bekanntgabe zum Anlass beginnt der Kurs der Enronaktien exponentiell schnell zu fallen. 6 Tage später, am 22. Oktober, beginnt die „Securities and Exchange Commission“ (im folgenden SEC geschrieben), nach 5 ungeprüften Jahren, mit den ersten Überprüfungen der Bilanzen und Buchführung von Enron 20 . Die SEC ist die oberste Aufsichtsbehörde für das Wertpapiergeschäft in den USA mit Sitz in Washington 21 .
Das Verhängnisvolle für die Mitarbeiter am fallenden Enronaktienkurs ist, dass Enron zur Zeit der Bekanntgabe - Zufall oder nicht - den Treuhänder seines Pensionsfonds wechselt und somit niemand - außer den Topmanagern - über seine Anteile am Konzern verfügen darf. Als es wieder erlaubt ist, hat sich die Altersvorsorge fast aller Mitarbeiter in Luft aufgelöst 22 . 2 Tage nach der Aufnahme der SEC Untersuchungen, am 22. Oktober 2001, trennt sich Enron von seinem langjährigen CFO Andrew Fastow.
Nach vielen, langen, jedoch fruchtlosen Telefonaten mit ehemaligen politischen Freunden, darunter US-Wirtschaftsminister Don Evans und US-Finanzminister Paul
19
Vgl.
20
Vgl.
21 Vgl. Gabler Wirtschaftslexikon, 15. Auflage, Wiesbaden 2001
22
Vgl.
O’Neill, teilt dieser Kenneth Lay am 29. Oktober 2001 mit, dass die SEC eine offizielle Untersuchung in Sachen Enron starten wird 23 . Angesichts der bevorstehenden intensiven Prüfung der Bilanzen und der Buchführung, legt Enron am 8. November 2001 der SEC Dokumente vor, aus denen her-vor geht, dass die Gewinne der vergangenen 4 Jahre um 586 Mio USD (knapp 20 Prozent) zu hoch angegeben worden waren. Umso mehr wird die Wirtschaftswelt am 9. November von der Nachricht überrascht, Dynegy, Enrons wesentlich kleinerer Konkurrent, wolle den angeschlagenen Riesen mittels Aktientausch im Wert von 7,8 Mrd USD übernehmen.
Da jedoch die finanzielle Schieflage des Energieriesen immer deutlicher wird, führt die Nachricht über die geplante Fusion nur zu einer kurzfristigen Erholung der Enron-Aktie. Kurze Zeit später nimmt sie die Talfahrt wieder auf und notiert am 26. November 2001 bei ca. 4 USD. Am 28. November stufen die Ratingagenturen Moody´s Investors Service und Fitch Ratings Enron auf den Status „Junk Bond“ herab. Anleihen mit diesem Status sind Wertpapiere von Emittenten mit schlechter Bonität (Rating-Gruppe B und schlechter). „Junk Bonds“ sind hochverzinslich wegen des hohen Ausfallrisikos (Risikoprämien) sowie hochspekulativ 24 . Einen Tag zuvor hatte dies bereits Standard & Poor’s getan und damit einen weiteren massiven Kurssturz der Enronaktien verursacht.
Durch diese Herabstufung werden Anleihen im Wert von 3,9 Mrd USD früher als geplant fällig. Der texanische Energiekonzern hatte in seinen Finanzgeschäften Sicherheitsgarantien für ein Mindestniveau von Enron-Aktien abgegeben 25 . Einen Tag später erklärt Dynegy, aufgrund neuer Erkenntnisse nach eingehender Prüfung der Bilanzen, den Rücktritt vom Fusionsabkommen. Enron habe die Lage des Unternehmens bewusst falsch dargestellt, so Dynegy.
Kurz zuvor war noch über eine Halbierung des Kaufpreises verhandelt worden 26 . Dynegy sichert sich jedoch für 1,5 Mrd USD, sie waren als Soforthilfe für Enron nach der Fusionsvereinbarung am 8. November gezahlt worden, die Northern Natu-
23
Vgl.
24 Vgl. Gabler Wirtschaftslexikon, 15. Auflage, Wiesbaden 2001
25
Vgl.
26
Vgl.
ral Gas Pipeline (im Folgenden als NNG geschrieben) - geschätzter Wert 2,7 Mio USD 27 . Enron hatte Vorzugswandelaktien der NNG als Sicherheit bei Dynegy hinterlegt 28 . Als Folge der geplatzten Fusion fallen Enronaktien unter 1 USD und werden vom Handel ausgesetzt. Am 2. Dezember stellt Enron für sich und weitere 14 Tochterunternehmen vor dem Konkursgericht des südlichen Distrikts von New York einen Antrag auf Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des Konkursgesetzes 29 . Gemäß Konkursunterlagen ist Enron zur Zeit des Zusammenbruchs mit 13,1 Mrd USD und die Tochterunternehmen nochmals mit 18 Mrd USD verschuldet. Zudem wird jedoch spekuliert, dass Enron insgesamt weitere 20 Mrd USD in den unzähligen Partnerschaften versteckt hat 30 .
3.1.6. Enron: Fazit
Der Fall Enron ist ein trauriges Beispiel für die vielen Probleme, die entstehen können, wenn ein Unternehmen zu sehr auf die Erfüllung eines Unternehmensziels, nämlich die Maximierung des „Shareholder Value“, fixiert ist. Die Ausrichtung der Unternehmensziele am „Shareholder Value“ soll hier jedoch nicht als einziger Grund für die verhängnisvolle Lage des texanischen Unternehmens erwähnt werden. Vielmehr ist es nicht das Modell, das versagt hat, sondern die Menschen, die es anzuwenden versucht haben. Im Fall Enron haben sämtliche Kontrollmechanismen versagt. Normalerweise kontrolliert die Unternehmensleitung die Angestellten, die Verwaltungsräte die Unternehmensleitung und die Aktionäre, die ihre Informationen von Rechnungsprüfungsfirmen bekommen, die Verwaltungsräte. Zur Rechnungsprüfungsfirma - hier Arthur Andersen - sei an dieser Stelle nur gesagt, dass sie während ihrer gesamten Zeit, in der sie mit der Buchführung beauftragt war, Enron stets saubere Bilanzen und ordnungsgemäße Bücher bescheinigt hat. Es existiert kein Wort oder ein Bericht, aus dem etwas von Manipulationen hervorgeht. Hierfür gibt es nur zwei Erklärungen: Unfähigkeit oder Komplizentum.
27
Vgl.
28
Vgl.
29
Vgl.
30
Vgl.
Für das letztere spricht das Argument, dass Andersen im Januar 2002 zugibt, Enronakten im großen Stil vernichtet zu haben.
Der Aufsichtsrat, in Amerika das „Board of Directors“, hat ebenso versagt. Die Mitglieder des „Boards“, darunter Vorsitzender Robert Jaedicke, der vormals Pro-fessor für Rechnungslegung der Universität Stanford war, haben gleich reihenweise Anzeichen für die zweifelhaften Buchführungspraktiken „übersehen“. So gab es mehrere Briefe von Mitarbeitern, die auf Fehler der Buchführung hingewiesen haben. Weiterhin hob der Aufsichtsrat gleich zweimal die für das Top-Management geltenden ethischen Richtlinien auf, als der CFO Andrew Fastow nebenbei als Geschäftsführer für diverse SPE 31 fungierte 32 .
Für viele Experten jedoch am unangenehmsten ist die Tatsache, dass selbst die hochgelobte Börsenaufsichtsbehörde SEC bis Oktober 2001 nichts von den Machenschaften bemerkt haben will. Die SEC hatte fast 5 Jahre keine eingehende Prüfung der Jahresabschlüsse vorgenommen, was bei einem Unternehmen von der Größe Enrons unüblich ist.
Zuguterletzt hat aber auch die Politik ihren Anteil an der bis dato größten Unternehmenspleite der US-Geschichte. Enron hatte, wie schon vormals erwähnt, nahezu alle Kongressabgeordneten während deren Wahlkämpfe finanziell unterstützt. Dies sicherte ihnen im Gegenzug das Wohlwollen der Politik. An der Spitzte der Spendenempfänger: US Präsident George W. Bush. Bush erhielt von seinem texanischen Freund Lay insgesamt Zuwendungen im Wert von 600.000 USD 33 . Es ist abschließend abzuwarten, inwieweit die Beteiligten für ihr Zutun bzw. Nichtstun haftbar gemacht werden. Arthur Andersen ist bereits wegen Justizbehinderung sowie weiterer Delikte angeklagt und verurteilt. Andrew Fastow (ehemaliger CFO) und seine rechte Hand Michael Kopper stehen unter anderem wegen des Verdachts der Geldwäsche, des Betruges sowie Verschwörung vor Gericht. Jeff Skilling und Kenneth Lay müssen sich vor diversen Untersuchungskommissionen verantworten.
31 Vgl. Abschnitt 3.1.3.
32
Vgl.
33
Vgl.
3.2. Der Fall WorldCom
2002 klar geworden. An diesem Tag stellt das Unternehmen, nach einer Reihe von Skandalen, den Antrag auf Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des amerik anischen onkursgesetzes 35 . K
.2.1. WorldCom: Die Geburt eines Telekommunikationsriesen 3
Die Geschichte um den einst zweitgrößten Telekommunikationskonzern der USA beginnt als Bernhard J. Ebbers im September 1983 die LDDS Communications gründet. Er erkennt schon früh das Potential im Telekommunikationsmarkt und beginnt, nach Erhalt einer Lizenz, mit Ferngesprächsminuten zu handeln. Ende der Achtziger- bis Anfang der Neunzigerjahre gründet der aus Kanada stammende Ebbers weitere Firmen wie z.B. IDB Communications, WilTel Network Services sowie STARS und startet mit dem Aufbau eines Glasfaserkabelsystems. Durch Zukäufe, I erreicht das Kabel-weiteren massiven Ausbau sowie Kooperationen mit z.B. MC stem 1990 eine Gesamtlänge von fast 50 000 Kilometern 36 . sy
Im Verlauf des Internet- und Telekommunikationsbooms Mitte der Neunzigerjahre geht Ebbers unter Mithilfe seines CFO Scott Sullivan auf große „Einkaufstour“. Am Ende sind es 75 Übernahmen, worunter auch Namen wie CompuServe, UU-
34
Vgl.
35
36
Vgl.
NET, sowie die AOL Tochter ANS Communications zu finden sind 37 . Während Ebbers, der sich ungern mit Zahlen und technischen Einzelheiten aufhält, Sullivan die gesamte finanzielle Steuerung des Konzerns anvertraut, kümmert er sich um Visione n und die nötige Public Relations.
dieser Zeit - genauer 1995 - entsteht der neue Firmenname WorldCom. In
.2.2. WorldCom: Die Geschäftspraktiken eines ungleichen Duos 3
Das Konzept des so ungleich wirkenden Duos - Ebbers ist groß, breitschultrig und hat einen Hang zur visionären Übertreibung, Sullivan eher klein, schmal und zurückhaltend - ist denkbar einfach. Die beiden suchen Unternehmen, die gute Gewinnprognosen und ein genügend großes Wachstumspotential aufweisen. Ebbers unterbreitet dann den Anteilseignern ein Übernahmeangebot, zumeist ausgeschmückt mit glänzenden Zukunftsvisionen und Sullivan klärt anschließend die Detailfragen. Nach Übernahme des Unternehmens schreibt Sullivan die Zukäufe großzügig ab, was zu einer Minderung des Quartalgewinnes führt. Diese einfach zu begründende Minderung des Gewinns wird jedoch im Folgequartal durch einen erhöhten Gewinn wieder vergessen gemacht. So schaffen es die beiden, WorldCom in den Neunzigerjahren immer etwas besser als die Konkurrenz da stehen zu lassen und somit den Aktienkurs in die Höhe zu treiben. Mit diesen hoch bewerteten Aktien machen sich Ebbers und Sullivan auf, um die nächste Übernahme zu arrangieren. Im Sommer 1999 erreicht WorldComs Aktienkurs an der NYSE einen Höchststand von 64, 50 USD pro Aktie, was den Unternehmenswert auf 175 Mrd USD steigen lässt 38 .
37
Vgl.
38
Vgl.
kas zweitgrößten Anbieter für Ferngespräche, MCI, in das Unternehmen integrieren. Der Vorstand von MCI hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einer Fusion mit der British Telecom zugestimmt. Ebbers und Sullivan legen in letzter Minute ein wesentlich höheres Angebot als die Briten vor und das Geschäft ist perfekt. WorldCom zahlt für die Übernahme per Aktientausch rund 37 Mrd USD 39 . Die bis dahin größte Firmenübernahme der Wirtschaftsgeschichte ist somit perfekt. Mit MCI WorldCom entsteht ein Konzern, der nahezu 300 Niederlassungen in 65 Ländern sowie 85 000 Mitarbeiter zählt. Somit reiht sich MCI WorldCom schlagartig in die Riege der großen Telekommunikationskonzerne, wie AT&T oder British Telecom, ein.
39
Vgl.
3.2.3. WorldCom: Erste Restriktionen durch Aufsichtsbehörden
Die Fusion mit MCI ist jedoch auch die erste Begegnung zwischen WorldCom und der SEC. Sullivan will nach der Fusion eine Abschreibung auf den Kauf von MCI im Wert von 7 Mrd USD tätigen. Die SEC erlaubt jedoch nur 4 Mrd USD 40 . Das Ende der großen Firmenkäufe kommt jedoch im Frühjahr 2000, als die amerikanische Kartellbehörde nach Bedenken der Federal Communications Commission die 115 Mrd USD Fusion mit dem Konkurrenten Sprint untersagt 41 . Diese geplatzte Fusion und der Wertverfall der Internettitel an den Börsen der Welt markieren für WorldCom den Anfang vom Ende. Das Ende des „Dot.Com Booms“ sowie die untersagte Fusion führt bei WorldCom zu einem rasch sinkenden Aktienkurs. World-Com benötigt jedoch, um die immensen Wachstumsraten weiter aufrecht zuerhalten, einen hohen Aktienwert. Somit geht Ebbers und Sullivan ihr Expansionsrezept verloren.
Im November 2000 spricht Ebbers erstmalig eine Gewinnwarnung für das laufende und das nächste Quartal aus. Der Nettogewinn nimmt im vierten Quartal 2000 um 0,6 Mrd und im ersten Quartal des Folgejahres erneut um 0,1 Mrd USD auf nur noch 0,6 Mrd USD ab. Der Quartalsgewinn im zweiten Quartal 2001 beträgt sogar nur noch 547 Mio USD. Im Zuge der stagnierenden Quartalsgewinne und weiterer Umsatzeinbrüche gibt WorldCom im Januar 2001 die Entlassung von bis zu 15 Prozent - ca. 10 000 bis 12 000 - der Mitarbeiter bekannt 42 . WorldComs finanzielle Lage verschlechtert sich trotz Rationalisierungsmaßnahmen in den folgenden Monaten immer weiter. Durch die ehrgeizigen Wachstumsprogramme der vergangen Jahre sowie das maßlose Überschätzen des „Internetbooms“ wurde es versäumt, frühzeitig Rücklagen und stille Reserven zu bilden. Durch die immer beunruhigendere finanzielle Lage WorldComs stufen die großen Ratingagenturen wie Standard & Poor’s, Moody’s, Merrill Lynch und Fitch Ratings das Telekommunikationsunternehmen von „Kaufen“ auf „Neutral“ herab. Im Februar
40
Vgl.
41
Vgl.
42
Vgl.
2002 müssen dann erneut die Gewinnprognosen für das kommende Geschäftsjahr deutlich herabgestuft werden.
3.2.4. WorldCom: Der Anfang vom Ende
Am 12.03.2002 startet die SEC offizielle Untersuchungen hinsichtlich der Bilanzierungspraktiken sowie der Vergabe von Unternehmenskrediten an leitende Manager. An der Spitze der Untersuchung stehen Überprüfungen bezüglich eines 366 Mio USD Kredites an den CEO Bernhard Ebbers. Ebbers, der einen überaus verschwenderischen Lebensstil pflegte, hatte sich, um nicht private WorldCom-Aktien verkaufen zu müssen, vom Vorstand mehrfach Kredite bewilligen lassen 43 . Diese Kredite und der stetig weiter fallende Aktienkurs bewegen Bernhard Ebbers nach weiterem Druck des Vorstands sowie der Investoren zum Rücktritt. „Vizechairman“ John Sidgmore wird zum Nachfolger Ebbers ernannt. Ebbers verlässt den Konzern nach 17jähriger Tätigkeit mit einer 30 Mrd USD - gemäß Konkursantrag sogar 41 Mrd USD - umfassenden Schuldenlast.
Nachdem Bernie Ebbers den Konzern verlassen hat, veranlasst der neue CEO John Sidgmore eine sofortige interne Überprüfungen der Buchhaltung samt der von der SEC beanstandeten Sachverhalte. Gleichzeitig feuert Sidgmore den schon in den Enronskandal verwickelten Wirtschaftsprüfer Arthur Andersen. Am 9. Mai stufen Ratingagenturen WorldCom auf einen niedrigen „Junk Bond“ Status (CC bis CCC) herab. Ende Mai unterrichtet dann die Innenrevisorin Cynthia Cooper Sidgmore, und die neu engagierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG von einer seltsamen Entdeckung. Sie bemerkt, dass im Jahr 2001 die Hälfte der Kosten für Leitungsmieten von anderen Telefongesellschaften nicht als Kosten sondern als diverse Investitionsausgaben verbucht worden waren. Durch diese Falschbuchungen können entstandene Kosten über mehrere Jahre hinweg abgeschrieben werden, ohne das Unternehmensergebnis allzu sehr zu belasten. Nachdem die Prüfer von KPMG alle Investitionskonten nachgerechnet haben, steht fest, dass bei
43
Vgl.
WorldCom alleine in den letzten 5 Quartalen Falschbuchungen in Höhe von 3,9 Mrd USD vorgenommen worden sind.
Am 25. Juni erklärt John Sidgmore der Wirtschaftspresse , er habe die SEC darüber informiert, dass WorldCom seinen Gewinn im Geschäftsjahr 2001 um 3,06 Milliarden USD und im ersten Quartal 2002 um 797 Mio USD zu hoch angegeben habe. Ebenso gibt Sidgmore die fristlose Entlassung des CFO Scott Sullivan sowie des Finanzkontrolleurs David Myers bekannt. Gleichzeitig erklärte der CEO, dass sich WorldCom aufgrund weiterer Sparmaßnahmen von weiteren 17 000 Mitarbeitern trennen müsse 44 . Sidgmore wirbt in der abgegebenen Videoansprache für das Unternehmen und bittet Kunden, Investoren und die Gläubigerbanken um etwas Geduld. Man werde die Untersuchungen vorantreiben und sich bemühen, das Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Weiterhin wies er darauf hin, dass die Falschbuchungen durch WorldCom selbst ans Tageslicht gelangt seien. Seit bekannt werden des Enron Skandals sind jedoch die Behörden, Banken und Anleger so verunsichert, dass es noch am selben Tag zu panikartigen Verkäufen an den Weltbörsen kommt. WorldCom Aktien fallen auf einen Wert von nahezu 8 US-Cent. Die SEC reicht am folgenden Tag Klage wegen Betruges gegen World-Com ein und versucht zu verhindern, dass wertvolle Unternehmensteile veräußert sowie Sonderzahlungen an Führungskräfte getätigt werden. Ein paar Tage später folgen zahlreiche Klagen diverser Pensionsfonds. Aufgrund der nun noch dramatischer einbrechenden Geschäftszahlen sowie des Scheiterns von Verhandlungen mit Banken über eine neue 5 Mrd USD-Kreditlinie, stellt John Sidgmore am 21. Juli 2002 für WorldCom und alle inländischen Tochterunternehmen Antrag auf Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des amerikanischen Konkursgesetzes 45 . Hierin werden die Schulden auf eine Gesamthöhe von 41 Mrd USD und Vermögenswerte in Höhe von 107 Mrd USD aufgeführt 46 . Am 19. September 2002 berichtigt jedoch WorldCom diese Vermögenswerte und kündigt Abschreibungen auf Firmenwerte und andere immaterielle Vermögenswerte im Wert von 50,6 Mrd USD an. Bis Okto-
44
Vgl.
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Vgl.
46
Vgl.
ber 2002 haben sich die Falschbuchungen der letzten 3 Jahre auf einen Wert von ca. 9 Mrd USD angehäuft.
Betrugsskandal der heutigen Wirtschaftsgeschichte.
3.2.5. WorldCom: Fazit
Der Betrugsfall um den Telekommunikationskonzern WorldCom ist von solch einer Unverfrorenheit, dass es kaum zu begreifen ist, inwieweit sich Moral und ethische Grundvorstellungen mancher Konzernmanager vom Wünschenswerten entfernt haben. Der Fall WorldCom hat nichts von der Komplexität, die der Fall Enron ein halbes Jahr zuvor an den Tag gelegt hat. Es wurden im Umfang von 9 Mrd USD betriebliche Kosten als Investitionen verbucht 47 . Dieser einfache Tatbestand hätte
47
Vgl.
jedem, der es hätte sehen wollen, direkt auffallen müssen. Vor allem hätten Wirtschaftsprüfer, Analysten und Banker die Machenschaften erkennen müssen. Im Falle der Wirtschaftsprüfer gerät erneut ein Name ins Kreuzfeuer der Kritik: Arthur Andersen, der Wirtschaftsprüfer, der schon im Fall Enron negative Schlagzeilen machte. Der zu dieser Zeit fünftgrößte Wirtschaftsprüfer kontrolliert und bescheinigt WorldCom über Jahre hinweg einwandfreie Bücher. Falschbuchungen, die einer Innenrevisorin sofort auffallen, werden von Experten bei Andersen einfach übersehen. Wiederum stellt sich die Frage: Unwissenheit oder Komplizentum? Gerichte gehen dieser Frage weiter nach. Ebenfalls werden sich die in die Betrügerein involvierten Führungsmanager wie Ebbers, Sullivan und Myers wegen Betruges, Unterschlagung und einer Reihe weiterer Delikte vor Gericht verantworten müssen.
Aus dem Fall WorldCom können jedoch auch einige, wenn auch wenige, positive Erkenntnisse geschlossen werden. Positiv zu erwähnen ist das Verhalten der SEC. Sie hat anscheinend nach den Vorwürfen der Untätigkeit im Fall Enron dazugelernt und frühzeitig Untersuchungen bei WorldCom veranlasst. Ob die von WorldCom später selbst veröffentlichen Entdeckungen ohne die offizielle Untersuchung der SEC ans Tageslicht gekommen wären, ist fraglich.
3.3. Die Rolle von Arthur Andersen LLP
Andersen LLP gehörte bis vor einigen Monaten zu den „Big Five“ der Wirtschafts- prüfer - die Größte Agentur, PricewaterhouseCoopers, wird gefolgt von Deloitte &
Arbeit zitieren:
Markus Nassen, 2003, Schritte gegen Bilanzbetrug in den USA - Das Sarbanes-Oxley Gesetz, München, GRIN Verlag GmbH
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