Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft der RWTH Aachen
Hauptseminar: Sprache des Rechtsextremismus
Sommersemester 2006
Tragen die Medien eine Mitschuld an fremdenfeindlichen
Straftaten?
vorgelegt von:
Diana Schütt
Studienfächer: Kommunikationswissenschaften; Soziologie; Psychologie
Fachsemester 6
Aachen, 28.08.2006
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung... 2
2 Rassismus in den Medien... 3
2.1 Berichterstattung über Einwanderer... 3
2.1.1
Lexik ...4
2.1.2
Metaphorik und Kollektivsymbolik...8
2.1.3
Argumentation ...11
2.1.4
Täter-Opfer-Beschränkung ...14
2.2 Berichterstattung über Rechtsextremismus ... 17
2.2.1
Berichterstattung über Rechtsextremismus und fremdenfeindliche
Straftaten...17
2.2.2
Berichterstattung über fremdenfeindliche Straftaten führt zu
Nachahmungstaten...21
2.3 Die Medien Empfehlungen zur Berichterstattung... 24
3 Fazit... 26
4 Literaturverzeichnis ... 27
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1 Einleitung
Man muß sich nicht in die rechtsextreme Szene begeben, um auf rassistische Denkmuster
zu treffen, auch fremdenfeindliche Gewalttaten werden schon lange nicht mehr nur von
Nazis ausgeübt. Doch wie entstehen fremdenfeindliche Einstellungen in der Mitte unserer
Gesellschaft, die sich in gewissen Fällen in physischer Gewalt äußern? Es spielt sicherlich
eine Reihe von Faktoren eine Rolle, doch könnten auch die Medien eine Mitschuld tragen?
Viele Menschen haben Vorurteile gegenüber gewissen ethnischen Gruppierungen, mit de-
nen sie aber persönlich nie Kontakt hatten. Kann es sein, daß ihr Bild über Ausländer
durch deren Darstellungen in den Medien geprägt wurde? Oft hört man in Kneipen rechts-
extremistische Ideologien von Menschen, die vielleicht noch nie mit der rechtsextremen
Szene in Kontakt getreten sind. Könnte es sein, daß auch sie ihre Informationen aus den
Medien erhalten und diese übernommen haben? Und die Medien Angst verbreiten, indem
von Asylantenfluten berichtet wird, die auf uns einströmen könnte dies ein Anstoß für
gewaltbereite Personen sein, fremdenfeindliche Gewalttaten zu begehen?
Eine direkte Verbindung zwischen Medienkonsum und fremdenfeindlichen Straftaten kann
aufgrund der fehlenden Kausalität nicht nachgewiesen werden. Dies soll auch nicht die
Aufgabe dieser Arbeit sein stattdessen wird der Blick auf die Medien und ihre Inhalte ge-
richtet. Welche charakteristischen Eigenschaften weisen Berichterstattungen über Einwan-
derer
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, fremdenfeindliche Straftaten und Rechtsextremisten auf? Enthalten sie Aspekte, die
fremdenfeindliche Stimmungen fördern und unter Umständen zu Straftaten führen könn-
ten?
Der Inhalt dieser Arbeit gliedert sich zur Beantwortung dieser Fragen in zwei Teilbereiche.
Der erste und umfangreichste Teil befaßt sich mit der Berichterstattung über Einwanderer.
In den ersten drei Unterkapiteln wird erläutert, welcher Mittel sich die Medien bedienen,
um auf dem Gebiet der Lexik, Metaphorik und Argumentation Migranten negativ darzu-
stellen. Es wird dabei versucht, die Analysen von Jäger und Huhnke mit den Ergebnissen
der sprachwissenschaftlichen Untersuchung zum Migrationsdiskurs der Düsseldorfer Pro-
jektgruppe um Böke, Jung, Niehr und Wengeler zu kombinieren.
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Im letzten Unterkapitel
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In dieser Arbeit verwende ich die Ausdrücke Einwanderer und Ausländer synonym und bezeichne damit
Personen nicht-deutscher Herkunft, die in der BRD dauerhaft leben.
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Böke, Jung, Niehr und Wengeler führten zwischen 1994 und 1999 das von der DFG geförderte Projekt
,,Die Einwanderungsdiskussion im öffentlichen Sprachgebrauch seit 1945" durch. Bei dieser linguisti-
schen Diskursanalyse wurden Texte auf den drei Untersuchungsebenen Lexik, Metaphorik und Argumen-
tation untersucht, (vgl. u.a. Böke/Niehr 2000).
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,,Berichterstattung über Einwanderer" wird darauf eingegangen, daß Berichte über Auslän-
der auf eine Thematik beschränkt sind: die des Negativen. Wenn Ausländer in den Medien
vorkommen, dann nur als Täter oder Opfer krimineller Handlungen. Der zweite Teilbe-
reich dieser Arbeit konzentriert sich auf die Berichterstattung über die rechtsextreme Sze-
ne. Ist in den Massenmedien keine Strategie erkennbar, wie kompetent über Rechtsextre-
mismus und fremdenfeindliche Straftaten berichtet werden soll, besteht das Risiko rechts-
extremistisches Gedankengut eher zu verbreiten, anstatt es einzudämmen. Es wird somit
unter anderem den Fragen nachgegangen, ob die Medien angemessen über Rechtsextremis-
ten aufklären und mit professionellen journalistischen Mitteln über fremdenfeindliche Ge-
walttaten berichten. In diesem Zusammenhang erfolgt anschließend eine Erläuterung der
These von Brosius und Esser, daß intensive mediale Berichterstattung über fremdenfeind-
liche Anschläge kurzfristig zu einem deutlichen Anstieg von Nachahmungstaten führen
kann. Abschließend werden Empfehlungen für eine kompetente Berichterstattung über
Einwanderer und Rechtsextremisten skizziert.
2 Rassismus in den Medien
Die überwiegende Zahl der Einwanderer kam über zwei verschiedene Wege in die BRD.
Waren es in den fünfziger und sechziger Jahren vor allem angeworbene Gastarbeiter, be-
steht der Großteil der Einwanderer ab den achtziger Jahren aus Flüchtlingen. Ab den neun-
ziger Jahren stieg die Zahl der Asylbewerber stark an und erreichte ihren Höhepunkt im
Jahr 1992 mit 440.000 Flüchtlingen. Eine Änderung des Asylrechts zur Reduzierung der
Flüchtlinge trat im Juli 1993 inkraft. Der Beginn der neunziger Jahre hat sich zu einem
beliebten Zeitraum medienwissenschaftlicher Untersuchungen entwickelt, allerdings nicht
(nur) wegen der Asylbewerberhöchstzahlen, sondern weil dies auch der Zeitraum ist, in
dem schwerwiegende Ausschreitungen und Anschläge gegen Ausländer in Hoyerswerda
(20.09.91), Rostock (22.-26.08.92), Mölln (23.11.92) und Solingen (29.05.1993) stattfan-
den. Welche Zusammenhänge zwischen den Berichterstattungen über die Zunahme von
Flüchtlingen und den Anschlägen bestehen, ist ein beliebtes Thema für Analysen gewor-
den. Deshalb stellt dieser Zeitraum auch für diese Arbeit einen Orientierungspunkt dar, auf
den oft Bezug genommen wird, ohne sich allerdings darauf zu beschränken.
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2.1 Berichterstattung über Einwanderer
Massenmedien tragen durch ihre Berichterstattung dazu bei, welches mentale Bild die Re-
zipienten von Einwanderern haben. Durch die lexikalische Bezeichnung der Ausländer,
den Gebrauch von Metaphern und die Argumentation in Berichten ist es möglich Einwan-
derer negativ darzustellen. Ob in den Medien aus diesen drei Ebenen eine nachteilige Prä-
sentation von Minderheiten resultiert, soll folgend dargelegt werden.
2.1.1 Lexik
Seit der frühen Nachkriegszeit stoßen wir in den Medien auf die Bezeichnung Flüchtling.
Jäger (1997;2001) weist jedoch darauf hin, daß seit Ende der siebziger Jahre eine ,,begriff-
liche Spaltung" stattgefunden hat. Während der Begriff Flüchtling für Flüchtlinge aus Ost-
europa bestehen bleibt, werden solche aus der sog. Dritten Welt als Asylanten bezeichnet.
Dadurch wird ,,eine Aufspaltung in gute, zugangsberechtigte Flüchtlinge und schlechte,
nicht berechtigte Flüchtlinge vorgenommen. Die Flüchtlinge das sind die politisch Ver-
folgten, von denen es auch nur wenige gibt. ,,Asylanten", das sind die Massen, die uns be-
drängen, die mit dem Grundgesetz Missbrauch treiben usw." (Jäger 1997:83) Weiterhin
betont Jäger (1993), daß der Ausdruck Asylant durch sein Postfix ant Assoziationen zu
Querulant, Simulant, Sympathisant und dergleichen hervorruft und bei den Rezipienten
äußerst negativ konnotiert ist. Durch die mediale Verwendung des Ausdrucks Asylant ent-
steht somit ein negatives Bild der Flüchtlinge.
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In den Medien wurden mittlerweile die unterschiedlichsten Komposita mit Asylant- wie
Asylantenvergeher, Asylantencontainer, Asylantenproblem usw. gebildet. Besonderer Be-
liebtheit erwiesen sich Zusammensetzungen wie Asylantenstrom, -flut, -lawine usw., die
mit einer Katastrophenandrohung verbunden sind
4
, (vgl. Strauß/Haß/Harras 1989:88).
Huhnke (1993) führte eine Analyse der Wochenzeitungen ,,Bild am Sonntag" und ,,Der
Spiegel" hinsichtlich der Inszenierung rassistischer Feindbilder durch. Sie kommt unter
anderem zu dem Schluß, daß beide Zeitungen den Begriff Asylant bewußt als negativ kon-
notierten ,,Kampfbegriff" benutzen. Ist die Verwendung des Ausdrucks Asylant in der Bild
am Sonntag im Jahr 1986, welches den Ausgangspunkt der Analyse darstellt
5
, keine Aus-
3
Jäger verweist in seinen Ausführungen besonders auf die Analysen von Link 1983.
4
Näheres zu Metaphern wie Asylantenstrom siehe Kapitel 2.1.2
5
Der Analysezeitraum bezog sich auf die Jahre 1986-1992.
5
nahme mehr, vollzog der Spiegel laut Huhnke in diesem Jahr eine Wende in der Wortwahl.
Am 25. August beginnt der Start der Spiegel-Serie ,,Die Spreu vom Weizen trennen"
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und
nach Huhnke der Zeitpunkt, an dem dann auch der Spiegel auf der semantischen Ebene das
Tabu bricht und den Ausdruck Asylant in sein Repertoire aufnimmt. ,,Ohne jegliche inhalt-
liche Distanzierung ist ab nun überwiegend von ,,Asylanten" die Rede" (Huhnke
1993:229).
Daß dieser abrupte Wortwandel des Spiegels, wie Huhnke ihn darstellt, allerdings nie
stattgefunden hat, konnte Niehr (1996) belegen. ,,Bereits zu Anfang der achtziger Jahre
finden sich nämlich im Spiegel Lexeme wie Asylanten(zu)strom und Scheinasylanten, und
zwar in nicht-zitierender Verwendung" (Niehr 1996:86). Niehr kritisiert zudem die Metho-
dik Huhnkes Analyse. Um von einer Wende sprechen zu können, ist demnach die Betrach-
tung des Analysematerials von mehreren Jahren und nicht nur von einigen Ausgaben von-
nöten.
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Eine Wende in der Wortwahl deutet außerdem auf einen ,,Sinneswandel" des Ma-
gazins hin, welcher sich neben der Verwendung der Lexeme auch in der Argumentations-
weise wiederfinden müßte. Doch bereits vor der Spiegel-Serie ,,Die Spreu vom Weizen
trennen" finden sich Artikel die Flüchtlinge und Asylbewerber negativ darstellen, (vgl.
Niehr 1996:84ff). ,,Es bleibt also [...] festzuhalten: Weder wird mit dem Beginn der Serie
[...] ein Tabu gebrochen, noch wird eine ,,Wende in der Wortwahl" vollzogen" (Niehr
1996:87).
Ein Teilaspekt des Düsseldorfer Forschungsprojekts zum Migrationsdiskurs seit 1954 be-
stand aus der Analyse der Lexik. Jung (1997) betont die Wichtigkeit der Diskursforschung
bei der Untersuchung von Lexemen wie Asylant und Flüchtling, da der Kontext sowie der
Stellenwert des Belegs innerhalb des Diskurses berücksichtigt werden muß. Wenn sich
Analysen nur auf Einzelbelege konzentrieren, ,,besteht die Gefahr, daß auto-biographisch-
idiosyntaktische Kommunikationserfahrungen und die eigenen Überzeugungen unkontrol-
liert in die Untersuchung eingehen" (Jung 1997:199).
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Die Ergebnisse der Düsseldorfer Untersuchungen zeigen, daß die Schwarz-Weiß-
Problematik der Begriffe Asylant und Flüchtling nicht so rigoros zutrifft, wie die oben be-
schriebenen Analysen von Jäger und Huhnke darstellen. Der Begriff Asylant wurde nicht
zur Diffamierung von bestimmten Asylbewerbern eingeführt, sondern steht seit den sech-
ziger Jahren ,,im öffentlichen Sprachgebrauch für die Trennung zwischen (noch nicht an-
6
Der Untertitel lautet: ,,Spiegel-Serie über Asylanten und Scheinasylanten in der Bundesrepublik".
7
Niehr wirkte am Düsseldorfer Projekt zum Thema ,,Die Einwanderungsdiskussion im öffentlichen
Sprachgebrauch nach 1945" mit, auf deren quantitativen Recherchen er sich beruft.
8
Jung verweist hier unter anderem auf die Kritik Spieles 1993 bezüglich der Thesen von Link und Gehard.
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erkannten) Asylbewerbern und (anerkannten) Asylanten" (Böke/Jung/Niehr 2000:29). Es
fanden sich auch Artikel, in denen Asylant in neutralen oder sogar positiven Kontextuali-
sierungen vorkommt, während sich bei anderen Artikeln eine Pejorisierung bei Asylbewer-
ber zeigt. Selbst der Begriff Flüchtling wurde in der Nachkriegszeit umgangssprachlich als
Schimpfwort benutzt (Flüchtlingspack, Flüchtlingsgeschwindel), (vgl Jung 1997:200f).
Trotz dieser Ausnahmen bleibt der Begriff Asylant fast durchgängig negativ konnotiert.
Niehr führt dies darauf zurück, daß Komposita mit Asyl- bzw. Asylant- meist in negativen
Kontextualisierungen vorkommen (Asylanten-Springflut, -pack, Asylbetrüger usw.), wäh-
rend die Flüchtlings-Komposita als neutral besetzt empfunden werden (Flüchtlingskredite,
Flüchtlingsarbeitnehmer usw.). Flüchtling und Asylant wurden ,,schließlich zu ideologi-
schen Bezeichnungsvarianten für den gleichen Personenkreis" (Böke/Jung/Niehr 2000:29).
Man kann zusammenfassen, daß die Printmedien den Begriff Asylant bewußt als negativ
aufgeladenen Begriff verwenden. Dies spricht für die These, daß die Medien eine Mit-
schuld am Entstehen eines negativen Images der Flüchtlinge tragen.
Sind sich die Redaktionen über die Pejorisierung bei Asylant offensichtlich bewußt, kann
man ihnen bei unangemessener Bezeichnung ethnischer Minderheiten eine gewisse Unwis-
senheit unterstellen. Bei Begriffen wie Mischehe, Mulatte, Farbiger, Squaw usw. tritt unter
Umständen eine Unsicherheit bei den Journalisten auf, ob diese noch zu benutzen sind oder
ob sie rassistische Stereotype transportieren. Folglich sind diese Ausdrücke in den Medien
immer wieder vorzufinden, und selbst der Duden enthält keine Hinweise auf eine diskrimi-
nierende Bezeichnung. Demzufolge sind die Redaktionen bei einer Verwendung dieser
Begriffe auch offiziell nicht angreifbar. So finden sich keine Hinweise darauf, daß die Be-
zeichnung Squaw von Indianerinnen als extrem rassistisch verstanden wird und nicht wie
im Duden vermerkt, synonym mit ,,indianische Frau" verwendet werden kann. Ursprüng-
lich wurde der Begriff Squaw nämlich von Trappern aus der Algonquin-Sprache abgeleitet
und bedeutet ,,Vagina und Hure", (vgl. Koch 1996:23ff; 2001:149ff). ,,Grundsätzlich spie-
len bei dem Prozeß der Begriffsprägung Reporter und Redakteure eine Schlüsselrolle, denn
die Massenmedien verfügen über die stärkste Definitionsmacht" (Koch 1996:27). Trotz-
dem stellt sich die Frage, warum sich die Medien ihre Funktion als Vorbild nicht richtig
bewußt machen und sich nicht bemühen, Minderheiten so zu bezeichnen, wie diese es be-
vorzugen. Viele Redaktionen benutzen den Begriff Farbige, um sich von dem rassistischen
Begriff Neger zu distanzieren und scheinen dabei nicht zu wissen, daß dieser Begriff bei
dem Bezeichneten ebenfalls diskriminierenden und beleidigenden Charakter hat. Die Ini-
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tiative Schwarzer Deutscher bevorzugt den Ausdruck Afro-Deutsche oder Schwarze Deut-
sche und betont dabei die Bedeutung für die Mitglieder einer Gruppierung, sich selbst
bestimmen zu können, als von außen bestimmt zu werden. Doch hier endet das Verwirr-
spiel nicht, denn nicht alle dunkelhäutigen Deutschen sind mit diesem Begriff einverstan-
den. Dieser Akt der Namensgebung ist für jede Minderheit von großer Bedeutung, aller-
dings gibt es auch immer einzelne unter ihnen, die sich davon distanzieren, (vgl. Koch
1996:23ff; 2001:149ff). ,,Angesichts der Multikulturalität deutscher Städte werden sich
auch deutsche Journalisten in Zukunft daran gewöhnen müssen, den in Amerika bereits
etablierten Regeln zu folgen. Dort gilt es als journalistischer Grundsatz und Zeichen des
Respektes, im Zweifelsfall die Person, über die man schreibt und berichtet, persönlich zu
fragen, welche Identitätsbezeichung sie für sich selbst wählt oder bevorzugt" (Koch
1996:32). Koch kritisiert zudem, daß Journalisten undifferenziert von Deutschen und Aus-
ländern sprechen und dadurch eine Schwarz-Weiß-Welt schaffen, die es so nicht gibt. Vie-
le sogenannte Ausländer haben oft nie im Ausland gelebt und befinden sich in der zweiten
oder dritten Generation in Deutschland. Koch schlägt zur Lösung dieser Problematik die
Einführung des Begriffs ,,Deutschländer" vor. ,,Deutschländer wären [...] Bürger, die in
Deutschland leben und aufgewachsen sind, sich von ihren kulturellen, ethnischen Identitä-
ten jedoch nicht (nur) als Deutsche verstehen" (Koch (1996:37). Allerdings merkt Koch
auch an, daß eine solche Neuschöpfung zu Beginn krampfhaft wirken könnte. Die Not-
wendigkeit einer neuen Wortschöpfung bezieht sich nach Koch auch auf die Ersetzung
rassistisch aufgeladener Stigma-Wörter wie Asylant oder Squaw. Solche Ausdrücke seien
unbrauchbar geworden, da die Assoziationen, die die Verwendung derartiger Begriffe her-
vorrufen, sich nicht einfach ändern oder abschalten lassen. Und wenn eine Minderheit
durch einen neuen Begriff identifiziert werden soll, dann ist dies durch eine Selbstbezeich-
nung wohl am besten, (vgl. Koch 1996:37;41). Ändert sich allerdings nicht die negative
Darstellung der Minderheiten in den Medien, so wird eine neue Bezeichnung auf Dauer
auch keine Lösung sein, da diese schlußendlich ebenfalls pejorativ sein wird.
Journalisten benutzen, ob bewußt oder unbewußt, rassistisch aufgeladene Begriffe zur
Identifizierung von Minderheiten. Sie stehen aber in einer Vorbildfunktion, da sich die
Rezipienten an der lexikalischen Verwendung der Medien orientieren. So wie ethnische
Gruppierungen in den Printmedien bezeichnet werden, werden sie auch von den Lesern
benannt. Ist es auch mit etwas Mühe verbunden, nichtdiskriminierende Begriffe für Min-
derheiten zu finden, stehen Journalisten trotzdem in der Pflicht einer politisch korrekten
Identifizierung.
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