Technische Universität Dresden
Fakultät für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaft
Lehrstuhl: Neuere Deutsche Literatur- und Kulturgeschichte
SS 2008
BA-Seminar:
Medienkonkurrenz: Literatur Bild Neue Medien.
Thema:
Wilhelm Meisters Lehrjahre Ein Medienroman
Antje Schöne
BA: Anglistik/ Amerikanistik (6. Semester)
Germanistik: Literatur- und Kulturwissenschaft (3. Semester)
4
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 5
2. Das Buch als Medium ... 6
2.1. Das Medium Buch... 6
2.2. Historischer Exkurs: Das Buch als Leitmedium um 1800 ... 7
2.3. ,Wilhelm Meisters Lehrjahre' als Medium... 10
3. Medien im Medium ,Wilhelm Meisters Lehrjahre'... 11
3.1. Das Medium Buch... 11
3.2. Das Medium Theater... 15
3.3. Weitere Medien ... 19
4. Zusammenfassung... 20
Literaturverzeichnis... 22
5
1. Einleitung
Johann Wolfgang von Goethes Werk ,Wilhelm Meisters Lehrjahre' ist, ohne Frage, ein
Roman. Schon der Untertitel Erstausgabe von 1795/96 lautete: ,Ein Roman. Herausgegeben
von Goethe'.
1
Jedoch wird das Werk in vielen Quellen nicht nur als Roman bezeichnet,
sondern Unterkategorien zugeordnet. Eine der häufigsten Zuordnung ist die des klassischen
Bildungsromans
2
, bei der die Thematisierung der Biographie der Hauptfigur Wilhelm Meister
als vordergründig gilt. Als Erweiterung dieses Begriffs kann die Bezeichnung
Entwicklungsromans
3
angesehen werden, bei welchem die geistig-seelische Entwicklung der
Zentralfigur beschrieben wird. Ferner wird unter einem psychologischen Betrachtung mit
Goethes Werk, auch der Begriff des Erziehungsromans
4
verwendet. Walter Beller hingegen
sagt in seinem Buch ,Goethes Wilhelm Meister Romane': ,,Der Roman ,Wilhelm Meisters
Lehrjahre' ist über weite Strecken auch ein Theaterroman"
5
. Rosemarie Haas bezeichnet das
Werk sogar als Geheimbundroman
6
. In folgender Hausarbeit werde ich auf Goethes Wilhelm
Meister Roman als Medienroman eingehen und dabei versuchen einige der erwähnten
Unterkategorien des Romans zu vereinen. Ich werde das Werk aus einem
kulturwissenschaftlichen Blickwinkel betrachten.
Wenn heute von Medien die Rede ist, sind damit meist Massenmedien wie Fernsehen oder
Internet gemeint. Dem gegenüber stellt die Sprache das historisch erste Medium dar.
Dazwischen ist das Buch anzusiedeln. Einführend werden im Kapitel ,Das Medium Buch'
(2.1.) kurze Definitionen für die Begriffe ,Medium' und ,Buch' gegeben. Ein historischen
Exkurs im darauffolgenden Kapitel (2.2.) geht genauer auf das Buch als Leitmedium, mit
einer Blütezeit von der Erfindung des Buchdruckes im 15. Jahrhundert bis gegen Ende des 19.
Jahrhunderts
7
, ein. Dabei wird kurz auf die Mediengeschichte des Buches eingegangen und
1
Goethe. Sämtliche Werke nach Epochen seines Schaffens. Münchner Ausgabe. Band 5: Wilhelm Meisters
Lehrjahre. Herausgegeben von Karl Richter. München: Carl Hanser Verlag. 1988. S. 7 Im folgenden werden die
Quellenangaben aus diesem Werk in Klammern gemäß nachstehendem Muster erfolgen: (Buch/ Kapitel,
Seitenzahl).
2
u.a.: ,,[...] G.s wegweisendem, klassisches Bildungsroman [...]" Vgl.: ,,Wilhelm Meisters Lehrjahre". In:
Goethe-Lexikon. Hg. von Wilpert, Gero von. Stuttgart: Kröner. 1998. S. 1182.
3 u.a.: ,,Die ,Lehrjahre' sind ein Bildungs- und ein Entwicklungsroman, der zum Ende hin auch ein
Rekrutierungsroman wird." Vgl.:Beller, Walter. Goethes Wilhelm-Meister Romane. Bildung für die Moderne.
Hannover: Revonnah-Verlag. 1995. . S. 125.
4 u.a.: ,,[...] Dies war der Reiserat, Reiseweg, den Goethe im Erziehungsroman seines Wilhelm Meister gab und
ging." Vgl.: Bloch, Ernst. Tübinger Einleitung in die Philosophie I. Frankfurt a. Main: Edition Suhrkamp.
1967. S. 64.
5 Beller, Walter. Goethes Wilhelm-Meister Romane. Bildung für die Moderne. Hannover: Revonnah-Verlag.
1995. S. 13.
6 Haas, Rosemarie. Die Turmgesellschaft in ,Wilhelm Meisters Lehrjahre' zur Geschichte des
Geheimbundromans und der Romantheorie im 18. Jahrhundert. Bern: Lang. 1975.
7 Nelles, Jürgen. Bücher über Bücher. Das Medium Buch in Romanen des 18. und 19. Jahrhunderts. Würzburg:
Königshausen & Neumann. 2002. S. 39.
6
Aussagen der Medientheoretiker Marshall McLuhan und Friedrich A. Kittler im Bezug auf
das Medium Buch zusammengefasst. Das darauffolgenden Kapitel (2.3.) geht auf die Frage
ein, inwieweit Goethes ,Wilhelm Meisters Lehrjahre' als Medium dienen kann.
Im Hauptteil der Hausarbeit (Kapitel 3) soll untersucht werden, welche Medien im Medium
,Wilhelm Meisters Lehrjahre' thematisiert werden. Dabei unterteile ich die Untersuchung
nach Art des Mediums. Ausführlich betrachtet werden das Medium Buch und das Medium
Theater. Es geht darum, wann diese Medien im Werk in welcher Funktion auftauchen und
welche Parallelen man zu der Zeit in der das Werk geschrieben wurde ziehen kann. Alle
weitere Medien werden im Kapitel 3.3. kurz aufgezählt, können jedoch leider nicht
eingehender ausgearbeitet werden.
2. Das Buch als Medium
2.1. Das Medium Buch
Für die Betrachtung des Buches als ,Medium' soll eine kulturwissenschaftliche Definition des
Begriffes vorangestellt werden: Ein Medium ist ein ,,Vermittler von Kommunikation"
8
zwischen mindestens einem Sender und mindestens einem Empfänger. Seine Funktionen
liegen in der ,,Adressierung, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten".
9
Die Art der Kommunikation ist abhängig von der Beschaffenheit des Mediums. Ein Buch ist
zunächst einmal ein materielles, physisches Objekt, bestehend aus ,,einem Trägermaterial und
den darauf aufgebrachten Sprach- und Bildzeichen", welche handgeschrieben oder gedruckt
sein können
10
. Von diesem Blickwinkel gesehen ist das Buch eine massenhaft produzierbare
Ware. Andererseits bildet das Buch eine ,,textuelle Einheit dessen, was in diesem gedruckt
niedergelegt ist"
11
. Der Inhalt dessen ist ,,nicht ohne weiteres subsituierbar"
12
. Um mit dem
Medium Buch arbeiten zu können, braucht es der Kulturtechnik des Lesens. ,,Der gedruckte
Text bietet allererst die Vorrausetzung dafür, sich mit ihm auseinander zu setzen"
13
oder sich
von ihm zu entfernen.
Das Buch kann einmal aufgezeichnete oder gedruckte Informationen, ,,die über einen
begrenzten Kreis der an einem Gespräch Beteiligten sowohl in zeitlicher wie in räumlicher
8
Kloock Daniela, Angela Spahr. Medientheorien. Eine Einführung. München: Fink. 1997. S. 11.
9
Kittler, Friedrich A. Aufschreibesysteme 1800/ 1900. München: Fink. 1995. S. 519.
10
Rautenberg, Ursula. Artikel: Buch. In: Reclams Sachlexikon des Buches. Hg. von Rautenberg Ursula.
Stuttgart: Reclam. 2003. S. 83.
11
Nelles, Jürgen. 2002. S. 64.
12
Rautenberg, Ursula. 2003. S. 85.
13
Nelles, Jürgen. 2002. S. 60-61.
7
Hinsicht hinausreichen"
14
, sicherstellen und speichern. Ein Buch ist folglich ein Medium,
welches unabhängig von Zeit und, im Laufe seiner Entwicklung auch unabhängig vom Raum,
als Kommunikationsmittel dienen kann. Seine Kommunikation ist bestimmt durch die
Entlastung des individuellen und des kollektiven Gedächtnisses einerseits und der
,,Öffentlichkeit des Aufgeschriebenen, die sich aus der Verselbstständigung des materiellen
Schriftträger ergibt" andererseits.
15
Das Buch ist ein klassisches Einzelmedium, das heißt, es wirkt in gewisser Weise isolierend,
hinzielend auf ,,die sozialen und situativen Bedingungen der Rezeption von Büchern". Nicht
nur ist man beim Akt des Lesens meist alleine, auch ist die Möglichkeit der direkten
Interaktion zwischen Produzent und Rezipient äußerst begrenzt. Das Buch kann also als
monologisches Medium bezeichnet werden, welches nicht nur den Leser, sondern auch den
Produzenten isoliert.
16
Bereits in diesem kleinen Abschnitt wurden ,Buch' und ,gedruckter Text' synonym
verwendet. Auch ,Werk' und ,Schrift' gelten als Synonyme für ,Buch'
17
. In der weiteren
Betrachtung möchte ich die Begriffe ,Werk', ,Text' und ,Buch' gleichsetzen.
2.2. Historischer Exkurs: Das Buch als Leitmedium um 1800
Ein Buch ist, wie bereits erwähnt, ist eine Sammlung von Blättern zwischen zwei
Buchdeckeln. Wenig Sinn hätte diese Blättersammlung ohne Informationen darauf. Diese
Information ist in Form von Zeichen auf die Blätter, meist Papier, gedruckt. Ein kurzer
geschichtlicher Abriss zeigt wie es dazu kam: Die meisten Schrift und Medientheorien sehen
den Beginn der Alphabetenkultur im 5. Jahrhundert vor Christus. Um 1000 v. Christus
entstand in Griechenland ein vollständiges Buchstabenalphabet, welches unter anderem die
Grundlage für die lateinische Sprache bildete. Wichtiger für diese Betrachtung sind jedoch
nicht die Zeichen- und Schriftsysteme, sondern die Zeichen- und Schriftträger. ,,Die als
Zeichenträger dienenden natürlichen Materialien wie Baumrinde, Bambus- oder Palmblätter,
Stein- und Tontafeln werden durch Papyrus (seit 3000 v. Chr.), Pergament (seit 1300 v. Chr.)
und Papier (seit etwa1300) abgelöst." Erst die zuletzt genannten Materialien erlauben die
Anfertigung umfassenderer handschriftlicher Manuskripte.
,,Ab dem 12. Jahrhundert nimmt die Produktion und Distribution handgeschriebener Bücher
ständig zu, auch wenn der Austausch auf einen relativ kleinen Kreis von schriftkundigen
14
Nelles, Jürgen. 2002. S. 26.
15
Rautenberg, Ursula. 2003. S. 83.
16
Nelles, Jürgen. 2002. S. 48.
17
Artikel: Buch. In: Synonymwörterbuch. Hg. von Herbert Görner und Günter Kempcke. Leipzig: VEB. 1978.
8
Klerikern begrenzt bleibt." Erste Schreibwerkstätten, in den Bücher in größerer Zahl
abgeschrieben und illustriert werden, entstehen im 13. Jahrhundert.
18
Eine neue Phase in der Geschichte des Buches läutet die Erfindung des Buchdruckes von
Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert ein. Mit Hilfe beweglich auswechselbaren Lettern
entstand eine revolutionäre Drucktechnik, die die Vorraussetzung für die maschinelle
Serienproduktion gedruckter Manuskripte darstellte.
19
Diese massenhafte Produktion von
Druckmedien löste in Europa eine Medienrevolution aus: ,,Die seit dem 16. Jahrhundert
rapide ansteigende Zahl von Druckerzeugnissen erbringt seit Ende des 17. Jahrhunderts,
verbunden mit zunehmenden Alphabetisierungsbemühungen sowie Reformen des Schul- und
Universitätswesens, zunächst eine Blütezeit für Zeitungen und Zeitschriften [...]."
20
Eine
ähnlicher Aufschwung für die Verbreitung von Büchern ist einige Jahrzehnte später
festzustellen. Das Buch wird zum Leitmedium.
,,Unter dem Begriff ,Leitmedium' wird dasjenige Medium verstanden, das innerhalb eines
bestimmten Zeitraumes die gegenüber anderen Medien umfassende Verbreitung erfährt und
damit zusammenhängend die größte Wirkung in gesellschaftspolitischer, weltanschaulicher
und kunstästhetischer Hinsicht erzielt."
21
Der Aufstieg des Buches zum Leitmedium ist eng verbunden mit der ,,Entfaltung der
bürgerlichen Gesellschaft" und ,,der Herausbildung eines sicher immer weiter
ausdifferenzierenden Literatursystems im Zusammenhang mit einem prosperierenden
Buchmarkt im 18. Jahrhundert".
22
Zwar kann man behaupten, dass das Buch bis zum Ende
der Goethezeit nahezu eine Monopolstellung
23
gegenüber anderen Medien hatte, aber man
kann nicht von einer Medienablösungen sprechen. Handschriftlich verfasste Manuskripte
wurden nicht gänzlich vom Buchdruck ersetzt, genauso wenig wie Bücher mit dem
Aufkommen neuer Medien, besonders am Anfang des 20. Jahrhunderts, substituiert werden.
Eher ist von einer ,,Koexistenz und Konkurrenz"
24
zu sprechen.
Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan teilt in seinem Buch ,Die Gutenberg
Galaxis'
25
die Menschheitsgeschichte in vier Epochen: Oralität, Literalität, die Gutenberg-
Galaxis und das elektronische Zeitalter. Für unsere Betrachtung spielt die Epoche der
Gutenberg-Galaxis die entscheidende Rolle. Die Gutenberg-Galaxis bezeichnet eine Welt, die
18
Nelles, Jürgen. 2002. S. 31.
19
Nelles, Jürgen. 2002. S. 32.
20
Nelles, Jürgen. 2002. S. 32-33.
21
Nelles, Jürgen. 2002. S. 25.
22
Nelles, Jürgen. 2002. S. 34.
23
Nelles, Jürgen. 2002. S. 35.
24
Nelles, Jürgen. 2002. S. 33.
25
Nachstehende Informationen, soweit nicht anders gekennzeichnet, beziehen sich auf folgende Ausgabe:
McLuhan, Marshall. Die Gutenberg Galaxis: Das Ende des Buchzeitalters. Bonn: Addison-Wesley. 1995.
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