Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkungen........................................................................................................................ 3
1. Intellektuellenforschung. 5
1.1 Glanz und Elend der deutschen Intellektuellen. 5
1.2 Begriffsdefinitionen und Intellektuellenforschung 6
1.3 Einige Aspekte einer moderneren Intellektuellengeschichte 8
2. 1945 - das Ende und der Anfang 9
2.1 Das Ende 9
2.2 Der Anfang im Ende 11
2.3 Exkurs: Die Schuldfrage 12
2.3.1 Voraussetzungen 12
2.3.2 Die Intellektuellen und die Schuldfrage. 14
2.4 Der Anfang von „oben“ und „unten“ 17
2.4.1 Die Besatzungspolitik von „oben“ 17
2.4.2 Die Besatzungspolitik von „unten“ 18
2.5 Kulturpolitik der Besatzungsmächte und die ambivalente Rolle von Intellektuellen. 19
2.5.1 Exkurs: Besonderheit in der SBZ - Kulturoffiziere. 20
3. Das „Schicksalsjahr 1948“ 22
4. Intellektuelle und die Zeitschriftenlandschaft von 1945-1949. 24
4.1 „Aufbruch“ und Ende der Zeitschriftenlandschaft. 24
4.2 Exkurs: Der Ruf 25
4.3 Das Erinnerungsjahr 1948 im „Zeitschriftenboom“ 27
5. Ein Ausblick: Mythen des Anfangs 28
6. Fazit. 30
7. Anhang 32
2
Vorbemerkungen
Die Rolle von Intellektuellen beruhe, nach Habermas, auf zwei Missverständnissen: zum einen sehe er die Autonomie von Kunst und Wissenschaft gegenüber der Politik als eigene kulturelle Sphäre gegeben, die sich in die Politik einmischt und damit entdifferenzierend wirken soll. Und zum anderen die Art des Engagements, die eine Verwechslung von Einflussnahme auf die politische Öffentlichkeit sei und letztlich nur eine Eingliederung in den Betrieb des politischen Machtkampfes bedeute. 1 Dies ist eine Bankrotterklärung. All das, was die Kategorie Intellektueller ausmacht, negiert Habermas und unterstellt eine Unfähigkeit zur Selbstreflexion über Möglichkeiten und Grenzen von Anspruch und Wirklichkeit. Ist das so, wie Habermas meint? Ist die Rolle von Intellektuellen nur die Quadratur des Kreises und mehr nicht? Oder bemüht er hier nur ein in nüchterne Analyse gekleidete Anklage, die einen Verrat benennt? Fehlendes Maß in Anspruch und Wirklichkeit, die Habermas zu solch einer Fundamentalkritik leitet, scheint ihn bei seiner eigenen Rolle, über die er hier ebenso spricht, wohl kaum vor Augen gestanden haben, als er dies schrieb. Vielleicht ist auch ein Missverständnis über einen zu hohen Anspruch, den Habermas an den Intellektuellen stellt? Zumindest ist sind die Rollen von Intellektuellen, wie überhaupt das Phänomen sehr widersprüchlich und damit höchst interessant. Intellektuelle waren in allen entscheidenden Prozessen der Geschichte beteiligt, sind in Umbrüchen genauso wie in Krisen zu verorten und höchst selbst auch im Kampf um Intellektuelle zwischen und an allen Fronten zu finden. Aber was ist das eigentliche Charakteristische, dass eine analytische Kategorie Intellektueller für den Weitergang der Forschung neues und erhellendes bringen kann? Vor allem ist es der modernen Forschung gelungen, über eine kritische Begriffsgeschichte des linguistic turn zu einer breiteren Kulturgeschichte zu gelangen, die nach Mentalitäts-, Rezeptions- und Perzeptionsmechanismen sucht, die sich mit sozialen, politischen und geistesgeschichtlichen Strukturen in Beziehung setzt und den Mensch in Geschichte und Gesellschaft viel umfassender und breiter beschreiben und verstehen kann. Die Kategorie Intellektueller bietet damit Möglichkeiten tiefer liegende Schichten historischer Prozesse freizulegen und mit heutigem Interesse zu verbinden. Deutungskämpfe um Begriffe und Symbole sind zugleich auch der Schlüssel zum Verständnis komplexer menschlicher Beziehungen und ihrer Auswirkungen. Die menschliche Geschichte wirf ihren Schatten auf die heutige Zeit und wenn es der Forschung gelingen soll, das sollte zumindest das Ziel sein, diesen Schatten zu
1 Jürgen Habermas: Heinrich Heine und die Rolle des Intellektuellen in Deutschland, In: Ders.: Die Moderne.
Ein unvollendetes Projekt, Leipzig 1990, S. 130-158, hier S. 139.
3
entschlüsseln, dann tut sie gut daran, passendes Werkzeug zu entwickeln, um an die Arbeit gehen zu können.
Die folgende Arbeit versucht zwei Ebenen mit einander zu verbinden und nach den Wirkungen zu fragen. Die eine Ebene sind die komplexen politischen Beziehungen nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ und seiner katastrophalen Folgen. Es kommt dabei auf die Widersprüchlichkeit zwischen theoretischen Konzeptionen und praktischer Umsetzung an. Schwerpunkt sind dabei die Besatzungsmächte. Die Komplexität der Abläufe bietet immer wieder Möglichkeiten zu entgegen gesetzten Entwicklungen. Impulse dieser Widersprüche werden auf der zweiten Ebene wahrgenommen und reflektiert. Die zweite Ebene sind die Intellektuellen der Nachkriegszeit, die im viel stärkeren Maße durch die Last der Vergangenheit und den Anspruch der Gegenwart ihre Positionen suchten und durch ihrer Möglichkeiten Einfluss zu nehmen gedachten. Beide Seiten kennzeichnet die den Willen und die Möglichkeiten zu einem neunen Anfang, der zunächst offen und vielgestaltig war. Sich dann aber recht schnell in bereits vorgeprägte Bahnen getrennte Wege ging, aber als eine Bezugsgeschichte bis zum Wegfall der Blockkonfrontation und dem Ende des Kalten Krieges zu verstehen ist. In einem ersten kleinen Schritt wird der Versuch unternommen, den Begriff Intellektueller näher zu beleuchten und auf einige Aspekte der älteren und neueren Forschung einzugehen, die mit einem modernen Intellektuellenbegriff als Handlungstypus operiert. Daran anschließend geht die Arbeit in dem größeren Teil auf die komplizierte Nachkriegsgeschichte nach 1945 ein und geht von der These aus, dass die Prägungen bestimmter intellektueller Rollen in der Euphorie der Anfangsjahre Grundnarrative vorgeprägt haben, diese aber nicht ideologisierten, sondern in einer sehr heterogenen diskursiven Gemeinschaft zirkulierten.
Ein Schwerpunkt dabei sind Texte von bekannten Intellektuellen dieser Zeit, die vor allem in einem Zeitschriftenboom der Anfangsjahre erschienen. Diese Texte sind höchst emphatisch aufgeladen und zielen wirkungsmächtig auf ihr Publikum. Sie sind stilistisch höchst eindrucksvoll und zeugen von wahren Könnern ihres Faches. Vor allem Artikel der Frankfurter Hefte und Ost und West werden unter einem interessanten Gesichtspunkt mit einander verglichen. 1948 erinnerte man sich des hundertjährigen Jubiläums von 1848. Die speziellen Metaphern und erinnerungspolitischer Bezüge beschreiben den Versuch der Intellektuellen, durch Bereitstellung von Geschichtsmythen in die aktuelle Tagespolitik einzugreifen, die aber scheitern, denn der beginnende Kalte Krieg zerreibt die „Dritte“ Kraft.
4
1. Intellektuellenforschung
1.1 Glanz und Elend der deutschen Intellektuellen
In den vergangenen Jahren hat sich die Forschung zunehmend mit einem Begriff beschäftigt, den eine sehr vielschichtige und widersprüchliche Geschichte prägt und der bis heute in zum Teil hochemotionaler Art und Weise diskutiert wird. Gemeint ist der Begriff Intellektuelle. Eine fast unüberschaubare Menge an Literatur, die sich mit der gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Dimension dieses Begriffes beschäftigt, ist in den letzten Jahren entstanden. Vor allem die gewaltigen historischen Umbrüche in den ehemals realsozialistischen Staaten und besonders die „doppelte Wende“ in Deutschland haben hier die fachinterne Diskussion über die Rolle von Intellektuellen und ihre Haltungen zur Macht wieder öffentlich entfacht und diskursiv weiterbearbeitet. Neben dem Vorwurf an ostdeutsche Intellektuelle, den Herbst 1989 falsch eingeschätzt und ihre Rolle darin auch überschätzt zu haben, keimte die Vorwurf des „Versagens“ der Intellektuellen, der an Julien Bendas 1927 geprägten Verrat der Intellektuellen 2 erinnert, Anfang der 90er Jahre wieder auf. Das einprägsame Bild einer „Intellektuellendämmerung“ 3 dieser Zeit nimmt das geradezu metaphorisch auf. Hier zeigen sich Deutungskämpfe um einen Begriff und dessen Status. Das Interessante an diesen Intellektuellendiskursen ist die erneute Infragestellung eines Selbstverständnisses, das sich längst definiert zu haben glaubte. Die in Westdeutschland bestimmende Bindung des Begriffes an die demokratische Gesellschaft stammt aus der Geburtsstunde der Bundesrepublik als zweite deutsche Demokratie. Sie definierte den Intellektuellen einerseits an die kritische Distanz zur politischen Macht und bot andererseits in Abgrenzung zum eher konservativen Elitemodell der Politikwissenschaft individuelle Anknüpfungen an einen Moralbegriff der Verantwortung des Einzelnen. Rainer M. Lepenies bringt dies 1964 mit dem Schlagwort „Kritik als Beruf“ 4 sehr treffend auf den Punkt. Es ging also im Kern um das Selbstverständnis einer ganzen Nachkriegsgeneration, die die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur in den 60er forciert hatten. Die später als „Spiegelaffäre“ um den Herausgeber des Politmagazins Rudolf Augstein eingesetzte Diskussion ist als deutsche Variante der französischen Dreyfusaffaire diskutiert worden. 5
2 Julien Benda: Der Verrat der Intellektuellen, München 1978 [franz. 1927].
3 Wolf Lepenies: Aufstieg und Fall der Intellektuellen in Europa, Frankfurt/New York 1992; Martin Meyer:
Intellektuellendämmerung. Beiträge zur neuesten Zeit des Geistes, München/Wien 1982.
4 M. Rainer Lepsius: Kritik als Beruf. Zur Soziologie der Intellektuellen, In: Ders.: Interessen, Ideen und
Institutionen, Opladen 1990, S. 270-285.
5 Vgl.: Alfred Grosser, Jürgen Seifert, Thomas Ellwein: Die Spiegel-Affäre. Die Staatsmacht und ihre Kontrolle,
Olten 1966.
5
Die Debatte in den 90er Jahren ließ mit der Auseinandersetzung ostdeutscher Intellektueller diese moralische Wertbindung aufweichen und zeigte, dass in dem Begriff viel stärker ein Selbstverständnis und Selbstbild mitschwingt, dass der Begriff Intellektueller zu einer symbolischen Wertkategorie machte. 6 Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts haben, so das Gros der Meinungen, den kritischen Intellektuellen verabschiedet, während er gleichzeitig, das zeigte die hitzige Debatte, so prominent wie seit den wichtigen Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus vor 40 Jahren nicht mehr diskutiert worden war. In der Bedeutungsspanne zwischen Demokratie und Diktatur und ihren Transformationen, Zäsuren und Kontinuitäten spiegelte der Begriff Intellektueller gesellschaftliche Prozesse ab und verlor den Nimbus positiver Selbstdeutung.
1.2 Begriffsdefinitionen und Intellektuellenforschung
Die Diskussion von Soziologen über den Intellektuellenbegriff spannte mit unterschiedlichen Akteuren wie Schriftstellern, Wissenschaftlern, Journalisten und auch Politikern ein weites Feld zwischen Engagement und Autonomie, zwischen Kritik und Affirmation, aber auch zwischen ethischer Moral und fachlicher Distanz auf, in dem die Haltungen und Rollen von Intellektuellen beschrieben worden sind. Dieser Zugriff bot nicht nur den Akteuren die Möglichkeit, über ihr eigenes Selbstverständnis zu reflektieren und über „Geist und Tat“ nachzudenken, sondern fand auch Einzug in den beginnenden culture turn der ausgreifenden Kulturwissenschaften.
Man muss zwischen Texten der Selbstreflexion im eigentlichen Sinne wie Julien Bendas Verrat der Intellektuellen und den Versuchen der Forschung, sich dem Intellektuellen als gesellschaftliches Phänomen zu nähern, unterscheiden. Die mittlerweile 100 Jahre Intellektuellenforschung in Deutschland, die im systematischen Sinne keine war, hat eine Reihe von ‚Klassikern’ aufzuweisen: Max Weber 7 , Karl Mannheim 8 und Theodor Geiger 9 . Sie bieten sehr unterschiedliche Aspekte an, um sich dem Begriff zunähern. Während Weber den Begriff, den er nicht benutzt, an die Machtausübung und politische Betätigung bindet, er selbst kandidierte 1919 für den Reichstag, und der „Intelligenz“ die Aufgabe zukommt, ein Gemisch aus Versatzstücken ideologischer „Wahrheiten“ bereitzustellen - als Weichensteller
6 Vgl.: Sabine Wilke: Ist alles so geblieben, wie es früher war? Essays zu Literatur und Frauenpolitik im
vereinten Deutschland, Würzburg 2000, hier v.a. S.27ff.
7 Max Weber: Politik als Beruf [1919], In: Ders.: Gesammelte Politische Schriften, hrsg. v. Johannes
Winckelmann, Tübingen 2 1958, S. 493-548.
8 Karl Mannheim: Ideologie und Utopie [1929], Frankfurt/M. 8 1995.
9 Theodor Geiger: Aufgaben und Stellung der Intelligenz in der Gesellschaft, Stuttgart 1949.
6
-, beschreibt Mannheim gegenüber der funktionalen Betrachtung Webers eine Ungebundenheit, die er als „freischwebende Intelligenz“ definiert. Dieser Ansatz entsteht vor dem Hinter-grund der ideologischen Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik. Diese zwei grundsätzlichen Ansätze der Definitionen von Intellektuellen durchziehen in unterschiedlicher Ausprägung und Gewichtung die gesamte Forschungsliteratur. Diese Spanne von Funktionalität, die in gesellschaftliche Strukturen eingebunden ist, und der Ungebundenheit, die zumeist künstlerische und kreative Tätigkeiten kennzeichnet, bildet nicht nur die Diskussion der Zeit ab, sondern prägt im Kern die Definitionsversuche folgender Jahre. Für die Nachkriegszeit prägt Theodor Geiger, der zum ersten Mal eine systematische Analyse entwickelt, den Aspekt, dass die Intelligenz nicht freischwebend sei, wie das Mannheim dargestellt hat, sondern die Kritik als Aufgabe habe - die Kritik an de Macht. Dieser Hinweis prägt bis heute die Analysen. Andere Ansätze wie Josef A. Schumpeters „Störungsfaktor“ 10 , Helmut Schelsky 11 oder M. Rainer Lepsius „Kritik als Beruf“ 12 verfolgen im Wesentlichen die schon diskutierten Ansätze und bauen sie weiter aus.
Die moderneren Forschungstrends haben auch die Intellektuellenforschung beeinflusst. Seit die Intellektuellenforschung Frankreichs in den 80er Jahren ein sehr starkes Interesse erfuhr, bildete sich auch in Deutschland ein Forschungsinteresse. Doch, wenn man beide Länder in diesem Bereich vergleicht, hat in Deutschland die Intellektuellenforschung noch lange nicht die institutionelle Verankerung wie in Frankreich. 13 Ein Ansatz kommt aus der Begriffsgeschichte, die in der modernen Forschung des linguistic turn entstanden ist. Dietz Bering ist mit seiner mittlerweile als Standartwerk anzusehenden Analyse Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes 14 in eine Richtung vorgestoßen, die in den öffentlichen Debatten zunehmend Beachtung findet und heute als selbstverständlich angesehen wird. Bering hat den Begriff auf seine Geschichte hin kritisch hinterfragt und schlüssig gezeigt, dass er zumeist als Instrument in den politischen Auseinandersetzungen eingesetzt worden ist, um den politischen Gegner zu diffamieren. In dem Begriff schwingen also unterschiedliche Bedeutungen mit, die selbst in der bis dato entstandenen Forschung nicht reflektiert wurde. Spätestens Bering hat den Anstoß dazu gegeben, nicht nur den Begriff auf seine geschichtlichen Implikationen und Wirkungen zu hinterfragen, sondern auch die Sozialfigur
10 Josef A. Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, Tübingen 6 1987.
11 Helmut Schelsky: Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen,
Opladen 2 1975. Schelsky geht in der Konsequenz seines Ansatzes soweit, dass der Begriff als analytische
Kategorie für unbrauchbar hält.
12 M. Rainer Lepsius: Kritik als Beruf (wie Anm.49, S. 270-285.
13 Vgl.: Hans Manfred Bock: Transaktion, Transfer, Netzwerkbildung, Konzepte einer Sozialgeschichte der
transnationalen Kulturbeziehungen, in: ders.: Französische Kultur im Berlin der Weimarer Republik. Kultureller
Austausch und diplomatische Beziehungen, Tübingen 2005, S.11-36, hier S. 15ff.
14 Dietz Bering: Die Intellektuellen. Geschichte eines Schimpfwortes, Stuttgart 1978.
7
Intellektueller kritisch zu prüfen. Die moderne Kulturforschung geht von der Textanalyse und anderer Kulturgüter und deren Kritik aus und analysiert alle Erscheinungen die gesamte Gesellschaft v.a. auf Wirkungsmechanismen, Mentalität und Rezeptionen
1.3 Einige Aspekte einer moderneren Intellektuellengeschichte
Intellektuelle gab es als „Spezialisten für den Umgang mit symbolischen Gütern“ 15 für gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen durch „Ideen“ und Sinnstiftungsnarrative in jeder Zeit. 16 In der modernen Intellektuellenforschung wird aber vor allem auf ein historisches Ereignis in Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts verwiesen, wo sich der moderne Intellektuelle als Handlungstypus gegenüber dem strukturellen Typus älterer Forschung zum ersten Mal gezeigt hat. Emilè Zolas öffentlicher Einspruch gegen die ungerechte Behandlung des jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus erschütterte die Dritte Republik. Hier entstand der neue Typus Intellektueller, der, zunächst von den Dreyfus-Gegnern um Maurice Barrès mit dem Begriff als Intellektueller beschimpft, aus einer bestimmten historischen Situation hervorgegangen ist. Bestimmende Faktoren sind die Urbanisierung und weitere Ausbau der Städte zu Großstädten, zunehmende durch Industrialisierung vorangetriebene Technisierung der Gesellschaft und neue Formen der Kommunikation durch einen Boom an Medien. 17 In diesem nicht nur in Frankreich entstehenden politischen, sozialen und kulturellen Netz gesellschaftlicher Prozesse der Modernisierung entsteht eine Sozialfigur, die sich in diesem Kontext bewegt und mittels ihrer literarischen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Bekanntheit in der Öffentlichkeit kritisch interveniert: es ist ein „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ 18 , der mit dem Aufkommen dieses Handlungstypus Intellektueller initiiert wird und sich in einer dialektischen Beziehung der Kategorien Öffentlichkeit und Intellektueller miteinander verzahnt. Die politische Öffentlichkeit ist das „Berufsfeld des Intellektuellen“. 19 Seit dieser Entwicklung ist die politische Kultur eine andere und eine nicht zu unterschätzende Wirkungsmacht fand ihren Platz in der modernen Gesellschaft. Die gesellschaftlichen Rollen von Intellektuellen, auf die sich die moderne Intellektuellenforschung u.a. orientiert, sind sehr vielgestaltig und zeigen, dass auch die funktionelle Einbindung in herrschaftliche Strukturen mit kritischen Interventionen verbunden
15 Christophe Charle: Vordenker der Moderne. Die Intellektuellen im 19. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1996, S.10.
16 Vgl.: Jaques Le Goff: Die Intellektuellen im Mittelalter, Stuttgart 4 2001.
17 Vgl.: Thomas Hertfelder: Kritik und Mandat. Zur Einführung, in: ders., Gangolf Hübinger (Hg.): Kritik und
Mandat. Intellektuelle in der deutschen Politik, Stuttgart [u.a.] 2000, 11-29, hier S. 23.
18 Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchung zu einer Kategorie der bürgerlichen
Gesellschaft, Frankfrut/M. 1990.
19 Ders., Heinrich Heine (wie Anm.1),S. 132.
8
Arbeit zitieren:
Tom Bräuer, 2008, Intellektuelle zwischen Kultur und Politik, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Tom Bräuer's Text Intellektuelle zwischen Kultur und Politik ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Tom Bräuer hat den Text Intellektuelle zwischen Kultur und Politik veröffentlicht
Tom Bräuer hat einen neuen Text hochgeladen
Handwörterbuch zur politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland
Martin Greiffenhagen, Sylvia Greiffenhagen
0 Kommentare