Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 4
2 Exkurs: Büchner und Kierkegaard 5
3 Die Langeweile 6
3.1 Definition der Langeweile und ihre “universelle Tragik 6
3.2 Langeweile, Arbeit und Müßiggang: Stufen des Bewußtseins 8
3.3 Versuche der Bewältigung 12
4 Fazit 19
5 Literaturverzeichnis 21
5.1 Primärliteratur 21
5.2 Sekundärliteratur 21
3
1 Einleitung
Die Langeweile stellt eines der zentralen Themen in den Werken Georg Büchners dar. Ob in so ausgeprägter Form, wie bei “Leonce und Lena” oder in versteckterer, wie beim “Woyzeck”
- immer und immer wieder werden die Figuren in Büchners Dramen mit der Langeweile konfrontiert und müssen gleichsam die Erfahrung machen, daß sie “in wesentliche Bezirke des menschlichen Seins überhaupt” 1 hineinwirkt. Im Konflikt mit der Herausforderung, die die Langeweile für die Figuren Büchners darstellt, werden grundsätzliche Existenzprobleme deutlich, die offenbar nicht allein in den Werken zu finden sind. Büchner selbst hatte mit diesen Problemen einen harten Kampf auszustehen, den er bis zu seinem Tod nicht gewinnen konnte. Wie wichtig Büchner das Thema war, läßt sich anhand der Tatsache vermuten, daß sogar in “Dantons Tod” das Problem der Langeweile auftaucht, “obschon er sich doch sonst in diesem Drama eng an die Äußerungen der Geschichtsquellen gehalten hat.” 2 Ursache hierfür könnte das eigene Empfinden Büchners sein, dem schon als Schüler die an ihn gestellten Anforderungen nicht mehr als langweilig erschienen und der später an seinen Straßburger Freund Eugen Böckel schrieb “Das Leben ist überhaupt etwas recht Schönes und jedenfalls ist es nicht so langweilig, als wenn es noch einmal so langweilig wäre.” 3 Gleichsam ist anzumerken, daß das “Langeweileproblem” ein Phänomen der Zeit war, in der Büchner lebte. Es gehörte, wie Mira Miladinovic es ausdrückt, “zu den Grundkrankheiten des 19. Jahrhunderts.” 4 Dementsprechend findet es auch bei verschiedenen Zeitgenossen Büchners Beachtung. So zum Beispiel bei Börne, der feststellt, “daß es nicht Neues unter der Sonne gibt (...). Was geschieht, geschieht zum wiederholten Male, was gedacht wird, wurde früher schon gedacht, was gesagt, geschrieben wird, haben andere schon gesagt und geschrieben” 5 . In diesem Sinne äußert sich auch Hoffmann von Fallersleben, der die Meinung vertrat, daß die Zeitungen nichts Wesentliches mehr zu sagen hätten, weil alles bereits einmal dagewesen sei. 6 Büchners Werke sind daher als Antworten auf Fragestellungen seiner Zeit oder zumindest als Präzisierungen derselben zu verstehen. Es ist dabei nicht unwahrscheinlich, daß sich in Büchners Werken ein nicht zu verachtender Teil der Gedanken findet, die er sich im Hinblick auf diese Problematik gemacht hat. Da sich aber hierüber wenig mit Bestimmtheit sagen läßt, kann es in einer Hausarbeit zum Thema der Langeweile in den Werken Büchners
1 Gustav Beckers, S.14.
2 Ebd., S. 47.
3 Georg Büchner, S. 317.
4 Mira Miladinovic, S. 72.
5 Zit. Nach: Helmut Koopmann, S. 36.
4
nicht darum gehen zu klären, welche im Text vorkommenden Gedanken seine Auffassung repräsentieren. Ziel kann allein sein, das Gesamtbild der Langeweile - den Werken entsprechend- möglichst umfassend nachzuzeichnen. Dabei gilt “Leonce und Lena” das primäre Interesse, denn - wie noch herauszuarbeiten sein wird - gerade in diesem Stück manifestieren sich viele grundlegende Probleme, die im Zusammenhang mit der Langeweile auftreten. Um die oben dargestellte These, daß sich das Problem der Langeweile als “roter Faden” gleichsam durch alle Stücke Büchners zieht, zu beweisen, sei aber anschließend auf weitere Werke Büchners eingegangen. Anhand dieses Vorgehens soll bewiesen werden, daß die Langeweile in den Werken Büchners für den Leser als unausweichliches und allumfassendes Phänomen dargestellt wird, gegen das kein wirklich probates Mittel existiert. All die Strategien, die sich die Menschen zu ihrer Bekämpfung ausdenken und ausführen, müssen sich als sinnlos erweisen.
Da offenbar eine erstaunliche Parallelität zwischen den in den Werken Büchners deutlich werdenden Aussagen und den Schriften Sören Kierkegaards zu erkennen ist, sei der gemeinsame Ursprung der Gedanken Kierkegaards und Büchners zu diesem Thema der Interpretation der Büchnerschen Werke in einem Exkurs vorangestellt. Gleichermaßen wird im weiteren Verlauf dieser Hausarbeit immer wieder auf Gedanken Kierkegaards zurückzukommen sein. Die Hoffnung, durch dieses Vorgehen ein tieferes Verständnis der Problematik zu ermöglichen, mag, spätestens nach der Synthese der Kierkegaardschen Theorie mit den Büchnerschen Ausführungen, sinnvoll erscheinen.
2 Exkurs: Büchner und Kierkegaard
Sören Kierkegaard hat sich in seinem "Versuch der sozialen Klugheitslehre" sehr ausführlich mit der Langeweile auseinandergesetzt, die er in diesem Werk als dämonischen Pantheismus und somit als allgegenwärtig definierte. 7 Seine Ausführungen weisen dabei viele inhaltliche Ähnlichkeiten mit Büchners dichterischer Auseinandersetzung zu diesem Thema auf. Diese Parallelität mag auf der einen Seite verwunderlich sein, da der deutsche Dichter Büchner und der dänische Philosoph Kierkegaard ein Leben lang nichts voneinander gewußt haben, obwohl beide zu derselben Zeit lebten ( beide wurden im Jahre 1813 geboren). Ihre geistesgeschichtliche Verwandtschaft läßt sich aber dadurch erklären, daß sie sich in ihren Studien mit den gleichen geistigen Quellen beschäftigt haben. An erster Stelle standen dabei die deutsche Romantik, der englische Dichter Shakespeare, den Kierkegaard als "Dichter aller
6 Vgl.: Hoffmann von Fallersleben: S. 166 ff.
7 Vgl. Gustav Beckers, S.22.
5
Dichter" 8 verehrte, Goethe, sowie die griechische Antike. Außerdem setzten sich beide mit Descartes, Spinoza und - vor allem- Hegel auseinander. Die Rezeption Hegels führte schließlich dazu, daß sowohl Büchner als auch Kierkegaard das abstrakte, sich selbst genügende Denken, welches sie bei Hegel zu entdecken glaubten, schließlich verwarfen. Diese Art zu philosophieren sei im Konflikt mit der Wirklichkeit zum Scheitern verurteilt, so meinten beide (Büchner führt dies exemplarisch an der Figur König Peters in “Leonce und Lena” vor). Anstelle dessen widmeten sie sich der Ergründung und Darstellung der eigentlichen menschlichen Lebenswirklichkeit. So sagte Ludwig Büchner über seinen Bruder Georg, daß er nicht "die Philosophie wie ein Gelehrter betrieb, sondern wie Einer, der von dem Baume der Wissenschaft die Früchte des Lebens pflücken will." 9 Büchner und Kierkegaard hatten somit dasselbe Ziel - auch wenn sie sich auf unterschiedliche Art und Weise betätigten. So stand Kierkegaard, ganz im Gegensatz zu Büchners positiver Einstellung, dem Dichterischen und Ästhetischen ablehnend gegenüber 10 und verfaßte anstelle dessen philosophische Texte.
Neben der geistesgeschichtlichen Verwandtschaft verband beide Denker eine Lebenserfahrung, die von starkem Leid geprägt war, eine Veranlagung, die sich durch ihre große Verstandeskraft noch verschlimmerte, was sich auch in ihren Werken zeigt. In diesen Werken wird die Welt als letztlich sinnlos dargestellt, die gekennzeichnet ist durch die unausweichliche Langeweile. Das gleiche Lebensgefühl führte jedoch in unterschiedliche Richtungen: Für den Christen Kierkegaard war das Leid Grundvoraussetzung für das Religiöse, während es Büchner zu einem Atheisten machte. 11 Wenn sie jedoch auch andere Konsequenzen zogen, so sind Schmerz, Leid und Langeweile doch für beide entscheidende Lebenserfahrungen, die ihre Arbeit grundlegend geprägt haben. Dies sei durch folgende Ausführungen verdeutlicht.
3 Die Langeweile
3.1 Definition der Langeweile und ihre “universelle Tragik”
Die Langeweile, wie sie bei Büchner dargestellt wird, ist die “Ernüchterung durch die Wirklichkeit, die Entzauberung möglicher Vorbehalte durch die einförmige Wiederkehr des Gleichen.” 12 In diesem Sinne bemerkt Leonce: “O ich kenne mich, ich weiß, was ich in einer
8 zitiert nach: Gustav Beckers, S.15.
9 zitiert nach: Ebd., S.18.
10 Vgl.: Ebd., S. 26.
11 Ebd:, S.22.
12 Gustav Beckers, S. 14.
6
Quote paper:
Hanno Frey, 2000, Das Problem der Langeweile in den Werken Georg Büchners, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Georg Büchner, Leonce und Lena - Leonce und das Phänomen der Langeweil...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 26 Pages
Interpretation von vier Szenen aus dem Dramenfragment "Woyzeck&qu...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 26 Pages
Risikocontrolling im Absatzbereich
Business economics - Controlling
Scholary Paper (Seminar), 24 Pages
Heinrich von Kleists 'Amphitryon'
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 33 Pages
Müßiggang: Krankheit oder Lebensstil?
Das Thema Müßiggang in Georg B...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 26 Pages
Ironie und Parodie in Thomas Manns Erzählung „Gladius Dei“
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 15 Pages
Marcel Beyers 'Flughunde' - Eine Auseinandersetzung mit dem Sc...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 30 Pages
Der aktuelle Arbeitsmarkt in der BRD Arbeitsmarktsegregation und Gesc...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 17 Pages
Die Wiener Moderne unter besonderer Berücksichtigung der Literatur Sch...
History Europe - Germany - 1848, Empire, Imperialism
Scholary Paper (Seminar), 29 Pages
Die Künstlerproblematik im Werk Thomas Manns am Beispiel der Novellen ...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 24 Pages
Das Automatenmotiv in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann"
German Studies - Modern German Literature
Intermediate Examination Paper, 19 Pages
Fausts Bündnispartner im deutschen Volksbuch und im englischen Faustdr...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 28 Pages
Lessing contra Gottsched - Ein Literaturstreit anhand der Poetik des A...
German Studies - Modern German Literature
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 29 Pages
Automaten und Puppen in Büchners Leonce und Lena
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 14 Pages
Lord Chandos’ krisenhafter Verlust der Einheit der Welt und deren punk...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 19 Pages
Berlin - Die Sinfonie der Großstadt - Charakteristika des neusachliche...
Scholary Paper (Seminar), 31 Pages
Es ist nicht immer nötig, ALLES zu sagen ... zu sprachwissenschaftlich...
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 17 Pages
"Amphitryon" - Ein Lustspiel mit tragischen Momenten
Die Gattungsfrage bei Kleists ...
German Studies - Modern German Literature
Scholary Paper (Seminar), 24 Pages
Langeweile, Melancholie, die Figur des Narren und Sozialkritik in Geor...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 26 Pages
Hanno Frey's text Das Problem der Langeweile in den Werken Georg Büchners is now available as a printed book
Hanno Frey has published the text Das Problem der Langeweile in den Werken Georg Büchners
Hanno Frey has uploaded a new text
Zeit und ihre Nutzung im Werk Georg Büchners
Eine Untersuchung zeitgenössis...
Daniela Bravin
0 comments