Inhalt
1. E i n l e i t u n g 1
2. Das Bankiersmilieu und der Nationalsozialismus 2
3. Der Bankier Kurt Freiherr von Schröder - zur Person 7
3.1. Sozialisation und beruflicher Werdegang 8
3.2. Tätigkeiten und Handlungsspielräume während der NS-Zeit 9
3.3. P e r s ö n l i c h k e i t s s t r u k t u r 1 2
4. Schröder: Ein milieutypischer Bankier? 16
5. Schlussbetrachtungen 1 9
Quellen - und Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Die Verbrechen, die während des „Dritten Reichs“ von den Nationalsozialisten begangen worden, haben im Selbstbewusstsein der Deutschen tiefe Spuren hinterlassen. Die Frage, warum das alles passieren konnte, beschäftigt die Feuilletons, die Literatur und Geschichtswissenschaft bis heute immer wieder. Wie wurden „normale“ Menschen zu Tätern? Wer war „nur“ ein Mitläufer, wer ein überzeugter Nationalsozialist? Was trieb Menschen in den Widerstand und woher nahmen sie ihren Mut? Lassen sich für bestimmte Milieus bestimmte Verhaltensmuster erkennen? Oder ist das individuelle Verhalten der Täter und Wider-standskämpfer nicht kategorisierbar?
In der heutigen Geschichtswissenschaft überwiegt die Ansicht, dass ein „weitgehendes Primat der Politik“ 1 das Verhältnis zwischen dem Nationalsozialismus und dem Unternehmertum beherrscht hat. Diese Annahme bedeutet nicht, dass den Unternehmern die Möglichkeit der Einflussnahme verwehrt geblieben sei. Vielmehr gingen die entscheidenden Impulse von Seiten der Politik und nicht der Wirtschaft aus 2 . Doch kann man diese Annahme auf alle Bereiche der Wirtschaft verallgemeinern? Und rechtfertigt sie eine potentielle Unterstützung des Regimes?
Vorliegende Arbeit wird sich diesen Fragen mit einem Fokus auf das Bankiersmilieu widmen. Da vor allem Personen „für den Gang der Zeiten entscheidend“ 3 sind, versucht sich diese Arbeit bewusst mit Hilfe der biographischen Methode dem Nationalsozialismus zu nähern und Erklärungsansätze zu finden. An der Biographie des Kölner Privatbankiers Kurt Freiherr von Schröder soll beispielhaft ein Mitglied der Finanzwelt in der Zeit des Nationalsozialismus vorgestellt werden, der auf Seiten Hitlers stand. Er erlangte vor allem mit dem von ihm arrangierten Treffen zwischen Hitler und von Papen in seinem Haus zu Berühmtheit.
1 Turner, Henry A.: Unternehmen unter dem Hakenkreuz, 1998, S. 16.
2 Turner, H..: Unternehmen unter dem Hakenkreuz, S. 16.
3 Gallus, Alexander: Biografik und Zeitgeschichte, in: APuZ 1-2/2005, S. 40.
1
Dieses Treffen sollte als der Anfang des Endes der Weimarer Republik in die Geschichte eingehen. Welche Sozialisation erfuhr von Schröder? Welche Erlebnisse prägten sein Leben? Welche Handlungsspielräume hatte er während der NS-Zeit? In welcher Rolle sah er sich, wie nahm ihn sein Umfeld war? War von Schröder ein repräsentativer Vertreter seiner Zunft oder ein Einzelfall?
Die Quellenlage zu Kurt Freiherr von Schröder ist relativ schlecht. Viele Akten der Industrie- und Handelskammer Köln, der von Schröder während der Zeit des Nationalsozialismus als Präsident vorstand, wurden vernichtet. Zwar taucht die Person von Schröder in allen größeren Personenverzeichnissen zum „Dritten Reich“ auf, ausführlichere Literatur zur Person existiert jedoch so gut wie gar nicht. Intensivere Recherchen zu von Schröder betrieb bisher nur Ulrich S. Soénius, der sich der Aufarbeitung der Geschichte der Kölner IHK verschrieben hat. Vor allem auf Soénius’ ausführliche Aufsätze in Zeitschriften und Sammelbänden wird diese Arbeit zur Beantwortung der oben aufgeworfenen Fragen zurückgreifen müssen.
2. Das Bankiersmilieu und der Nationalsozialismus
Im Zuge der Weltwirtschaftskrise kam es zu einem Zusammenbruch des deutschen Bankensystems. Zu Beginn des „Dritten Reichs“ hatte das Bankenwesen daher noch mit den Nachwirkungen des Kollapses, den gewandelten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und ihrer eigenen wirtschaftlichen und politischen Ohnmacht zu kämpfen 4 . Eine weitere Schwächung erfuhr die deutsche Finanzwelt durch die krisenbedingte Verstaatlichung der Banken und die ideologische und politische Kritik, die nun vor allem von Seiten der NSDAP kam 5 .
Um den Ruf der Banken war es schlecht bestellt, durch Inflation und gekündigte Kredite, die besonders die Unternehmen des Mittelstands trafen und die Krise
4 Kopper, Christopher: Bankiers unterm Hakenkreuz, 2005, S. 2.
5 James, Harold: Die Rolle der Banken im Nationalsozialismus, 1998, S. 25.
2
weiter verschärften, war das Vertrauen in die Finanzinstitute geschwunden. „Viele Deutsche kritisierten den angeblich jüdischen Charakter des Bankgeschäfts“ 6 und des Spekulantentums. Die nationalsozialistische Propaganda nutze den Unmut in der Bevölkerung für ihre Zwecke. Sie warb für ein staatlich gelenktes Wirtschaftsleben frei von spekulativen und jüdischen Elementen, „Händler sollten durch Wirtschaftshelden ersetzt werden“ 7 . Die bestehende liberale Wirtschafts-ordnung galt als überholt, der Wandel der politisch-moralischen Werte bedrohte die deutsche Wirtschaft in ihren Grundpfeilern. Der politische Kurs der Partei zielte mit einer breiten Unterstützung aus der Bevölkerung auf die Zerstörung der bereits krisenbedingt geschwächten Wirtschaftsordnung.
Doch wie reagierten die Banken und Bankiers auf diese Angriffe? Grundsätzlich lassen sich zwei verschiedene Verhaltensmuster rekonstruieren: Einerseits versuchten sich die Akteure der Weimarer Finanzwelt gegen die staatliche und parteiliche Einmischung zu wehren. Andererseits zeigte man sich aber auch kompromissbereit und anpassungswillig - „man lebte nun einmal unter einem Regime, das wirtschaftliche Handlungen zu politischen erklärte“ 8 .
Fast 70 Prozent des deutschen Aktienkapitals war bereits in staatlicher Hand. Zu massiven Eingriffen in die Geschäftsbereiche der Banken seitens der NSDAP kam es direkt nach der „Machtergreifung“. Im Bereich der Personalpolitik mussten zahlreiche der alten Direktoren und der jüdischen Bankeliten ihre Posten aufgeben. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ diente dafür bei den staatseigenen Banken, wie beispielsweise der Dresdner Bank, zur juristischen Legitimation. Bei Banken ohne direkten staatlichen Aktienanteil, wie unter anderem der Deutschen Bank, griff die Parteipolitik indirekt ein, indem sie durch Zuweisungen der Schuld für die Bankenkrise, Vorwürfen der Führungsschwäche
6 James, H.: Die Rolle, S. 25.
7 James, H.: Die Rolle, S. 26.
8 James, H.: Die Rolle, S. 26 - 27.
3
und der Verwicklung in angebliche Skandale zahlreiche, meist jüdische oder jüdischstämmige Bankiers zwang, ihre Ämter niederzulegen 9 .
Die antijüdische Säuberung ihrer Führungsetagen und Vorstände war für die Banken durch den schlagartigen Verlust kompetenten Personals eine schmerzhafte Zäsur 10 . Die Banken erfuhren dadurch eine weitere Schwächung, die Bankiers fühlten sich der Situation ausgeliefert und sahen sich mit immer weniger Einfluss ausgestattet. Dank ihrer eher rationalen, pragmatischen Einstellung versuchten sie stattdessen, unter den gegebenen Bedingungen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihre Arbeit bestmöglich weiterzuführen. Nichtsdestotrotz waren sie über das Schicksal ihrer jüdischen Kollegen entrüstet 11 .
Als Folge der nationalsozialistischen Gesetzgebung wandelten sich die Aufgabenfelder der Bankhäuser: Im Zuge der „Arisierung“ 12 sollten nun zahlreiche jüdische Unternehmen in nicht-jüdisches Eigentum überführt werden. Die - meist sehr diskrete - Abwicklung dieser Operationen stellte für die Banken ein deutlich lukrativeres Geschäft dar als das bis dahin einzige noch verbleibende Geschäftsfeld, nämlich die Umlage von Depositen 13 in Staatspapiere: Während die Umlagen rein bürokratische Tätigkeiten waren, ermöglichte die „Arisierung“ wieder gewinnbringende Geschäfte. Den Banken kam bei der Durchführung der „Arisierung“ durch die umfangreichen Verschiebungen von Kapital eine zentrale Rolle zu 14 .
9 James, H.: Die Rolle, S. 27.
10 Kopper, C.: Bankiers unterm Hakenkreuz, S. 4.
11 James, H.: Die Rolle, S. 28 - 29.
12 „Arisierung“ bezeichnet die „Übertragung von jüdischem Vermögen in nichtjüdisches privates Eigentum“, nicht aber die Verdrängung von Juden aus Unternehmen und Ämtern oder der Liquidation jüdischer Unternehmen, zitiert nach: Lorentz, Bernhard: Die Commerzbank und die „Arisierung“, in: VfZ 50/2002, Heft 2, S. 241.
13 Depositen (auch: Einlagen) sind Vermögen, die Nichtbanken bei Banken eingezahlt haben
14 Lorentz, B.: Die Commerzbank, S. 241 sowie Kopper, C.: Zwischen Marktwirtschaft und Dirigismus: Bankenpolitik im „Dritten Reich“ 1933 - 1939, 1995, S. 220 ff.
4
Die Beteiligung an diesen Geschäften erfolgte „freiwillig und aus eigenem Gewinninteresse“ 15 . Dabei waren weniger rassistische Motive ausschlaggebend, sondern vielmehr der Wettbewerb und unternehmerische Expansionsstrategien 16 . Doch durch diese Beteiligung luden die Banken eine schwere moralische Schuld auf sich“ 17 . Zwar verhalfen die Bankhäuser mit ihren Vermittlungstätigkeiten vielen Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung einen dürftigen Anteil ihres Vermögens zu retten. Andererseits erleichterten sie damit dem Regime auch die Umsetzung seiner menschenverachtenden Ziele. Vor allem die Privatbanken waren in den Verkauf jüdischer Vermögenswerte verwickelt und trugen damit maßgeblich dazu bei, die moralischen Werte und Eigentumsprinzipien in Deutschland zu unterlaufen 18 .
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs konnten die Banken ihre unternehmerischen Tätigkeiten wieder etwas erweitern. Die militärische Expansion und die „Arisierung“ der besetzten europäischen Nachbarregionen schufen neue Tätigkeitsfelder, wie beispielsweise Besitzübertragungen oder die Übernahme von Bankhäusern in den besetzten Gebieten. Während in Deutschland die abwickelnden Banken meist noch darum bemüht waren, die Rechtsinhaber zu unterstützen, herrschte im besetzten Ausland angesichts vielfach höherer Provisionen „Räuberei“, auf persönliche Schicksale wurde hier keine Rücksicht genommen 19 . Die Auslandstätigkeiten der Banken sowie die Übertragungen ausländischer Unternehmen in die Reichswerke Hermann Göring und die Wirtschaftsbetriebe der SS waren Teil der nationalsozialistischen Strategie, Europa für die „Neue Ordnung“ nach Kriegsende vorzubereiten.
Es bleibt anzumerken, dass die Bankiers darauf bedacht waren, alle Operationen innerhalb der juristischen Vorschriften durchzuführen. So hielten sie streng die
15 Kopper, C.: Bankiers unterm Hakenkreuz, S. 5.
16 Lorentz, B.: Die Commerzbank, S. 241.
17 James, H.: Die Rolle, S. 30.
18 James, H.: Die Rolle, S. 31.
19 James, H.: Die Rolle, S. 31.
5
Arbeit zitieren:
Katharina Klinge, 2008, Die deutschen Bankiers im Nationalsozialismus , München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Katharina Klinge's Text Die deutschen Bankiers im Nationalsozialismus ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Katharina Klinge hat den Text Die deutschen Bankiers im Nationalsozialismus veröffentlicht
Katharina Klinge hat einen neuen Text hochgeladen
Das Bild der NS-Herrschaft in den Memoiren führender Generäle des Drit...
Eine kritische Untersuchung
Michael Bertram
0 Kommentare