RWTH Aachen
Institut für Germanistische und allgemeine Literaturwissenschaft
Lehrstuhl für Ältere Deutsche Literatur
Hauptseminar: Heinrich von Veldeke: Eneas
SS 2007
Die Unterwelt im Eneasroman
Ein inhaltlicher und erzähltheoretischer Vergleich
an ausgewählten Textstellen
Jessica Rudi
SS 2007
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Inhalt
Inhalt ... 2
Einführung ... 3
I. Die Unterwelt ... 4
1.1 Vorbereitung zur Katabasis: Die Sibylle ... 4
1.2 Katabasis ... 6
1.2.1 Dido ... 6
1.2.2 Elysium ... 8
1.2.3... 9
1.3 Anabasis: Das Tor der Träume ... 12
II. Die Erzälkonzepte in der Unterwelt der Eneasromane mit Blick auf die vergilische
Vorlage ... 14
2.1 Erzählstruktur und -konzeption... 14
2.2 Narrative Anachronien... 16
2.3 Erzählperspektive... 17
2.4 Authentizität und Glaubwürdigkeit ... 19
III. Literaturverzeichnis... 20
Primärliteratur:... 20
Sekundärliteratur:... 20
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Einführung
Die folgende Arbeit betrachtet die Unterwelt des Eneasromans von Heinrich von Veldeke.
Im ersten Kapitel wird der Text Veldekes mit der antiken Aeneis Vergils und mit dem
mittelalterlichen Roman d'Eneas, dessen Autor nicht bekannt ist, verglichen. Das
Hauptaugenmerk liegt darauf, wie die mittelalterlichen Autoren mit dem antiken Stoff der
Aeneis umgegangen sind. An ausgewählten Textstellen soll aufgezeigt werden, welche
Teile des Textes und welche Topoi sie einer christlichen Adaptation unterzogen haben und
welche Elemente des antiken Stoffes anverwandelt wurden. Hierbei geht es auch um die
möglichen Gründe, welche die Autoren mehr oder weniger dazu gebracht haben, die
Vorlage zu übernehmen oder zu verändern. Die erste dazu heran gezogene Textstelle ist
die Begegnung mit der Sibylle und ihre weitere Funktion in der Unterwelt. Bei der zweiten
Textstelle handelt es sich um Eneas' Begegnung mit Dido in der Unterwelt, das zentrale
Thema ist hier der Umgang der mittelalterlichen Dichter mit Didos Selbstmord. Darauf folgt
als dritte Textstelle die Beschreibung des Elysiums. Das Interesse liegt hierbei auf der
Frage, wie dieser paradiesische Ort mit mittelalterlich-christlichen Vorstellungen zu
vereinbaren war. Die nächste bearbeitete Textstelle schließt sich direkt an die letzte an,
sie bezieht sich auf die Begegnung mit Anchises im Elysium und daran gebunden an das
Reinkarnationskonzept, welches Vergil in seinem Werk verarbeitet hat. Die letzte
Textstelle beinhaltet den Ausgang der Hölle und die Bedeutung der zwei Tore.
Das zweite Kapitel behandelt den Eneasroman unter dem Blickpunkt der Erzählstruktur.
Die Frage wird untersucht, ob und inwieweit Veldeke bzw. der Anonymus die Struktur
seiner Vorlagen übernommen hat und inwiefern er eine eigene Konzepte entwickelt hat.
Weiter ist relevant ob und in wieweit die mittelalterlichen Autoren Vergils narrative
Anachronien übernommen oder verändert haben, mit welcher Absicht sie dies getan
haben und welchen Konsequenzen daraus folgen. Im darauf folgenden Unterkapitel steht
die Frage nach der verwendeten Erzählperspektive.
Das letzte Unterkapitel beschäftigt sich mit der Frage nach der Fiktionalität; welche
Signale und rhetorische Mittel hat Veldeke benutzt im Umgang mit den Vorlagen? Welche
Indizien sprechen dafür, dass Veldeke die Vorlagen als Fiktion behandelt hat und welche
sprechen dagegen?
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I. Die Unterwelt
1.1 Vorbereitung zur Katabasis: Die Sibylle
Das Göttergebot - welches Eneas durch seinen Vater Anchises erhält - beinhaltet, dass
die Sibylle ihn durch die Unterwelt führen soll. In den drei Texten ist die Begegnung mit
der Sibylle und auch ihre Verortung unterschiedlich. Bei Vergil lebt Sibylle in Kumae,
während die Trojaner sich die Wandmalereien im Apollotempel anschauen, wird Sibylle
von Achates zu Aeneas geführt. Aeneas geht zusammen mit den Trojanern in die Grotte
der Sibylle; dort wird mehr ihr Zustand beschrieben als ihr Aussehen. Apollo ergreift Macht
über sie und Sibylle wird zu seinem Medium. (AE VI,1102) Im Roman d'Eneas befindet
sich Sibylle ebenfalls in Cumae, hier gehen allerdings nur Achates und Eneas alleine zum
Tempel. Darüber hinaus erfährt das Publikum mehr über ihr Äußeres. Es wird gesagt,
dass sie eine Frau der Hölle zu sein scheint, jedoch gleicht die Beschreibung ihres
Äußeren dem einer alten Frau. Die Entrückung bzw. Verbindung mit Apollo kommt nicht
mehr vor, übrig geblieben ist davon nur eine Art Trancezustand; ihre Augen sind
geschlossen bis Eneas sie anspricht, dann aber ist ihr Blick wild. Anders als in der Vorlage
empfindet Eneas hier Furcht beim Anblick der Priesterin. (RdE 2261-2297) Bei Veldeke
sagt Anchises, dass Sibylle ze Icônjen (E 2601), also in Iconum wohnt.
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Hier geht Eneas
ganz alleine zur Sibylle. Ihr Äußeres wird detailliert beschrieben (descriptio vetulae), sie
gleicht noch mehr einer alten Frau und ebenfalls wird nichts von einer Entrückung erzählt.
Sie liest in einem Buch, was sie als weise Frau darstellt. Eneas hat furchtbare Angst
aufgrund ihrer Häßlichkeit, jedoch hat sie nichts dämonisches mehr an sich. (E 2687-
2741) Stebbins vergleicht das Aussehen der Sibylle mit dem Aussehen der Cundrîe im
Parzival
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, Hamm widerspricht ihr in diesem Punkt jedoch mit Hinweis auf das fehlende
tierähnliche Äußere.
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Die ausführliche descriptio der Sibylle zeigt laut Hamm, dass
1 Nach Stebbins wurde diese Änderung eher von einem späteren Schreiber durchgeführt als von Veldeke
selbst. Möglicherweise beabsichtigt, da die Landschaft um Iconum der Höllenlandschaften der
Visionsliteratur nahekommt. (Vgl. Stebbins, Sara: Studien zur Tradition und Rezeption der Bildlichkeit in
der »Eneide« Heinrichs von Veldeke. In: Mikrokosmos. Beiträge zur Literaturwissenschaft und
Bedeutungsforschung. Band 3. Herausgegeben von Wolfgang Harms. Frankfurt a. M./Bern 1977. S.
41/42. Folgend genannt Stebbins.
2 Stebbins, S. 29.
3 Hamm, Joachim: Übernahme, Anverwandlung, Neukonzeption: Die Jenseitsfahrt des Eneas. In: Âne
missewende. Erzählpoetik und Vorlagenbearbeitung im >Eneasroman< Heinrichs von Veldeke. Als
Habilitationsschrift der Philosophischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel vorgelegt im
Januar 2007. S. 189. Folgend genannt Hamm.
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Veldeke mit der Topik der descriptio personae vertraut war und mit solchen rhetorischen
Instrumenten umzugehen weiß.
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Gerade bei diesen Beschreibungen hat der Dichter die
Möglichkeit sein Können zu erproben und zu beweisen.
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Im Gegensatz zu den Vorlagen reagiert Sibylle freundlich als Eneas sie anspricht. (E
2747) Dieser Gegensatz von Innerem und Äußerem hat seine Vorlage in der formosa
deformitas.
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Das häßliche Äußere ist zum einen Signal für die Ausgrenzung vom
Höfischen und zum anderen eine Markierung des Übergangs vom Höfischen in einen
numinosen Raum.
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In der geläufigen Vorstellung ist etwas Häßliches böse und etwas
Schönes ist gut. Hier wird angedeutet, dass die Regeln der irdischen Welt außer Kraft
gesetzt sind. In den mittelalterlichen Romanen werden die prophetischen Elemente der
Sibylle eliminiert, ebenso wie ihre Rolle als Medium Apolls; sie wird zur kundigen
Wegbegleiterin in die Unterwelt ,,degradiert".
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In allen drei Texten benötigt der Held einen (goldenen) Zweig. Bei Vergil ist der Zweig ein
Geschenk an Frau Proserpina und ohne ihn darf man nicht in die Unterwelt hinab; er kann
nur gepflückt werden wenn die Götter es wollen. Ausführlich wird beschrieben wie Eneas
den Zweig beschafft, seinen Gefährten Misenus bestattet und den Göttern opfert. (AE
VI,136-255). Im Roman d'Eneas wird die Funktion des Zweiges übernommen, die
Beschaffung ist jedoch gekürzt. (RdE 2310-2350) Bei Veldeke erfährt man nur von einem
Zweig, der nötig ist damit Sibylle ihn in die Hölle führt; sämtliche Beschreibungen über
Beschaffung und Beschaffenheit des Zweiges sind sehr kurz gehalten. (E 2786-2835) Erst
später wird beschrieben, dass der Zweig als Wegmarke fungiert. Sie kommen an eine
Kreuzung von der ein Weg nach links zur Hölle führt und rechts ein Weg zum Elysium.
Eneas soll sich auf dem Rückweg an dem Zweig orientieren und ihn wieder mit sich
nehmen. Von einem Geschenk für Frau Proserpina ist nicht die Rede (E 3553-3574). Nach
Stebbins betont Veldeke die zwei Möglichkeiten des Lebenswandels im christlichen Sinne,
indem er zweimal erwähnt, dass die Höllenburg links liegt; der linke Weg führe ins
4 Ebd., S. 19ff.
5 Vgl. Brandt, Wolfgang: Die Erzählkonzeption Heinrichs von Veldeke in der 'Eneide'. Ein Vergleich mit
Vergils 'Aeneis'. Marburger Beiträge zur Germanistik. Heruasgegeben von Josef Kunz, Erich Ruprecht
und Ludwig Erich Schmitt. Band 29. Marburg 1969. S. 198. Folgend genannt Brandt.
6 Ebd., S. 198.
7 Ebd., S. 199, Vgl. Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Die Berliner Bilderhandschrift mit Übersetzung und
Kommentar. Hrsg. von Hans Fromm. Mit den Miniaturen der Handschrift und einem Aufsatz von Dorothea
und Peter Diemer. Frankfurt am Main 1992. (Im Text genannt Kommentar Fromm) S. 805. Folgend
genannt Fromm 1992.
8 Ebd., S. 186 und S. 199.
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Verderben und der ,,rechte" Weg zur Erlösung.
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Ich glaube nicht, dass dies nur für Veldeke
gilt. Im Roman sieht Eneas zur Linken die Hauptwohnstadt der Hölle, er und Sibylle folgen
dem Weg nach rechts. (RdE 2699-2701, 2783-2791) Auch hier wird zweimal erwähnt,
dass die Höllenstadt links liegt. Dementsprechend könnte man also sagen, dass beide
mittelalterlichen Autoren an dieser Stelle den christlichen Glauben hervor heben.
1.2 Katabasis
1.2.1 Dido
Dido befindet sich in allen drei Werken hinter bzw. bei den Seelen der Kinder. Bei Vergil
erleiden diejenigen, die sich aus Liebe das Leben genommen haben keine Strafen, da sie
vermutlich im Gegensatz zu den Selbstmördern gedacht sind, welche sich durch den
Selbstmord einer gerechten Strafe entzogen haben. Dies war nach römischem Recht ein
Verbrechen.
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Im Roman d'Eneas kann die Schuld Didos als schwer genug gewertet
werden um Höllenstrafen erleiden zu müssen, daher entsteht kein Widerspruch, wenn
Dido an der gleichen Stelle wie bei Vergil auftaucht.
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Bei Veldeke ist Dido ebenfalls nicht
bei den Selbstmördern, obwohl diese eigentlich im Sinne christlicher Theologie
Höllenstrafen erleiden müsste. Der Widerspruch zum christlichen Glauben wird noch durch
die explizite Erwähnung der ewigen Verdammnis der Selbstmörder zur Höllenqual
gesteigert.12 Im Mittelalter gilt der Selbstmord als unsühnbare Todsünde, trotzdem
befindet sich Dido nicht bei den Selbstmördern. Nach Stebbins spricht Veldeke Dido damit
implizit von ihrer Schuld frei und behaftet Eneas damit.13 Dido wird gewissermaßen als
Opfer im Streit der Götter dargestellt. Allgemein muss es dem mittelalterlichen Publikum
befremdlich vorgekommen, dass eine Selbstmörderin nicht mit den schlimmsten
Höllenqualen bestraft wird. Nach Fromm ist der Widerspruch vermutlich nicht bewusst
konstruiert, Veldekes Inkonsequenz weise vielmehr auf eine differenzierte Haltung
gegenüber dem Selbstmord hin, je nachdem, ob es um die konkrete Tat der Dido oder um
das abstrakte moralische Phänomen an sich gehe.14 Es zeige sich eine Tendenz Dido,
9 Ebd., S. 44ff.
10 Knapp, Fritz Peter: Der Selbstmord in der abendländischen Epik des Hochmittelalters. Heidelberg 1979.
S. 14. Folgend genannt Knapp.
11 Ebd., S. 14.
12 Ebd., S. 14.
13 Vgl. Stebbins, Fromm 1992 S. 808.
14 Vgl. Knapp, S. 142
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