Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1. Einleitung 3
2. Wissenschaftliche Erklärungsversuche zur Konstruktion des Merkmals
Geschlecht 4
3. Historische Entwicklung der Koedukation in Deutschland seit dem
19. Jahrhundert 7
4. Contra Koedukation im Schulsport in der heutigen Debatte 10
5. Pro Koedukation im Sportunterricht 14
6. Koedukativer Sportunterricht in der schulischen Praxis heute 15
7. Koedukation ja - aber wie? 16
8. Literatur 20
2
1. Einleitung
Das Thema der Koedukation im Sportunterricht wird in der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren immer wieder kontrovers diskutiert. Seitdem hat sich einiges getan, die angestrebten Ziele wurden aber in unterschiedlichem Maße eher unbefriedigend erreicht. Aus diesem Grund gibt es auch in der neueren Zeit Debatten und Studien, welche sich mit dem Thema der Koedukation im Schulsport und derer Durchsetzbarkeit befassen. Die vorliegende Arbeit beschreibt zunächst die
Ursachen einer Geschlechterkonstruktion, die vermeintlichen Unterschiede im Verhalten und den Interessen der Geschlechter, bevor sie auf einen kurzen historischen Abriss der Koedukation in Deutschland eingeht. Auf diese beiden Punkte aufbauend, werden die Pro- und Contra-Argumente der Koedukation herausgestellt, um im Abschluss der Arbeit der Frage auf den Grund zu gehen, ob die Koedukation im Schulsport ein angebrachtes Mittel zur Chancengleichheit der Geschlechter darstellt, oder ob die Gefahr zu groß ist, dass genau das Gegenteil erreicht wird, oder aber ob man an der gegenwärtigen Umsetzung der Koedukation einzelne Punkte didaktisch überdenken sollte, um die gesetzten Ziele effektiver und sicherer erreichen zu können.
Grundlegend erscheinen für die Auseinandersetzung mit dem Thema Koedukation die Fragen, ob es wirklich eine typisch weibliche oder männliche Sportkultur gibt und ob Frauen im Sport anders handeln als ihre männlichen Mitstreiter. Letztendlich beschäftigt sich die Arbeit mit der These, ob die in der Koedukation auftretenden Probleme mit derselben gelöst werden können. Zur weiteren Bearbeitung des Themas erscheint es im Folgenden unabdingbar, den grundlegenden Begriff der Koedukation zu definieren.
Meyers Lexikon definiert Koedukation als „[…] gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen im öffentlichen Bildungswesen […]“ 1 mit dem Ziel der Chancengleichheit der Geschlechter. Diese Definition scheint im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit aber nicht geeignet, da sie zu wenig differenziert auf die eigentliche Problematik der Koedukation eingeht. Vielmehr erscheint mir die Definition von Pühse (1990) schon eher dafür geeignet, den Begriff zu definieren. Pühse unterscheidet zwischen dem gemeinsamen Unterrichten, was er als Koinstruktion bezeichnet und dem gemeinsamen Erziehen von Mädchen und
1 Meyers Lexikon online [Zugriff unter http://lexikon.meyers.de/meyers/Koedukation]
3
Jungen, was seiner Meinung nach die Koedukation darstellt. 2 Mit dieser Meinung ist Pühse nicht allein, denn es gibt viele weitere Wissenschaftler, die diese beiden Begriffe mehr oder weniger scharf voneinander getrennt benutzen.
2. Wissenschaftliche Erklärungsversuche zur Konstruktion des Merkmals Geschlecht
Grundlegend für die Auseinandersetzung mit dem Thema Koedukation im Schulsport ist zunächst das Merkmal „Geschlecht“. Dabei geht es um die Fragen, wie die Geschlechter als unterschiedlich wahrgenommen werden und ob sich im Laufe der Zeit dahingehend eine Wandlung vollzogen hat. Die Unterteilung in Geschlechter ist eine besonders wichtige und in allen Kulturkreisen anzutreffende Kategorie, obgleich sie sich in den verschiedenen Kulturen unterscheidet. 3 Die Konstruktion des Merkmals Geschlecht ist in der Debatte um die Koedukation von ausschlaggebender Bedeutung. Im 18. und 19. Jahrhundert begründeten Anthropologen die Unterschiedlichkeit der Geschlechter. Diese Unterschiede wurden mit dem Aufkommen und dem Durchsetzen der naturwissenschaftlichen Forschung gegenüber der religiösen Lehrmeinungen im Zuge des 18. Jahrhunderts ausschließlich mit den biologischen, d.h. anatomischen Voraussetzungen begründet, von dessen dann auf die psychischen Eigenschaften von Frauen und Männer geschlossen wurden. Durch den Blick in das Körperinnere der Menschen versuchte man die Verschiedenartigkeit der Geschlechter zu erfassen, zu untermauern und Normalitäten festzulegen. 4
Dabei wurden Frauen als physisch mangelhaft ausgebildete Wesen gesehen, der Mann hingegen als stark, kraftvoll und aktiv. 5 Diese konstruierte Geschlechterordnung wurde im Sport nicht hinterfragt, da sie gerade hier sehr gut beobachtbar war und als natürlich gegeben angesehen wurde. Die zwei Geschlechter welche sich in Hinblick auf die Anatomie, die Konstitution und die Leistungsfähigkeit unterscheiden, waren im Sport sehr leicht auszumachen - die
2 Pühse, U. (1990) Seite 193
3 Alfermann, D. (1994) Seite 212 (in: Pühse, U. (Hrsg.): Soziales Handeln im Sport und Sportunterricht), sowie Meinberg E. (1991) Seite 145
4 Pfister, G. (2006) Seite 27
5 Hartmann-Tews, I. (2006) Seite 41
4
Unterschiede waren hier noch sichtbarer als in anderen Lebensbereichen. Hartmann-Tews (2006) bezeichnet dieses Phänomen als „visuelle Empirie“. 6 Die Handlungsorientierung im sozialen System des Sports hat zu diesem Zeitpunkt die Auffassung über die natürliche Ungleichheit von Männern und Frauen bestätigt und damit weiter gefestigt. Der Sport diente also zu dieser Zeit der Konsolidierung der Chancenungleichheit, also genau dem Gegenteil dessen, was er heute erreichen will, beziehungsweise soll.
Mit der politischen Studentenbewegung und der damit zusammenhängenden Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre etablierte sich die Frauenforschung in der Sportwissenschaft. 7 Diese befasste sich mit der wissenschaftlichen Diskussion über die Rolle der Frau im Sport dessen System aufgrund der vorangegangenen historischen Sicht männlich geprägt war und bisweilen heute noch ist. Im Mittelpunkt der Frauenforschung der 1970er Jahre stand die soziale Lage von Frauen in der Gesellschaft und der damit verbundenen Chancenungleichheit in allen Lebenslagen. Das Anliegen bestand also darin, die bis dato vorherrschende naturwissenschaftlichbiologische Sicht zu überwinden und den Sport als gesellschaftliches Subsystem in Bezug auf die Geschlechterrollen zu untersuchen. 8
In der frühen Phase der Frauenforschung ging es also darum zu zeigen, dass die Unterschiede der Geschlechter im Sport nicht biologisch-naturwissenschaftlich zu untersuchen und zu erklären sind, sondern dass die Kategorie Geschlecht sozialisationsbedingt auf der Grundlage der Machthierarchie konstruiert wird. 9 Bis in die 1980er Jahre hinein legte man das Hauptaugenmerk auf „[…] sozialisatorische und sozialstrukturelle Defizite in der Lebenswirklichkeit von Mädchen und Frauen.“ 10
Durch die Erklärungsversuche der ungleichen Entwicklungschancen entwickelten sich neue sportpädagogische Konzepte, welche das Ziel hatten, Mädchen und Frauen durch eine feministische Sportpraxis stärker in den Sport integrieren zu können und den Nachholbedarf der Mädchen und Frauen in der Sportpraxis zu minimieren.
Erst gegen Ende der 1980 Jahre rückten diese Defizite in den Hintergrund der sportwissenschaftlichen Forschung auf dem Gebiet der Frauenforschung. Vielmehr
6 Hartmann-Tews, I. (2006) Seite 42
7 Voss, A. (2003) Seite 18
8 ebd. Seite 17
9 Hartmann-Tews, I. (2006) Seite 45
10 ebd.
5
ging es jetzt um die Unterschiede der Geschlechter, also genau dem Gegenteil von dem, was die Forschung vorher in den Vordergrund stellte. 11 Frauen wurde in Bezug zu den Männern nicht mehr als defizitäre Wesen gesehen, sondern die Unterschiede wurden bewusst herausgestellt und als positiv angesehen
- die Frau wurde durch die Abweichung von der Norm dadurch aufgewertet. Das Hauptaugenmerk lag bei diesem Differenzansatz darauf, dass die Stärken und die Potentiale der Frauen wiederentdeckt werden sollten. Im Zuge dieser Forschung gab es gehäuft eine Auseinandersetzung mit Lebensläufen junger Frauen und Sportlerinnen wodurch auf die Frage nach der Unterrepräsentanz von Frauen in leitenden Rollen in Sport- und Turnvereinen eine Antwort gesucht wurde. Als Antwortmöglichkeiten beinhalteten diese Konzepte die althergebrachten Rollenerwartungen von Männern und Frauen, sowie traditionelle und diskriminierende Alltagstheorien über weibliche Fähigkeiten. 12 Dabei ging man von den Machtstrukturen und der bestehenden und alten Machthierarchie aus, welche ebenfalls einer gewissen Geschlechterordnung unterworfen waren. Der Differenzansatz dieser Zeit zielt also auf die Differenz der Geschlechter und die Geschlechterhierarchie. Zehn Jahre später wurde und wird bis heute vermehrt versucht, die Geschlechterungleichheit sozialkonstruktivistisch zu erklären. Ausgehend davon, dass Menschen selbst die gesellschaftlichen Phänomene erzeugen, sie in eine gesellschaftlich anerkannte Form bringen und von Generation zu Generation weitergeben, sind die Unterschiede der Geschlechter durch die Gesellschaft zu erklären, welche dann im Laufe der Zeit quasi naturalisiert werden. Mittlerweile ist die Wissenschaft vom Begriff der Frauenforschung auf den Begriff der Geschlechterforschung übergegangen. Die Kategorie Geschlecht wird mittlerweile in die Termini „sex“ als biologisches Geschlecht und „gender“ als soziales Geschlecht getrennt.
11 Hartmann-Tews, I. (2006) Seite 46
12 ebd.
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Mathias Herbst, 2008, Entwicklung und Debatte der Koedukation im Schulsport, Munich, GRIN Publishing GmbH
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