INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung 3
1.1 Erläuterungen zu den Forschungsansätzen und zu der gewählten Zitation 4
2. Merkmale der Liebesdarstellung nach der älteren Forschung 7
2.1 Verbalisierung der Tabelle I (Merkmale der älteren Forschung) 12
3. Merkmale der Liebesdarstellung nach Schnells Forschungsansatz 13
3.1 Verbalisierung der Tabelle nach Schnells Kriterien 20
4. Diagramme zu den beiden Tabellen 21
5. Resümee der Makroanalyse 23
6. Einleitung zur Detailanalyse 31
6.1 Paraphrase des Liedes XI 32
6.2 Textanalyse des Liedes XI 33
7. Schlussresümee 39
8. Anhang 41
9. Literaturhinweise 44
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1. Einleitung
Die folgende Arbeit befasst sich mit der Liebeslyrik Reinmars und dem Versuch, anhand zweier unterschiedlicher Forschungsansätze Merkmale der Darstellung von „höfischer Liebe“ aus den ausgewählten Texten zu filtern und anschließend zu analysieren. Der Textkörper besteht aus 31 Liedern Reinmars, welche sich auch in Günther Schweikles Edition „Reinmar, Lieder“ 1 finden. Die Textauswahl ist durch den quantitativen Umfang (ca. die Hälfte aller von Reinmar geschriebenen Lieder) und durch den qualitativen Wert (anhand der Mehrfachüberlieferungssituation kann man annehmen, dass die ausgewählten Werke schon im Mittelalter große Bedeutung genossen haben) gerechtfertigt.
Die LeserInnen dieser Arbeit werden anfangs mit zwei Tabellen konfrontiert, in denen sämtliche Textstellen, welche Merkmale der Liebesdarstellung aufweisen, zitiert sind. Das Ergebnis dieses Arbeitsschrittes führt zu einer graphischen und einer verbalisierten Darstellung der quantitativen Häufigkeit der einzelnen Merkmale, zu einer qualitativen Analyse des Gesamtergebnisses und schlussendlich zu dem Versuch, ein Liebeskonzept für Reinmars Lyrik zu modellieren. Darauf folgt eine Detailanalyse, welche auf das Ergebnis der großflächigen Untersuchung des gesamten Textkörpers insofern Bezug nimmt, als dass ich meine Textauswahl unter Berücksichtigung der bereits vorliegenden Ergebnisse vornahm: Die Detailanalyse ist demnach als ein weiterer Arbeitsschritt hin zur Formulierung eines Liebeskonzepts des vorliegenden Textkorpus zu sehen.
Abschließend möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass diese Arbeit primär auf die mittelhochdeutschen Texte der Schweikle-Edition Bezug nimmt und nur unterstützend auf die neuhochdeutsche Metaphrase Schweikles zurückgreift. Grund dafür sind die unterschiedlichen Deutungs- und Übertragungsmöglichkeiten des mhd. Originaltextes: Ein Faktum, welches durchaus dazu geführt hat, dass meine Bearbeitung individuelle Züge aufweist und Abweichungen zur oben erwähnten neuhochdeutschen Übertragung Schweikles vorhanden sind. Aus diesem Grund habe ich nach dem abschließenden Resümee der Arbeit eine Tabelle hinzugefügt, welche dem Leser dieser Arbeit die Möglichkeit bietet, den Großteil der ausgewählten Lieder per „hyperlink- 1 Reinmar:Lieder. Nach der Weingartner Handschrift (B). Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Hrsg. von
Günther Schweikle. Stuttgart: Reclam 2002 (=Universal-Bibliothek. 8318.) [In der Folge zitiert mit der
Sigle R, danach folgt /S/ für Seite, /Str/ für Strophe und /Vz/ für Verszeile.]
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Zitation“ auch im kostenlos verfügbaren Online-Digitalisat der „Manesse“ zu finden. Dieses Digitalisat der Universität Heidelberg und die Edition von Günther Schweikle sind somit als unterstützende Medien für das Lesen dieser Arbeit - besonders des vorangehenden quantitativen Überblicks - zu sehen.
1.1 Erläuterungen zu den Forschungsansätzen und zu der gewählten Zitation
Das zweite Kapitel dieser Arbeit soll der LeserIn einen statistisch-quantitativen Überblick über die in Reinmars Texten vorhandenen Liebesmerkmale bieten. Dies soll zeigen, welche Merkmale zur Darstellung von „höfischer Liebe“ in welcher Häufigkeit von Reinmar gewählt wurden. In weiterer Konsequenz soll dieser Arbeitsschritt zu einem Versuch führen, dem vorliegenden Textkorpus ein Liebeskonzept zuzuschreiben.
Ich habe für die Analyse der vorhandenen Liebesmerkmale zwei unterschiedliche Forschungsansätze gewählt: In der ersten Tabelle werden die Merkmale der Liebesdarstellung nach der Einteilung der „älteren Forschung“ 2 aufgearbeitet, die zweite Tabelle orientiert sich an Rüdiger Schnells 3 Merkmalen zur Beschreibung von „höfischer Liebe“. Beide Forschungsansätze haben - darauf komme ich noch im Unterkapitel 2.7 zu sprechen - bei der Arbeit am mittelhochdeutschen Text durchaus Probleme aufgeworfen, doch halte ich die Wahl dieser beiden Modelle allein aufgrund ihres konträren Charakters für angemessen.
Beide Forschungsansätze versuchen das höfische Liebeskonzept in einzelne Merkmale zur Beschreibung von höfischer Liebe aufzugliedern. Die Merkmale sind im Grunde selbsterklärend und dem Leser in den „headlines“ der beiden folgenden Tabellen ersichtlich. Selbige sind folgendermaßen gegliedert: In der obersten Zeile finden sich die einzelnen Merkmale zur Beschreibung von Liebesdarstellung, in den darunter abwärts laufenden Spalten sind die Textstellen zitiert, in denen ich die jeweiligen Merkmale dingfest machen konnte. Die Zitation, welche am Ende dieses Unterkapitels noch genauer erklärt wird, bezieht sich auf den mittelhochdeutschen Textbestand der oben schon erwähnten Schweikle Edition „Reinmar, Lieder“. Die links außen liegende Spalte bietet der LeserIn eine weitere Orientierung in der Edition, denn dort sind die
2 Rüdiger Schnell: Die „höfische Liebe“ als Gegenstand der Psychohistorie, Sozial- und
Mentalitätsgeschichte. In: Poetica 23 (1991), S. 379ff.
3 Ebda S. 398 - 424.
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Lieder I bis XXXI (nach Schweikles Nummerierung des Liedbestands seiner Edition) mit der dazugehörenden Seitenangabe innerhalb der Edition verzeichnet. Es ist noch darauf hinzuweisen, dass die beiden Merkmale Schnells - a.) Beständigkeit einer Liebesbeziehung und b.) Ausschließlichkeit einer Liebesbeziehung - implizieren könnten, dass sich die erwähnte Beständigkeit und Ausschließlichkeit auf eine aktive Liebesbeziehung
mit zwei sich gegenseitig liebenden Individuen bezieht. In dieser Arbeit werden diese beiden Merkmale in einem größeren Rahmen gesehen, also auch außerhalb einer Liebesbeziehung: Denn auch ein erfolglos Werbender, also ein einseitig Liebender, kann sich durch diese beiden Qualitäten auszeichnen!
Abschließend will ich in diesem Unterkapitel dem Leser noch die Art der Zitation innerhalb der Tabellen erklären:
a.) bedeutet Strophe, der Doppelpunkt danach soll als Trennzeichen zur Verszeilenangaben fungieren und das Lesen erleichtern. b.)
c.) <*> bedeutet, dass ein weibliches lyrisches Ich spricht, bzw. eine offensichtliche Projektion von Werten des männlichen lyrischen Ichs auf die weibliche literarische Figur (und wechselwirkend auch umgekehrt) stattfindet. (z.B. sie ist so tugendhaft er muss um sie werben = deswegen ist auch er von Wert, weil er es wagt um sie zu werben)
d.) Die runden Klammern vor den einzelnen Zitaten stellen den Grad der Offensichtlichkeit, in dem sich das Merkmal dem Leser offenbart, oder - um es anders zu formulieren - die Intensität meiner Interpretationsarbeit, dar: Steht vor dem Zitat keine Klammer, so ist das vorhandene Merkmal zur Liebesdarstellung klar ersichtlichist das Zitat jedoch mit dem Maximum von zwei Klammern markiert, so habe ich stark interpretieren müssen, um das Merkmal in die Tabelle aufnehmen zu können. Aus der Anzahl der Klammern ergibt sich parallel zum oben Genannten auch noch häufig die Nebenerscheinung, dass bei höherer Anzahl an Klammern auch ein stärkeres Augenmerk auf den Strophen- und auch Liedkontext gerichtet werden muss, um sich als Leser über die Aussagekraft der zitierten - und damit aus dem Kontext gehobenen -Verszeilen bewusst zu werden.
Die Verszeilen sind nach der Zeilenfolge des mittelhochdeutschen Textes der Schweikle Edition zitiert und folgen dem gängigen Zitierschema des Zitierskripts der Subeinheit
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Germanistik der KF Uni Graz. Einzig habe ich bei längeren Textstellen statt Z1 - Z4 den Bindestrich durch ein „bis“ (Z1 bis Z4) ersetzt. Das soll die Lesbarkeit erleichtern. Am Schluss dieses Unterkapitels will ich den Lesern noch ein Beispiel geben: (S2: Z1f) Das gefundene Liebesmerkmal findet sich in Strophe 2 des Liedes und dort in Verszeile 1 und 2, die Klassifizierung bedurfte einer geringfügigen Interpretationsleistung.
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2.1 Verbalisierung der Tabelle I (Merkmale der älteren Forschung)
Wenn man die Anzahl der gefunden Merkmale prozentuell miteinander vergleicht, so sieht man auf den ersten Blick, dass das Merkmal „Unerfülltes Verlangen, Verzichtsliebe, ungelohnter Frauendienst“ mit 44% von der Gesamtanzahl einen gewichtigen Raum in Reinmars Liebesdarstellung einnimmt. Darauf folgt mit 22% das Merkmal „Liebe als ars, als Kodex höfischen Lebensstils und Bestandteil höfischer Unterweisung“. Bei dieser Kategorie zur Beschreibung von Liebesdarstellung muss man zusätzlich hinzufügen, dass - in Bezug auf die vorliegenden Texte Reinmars - das Merkmal „Liebe als Sinnerfüllung adelig-höfischen Lebens, als Vorraussetzung sittlicher Läuterung“, welches immerhin 11% der gesamten gefundenen Merkmale einnimmt, dem oben genannten Merkmal „Liebe als ars […]“ sehr ähnelt. Die Grenzen zwischen diesen beiden Kategorien scheinen oft zu verschwimmen, weswegen man sich als Rezipient der Tabellen durchaus auch beide Merkmale als einen Komplex mit 33% der Gesamtmerkmale vorstellen kann. So man jedoch die einzelnen Merkmale für sich alleine sieht, würde nach der quantitativen Analyse die Beschreibungskategorie „Dienendes Werben des Mannes um die Frau (einhergehende Unterwerfung des Mannes unter den Willen der Frau)“ mit 19% an der dritten Stelle rangieren. Auch dieses Merkmal der Liebesbeschreibung sehe ich eng verbunden mit einer anderen Kategorie und zwar dem Merkmal „Verzichtsliebe, ungelohnter Frauendienst“. Zusammen würden diese beiden Beschreibungskategorien beachtliche 63% des Gesamtfundes ausmachen. Weit abgeschlagen findet sich mit 4% Anteil das Merkmal „Heimliche und/oder ehebrecherische Liebe“. Zu dieser Beschreibungskategorie muss man zusätzlich anmerken, dass sich in Reinmars Texten keine Anzeichen auf eine Darstellung von ehebrecherischer Liebe gefunden hat und sich damit alle gefundenen Verszeilenpassagen dieses Merkmals auf „Heimliche Liebe“ beziehen. Ich will darauf hinweisen, dass die Eindeutigkeit der Merkmale „Dienendes Werben des Mannes […]“ und „Verzichtsliebe […]“ augenscheinlich ist, hingegen die Beschreibungskategorien „Liebe als Sinnerfüllung adelig-höfischen Lebens […]“ und „Liebe als ars […]“ in Reinmars Texten oft nur mit starker Interpretationsarbeit (welche in ihrer Intensität jedoch innerhalb der Tabellen gekennzeichnet ist) ausfindig gemacht werden können.
Alle quantitativen Ergebnisse werden im Unterkapitel 2.7 einer qualitativen Bearbeitung unterzogen, welche sich dem Ziel einer Modellierung eines Liebeskonzepts verschreibt.
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3.1 Verbalisierung der Tabelle nach Schnells Kriterien
Schnell unterteilt sein Konzept zur Beschreibung von höfischer Liebe in acht Kriterien. Nicht nur die größere Anzahl an Beschreibungsmerkmalen, auch die Tatsache, dass diese - auf Reinmars Texte bezogen - oft in ihrer Grundaussage sehr nahe beieinander liegen, führte dazu, dass ich mit 473 gefundenen Merkmalen mehr als doppelt so viele Textbelege im Textkorpus dingfest gemacht habe, als bei der Bearbeitung nach den Kriterien der älteren Forschung (222 Merkmale).
Mit 167 gefundenen Merkmalen und damit 35% des Gesamtfundes liegt das Kriterium „Leidensbereitschaft“ an der Spitze der quantitativen Analyse. Auffallend ist auch die Eindeutigkeit der Darstellung von Leidensbereitschaft in den vorliegenden Texten Reinmars: Die Anzahl an Textstellen, die starker Interpretation zur Aufnahme in die Tabelle bedurften, ist gering.
An zweiter Stelle folgt mit 14% des Gesamtwertes und 66 gefundenen Textpassagen das Merkmal „Beständigkeit einer Liebesbeziehung“. Wie schon in der Einleitung erwähnt, habe ich die Formulierung dieses Merkmals als etwas unschlüssig empfunden und sehe in der „Beständigkeit einer Liebesbeziehung“ auch die „Beständigkeit einer (eventuell nicht erwiderten) Liebes(werbung)“. Daraus ergibt sich die relativ große Anzahl an gefundenen Textbelegen. Selbiges trifft auch auf das an fünfter Stelle (50 Merkmale, 11% des Gesamtwertes) liegende Merkmal „Ausschließlichkeit einer Liebesbeziehung“ zu: Auch hier ließ ich Merkmale der Ausschließlichkeit eines „nur“ werbenden Liebenden einfließen, denn von aktiven, gegenseitigen und gelingenden Liebesbeziehungen kann in den vorliegenden Texten nicht gesprochen werden. Auch muss man anmerken, dass auf Grund dieser Auslegung des Kriteriums „Ausschließlichkeit […]“ das Beschreibungsmerkmal „Aufrichtigkeit, triuwe in der Liebe“, welches mit ebenso 11% und 52 Textbelegen knapp an vierter Stelle liegt, dem an fünfter Stelle liegendem Merkmal der „Ausschließlichkeit“ sehr ähnlich ist. An dritter Stelle folgt das Beschreibungsmerkmal „Maß, Vernunft, Über-Vernunft“ mit 62 Textbelegen, jedoch muss man auch bei diesem Beschreibungsmerkmal anmerken, dass der Grad der Interpretation relativ hoch ist und somit nicht von einer Eindeutigkeit der Darstellung - wie etwa bei dem Merkmal der „Leidensbereitschaft“ - gesprochen werden kann. „Freiwilligkeit und Rücksichtnahme“ scheint eng mit der vorhin genannten Kategorie verbunden zu sein, hat jedoch mit 3% des Gesamtwertes nur 13 Textstellen vorzuweisen und liegt damit an letzter Stelle der quantitativen Erhebung.
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Das Merkmal „Gegenseitigkeit der Liebe“ überrascht an sechster Stelle mit immerhin 34 gefundenen Textbelegen, was 7% des Gesamtwertes entspricht. Hier muss man jedoch den oftmals stark interpretativen Charakter anmerken: Viele zitierte Textpassagen beschreiben nur die Möglichkeit einer erwiderten Liebe. Mit 29 zitierten Textbelegen, was wiederum 6% des Gesamtwertes ausmacht, liegt die Beschreibungskategorie „Selbstlosigkeit der Liebe“ an vorletzter Stelle. Dieses Merkmal muss man eng verbunden mit der Kategorie „Leidensbereitschaft“ sehen, denn bei beiden Liebesdarstellungen ist das Ziel der erwiderten Liebe und sexuellen Erfüllung weit entfernt und oftmals nicht einmal von primärer Bedeutung für den Werbenden.
Eine qualitative Analyse der hier in aller Kürze beschriebenen und im vorherigen Kapitel tabellarisch vorgelegten Ergebnisse folgt im Kapitel 2.7.
4. Diagramme zu den beiden Tabellen
In diesem Unterkapitel habe ich die Ergebnisse der beiden Tabellen, also die gefundenen Merkmale der Liebesdarstellung in den vorliegenden Liedern Reinmars, in Diagrammen visualisiert. Die LeserInnen dieser Arbeit können sich so in aller Kürze ein Bild von der quantitativen Aufteilung der einzelnen Merkmale machen. Zusammen mit den beiden Tabellen und den dazugehörigen Verbalisierungen dienen die beiden Diagramme der Veranschaulichung des quantitativen Ergebnisses. In weiterer Folge wird diese Visualisierung für die RezipientInnen ein brauchbares Mittel sein, um meine Hypothesen und Gedankengänge bezüglich eines Liebeskonzepts in Reinmars Texten nachvollziehen zu können.
Beide Tabellen sind separat in zwei Kreisdiagrammen visualisiert: Die Prozentzahl zeigt den prozentuellen Wert der Beschreibungskategorie zur Gesamtanzahl aller gefundenen Textpassagen und die darüber liegende Zahl stellt die Anzahl der gefundenen Textstellen dar.
In die Diagramme sind alle zitierten Textbelege eingeflossen, also ebenso eindeutige Darstellungen der jeweiligen Merkmale, wie auch jene mit stark interpretativem Charakter. Aus diesem Grund muss man die beiden Diagramme, wie auch die vorherigen Unterkapitel des zweiten Kapitels, vorerst noch als rein quantitative Analyse
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betrachten, welche erst im folgenden Unterkapitel einer qualitativen Analyse unterzogen wird.
a.) Diagramm 1: Die Merkmale der Liebesdarstellung nach der älteren Forschung (graphische Auswertung zur Tabelle 1)
b.) Diagramm 2: Die Merkmale der Liebesdarstellung nach Schnell (graphische Auswertung zur Tabelle 2)
5. Resümee der Makroanalyse
Dieses Unterkapitel soll die Ergebnisse der beiden Tabellen, welche unter Berücksichtigung zweier unterschiedlicher Forschungsansätze zustande kamen, in ein Ganzes fassen. Aus der rein quantitativen Auswertung der in Reinmars Texten vorkommenden Liebesmerkmale, welcher sich die vorhergegangenen Unterkapitel des zweiten Kapitels widmeten, soll der Versuch gewagt werden, ein zutreffendes Liebeskonzept für die vorliegenden 31 Texte Reinmars zu modellieren.
Die Eindeutigkeit der Darstellung und die quantitative Vorrangigkeit der beiden Merkmale „Unerfülltes Verlangen, Verzichtsliebe, ungelohnter Frauendienst“ (ältere Forschung) und „Leidensbereitschaft“ (Schnell) zeigen deutlich, dass in den vorliegenden Texten ein Liebeskonzept vorherrscht, dem man die „Hohe-Minne-Haltung“ zuordnen kann: Der werbende Mann sieht sich mit einer Frau konfrontiert, die auf seine „Rede“ oft nicht einmal mit erwidernden Worten eingeht, geschweige denn sexuelle Erfüllung gewährt. Diese These wird von der Tatsache untermauert, dass sich das Merkmal des „Dienenden Mannes samt seiner Unterwerfung“ häufig und auch
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eindeutig dargestellt in den Texten finden lässt. Trotz dieser - für den Rezipienten der Gegenwart vermutlich etwas trist wirkenden - Haltung der Frau genießt das männliche lyrische Ich seine Rolle als Werbender, auch wenn ein immanenter Klagegestus die Reflexion über seine Liebesbemühungen kennzeichnet. Selbstlos und aufrichtig strebt es konsequent ein schier unerreichbares Ziel an - und das mit Maß und Vernunft: Selbst die negativen Stimmen Außenstehender bringen das männliche lyrische Ich nicht von seinem Weg ab oder verleiten es gar zu „unhöfischem“ Benehmen. Vernunft, bezogen auf die rationale Einschätzung seines Erfolges, also dem Erreichen einer durch gegenseitige Liebe und sexueller Erfülltheit gekennzeichneten Liebesbeziehung, scheint dem Denken des männlichen lyrischen Ichs jedoch nicht inhärent zu sein: Die Leidensbereitschaft des männlichen lyrischen Ichs und seine selbstlose und aufrichtige Liebe stehen über seiner rationalen Einschätzung seiner Chance auf ein erfolgreiches Werben, wie hier im Lied XI deutlich wird:
Si ist mir liep und dunket mich.
wie ich ir volleclîche gar unmære sî. Was darumbe? daz lîde ich. (R: S. 144/Str. 4/Vz. 1ff)
Diese ersten drei Verszeilen des Lieds XI charakterisieren deutlich die Einstellung des männlichen lyrischen Ichs: Obwohl es ahnt, dass die Frau ihm und seinem Werben völlig gleichgültig gegenübersteht, nimmt es das Leid auf sich um sich an seiner (einseitigen und unerwiderten) Liebe zu erfreuen - egal wie lange und wie sehr es während seines Werbens leiden muss.
Das Defizit der rationalen Einschätzung macht das männliche lyrische Ich auch durch die „Ausschließlichkeit“ seines Liebens wett: Mit zwar nur 50 gefundenen Textpassagen zur Beschreibungskategorie „Ausschließlichkeit einer Liebesbeziehung“ kann man nicht von einer erdrückenden Anzahl an Belegen dieser Liebesdarstellung sprechen, jedoch muss sich die LeserIn auch vor Augen halten, dass gegenteilige Passagen praktisch nicht existent sind. Die wenigen vorhandenen Andeutungen einer Unterbrechung des Werbens um die auserwählte Frau, beziehungsweise eines Wechsels zu einer neuen Angebeteten, sind stark abgeschwächt und das männliche lyrische Ich entschuldigt diese Ausflüchte in aller Schnelle und Eindeutigkeit - hier zu sehen in den Verszeile 1 bis 4 der 2. Strophe des Lieds XI:
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Alse eteswenne mir der lîp durch sîne bœse unstæte râtet, daz ich var Und mir gefriunde ein ander wîp, sô wil iedoch daz herze niender wan dar. (R: S. 140/Str. 2/Vz. 1-4)
Der Konflikt zwischen Körper und Herz - man könnte ihn auch mit Triebhaftigkeit und höfischer Tugendhaftigkeit gleichsetzen - wird zugunsten des Herzens entschieden: Die Kultivierung des menschlichen Sexualtriebes wird in Reinmars Lyrik bis zum Äußersten beschrieben und auch gutgeheißen! Das belegen nicht nur diese vier Verszeilen - es scheint das gesamte Liebeskonzept Reinmars darauf aufzubauen.
Ich will an dieser Stelle vorerst zusammenfassen:
Es scheint in den Liedern vorrangig ein Liebeskonzept vorzuherrschen, in dem eine unnahbare Frau die Werbung eines Mannes maximal erduldet, jedoch nicht mit sexueller Erfüllung erwidert. Der Mann reflektiert über seine vergeblichen Bemühungen zwar klagend, verliert jedoch nicht an Beständigkeit, Aufrichtigkeit, Ausschließlichkeit und ebenso wenig an angemessen höfischem Benehmen in Bezug auf seine Werbung um die Frau: Er ist bereit zu leiden, denn im Werben selbst sieht er einen ausreichenden Lohn für all seine Mühen.
Unterstrichen wird die in der Zusammenfassung aufgestellte Beobachtung durch die deutliche Anzahl an Textpassagen, welche die beiden Merkmale „Liebe als Sinnerfüllung adelig-höfischen Lebens, als Vorraussetzung sittlicher Läuterung“ und „Liebe als ars, als Kodex höfischen Lebensstils und Bestandteil höfischer Unterweisung“ beinhalten: Aufrichtige Liebe, wenn auch unerwiderte Liebe 4 , scheint elementarer Bestandteil adelig-höfischen Lebens - zumindest in Reinmars Lyrik - zu sein, und der Kultivierung der Triebe, besonders in Form der unerwiderten Liebe, dienlich zu sein:
wil diu schœne triuwen pflegen
und diu guote, sô ist alsô wol mir ze muote,
4 Bezogen auf Reinmars Lieder könnte man behaupten, dass GERADE unerfüllte Liebe das
sinnerfüllende Element adelig-höfischen Lebens ist
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alse der bî frouwen hat gelegen. 5 (R: S. 84/Str. 2/Vz. 7-10)
In den Verszeilen 7 bis 10 der 2. Strophe des Lieds III setzt also das männliche lyrische Ich die positive Wirkung der Treue seiner Angebeteten mit dem Gefühl „gerade bei einer Frau gelegen zu sein“ gleich: Der Wert des Körperlichen (in diesem Fall die sexuelle Erfüllung) wird dem Wert der Tugendhaftigkeit der Frau gleichgesetzt. Dieser Vergleich ist in den gewählten Liedern Reinmars einzigartig, denn ansonsten scheint das Körperliche von so dermaßen geringer Bedeutung im Vergleich zur Tugendhaftigkeit von Mann und Frau zu sein, dass Vergleiche für Reinmar nicht nötig schienen. 6 Mir dienten diese vier Verszeilen jedoch als eindrucksvolle Darstellung der sittlichen Läuterung, welche ich als wichtigen didaktischen Bestandteil des Liebeskonzepts innerhalb Reinmar Lyrik betrachte. Ebenso sehe ich in diesen beiden didaktischen Kategorien der Liebesdarstellung eine deutliche Intention innerhalb Reinmars Liebeskonzept, den Sexualtrieb durch Wertminderung - entweder durch Vergleiche zu anderen Qualitäten oder gänzliches Ausklammern aus dem Text - zu kultivieren und zu relativieren.
Die oben schon erwähnte Kategorie der Beständigkeit, also das ausdauernde Werben eines männlichen lyrischen Ichs, wird in Verbindung mit der Tatsache, dass in Reinmars Liebeskonzept der ungelohnte Frauendienst vorherrscht, zu einem weiteren Bestandteil der Triebkultivierung: Der affektive Charakter der Triebbefriedigung wird durch zeitliche Verzögerung zerstört und dürfte damit an negativen Qualitäten wie Brutalität, Zwangausübung und Rücksichtslosigkeit 7 verlieren. 8
5 Schweikle, S. 84
6 An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass ich in den Tabellen zwar Textpassagen mit einem „Stern“
(*) markiert habe, wenn eine offensichtliche Projektion der Werte der weiblichen lyrischen Figur auf die
Wertigkeit des männlichen lyrischen Ichs getätigt wird, jedoch widmet sich diese Arbeit nicht primär dem
Analysieren und Interpretieren von Männer- und Frauenbildern in deren Wechselwirkung, sondern
vorrangig der Analyse der vorhandenen Liebesmerkmale mit der Intention, ein Liebeskonzept für die 31
vorliegenden Lieder Reinmars zu beschreiben.
7 Das Merkmal „Rücksichtnahme und Freiwilligkeit“ ist mit 3% des Gesamtwertes zwar quantitativ
schwach vertreten, jedoch möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass „aktiv gelebter und
gegenseitiger“ Liebe - in welcher Form auch immer - in Reinmars Lyrik keine wesentliche Bedeutung
zukommt. Somit sind auch positive Liebesdarstellungen dieser „aktiven und gegenseitigen Art des
Liebens“, wie eben „Rücksichtsnahme und Freiwilligkeit“, selten im Text anzutreffen.
8 Rüdiger Schnell: Die „höfische Liebe“ als Gegenstand der Psychohistorie, Sozial- und
Mentalitätsgeschichte. In: Poetica 23 (1991), S. 394f.
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Hier möchte ich wieder resümieren:
Dem Ergebnis der ersten Zusammenfassung will ich an dieser Stelle hinzufügen, dass das Liebeskonzept Reinmars - bestätigt durch die gefundenen Kategorien „Liebe als ars […]“ und „[…] Liebe als Voraussetzung sittlicher Läuterung“ - eindeutig didaktische Züge aufweist, welche die Triebkultivierung gutheißen und fordern: Der Klagegestus des männlichen lyrischen Ichs in Verbindung mit dem erfolglosen Werbebemühen verstärkt - durch die bewusst überspitzte Darstellung des „zahnlos und domestiziert“ 9 wirkenden Mannes - das positive Bild der höfischen Sittlichkeit im Vergleich zum negativen - und deswegen im Text unerwähnten - Bild der affektiven Auslebung der Liebe in Form von Sexualität.
Nicht vergessen darf man jedoch die Tatsache, dass mit immerhin 7% der gesamten Funde nach Schnells Kriterien das Beschreibungsmerkmal „Gegenseitigkeit der Liebe“ zu dem oben entwickelten Liebeskonzept eine Gegenposition einzunehmen scheint. Hier muss allerdings erwähnt werden, dass viele der gefundenen und zitierten Merkmale einen stark interpretativen Charakter aufweisen und oft einzig die Möglichkeit (!) einer erwiderten Liebe beschreiben:
Ich wæne mir liebe geschehen wil:
mîn herze hebet sich ze spil, Ze fröiden swinget sich mîn muot, alse der valke enfluge tuot Und der are ensweime 10 (R: S. 106/Str. 1/Vz. 1-5)
Die ersten 5 Verszeilen des einstrophigen Liedes VI zeigen deutlich, dass es sich nur um die Möglichkeit einer erwiderten Liebe handelt: Das männliche lyrische Ich nimmt an (!), dass ihm Liebe widerfahren wird. Ein tatsächliches Erreichen seiner Geliebten wird in dem Lied nicht erwähnt. Bezeichnend für den Subtyp der Minnevision 11 , wie Schweikle dieses Lied benennt, wird einzig eine freudige Zukunft erhofft: Das lyrische Ich folgt der Vision seiner Gefühle.
Ein weiteres Beispiel für „Gegenseitige Liebe“ findet man in folgenden drei Verszeilen:
9 Um auch hier ein überspitztes Bild des männlichen lyrischen Ichs zu zeichnen…
10 Schweikle, S. 106
11 Schweikle, S. 324
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Ein rede ist alsô nâhe komen, daz si êrst frâget des, waz genâden sî, der ich dâ ger. 12 (R: S. 150/Str. 2/Vz. 1ff)
In diesen drei Verszeilen, den ersten der 2. Strophe des Liedes XII, wird dem Rezipienten geschildert, dass eine Rede des männlichen lyrischen Ichs von der umworbenen Frau positiv aufgenommen wurde. Daraufhin fragt sie es zum ersten Mal, welche Gnaden er von ihr begehre. Wie man unschwer erkennen kann, zeigt diese Textpassage keine erwiderte Liebe, sondern nur die Möglichkeit darauf: Das Fragen der Frau nach den Wünschen des Mannes ist, auch wenn es uns Rezipienten als dürftig erscheint, eine der deutlichsten Darstellung von einer möglichen „gegenseitigen Liebe“. In Anbetracht des Liebeskonzepts Reinmars - mit vorrangig unerfülltem und mit Leid behaftetem Werben des Mannes - war es mir jedoch wichtig, auch solche Passagen als etwaige Gegenpositionen in die Tabellen, Diagramme und auch in die Analyse aufzunehmen. Hätte ich nur eindeutige Merkmale der Darstellung einer gegenseitigen Liebe zitiert, wäre vermutlich nur eine einzige Textpassage in all den Liedern erwähnenswert gewesen:
Ê daz du iemer ime verjehest,
daz ich ime holdez herze trage, […] 13 (R: S. 264/Str. 3/Vz. 1f)
In der 3. Strophe des Frauenlieds (Lied XXVIII) offenbart die Dame dem Boten, dass sie den Mann im Gedanken nahe an ihrem Herz trägt. Dies ist der eindeutigste Beleg für eine erwiderte Liebe in den vorliegenden Werken Reinmars - und auch dieser zeigt keine explizite Liebeshandlung zweier Liebender: Weder eine intime Rede und schon gar keine Beschreibung von körperlicher Annäherung. Auch muss man dem Inhalt dieser Verszeilen hinzufügen, dass die Dame in der 6. Strophe des Liedes dem Boten jedoch eindringlich befiehlt, dass er nicht zuviel der Dinge, die zwischen der Frau und dem Boten gesprochen wurde, dem Mann offenbaren soll: dune solt im niemer niht verjehen alles, des ich dir gesage! (R: S. 266/Str. 6/Vz. 6f)
12 Schweikle, S. 150
13 Schweikle Seite 264
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An dieser Stelle wird neben der erwiderten Liebe die Kategorie der „Heimlichen Liebe“ dargestellt. Wie schon zuvor in dieser Arbeit erwähnt, finden sich in den vorliegenden Liedern keine Anzeichen auf die Darstellung einer „ehebrecherischen Liebe“, wohl aber eine geringe Anzahl (4% des Gesamtwertes bezogen auf Merkmale der älteren Forschung) an Darstellungen von heimlicher Liebe. Wie die zwei Verszeilen der 6. Strophe des Lieds XXVIII verdeutlichen, ist die umworbene Frau trotz existenter (Liebes-)Gefühle nicht bereit, ihr Leid, ihre Hoffnung und ihre Wünsche dem werbenden Mann zu gestehen. Ich sehe darin fast masochistische Tendenzen, denn wenn Menschen sich nicht mitteilen können, dann erleiden sie durch den Kommunikationsverlust allzu oft eine soziale Schwächung. Vereinfacht gesagt: Kann man nicht über seine Wünsche sprechen, wird man diese auch kaum erlangen. Speziell auf Liebe bezogen, welche zum Gelingen die kommunikative Interaktion zweier Individuen zwingend fordert, ist dieses Verheimlichen von destruktiver Natur. Es stellt sich also die Frage, wieso die Dame so handelt. Auf den ersten Blick könnte man ihr vorschnell Ängstlichkeit, Verklemmtheit, Kommunikationsunvermögen, oder gar Dummheit vorwerfen. Da ich aber der Ansicht bin, dass auch diese Verszeilen als ein gut durchdachtes Konstrukt von Reinmars Liebeskonzept zu sehen sind und daher keinen Versuch einer negativen Darstellung des weiblichen lyrischen Ichs beabsichtigen, würde ich diese Verszeilen erneut als didaktische Forderung der Triebkultivierung sehen: Die Dame kann durch die Verheimlichung ihrer Gefühle die zeitliche Dauer der Werbesituation verlängern. Das hat zur Folge, dass sie einerseits die affektive Komponente der „männlichen Liebe“ 14 entschärfen kann, andererseits den Mann erneut einer Prüfung unterzieht: Denn das männliche lyrische Ich hat in diesem Fall weiter aufrichtig, selbstlos und ausschließlich zu werben und zu lieben - um irgendwann vielleicht den erhofften Lohn der erwiderten Liebe zu erhalten.
An dieser Stelle möchte ich erneut zusammenfassen:
Den in den vorangegangenen Zusammenfassungen hervorgegangenen Überlegungen zum Liebeskonzept Reinmars kann man also hinzufügen, dass das Merkmal „Heimliche Liebe“ ein zusätzlicher Faktor der Triebkultivierung sein könnte: Dem männlichen lyrischen Ich wird durch die Verschwiegenheit der Frau in Bezug auf ihre erwiderten Gefühle eine Verlängerung der Werbedauer auferlegt, dem Charakter seiner Liebe wird dadurch zusätzlich affektiver Gehalt genommen. Das auf den ersten Blick als
14 Meiner Ansicht nach lieben Männer und Frauen unterschiedlich. Ich will an dieser Stelle die Liebe,
welche von einem Mann ausgeht und auf eine Frau gerichtet ist, kurz als „männliche Liebe“ bezeichnen.
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Gegenposition zur Verzichtsliebe zu sehende Merkmal „Gegenseitigkeit der Liebe“ ist in den vorliegenden Liedern Reinmars nur angedeutet und wird praktisch nur als „Möglichkeit“ beschrieben: Tatsächliche Beschreibungen von existierenden Liebesbeziehungen zweier sich gegenseitig Liebender sind im Text nicht zu finden und hätten auch keinen belehrenden Gehalt.
Anhand dieser drei Zusammenfassungen, in denen ich meine Interpretation und Analyse der verschiedenen Merkmale der Liebesdarstellung aufgeschlüsselt habe, komme ich zu dem Schluss, dass Reinmars Liebeskonzept in erster Linie auf der Verzichtsliebe und der Leidensbereitschaft (vorrangig des männlichen lyrischen Ichs) aufbaut. Dies wiederum halte ich für den Versuch, ein überspitztes Bild eines tugendhaften Mannes zu kreieren, welcher um eine ebenso höfisch-sittliche Dame 15 wirbt. Das führt in weiterer Konsequenz zu meiner Annahme, dass damit der affektive Charakter von „männlicher Liebe“ mit all seinen für das höfische Ideal negativ erscheinenden Begleiterscheinung (Zwang, Brutalität, reine Körperlichkeit, Ungezügeltheit,…) zerstört werden soll. In Verbindung mit den Merkmalen „Maß, Vernunft, Über-Vernunft“, „Liebe als ars […]“ und „ […] Liebe als Vorraussetzung sittlicher Läuterung“ kann man dies als eine didaktische Funktion von Reinmars Lyrik sehen. Inwieweit sich die Forderung und die Auslebung von Liebeskonzeptionen der hochhöfischen Lyrik auch auf die realhistorische Wirklichkeit des Mittelalters niedergeschlagen hat, ist in der Forschung umstritten: Man ist sich nicht einig, ob die Literatur auf die Realität, oder die Realität auf die Literatur gewirkt hat. Auch gibt es Forschungsansätze, welche die hochhöfische Lyrik einzig als Kunstprodukt ohne jeglichen didaktischen Charakter und Bezug auf die realhistorische Wirklichkeit des Mittelalters sehen. 16
Ich halte zumindest letztere Forschungsansicht für fraglich: Denn selbst ein Kunstprodukt 17 , welches rein fiktive Inhalte behandelt, stellt durch seinen Gegenbildcharakter zur Realität einen didaktischen Anspruch, indem es den zeitgenössischen Rezipienten überdeutlich konstruierte Alternativen zur Lebenswirklichkeit zeigt.
15 Die Tugendhaftigkeit der Dame verstärkt ebenso das höfisch-sittliche Bild des männlichen Werbenden.
16 Rüdiger Schnell: Die „höfische Liebe“ als Gegenstand der Psychohistorie, Sozial- und
Mentalitätsgeschichte. In: Poetica 23 (1991), S. 383 - 398.
17 Wie schon in dieser Arbeit erwähnt, bewerte ich besonders das Männerbild in Reinmars Lyrik als
überspitzte Darstellung, welche vermutlich nicht der realhistorischen Männerrolle des Mittelalters
entspricht. Gerade in dieser übertriebenen Inszenierung eines ideal-höfischen Mannes als Gegenbild zur
realen Lebenswelt vermute ich ebenso eine didaktische Funktion.
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Der konsequent durchgeführte didaktische Charakter des Liebeskonzepts in den vorliegenden Liedern Reinmars spricht für meine Annahme, dass zumindest Reinmarals bedeutender Minnesänger der hochhöfischen Liebeslyrik - seine Lieder nicht vorrangig zur Unterhaltung seines Publikums, sondern in erster Linie zur Belehrung eingesetzt hat: Ein Kunstprodukt mag sein Liedkorpus zweifelsohne sein, speziell wenn man die wohl durchdachte metrische Konstruktion seiner Verse oder den konsequent durchgeführten Klagegestus betrachtet, jedoch muss man auch die bildarme Sprachverwendung 18 innerhalb seiner Lyrik im Auge behalten und dies eventuell auch als Indiz dafür sehen, dass Reinmar wohl neben dem künstlerischen Gehalt seiner Werke ein ernstzunehmendes Augenmerk auf die Belehrung des Rezipienten geworfen hat. Ganz im Sinne des Grundsatzes: prodesse et delectare. Das Ergebnis der Makroanalyse und der Blick auf Reinmars Sprachgebrauch 19 scheinen meine Ansicht, dass Reinmars Liebeskonzeption stark didaktische Züge aufweist, zu bestätigen. Die nun folgende Detailanalyse wird versuchen, meine Hypothese zu untermauern, aber auch mögliche Gegenpositionen aufzeigen.
6. Einleitung zur Detailanalyse
Ich habe für die Detailanalyse das Lied XI 20 (R: S. 138 - 147) aus Schweikles Reinmar-Edition ausgewählt, da es eine große Anzahl an Merkmalen zur Liebesdarstellung beinhaltet und demnach ein repräsentatives Werk für eine genaue Betrachtung des Liebeskonzepts zu sein scheint.
Das gewählte Lied wird von Schweikle dem Subtyp des Frauenpreis zugeordnet, jedoch habe ich in einer früheren Bearbeitung des Textes die Ansicht vertreten, es handle sich um eine Minneklage mit eingefügter Frauenpreisstrophe. Der Grund für meine Annahme - welche ich immer noch vertrete - ist die Existenz eines immanenten Klagegestus innerhalb des Liedes, der neben der ebenso konsequent ausgeführten Huldigung der Frau einen durchaus wichtigen Bestandteil innerhalb des Textes
18 Damit ist gemeint, dass Reinmar im Vergleich zu anderen Minnesängern der hochhöfischen Lyrik eine
eher nüchterne Wortwahl in seinen Liedern verwendet, also z.B. Metaphorik und Sinnlichkeit eher im
Hintergrund steht.
19 Reinmar: Lieder. Nach der Weingartner Handschrift (B). Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Hrsg.
von Günther Schweikle. Stuttgart: Reclam 2002 (=Universal-Bibliothek. 8318.), S. 42f.
20 „Ich wirbe umbe allez, daz ein man“ (MF 159,1).
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einnimmt: Das männliche lyrische Ich umwirbt und huldigt also nicht nur seine angebetete Dame, sondern reflektiert auch über sein Liebesleiden. 21 Der Aufbau der Detailanalyse wird folgendermaßen aussehen: An erster Stelle der Analyse will ich dem Leser eine Paraphrase vorlegen, welche zur Veranschaulichung des Inhalts des fünfstrophigen Liedes XI dienen soll. Daraufhin folgt eine Analyse von ausgewählten Textpassagen, welche zum Ziel hat, die Einblicke, die im Zuge der Makroanalyse gewonnen wurden, zu komplementieren. Abschließend werde ich die gesammelten Ergebnisse in einem erneuten Resümee zusammenfassen. Dieser zweite Teil meiner Arbeit dient also der genaueren Betrachtung der Ergebnisse aus der Makroanalyse.
6.1 Paraphrase des Liedes XI
1. Strophe
Das männliche lyrische Ich strebt nach weltlichen Freuden, und zwar nach einer Frau die einen solch übergroßen Wert hat, dass es sie dafür gar nicht rühmen kann. Sie ist so tugendhaft, dass er sie nicht wie andere Frauen rühmen kann - denn sie übertrifft alle anderen.
2. Strophe
Wenn ihm dennoch einmal sein Körper rät, dass er fortgeht und sich eine andere Frau zur Freundin nimmt, dann ist sein Herz jedoch immer beständig bei dieser tugendhaften Frau. Sein Herz will nirgends wohin als zu ihr, auch wenn ihm diese Frau noch soviel Mühsal bereitet, denn das lyrische männliche Ich ist für den Dienst an dieser Frau geboren.
3. Strophe
Wenn das männliche lyrische Ich jedoch die Möglichkeit hätte, dem Mund der Frau einen Kuss zu stehlen, dann würde er Gott darum bitten, dass er den Kuss heimlich mit
21 Die nachfolgende Paraphrase wird der LeserIn einen kleinen Einblick in die Problematik der
Einordnung dieses Liedes bieten, die Detailanalyse selbst wird jedoch nicht das Ziel einer Definierung
des Subtypus haben, sondern ausschließlich die Liebesdarstellung innerhalb des Textes beobachten.
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sich vortragen dürfe. Würde ihn die Frau jedoch deswegen verachten, so würde er den Kuss dorthin zurückbringen, woher er ihn gestohlen hat.
4. Strophe
Das männliche lyrische Ich liebt die Frau, jedoch befürchtet es, dass sie ihm gleichgültig gegenübersteht. Jedoch nimmt es das in Kauf und will weiter in Treue bei ihr verharren, um vielleicht irgendwann einmal das Wunder genießen zu können, dass sie ihn gerne sieht.
5. Strophe
Den Rest seines Lebens will das männliche lyrische Ich der Dame untertänigst dienen, um sich über die kleinen Freuden, die sie ihm zukommen lässt, zu freuen. Dafür nimmt der männliche Werbende das Leid, welches er durch die unnahbare Dame erfährt, gerne auf sich.
6.2 Textanalyse des Liedes XI
Das Lied Ich wirbe umbe allez, daz ein man (MF 159,1) ist in 5 Strophen gegliedert, welche sich metrisch nicht unterscheiden: Die Strophen sind allesamt in neun Verszeilen aufgebaut, wovon die ersten vier Verszeilen kreuzgereimt und die letzten fünf Verszeilen in einen Paarreim und einen Dreireim aufgeteilt sind. Das ergibt folgendes metrisches Schema, welches ich mit den in eckige Klammern gesetzten Reimwörtern der 1. Strophe näher beschreiben will: A (abab) [man - sol - enkan - wol] B (ccddd) [tuot - guot - stat - getrat - mat]
Dieser kurze Blick auf den konsequent einheitlich durchgeführten metrischen Aufbau soll noch einmal auf meine Hypothese innerhalb der Makroanalyse verweisen, wo ich die Behauptung äußerte, dass Reinmars Metrik ein Argument dafür sein könnte, dass sein lyrisches Werk als Kunstprodukt zu sehen sei. An dieser Stelle will ich der Fragestellung einen Gedanken hinzufügen: Vielleicht sollte man nicht davon ausgehen, dass ein lyrisches Kunstprodukt didaktisch gesehen negativ zu betrachten sei und es praktisch „nur“ zur Unterhaltung diene, weil es eben „nur“ ein Kunstprodukt darstelle;
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stattdessen könnte man die Vermutung anstellen, dass ein Kunstprodukt, welches metrisch so einheitlich aufgebaut ist, vielleicht auch für den Rezipienten einen größeren Erinnerungswert aufweist: Das einheitliche Reimschema innerhalb der 5 Strophen könnte durchaus eine Gedächtnisstütze sein und nicht nur das Rezipieren ästhetisch verschönern, sondern auch den didaktischen Gehalt - also das Merken des Inhaltsmaximieren.
An dieser Stelle möchte ich mich von der Metrik hin zum semantischen Wert des Liedes wenden und ausgewählte Textpassagen näher analysieren. Hierfür werde ich mich an die Ergebnisse der Makroanalyse halten und gefundene Merkmale der Liebesdarstellung - welche schon in den obigen Tabellen zitiert wurden - einer genaueren Betrachtung unterziehen.
Wie das Ergebnis der Paraphrase zeigt sucht das männliche lyrische Ich nach weltlichen Freuden, welche es im Werben um eine auserwählte Frau zu finden glaubt. In seinem Werbebemühen und in seinem Lieben zeigen sich sämtliche der Merkmale der Liebesdarstellung, auf welcher die Makroanalyse dieser Arbeit beruht. Ich will ausschließlich auf die Merkmale der Leidensbereitschaft und der Verzichtsliebe, des dienenden Verhaltens des Mannes und auf die Beständigkeit und Ausschließlichkeit der Liebe näher eingehen, da ich diese Merkmale in Bezug auf Reinmars Liebeskonzept als vorrangig betrachte.
Die 1. Strophe des Liedes weist keinen auffälligen Klagegestus auf und dient somit ausschließlich dem Frauenpreis. Schon in den letzten drei Verszeilen der ersten Strophe stellt das männliche lyrische Ich die Behauptung auf, dass seine auserwählte Dame alle anderen Frauen überstrahle und unerreichbar in ihrer Tugendhaftigkeit sei:
doch swer ich des, si ist an der stat,
dâs ûz wîplîchen tugenden nie fuoz getrat. daz ist iu mat. (R: S. 138/Str. 1/Vz. 7ff)
Besonders das Mattsetzungsmotiv - ein Überbietungstopos - der letzten Verszeile des ausgewählten Beispiels verdeutlicht, dass das männliche lyrische Ich ausschließlich um
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diese eine Frau wirbt. Weitergeführt wird seine Ausschließlichkeitsbekundung 22 in der 2. Strophe: Alse eteswenne mir der lîp durch sîne bœse unstæte râtet, daz ich var Und mir gefriunde ein ander wîp, sô wil iedoch daz herze niender wan dar. (R: S. 140/Str. 2/Vz. 1-4)
Hier wird, wie schon im Resümee der Makroanalyse erwähnt, der Gegensatz zwischen dem Wirken des Leibes und dem Wirken des Herzens gegenübergestellt. Der Leib des männlichen lyrischen Ichs wird als wankelmütig dargestellt, was wohl als Hinweis darauf zu sehen sein könnte, dass der Leib dem Sexualtrieb unterliegt. Ganz anders steht es um das Herz: Es verlangt immer bei der angebeteten Frau zu sein. Dieser Gegensatz zwischen Leib und Herz, beziehungsweise (triebhaftem) Körper und (empfindsamen) Denken, ist meiner Meinung nach eine eindeutige Darstellung in der die Triebhaftigkeit negiert wird - womit natürlich einhergeht, dass die Triebkultivierung positiviert wird. Ebenso kann man den gesamten Verszeilenkomplex als Aufrichtigkeitsbekundung definieren, in der das männliche lyrische Ich seine beständige Liebe zur Dame ausdrückt: Es entkräftet die aufgebauten Zweifel (Verszeile 1ff) in einem schlichten Satz, in welchem es behauptet, dass sein Herz zu keiner Zeit woanders sein will als bei der Umworbenen.
In der 2. Strophe des Liedes, direkt anschließend zum oben genannten Beispiel, findet sich die erstmals eine deutliche Darstellung der Klage des männlichen lyrischen Ichs:
Wol ime des, daz ez so rehte welen kan
und mir der süezen arbeite gan. (R: S. 140/Str. 2/Vz. 5f)
Das männliche lyrische Ich heißt es gut, dass sein Herz diese Dame auserwählt hat, auch wenn sie ihm viel Leid und Sorge bereitet. Es umschreibt den Grund seines Leidens damit, dass sein Herz ihm
süße Arbeit gönnt
23
: Den Gegensatz zwischen dem positivierenden Adjektiv , welches attributiv verwendete in engem
22
Die Ausschließlichkeitsbekundung ist besonders gut am Kennwort mhd.
23 mhd. „süezen arbeite gan“.
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Zusammenhang mit dem nachfolgenden negativ konnotierten Substantiv
Si ist mir liep und dunket mich.
wie ich ir volleclîche gar unmære sî. Was darumbe? daz lîde ich. (R: S. 144/Str. 4/Vz. 1ff)
Das männliche lyrische Ich bekräftigt seine aufrichtige Liebe zur umworbenen Frau, doch äußert es auch die Befürchtung, dass er ihr unter Umständen völlig gleichgültig sei. Es schließt diesen Gedanken jedoch mit einer fast schwankhaften rhetorischen Frage ab: „Was soll`s?“ - und fügt hinzu, dass es auch die negativen Aspekte einer Verzichtsliebe in Kauf nähme: „Das erleide ich!“.
Diese drei Verszeilen zeigen somit einerseits eine deutliche Darstellung der Leidensbereitschaft des männlichen lyrischen Ichs, sowie eine Positivierung der Verzichtsliebe, was erneut eine Positivierung der Triebkultivierung umschreibt. Zurück zur zweiten Strophe: In den Verszeilen 7 bis 9 bekräftigt das männliche lyrische Ich seine beständige Dienstbereitschaft gegenüber der auserwählten Dame. Es sieht sich für den Frauendienst an dieser Dame geboren, selbst wenn es den Zorn der ganzen Welt auf sich nehmen müsse:
doch hân ich mir ein liep erkoren,
deme ich ze dienst, und wær ez al der werlte zorn, wil sîn geborn. (R: S. 140/Str. 2/Vz. 7ff)
Diese Textpassage zeigt eindeutig das dienende Verhalten des Mannes, welches in der fünften Strophe durch das Attribut der Untertänigkeit komplementiert wird:
Diu jâr, diu ich noch ze lebenne hân,
swie vil der wære, ir wurde ir niemer tag genomen. Sô gar bin ich ir undertân,
24
Schweikle übersetzt mhd.
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daz ich niht sanfte ûz ir gnâden mohte komen. (R: S. 146/Str. 5/Vz. 1-4)
All die Jahre, die das männliche lyrische Ich noch zu leben hat, will es seiner Dame zur Seite stehen und ist ihr so untertan, dass es niemals ohne großen Schmerz aus diesem Dienstverhältnis treten könne. Die ersten vier Verszeilen der fünften Strophe fügen dem Bild des männlichen Werbenden den oben zugeschriebenen Attributen der Beständigkeit, Leidensbereitschaft, Ausschließlichkeit und Aufrichtigkeit auch noch die Eigenschaft der Untertänigkeit hinzu.
Das Bild des Mannes, wie es sich in der Makroanalyse schon dargestellt hat, wird durch die Detailanalyse des Liedes XI also bestätigt: Der Mann ist leidensbereit und liebt beständig, aufrichtig, ausschließlich und - vorrangig - unerwidert. In dieses Liebeskonzept sind didaktische Komponenten eingebettet, welche die sonst so trist wirkende Liebesdarstellung positivieren:
ich wirbe umbe allez, daz ein man
ze wertlîchen fröiden iemer haben sol: Daz ist ein wîp, der ich enkan
nâch ir vil grôzem werde niht gesprechen wol.(R: S. 138/Str. 1/Vz. 1-4) Schon am Anfang des Lieds XI stellt das männliche lyrische Ich voller Vernunft fest, dass es zwar nach weltlichen Freuden sucht, jedoch die auserwählte Dame von so großem Wert ist, dass es fast unmöglich ist sie zu rühmen. Es hat sich also schon am Anfang des Liedes mit der Verzichtsliebe abgefunden und begnügt sich mit der Werbung um eine besondere Frau, was wiederum sehr deutlich den Aspekt der Triebkultivierung zeigt. Affekthaftigkeit und körperliche Annäherung spielen in Reinmars Liebeskonzept keine Rolle, ganz im Gegenteil, sie werden durch die oben analysierten Attribute negiert. Abweichungen von diesem „triebkultivierten Liebeskonzept mit immanentem Klagegestus“ 25 finden sich im Textkorpus sehr selten, meist handelt es sich dabei nur um scherzhafte Anspielung und satirische Bearbeitung der Minnethematik 26 .
Jedoch will ich eine Textpassage zum Abschluss dieser Detailanalyse als etwaigen Gegenpol zum oben genannten Liebeskonzept bieten:
25 Ich empfinde diese Bezeichnung für Reinmars Liebeskonzept als angemessen.
26 z.B. die Minnesatire (R: S. 282 - 285), welche jedoch nicht mit hundertprozentiger Sicherheit
Reinmars Werk zuzuordnen ist.
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Siu jehent, daz stæte sî ein tugent, der andern frouwe, wol im der sîn habe. Si hât mit stæte in mîner jugent mir gebrochen mit ir schœnen zühten abe, Daz ich si unz an mînen tôt niemer mê gelobe. (R: S. 162/Str. 1/Vz. 1-5)
In diesen Verszeilen des Lieds XIII, welches dem Subtyp der Minneklage zuzuordnen ist, bricht das männliche lyrische Ich mit dem für Reinmar konventionellen Liebeskonzept. Der Mann vergleicht seine Beständigkeit innerhalb seiner Werbung mit der Beständigkeit der Frau in ihrem züchtigen Verhalten. Und genau die beständige „Züchtigkeit“ der Frau bricht dem männlichen lyrischen Ich das Herz, weswegen es die Dame bis zu seinem Tod nicht mehr rühmen wolle. Diese Verszeilen sagen also aus, dass der werbende Mann die höfische Sittsamkeit der Dame und die damit verbundene Verzichtsliebe verurteilt. Anschließend wird - wie eine Erklärung des Vorangegangenen wirkend - folgende Textpassage hinzugefügt:
ich sihe wol, swer nû vert sêre wüetende als er tobe,
daz den diu wîp noch minnent ê danne einen man, der des niht kan. (R: S. 162/Str. 3/Vz. 6ff)
Das männliche lyrische Ich begründet seine negative Haltung zum Weiterwerben also damit, dass seiner Ansicht nach Männer, die nicht tugendhaft und sittsam werben und sich wie verrückt gebären, oft von Frauen eher geliebt und akzeptiert werden. Dies könnte man als einen verächtlichen Blick auf das Liebesverhalten von unkultivierten Männern betrachten, welche konträr zu Reinmars Liebeskonzept ein affektives Liebesverhalten aufweisen. Diese Problematisierung zwischen triebkultiviertem und affektivem Lieben deute ich als weiteres Indiz dafür, dass Reinmars Lyrik einen didaktischen Schwerpunkt aufweist: Wieso sollte er sonst einen Bruch in seinem sonst konstanten Liebeskonzept riskieren, wenn nicht darum, um den Rezipientenkreis zum Nachdenken anzuregen?
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7. Schlussresümee
Die Makroanalyse und die Detailanalyse dieser Arbeit haben meine Hypothese, dass Reinmars Liebeskonzept einen stark didaktischen Charakter innewohnen hat, bestätigt. Natürlich ist anzumerken, dass in dieser Arbeit nicht alle Lieder Reinmars analysiert wurden, jedoch bestand der Textkorpus immerhin aus rund der Hälfte aller Lieder, welche Reinmar zugeschrieben werden. Im Zuge der Makroanalyse konnte ich mithilfe einer statistisch-quantitativen Bearbeitung die vorhandenen Merkmale der Liebesdarstellung in Reinmars Texten klassifizieren und in den Tabellen festhalten. In den nachfolgenden Verbalisierungen der beiden Tabellen brachte ich die Ergebnisse der beiden Analysen in eine Ordnung, welche dem Leser eine zusätzliche Hilfestellung beim Erfassen des Analyseergebnisses bietet. Dieser Überblick über den gesamten Textkorpus vermittelte auch mir ein erstes Bild von den vorhandenen Tendenzen innerhalb Reinmars Liebeskonzept, weswegen ich innerhalb des Resümees der Makroanalyse begann, die schlussendliche Kernhypothese dieser Arbeit aufzustellen: Reinmars Liebeskonzept hat stark didaktische Züge, will also den Rezipientenkreis nicht nur unterhalten, sondern vielmehr belehren. Das Konzept der Belehrung ist die positive Darstellung der Triebkultivierung, also die Darstellung eines männlichen Sprechers in den Liedern, welcher in seinem Liebesverhalten jeglicher Affektivität -oder gar ungestümer Emotionalität und Brutalität - abschwört. Reinmar zeichnet also das Bild eines Mannes, der sich geduldig in Verzichtsliebe übt und Rückschläge mit fast stoischer Ruhe hinnimmt, auch wenn dieses passive Verhalten oft mit selbstmitleidigem Klagen durchzogen ist.
Ob nun das vorhandene Liebeskonzept, welches den Mann in eine dienende Position gegenüber einer unerreichbaren Frau rückt, eine Gegenposition zum realhistorischen Geschlechterverhältnis der mittelalterlichen Welt einnimmt, oder
Entwicklungstendenzen der Beziehung zwischen Mann und Frau aufnimmt und überzogen darstellt, ist schwer zu eruieren. Die mentalitätsgeschichtliche Forschung ist sich bei dieser Fragestellung uneinig und es wird wohl noch einige Forschungsarbeit geleistet werden müssen, um ein halbwegs klares Bild über das Verhältnis zwischen Mann und Frau im Hochmittelalter zu erhalten.
Diese Arbeit an Reinmars lyrischem Werk zeigt zumindest eine Männerrolle auf, die nichts mit dem archaischen Männertypus zu tun hat, welchen man in der
mittelalterlichen Heldenepik - zum Beispiel im Nibelungenlied - zu sehen bekommt.
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Innerhalb der mittelalterlichen Literatur zeichnet sich also eine Entwicklung ab: Der männliche Held, der seine Beute - und dazu kann man oft genug auch die Frau hinzuzählen - kämpferisch erobert 27 und somit eine aktive Rolle innerhalb der Werbung hat, wird durch den abwartenden und abhängigen, aber auch gefühlsgeleiteten Mann, ersetzt. Wenn man so sagen will: Der Held Siegfried, seines Zeichens Drachentöter, erfolgreicher Kämpfer gegen Dänen und Sachsen und Brunhild-Bezwinger, wird von einem klagenden Mann abgelöst, dessen Beutezugsschema sich einzig durch die Beständigkeit seines Werbens, der Aufrichtigkeit und Treue seiner Liebe, der Akzeptanz der Verzichtsliebe und dem dienenden Verhalten gegenüber der Dame auszeichnet; Und ganz genau dieser männliche Sprecher in Reinmars Lyrik beklagt auch das Verhalten all jener Männer, die ihr Werben nach altbewährtem Muster auslegen:
ich sihe wol, swer nû vert sêre wüetende als er tobe,
daz den diu wîp noch minnent ê
danne einen man, der des niht kan. (R: S. 162/Str. 3/Vz. 6ff)
Das Toben - also das aktive und affektive Verhalten des Mannes - ist in Reinmars Lyrik nicht mehr Bestandteil des männlichen Werbens. Schlussendlich kann man also sagen: Das Auftreten der Männerrolle in der mittelalterlichen Literatur unterliegt Schwankungen und erreicht in Reinmars lyrischem Werk wohl den Höhepunkt der Darstellung eines triebkultivierten Subjekts, welches sich durch Passivität, aber auch positiven Attributen wie Aufrichtigkeit, Treue und Leidensbereitschaft [...], auszeichnet - und damit der Didaktik zu dienen scheint.
27 Oder durch kämpferische Heldentaten gegen die Feinde des Personenumfelds der umworbenen Frau.
40
Anmerkung:
Die 1. Spalte der Tabelle zeigt die Liederfolge innerhalb von Schweikles Edition. Die 2.
Spalte richtet sich nach der Reihenfolge innerhalb des Reinmar-Abschnittes in der
Manesse: In Klammer gesetzt sind Farben der zum Lied gehörenden Initialen, um die
Unterscheidung und auch Zählung der Lieder zu vereinfachen 28 . In der 3. Spalte folgt
die Klassifizierung des Subtyps des jeweiligen Lieds. In der 4. Spalte sind die
Internetadressen aufgelistet, die zum Digitalisat des jeweiligen Liedes führen.
28 Rote und blaue Initialen wechseln sich konsequent Lied für Lied ab, wodurch eine Zählung vereinfacht
wird.
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Anmerkung:
Das Diagramm zeigt die Anzahl der einzelnen Subtypen innerhalb des vorliegenden
Textkorpus. Unschwer ist zu erkennen, dass von den 31 bearbeiteten Liedern die große
Mehrheit der Minneklage zuzuordnen ist.
43
9. Literaturhinweise
Reinmar: Lieder. Nach der Weingartner Handschrift (B).
Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Hrsg. von Günther Schweikle. Stuttgart: Reclam 2002 (=Universal-Bibliothek. 8318.).
Schweikle, Günther: Minnesang. Zweite Auflage. 2. korrigierte Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler 1995. (= Sammlung Metzler. 244.).
Brunner, Horst: Geschichte der deutschen Literatur des Mittelalters im Überblick. Ergänzte Ausgabe. Stuttgart: Reclam 2003.
Henning, Beate: Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch. 4. verbesserte Auflage. Tübingen: Niemeyer 2001.
Hans-Henning Kortüm: Menschen und Mentalitäten. Einführung in die Vorstellungswelten des Mittelalters. Berlin 1996, S. 269-295. [Kap. XI: Sexualität und Liebe]
Rüdiger Schnell: Die „höfische Liebe“ als Gegenstand von Psychohistorie, Sozial- und Mentalitätsgeschichte. In: Poetica 23 (1991), S. 374-424.
Ernst Schubert: Alltag im Mittelalter. Natürliches Lebensumfeld und menschliches Miteinander. Darmstadt 2002, S. 248-271. [„Die Liebe - als Thema des Umgangs der Menschen miteinander“]
Obermaier, Sabine: Von Nachtigallen und Handwerkern. "Dichtung über Dichtung" in Minnesang und Sangspruchdichtung. Tübingen: Niemeyer 1995.
44
Arbeit zitieren:
Bakk. phil. Matthias Melcher, 2008, Die Liebe in Reinmars lyrischem Werk, München, GRIN Verlag GmbH
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am Wednesday, November 26, 2008-