Die Großstadt im zeitgenössischen englischen Roman - am Beispiel London
Freie wissenschaftliche Arbeit zur Erlangung des Magistergrades
Institut für Englische Philologie
der Ludwig-Maximilians-Universität München
September 1994
vorgelegt von
Daniela Krommer
INHALTSVERZEICHNIS
I. Einführung
II. Die Stadtdarstellung vom 18. Jahrhundert bis zur Moderne - ein motivgeschichtlicher Überblick
1. Frühformen der Großstadtdarstellung im Roman des 18. Jahrhunderts
2. Die realistische Stadtdarstellung im 19. Jahrhundert
3. Subjektivierung und Fragmentarisierung - die Großstadtdarstellung in der Moderne
III. Das zeitgenössische Bild der Stadt
1. Die Gestalt der heutigen Stadt
2. Das Leben in der zeitgenössischen Großstadt
3. Von der lesbaren Stadt zur opaken Zeichenstätte
4. Die zeitgenössische Literatur und die Großstadt - allgemeine Kennzeichen
IV. London und die London-Darstellung von der Nachkriegszeit bis in die sechziger Jahre
1. Die "reaction against experiment" - Die Großstadt im traditionell erzählten zeitgenössischen englischen Roman
2. Die Wiederaufnahme des experimentellen Erzählens
2.1 Die intertextuell bestimmte Großstadterfahrung - David Lodge, The British Museum is Falling Down (1969)
V. Die britische Megalopolis - Londons Weg in die Unübersichtlichkeit und Unwirtlichkeit
1. Die Großstadt zwischen Sein und Schein - Peter Ackroyd, The Great Fire of London (1982)
2. Die geheime Tiefenstruktur der Großstadt - Peter Ackroyd, Hawksmoor (1985)
3. Stadtgeschichte - und -geschichten - Michael Moorcock, Mother London (1988)
4. Die Großstadt im postmodernen historischen Roman - Lawrence Norfolk, Lemprière′s Dictionary (1991)
VI. Schlußbetrachtung
VII. Bibliographie
I. EINFÜHRUNG
Betrachtet man die Darstellung der Stadt in der Literatur, so sollte man nie außer acht lassen, daß das literarische Bild der Stadt zu keiner Zeit mit der faktischen Stadt gleichsetzbar und auch kein getreues Abbild der herrschenden Verhältnisse ist, sondern in erster Linie als abhängig von der Einstellung und Persönlichkeit des Autors gesehen werden sollte. Dennoch ist der Einfluß der außerliterarischen Wirklichkeit nicht zu vernachlässigen und hat wohl jede fiktionale Stadt entscheidend mitgeprägt.
Von alters her zeigten sich die Menschen fasziniert von der großen Stadt, wie bereits die frühen literarischen Belege aus den alten Epen wie der Ilias oder der Odyssee und der Bibel bestätigen. Die Stadt galt und gilt immer noch einerseits als Schutzraum und Kulminationspunkt von Wissen und Macht, andererseits wurde und wird sie immer wieder in den negativen Ausmaßen erfahren, die ein Zusammenleben vieler Menschen auf engem Raum mit sich bringt, und es ist es nicht weiter verwunderlich, daß die Stadt in der Literatur zu allen Zeiten in ambivalenten Bildern gezeigt wird. Das eindrucksvollste Beispiel dafür ist wohl zweifelsohne in der Offenbarung des Johannes zu finden, die der Stadt Babylon, der "Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden" das "neue Jerusalem" gegenüberstellt, das sich durch reine Schönheit und Regelmäßigkeit auszeichnet.1 Ein Beispiel, das nicht nur die zwiespältige Einstellung der Stadt gegenüber wiedergibt, sondern auch zeigt, wie sehr sich literarisches Bild und reale Stadtkonzeption gegenseitig beeinflussen, da die Idealstadt des "Himmlischen Jerusalem" nicht nur zum Vorbild für die jenseitsgerichteten literarischen Stadtkonzepte des Mittelalters wie den Gottesstaat des Augustinus wurde, sondern selbst den faktischen mittelalterlichen Städtebau bestimmte.
Nach dem Aufbrechen des jenseitsgerichteten Weltbildes des Mittelalters entwickelte sich in der Renaissance ein Interesse am Individuum und an der unmittelbaren Wirklichkeit. Der Roman, der sich dann seit dem 18. Jahrhundert in Europa zur führenden literarischen Form entwickelt, kommt dieser neuen Denkweise nahe und wird zum idealen Medium zur Darstellung der Stadt, da sich durch einen städtischen Schauplatz mit seinen vielfältigen Möglichkeiten und Erscheinungsformen auf plausible Weise die unterschiedlichsten Charaktere, Situationen und Handlungen zusammenführen lassen.
Von Roman zu Roman kann sich die Bedeutung der Stadt für das Textganze allerdings erheblich unterscheiden. So erscheint die Stadt vielfach nur im Hintergrund und bleibt auf topographische Angaben beschränkt. Im folgenden sollen dagegen jene Romane im Vordergrund stehen, in denen die Darstellung der Stadt über die Funktion als setting hinausgeht und - üblicherweise in Verbindung mit anderen Themen - Auswirkungen auf Handlung, dargestellte Zeit und Personencharakterisierung hat. Einigen Literaturwissenschaftlern zufolge sind solche Romane als "Stadtromane" zu bezeichnen. Es wurde daher wiederholt versucht, einen so bezeichneten Typus als eigenständige Gattung zu sehen, wie den Abenteuer- , den Bildungsroman oder ähnliches, indem sie die epische Zentralität der Stadt im Roman als Definitionskriterium heranzogen.
Eine allgemeine Definition bietet Volker Klotz in seinem Werk Die erzählte Stadt2 an, das als Klassiker einer umfangreichen und umfassenden Untersuchung der Stadt im Roman gilt. Klotz sieht eine generelle Ähnlichkeit zwischen Stadt und Roman darin, daß nicht allein der Umfang des Romans der Vielfalt des Großstadtlebens entspricht, sondern auch die Fülle der Themen in beiden gegeben sind.
Andere Literaturwissenschaftler wie beispielsweise Scherpe stellen diese Definition in bezug auf die Gegenwartsliteratur allerdings in Frage, da in einer Zeit, in der das ordnungsstiftende Prinzip des Erzählens verloren gegangen ist der Terminus der "erzählten" Stadt problematisch erscheint,3 was jedoch vorwiegend auf die experimentelle Literatur beschränkt bleibt und all die (zahlreichen) Romane ausklammert, die immer noch in der traditionellen realistischen Erzählweise gehalten sind. Einer der bekanntesten Versuche einer Klassifikation des Stadtromans wurde von Blanche Gelfant 1954 für den amerikanischen Roman unternommen. Gelfant unterscheidet drei Typen des Stadtromans, die unterschiedliche Schwerpunkte in der Darstellung des urbanen Lebens setzen. In der portrait novel erschließt sich die Stadt durch die Erfahrung einer einzelnen Figur, wie es in der Regel in Verbindung mit der Initiationsthematik geschieht, durch die der Protagonist die städtische Umwelt als wichtige Station auf seinem Weg in die Reife erfährt. Die ecological novel konzentriert sich auf eine räumliche Einheit innerhalb des Stadtganzen, wie z.B. ein Stadtviertel, eine Straße oder ein Haus. In der synoptic novel schließlich erscheint die Stadt selbst als Protagonist.4
Die synoptic novel, die vorwiegend in der modernen Literatur auftauchte, sieht Diane Wolfe Levy in ihrem Aufsatz "Towards a Definition of Urban Literature" als einzig wahren Typus des Stadtromans:
We could identify ′urban′ literature as that where the setting takes precedence over
character; where in fact, the setting rises to the level of protagonist.5
Eine solche Sichtweise ist aber doch als zu eingeschränkt zu werten, da sie, mehr noch als die von Scherpe, nur auf sehr wenige Werke zutreffen würde. Wie aus diesem kurzen Überblick hervorgeht, wird die Diskussion über die Problematik "Stadtroman" noch lange nicht abgeschlossen sein und auch vermutlich zu keinen allgemein gültigen Aussagen finden. Es ist aber vor allem Gelfants weitgefaßte Einteilung, die eine brauchbare Orientierungshilfe für alle Romanarten bietet, in denen die Stadtdarstellung eine wichtige Funktion innehat. Dabei muß jedoch darauf hingewiesen werden, daß sich im Normalfall die drei genannten Typen des Stadtromans nicht immer streng voneinander trennen lassen, wie sich auch bei den Romanen der zeitgenössischen englischen Literatur zeigen wird.
Die Darstellung der Großstadt in englischen Romanen der Gegenwart ist bisher von der Sekundärliteratur eher vernachlässigt worden. Die Literaturkritik hat sich für die englische Literatur insbesondere mit der fiktionalen Großstadt im 19. Jahrhundert sowie dem frühen 20. Jahrhundert befaßt. Wirft man einen Blick auf die Romane der zeitgenössischen britischen Literatur, kann man feststellen, daß die Großstadt immer noch eine bedeutende Rolle spielt und viele Autoren der Gegenwartsliteratur London als handlungsbestimmenden Schauplatz ihrer Romane gewählt haben.
Es scheint also eher ein Problem der Literaturwissenschaft an sich zu sein, wie man sich dem Erscheinen der Großstadt in Erzähltexten am besten nähert. Mittlerweile haben die unterschiedlichsten Wissenschaften zu ihrer Deutung beigetragen, die demnach alle mitberücksichtigt werden müßten, wollte man eine umfassendes Untersuchung der fiktionalen Stadt betreiben. Daher ist es wichtig, eine Einschränkung auf einen gewissen Bereich zu machen, wie auch die einzigen beiden momentan vorliegenden umfassenderen Arbeiten zu diesem Thema zeigen.
Michael Breuners Dissertation Hunger for Place6 befaßt sich mit der schon etwas zu weitgefaßten Frage nach der Darstellung des Raumes in London-Romanen von der Nachkriegszeit bis zu den späten achtziger Jahren. Der Nachteil dieser Arbeit ist, daß die umfangreiche und präzise Analyse der ausgewählten Texte in einem undurchsichtigen Verhältnis zu einem sehr theoretischen Einführungsteil über die Raumproblematik steht, den der Autor zudem im Vorwort selbst in Frage stellt. Zu klareren Ergebnissen kommt Christine W. Sizemore in A Female Vision of the City. Sizemore behandelt fünf Autorinnen der Gegenwart - Doris Lessing, Iris Murdoch, Margaret Drabble, Maureen Duffy und P. D. James - und das London-Bild in ihren Romanen. Da Sizemores Arbeit dezidiert feministisch ausgerichtet ist, betrachtet sie auch die Stadtdarstellung bei den ausgewählten Autorinnen unter diesem eingeschränkten Gesichtspunkt. Gemäß ihrer These entspricht die Darstellung Londons als Labyrinth, Netz, Mosaik, Ausgrabungsstätte oder Palimpsest dem weiblichen Denkmuster7 und ist anhand der ausgewählten Textbeispiele und der psychologischen Fundierung der Interpretationen durchaus nachvollziehbar.
[...]
1 Die Bibel. Offenbarung 17,5 und 21.
2 Volker Klotz, Die erzählte Stadt. Ein Sujet als Herausforderung des Romans von Lesage bis Döblin. München 1969
3 Klaus R. Scherpe, "Nonstop nach Nowhere City?" In: ders. (Hrsg.), Die Unwirklichkeit der Städte. Großstadtdarstellungen zwischen Moderne und Postmoderne. Hamburg 1988. S. 129.
4 Blanche Gelfant, The American City Novel. Norman 1954. S. 11.
5 Diane Wolfe Levy, "City Signs: Towards a Definition of Urban Literature" in: Modern Fiction Studies 24. 1978. S. 66.
6 Michael Breuner, Hunger for Place. Studien zur Raumdarstellung im London-Roman seit 1940. Frankfurt/M. 1991. Breuner behandelt sieben Romane von Graham Greene, Eizabeth Bowen, Colin MacInnes, Iris Murdoch, Iain Sinclair, Michael Moorcock und Peter Ackroyd, wobei er die Raumerfahrung in den jeweiligen Texten unter den Aspekten Krieg, Jugend in der Stadt und Abbildung einer zeitgenössischen Stadterfahrung untersucht
7 Christine W. Sizemore, A Female Vision of the City. Knoxville 1989.
Arbeit zitieren:
Daniela Krommer, 1994, Die Großstadt im zeitgenössischen englischen Roman - am Beispiel London, München, GRIN Verlag GmbH
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