Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkungen 3
2. Politik und Medien Die Öffentlichkeit die Medien und die Politiker in einem komplexen
Spannungsfeld 4
3. Die Anforderungen an die Politiker in der Mediengesellschaft 9
4. Wahlkämpfe als Arenen der absoluten Personalisierung und Inszenierung Die Leipziger
Krönungsmesse der Parteitag der SPD am 17 April 1998 14
5. Schlussbetrachtungen 18
6. Literatur Quellen 19
2 NA
1. Vorbemerkungen
Dass in einer zusehends mediengesteuerten und medienorientierten Gesellschaft die Selbst- darstellung von Politikern eine immer tragendere Rolle spielt, wird dem Zuschauer spätestens dann gewahr, wenn er sich durch die verschiedenen Polit-Talk-Shows zappt. Vielfach geht es nicht mehr darum politische Statements, Botschaften oder auch Einstellungen zu vermitteln, sondern den Erwartungen, die die Medienöffentlichkeit an den Politiker heranträgt, wie auch immer, gerecht zu werden. Ein sicheres, wendiges und ästhetisches Image soll transportiert werden, auch auf die Gefahr hin, dass wesentliche Themen, nämlich die sachliche Auseinan- dersetzung mit aktuell anstehenden Fragestellungen, hinten an gestellt werden. Persönliche Ränkespiele werden ganz im Sinne eines Mix aus Politik und Unterhaltung ausgetragen, und auch der ein oder andere Schuss unter die Gürtellinie wird, so er denn gelungen, vom Publi- kum als besondere Schlagfertigkeit goutiert. Nimmt die Selbstdarstellung überhand, heben die Talkmasterinnen Sabine Christiansen oder Maybrit Illner schon einmal drohend den Zeigefin- ger, um den jeweiligen Politiker wieder auf die richtige Fährte zu locken.
Politik und Medien sind heillos miteinander verschränkt, und es wird in dieser Arbeit zu- nächst um das Problem der Öffentlichkeit in Zusammenhang mit Politik in einer modernen Gesellschaft gehen, einer Gesellschaft die oftmals als „Mediengesellschaft“ definiert wird, und sich auch als solche versteht. Welche Anforderungen diese Mediengesellschaft an den einzelnen Politiker stellt, wird ebenso Gegenstand der Arbeit sein, wie die Analyse von Wahl- kämpfen. Diese sind mehr denn mehr denn je Arenen der absoluten Personalisierung und In- szenierung der einzelnen Agierenden. Auch hier werden kaum mehr politische Inhalte vermit- telt, vielmehr setzen die am Prozess Beteiligten auf die Kraft des Bildes, und des visuellen Eindrucks. Gezeigt wird dies am Beispiel der Leipziger „Krönungsmesse“, dem Parteitag der SPD 17. April 1998.
Während in den Anfängen der bundesrepublikanischen Demokratie die Medien, allen voran die Printmedien, das politische Geschehen kommentierten, und Medien und Politik noch rela- tiv unabhängig voneinander waren, wirft sich heute die Frage auf, ob nicht in manchen Fällen die Macht der Medien Entscheidungen aber auch Vorgänge in der Politik maßgeblich und nachhaltig beeinflusst. Die Medien können ohne die Politiker sowenig, wie die Politiker ohne Medien. Und jeder Politiker gewinnt erst dann an Bekanntheit, und kann erst dann sein Profil schärfen, wenn er in den Medien angekommen, wenn er in diesen dauerhaft präsent ist.
2. Politik und Medien. Die Öffentlichkeit, die Medien und die Politiker in einem kom- plexen Spannungsfeld
Die Medien können nicht ohne die Politik, und die Politik nicht ohne die Medien. Jede Seite benutzt die andere als Vehikel, ganz in ihrem eigenen Interesse. Eine Interdependenz, die sich nicht in jedem Fall bezahlt macht, da vielfach schon Politiker über Affären gestolpert sind, die nicht zuletzt durch die Medien aufgedeckt worden sind; auf der Medienseite wiederum haben schon Journalisten wegen falscher, oder fingierter Tatsachen ihren Hut nehmen müssen. Dass natürlich nicht immer ein investigativer, sauberer Journalismus und eine sorgfältige Ausge- wogenheit bei der Berichterstattung über Politik, respektive den Politiker in den Medien vor- rangiges Ziel ist, steht außer Frage, ebenso wie die Feststellung, dass auf Seiten der Politik die Medien dazu benutzt werden Falschmeldungen zu streuen, den politischen Gegner, manchmal auch den innerparteilichen Mitstreiter, zu kolportieren, oder zu demontieren.
Die Verquickungen von Politik und Medien wird vielfach kontrovers diskutiert und zuweilen beklagt. Der Vorwurf der Manipulierbarkeit auf beiden Seiten wird ebenso laut, wie jener, dass die Politik unter dem unheilvollen Diktat der Medien und somit auch bestimmter Interes- sensvereinigungen stünde. Dieser Verdacht wird dann objektivierbar, wenn Leo Kirch, be- kanntermaßen ein Freund von Altbundeskanzler Helmut Kohl, diesen ganz besonders oft zu Zeiten des Bundestagswahlkampfes von 1998 zu diversen Talkshows einlädt. Helmut Kohl, der nicht gerade als Medienkanzler galt, und auch mit dem ein oder anderen aus der Branche durchaus nicht auf dem allerbesten Fuße steht, verstärkte seine Medienpräsenz und entdeckte seine Freude für die Sendeformate des Privatfernsehens.
Was in den USA schon längst zum politischen Alltag gehört, fand hier erst in den 90er Jahren zusehends Eingang in die deutsche Medienlandschaft: Die Vermischung von Politik und un- terhaltenden Medien, und die Einsicht über die Notwendigkeit, dass ein Politiker sein Image, und auch seine Wirkung durch ein medial gerechtes Auftreten im Sinne einer medialen Insze- nierung entscheidend und nachhaltig beeinflussen kann. Die Erkenntnis gehört heute als un- abdingbarer Bestandteil zur Politik.
Der amerikanische US- Präsident Ronald Reagan, der Cowboy aus Hollywood, lehrte seinen Nachfolgern par excellence, wie man sich als Politiker massentauglich und effektvoll insze- niert, um seinem Publikum zu gefallen. Sehr schnell haben die Politikberater erkannt, dass es im medialen Zeitalter mehr denn je wichtig ist, mit welchen konkreten Strategien, Politiker ihre Inszenierungen betreiben müssen, um beim Zuschauer zu Hause vor dem Fernseher an-
zukommen. Obgleich sich die Medien heute im Jahre 2006 stetig in den verschiedenartigsten Sparten weiter entwickeln, bleibt die Dominanz des Mediums Fernsehen nach wie vor un- gebrochen. Es ist auch jenes Primärmedium, das dem Politiker als Inszenierungspodium dient. Mit dem Einzug des Privatfernsehens Anfang der 80er Jahre, wuchs der Drang aber auch die Gier nach unaufhörlicher Unterhaltung. Die Macher erkannten dies sofort und schafften es innerhalb kürzester Zeit immensen Profit daraus zu schlagen.
Zusehends werden die Massenmedien zur wichtigsten Vermittlungsinstanz von Wirklichkeit in unserer Gesellschaft und spielen eine enorme Rolle gerade bei meinungsbildenden Prozes- sen. Dass hierbei natürlich Mythen und Traumwelten, aber auch Scheinwirklichkeiten kreiert werden, ist weithin bekannt. Die Medien umgeben unser Leben mit künstlichen Wahrheiten wie ein Kokon, und beeinflussen dadurch auch einzelne Wertorientierungen. Mit dem zuneh- menden Grad einer immer spezifischer werdenden Technisierung, wird die Massenkommuni- kation die persönliche Kommunikation zunehmend ersetzen, und wiederum neue „Öffentlich- keitspodien“ schaffen.
Das Fernsehen ist schon seit langem Kulturvermittler und konstruiert auch die Geschichte des fernsehenden Menschen. Diesen Prozess, der darin mündet, dass das Fernsehen eine nicht wegzudenkende Bestimmungsgröße in der Öffentlichkeit geworden ist, können sich die Poli- tiker nolens volens nicht entziehen. Zu fragen ist aber zunächst was unter dem Begriff „Öf- fentlichkeit“ zu verstehen ist. Der Soziologe Friedhelm Neidhardt sieht in der Öffentlichkeit ein „offenes Kommunikationsforum für alle, die etwas sagen, oder das was andere sagen, hö- ren wollen“. 1 Eine andere etwas komplexere Annäherung an den Begriff der Öffentlichkeit
lautet folgendermaßen.
„Alle Vermittler von Wirklichkeit, die wir bisher untersucht haben, alle Zeichensys- teme, die als Medien wirken, alle Personen, die in diese Code – Prozesse als Kommu- nikatoren und / oder Rezipienten einbezogen sind, fügen sich zusammen zu dem, was man als die Öffentlichkeit bezeichnet. Die Öffentlichkeit ist als Relaisstation, als Netzwerk all dieser Systeme aufzufassen, indem die soziale, psychologische, politi- sche und allgemein kulturelle Wahrnehmungsweisen verbinden. […] Die Öffentlich- keit hat natürlich eine (oder mehrere) Meinung (en). Allerdings ist diese in einer hoch- komplexen Wirklichkeit nur schwer zu bestimmen.“ 2
1
Neidhardt, Friedhelm: Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen. In: Ders. (Hg.):
Öffentlich- keit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen
(=Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Son- derheft 34). Opladen, 7-41.
2 Krempl, Stefan: Das Phänomen Berlusconi. Die Verstrickung von Politik, Medien, Wirtschaft und Werbung. Frankfurt am Main, 1996, S.30
Diese Öffentlichkeit konstituiert sich bei genauerer Beleuchtung letztendlich aus einer großen Anzahl von Rezipienten, die am politischen Prozess entweder aktiv partizipiert – was eher eine Minorität darstellt – oder passiv konsumiert. Problematisch ist für die Politiker, dass die Öffentlichkeit und somit die Gesellschaft und die ihr inhärenten Konzepte einer ständigen Wandlung unterworfen sind. Sprachen die Soziologen in den 90er Jahren noch von einer Spaß – oder Risikogesellschaft 3 , die dann von zunehmenden Individualisierungsprozessen 4 begleitet
wurde, änderte sich dies mit einer gravierenden politischen, aber vor allen Dingen gesell- schaftspolitischen und nicht zuletzt weltpolitischen und ökonomischen Zäsur. Die Anschläge vom 11. September 2001 auf den New Yorker World Trade Center durch radikalfundamentale Terroristen, die darauf folgenden Kriege, und die sich manifestierende Gefahr eines weltum- spannenden, abstrakten Netzwerks des Terrorismus, der schon lange latent existierte, verän- derten die Gesellschaft, die Medien und auch die Politiker in ihren verschiedenen Agitationen nachhaltig.
Abgesehen davon ist aber der Frage nachzugehen, inwieweit sich die Gesellschaft, die Me- dienlandschaft und auch die im komplexen Medienbetrieb Operierenden in den letzten zwei Dekaden auf die vielen strukturellen Veränderungen eingestellt haben. Resultierend aus der Tatsache, dass die Massenmedien, mit ihrem absoluten Spitzenreiter, nämlich dem Fernsehen, omnipräsent sind, formieren sich gesellschaftliche Phänomene, aber auch Tendenzen immer parallel zu Entwicklungen, die nicht selten ihren Ursprung in den Medien haben. Wer hätte Ende der 70er Jahre, in denen in Deutschland die Talkshow ihre Geburtsstunde hatte 5 ernst-
haft geglaubt, dass heute ein niveauloser Seelenstrip das Gros der Talkshows markiert?
Die Menschen, der Zuschauer nicht zuletzt die Öffentlichkeit wollen unterhalten werden, und das auch von den Politikern. Gekoppelt mit dieser Unterhaltung wollen sie aber auch etwas erleben. Andreas Dörner nennt dies treffend die mediale Erlebnisgesellschaft, und führt hierzu aus:
„Wir alle sind dabei konfrontiert mit einem Zwang zur Originalität der Lebensführung: Jeder muss etwas Besonderes sein. An die Stelle der tradierten Pflicht – und Akzep- tanzwerte ist in weiten Teilen der Bevölkerung eine Pflicht zur Selbstverwirklichung getreten. Man muss aus sich `etwas machen,` und diese Entwicklungsperspektive ist meist verknüpft mit einem ausgeprägten Hedonismus. `Have fun` lautet der kategori- sche Imperativ der heutigen Spaßkultur und wer sich dem zu entziehen sucht läuft Ge-
3
Vgl. Beck, Ulrich: Politik in der Risikogesellschaft, 1991
4
Vgl. Beck, Ulrich: Riskante Freiheiten - Gesellschaftliche Individualisierungsprozesse in der Moderne, 1994
5
Am 18. März wurde die erste Talkshow mit dem Titel „Je später der Abend“ im WDR unter der Moderation von Dietmar Schönherr erstmalig gesendet.
Quote paper:
Sven Weidner, 2006, Politik und Medien - Politiker und ihre mediale Präsenz, Munich, GRIN Publishing GmbH
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