7 DIE VERBLEIBENDEN 50ER JAHRE 34
7.1 KAMPF GEGEN POMPEIUS UND CRASSUS. 34
7.2 CATOS ANTRAG ZUR AUSLIEFERUNG CAESARS 37
7.3 CATOS PRAETUR 38
7.4 ERFOLG FÜR POMPEIUS UND RÜCKSCHLAG FÜR CATO. 40
7.5 DIE ABSAGE FÜR CICEROS GELTUNGSBEDÜRFNIS. 42
7.6 DIE LETZTEN SCHRITTE ZUM BÜRGERKRIEG 44
8 CATO IM BÜRGERKRIEG. 46
8.1 DIE POSITIONEN 46
8.2 BIS PHARSALOS. 47
8.3 DER KRIEG IN AFRIKA. 51
8.4 BIS THAPSUS 53
8.5 CATO - POLITIKER UND KRIEGER? 55
9 TOD IN UTICA. 56
10 CATO IMMORTALIS (NACHRUF UND VEREHRUNG) 59
10.1 CICEROS CATO’ 59
10.2 CAESARS ANTICATO’ 61
10.3 SONSTIGES 65
11 SCHLUSS. 67
12 LITERATURVERZEICHNIS 71
II
1 Einleitung
Die letzten Atemzüge der alten römischen Republik gehören zu den am besten dokumentierten Epochen der Antike. Meist richtet sich das Augenmerk des Historikers dabei jedoch auf den Konflikt zwischen Pompeius und Caesar, der nach Pharsalos zu einem einseitigen Triumphzug des Letztgenannten wurde und ihn über Thapsus und Munda an die Spitze Roms führte. Die dabei überwundenen Gegner fielen Caesars Soldaten oder seiner clementia zum Opfer. Genau dieses Schicksal wollte Marcus Porcius Cato der Jüngere, Großenkel des berühmten Censoriers, nicht erleiden. Während des afrikanischen Krieges setzte er seinem Leben in Utica ein Ende, nachdem die Niederlage von Metellus Scipio bekannt wurde und bevor ihn der anrückende Caesar begnadigen konnte. Catos Selbstmord resultierte aus seinem Tugendideal, das untrennbar mit den Werten der Republik verknüpft war. Deren Vernichtung durch Caesars Ambitionen wollte Cato nicht erleben und wurde damit zum Märtyrer der Republikaner und einer Symbolfigur für nachfolgende Generationen.
Catos Zeitgenosse Sallust beschrieb ihn als „Freund der Selbstbeherrschung, der Ehrbarkeit, besonders aber ernster Strenge. Nicht suchte er den Reichen im Reichtum, den Parteimann in Parteileidenschaft zu überbieten; nein, mit dem tatkräftigen Manne wetteiferte er in Tüchtigkeit, mit dem ehrenhaften in gutem Anstand, mit dem unbescholtenen in unsträflicher Lebensführung“ 1 . Cato war das moralische Gewissen einer Zeit, die ihre strukturellen Probleme dem sittlichen Verfall zuschrieb und wehrte sich mit aller Macht gegen Neuerungen in der Gesellschaft und besonders der Politik. Genau in diesem Punkt mussten Cato als Traditionalist und Caesar der Revolutionär zwangsläufig kollidieren. Der „lange Zeigefinger Catos“ 2 sollte nie öfter und vehementer auf jemanden gezeigt haben als auf Caesar.
Die vorliegende Arbeit soll chronologisch aufzeigen, wie sich das Verhältnis Catos zu Caesar entwickelt hat, welche Rolle beide in den letzten Jahren der Republik spielten und wie sich ihre Gegensätzlichkeit über diese Zeitspanne hinweg ausdrückte. Für die Betrachtung Catos liegt uns mit der Plutarchvita dabei zwar kein historisch exaktes, dafür aber ein durchgehendes Zeugnis vor. Sowohl seine Abstammung als auch seine stoische Mentalität liefern wert-
1 Sall.Cat. 54
2 Dahlheim 1987, S. 71
1
volle Hinweise darauf, wie unkonventionell sich Cato schon beim Eintritt in die Politik verhielt. Mit der Catilinarischen Verschwörung beginnt schließlich der offene Konflikt zwischen ihm und Caesar, dessen populare Ansichten mit der optimatischen Einstellung Catos unvereinbar waren. Dies zeigte sich auch weiterhin während Caesars Praetur und seinem Consulat, die Cato nicht an engagierter Opposition hindern konnten.
Es sind diese Jahre bis zur Statthalterschaft Caesars, die uns dazu dienen sollen, Catos politische Vorgehensweise und deren Motive zu betrachten. Die Gegensätzlichkeit der beiden Kontrahenten, die sich danach nie wieder sahen, findet im politischen Geplänkel Roms ihren deutlichsten Ausdruck. In den folgenden zehn Jahren der Abwesenheit Caesars von Rom schlug sich Cato zwar noch mit dessen Gefolgsmännern herum, konnte aber immer wieder Signale Richtung Gallien senden. Nach dem 10. Januar 49 standen sich beide in den verschiedenen Heerlagern schließlich offen als Feinde gegenüber und Cato starb nach knapp über drei Jahren Bürgerkrieg durch eigene Hand in Utica.
Was genau veranlasste ihn dazu und gab es keine weitere Alternative? Was waren die Gründe und die Folgen des Konfliktes beider Männer, wie äußerte sich dieser und was trennte die Welten, in denen sich Cato und Caesar bewegten? War Cato nur eine Randerscheinung in der Biographie Caesars, ein Gegner, über den man getrost hinwegsehen konnte? Der Aufbau dieser Arbeit orientiert sich am Verlauf des Lebens Catos und der früh einsetzenden Konfrontation mit Caesar. Deren Entwicklung soll bis hin zu den Ereignissen in Utica betrachtet werden, mit denen der Kampf Catos gegen seinen ärgsten Feind aber noch längst nicht beendet war.
2 Das Geschlecht der Porcier
2.1 Cato Censorius
Aulus Gellius hat in seinen ‚Attischen Nächten’ zwei Anekdoten zum Leben des älteren Cato wiedergegeben, die ebenso exemplarisch für dessen Urenkel gelten könnten. So habe Cato Censorius eine Rede „über die Verteilung der Beute unter die Soldaten“ verfasst, in der er sich bereichernde Befehlshaber eines Heeres auf dieselbe Stufe stellte wie den gemeinen Straßendieb (Gel. XI 18, 18). Es ist dies die erste von zwei grundlegenden Charaktereigenschaften, die den beiden berühmtesten Vertretern der gens porcia gemein sind: Die Abscheu gegenüber jedem, der Macht für persönliche Interessen missbraucht bzw. diese nicht dem Allgemeinwohl unterordnet.
Die andere Parallele im Denken der zwei Männer ist das Festhalten am Althergebrachten und den Sitten der Väter. Gellius bemerkt dazu, dass Cato einen scharfen Tadel über A. Albinus
2
ausgesprochen habe, da sich dieser für etwaige Fehler in seinem griechisch verfassten Geschichtswerk zur römischen Geschichte entschuldigte. Solche Ausflüchte würden nur denen zustehen, die zu Fehlern gezwungen wurden oder diese unabsichtlich begingen (Gel. XI 8, 4). Schließlich hatte der ältere Cato selbst „wegen der sprachlichen Schwierigkeiten, mit denen er als Verfasser des ersten in lateinischer Prosa geschriebenen Geschichtswerkes noch zu kämpfen hatte, nicht so ausführlich, sondern in erheblich knapperer Form und trockenerem Stil berichtet“ 3 .
Die Origines Catos sind zusammen mit der Lehrschrift de Agricultura Teil einer ausgeprägten schriftstellerischen Tätigkeit des Censoriers, die er vor allem nach dem Rückzug aus der Politik betrieb. Diese hatte er allerdings schon in einer Art und Weise ausgeübt, die dem selbsternannten Vorbild eines jeden Römers nicht nur Respekt, sondern auch eine Unmenge von Prozessen einbrachte. Sein konservativer Lebens- und offensiver Redestil fand in Catos berühmter Forderung nach Zerstörung Karthagos seinen markantesten Ausdruck. Der auf jede seiner Senatsreden folgende Ausspruch verdeutlicht die Beharrlichkeit eines Mannes, dessen Prinzipientreue auch in einem 139 Jahre später geborenen Sprössling seiner Familie zu finden ist.
2.2 Abstammung
Es ist bezeichnend im Leben des Cato Uticensis, dass er bei aller Strenge gegenüber seinen Mitmenschen auch immer ein Auge zudrückte, wenn er mit den betreffenden Personen ver-wandt war. Denn in dieser Hinsicht war er nicht nur ein Kind seiner Zeit, sondern auch Vertreter eines angesehenen Patrizierhauses. Dieses nahm seinen Anfang bei Cato Censorius, der 195 das Consulat bekleidete. Aus seiner ersten Ehe mit Licinia ging M. Porcius Licianus her-vor, dessen Söhne Nepos und Caius es nacheinander in den Jahren 118 und 114 zum Consulat brachten. Diese Linie erlöscht allerdings mit Censorius’ Urenkeln M. Porcius Cato, Praetor und Statthalter in Gallia Narbonensis, dessen genauere Lebensdaten unbekannt sind sowie G. Porcius Cato, Volkstribun des Jahres 56 4 .
Der ältere Cato heiratete mit 80 Jahren als Greis jedoch ein zweites Mal. Diesmal die sehr junge Tochter seines Clienten Salonius 5 . Der von beiden abstammende M. Porcius Cato Salonianus starb während seiner Praetur, sein jüngerer Sohn wiederum während des Consulats 89 6 . Der ältere Sohn und Enkel des Censorius war der Vater des Uticensis. Er hatte Livia ge-
3 Schröder,S. 147
4 Vgl. Stammbäume in RE 43, S. 103 / 104; Münzer, S. 282 / 333; Gerlach, S. 34
5 Gel. XIII 20, 7
6 Den Porciern war ohnehin kein langes Leben beschieden, vgl. Münzer, S. 329: „Von den zwei Söhnen, vier
Enkeln und zwei Urenkeln [des älteren Cato] haben sechs noch nicht das fünfzigste Lebensjahr erreicht.“
3
heiratet, die Tochter von M. Livius Drusus, dem Consul des Jahres 112, die aus der Ehe mit Q. Servilius Caepio bereits einen gleichnamigen Sohn und die Tochter Servilia mitbrachte 7 . Zusammen mit diesen Stiefgeschwistern gehörte Cato also zu den angesehensten Vertretern der römischen Nobilität. Als solcher war er auch trotz seines stoischen Lebensstils sowohl persönlich als auch besonders in seiner Hilfsbereitschaft gegenüber Familienmitgliedern immer wieder zu erkennen.
2.3 Catos Frauen
Während Catos Halbbruder Caepio nur ein kurzes Leben beschieden war, hatten seine Schwester Porcia und seine Halbschwester Servilia zusammen mit seinen Nichten regen Anteil an den innenpolitischen Querelen. Die Frauen verbanden das porcische Geschlecht mit anderen einflussreichen Familien und erschufen bzw. zementierten damit politische Konstellationen, an die auch Cato sich hielt 8 .
Servilia war zuerst mit M. Iunius Brutus verheiratet und ihr gleichnamiger Sohn ermordete später Caesar (mit dem sie schon früh ein Verhältnis verbunden hatte). Nach dem Tod ihres ersten Mannes heiratete sie D. Iunius Silanus, den Cato deshalb nicht wegen ambitus bei der Consulatswahl vor Gericht zog und der dieses Amt im Jahr 62 bekleidete. Nach seinem Tod übernahm Cato die Vormundschaft für Servilias drei Töchter aus dieser Ehe. Um zwei von ihnen warb Pompeius Magnus bei seiner Rückkehr aus dem Osten für sich und seinen ältesten Sohn, doch Cato lehnte ab. Stattdessen wurde das Verlöbnis von Caesars Tochter Iulia mit Brutus getrennt, damit sie frei für Pompeius war. Servilia wird diese Entwicklung für ihren Sohn nicht begrüßt haben. Die Nichten heirateten später jedoch sehr anerkannte Persönlichkeiten: Lepidus (späterer Triumvirn), Isauricus (Consul von 48 und 41) und Longinus (Praetor von 44 und Caesar-Attentäter) 9 . Catos Schwester Porcia heiratete L. Domitius Ahenobarbus, der 54 Consul war, im Kampf gegen Caesar bei Pharsalos starb und Ahnherr Neros wurde 10 . Cato selbst wollte erst Lepida heiraten, deren Verlöbnis mit P. Scipio Nasica zuvor gelöst worden war. Als das Fest schon vorbereitet wurde, tauchte der vorherige Anwärter allerdings wieder auf und stahl Cato die Verlobte. Dieser Konkurrent wurde später vom pontifex maximus Metellus Pius adoptiert und hieß seitdem Metellus Scipio. Auch später sollte Cato noch
7 Fehrle, S. 53
8 Münzer, S. 426: „Die Frauen, die Mütter, Schwestern und Töchter haben sogar in das Leben der männlichsten
Männer oftmals entscheidend eingegriffen, wie aus dem Beispiel des Märtyrers der republikanischen Freiheit,
des jüngeren Cato, zu ersehen ist.“
9 Fehrle, S. 54
10 Gelzer 1934, S. 63
4
öfter mit ihm aneinander geraten. Also heiratete er Atilia, die ihm einen Sohn und eine Tochter gebar. Von ihr trennte er sich jedoch, weil sie sich verschiedene „Ausschweifungen“ erlaubt hatte 11 .
Danach nahm Cato Marcia zur Frau, die Tochter von Marcius Philippus, Consul im Jahre 56. Die Kinder aus dieser Ehe werden in späteren Quellen nicht mehr erwähnt, müssten also schon früh gestorben sein. Als sie jedoch noch klein waren, kam der berühmte Redner Hortensius zu Cato, weil er um die Hand von dessen erstgeborener Tochter Porcia anhalten wollte. Als Cato ihm dies verweigerte, einigten sich die beiden mit Zustimmung von Catos Schwiegervater zu einem Übertritt Marcias in das Haus Hortensius’, der zuvor seinen Sohn verstoßen hatte und einen Nachfolger brauchte. Nach seinem Tod zu Beginn des Bürgerkriegs nahm Cato die Witwe wieder in sein Haus auf, um ihrem „Leiden Einhalt zu gebieten“ 12 . Darüber machte sich Caesar später (im ‚Anticato’) lustig: „Was braucht er denn, wenn er eine Frau nötig hatte, sie einem anderen abzutreten, oder wenn er keine nötig hatte, sie nachher wieder zu sich zu nehmen? […] Er lieh sie als eine junge Person weg, um sie als eine reiche Witwe wieder zu bekommen“ 13 . Diese Episode aus Catos Leben ist für unser Empfinden in der Tat schwer nachvollziehbar, soll aber später mithilfe eines Blicks auf sein stoisches Gedankengut erläutert werden.
Catos Tochter, um die Hortensius zuerst angehalten hatte, war mit Caesars späterem Consulatspartner Bibulus verheiratet und hatte ihm zu diesem Zeitpunkt schon zwei Kinder geboren. Nach seinem Tod und dem ihres Vaters heiratete sie ihren Cousin Brutus. Als auch dieser im Kampf gegen Caesar gefallen war, schluckte sie glühende Kohlen, um ihr Leben zu beenden 14 . Zuvor war schon ihr Bruder Marcus in der Schlacht bei Philippi gefallen und das Geschlecht der Porcier ohne männlichen Nachfolger dem Untergang geweiht.
3 Jugend und erste politische Schritte
3.1 Die Kindheit
Cato wurde in der Mitte des Jahres 95 geboren. Zusammen mit seinem Stiefbruder Q. Servilius Caepio kam er nach dem Tod seiner Eltern in die Obhut von M. Livius Drusus, der allerdings schon im Jahr 91 starb. Diese und alle folgenden Ereignisse aus Catos Jugend kennen wir nur aus der Feder Plutarchs. Dieser griff bei seiner Biographie Catos, den er im Zuge sei- 11 Plut.Cat. Min. 24 (künftig nur noch ‘Cat. Min.’ abgekürzt)
12 Lucan II 331 / Cat. Min. 52
13 Cat. Min. 52
14 Plut. Brut. 53 / Cat. Min. 73
5
ner vitae parallelae dem Phokion gegenüberstellte, auf Thrasea Paetus zurück. Dessen Buch beruht auf der Vorlage des Munatius Rufus, eines engen Vertrauten Catos, der auch an verschiedenen Stellen der Catovita als dessen Begleiter auftaucht 15 . Dieser Rufus war aufgrund seiner Freundschaft mit Cato eine verlässliche Quelle nicht nur für dessen öffentliche Aktionen, sondern erwähnt auch hintergründige, private Momente im Leben Catos des Jüngeren. Plutarch hat seinem Cato freilich auch den eigenen Stempel aufgedrückt. Er wird einiges ausgelassen, verändert oder hinzugefügt, den Stoff andererseits den Bedürfnissen der Parallelbiographien angepasst haben, die mit ihren moralisch-kosmopolitischen Intentionen sicherlich Spuren in der Catovita hinterließen. Allerdings musste sich Plutarch nicht sonderlich anstrengen, um sein Bild des jüngeren Cato in ein solches Format zu übertragen - Cato war für ihn die Moral und Tugend in Person.
In Cat. Min. 2 schildert er den jungen Cato bereits mit denselben Wesensmerkmalen, die er dem erwachsenen zuschreibt. Dafür werden zwei Anekdoten aus Catos Kindheit herangezogen, in denen er einmal während des Bundesgenossenkrieges eisern schwieg und sich nicht für das Bürgerrecht der nach Rom Kommenden stark machen wollte, obwohl ihn einer von ihnen aus dem Fenster hielt. Ein anderes Mal (Cat. Min. 3) sagte er seinem Hofmeister, der ihn des Prestiges und der Sicherheit wegen öfter zu Sulla brachte, dass er nur ein Schwert benötige, um den Tyrannen zu töten und das Vaterland zu befreien. Als junger Mann wurde er Mitglied der quindecimviri sacris faciundis, sah die Kulthandlung für Apollo aber zeitlebens nicht als Bestandteil des cursus honorum, sondern war tief in der religiösen Tradition verwurzelt. Cato wird in seinen jungen Männerjahren als sehr zurückhaltend beschrieben, nahm im Gegensatz zu Gleichaltrigen jedenfalls nicht so sehr am öffentlichen Leben teil. Erst als eine Säule in der von seinem Urgroßvater gestifteten Porcischen Basilika umgestellt werden sollte, weil sie den Volkstribunen im Weg stand, hielt er seine erste öffentliche Rede. Sie war „schlicht, kraftvoll und gedrängt“. Seine Stimme war dabei laut und dabei doch von „ausdauernder Kraft und Stärke“. Bereits jetzt erwähnt Plutarch, dass Cato oft einen ganz Tag hindurch geredet hätte, ohne zu ermüden 16 . Catos Qualitäten als Redner sollten sich noch oft genug unter Beweis stellen.
15 In Cat. Min. 25 bezieht sich Plutarch eindeutig auf Thrasea, der seine Kenntnisse von Rufus habe; vgl. auch
Fehrle, S. 8 ff.: Valerius Maximus war bei seinen Schriften bzgl. Cato wohl nicht auf die Zwischenquelle Thra-
sea angewiesen, sondern ihm lag Rufus im Original vor.
16 Cat. Min. 5
6
3.2 Cato und die Stoa
Im Leben Catos folgte die oben erwähnte Episode mit Lepida, deren ehemaliger Verlobter Scipio sie doch noch aufnahm. Bis zu seiner anschließenden Heirat mit Atilia soll Cato noch mit keiner Frau näheren Kontakt gepflegt haben 17 . Diese Vermeidung von sexuellen Eskapaden, die Cato auch nachkommend nicht vorgeworfen werden konnten, lassen sich mit der Jahre später folgenden Vergabe seiner zweiten Frau an Hortensius auf einen Nenner bringen. Cato war glühender Anhänger der Stoa, die nicht nur seinen Umgang mit Frauen, sondern auch allgemein sein ganzes Leben prägte 18 . Er vermischte ihre philosophisch strenge Sicht auf das eigene Schicksal mit der Hochhaltung tradierter römischer Tugenden. Die alten Werte der Väter wie Sittlichkeit, Aufopferung und Pflichtbewusstsein verband er mit dem ihm vom Schicksal dargebotenen Platz in der Gesellschaft. Zeit seines Lebens betrachtete er es als Pflicht, seine Stellung in der Republik auch zu deren Nutzen zu gestalten. Mit römischem Trotz hielt er gegen den Ehrgeiz Anderer an den eigenen Prinzipien fest und mit stoischer Gelassenheit nutzte er am Ende seines Lebens die Opferbereitschaft, um seinem Tugendideal ein selbstgebautes Denkmal zu setzen.
Nach Catos Tod konnte Cicero schließlich dem selbst auferlegten Credo folgen, das ihm vorschrieb, nur über bereits Verstorbene zu schreiben. Neben seiner Lobschrift ‚Cato’ wird dieser als Musterbeispiel eines Stoikers für ein Gespräch mit Cicero genutzt. Hier lässt man ihn sagen: „Nach Ansicht der meisten Stoiker darf man aber die Lust nicht zu den Hauptstücken der natürlichen Anlagen rechnen, […] weil sonst, wenn es den Anschein hätte, dass die natürliche Ordnung die Lust mit zu den Dingen gerechnet habe, die zuerst begehrt werden, viel Unsittliches daraus folgen würde“ 19 . Damit wäre der Kreislauf hin zu Marcia wieder geschlossen, die Cato an den alten Hortensius vergab, damit sie diesem ein Kind gebären konnte. Als Stoiker musste er rational auf ihre Veranlagung schauen, mit der sie von der Natur als Frau ausgestattet worden war. Weil Marcia Cato Kinder geboren hatte, war ihre Pflicht erfüllt. Nun hätte es nur noch die Lust sein können, die sie an ihn band. Solch einem Vorwurf wollte sich Cato nicht stellen 20 . Er, der auch öffentlich nie ein Geheimnis aus seinen philosophischen Grundsätzen gemacht hatte, musste jetzt für diese eintreten. „So ward er Roms „perfectissimus stoi- 17 Cat.Min. 7
18 McDermott, S. 68: „The stoic belief in the orator’s mission to instruct his audience rather than to move or to
delight is demonstrated by Cato’s warnings against innovation.“
19 Cic. De fin. III 16
20 Dazu Erskine, S. 114/115: „For in stoic thought a man was just because he was obedient to the law which
existed by nature, right reason, which dictated what one should and what one should not do.”
7
cus“ [Cicero], diese Lehre ihm Richtschnur des Lebens, unter deren Führung er aufrecht und unerschütterlich durch das politische, geistige und sittliche Chaos seines Zeitalters schritt“ 21 .
3.3 Der Aufstieg
Nach dem Spartakuskrieg wurde Cato zum Legionsobersten gewählt und erfüllte diesen Dienst in Makedonien. Doch anders als die Offiziere im Heer lobte er nicht nur den Ruhm der Soldaten, sondern achtete durch die ihnen „entgegengebrachte Liebe“ auch ihre Tugend 22 . Während dieser Tätigkeit nahm sich Cato zwei Monate Urlaub, um den Leiter der Bibliothek in Pergamon, Athenodoros Kordylion aus Tarsos zu überreden, mit ihm nach Rom zu kommen. Dass der berühmte Philosoph dort bis zu seinem Tod in Catos Haus wohnte, erfüllte diesen zeitlebens mit Stolz.
Für den Militärtribunen, der seine erwachsenen Bezugspersonen schon in jungen Jahren ver-loren hatte, war die Nachricht vom Tod seines Bruders umso tragischer. Beim von ihm finanzierten opulenten Begräbnis des Bruders in Ainos 23 zeigte Cato viel von seiner inneren Erschütterung. Plutarch erwähnt den später gegen Cato erhobenen Vorwurf, dieses Verhalten würde nicht zu einem Stoiker passen und erwidert, die Kritiker hätten nur nicht eingesehen, dass der gegen das Schlechte so unbeugsam Vorgehende im Inneren voll „Sanftmut“ war 24 . Nach seiner Dienstzeit durchreiste Cato Asien, um sich selbst ein Bild von der Lage der dortigen Provinzen zu machen 25 . Mit der Asche Caepios an Bord begab sich Cato schließlich wieder auf den Weg nach Rom.
Dort angekommen, leistete er auf dem Markt seinen Freunden juristischen Beistand und studierte die Verordnungen für die Quaestur. Erst als Cato diese verinnerlicht hatte, kandidierte er und wurde gewählt. Nun griff er hart gegen den Missstand ein, dass die Schreiber der Schatzkammer die Tatsache ausnutzten, nur junge Vorgesetzte zu erhalten und sich deshalb
21 Gelzer 1934, S. 66
22 Cat. Min. 9; In diesem Kapitel wird noch erwähnt, dass Cato 15 Sklaven, 2 Freigelassene und vier Freunde
(darunter wohl Munatius Rufus) bei sich hatte. Auf seiner späteren Asienreise habe er seinen Koch und den
Bäcker jeweils voraus in die nächste Stadt geschickt, um alles vorzubereiten (Cat. Min. 12) und kurz vor Antritt
seines Volkstribunats begab er sich für kurze Zeit mit Büchern und Philosophen „nach Lukanien, wo er Landgü-
ter besaß, die einen angemessenen Aufenthalt gewährten“ (Cat. Min. 20). All dies ist im Vergleich zu den Reise-
gewohnheiten anderer Aristokraten natürlich spärlich, zeugt aber auch nicht von spartanischer Lebensweise des
später so oft den Sittenverfall und eine Abkehr von den Bräuchen der Väter proklamierenden Cato.
23 Laut Münzer, S. 333 lassen die Ehren beim Tod Caepios (etwa Anfang des Jahres 67) auf eine amtliche Eigen-
schaft in Thrakien, vermutlich die Quaestur, schließen.
24 Cat. Min. 11
25 Dort soll er laut Cat. Min. 14 das erste Mal Pompeius getroffen haben. Rein menschlich hätten sich die beiden
nicht sonderlich gut verstanden, aber Cato war einer der wenigen Gäste Pompeius’, dem auch dessen Frau und
Kinder vorgestellt wurden. Miltner, S. 173 entgegnet allerdings, dass Pompeius erst 62 in das von Plutarch ange-
gebene Ephesos gelangt sei, Cato ihn wohl also nach der Quaestur getroffen habe.
8
über jene hinwegsetzten. Einen der Schreiber entließ Cato sofort, einen anderen brachte er vor Gericht, wo dieser von Lutatius Catulus (damals Censor mit Crassus) verteidigt wurde. Da Catulus rechtlich jedoch nichts bewirken konnte, versuchte er es im Gespräch mit Cato, scheiterte hierbei jedoch kläglich. Der Schreiber wurde zwar freigesprochen, doch nie wieder von Cato eingesetzt oder bezahlt 26 .
Cato gestaltete seine Quaestur 27 ohnehin provokativ. Er brachte Ordnung in die römischen Finanzen seines Zuständigkeitsbereiches, zahlte den Gläubigern ihre Schulden zurück und trieb ausstehende ein. Üblicherweise waren die Quaestoren „in der Finanzgebarung an die Weisungen des Senats bzw. der Beamten, denen sie zugeteilt waren, gebunden“ 28 , doch Cato zeigte viel Eigeninitiative. So sorgte er dafür, dass die Begünstigten von Sullas Proskriptionen diese Kopfgelder zurückerstatten mussten 29 . Für den Stoiker Cato konnte die erst in jüngster Vergangenheit ausgeübte tyrannis nicht ungestraft bleiben. Es verstieß grundlegend gegen Catos Prinzipien - wie er sein ganzes Leben hindurch unter Beweis stellte - wenn sich Einzelne auf Kosten des Allgemeinwohls bereicherten.
Von den Rückzahlungspflichtigen wurden dann auch etliche vor Gericht gestellt. Andeutungsweise könnte man Cato und Caesar in diesem ersten indirekten Aufeinandertreffen eine Zusammenarbeit unterstellen, zumindest verlief das Vorgehen beider gegen die Begünstigten Sullas kooperativ. Caesar war zu diesem Zeitpunkt (oder ein Jahr später, je nach dem Quaesturjahr Catos) Mitglied des Gerichtshofes für Gift- und Mordprozesse und verurteilte viele der von Cato bekannt gemachten Kopfgeldjäger. Dieses Unterfangen war von politischer Seite bisher nicht angepackt worden, mit Catos Eintritt in die Politik (und das auch noch ‚nur’ im Finanzsektor) änderte sich dies.
Aus eigener Tasche ließ sich Cato für 5 Talente eine Abschrift des Haushaltes von Sullas Regentschaft bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt erstellen und sorgte auch später dafür, dass sie immer auf dem neuesten Stand gehalten wurde 30 . Sein Pflicht- und Arbeitseifer trieben ihn nicht nur als Quaestor an, sondern darüber hinaus auch im Senat, den er jetzt als ordentliches Mitglied ununterbrochen besuchte. Schließlich hatte er sich selbst vorgenommen, nie auch nur eine einzige Sitzung zu verpassen. Dieser Enthusiasmus zeugt von einem ganz ungewöhnlichen Politikverständnis. Cato hatte als echter römischer Aristokrat und als Nachkomme des
26 Cat. Min. 16
27 Über das Jahr der Quaestur ist sich die Forschung nicht sicher. Während das Jahr 65 denkbar ist, weil Cato
hier das 30. Lebensjahr erreicht hatte, geht z. B. Fehrle von einer Quaestur Catos im Jahr 64 aus. Dieses Jahr
wäre chronologisch sinnvoller (S. 78). In diesem Fall lägen Catos Quaestur und Caesars Vorsitz im Gerichtshof
für Gift- und Raubmorde im gleichen Jahr.
28 Bleicken, S. 108
29 Cat. Min. 17; Obwohl Sulla „noch vom Vater her ein Freund des Hauses Cato“ war, scherte sich Cato wenig
um die einstmals enge Bindung seines Vaters an Sulla, wie die Anekdote in Cat. Min. 3 (s. o.) zeigt.
30 Cat. Min. 18
9
Censorius’ die Quaestur nicht als Einstieg in die Ämterlaufbahn, sondern als eigenständige Größe angesehen. Es galt, diese mit Elan und Engagement auf die bestmögliche Weise zu bekleiden. Auch als einfaches Senatsmitglied sollte Cato beständig dieses Politikverständnis vertreten.
Im Senat kam er als erster und ging als letzter. Sein Arbeitseifer und die dazugehörende Lebensphilosophie wurden allgemein bekannt und sogar sprichwörtlich 31 . Aber er bewies nicht nur während der ordentlichen Beratungen solchen Tatendrang, denn auch schon „während der Senat sich in der Curie versammelte, las Cato griechische Schriften“ 32 . Für Angelegenheiten, die die eigene Familie betrafen, fand Cato allerdings immer Zeit. So machte er sich erfolgreich für Lucullus stark, der mit seiner Halbschwester Servilia verheiratet war und Gefahr lief, wegen der Übernahme aller militärischen Befugnisse im Osten durch Pompeius sein Anrecht auf einen Triumph zu verlieren 33 .
Mit der Quaestur betrat Cato aussichtsreich die politische Bühne. Anders als während seiner Praetur oder der Consulatsbewerbung beschritt er mit diesem Amt einen populären Weg, der ihm beim Volk viel Sympathie und im Senat Anerkennung und Respekt einbrachte. So rigoros er bei der Finanzverwaltung und im Umgang mit den Proskriptionsbegünstigten vorgegangen war, konnte man von ihm mehr erwarten als von den anderen Senatsmitgliedern seines Alters. Diese Hoffnungen besonders der Optimaten, für die Cato später eine erhebliche Verstärkung darstellen sollte, wurden im Bezug auf die Ernsthaftigkeit seiner Vorgehensweise nicht enttäuscht. Deren Effizienz jedoch soll in kommenden Kapiteln hinterfragt werden.
3.4 Der Prozess gegen Murena
Cato wollte anschließend entgegen dem Anraten seiner Freunde nicht als Volkstribun „ohne dringende Notwendigkeit“ kandidieren. Doch als er hörte, dass Q. Caecilius Metellus Nepos dieses Amt anstrebte, meldete er sich ebenfalls zur Wahl 34 . Schließlich kam Metellus in seiner Funktion als Legat des Pompeius nach Rom und es war eindeutig, dass er den Weg für eine ruhmvolle Rückkehr des Feldherrn bereiten sollte. Durch die Quaestur hatte Cato sich allerdings schon einen solchen Namen gemacht, dass er zusammen mit Metellus gewählt wurde. Vor dem Volk bekräftigte er dann mit einem Eid, jeden anklagen zu wollen, der gegen die
31 Cat. Min. 19
32 Val. Max. VIII 1, 2
33 Cat. Min. 29 ist ein Anachronismus. Lucullus’ Triumph wurde zudem nicht nach seiner Rückkehr im Jahr 66
gefeiert, sondern erst 63 (McDermott, S. 67)
34 Cat. Min. 20
10
ambitus-Gesetze verstoße 35 . Allerdings war dieser Schwur nicht so stark wie Catos Familien-bande. Von den gewählten Consuln des nächsten Jahres klagte er zusammen mit dem in der comitia consularia geschlagenen Sulpicius Rufus nur Lucius Licinius Murena an, Catos Schwager Silanus wurde verschont.
Murena konnte zu seiner Verteidigung allerdings die ganze Rednerelite Roms aufbieten. Hortensius und Crassus übernahmen den juristischen Part und der amtierende Consul Cicero sprach die politischen Konsequenzen des Prozesses an. Zuvor hatte er bereits durch seine zwei Reden gegen Catilina geglänzt 36 . Dass sich die Anklage allerdings auf die unter seinem Consulat verabschiedete lex Tullia de ambitu berufen konnte, wird ihm während des Prozesses sicherlich vorgeworfen worden sein. Das ausführlich nur aus Ciceros Feder überlieferte Gerichtsverfahren gegen Murena ist aber noch wegen eines ganz anderen Aspektes wichtig: Ciceros Aufzeichnungen sind die ersten zeitgenössischen Angaben über Cato. Dessen Rede ist zwar nicht erhalten, aber viele seiner Aussagen sind durch Ciceros Erwähnung implizierbar.
So geht Cicero auf Cato gleich im dritten Abschnitt ein, wenn er sein Gegenüber als „überaus bedachtsamen und gänzlich unbestechlichen Mann“ beschreibt (III) 37 . Cato hat seinerseits mit Sicherheit den zeitgleich stattfindenden Prozess gegen Catilina erwähnt, indem er Ciceros rigoroses Vorgehen bei diesem Fall gelobt hatte, ihn nun aber wegen der Nachsicht gegenüber Murena attackierte (VI). Der so Beschuldigte führt hingegen die herausragende Stellung von Cato Censorius beim Afrika-Feldzug des Scipio an, dessen ‚hervorragende Tapferkeit’ Cicero nun auch bei dessen Urenkel sehen will (XXXII). Ferner bittet Cicero die Richter, sich nicht von dem Ansehen des Anklägers blenden zu lassen, dessen Person zwar Bewunderung, seine Anschuldigungen allerdings keine Beachtung verdienen (LVIII). Natürlich dient die Anerkennung Ciceros für seinen Gegner hauptsächlich rhetorischen Zwecken, doch völlig grundlos wird er seinen Gegner vor Gericht nicht gelobt haben. Seit Catos Eintritt in die Politik waren erst zwei Jahre vergangen, doch diese Zeitspanne hatte gereicht, sich auch den Respekt Ciceros zu sichern.
Dessen folgende Schilderungen sind weiterhin voll des Lobes, allerdings macht sich Cicero daneben über Catos philosophische Grundhaltung lustig. Auch er, Cicero, habe in seiner Jugend nach Alternativen gesucht, doch nachsichtiges römisches Wesen sei dem strengen Stoizismus überlegen. Genau diese ‚Milde’ fehle jedoch dem Ankläger (LXII). Auch Cato wird über die Tüchtigkeit seines erneut als Beispiel herangezogenen Urgroßvaters gesprochen ha- 35 Cat.Min. 21
36 Der Murenaprozess fand in der zweiten Novemberhälfte, also noch vor dem 5. Dezember statt.
37 Pro Mur. 1970, S. 298 / bei Pro Mur. 1989, S. 44 „gravissimo atque integerrimo viro“
11
ben, nach dessen Maximen er sich richten wolle. Das befürwortet Cicero, nur solle dies mit einer ‚milderen Würze’ vonstatten gehen (LXVI). Er sieht Catos Vorwurf gelassen, mit Hilfe von Zuwendungen an das römische Volk auf dessen Gunst zu spekulieren. Vielmehr liege das Vergnügen den Römern im Blut und habe sie trotzdem zu solcher Größe heranwachsen lassen (LXXIV).
Cicero spricht auf dem Höhepunkt seiner Rede gegen Cato zwei von dessen auffälligsten Merkmalen an: die Strenge und Entschlossenheit des Handelns und die stoischen Auffassungen dabei 38 . Die Tatsache, dass Ciceros Bemerkungen über den Stoizismus amüsant wirkten, lässt die Schlussfolgerung zu, dass Catos Rede diesbezüglich auffallend geprägt war. Stoiker legten schließlich mehr Wert auf Dialektik als auf Rhetorik und waren ohnehin den Spötteleien der ‚professionellen’ Redner ausgesetzt. In Ciceros Erwiderung wird aber deutlich, dass Cato sich auch persönlich gegen ihn richtete. Zu diesem Element der - natürlich auch von Cicero angewandten - Rhetorik kommt die von Plutarch oft angeführte Überzeugungskraft bzw. Beharrlichkeit bei Catos Dauerreden 39 . Cicero konnte zur Diffamierung seines Gegenübers also nicht die den Stoikern nachgesagte Schwäche bei der öffentlichen Rede benutzen, sondern verwendete Catos Philosophie im Allgemeinen als Instrument seiner Attacken 40 . So macht sich Cicero über die stoischen Lehrsätze lustig, zieht somit also auch das vorangegangene Lob für Cato herunter. In Mur. LXIII verweist der Consul auf seine eigene Vergangenheit, in der er sich auch philosophisch betätigt hätte, dies aber im Alter sein lasse. Neben dieser Botschaft, die auf Catos erst kürzlich begonnene Karriere und die Stoa als Ganzes abzielte, wundert sich Cicero in Mur. LXVII, warum Cato Murena überhaupt angreife, denn moralische Gründe für eine Klage waren im Prozessalltag nicht häufig zu sehen. Durch all diese Anspielungen Ciceros lässt sich ein recht genaues Bild seines Kontrahenten zeichnen, der durchgehend angesprochen wird. Als Ankläger und Redner war Cato also durchaus ernst zu nehmen, wie auch er selbst alles Angepackte mit Nachdruck und seinen Vorstellungen treu bleibend bearbeitete. Seine stoische Lebensauffassung war kein Geheimnis, gab anscheinend des Öfteren Anlass für Sticheleien und beeinflusste sein Handeln. Letztendlich ist Cato hier schon in einer Rolle zu sehen, die charakteristisch für seinen weiteren Lebenslauf ist und kurze Zeit darauf - während der Catilinarischen Verschwörung - für alle erkennbar wurde.
38 Kumaniecki, S. 179: „Außerdem ist nicht zu vergessen, dass auch Catos Rede eher allgemeinen Betrachtungen
gewidmet war. So musste Ciceros Replik auch allgemeine Betrachtungen moralischer und politischer Art enthal-
ten. In diesem Sinne ist wohl auch die Verteidigungstaktik vom Verteidigerkollegium festgesetzt worden, das die
Rolle, sich mit Catos Autorität auseinanderzusetzen, also die wichtigste Rolle, Cicero zugeteilt hat.“
39 Beispielsweise bei Cat. Min. 5, 31, 43, 51, 54 / Caes. Bel. civ. I 32
40 Dagegen McDermott, S. 72: Cato sei „not an orator, merely an indefatigable speaker“
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4 Die Catilinarische Verschwörung
4.1 Vorgeschichte
Cato bewarb sich also für das Volkstribunat 62, während Caesar für dieses Jahr die Praetur anstrebte. Zuvor hatte er bereits unter Aufbietung aller möglichen finanziellen Kräfte und der drastischen Erhöhung seiner bereits bestehenden Schulden die Wahlen zum pontifex maximus gewonnen, obwohl diese Ehre meist immer nur Consularen gewährt wurde. Zu dieser höchsten und prestigeträchtigsten Schicht Roms wollte auch L. Sergius Catilina nach Ablauf seines Consulats zählen, für das er sich zum wiederholten Male ebenfalls im Wahljahr 63 bewarb. Bereits 66 und 65 war er nicht zur Abstimmung zugelassen worden und im Vorjahr gegen den eigentlich verbündeten C. Antonius gescheitert, der jetzt Ciceros Amtskollege war. Gründe dafür waren gegen ihn laufende Strafprozesse, die Tatsache, dass er von den sullanischen Proskriptionen profitiert hatte, gegen deren Nutznießer Cato in seiner Quaestur vorgegangen war und der entschiedene Widerstand der optimatischen Partei. Gegen deren zerrüttete und schwächelnde Aristokratie war er mit populistischen Mitteln vorgegangen. Seine Anhänger lockte er einerseits mit der Aussicht auf allgemeine Schuldentilgung, was der städtischen plebs und verschuldeten Adligen in ihrer momentanen Situation sehr gelegen kam, andererseits gewann er mit den Ankündigungen zur Neuverteilung des Siedlungsgebietes die Stimmen inzwischen besitzloser Veteranen 41 .
Genau dieses Potential war Cicero bewusst, der am Wahltag demonstrativ seinen Panzer anlegte, um vor Catilina zu warnen. Dieser unterlag dann schließlich auch den Mitbewerbern Decimus Silanus und Lucius Murena, während Cato zum Volkstribunen und Caesar zum Praetor gewählt wurden. Spätestens jetzt müsste Caesar zusammen mit Crassus Abstand von Catilina genommen haben, für den sie eher im Verborgenen Sympathien hegten. Allerdings war Caesar nun oberster Priester, mit der Praetur auf dem cursus honorum schon weit fortgeschritten und auch Crassus sah in dem nun erneut gescheiterten Catilina wohl keine wirkliche Verstärkung der eigenen Ambitionen mehr.
Bereits am 21. Tag des Wahlmonats Juli führte Cicero einige anonyme Briefe im Senat vor, die von Truppenaushebungen im nördlich gelegenen Etrurien berichteten. Drei Monate später, in der Nacht zum 21. Oktober, unterrichtete Crassus den Consul Cicero, wohl auch in der Ab-
41 Cass.Dio 37, 30 / Cic. Cat. 2, 8 / Dazu auch Yavetz, S. 488-489: „In addition to the urban and rural plebs,
Catiline’s following includet Sullan colonists, who had become impoverished in the course of years, indebted
aristocrats and the jeunesse dorée of Rome.”
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Arbeit zitieren:
Stephan Gäth, 2008, Marcus Porcius Cato und sein Kampf gegen Caesar, München, GRIN Verlag GmbH
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