Versöhnung zu sehen, welches Vereinbarungen hinsichtlich des zu verwendenden Sprachgebrauchs vorgibt. Durch die offizielle Abschaffung der Begriffe „Hutu“ und „Tutsi“ werden von den Menschen neue Konstrukte geschaffen, welche vielmehr der Verschleierung und Unterdrückung der dabei hervorgerufenen Emotionen dienen, als dass sie einer Versöhnung entgegenkommen könnten. So existieren weiterhin soziale Differenzen und verhasste Gefühle zwischen den Bevölkerungsgruppen, welche den endgültigen Frieden und demokratische Gleichberechtigung unmöglich machen.
Betrachtet man allein die Statistiken des Bürgerkriegs von 1994 und die heutigen Folgen, so stellt sich ganz von selbst die Frage, wie es zu einer solchen Eskalation kommen konnte. Wo liegen die historischen Wurzeln in diesem Konflikt, wie hat er sich entwickelt und wie konnte es zu einer solchen Ausuferung kommen? Hatte die internationale Gemeinschaft, welche doch den Frieden auf der Welt bewahren soll, geschlafen? Diese Fragen möchte ich in der folgenden Konfliktanalyse beantworten. Als erstes sind die historischen Wurzeln und die Entwicklung des Konfliktes zu betrachten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildete sich unter den staatlichen Zentralisierungstendenzen des Königreichs eine erste Differenzierung zwischen den Bevölkerungsgruppen heraus. Die Tutsi, welche vorwiegend Viehwirtschaft betrieben, erlangten zunehmend Macht und wurden immer mehr mit in die Politik und Verwaltung miteinbezogen. Die Hutu, die hauptsächlich dem Ackerbau nachgingen, etablierten sich als beherrschte Bevölkerungsschicht unter den Tutsi. Eine dritte Bevölkerungsgruppe, nämlich die Twa, die als Jäger und Sammler galten, spielten in der Entwicklung dieser Differenzierung eher eine unbedeutende Rolle und werden in meiner Konfliktanalyse außen vorgelassen. Als dann 1899 die Deutschen die Kolonialherrschaft über Ruanda erlangten, wurde die soziale und politische Unterscheidung der Bevölkerungsgruppen manifestiert. Die Deutschen begründeten die abgestuften Sozialbeziehungen in Ruanda mit der europäisch-rassistischen Hamitentheorie und banden die bereits etablierten Tutsi als lokale Machtträger in das System ihrer indirekten Herrschaft mit ein.
Nach dem Ersten Weltkrieg, als Ruanda den Deutschen durch den Versailler Vertrag abgesprochen und durch die Belgier übernommen wurde, wurde das System der ungleichen Machtverteilung auf Basis von rassistischen Unterschieden zwischen Tutsi und Hutu fortgesetzt. Als 1933/34 die Ausstellung von Ausweispapieren infolge einer Volkszählung erfolgte, wurde die ethnische Zugehörigkeit eines jeden festgelegt und somit die rassistische Biologisierung der Einwohner fixiert. Auch die Bildungsförderung durch katholische Missionarsschulen richtete sich nach dieser festgelegten Differenzierung. Während noch vor dem Zweiten Weltkrieg die Tutsi im Bildungswesen bevorzugt wurden, galt danach die
besondere Förderung der Hutu aufgrund neuen ideologischer Grundsätze der katholischen Mission. Gefördert durch die nun auch den Hutu zugängliche Bildung, bildete sich ein Hutu-Klerus, der der Tusi-Herrschaft als Opposition entgegenstand. In den 1950ern, als eine Dekolonisation Ruandas absehbar wurde, kam es zu ersten Parteigründungen entlang der ethnischen Grenzen. Dabei setzten die Tutsi-Parteien auf die Weiterführung ihrer Monarchie, während die Hutu durch Diffamierung der Tutsi-Hegemonie in ihren eigenen Reihen extremistische Politiker hervorbrachten. Als dann 1959 der Tutsi Monarch Rudahigwa starb, eskalierte die Situation zwischen den Bevölkerungsgruppen: Hunderte Menschen starben infolge von brutalen Auseinandersetzungen. Als diese durch die Belgier niedergeschlagen wurden, kam es zu einer neuen, paritätischen Besetzung der Ämter in Verwaltung und Politik.
1960/61 schwang die Politik aufgrund der Wahlsiege der Hutu vollkommen um. In der Hutu-Revolution von 1962 unter G. Kayibanda wurden hunderttausenden Tutsi ins benachbarte Ausland vertrieben. Als Kayibanda als die Macht übernahm, kristallisierte sich Ruanda als Einparteienstaat der Hutu heraus, welcher sich unabhängig von den Belgiern machte und die Einführung republikanischer Verhältnisse verfolgte. Bis 1967 kam es immer wieder zu Guerilla-Angriffen der Tutsi Rebellion aus dem Ausland, was zur Destabilisierung Ruandas beitrug. Die Antworten der Hutu darauf waren Vertreibung, Morde und Enteignungen, welche die Situation Ruandas für die nächsten Jahrzehnte prägen sollten.
1972 rollte eine neue Gewaltwelle gegen die Tutsi an, welche ca. 150.000 Tote hervorbrachte. Als dann im folgenden Jahr der Präsident versuchte, die Gewalttaten zu unterbinden, stürzten extremistische Hutu diesen und Habyarimana ergriff die Macht. Dieser läutete eine neue Ära der nationalen Politik ein und förderte vorerst die Unterbindung von Konflikten und die Bildung einer Einheitspartei zwischen Tutsi und Hutu, die MRND. Dennoch wurden Tutsi-Bürger weiterhin diskriminiert und aus öffentlichen Ämtern ausgeschlossen. Bis Mitte der 80er Jahre erlebte Ruanda einen wirtschaftlichen Aufschwung, welcher dann durch eine abrupte Staatskrise abgelöst wurde. Grund dafür waren eine wirtschaftliche Depression aufgrund des gesunkenen Kaffeepreises (welcher zu den Hauptexportmittel Ruandas zählt), ein starkes Bevölkerungswachstum, Knappheit der Landesressourcen, Arbeitslosigkeit in der Industrie und eine erstärkende Inflation. Die Staatskrise untergrub die Autorität Habyarimanas. Sie führte zur Bildung oppositioneller Gruppen, die den Kurs des Präsidenten kritisierten. Diese Gruppen, die insbesondere in den südlichen Landesteilen Rückhalt hatten, forderten eine Demokratisierung und das Ende der Monopolisierung der Macht durch Vertraute Habyarimanas. Das Ausland unterstützte diese Forderungen und
forderte, das mittlerweile 30 Jahre alte Flüchtlingsproblem zu lösen. Schätzungen besagen, dass Anfang der 1990er Jahre zirka 600.000 Tutsi als Flüchtlinge im Ausland lebten. Einen weiteren Faktor für die Loyalitätskrise der Staatsmacht stellten Gerüchte über eine bevorstehende, erneute Invasion von Tutsi-Rebellen dar, die sich in Uganda zur Ruandisch-Patriotischen Front (RPF) formiert hatten. Die Vermutungen bestätigten sich am 1. Oktober 1990, als die RPF von Uganda aus den Angriff auf Ruanda startete. Mit diesem Feldzug begann ein Bürgerkrieg, der erst mit dem militärischen Sieg der RPF im Juli 1994 enden sollte. Habyarimana bat Belgien, Frankreich und Zaire um militärische Unterstützung. Die jeweiligen Regierungen gingen dem Hilferuf nach und versetzten die Regierungsarmee Ruandas in die Lage, den ersten Angriff der RPF zurückzuschlagen. Nach dem ersten Sieg der Koalitionstruppen blieben jedoch nur die französischen Militärs zurück. Nach ersten geheimen Versuchen der politischen Elite um den Präsidenten, die Demokratisierung Ruandas zu blockieren, kam es letztendlich im April 1992 zu einer Machtteilung mit den entstehenden neuen Parteien per Koalitionsregierung und der MRND. Zu den neuen Parteien gehörte zudem eine, die bereit war, die bestehende Herrschaft der Hutu mit radikalen Mitteln zu verteidigen. Die Coalition pour la Défense de la République (CDR), gegründet von Personen aus dem Umkreis des Präsidenten, plädierte für eine Vertreibung der Tutsi und baute ab 1992 die Miliz Impuzamugambi auf. Die Präsidentenpartei MRND organisierte im selben Jahr die Interahamwe.
Von Oktober 1990 bis April 1994 wurden Tutsi und Hutu-Oppositionelle immer wieder Opfer von Gewalt und Massakern, die als Rache für militärische Erfolge der RPF deklariert wurden. Diese Menschenrechtsverletzungen, bei denen etwa 2000 Tutsi und etliche Hutu getötet wurden, gelten als Vorläufer des Völkermords.
1992 gelang der RPF die Ausweitung ihrer Einflusszone. Sie beherrschte jetzt die nördliche Präfektur Byumba, die als „Brotkorb“ Ruandas galt. Dieser Erfolg zwang die ruandische Regierung dazu, ab Mitte 1992 in den Friedensprozess von Arusha einzutreten, der den Frieden für Ruanda versprach. Im Kern ging es bei den Verhandlungen in Arusha um die Frage der Rückkehr der ruandischen Flüchtlinge und die Rückführung ihres früheren Eigentums, um die Frage der Machtteilung zwischen der MRND, den anderen ruandischen Parteien und der RPF, um die Demobilisierung der Armeen und ihre Synthese zu einem gemeinsamen Militärapparat. Doch immer wieder wurden die Verhandlungen durch wieder aufgenommene Kampfhandlungen unterbrochen oder durch Parteimitglieder der MRND und CDR unterlaufen.
Ein weiteres Kernelement des Arusha-Abkommens bestand in der Aufstellung von UN- Friedentruppen in Ruanda, um die Verhandlungsergebnisse abzusichern. Der kanadische
General Roméo Dallaire befehligte ab Oktober 1993 die UNAMIR, die von Beginn an mit erheblichen Problemen kämpfte. Presseorgane der Hutu-Extremisten unterstellten dem belgischen Kontingent der UNAMIR, auf Seiten der Rebellen zu stehen. Der Großteil der Blauhelmtruppe, die Ende März 1994 eine Stärke von zirka 2500 Mann erreichte, waren Soldaten aus Ghana und Bangladesch. Die militärischen Fähigkeiten und Ressourcen insbesondere der Bengalen erwiesen sich in den kommenden Monaten oft als unzureichend. Die Finanzierung der Truppe war über lange Monate ungesichert. Eine weitere Schwierigkeit lag im Mandat. Die UNAMIR hatte einen Auftrag nach Kapitel VI der Charta der Vereinten Nationen. Allein die Förderung des Friedens, eine so genannte Friedensmission, war möglich, nicht die Erzwingung des Friedens gegen eine oder mehrere Kriegsparteien - ein solches Vorgehen hätte ein Mandat nach Kapitel VII der Charta erfordert.
In den folgenden Jahren bis 1994 entwickelte sich eine neue ideologische Führung der Hutu-Regierung, welche vor allem durch den Aufbau eines wirksamen Propagandaapparates gegen die Tutsi gekennzeichnet war. Die Publikation der so genannten „Zehn Gebote der Hutu“ war eine der prägnantesten rassistischen Äußerungen dieses Propagandaapparates. Diese beinhalteten die „vollkommene Ausrottung der Tutsi“ und einen damit verbundenen Aufruf zur Tötung aller Tutsi-Frauen und -Kinder. Noch viel prägnanter war, dass die politische Elite um Habyarimanas den Hass-Senders Radio-Télévision Libre des Mille Collines (RTML) 1993 ins Leben rief, da über 40% der ruandischen Bevölkerung Analphabeten waren. Dieser propagierte tagtäglich gegen die Tutsi, welche als Kakerlaken, Schlangen, Gewürm, Stechmücken, Affen galten und zu töten seien.
Um den „Krieg“ gegen die Tutsi vorzubereiten, wurde ein Programm zur „zivilen Selbstverteidigung“ von der politischen Elite ins Leben gerufen, welches die Erstellung und Verbreitung von „Feindeslisten“ (Namen von Tutsi und Hutu-Rebellen) und die Bewaffnung der Bevölkerung beinhaltete. Dabei wurde größten Teils auf die Aushändigung von Macheten zurückgegriffen, da Schusswaffen zu teuer und zu schwer zu beschaffen gewesen wären. Als es im August 1993 zum 2. Friedensabkommen von Arusha kam, schien sich auf den ersten Blick von außen, die Situation zwischen der Hutu-Regierung und den FPR-Rebellen zu entspannen. Vertreter beider Parteien einigten sich über die Zusammenstellung einer gemeinsamen Armee und über die paritätische Besetzung der Ministerposten für eine Übergangsregierung. Doch in den Monaten, die auf das 2. Friedensabkommen von Arusha folgten, war keine entscheidende Besserung der Lage in Ruanda zu erkennen. Das Land blieb zwar von größeren Katastrophen verschont, doch gab es immer noch vereinzelte Kämpfe. Die politische Situation war also nach wie vor äußerst angespannt, als im Frühjahr 1994 der plötzliche Tod des Staatspräsidenten Ruanda ins Unglück stürzte.
Am 06.04.1994 wurde das Flugzeug Habyarimanas auf dem Heimflug nach Kigali von Boden-Luft-Raketen abgeschossen. Neben Habyarimana kamen bei dem Absturz der burundische Präsident Cyprien Ntaryamira, zwei burundische Minister, ruandische Politiker und die französische Besatzung der Maschine ums Leben. Bis heute ist unklar, ob die Attentäter zu den FPR-Rebellen oder zu extremistischen Hutu, die unzufrieden mit der Politik ihres moderaten Präsidenten waren, gehörten. Auf jeden Fall wurde es von den Hutu als Attentat der FPR-Rebellen gedeutet, was zur Initialzündung des Völkermords wurde. Am Morgen des 7. Aprils begann in der Hauptstadt eine Mordwelle, die die Lage in Kigali außer Kontrolle geraten ließ. Die Präsidentengarde, jugendliche Milizen und Teile der Armee schlachteten alles nieder, was nach Opposition aussah. Innerhalb von zehn Tagen wurden sämtliche Minister umgebracht. Die Tutsi-Landbevölkerung musste in ständiger Angst vor jugendlichen Killertrupps, Interahamwe genannt, leben, die erbarmungslos wüteten und metzelten. Ab dem 8. April begann die FPR mit einer groß angelegten Offensive, um endgültig die Macht im Land zu übernehmen.
Die Weltöffentlichkeit verurteilte die Ereignisse in Ruanda selbstverständlich, schaute dem Grauen aber tatenlos zu. Die UN beschloss, nicht in den Konflikt einzugreifen, ja sogar das Kontingent der bislang stationierten MINUAR-Soldaten auf 270 Mann zu reduzieren. Auf Hilfesuche der ruandischen Regierung hin (Jean Kambanda war inzwischen zum neuen Chef der Interimsregierung ernannt) korrigierte die UN diese Resolution allerdings bald und vergrößerte die MINUAR-Truppe im Mai auf 5.500 Mann. Trotz der zunehmenden Informationsdichte über das Ausmaß der Gewalttaten vermied es die amerikanische Regierung bewusst, von einem Völkermord zu sprechen. Wären die Geschehnisse so bezeichnet worden, wäre die internationale Gemeinschaft gemäß der UN-Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes zwingend zum Handeln verpflichtet gewesen. Doch Ruanda galt in den Augen der USA als Land ohne strategischen Wert. Unterbrochen wurde die internationale Debatte um militärische Beteiligung durch einen weiteren Sieg der FPR: am 4. Juli fiel die Hauptstadt in die Hände von FPR-Truppen. Die Regierung war schon vorher vor den heranrückenden Rebellen nach Gitarama und Gikongoro geflohen. Die Bevölkerung folgte diesem Beispiel. Und so zog sich bald eine endlose Flüchtlingswelle durch ganz Ruanda.
Am 22. Juni stimmte der UN-Sicherheitsrat der „Opération Turquoise“ der französischen Regierung zu. Ziel dieser Aktion war die Errichtung einer Schutzzone für die Flüchtlinge. Jedoch wurden alle UN-Soldaten aufgerufen, auf den Gebrauch von Waffen zu verzichten und einen Sieg der FPR zu ermöglichen, was die Flüchtlinge weiteren brutalen Schlachtzügen der Interahamwe auslieferte. Auch kanadische, französische und belgische Blauhelmsoldaten
wurden dabei auf brutalste Weise hingerichtet, da diese sich durch ihre zahlenmäßige Unterlegenheit und ihr Waffengebrauchsverbot nicht verteidigen konnten. Am 19. Juli 1994 übernahm die FPR die Macht in Ruanda und ernannte eine neue Regierung unter der Führung des neuen Staatspräsidenten Pasteur Bizimungu. Eine Regierung der Nationalen Einheit lehnte die FPR jedoch strikt ab und Wahlen wurden bis auf weiteres verschoben. Dies führte über kurz oder lang zu neuen Auseinandersetzungen zwischen den Konfliktparteien, da nun den Hutu ihre Beteiligung an der Regierung und ihr Anspruch auf soziale und ethnische Gleichberechtigung verwährt wurde. Die Kämpfe dauerten an, die Lage der Flüchtlinge wurde immer bedenklicher, es kam zu Massakern und Ausschreitungen in den Flüchtlingslagern.
Der Völkermord in Ruanda erzeugte darüber hinaus erhebliche regionale Probleme. Nachdem die RPF die Hutu-Machthaber vertrieben, damit den Völkermord beendet und eine neue Regierung gebildet hatte, flohen im Sommer 1994 hunderttausende Hutu in den Osten von Zaire (heute Demokratische Republik Kongo). Unter den Flüchtlingen waren viele Täter, die anschließend zur Wiedereroberung Ruandas rüsteten und die innenpolitische Lage und die Versöhnungsbemühungen Paul Kagames destabilisierten.
Diese Bedrohung und die Erfahrung des Völkermords führten zur Herausbildung eines ausgeprägten Sicherheitsbedürfnisses, das die Ablehnung innenpolitischer
Demokratisierungs-forderungen wesentlich mit beeinflusst. Internationale Beobachter kritisieren deutliche Mängel, wenn es um die Wahrung von Menschenrechten sowie um Presse- und Meinungsfreiheit geht.
Bis heute kann man sagen: eine wirkliche Besserung und Normalisierung der Situation in Ruanda kann erst dann eintreten, wenn die Regierung das Flüchtlingsproblem in den Griff bekommt. Die Flüchtlinge müssen aus den Nachbarländern und allen Teilen des Landes zurückgeführt, gleichberechtigt in das soziale Gefüge ihrer Heimat integriert und mit Arbeitsplätzen und Nahrung versorgt werden.
Obwohl der Bürgerkrieg inzwischen offiziell beendet ist, leidet Ruanda immer noch an seinen Folgen. Die Trennlinien der Gesellschaft zwischen Hutu und Tutsi sind nicht überwunden. Soziale Unterschiede sind zudem zwischen Tutsi, die den Völkermord in Ruanda überlebt haben und Tutsi, die nach Mitte 1994 aus dem Ausland zurückgekehrt sind, erkennbar. Diese Verwerfungen konnten durch neu eingeführte nationale Symbole - dazu gehören die Hymne und die Flagge - und eine Neuordnung der Verwaltungsgliederung Ruandas nicht überdeckt werden.
Ich möchte die Ursachen für den gewaltsamen Konflikt in Ruanda in 3 Erklärungsmustern zusammenfassen: Das erste betrachtet den Völkermord als eine Maßnahme, zu dem eine in ihrer politischen Macht existenziell herausgeforderte Gruppe - das „kleine Haus“ (akazu)griff, um den drohenden Machtverlust abzuwenden. Der Völkermord erscheint damit als Manipulation einer Elite. Ein zweiter Erklärungsansatz bezieht sich auf die natürlichen Ressourcen Ruandas, die sich vor dem Völkermord immer rascher und dramatischer verknappten. Landknappheit, weitgehend fehlende Existenzgrundlagen außerhalb der Landwirtschaft, zugleich hohe Geburtenraten und letztlich eine „Überbevölkerung“ seien die entscheidenden Antriebskräfte der Völkermord-Gewalt gewesen. Ein drittes Erklärungsmuster rückt Annahmen über kulturelle Eigenheiten Ruandas und angeblich charakteristische sozialpsychologische Eigenschaften seiner Bewohner in den Mittelpunkt. Ruander seien es gewohnt gewesen, Befehlen fraglos zu folgen. Ein regelrechter Hang zum Gehorsam sei weit verbreitet. Dieser charakteristische Zug habe die Einbindung von Hunderttausenden als Täter möglich gemacht.
Aus dieser Ursachenanalyse ergeben sich die notwendigen Reaktionen der internationalen Gemeinschaft auf die innenpolitische Situation Ruandas.
Um diesen Konflikt endgültig zu beschwichtigen, müsste durch eine äußere Instanz, wie z.B. die UN, demokratische Wiederaufbauhilfe geleistet werden. Allein durch die Politik des Landes selbst oder durch das Volk könnte dies wahrscheinlich nie geschehen, da die politische Macht nur in der Hand einer Seite, der Tutsi, und die Aggression gegen den Staat in der Hand der anderen Seite, der Hutu liege. So würde es höchstwahrscheinlich nie auf Eigeninitiative zu einem Verständnis kommen. Die Wiederaufbauhilfe müsste die Reintegration aller Flüchtlinge und gesellschaftlich Ausgestoßenen, den Wiederaufbau einer paritätisch besetzten Verwaltung, und die Institutionisierung eines demokratischgleichverteilten politischen Systems beinhalten. Außerdem müsste das gesamte Bildungswesen reformiert werden, auf welches Tutsi, als auch Hutu gleichen Anspruch und die gleichen Berufsaussichten haben müssten. Um einen endgültigen Frieden zu gewährleisten, müssten das Bedürfnis auf politische Partizipation und Gleichberechtigung und der Anspruch auf Land und Ressourcen beider Seiten befriedigt werden, da in diesem Punkt der eigentliche Konfliktherd liegt. Um der ethnischen Differenzierung entgegenzuwirken, müsste man in ein neu geschaffenes Bildungssystem außerdem die fachlich geführte Aufarbeitung der Geschichte des Landes integrieren, welche zu verdeutlichen hätte, dass Verständigung und Toleranz unabdinglich seien, um solche Ereignisse wie in der Vergangenheit zu verhindern und dem gesamten ruandischen Volk Frieden zu bringen.
Im Verlauf und im Nachgang der Ereignisse wurden die Vereinten Nationen (UN) und Staaten wie Frankreich, die USA, Großbritannien und Belgien wegen ihrer Untätigkeit kritisiert. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, aus welchen Gründen eine frühzeitige humanitäre Intervention nicht erfolgte beziehungsweise warum die vor Ort stationierten Friedenstruppen der Vereinten Nationen, die United Nations Assistance Mission for Rwanda (UNAMIR), bei Ausbruch der Gewalt nicht gestärkt, sondern verkleinert wurden. Der frühe Rückzug der UNAMIR und die wochenlange Inaktivität der entscheidenden internationalen Akteure hätten eine Mitverantwortung der Weltgemeinschaft für den Völkermord zur Folge. Möglichkeiten einer raschen Beendigung seien nicht genutzt worden, obwohl das Ausmaß der Gewalt frühzeitig bekannt gewesen sei.
Um ein solches Ausmaß an unkontrollierter Gewalt in Zukunft auf der Welt zu verhindern und Weltgefährdungen im Allgemeinen künftig präventiv entgegenzuwirken, müsste die UN meiner Meinung nach vollkommen reformiert werden. Öfter schon in der Geschichte wurde deutlich, dass die UN oft aufgrund des Veto-Rechts der ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates handlungsunfähig war oder zu schwach intervenierte, da häufig bei der Beschäftigung mit Konflikten und benötigten Resolutionen im Sicherheitsrat die eigenen Interessen der ständigen Mitglieder keinen oder einen zu schwachen Kompromiss fanden. (siehe Völkermord der Serben unter Milosevic in Kroatien und Bosnien in den 90ern). Vielmehr müsste eine internationale Institution geschaffen werden, die zu behandelnde Konflikte viel regionaler in Verbindung mit den Nachbarstaaten eines Krisenherds zu sehen habe und unabhängig von den Vetos einzelner Staaten oder Großmächte sei, die gar nicht in direkter Verbindung mit dem Konflikt stehen, oder durch pragmatische Vorteilsaussichten (z.B. wirtschaftliche Interessen) in einem Konflikt voreingenommen sein könnten (z.B. USA, Russland…). Außerdem müsste diese Organisation über eine paritätisch besetzte, schnelle Eingreiftruppe verfügen, die genügend militär-technisch und mandatsmäßig ausgestattet sei, um in Notfällen auch auf Eigeninitiative zu handeln. Notwendigerweise müsste man hier wiederum mehr Vertrauen den Akteuren und Offizieren entgegenbringen, welche in ein Krisengebiet geschickt werden würden und sich dabei gleichzeitig auf fachlich-korrekte und objektive Konfliktanalysen berufen können. Auch die Wiederaufbauhilfe nach Beendigung eines Konfliktes müsste durch Beteiligung internationaler Instanzen und Organisationen viel regionaler gesehen werden und alle gesellschaftlichen Bereiche betreffen. Viel wichtiger jedoch noch als Nachsorge ist Vorsorge. Im Allgemeinen müssten viel zeitiger, schon im Ansatz in der Entstehung durch internationale Beobachter Konflikte fachgerecht analysiert werden. Diesen sei dann durch präventive Maßnahmen auf verschiedenen gesellschaftlichen
Ebenen entgegenzuwirken, um mögliche Ausbrüche zu Krisen oder Kriegen entgegenzuwirken.
Alles in allem bin ich fest der Überzeugung, dass die internationale Gemeinschaft dezentralisiert werden und nach dem Subsdidaritätsprinzip organisiert werden sollte. Nur durch konkrete, lokale Beschäftigung mit Konfliktpotenzial durch äußere Instanzen kann Frieden auf der Welt (auch in Afrika!!!!) garantiert werden.
Quellenangabe
(1) „Konfliktdynamiken und -Akteure erstellt im Rahmen der Vorbereitung des Neuvorhabens Ernährungssicherung und strukturelle Stabilität im Süden von Ruanda“, verfasst von Gabriele Kruk und Sonja Vorwerk, Kigali / Eschborn 2003 (2) Historisches Institut der RWTH Aachen, „Ruanda (Hutu - Tutsi - Konflikt)“; http://www.histinst.rwth-aachen.de/default.asp?documentId=82 (3) Völkermord in Ruanda; http://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkermord_in_Ruanda (4) Universität Hamburg, „Ruanda“;
http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/kriege/283ak_ruanda.htm
Arbeit zitieren:
Eric Schütte, 2008, Konfliktanalyse am Fallbeispiel Ruanda, München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
DOI
Obdachlos und psychisch krank - Herausforderung für Wohnungslosenhilfe...
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