2
3.6. Der Suggestionsvorgang S 43
3.7. Suggestibilität S 44
3.8. Suggestion und Hypnose S 45
4. Theorien und Definitionen der Hypnose S 46
4.1. Einführung S 46
4.2. Theorien der Hypnose S 47
4.2.1. Biologische Hypnosetheorien S 47
4.2.2. Physiologische Theorien S 49
4.2.2.1. Schlaftheorien und Hypnose als cerebrale Inhibition S 49
4.2.3. Psychologische und sozialpsychologische Theorien S 50
4.2.3.1. Die Dissoziationstheorie Janets und die Neodissoziationstheorien von Hilgard S 50
4.2.3.2. Hypnose als Ergebnis einer durch Erwartung und Motivation zustande S 52
kommenden Rollenübernahme oder als außergewöhnlicher
Bewusstseinszustand
4.2.3.3. Die Theorie der kognitiven Selbstorganisation S 53
4.2.3.4. Hypersuggestibilitätstheorien S 54
4.2.4. Psychoanalytische Hypnosetheorien S 54
4.2.5. Schlussbetrachtung der verschiedenen Theorien S 55
4.3. Einige Definitionen der Hypnose S 56
5. Phänomene der Hypnose S 58
5.1. Kennzeichen des hypnotischen Zustands S 58
5.1.1. Objektive Kennzeichen S 59
5.1.2. Subjektive Kennzeichen S 60
5.2. Klassische Hypnosephänomene S 60
5.2.1. Physiologische Phänomene S 61
5.2.2. Psychologische Phänomene S 63
Teil II: Geschichte Vorstellungen und Praxis der Pfingstbewegungen
6. Die Charismatischen Pfingstbewegungen S 67
6.1. Kulturhistorischer Überblick S 67
6.1.1. Einführung S 67
6.1.2. Geschichte der Pfingstbewegungen S 67
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6.1.2.1. Die Anfänge der klassischen Pfingstbewegungen in den USA S 68
6.1.2.2. Praktiken und Anschauungen S 70
6.1.2.3. Die Anfänge der Pfingstbewegungen in Deutschland S 70
6.1.2.4. Die zweite Phase des Aufbruchs die so genannte dritte Welle und die S 71
neupfingstlerischen und charismatischen Gemeinden und Werke
6.1.3. Kultur- und Sozialhistorische Umstände die die Entstehung und das S 73
Wachstum der Bewegungen förderten
6.2. Die Geistestaufe S 74
6.2.1. Das Erlebnis und die Deutung der Geistestaufe S 75
6.2.2. Voraussetzungen für die Geistestaufe S 77
6.2.3. Psychologische Ansätze zum Verständnis religiöser Erlebnisse S 79
6.3. Wesen und Gestalt der spektakulären Charismen S 80
6.4. Beschreibung des Segnungsgottesdienstes des Christlichen Zentrums S 83
Frankfurt am Main
6.4.1. Einführung S 83
6.4.2. Zum Ablauf des Gottesdienstes S 83
6.4.2.1. Die Lieder Predigt und Erlebnisberichte S 85
6.4.2.2. Die Segnung S 86
Teil III: Anwendung der Suggestions- und Hypnoseforschung auf einen exemplarischen pfingstleri
schen Gottesdienst des Christlichen Zentrums Frankfurt
7. Suggestive und hypnotische Elemente im Segnungsgottesdienst S 88
7.1. Einführung S 88
7.2. Das Trance induzierende und das suggestive Moment im S 89
Segnungsgottesdienst
7.3. Suggestionstheorien und -gesetzte in Bezug auf die Informationen über die S 91
Geistestaufe bzw Segnung
7.4. Hypnosetheorien und der Segnungsgottesdienst S 93
7.5. Klassische Hypnosephänomene im Segnungsgottesdienst S 95
8. Schlussbetrachtung S 96
9. Literaturverzeichnis S 100
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1. Einleitung
Diese Arbeit stellt den Versuch dar, sich gewissen Erscheinungen in manchen charis-matischen Pfingstgemeinden anhand der Hypnoseforschung zu nähern. Besucht man solche Pfingstgemeinden, können einige Phänomene beobachtet werden, die von Sei-ten der Gemeinden als Auswirkungen göttlicher Einflussnahme gedeutet werden. Dabei denke ich speziell an die Phänomene der Geistestaufe, die bei den Pfingstgemeinden als fundamentale und einmalige christliche Erfahrung neben dem Erlebnis der Wieder-geburt oder Bekehrung steht und an die Phänomene während der wiederholbaren so genannten Segnung, die als neuerlicher Kontaktgewinn mit dem Heiligen Geist zeleb-riert wird.
Sowohl bei der Geistestaufe als auch bei den Segnungen kommt es zu verschiedenen physischen und psychischen Erscheinungen und ungewöhnlichen Verhaltensweisen, die der Hypnoseforschung wohl bekannt sind. Deshalb befasst sich ein Großteil der Arbeit mit der Darstellung und Erläuterung der Hypnose. Dabei konnte ich es leider nicht vermeiden bestimmte Begriffe der Hypnoseforschung, die erst in späteren Kapi-teln erklärt werden, schon am Anfang zu verwenden.
Die Arbeit gliedert sich in drei Teile. Der erste und längste Teil befasst sich mit Ge-schichte, Theorien und Phänomenen der Hypnose. Das erste Kapitel liefert einen Ü-berblick über hypnoseähnliche Phänomene und Anwendungstechniken während religi-ösen Ritualen und therapeutischen Verfahren älterer Kulturen, um dann auf die Ge-schichte der wissenschaftlichen Hypnoseforschung seit Franz Anton Mesmer einzuge-hen. Besondere Aufmerksamkeit soll bei diesem Überblick auf diejenigen Techniken und Phänomene gerichtet werden, die für die heutige Hypnosepraxis charakteristisch sind.
Die Kapitel drei, vier und fünf widmen sich nacheinander der Suggestion, einem Begriff, der für das Verständnis hypnotischer und hypnoseähnlicher Ereignisse von herausra-gender Bedeutung ist, den Hypnosetheorien und –definitionen und den Phänomenen der Hypnose, die als typisch oder klassisch bezeichnet werden. Im zweiten Teil werden kurz Entstehung und Entwicklung der verschiedenen Pfingst-bewegungen, sowie deren Vorstellungen über Wesen und Auswirkungen der Geistes-taufe dargestellt. Am Ende des zweiten Teils werde ich den Ablauf eines exemplari-schen pfingstlerischen Gottesdienstes schildern; den Segnungsgottesdienst des Christ-lichen Zentrums Frankfurt.
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Im dritten und letzten Teil wird versucht die dargestellten Ergebnisse der Suggestions-und Hypnoseforschung auf die Ereignisse während des beschriebenen Segnungsgot-tesdienstes anzuwenden. Es sollen also suggestive und hypnotische Elemente im Seg-nungsgottesdienst herausgearbeitet werden. Dabei wird sich zeigen, dass es eine Kon-tinuität ähnlicher Tranceerscheinungen, hypnotischer Phänomene und Techniken gibt, die sowohl in älteren Ritualen und therapeutischen Verfahren, heutigen Hypnosesitzun-gen und während des dargestellten Gottesdienstes der Pfingstgemeinde beobachtet werden können.
In den letzten Kapiteln soll weniger der Frage nachgegangen werden, ob man den Segnungsgottesdienst als Hypnose bezeichnen kann. Es soll vielmehr versucht werden diejenigen Faktoren herauszuarbeiten, die sowohl das Entstehen der suggestiven und hypnotischen Phänomene als auch die Ereignisse während des pfingstlerischen Seg-nungsgottesdienstes begünstigen oder gar bedingen.
Teil I: Geschichte, Theorien und Phänomene der Hypnose
2. Geschichte hypnoseähnlicher Anwendungen und des wissenschaftlichen Hyp-notismus ab dem 19ten Jahrhundert
2.1. Einführung
Sieht man im Bücherverzeichnis der Staatsbibliothek Berlin unter dem Stichwort Hyp-nose nach, erscheinen um die 280 Titel. Die meisten Bücher stellen die medizinischen und psychologischen Anwendungsmöglichkeiten der Hypnose vor oder bieten Anleitun-gen zur Selbsthilfe durch Selbsthypnose. Hypnose wird aber auch im Zusammenhang mit politischer, krimineller und kommerzieller Beeinflussung, massenpsychologischen Erscheinungen und im ethnologisch-rituellen Rahmen behandelt (Boerner, 1991, S. 11). Liest man in diesen Büchern fällt schnell auf, dass recht unterschiedliche Phänomene die Bezeichnung Hypnose erhalten. Der Begriff Hypnose bezieht sich meistens auf einen speziellen Zustand oder auf eine zielgerichtete Anwendungstechnik; angefangen bei der körperlichen Starre, die bei gewissen Tieren durch einfache Manipulationen hervorgerufen werden kann (Totstellreflex), den halbwachen Momenten vor dem Ein-schlafen, Wachträumen oder Zuständen der Selbstvergessenheit, wie sie etwa beim Fahren auf der Autobahn auftreten können, bis zur suggerierten Schmerzfreiheit, Hallu-zination, Altersregression, bei der teilweise längst vergessene oder verdrängte Erleb-
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nisse wieder ins Bewusstsein gerufen werden und den Zuständen während gewisser Rituale. Auch Techniken wie Meditation, autogenes Training, ethnotherapeutische Krankenheilungen usw. werden bisweilen als Hypnose bezeichnet (Revenstorf, 1990, S. 79; Hell, 1993, S. 9).
Das Gemeinsame dieser Phänomene scheint auf den ersten Blick nur ein außerge-wöhnlicher Bewusstseinszustand, ein Trancezustand zu sein. Dieser entsteht entweder spontan, durch gewisse psychologische und physiologische Techniken, oder er ist die Folge spezieller Suggestionen.
Oft ist versucht worden einen gemeinsamen Nenner solcher Zustände und Techniken zu finden und in einer Hypnosetheorie darzustellen. Die meisten Theorien sind aber entweder so allgemein, dass sie wenig Konkretes aussagen, oder aber nur Teile der Hypnose erfassen. Letztlich bleibt es fragwürdig, ob man so unterschiedliche Erschei-nungen als Hypnose bezeichnen sollte. Durch die Einbeziehung all dieser Phänomene in den Untersuchungsgegenstand wird allerdings deutlich, wie allgegenwärtig hypnoti-sche Erscheinungen in unserem Leben sind und wie viele Faktoren berücksichtigt wer-den müssen, wenn man zu einem umfassenden Verständnis der Hypnose gelangen will.
Einige Forschungen und Theorien haben sich den physiologischen Aspekten des hyp-notischen Zustands und der Hypnoseinduktion ohne Suggestion, d. h. unter Ausschluss einer direkten psychischen Stimulierung, gewidmet. Bei den meisten Formen einer zielgerichteten kulturellen Nutzung der Hypnose, z.B. im medizinischen, psychologi-schen oder auch im religiös-rituellen Bereich, spielt allerdings die wie auch immer gear-tete Suggestion, sowohl bei der Induktion, als auch zur Führung der Aufmerksamkeit im Trancezustand und für die so genannten hypnotischen Phänomene eine bedeutende Rolle. Dementsprechend wird die Suggestion, sei es eine verbale oder nonverbale, eine direkte oder indirekte, eine Fremd- oder Selbstsuggestion, in der Forschung und Theo-rienbildung meistens mit einbezogen.
Ich werde hier versuchen mit dem Begriff Hypnose nicht auf einen speziellen psychi-schen Zustand zu verweisen. Vielmehr möchte ich den Begriff zunächst für eine zielge-richtete Anwendungstechnik reservieren; eine Technik, die mindestens aus drei Ele-menten besteht, die sich wechselseitig ergänzen und überschneiden können. Eine sol-che prozessuale Anwendung besteht, einer klassischen Hypnoseauffassung zufolge (Peter, 1990, S. 24): 1. aus einer induktiven Technik, die in den hypnotischen- oder Trancezustand einführt, 2. einem suggestiven Moment, der den Bewusstseinsinhalt während dieses Prozesses in eine bestimmte Richtung lenkt und 3. den so genannten
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hypnotischen Phänomenen, die spontan entstehen können, meistens aber angestrebt werden und eine Folge spezieller Suggestionen sind. Die hypnotischen Phänomene können das körperliche und geistige Befinden betreffen, zu Einstellungsänderungen, Handlungen oder anderen Reaktionen führen (mehr dazu im 5. Kapitel). Wie wir sehen werden spielen diese drei Elemente schon bei einigen frühen Trance-und Heilungsritualen eine gewisse Rolle. Deshalb erscheint es gerechtfertigt, bei ihnen von einem Prozess zu sprechen, bei dem verschiedene hypnotische Faktoren zum Tragen kommen. Ob diese Faktoren schon die Hypnose als Ganzes ausmachen, hängt davon ab von welcher Theorie und Definition der Hypnose ausgegangen wird. Einige dieser frühen Praktiken werden hier erwähnt, da sich „eine kontinuierliche Kette nachweisen läßt zwischen Exorzismus und Magnetismus, Magnetismus und Hypnotis-mus, Hypnotismus und den großen modernen dynamischen Systemen“ (Ellenberger, 1973, S. 9) der heutigen Psychotherapie. Die meisten historischen Betrachtungen der Hypnose gehen davon aus,
daß…im Verlaufe der Geschichte die hypnotischen Phänomene gleichgeblie-ben seien, während sich ihre Bezeichnungen verändert hätten und daß der wissenschaftliche Hypnotismus zu einem bestimmten Datum der Neuzeit be-ginne, wobei seine Wirkungsweise selber noch nicht vollständig begriffen sei. (Schott, 1988, S. 1)
Durch die unterschiedlichen Bezeichnungen wird die historische Betrachtung der Hyp-nose erschwert. Verstehen wir jedoch die Hypnose zunächst, in dem oben angedeute-ten klassischen Sinne, als einen Prozess, bestehend aus induzierenden Techniken, einem suggestiven Moment und den hypnotischen Phänomenen, dann kann man wohl sagen, dass die Geschichte der Hypnose sehr weit in die Menschheitsgeschichte zu-rück reicht. Den hypnotischen Zustand betreffend, ist es sogar fraglich, ob er ein erst im Laufe der Menschheitsgeschichte erworbenes Phänomen ist, oder ob er als biologische Grundlage die Phylogenese bis hin zum Menschen begleitet hat. Da es bei fast allen Tieren möglich ist einen Zustand nachzuweisen, der Analogien zum hypnotischen Zu-stand des Menschen aufweist und oft auch willentlich hervorgerufen werden kann, scheint diese Annahme gerechtfertigt (Schott, 1988). 1
Ich werde mich bei der Darstellung der Geschichte der Hypnose vornehmlich auf Bei-spiele beschränken, in denen hypnoseähnliche Praktiken zu religiösen oder therapeuti- 1 Beialler Ähnlichkeit tierischer und menschlicher Erscheinungen, sollte man doch nicht den Blick für wesentliche Unterschiede verlieren. Der so genannte hypnotische Zustand beim Tier lässt sich nur sehr oberflächlich im Sinne eines allgemeinen Lebensvorgangs mit dem hypnoti-schen Zustand des Menschen vergleichen (Jovanovic, 1988, S. 68).
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schen Zwecken angewendet wurden und werden. Die meisten Begriffe, mit denen die moderne Hypnoseforschung umgeht, sind zwar erst in den letzten zwei Jahrhunderten entstanden; dennoch findet man Hinweise für hypnoseähnliche Anwendungen in den Praktiken schriftloser Kulturen sowie in alten Schriftstücken, wie dem Mahabharata, dem Talmud und der Bibel (Alman, B.M.; Pratt, G.J.; Wood, D.P., 1988). Nach Hoareau (1996, S. 13) ist es fraglich,
ob Heilkundige tatsächlich bewußt therapeutisch eingesetzte hypnotische Techniken beherrschten, oder ob Hypnose nur eine Nebenwirkung der ange-wandten magischen Verfahren war. Wie dem auch sei, Suggestion war unbe-streitbar der wirksamste Heilfaktor primitiver Medizin. 1
2.2. Suggestive und hypnoseähnliche Praktiken älterer Kulturen
Suggestive 2 Heilmethoden so genannter primitiver Kulturen oder Naturvölker sind, laut Jovanovic (1988), in der Regel supraindividuell und bestehen meist aus Gruppensug-gestionen. Neben dem Kranken wird oft die Familie, manchmal sogar das ganze Dorf in das Heilungsritual einbezogen. Durch Gesänge, brummende Laute, Tänze und rhyth-mische Monotonie werden die Beteiligten in einen Trancezustand geführt, der die Wirk-samkeit suggestiver Elemente erhöht. 3 Die Medizinmänner oder Schamanen verstärken ihr suggestives Autoritätspotential, das sie allein schon wegen ihrer intensiveren mysti-schen Erfahrungen, ihres ungewöhnlichen Verhaltens, besonderer Sprechweisen usw. besitzen, durch das Benutzen von Amuletten, Tätowierungen, Abzeichen und be-sonderer Kleidung. Ihre besonderen Fähigkeiten werden gewissermaßen zur Schau getragen. Laut Jovanovic begreift die Gemeinschaft den Medizinmann allerdings nicht so sehr als Einzelperson, sondern vielmehr als Vermittler und Verkörperung der kollek-tiven Heilkraft der ganzen Gruppe.
Gewisse Vorstellungen über die Ursache der Krankheit bedingen die Heilmethode und den Glauben an die Heilmöglichkeit. Ist z.B. eine fremde Kraft in den Kranken einge-drungen, besteht die Therapie unter Umständen aus der Austreibung dieser Kraft durch Aderlass, Massage oder durch das Heraussaugen eines Objektes, das dann geopfert, vernichtet oder weggebracht wird (Jovanovic, 1988, S. 9ff).
1 Natürlich wurden neben den suggestiven Methoden früher Kulturen auch, wie H. Ellenberger (1973) sie nennt, rationale Heilmittel, wie Salben, Tinkturen, Diäten, Massagen usw. zur Be-handlung von Krankheiten eingesetzt.
2 Mehr zur Suggestion im 3. Kapitel.
3 Die meisten Forscher sind sich darüber einig, dass Suggestionen im hypnotischen Zustand unkritischer akzeptiert und besser realisiert werden.
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Bei solchen Heilungsritualen stellen die Tänze, die monotonen Gesänge und Rhyth-men, usw. die Techniken dar, die in den hypnotischen Zustand einführen; die Indukti-onstechnik. Das suggestive Element besteht aus der jeweiligen Weltsicht, der Vorstel-lung von der Ursache und Behandlungsmöglichkeit der Krankheit und zum großen Teil eben aus dem festen Glauben an die besonders kompetente Autorität des Medizin-manns oder Schamanen. Das Ritual und der Heiler lenken die Aufmerksamkeit auf die Gesamtheit der, für den jeweiligen Fall, relevanten Vorstellungen und wecken, nicht zuletzt durch die Hervorhebung der speziellen Fähigkeiten des Medizinmannes, sug-gestiv eine positive Erwartungshaltung bei den Beteiligten, die sich oft erfüllt und da-durch wiederum den Glauben an das entsprechende Wirkprinzip festigt. Die hypnoti-schen Phänomene und Reaktionen sind vielfältig. Sie können unter anderem aus der Genesung bestehen.
Viele dieser heilenden Mechanismen kommen auch in unserer Kultur häufig zum tra-gen. Die heilende oder lindernde Wirkung von Placebomedikamenten lässt sich bei-spielsweise auch durch das Zusammenspiel von Weltsicht, Autoritätsgebaren, Glauben und einer Erwartungshaltung, die durch das Vertrauen in die spezifische Autorität des Arztes gefördert wird, erklären. Wir haben im Laufe unseres Lebens erfahren und ver-mittelt bekommen, dass die chemische Zusammensetzung eines Medikaments bei bestimmten Beschwerden Erleichterung verschaffen kann, und ein Arzt unsere Proble-matik in der Regel gut genug einschätzen kann um das passende Mittel auszusuchen. Die eigene Erfahrung und die Beobachtung von Heilungen bei Bekannten lässt uns relativ vorbehaltlos an das wirksame Potential richtig verordneter Medikamente glau-ben. Verabreicht uns der Arzt ein Mittel, wird, aufbauend auf unserer naturwissen-schaftlichen Vorstellung von Krankheit und Heilung, autosuggestiv eine positive Erwar-tungshaltung geweckt. Dieser Sachverhalt kommt unter Umständen einer heilsamen, aber hinter der Fassade eines Medikaments verborgenen Suggestion gleich. Bestimmte Zustände, die in asiatischen Kulturen etwa durch Yoga erreicht werden und z.B. zu einer Schmerzfreiheit führen können, ähneln, sowohl das Resultat als auch die Technik betreffend, autosuggestiv herbeigeführten Zuständen hypnotischer Schmerz-freiheit.
Im Mahabharata-Epos der Hindus finden sich schon Hinweise für den Gebrauch einer Art Hypnose. Es erzählt z.B. von Vipulas Lehrer, der eine Pilgerreise machen will, aber befürchtet, dass Gott Indra seine Abwesenheit ausnutzen könnte um seine Frau zu verführen. So wendet er sich an Vipula mit der Bitte seine Frau standhaft zu machen. Der Epos berichtet von Vipulas Technik: „Indem er die Strahlen seiner Augen mit den
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Strahlen ihrer Augen vereinigte, drang er in ihren Körper ein wie der Wind die Lüfte durchdringt“ (zitiert bei Kossak, 1993, S. 17). Später soll Indra die Frau von Vipulas Lehrer wie versteinert und unfähig zu sprechen vorgefunden haben, was seinen Verfüh-rungsversuch scheitern ließ. 1
2.2.1. Der Tempelschlaf
Der ägyptische Schlaftempel-Kult von Isis und Osiris diente den späteren griechischen Schlaftempeln als Vorbild. Der Asklepios-Kult ist der bekannteste Vertreter der griechi-schen Therapiekulte. Ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. nahm er eine bedeutende Position innerhalb der Heilkunst ein.
Die Kranken pilgerten zum Schlaftempel, wuschen sich und verbrachten zunächst eini-ge Nächte in Gruppen vor dem Tempel. Nach dieser Phase, die der psychischen Reini-gung dienen sollte, wurden sie in den Vorraum gelassen, wo sie sich die Reden und Predigten der Priester anhörten. Die Aufmerksamkeit wurde in dieser Zeit auf den, für die Heilung bedeutsamen Kontext gelenkt. Gleichzeitig wurde durch weitere Faktoren bei den Kranken suggestiv eine positive Erwartungshaltung geweckt; die Erwartung einer ganz konkreten Heilungsweise. Die hohe Anzahl uniformierter Priester, die be-sondere Einrichtung der Tempel und die Schriften, die z.B. an den Säulen des Epidau-ros-Tempels angebracht waren und von erfolgreichen Kuren berichteten, während de-rer es zu Träumen kam, in denen den Kranken ein Gott erschien und die Krankheit entweder direkt weg nahm, oder ein bestimmtes Heilverfahren anordnete, förderte die Bereitschaft einer Rollenübernahme. 2 Schließlich erlaubte man ihnen in den sakralen Bereich des Tempels zu kommen, wo sie vor und während der Schlaftherapie weitere verbale und nonverbale Suggestionen erhielten. In den Inkubationsräumen waren ver-borgene Schalltrichter installiert, mit deren Hilfe die Priester Suggestionen geben konn-ten, die von den Patienten als Götterstimmen aufgefasst wurden (Pausanias, 1954). 3 Es wurde allerdings vermieden Personen mit unheilbaren Krankheiten zu behandeln. Es sollten möglichst wenige Misserfolge bekannt werden. Sie hätten den Glauben an
1 Den Hypnotisanden (der Hypnotisierte) dazu zu bringen die Augen des Hypnotiseurs zu fixie-ren, ist eine bekannte und verbreitete Induktionstechnik moderner Hypnoseverfahren. Die Re-aktion der Frau erinnert an die kataleptische Starre, die zu den häufig vorkommenden Hypno-sephänomenen gehört (mehr zu den Hypnosephänomenen in Kapitel 5).
2 Mehr zur Erwartungshaltung und Rollenübernahme im 4. Kapitel zu den Hypnosetheorien.
3 Ellenberger (1973, S. 65) sieht in der Verwendung so genannter Wässer des Vergessens und der Erinnerung einen Hinweis für die therapeutische Nutzung der Hypermnesie bzw. Amnesie.
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das Heilpotential und damit die suggestive Kraft des therapeutischen Verfahrens ge-schwächt (Jovanovic, 1988). 1
2.2.2. Der Voodoo-Kult
Im haitianischen und kongolesischen Voodoo-Kult wird die Trance ebenfalls durch Ge-sänge, Bewegungen und eine erhöhte Konzentration, welche durch eine selektive, auf bestimmte Götter gerichtete Aufmerksamkeit zustande kommt, eingeleitet. Diese Übun-gen bereiten den Gläubigen auf die Besessenheit durch bestimmte Götter vor. Die Ri-tuale werden, laut Jovanovic, von einer Stimmung der Ehrfurcht, Spannung, Erwartung und Hingabe der Gläubigen und des Priesters getragen. Die Besessenheit durch Voo-doo-Götter oder Geister äußert sich physisch und psychisch in Gleichgewichtsstörun-gen, zwanghaften Tanzbewegungen, Spasmen, Schüttel- und Zitterkrämpfen, Desori-entierung und Schwindel. Schließlich verschwinden oft alle unangenehmen Gefühle und die Besessenheit kann manchmal Tage andauern. Manche sperren sich, wie be-schrieben wird, gegen sie oder erreichen nur eine leichte Form der Besessenheit. Spä-testens wenn es in solchen Fällen dazu kommt, dass der Priester unterstützend ein-greift, erkennt man eine Ähnlichkeit zu modernen Hypnosepraktiken. Ist jemand z.B. besonders erregt ohne in Trance fallen zu können, legt der Priester beruhigend die Hände auf dessen Schultern, spricht passende Wörter in monotoner Weise, schaut ihm fest in die Augen usw. (Jovanovic, 1988). Hier finden wir die Fixationstechnik und ver-bale Suggestionsdarbietung wieder. Auch in der modernen Hypnoseanwendung wer-den Suggestionen bevorzugt mit monotoner, gedämpfter Stimme geäußert. Der psychogene Tod hat die Suggestionsforschung immer wieder fasziniert. Stocks-meier (1984, S. 8) beschreibt den so genannten Voodoo-Tod als Beispiel für ein Resul-tat äußerst effektiver, wenn auch negativer Suggestionen. Er berichtet über eine Kon-go-Expedition Livingstons. Bei dieser Expedition seien zwei gesund wirkende Träger nur wenige Tage nach ihrer Ankündigung bald sterben zu müssen, tatsächlich verstor-ben. Livingston erfuhr, dass der Medizinmann dieses Stammes sie mit Hilfe intensiver Suggestionen, eines Voodoo-Zaubers, dahingehend beeinflusst hatte. Als der dritte auch meinte aus demselben Grund sterben zu müssen, hätte ihm Livingston aufbrau-send einen Schlag verpasst. Um sich zu rechtfertigen, behauptete er mit diesem Schlag
1 Die Inkubationstherapie in den Schlaftempeln war sehr populär und beeinflusste die Medizin für Jahrhunderte. Im römischen Reich wurde Asklepios zu Aeskulapius. Dieses Heilverfahren hielt sich, laut Jovanovic (1988, S. 79), bis in die Mitte des 6. Jahrhunderts.
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den Zauber gebrochen zu haben. Tatsächlich soll dadurch die Kraft der Suggestionen des Medizinmanns gebrochen worden sein, was angeblich zur Genesung des dritten Trägers führte. 1
2.3. Voraussetzungen der suggestiven Heilung
Hans Christian Kossak (1993, S. 19) arbeitet einige Grundvariablen der suggestiven Heilung heraus, die erfüllt sein müssen, wenn eine therapeutische Wirkung erzielt wer-den soll. Einige davon will ich hier wiedergeben.
• Übereinstimmender Glaube und Begriffsbildung über Symptome und deren Ursa-chen (Etikettierung)
• Der Glaube des Patienten an die Fähigkeiten des Heilers, der auf einer weltan-schaulich übereinstimmenden Grundhaltung basiert
• Erwartungshaltung des Patienten - wird vom Heiler aufgebaut und durch die rele-vante Sozialgruppe unterstützt
• Sozialer Konsens über Krankheitstheorie
• Sozialer Konsens über Wirksamkeit der Heilmethode
• Ausbildung des Heilers
• Prestige des Heilers.
2.4. Der Beginn einer naturwissenschaftlichen Betrachtung von Krankheit und Therapie
2.4.1. Die Magnettherapie
In den bisherigen Darstellungen war die suggestive Therapie meistens in magische, mythische, spiritistische und religiöse Vorstellungen eingebettet. Zunächst wurde auch der Magnet 2 noch in ein religiöses Gewand gehüllt. Thale von Milet (625-545 v. Chr.) schrieb dem Magneten eine Seele zu, besaß er doch, im Gegensatz zu anderen Ele-menten, unbestreitbar eine Art Eigenleben, eine deutliche für jedermann sichtbare selb- 1 Auchwenn diese Geschichte nicht stimmt, so veranschaulicht sie doch sehr schön die Be-hauptung, nach der alle Beschwerden, die durch wie auch immer geartete Suggestionen her-vorgerufen wurden, auch wieder durch Suggestionen aufgehoben werden können (siehe Kapi-tel 2.7., Charles Baudouin).
2 Nach Jovanovic (1988, S. 59) wurde der Magnetstein nach seinem Fundort in der Landschaft um die Stadt Magnesia in Kleinasien (Thessalien) benannt.
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ständige Aktivität. Der Arzt und Ingenieur Pierre de Maricourt, der als Begründer der Wissenschaft Magnetismus gilt, schrieb 1269 ein Buch 1 , indem er die besonderen Ei-genschaften des Magneten nicht mehr auf eine Seele zurückführt, sondern ihm eine natürliche, kosmische Kraft zuschreibt.
Der in der Schweiz geborene Theophrastus Philippus Aureolus Bombastus von Hohen-heim, besser bekannt als Paracelsus (1494-1541), behandelte alle möglichen Be-schwerden durch das Auflegen von Magneten. Ihm zufolge strahlen auch aus dem menschlichen Körper magnetische Kräfte, die durch Handauflegen therapeutisch ge-nutzt werden könnten. (Thuillier, 1990; Kossak, 1993, S. 20). Paracelsus sprach, den Theorien des späteren Franz Anton Mesmer ähnlich, von einer Kraft, die den Sternen entströmt und auf die Menschen einwirke. Er stellte sich diese Kraft als allgegenwärti-ges universelles Fluidum vor.
Folgende Zitate von Paracelsus verdeutlichen, dass er sich der Bedeutung von Sug-gestion, Autosuggestion und Glaube im Zusammenhang mit Heilungsprozessen so bewusst war, dass die Frage gerechtfertigt erscheint, ob er selber von der Heilkraft der Magneten überzeugt war, oder ob er lediglich eine Theorie formulierten wollte, die ge-eignet war den Menschen ein scheinbar logisches und nachvollziehbares Konzept zu bieten, durch welches sich die Menschen die Vorgänge der Heilung erklären konnten. Der Gegenstand Eures Glaubens mag wahr oder falsch sein… Ihr werdet das Gleiche Resultat erzielen (Revenstorf, 1990, S. 1). Die Suggestion verleiht dem Menschen eine Macht über seinesgleichen, die der des Magneten über das Ei-sen vergleichbar ist. …so kann niemand über den Glauben geheilt werden, es sei denn, er ist krank durch den Glauben. (Thuillier, 1990, S. 113) Auch wenn die Theorien des so genannten wissenschaftlichen Magnetismus heute äußerst spekulativ erscheinen, muss man doch betonen, dass sie sich deutlich von magischen oder religiösen Vorstellungen über Krankheitsursachen und deren Behand-lungen distanzierten und sich bemühten eine naturwissenschaftliche Erklärung zu fin-den. Allerdings erscheint es aus der Sicht der heutigen Hypnoseforschung so, dass sich lediglich die weltanschaulichen Grundhaltungen änderten, nicht aber das tatsächli-che Wirkprinzip der Krankenheilung. Die Suggestion scheint das wirksame Agens geblieben zu sein.
1 Achilles Gasser (Hrsg.): Brief über den Magneten (1558).
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2.5. Franz Anton Mesmer (1734-1815)
Ich will etwas ausführlicher auf Mesmers Praktiken eingehen, da die meisten Autoren, die sich mit der Geschichte der Hypnose beschäftigen, in seinem Lebenswerk den Be-ginn des wissenschaftlichen Hypnotismus sehen. 1 Obwohl seine Theorien seitens der damaligen Wissenschaftler abgelehnt wurden, seine Organisation nur kurz bestand und schon Mesmers Schüler seine Methoden abwandelten, lieferte er doch den entschei-denden Anstoß zur wissenschaftlichen Entwicklung der hypnotischen und suggestiven Heilmethoden.
Außerdem werden an seiner Praxis einige Prinzipien der Suggestionsforschung deut-lich, und der Mesmerismus eignet sich gut für einen Vergleich mit den Ritualen der Pfingstgemeinden. Auch wenn sich die eine Methode als wissenschaftlich versteht und die andere religiös, so lokalisieren doch beide die Ursache für die hypnotischen Phä-nomene außerhalb des Menschen. Mesmer erkennt sie nicht als psychologische Phä-nomene, und die Pfingstgemeinden führen sie auf die Wirkung des Heiligen Geistes zurück.
2.5.1. Das kulturelle Umfeld Mesmers
Mesmer wirkte in der Zeit der Aufklärung, in der vielen abergläubische Vorstellungen des Mittelalters 2 dicht neben modernen Ideen standen. Die Menschen verfolgten die neuen wissenschaftlichen Entdeckungen mit derselben Neugier mit der sie sich für alles, was den damaligen Wissenschaften nicht zugänglich war, zu interessieren schie-nen. Alchemistische Zirkel, freimaurerische Logen, Rosenkreuzer, Hellseher usw. hat-ten Hochkonjunktur. 3 Da Mesmer sich zwar anstrengte seine Methode wissenschaftlich
1 Von Ellenberger (1973, S. 89) wird Mesmer als der Begründer der dynamischen Psychiatrie bezeichnet.
2 Das Medzinalkollegium des preußischen Königreichs brachte z.B. noch 1731 ein Dekret mit der Anleitung zur Herstellung eines Pest-Amuletts für Ärzte und Apotheker heraus, das bis
1774 Gültigkeit hatte (Jovanovic, 1988, S. 62).
3 Thuillier (1990, S. 244) beschreibt das Pariser Leben zur Zeit Mesmers. In diesen Jahren: verfiel man auf Scharlatane. Die Pompadour ließ sich bei Madame Bontemps die Zu-kunft aus dem Kaffeesatz lesen. Der rätselhafte Graf von Saint-Germain erzählte, er habe zusammen mit Jesus an der Hochzeit von Kanaan teilgenommen, und man schenkte ihm Glauben, so wie man an die Liebestränke und geheimnisvollen Mittel des Sizilianers Balsamo glaubte, der sich Graf Cagliostro nannte. Man redete über die Wunder Christi, doch als bekannt wurde, daß unerklärliche Heilungen am Grab des Diakons Pâris auf dem Friedhof von Saint-Médar stattgefunden haben sollen, stürzte die Pariser Meute zum kleinen Beinhaus der Kirche, wo Frauen Fußtritte erduldeten, wo man ihnen die Zungen durchstach, während andere glühende Kohlen schluckten,
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zu untermauern, es ihm aber nie ganz gelang das Stigma des Wunderheilers abzule-gen, vereinigte er diese beiden gegensätzlichen Interessensgebiete in einer Person. Möglicherweise machte gerade das einen Großteil seiner Anziehung und Popularität aus.
2.5.2. Therapieformen, die Mesmer beeinflussten
Das therapeutische Verfahren Mesmers lässt sich besser verstehen, wenn man die Therapieformen, die ihn nachhaltig beeinflussten, betrachtet. Das war, laut Kossak (1993, S. 21), einerseits der schon erwähnte Magnetismus, die Theorie von Paracelsus über das kosmische Fluidum und andererseits eine Krankenbehandlung, die noch stark von religiösem Gedankengut durchtränkt war; der Exorzismus. 1 Dem Exorzismus begegnete Mesmer 1775, als er gebeten wurde ein Gutachten über die Praktiken des Exorzisten Johann Josef (alias Andreas) Gassner (1727-1779) zu erstellen. Die Phänomene, die durch Mesmers Vorgehensweise hervorgerufenen wur-den, ähnelten stark denen, die Gassners Exorzismus bewirkte. Mesmer konnte sein Wirken jedoch ohne das Hinzuziehen der Religion, scheinbar wissenschaftlich erklären. Sein Gutachten kam zu dem Schluss, dass Gassner ein vortrefflicher Heiler und ein redlicher Mann sei, nur heile er ohne es zu Wissen durch tierischen Magnetismus und nicht durch Exorzismus.
Gassner hatte sich selbst durch Exorzismus von einer schweren Krankheit geheilt und gelangte, laut Kossak (1993, S. 20), zu der Auffassung, er könne unterschiedliche Be-sessenheitssymptome kurieren. Kossak beschreibt seine Technik in etwa so: Nachdem er dem Patienten erklärte der Glaube an Jesu sei eine notwendige Vorraussetzung,
sich kreuzigen ließen oder ganz einfach auf das Grabmal des Diakons sanken und dort von Krämpfen geschüttelt wurden.
1 „Unter Exorzismus (Teufelsaustreibung) versteht man die Beschwörung von Dämonen und Geistern durch Wort und Geste, um sie aus dem Körper des Besessenen herauszuholen“ (Jo-vanovic, 1988, S. 62). Ellenberger (1973, S. 35ff) arbeitet Unterschiede und Gemeinsamkeiten der verschiedenen Besessenheitsformen heraus. Nicht jede Besessenheit bedarf einer Behand-lung. Wie wir gesehen haben ist z.B. die Besessenheit durch einen Voodoo-Gott oder –Geist erwünscht. Sie ist im Gegensatz zu der spontanen Besessenheit, die ohne das Zutun des Be-troffenen auftritt, freiwilliger Natur. Bestimmte Symptome, wie eine veränderte Physiognomie und Gestik, Stimmlage und Ausdrucksweise gehören zu den relativ oft beobachtbaren Beses-senheitsphänomenen. Nach Ellenberger besteht die heilsame Wirkung des Exorzismus darin, dass neurotische Störungen abreagiert werden können. Um das suggestive Potential des Exor-zisten zu steigern spricht der Exorzist meist im Namen eines höheren Wesens. Dabei wendet er sich an die „eingedrungene“ Person, die die Krankheit oder Störung verkörpert. Für den Patien-ten bringt es unter Umständen Vorteile, wenn er gewisse Eigenschaften oder Persönlichkeits-anteile von sich weisen kann. Indem er sie dissoziiert, bzw. auf einen anderen überträgt, muss er keine Verantwortung für sie übernehmen und braucht sich ihrer auch nicht rechtfertigen.
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beschwor er den Dämon und brachte ihn dazu die Krankheitssymptome hervorzubrin-gen. Wenn das geschah, war ein Beweis für die Besessenheit erbracht, und Gassner konnte anfangen seine Austreibung vorzunehmen. Er befahl dem Dämon z.B. Krämpfe in den verschiedenen Gliedern oder „nacheinander die äußeren Erscheinungsbilder von Trauer, Albernheit, Gewissenszweifeln, Wut usw.“ (Ellenberger, 1973, S, 90) beim Patienten hervorzurufen. Nach einer Weile bekam er auf diese Weise Macht über die Dämonen und konnte sie dazu veranlassen den Patienten zu verlassen. Gassner praktizierte vor vielen Zuschauern. Bei seinen Austreibungen kam es zu, der Hypnoseforschung wohl bekannten, Phänomenen wie Katalepsie, Konvulsionen, Schmerzunempfindlichkeit und Amnesie. Da er in verbale Kommunikation mit dem Pa-tienten, bzw. den Dämonen trat und ihnen direkte Aufgaben erteilte, finden wir in seiner exorzistischen Therapie nicht nur typische hypnotische Phänomene, sondern auch die verbale Suggestion wieder.
2.5.3. Mesmers Leben
2.5.3.1. Mesmers erste Lebensphase und seine Zeit in Wien (1734-1778)
Mesmer wurde am Bodensee geboren und religiös erzogen. Er schloss erst ein Studi-um der Theologie und Philosophie ab, um dann bis 1766 Medizin in Wien zu studieren. Seine Dissertation trägt den Namen: „Dissertatio de planetarum influxu“, und befasst sich mit Einflüssen, die die Sterne auf irdisches Leben haben sollen. 1 In Wien hatte Mesmer Kontakt zu dem Jesuiten Pater Maximilian Hell. Hell fertigte in seiner Schmiede Magneten in unterschiedlichster Form an und wollte deren therapeuti-sche Nutzbarkeit nachweisen, um sie dann verkaufen zu können. Er traf sich mit Mes-mer, den er durch Anspielungen auf die animalische Gravitation - so nannte Mesmer das universelle Fluidum in seiner Dissertation - dazu bewegen konnte die Magneten an seinen Patienten auszuprobieren. Bald entdeckte Mesmer, dass er dieselben Linderun-gen erzielen konnte, wenn er die Magneten, die er in Tücher gewickelt und auf den Körper der Kranken gelegt hatte, heimlich durch andere Gegenstände ersetzte, z.B. durch seine Hände. Das lies ihn vermuten, dass neben der mechanischen Anwendung der Magneten eine weitere Kraft wirksam sein müsse, die er im Gegensatz zum minera- 1 DerTitel verrät eine Parallele zu der schon erwähnten Theorie des Paracelsus über ein mag-netisches Fluidum, das den Sternen entströmt. Mesmer berief sich allerdings nie auf Paracel-sus. Das hätte seinem Ruf in der Zeit der Aufklärung schaden können (Thuillier, 1990).
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lischen Magnetismus den animalischen bzw. tierischen Magnetismus nannte. Diesen verstand Mesmer als eine Form magnetischer Lebensenergie, die in Form subtiler stoff-licher Materie den Sternen entströme, allgegenwärtig sei und alle Lebewesen belebe; das animalmagnetische Fluid (Hoareau, 1996). Krankheit sah er als Folge einer schlechten Verteilung dieses Fluidums im körperlichen Organismus, die er, dank seiner Fähigkeit diese Energie anzusammeln und durch Erguss mitzuteilen, aufheben und harmonisieren könne. Mesmer konnte sich jedoch nicht recht erklären, warum ausge-rechnet er diese Macht über das Fluidum besaß. Er fragte sich, Thuillier zufolge, ob das Fluidum wirklich physikalischer Natur oder eher eine spirituelle, göttliche Kraft darstell-te. Diese Fragen machte er jedoch vorsichtshalber mit sich selber aus. Er bemühte sich religiöse Aspekte in seiner Theorie auszuklammern und suchte immer die theoretische Nähe zur Medizin und anderen Wissenschaften. Jean Thuillier bemerkt dazu: hinter dem Begriff des „animalischen Magnetismus“ und den oft so vagen, wi-dersprüchlichen Theorien verbarg er daher eine Offenbarung, die ihn sogleich begeistert hatte und die er sein Leben lang zu erklären suchte; unermüdlich sollte er für eine Wahrheit kämpfen, die er selbst nie ganz zu erfassen ver-mochte (1990, S. 110). Schließlich war es klüger, sich auf allgemein anerkann-te physikalische Gesetze zu stützen, um die Kraft zu beschreiben, die er in sich wirken fühlte und die zu erklären ihm so schwer fiel, denn sonst lief er Gefahr, als Hochstapler, ja sogar als Hexer bezeichnet zu werden (ebd. S. 116). Noch waren nicht alle Scheiterhaufen erloschen, und noch immer wurden Schand-pfähle errichtet. (ebd. S. 110)
Nachdem Mesmer herausgefunden hatte, dass er das Fluidum in sich speichern und auf Andere, aber auch auf Gegenstände übertragen konnte, schränkte er die Nutzung der Magneten bald zugunsten der mittel- und unmittelbaren Übertragung seines, in ihm vorhandenen, animalischen Magnetismus ein. Magneten benutze er zunächst nur noch um sein eigenes Fluidum, wie er glaubte, zu verstärken und in eine bestimmte Richtung zu lenken, später dann fast gar nicht mehr. Er übertrug das animalische Fluidum zu-nehmend durch direkte Berührungen und Bestreichungen aus geringer Entfernung (die so genannten Passés) auf andere oder ließ seine Patienten von ihm magnetisierte Ge-genstände berühren. Durch diese Prozeduren gelangten seine Patienten in unter-schiedliche hypnoseähnliche Zustände. 1 Nach Mesmers Meinung leiteten die häufig
1 Teilweise gelangten seine Patienten in einen Zustand, der dem eines Schlafwandlers ähnelte und deshalb später von seinem Schüler, dem Marquis de Puységur, als künstlicher Somnambu-lismus bezeichnet wurde. Mesmer selbst schenkte, obwohl er diesen Zustand bei manchen Patienten bemerkte, dem Somnambulismus nur wenig Aufmerksamkeit. Er war, in Verkennung
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ausgelösten Krisen die Heilung ein. Die Krisen zeichneten sich durch Konvulsionen, Katalepsien, hysterisch anmutendes Verhalten usw. aus. Bei intensiverer Betreuung ließ er die Patienten vom Zeitpunkt des ersten Auftretens der Beschwerden berichten, was einem analytischem Gespräch, manchmal auch einer Art hypnotischer Altersreg-ression gleichkam. Unter seiner Anleitung durchlebten die Patienten die Situation in der sie erkrankten mit all ihren Ängsten aufs Neue.
Mesmer bemühte sich um Anerkennung seines Verfahrens durch die medizinische Wissenschaft. Gerade die hochgestellten Mediziner Wiens bezeichneten ihn aber als Betrüger und Prahler. Patienten ließen sich von der Ablehnung seitens der Mediziner allerdings nicht zurückhalten. Sie kamen immer zahlreicher und berichteten immer wie-der von wundersamen Heilungen. Um die steigenden Patientenmassen behandeln zu können, entwickelte er zusammen mit einem ehemaligen Jesuiten den so genannten Gesundheitszuber, der später in Frankreich baquet 1 genannt wurde. Die Veranstaltungen in seinem Haus wandelten sich nach und nach zu therapeutischen Festen. Die Wände, Möbel, Bäume und Wasserbecken im Garten, sowie Speisen und Getränke usw. wurden bei solchen Anlässen von Mesmer magnetisiert, und es bot sich dem Besucher ein ziemlich bizarres Spektakel, das aber immer wieder zu Heilungen führte. Da man sich das Fluidum, der Elektrizität ähnlich, leitfähig vorstellte, wurden überall Seile und Stangen befestigt. Die Patienten saßen z.B. am Beckenrand, die Fü-ße im magnetisierten Wasser und durch Seile mit den magnetisierten Bäumen verbun-den. Man wollte so viel wie möglich von dem heilsamen Fluidum aufnehmen, wurde es doch als wohltuend, beruhigend und von manchen sogar als lustvoll beschrieben. Inmit-ten der Kranken spielte Mesmer sphärisch anmutende Melodien auf der Glasharmoni-ka.
Mesmer behandelte 1777 die achtzehn jährige Maria Theresia Paradis, die mit vier Jahren erblindete, als blinde Musikerin relativ berühmt war, von der Kaiserin finanziell
der außerordentlichen therapeutischen Nutzbarkeit der gesteigerten Suggestibilität im künstli-chen Somnambulismus, auf so genannte heilsame Krisen aus.
1 Das baquet ähnelte, anlehnend an physikalische Erkenntnisse der damaligen Wissenschaft, der 1745 erfundenen Leydener Flasche, der Grundform des Kondensators, die unter anderem der Verdichtung elektrischer Energie diente. Das baquet war eine Art Bottich, den man mit Eisenspänen, Sederit, zerstoßenem Glas, Sand und Flaschen voller magnetisiertem Wasser füllte. Diese Substanzen sollten das Fluidum speichern und verstärken. Geknickte Eisenstäbe dienten als Leiter. Sie wurden durch Löcher im Deckel an die magnetisierten Substanzen ge-führt und vom Patienten an erkrankte Körperteile gehalten. Thuillier zufolge, diente der Ge-sundheitszuber dazu seine Methode und Theorie zu konkretisieren und zu illustrieren. Durch den Aufbau verschiedener Objekte, die an Gegenstände erinnern sollten, die man bei wissen-schaftlichen Untersuchungen verwendete, wollte Mesmer in jedem Fall den Schein der Wissen-schaftlichkeit wahren.
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unterstützt wurde und der schon viele Ärzte vergeblich versucht hatten zu helfen. Nach fast fünf Monaten konnte sie angeblich wieder mehr oder weniger deutlich sehen. Diese Patientin war für Mesmer sehr wichtig. Ein Erfolg hätte eine Anerkennung seiner Me-thode durch den kaiserlichen Hof bedeutet, was die kritische und ablehnende Haltung seiner Gegner aufgewogen und vermutlich zum Verstummen gebracht hätte. Mesmer war der Meinung, dass sie länger behandelt werden müsse, um die Sehkraft noch zu steigern und zu festigen. Es wurden aber Gerüchte über Mesmer und das Mädchen in Umlauf gebracht, die einen Skandal zur Folge hatten. Außerdem wurde behauptet, dass die Patientin nur vorgab zu sehen. Die Eltern bestanden auf die Rückkehr ihrer Tochter. Kurz nach ihrer Heimkehr erblindete sie tatsächlich wieder. Mesmer bemerkte, dass eine Heilung weder in ihrem noch in dem Interesse der Eltern lag. Sie hätte da-durch ihre Berühmtheit als blinde Pianistin, und die Eltern die finanzielle Zuwendung seitens der Kaiserin verlieren können. Der durch die Gerüchte entstandene Skandal und die scheinbar erfolglose, lange Behandlung schädigten Mesmers Ruf derart, dass er sich genötigt sah Wien zu verlassen. Mesmer entschloss sich nach Paris zu ziehen.
2.5.3.2. Mesmers Zeit in Paris (1778-1793)
Mesmer bereitete seine Reise nach Paris derart vor, dass er schon vor seiner Ankunft in Paris für Gesprächsstoff sorgte und eine Menschenmenge ihn vor seinem Hotel un-geduldig erwartete.
Er richtete wieder eine Art Klinik mit vielen Gesundheitszubern ein. Neben magnetisier-ten Bäumen in öffentlichen Anlagen, reservierte er auch in seiner Praxis Räume für die unentgeltlichen Behandlungen der Armen. Da aber auch das Großbürgertum samt Adel von Mesmer angezogen wurde und er sie teuer für die magnetische Behandlung be-zahlen ließ, verfügte er bald über ein Vermögen. Seine Patientenliste liest sich wie das who is who der vorrevolutionären Pariser Zeit. Die Leute kamen vom frühen Morgen bis in die Nacht. 1 Wachpersonal sollte für Ordnung sorgen und die gelegentlichen Range-leien um den nächsten Platz schlichten. Täglich kamen Orchester, die abwechselnd im Warteraum, im baquet-Raum und in den Krisenzimmern spielten. Die Räume, in denen die Gesundheitszuber standen, waren reichlich mit Spiegel ausgekleidet, da das mag-netische Fluidum durch sie angeblich zurückgeworfen wurde. Muskulöse Helfer lösten
1 Es gab allerdings auch seltene Momente, in denen keine Magnetisierung stattfinden konnte. So wurde z.B. das Thermo-, Baro- und Hygrometer sorgfältig beobachtet, um heranziehende Gewitter frühzeitig zu erkennen. Gewitter standen in dem Ruf magnetische Therapien zu verei-teln; das kosmische Fluidum zu stören.
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diejenigen, die von einer Krise übermannt wurden, aus den magnetischen Ketten und brachten sie in die Krisenzimmer. Andere Räume waren für angemeldete Beobachter reserviert, und in wieder anderen lagen die stationären Patienten. Man konnte zwischen individuellem Magnetismus und dem kollektiven baquet wählen. Beim individuellen Magnetismus saß der Patient Mesmer gegenüber, den allumfassen-den Gesetzen der Polarität entsprechend, nach Süden gewandt. Üblicherweise fixierte ihn Mesmer mit starrem Blick, legte den Daumen in die Magengrube, schloss die Knie des Patienten mit den seinen ein und bestrich ihn, je nach Krankheit auf verschiedene Weise. Der Patient konnte aber auch ohne Körperkontakt mit weit ausholenden Gebär-den horizontal und vertikal bestrichen werden. 1 Während der kollektiven Séancen sa-ßen die Leute auf den Stühlen, die man in zwei bis drei Reihen um das baquet herum platzierte. Sie richteten die Metallstangen an das kranke Körperteil, reichten ihren Nachbarn, mit dem sie durch ein Seil verbunden waren, die Hand und bewahrten, wie es geboten war, Stille. So verharrte man eine ganze Weile in einem abgedunkelten Raum und wartete, Thuillier zufolge, ängstlich, in angespannter Atmosphäre, auf die Wirkung des rätselhaften animalischen Magnetismus. Es dauerte in der Regel nicht lange bis manche anfingen zu seufzen oder zu zittern, bis manche „von Furcht ergriffen wurden und die Selbstbeherrschung verloren und ihre Nachbarn entsetzten, die nun-mehr auf die gesamte Kette eine ungeheure kollektive Angst übertrugen“ (Thuillier, 1990, S. 267). Zum richtigen Zeitpunkt wurde sorgfältig ausgesuchte Musik gespielt, die entweder eine maßlose Panik verhindern, oder die Atmosphäre beleben sollte. Wenn die Spannung einen gewissen Grad erreicht hatte, wurde ein Vorhang beiseite gewor-fen und Mesmer kam auf majestätische, feierliche Weise in einem lila Seidengewand herein. Er trat an den einen oder anderen heran, sprach ihm ins Ohr und berührte ihn, festen Blickes, mit einem dünnen vergoldeten Stab. So machte er die Runde bis je-mand anfing zu schreien, steif wurde und schließlich zitternd umfiel. Während manche diesem Beispiel folgten, fingen andere an zu lachen oder zu weinen. Wieder andere bekundeten euphorisch und dankbar ihre Heilungen. Wurde jemand von einer Krise geschüttelt, brachte man ihn in die Krisenzimmer, wo er ausruhen konnte und von den Krisenlakaien beruhigt wurde.
Ganz Paris wusste von diesen Ereignissen, und immer mehr Leute wollten an ihnen teilhaben. Die einen kamen um an den Gesprächen über den mesmerischen Magne-tismus, die in den Markthallen des einfachen Volkes mit derselben Leidenschaft wie am
1 Abarten der Mesmerischen Striche finden wir heute nicht nur bei manchen Hypnoseanwen-dungen, sondern auch bei den Pfingstlern, im Umbanda-Kult usw.
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königlichen Hof geführt wurden, teilnehmen und aus erster Hand berichten zu können, andere weil sie sich Heilung erhofften oder einfach zum amüsanten Zeitvertreib. Au-ßerdem konnte man als geheilter Patient mit etwas Glück in einem der zahlreichen Veröffentlichungen erwähnt werden. Wenn nicht das, so bekam man vielleicht die Be-rühmtheiten der Pariser Gesellschaft zu sehen.
Auch wenn das Volk Mesmer „wie einen Zauberer oder Gott, der mit übernatürlichen Kräften heilt“ (Thuillier, 1990, S. 270) betrachtete, und der Magnetismus ihm selbst Rätsel aufgab, so sah er sich doch immer als einen Wissenschaftler, der eine medizini-sche Entdeckung gemacht hatte. Dementsprechend galt ihm ein anerkennendes Wort seitens eines Kollegen von Rang, mehr als die Lobeshymnen seiner Patienten. Seit seiner Ankunft bemühte sich Mesmer immer wieder um eine Untersuchung seiner Me-thode durch die medizinische Fakultät oder eine königliche Kommission. Mesmer wurde jedoch mit derselben Leidenschaft kritisiert mit der ihn andere priesen. Jeder Veröffentlichung folgten Schmähschriften und der überwiegende Teil der Medizi-ner blieb angesichts der spekulativen Theorie und des seltsamen Erscheinungsbildes während der Behandlung skeptisch und ablehnend. 1
Von Mesmer und seinen Freunden wurden Lehrbücher verfasst, und man gründete die Harmonie-Gesellschaft, die sich der Ausbildung weiterer Magnetiseure widmete. Finan-ziell war das ein großer Erfolg. Die Ausgebildeten Schüler praktizierten in anderen Städten und vermengten
diese neue Medizin, je nach Ausrichtung der ansässigen Initiatoren, mit Politik, Alchemie und Magie, mit Freimaurerei wie prärevolutionärer Philosophie, der sie Nahrung lieferte, die sie sogar inspirierte 2 . In Paris wurde das Dogma strikt befolgt. (Thuillier, 1990, S. 314)
1 Hätte Mesmer nicht sein Leben lang an der physikalischen Fluidum-Theorie festgehalten und sich mehr mit dem Einwand seines Schülers, des Marquis de Puységur, befasst, der bemerkte, dass nicht das Fluidum die Phänomene verursache, sondern der Rapport zwischen Patient und Magnetiseur, dann wäre er vielleicht auf mehr Anerkennung gestoßen.
2 Angesichts der Aufmerksamkeit, die die Öffentlichkeit dem Mesmerismus entgegenbrachte, dienten geschickte Stellungsnahmen „Rednern sowie Parlamentariern, die leitende Posten in der Regierung zu erklimmen suchten, bei all ihren politischen Ambitionen als Steigbügel“ (Thuil-lier, 1990, S. 339). Nicolas Bergasse, ein eifriger Schüler Mesmers, hatte „nicht verhehlt, dass er mit der Errichtung eines dem Mesmerismus geweihten Altar nur einen der Freiheit meinte.“ Frankreich bedürfe einer Revolution. „Um damit Erfolg zu haben, muß man sich in Mysterien hüllen, man muß die Menschen unter dem Vorwand physikalischer Experimente vereinigen, in Wirklichkeit jedoch zum Zwecke des Umsturzes der Tyrannei“ (zitiert nach Thuillier, 1990, S.
366). Viele von Mesmers Anhängern sollten später auf dem Schafott enden. Mesmer selbst hielt sich in politischen Dingen zurück, er widmete sich vorwiegend der Ausbildung seiner Schü-ler und der Heilung seiner Patienten. Thuillier zufolge fällte Mesmer kein bekanntes Urteil über die Revolution.
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Simon Knopf, 2007, Hypnotische Prozesse im Gottesdienst der Pfingstgemeinden, Munich, GRIN Publishing GmbH
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