Inhalt
1. Sachanalyse 3
1.1. Inhalt der Novelle 3
1.2. Allgemeine Aspekte 5
1.3. Inhaltliche Aspekte und Figurenanalyse 6
1.3.1. Manz und Marti 6
1.3.2. Frau Manz 7
1.3.3. Vrenchen 8
1.3.4. Sali 9
1.3.5. Der Schwarze Geiger 10
2. Didaktische Analyse 11
2.1. Einordnung in die Bildungsstandards und RRL 11
2.2. Schülerbezug 11
3. Verlauf einer ausgewählten Unterrichtsstunde 12
3.1. Lernziele 12
3.2. Tabellarischer Unterrichtsentwurf 13
3.3. Methodenkommentar 16
Literaturverzeichnis 17
2
1. Sachanalyse
Obwohl schon der Titel von Gottfried Kellers Novelle „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ eine Verbindung zu Shakespeares „Romeo und Julia“ nahe legt, hat Keller häufig betont, die Grundlage seines Werks nicht in dem Drama, sondern im Alltagsleben gefunden zu haben. Anstoß zu der Liebesgeschichte zweier Bauernkinder aus verfeindeten Familien habe vielmehr eine Zeitungsnotiz aus der Zürcher „Freitagszeitung“ vom 3.9.1847 gegeben:
So öffnet Kellers Novelle mit einem Kommentar des Erzählers, der betont, dass seine Geschichte „auf einem wahren Vorfall beruhte, zum Beweise, wie tief im Menschenleben jede der schönen Fabeln wurzelt, auf welche ein großes Dichterwerk gegründet ist“ 2 , den Schluss bildet eine vom Erzähler eingeleitete Zeitungsmeldung zum Tod der Protagonisten, die der realen Vorlage ähnelt. 3
1.1. Inhalt der Novelle
„Romeo und Julia auf dem Dorfe“ beschreibt den Beginn und Verlauf einer Fehde zwischen den Bauern Manz und Marti und deren Konsequenzen für ihre Kinder Sali und Vrenchen, die schlussendlich zum Selbstmord des jungen Paares führt. Manz und Marti bestellen seit Jahren friedlich ihre nah beieinander gelegenen Äcker, die nur durch ein Stück Brachland voneinander getrennt sind. Wissend, dass der
1 Zitiert nach: Böhning, Thomas (Hrsg.): Anmerkungen und Stellenkommentar zu „Romeo und Julia auf dem Dorfe“. In: Keller, Gottfried: Die Leute von Seldwyla. Text und Kommentar. Hrsg. von Thomas Böhning. Frankfurt/Main: Deutscher Klassiker Verlag 2006. S. 690-711. Hier: S. 690.
2 Keller, Gottfried: Romeo und Julia auf dem Dorfe. In: Ders.: Die Leute von Seldwyla. Text und Kommentar. Hrsg. von Thomas Böhning. Frankfurt/Main: Deutscher Klassiker Verlag 2006. S. 69-144. Hier: S. 690.
Im Folgenden werden Zitate aus „Romeo und Julia“ im Fließtext als „RJ“ gekennzeichnet.
3 Der Schluss der Novelle, der den Selbstmord des Paares als Zeichen der „Verwilderung der Leidenschaften“ (RJ 144) kommentiert, ist von Keller mehrfach verändert worden. In der ersten Ausgabe endet die Novelle mit einer längeren Reflexion über eben jene „Entsittlichung“ der Gesellschaft und betont, die Tat der Liebenden solle in keiner Weise glorifiziert werden. In Absprache mit Paul Heyse wurde die Novelle im Deutschen Novellenschatz ohne diese Schlussbetrachtung veröffentlicht. Die zweite Auflage der Leute von Seldwlya enthält als eine Art Zwischenlösung den oben erwähnten abschließenden Kommentar von der „Verwilderung der Leidenschaften“. Dazu: Selbmann, Rolf: Gottfried Keller: Romane und Erzählungen. Berlin: Erich Schmidt 2001. S. 62-64.
3
brachliegende Acker eigentlich dem „Schwarzer Geiger“ genannten Landstreicher gehört, der wegen fehlender Dokumente und ohne Bürgerrechte in Seldwyla das Land nicht für sich beanspruchen kann, erweitern beide Bauern stillschweigend bei jedem Pflügen ihre Äcker um kleine Teile des unbewirtschafteten Landes. Den Rest der mittleren Feldfläche nutzen sie hingegen als Sammelplatz für Steine und Unkraut. Mit dem Verkauf des brachen Landes kommt es zum Eklat in der scheinbaren ländlichen Idylle: Beide Bauern bieten verbissen für den Acker, doch schließlich erhält Manz den Zuschlag und fordert von Marti, der zuvor einen dreieckigen Teil des Feldes an seinen Besitz angeschlossen hat, diesen wieder zurückzugeben. Martis Weigerung führt zum Beginn einer jahrelangen Fehde zwischen den Bauersfamilien, die auch die bis dahin eng befreundeten Kinder Sali und Vrenchen trennt.
Der Streit, von den Bewohnern Seldwylas immer wieder angestachelt, begründet auch den sozialen Abstieg der Landwirte. Während Manz’ Familie bald allen Landbesitz verliert und in der Stadt eine heruntergekommene Gastwirtschat übernehmen muss, bleibt Marti als armer Bauer, dessen Auskommen kaum zum Überleben reicht, nach dem Tod seiner Frau mit Tochter Vrenchen im Dorf. Nach Jahren ohne direkten Kontakt zueinander endet ein zufälliges Treffen der verfeindeten Bauern in einer Schlägerei. Sali und Vrenchen, die sich bei dieser Gelegenheit ebenfalls wiedersehen und ihre Liebe zueinander erkennen, beenden den Kampf.
Ein heimliches Treffen der Liebenden am Acker, der die Fehde ihre Väter ausgelöst hatte, wird von Vrenchens Vater Marti entdeckt. Es kommt zum Streit, in dessen Verlauf Sali mit einem Stein auf Marti einschlägt. Zwar ist der Bauer nicht, wie zunächst befürchtet, tot, doch hat die Verletzung irreparable Schäden hinterlassen. Marti endet orientierungs- und erinnerungslos in einer Irrenanstalt.
Für Vrenchen bedeutet der Verlust des Vaters endgültig die Mittellosigkeit. Sie muss den letzten Besitz der Familie verkaufen und plant, nach einer Anstellung zu suchen. Die Situation des Liebespaares ist aussichtslos: Ohne finanzielle Mittel ist eine gemeinsame Zukunft in kleinbürgerlichen Verhältnissen unmöglich. Sali und Vrenchen beschließen, vor der endgültigen Trennung einen gemeinsamen, sorgenfreien Tag zu verbringen, als wären sie ein Paar mit Perspektive. Sie gehen spazieren, essen gemeinsam in Gasthäusern und verbringen Zeit auf der Kirmes, wo ihnen die Ausweglosigkeit ihrer Situation wieder gegenwärtig wird, da sie von anderen Dorfbewohnern als die Kinder der verfeindeten Bauern erkannt werden. Sie flüchten in ein heruntergekommenes Gasthaus an einem See, wo Arme und Ausgestoßene der Gesellschaft ihren Tanzabend feiern. Dort treffen sie
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auch den Schwarzen Geiger wieder, der dem Paar die Möglichkeit eines gemeinsamen Lebens außerhalb der Gesellschaft bietet: Sali und Vrenchen sollen mit ihm und dem Fahrenden Volk in den Wäldern leben. Als die Bauernkinder die Tragweite einer solchen Entscheidung begreifen, lehnen sie ab und verlassen die wild musizierende und tanzende Gruppe um den Geiger. Nach einer symbolischen Hochzeit am Fluss beschließen Sali und Vrenchen, ihrer verzweifelten Lage zu entgehen und begehen gemeinschaftlich Selbstmord.
1.2. Allgemeine Aspekte
Folgende allgemeine formale Aspekte von „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ können für eine Behandlung des Textes im Deutschunterricht eine Rolle spielen:
- Es gibt einen auktorialen Erzähler, der die eigentliche Fabel der Novelle in einen Kontext einbettet, der den Eindruck von Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit einbettet: Die Novelle öffnet mit der Beteuerung, es handle sich um eine wahre Geschichte und endet mit einem Zeitungsbericht. Die Erzählinstanz verhält sich stark wertend, häufig kommentiert sie sarkastisch (Bewertung der Frau Manz, Kommentar über die Zustände in Seldwyla etc.).
- In diesem Zusammenhang können auch die Anklänge von Kellers Novelle an das Shakespearesche Drama sowie der Bezug auf die konkrete historische Vorlage (Zeitungsartikel) Gegenstand des Unterrichts sein.
- Die unterschiedlichen Schlussvarianten der Novelle regen zu einer Diskussion über unterschiedliche Implikationen für die Deutung an. In welchem Licht lässt Keller den Selbstmord seiner Protagonisten jeweils erscheinen?
- Das Erzähltempo wird stark variiert. Während die Schilderung der ländlichen Idylle zu Beginn sowie der gemeinsame Tag des Liebespaares sehr detailliert beschrieben werden, wird zwischenzeitlich sehr stark gerafft. Insgesamt beträgt die erzählte Zeit 12 Jahre.
- Als Vertreter der Textsorte Novelle 4 (hier: Bezug auf reale Vorlage, relative Kürze, klar auf ein nicht revidierbares Ende hingeordnete Handlung, die „unerhörte Begebenheit“, den Wendepunkt der Prügelei zwischen Sali und Marti) können anhand von „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ die Charakteristika der Novelle erarbeitet werden. Bei entsprechendem Vorwissen können die
4 Vgl. Haida, Peter: Stundenblätter. Keller, „Romeo und Julia auf dem Dorfe“. Stuttgart: Klett 1986. S. 6-11.
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Arbeit zitieren:
Jasmin Ostermeyer, 2008, Unterrichtsstunde zu Gottfried Kellers Novelle "Romeo und Julia auf dem Dorfe", München, GRIN Verlag GmbH
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