ständigen Übung und kritischen Überprüfung.
Zeitgenossen Gustav Bregenzers wie der Beuroner Pater Ansgar Pöllmann oder ein Redakteur der Rottenburger Zeitung, Paprika-Pfeffer genannt, schätzten seine künstlerische Arbeit recht hoch ein. So schrieb der Zeitungsmann 1901 nach einem Besuch in der Stadt und bei Bregenzer im Atelier "...man bekommt den Eindruck, als ob sich die Sigmaringer gar nicht bewußt wären, welch großen Künstler ihre Mauern bergen" 2 . Der kunstsinnige Benediktinerpater hingegen nannte den Maler "einen starken Führer der hohenzollerischen Kunst für alle Zukunft" 3 . Dennoch war der Hofmaler der Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen und des aus diesem Hause stammenden Königs Carol I. von Rumänien in seiner Heimatstadt Sigmaringen für viele schon zu Lebzeiten "ein Halbvergessener" 4 , wie die Hohenzollerische Volkszeitung vor etwa 90 Jahren anläßlich einer kleinen Ausstellung seiner Arbeiten in der Liehnerschen Hofbuchhandlung bemerkte.
Warum das so war, darüber ist viel gemutmaßt worden. Waren es vor allem ganz persönliche Gründe wie Krankheiten, Schicksalsschläge und das zur Schwermut neigende Temperament des Künstlers, die ihn gegen Ende seines Lebens bewogen, sich mehr und mehr zurückzuziehen ? War es Verbitterung über das, wie wiederholt geschrieben wurde, geringe Interesse der Bevölkerung an seiner künstlerischen Arbeit? War es die Malerexistenz im "abgelegenen und verlorenen Sigmaringen" , wie Fürst Karl Anton von Hohenzollern seine kleine Residenzstadt selbst einmal nannte, fern von den großen Kunstzentren wie Düsseldorf, Berlin, Wien oder München und damit der Mangel an Möglichkeiten eines anregenden künstlerischen Austauschs 5 ?
Tatsache ist, daß Gustav Bregenzer im bedeutendsten zeitgenössischen deutschen Künstlerlexikon, in Fachkreisen als Thieme-Becker bekannt, seinerzeit (1909) unerwähnt blieb; das ist vor allem ein Indiz für mangelnde Publizität seines Kunstschaffens, keinesfalls ein Qualitätsmerkmal. Was nicht schwarz auf weiß gedruckt vorliegt, fällt der Vergessenheit anheim. Wäre der bereits 1919 quasi als posthume Würdigung verfaßte Aufsatz von August Stehle nicht 1936 in den Hohenzollerischen Jahresheften erschienen, so hätte Bregenzer nicht nur bei Thieme-Becker keine Berücksichtigung gefunden, sondern wäre schließlich auch in Hans Vollmers Lexikon der Künstler des 20. Jahrhunderts nicht aufgenommen worden 6 . Als
2 Rottenburger Zeitung vom 23.5.1901.
3 Ansgar Pöllmann, Hohenzollerische Kunst, in Hohenzollerische Volkszeitung (HVZ) vom 9.10.1924.
4 Staatsarchiv Sigmaringen, Nachlaß Keller, Dep. 1, Bd. 56a
5 Fürst Karl Anton von Hohenzollern in einem Brief an seinen Intendanten Carl Freiherr von Mayenfisch, Fürstl.
Archiv Sigmaringen, Hofverwaltung (HS) Sigmaringen, HS 53, 83, UF 3.
6 August Stehle, Gustav Bregenzer, Ein hohenzollerischer Maler, in: Hohenzollerische Jahreshefte 3:1936, 225-
2
ich vor fünf Jahren mit der Neufassung des Bregenzer betreffenden Artikels für das Allgemeine Künstlerlexikon befaßt war, standen zunächst kaum andere Quellen zur Verfügung. Recherchen im Staatsarchiv förderten über den Nachlaß Keller weitere Informationen zutage. Selbstzeugnisse, Erinnerungen von Familienangehörigen, aber auch zum Teil nur bruchstückhafte Zeitungsnotizen fanden sich. Es folgten Gespräche mit Besitzern von Bregenzer-Arbeiten in Sigmaringen, die Inaugenscheinnahme dieser Arbeiten. Schließlich ermöglichte nicht zuletzt die von mir initiierte große Gedenkausstellung in diesem Jahr einen anderen Blick auf Bregenzers malerisches und zeichnerisches Werk. Es mag manch einen, der vor allem Bregenzers bürgerliche Repräsentationsporträts wie das des Veterinärrats Franz Xaver Deigendesch, des Hofjuweliers Zimmerer oder des Brauerei-Besitzers Julius Maag, auch die liebreizenden Kinderbildnisse oder vielleicht auch Genreszenen wie die Kaffeetrinkende oder die Briefeschreibende Alte kennt und schätzt, bei einem Vergleich von Werk und Lebensdaten auf den ersten Blick erstaunen, daß der Sigmaringer Maler Zeitgenosse von Paul Gauguin (1848-1903), Vincent van Gogh (1853-1890), Max Liebermann (1847-1935) oder Christian Rohlfs (1849-1938) war. Als der junge Bregenzer 1867 die Düsseldorfer Akademie bezog, konnte man im eher konservativ orientierten Pariser Salon schon Arbeiten von Courbet und Manet sehen. Der Impressionismus begann sich zu entwickeln, Maler wie Paul Cézanne schufen gleichzeitig die Grundlagen der Kunst des 20. Jahrhunderts.
Aber der Lebensweg des am 16.12.1850 als Sohn des Stukkateurs Benedikt Bregenzer und seiner Frau Agatha geb. Jung in Sigmaringen geborenen Gustav Bregenzer war ja zunächst einmal vorgeprägt durch die besonderen Umstände, die den Beginn seiner Künstlerlaufbahn markieren. Aus einer einfachen Handwerkerfamilie stammend und bereits mit siebzehn Jahren verwaist, hätte er wohl kaum die berühmte Düsseldorfer Kunstakademie besuchen können, wenn nicht das Fürstenhaus diesen Weg für ihn geöffnet hätte. Es gibt darüber eine hübsche Anekdote, die hier nochmals wiedergegeben werden soll, wenngleich nicht ohne Vorbehalt, denn in des Malers selbst geschriebenem und gezeichnetem Lebenslauf kommt diese Geschichte nicht vor:
Vater Benedikt Bregenzer war 1866 mit Sohn Gustav, der ihm als Gehilfe zur Hand ging, mit Arbeiten im Schloß beschäftigt. Dem jungen Burschen entfiel versehentlich ein Kübel mit frisch angerührtem Gips. Der polterte nun mit großem Getöse an die Tür eben jenes Raumes, in dem Fürst Karl Anton von Hohenzollern mit Professor Andreas Müller von der
239.
3
Düsseldorfer Akademie ins Gespräch (vermutlich über die Ausmalung des Galerieneubaus am Schloß) vertieft war. Auf den Lärm hin trat der Fürst vor die Tür. Natürlich suchte sich Vater Bregenzer zu entschuldigen, indem er erklärte, der Bub sei gelegentlich ganz zerfahren und passe nicht so recht auf - er neige halt der Kunst zu. Ein Träumer und Phantast also. Das weckte das Interesse des Fürsten. Professor Müller prüfte anhand der eilig herbeigebrachten Mappen mit Skizzen und Studien des jungen Mannes dessen Talent und man entschied: er solle gefördert werden. Mit einem für damalige Verhältnisse großzügigen Betrag von 15 Talern monatlich unterstützte der Fürst den hoffnungsvollen Eleven, der 1867 die Königlich Preußische Kunstakademie in Düsseldorf beziehen konnte. Dies geschah allerdings unter der Maßgabe "daß die gewonnene Ausbildung und Entwicklung den fürstlichen Kunstinteressen später dienstbar bleibt" 7 . Bregenzer absolvierte die Studienzeit mit Erfolg. Im von Prof. Ernst Giese unterzeichneten Abgangszeugnis wurde bescheinigt: "Dem Gustav Bregenzer stellt der derzeitige Lehrer der Malklasse, Prof. Röting, das besondere Zeugniß aus, daß derselbe zu den besten Erwartungen berechtigt" 8 .
Die Düsseldorfer Akademie war in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem Direktorat von Friedrich Wilhelm von Schadow zu einem Zentrum neuer, zum Realismus tendierender Bestrebungen geworden. Das traf v.a. für die Genre- und Landschaftsmalerei, aber auch die Historienmalerei zu, in die ansatzweise liberale und bürgerlich-demokratische Züge Eingang fanden. Damit gewann die Akademie europäischen Rang. Sie zog Künstler aus Skandinavien und Osteuropa ebenso an, wie Künstler aus den Vereinigten Staaten von Amerika; die Düsseldorfer Malerschule nahm auch Einfluß auf die Entwicklung der belgischen Kunst. In jenen Jahren vollzog sich eine rasche Differenzierung in die eher spätromantisch-idealische Richtung einerseits und die mehr zum Realismus neigende Richtung andererseits. Vorbilder sah man in der niederländischen Kunst des 17. Jh. und in der englischen Bildnismalerei des frühen 19. Jh. Zu Schadows Zeiten (+1862) war der Studiengang so gegliedert, daß die Studenten zunächst zwei Jahre in der Elementarklasse zubrachten, bei Eignung darauf in die Vorbereitungsklasse überwechselten; erst dann fanden sie Zugang in den Antikensaal und zum Figurenzeichnen. Erste malerische Fertigkeiten erwarb man sich durch das Kopieren von Porträts, später folgte die Arbeit nach dem Modell. Die Übung im Bildnismalen stand im Zentrum der Ausbildung, erst wer sich auf diesem Feld bewährt hatte, durfte an die Figurendarstellung gehen. Unter dem Direktorium von Eduard Bendemann, später unter Ernst
7 Georg Hüpper, Weg und Leben Gustav Bregenzers, in: Schwäbische Zeitung (SZ) 1955, Nr. 239 vom
15.10.1955.
4
Arbeit zitieren:
Dipl.phil. Monika Spiller, 2000, Nulla dies sine linea, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Monika Spiller's Text Nulla dies sine linea ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Monika Spiller hat den Text Nulla dies sine linea veröffentlicht
Monika Spiller hat einen neuen Text hochgeladen
Sine Die 1997 Edition: A Guide to the Washington State Legislative Pro...
Edward D. Seeberger
Discrete Cosine and Sine Transforms: General Properties, Fast Algorith...
Vladimir Britanak, Patrick C. Yip, K. R. Rao
0 Kommentare