Universität Karlsruhe (TH) Institut für Geschichte
H.S. Die deutsche Gesellschaft und der Nationalsozialismus WS: 2001/02
Mila A. Francisco F.
Master Geschichte
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 1
II. Hauptteil 3
II.1. Begriffsdefinition und Entstehung der Eugenik 3
II.2. Wichtige Vertreter 5
II.3. Beziehung der Eugenik zu der Vererbungswissenschaft
(Genetik) und zu der Rassenanthropologie
II.3.1. Rassenhygiene und Vererbungswissenschaft 9
II.3.2. Rassenhygiene und Rassenanthropologie 11
II.4. Die staatliche Bevölkerungspolitik und die
rassenhygienischen Forderungen 14
II.5. Die Eugenik und die deutsche Gesellschaft:
Kulturpessimismus und die Forderung nach Euthanasie
II.5.1.Der Kulturpessimismus 17
II.5.2 Die Forderung nach Euthanasie 22
III. Schlussbetrachtungen 25
Literaturverzeichnis 27
1
Einleitung
Die Faszination des Menschen, Erfahrungen und Gesetze der Tierzüchtung auf die eigene Art zu übertragen, hat eine lange Geschichte, die bis tief in die Antike zurückreicht. Jedoch seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nahm diese Idee bereits Konturen einer gesellschaftlichen Praxis an.
Über Eugenik in Deutschland zu schreiben, bedeutet zwangsläufig sich mit ihrer Radikalisierung unter dem Nationalsozialismus auseinander zu setzen, der mit Hilfe eugenischer Konzepte die „Verbesserung der Rasse“, die Massensterilisation von geistig Behinderten und psychisch Kranken, das Verbot der Heirat zwischen Behinderten und Nichtbehinderten und die Massenmorde an Behinderten und Kranken legitimiert hat. Mehr noch, fast alle Arbeiten über „Euthanasie“ beginnen mit der Eugenik als ihrer Vorstufe 1 und so wird Eugenik häufig auf die Praktiken des Nationalsozialismus reduziert. War es wirklich so? Führte die Eugenik unbedingt zur „Euthanasie“ oder kann man die deutsche Eugenik und ihre Forderungen zur Zeit des Kaiserreichs als ein Phänomen der Zeit betrachten, das sich über die Grenzen hinwegsetze? In welcher Stimmungslage entstanden eugenische Gedanken? Welche Resonanz besaßen ihre Theorien? Dies sind die Fragen, auf die das vorliegende Referat eine Antwort zu geben versucht. Die Literatur zu diesen Themen kann als gut bezeichnet werden, nicht zuletzt wegen der Bedeutung, die die „Rassenhygiene“ im Zeichen des Nationalsozialismus erhielt. Hervorzuheben sind die Werke von Jürgen Reyer, der eine verständliche Erklärung der verschiedenen biologischen Theorien wiedergibt und die Einflüsse der Eugenik in weiten Teilen der Fürsorge skizziert. 2 Auch erwähnenswert ist das Buch von Peter Weingart, Jürgen Kroll und Kurt Bayertz, das umfassend die Geschichte der Entwicklung der Eugenik darlegt. 3
1 So z. B. Klee, Ernst: Dokumente zur „Euthanasie“, Frankfurt am Main 1992. Der erste Teil des ersten Kapitels trägt den Titel: Die Eugenik als Vorbote der Euthanasie.
Auch Bastian, Till: Von der Eugenik zur Euthanasie. Ein verdrängtes Kapitel aus der Geschichte der Deutschen Psychiatrie, Bad Wörishofen 1981.
2 Reyer, Jürgen: Alte Eugenik und Wohlfahrtspflege. Entwertung und Funktionalisierung der Fürsorge vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Freiburg im Breisgau 1991.
3 Weingart, Peter; Kroll, Jürgen; Bayertz, Kurt: Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, Frankfurt am Main 1992.
2
Methodologisch soll die Entwicklung eugenischen Gedankenguts nicht vom Nationalsozialismus als ihrem Endpunkt aus zu betrachten sein, sondern vorwiegend mitten in ihrer Zeit. Die Arbeit ist deswegen nicht chronologisch ausgebaut. Sie versucht verschiedene Aspekte aufzudecken, um eine breite Perspektive zu verschaffen. Besonders viel Wert wurde auf die Verständlichkeit der eugenischen Ansätze gelegt.
3
II. Hauptteil
II.1. Begriffsdefinition und Entstehung der Eugenik
Eugenik bedeutet: von guter und schöner Herkunft, die Pflege der Erbanlagen. Der Begriff wurde von dem britischen Naturforscher und Privatgelehrten Francis Galton (1822-1911) im Jahr 1883 in seiner Schrift „Inquiries into Human Faculty and its Development“ eingeführt. Er gilt als der eigentliche Begründer der Eugenik und verstand darunter die Wissenschaft der Verbesserung körperlicher und geistiger Merkmale einer gegebenen menschlichen Gesellschaft 4 . Das Ziel der Eugenik sollte es sein, unter Anwendung genetischer Erkenntnisse, den Fortbestand günstiger Erbanlagen in einer menschlichen Population zu sichern und zu fördern (positive Eugenik) sowie die Ausbreitung nachteiliger Gene einzuschränken (negative oder präventive Eugenik).
Galtons Vorstellung war, bedingt durch seine fehlenden wissenschaftlichen Grundlagen, die Verbesserung der Rasse durch Förderung der Produktivität der geeigneteren Menschen mittels Maßnahmen wie früher Heirat und gesunder Aufzucht ihrer Kinder. 5 Sein politisches Ziel war es, das „inheritance concept“, die aus dem Privatrecht übernommene Möglichkeit, Vermögen und Titel zu erben, durch Chancengleichheit und die Bewertung des Einzelnen nach Leistung, die als allein genetisch vorherbestimmt angesehen wurde, zu ersetzen. 6 Auf der Basis unfangreicher biographisch- genealogischer Untersuchungen über herausragende Persönlichkeiten des viktorianischen Englands, glaubte er nachweisen zu können, dass geistige Fähigkeiten, insbesondere Intelligenz, ebenso erblich seien wie beliebige körperliche Eigenschaften.
Durch die Stiftung einer Galton-Professur und die Einrichtung eins Galton-Instituts für Eugenik in London, schuf Galton bereits die institutionellen Voraussetzungen für eine organisierte und systematisch betriebene Weiterentwicklung des
4 Reyer, Jürgen: Alte Eugenik und Wohlfahrtspflege, S. 15.
5 Siehe: Baader, Gerhard: Sozialdarwinismus-Vernichtungsstrategie im Vorfeld des
Nationalsozialismus, in: Gerrit Hohendorf, Achim Magull- Seltenreich (Hrg.): Von der Heilkunde zur Massentötung. Medizin im Nationalsozialismus, Heidelberg 1990, S. 21-35. Hier S. 25.
6 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 1996, S. 644.
4
eugenischen Forschungsprogramms über seinen Tod hinaus sowie für die Popularisierung der eugenischen Idee in der britischen Bevölkerung. 7 Anders als in Großbritannien, wo die eugenische Bewegung ein Klassenphänomen wurde, vertrat die US amerikanische eugenische Bewegung politisch einen dezidierten Rassismus. Dies führte 1905 zu den „Gesetzen zur Verhinderung von Schwachsinn und Kriminalität“ auf deren Grundlage mehr als 60.000 Betroffene zwangssterilisiert wurden, sowie 1924 zu einem Einwanderungsgesetz, das mit Hilfe rassistischer Argumente, die Einwanderung von Süd- und Osteuropäern zu verhindern suchte. Auch in der Schweiz und in Dänemark wurden Gesetze zur Sterilisation Ende der 20er Jahren erlassen. 8 Die ebenfalls rassistisch gefärbte eugenische 9 Bewegung in Deutschland zeigte sich in ihren ersten Konturen vor etwa hundert Jahren. Aber als eine sozialbiologische, bevölkerungs- und gesellschaftspolitische Lehre der „genetischen Verbesserung“ des Menschen trat sie erst in den beiden letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auf. Obgleich die eugenische Idee in England schon in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts formuliert und im Folgenden wissenschaftlich entwickelt worden war, ist eine zeitgenössische Rezeption der Arbeiten Galtons und seiner Schule in Deutschland nicht nachweisbar. Die eugenischen Gedanken traten in Deutschland unabhängig von der Entwicklung in England und mit einer zeitlichen Verzögerung auf. 10
Eine strikte Unterscheidung zwischen einer rassenhygienischen „Lehre“ und einer rassehygienischen „Politik“ ist nicht möglich, da die Rassenhygiene natürlich nicht bloß Lehre bleiben wollte, sondern auch eine eugenische Praxis folgen sollte. Jedoch zeigt sich eine gewisse historische Abfolge von der Entstehung und Ausformulierung einer rassenhygienischen „Lehre“ und Programmatik, die im Wesentlichen vor dem ersten Weltkrieg stattfand, hin zu einer rassenhygienischen „Bewegung“ und „Politik“, die eher in der Weimarer Zeit erfolgte. 11 Wenn anfangs
7 Siehe dafür: Weingart, Peter; Kroll, Jürgen; Bayertz, Kurt: Rasse, Blut und Gene, S. 36, 37.
8 Brockhaus Enzyklopädie in 24 Bänden, 1996, S. 644.
9 Eugenik ist im wesentlichen bedeutungsgleich mit der Bezeichnung „Rassenhygiene“. Im Folgenden werden die Ausdrücke „Eugenik“ und „Rassenhygiene“ der zeitgenössischen Verwendung in Deutschland synonym gebraucht, auch wenn einzelne Autoren Unterschiede machten und der Ausdruck „Rassenhygiene“ nicht unumstritten war.
10 Weingart, Peter u. a.: Rasse, Blut und Gene, S. 37.
11 Reyer, Jürgen: Alte Eugenik und Wohlfahrtspflege, S.81.
5
die eugenische Bewegung politisch wenig erfolgreich war, nahm jedoch ab der Jahrhundertwende eugenisches Gedankengut z. B. in der Sozialfürsorge, auch in demokratischen Kreisen innerhalb der Kirche und der SPD zu. 12 Aber erst in der Weimarer Republik wuchs sie zu einer sozialen Bewegung mit gesellschaftspolitischen Ansprüchen.
II.2. Wichtige Vertreter
Den Grundstock für die eugenische Diskussion in Deutschland hatte unter anderen der Biologe und Anthropologe Ernst Haeckel (1834-1919) gelegt, der mit seinen populärwissenschaftlichen Schriften die Darwinsche Evolutionstheorie einem breiten Lesepublikum nahe brachte. 13 Die Begründer einer im engeren Sinne eugenischen Lehre wurden der Arzt, Anthropologe und Privatgelehrte Wilhelm Schallmayer (1857-1919) und der Arzt und Privatgelehrte Alfred Ploetz (1860-1940). 14
Als erste einschlägige eugenische Publikation ist Schallmayers Broschüre „Über die drohende körperliche Entartung der Kulturmenschheit“ aus dem Jahre 1892 anzusehen. Obwohl diese Schrift ohne größere Resonanz blieb, enthielt sie jedoch die meisten wesentlichen Gedanken des späteren eugenischen Programms. 15 Im
12 Die rassenhygienische Bewegung darf nicht als eine Einheit angesehen werden, sondern als ein Gefüge rivalisierender Gruppen, die vielfältige und zum Teil sehr unterschiedliche biologische Zielvorstellungen für die Sozialpolitik formulierten. Siehe: Weinldling, Paul: „Mustergau“ Thüringen. Rassenhygiene zwischen Ideologie und Machtpolitik, in: Norbert Frei (Hg.) Medizin und Gesundheitspolitik in der NS-Zeit. Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Sondernummer, München 1991, S. 81-97. Hier S. 82.
13 Der auf ihn zurückgehende Monistenbund hatte in Deutschland große Resonanz mit seinen Forderungen nach Verwissenschaftlichung aller Bereiche des menschlichen Lebens und Anerkennung der Naturwissenschaft als alleiniger Grundlage der Weltanschauung gefunden. Vg. Weß, Ludger: Fortschritt durch Vernichtung. Vorläufer und Hintergründe der neuen ´Euthanasie´-Debatte, in: ´Theo Bruns, Ulla Penselin, Udo Sierck (Hg.): Tödliche Ethik, Beiträge gegen Eugenik und Euthanasie, Hamburg 1990, S. 58-68. Hier S. 62, f.
14 Reyer, Jürgen: Alte Eugenik und Wohlfahrtspflege, S. 15.
15 Das Interesse der Öffentlichkeit war gering, verschiedene Verleger hatten sie abgelehnt, Freunde sahen sie als verwirrend an, die Tagespresse und die medizinische Publizistik besprachen sie zum Teil polemisch und insgesamt fand sie keine besondere Aufmerksamkeit. Vg. Mann Gunter: Neue
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Mila Francisco, 2002, Die Entwicklung des eugenischen Gedankengutes im Kaiserreich 1871-1918, München, GRIN Verlag GmbH
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