Prohlašuji, že jsem tuto práci vypracoval sám pouze na základě literatury a pramenů uvedených na konci práce.
V Praze 10. ledna 2005 Karel Březina
An dieser Stelle möchte ich mich gerne bei Herrn Prof. Detlef Brandes von der Heinrich-Heine Universität in Düsseldorf für seine wertvollen Ratschläge und Hinweise, mit denen er mir bei der Ausarbeitung der vorliegenden Diplomarbeit behilflich war, herzlich bedanken.
Inhaltsverzeichnis
Einf ührung 6
1. Begriffsbestimmung 10
2. Zur Geschichte der Russlanddeutschen 12
3. Autonomiediskussion und Autonomiebewegung 26
3.1. Die deutschen Rayons in Westsibirien 34
3.1.1. Der deutsche nationale Rayon Halbstadt 34
3.1.2. Der deutsche nationale Rayon Asowo 35
3.2. Weitere Autonomievarianten. 37
3.2.1. Gebiet um Kaliningrad (Königsberg) 37
3.2.2. Ukraine. 38
3.2.3. Kirgisische Republik. 39
3.2.4. Das Gebiet um St. Petersburg 40
4. Förderung der Russlanddeutschen in den Herkunftsländern 42
4.1. Erste Phase. Schwerpunkt wirtschaftlicher und landwirtschaftlicher Hilfe 43
4.1.1. Förderungsschwerpunkte 46
4.2. Zweite Phase. Schwerpunkt Breitenarbeit 49
5. Situation der deutschen Minderheit in den GUS-Staaten 53
5.1. Republik Kasachstan. 54
5.2. Kirgisische Republik. 55
5.3. Republik Tadschikistan. 56
5.4. Ukraine. 57
6. Die russlanddeutsche Kultur 58
6.1. Bildung. 60
6.2. Deutsche Sprache und die Sprachkompetenz 61
6.3. Religion. 62
6.4. Russlanddeutsche Presse. 63
6.5. Die Politische und gesellschaftliche Stellung der Russlanddeutschen 64
7. Motive und Hintergründe der Ausreise 66
8. Juristischer Rahmen 68
8.1. Das Aufnahmeverfahren 77
8.2. Aussiedlerspezifische Hilfen und Leistungen. 80
9. Die Auswanderung der Deutschen aus Russland 82
Zusammenfassung 92
Literaturverzeichnis. 97
Anhang 102
Resum é 109
Einführung
Die Deutschen im mittel- und osteuropäischen Raum bildeten im zwanzigsten Jahrhundert eine der stärksten nationalen Minderheiten. Obwohl die politischen und wirtschaftlichen Folgen des Zweiten Weltkriegs und die daraus resultierte Aussiedlung diese Zahl wesentlich sinken ließ, lebten 1950 noch immer rund vier Millionen Deutsche in diesen Siedlungsgebieten. Die zahlenmäßig stärkste deutsche Minderheit lebte und lebt immer noch auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Geschichte, das Leben und auch die Motive zur Auswanderung dieser für viele Bundesdeutschen
“unbekannten Nachbarn“ zu beschreiben und eine Antwort auf die Frage zu finden, warum sie nach Deutschland kommen und ob es für die verbliebene deutsche Minderheit eine Zukunft gibt, oder ob sie letztendlich in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen wird. Untersuchungen zu den Deutschen in Mittel- und Osteuropa gehören zu den traditionellen Forschungsfeldern der deutschen Historiographie. An mehreren Universitäten gibt es Lehrstühle, die sich dieses Thema zum Schwerpunkt ihrer Arbeit gesetzt haben. Man kann aber auch verschiedene Institute außerhalb von Universitäten finden, die sich mehr oder weniger intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen. Den größten Aufschwung erlebte die russlanddeutsche Forschung in der ersten Hälfte der neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhundert, als aufgrund steigender Aussiedlerzahlen dieses Thema in den Vordergrund trat. Aber auch schon früher, in den siebziger und achtziger Jahren, wurden Bücher veröffentlicht, die sich hauptsächlich mit der Geschichte dieser Bevölkerungsgruppe beschäftigen. 1 Eine gute Übersicht über die Russlanddeutschen liefern die Bücher und Studien von Alfred Eisfeld 2 ,
1 Vgl. Zum Beispiel : Fleischauer, Ingeborg: Die Deutschen im Zarenreich. Zwei Jahrhunderte deutsch-
russischer Kulturgemeinschaft, Stuttgart 1986; Kahle, Wilhelm: Geschichte der evangelisch-lutherischen
Gemeinden in der Sowjetunion 1917-1938, Leiden 1974; Buchsweiler, Meier: Volksdeutsche in der
Ukraine am Vorabend und Beginn des Zweiten Weltkrieges - ein Fall der doppelter Loyalität?, Gerlingen
1984.
2 Vgl. Eisfeld, Alfred: Die Russlanddeutschen, München 1999; Ders.: Deportation, Sondersiedlung,
Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996; Ders.: Teilerfolge und
6
der selbst in der Sowjetunion geboren wurde und später auch enger Mitarbeiter des Aussiedlerbeauftragten Horst Waffenschmidt war. Viele Informationen kann man auch der Arbeit von Gerd Stricker 3 entnehmen, die in der Reihe “Deutsche Geschichte im Osten Europas“ herausgegeben wurde. Kultur und Lebensbedingungen der Russlanddeutschen wurden zwar schon in den siebziger Jahren thematisiert, aber in das öffentliche Interesse rückten sie erst Anfang der neunziger Jahre, als auch die Ergebnisse einer Befragungsstudie des Münchener Osteuropa-Instituts im Rahmen des Forschungsprojektes “Deutsche in der Sowjetgesellschaft“ veröffentlicht wurden. 4 Dieses Projekt diente als Grundlage weiterer Studien und Arbeiten. 5 Die Problematik der Autonomiebewegung und der bundesdeutschen Fördermaßnahmen in den Herkunftsländern wurde in den Büchern nur am Rande angesprochen, so dass ich für diesen Themenkomplex Zeitschriften und teilweise auch Zeitungen nutzen musste. Das Bundesministerium des Inneren veröffentlicht mehrmals jährlich das Heft “Info-Dienst Deutsche Aussiedler“, in dem die Bundesregierung über die aktuelle Situation, die Förderung
beziehungsweise juristische Änderungen im Bezug auf Spätaussiedler informiert. Als besonders hilfreich hat sich auch die Zeitschrift Informationsdienst “Deutsche in der Sowjetunion“ 6 erwiesen. Sie basierte auf der Auswertung von etwa 30 russisch-und
deutschsprachigen Zeitungen, Zeitschriften und Gesetzessammlungen aus dem gesamten Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Berichtet wurde über das Leben der Deutschen, über Aktivitäten russlanddeutscher Organisationen und Verbände, über Migrationsbewegungen innerhalb der GUS und in Richtung Deutschland aber auch über Sorgen, Nöte und Hoffnungen der Menschen und über das Zusammenleben mit anderen
Rückschläge für die Autonomiebewegung der Russlanddeutschen, in: Osteuropa, Jg. 40, 1990, S. 849-
863. Ders.: Die Deutschen in Rußland und in der Sowjetunion, Wien 1986
3 Vgl. Stricker, Gerd (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas. Russland, Berlin 1997.
4 Vgl. Hilkes, Peter: Deutsche in der Sowjetunion: Zwischen Ausreise- und Autonomiebewegung.
Ergebnisse einer Befragungsstudie mit deutschen Spätaussiedlern. Forschungsprojekt “Deutsche in der
Sowjetgesellschaft“. Arbeitsbericht Nr. 12. März 1989, München 1989.
5 Vgl. z.B. Dietz, Barbara/Hilkes, Peter: Russlanddeutsche: Unbekannte im Osten; Geschichte, Situation,
Zukunftsperspektiven, München 1992; Dies.: Integriert oder isoliert? Zur Situation russlanddeutscher
Aussiedler in der Bundesrepublik Deutschland, München 1994.
6 Anm.: Seit 1993 hieß es Informationsdienst “Deutsche in der ehemaligen Sowjetunion“.
7
Volksgruppen. 7 Aber auch deutsche Zeitungen wie die “Frankfurter Allgemeine Zeitung“, die “Süddeutsche Zeitung“ oder die Zeitschrift “Der Spiegel“ 8 veröffentlichten in der ersten Hälfte der neunziger Jahre Artikel, die sich explizit den Russlanddeutschen widmeten. Für einen ersten Einblick könnte man auch die thematischen Ausgaben der Zeitschrift “Aus Politik und Zeitgeschichte“ 9 oder die “Informationen zur politischen Bildung“ 10 nutzen. So rasant das Interesse an den
Russlanddeutschen auch anstieg, so schnell sank es wieder. Die sinkenden Ausreisezahlen senkten entsprechend auch die Zahl der veröffentlichten Bücher und Studien. Zu einem neuen Schwerpunkt wurde die Integration. 11
Meine Diplomarbeit habe ich in neun Themenkomplexe unterteilt, die zusammen eine gesamte Übersicht über diese Minderheit liefern sollen.
Im ersten Kapitel beschäftige ich mich mit einer Begriffsbestimmung. Die unterschiedlichen Aussiedlertypen sollen klar definiert und auch Unterschiede zwischen den einzelnen Begriffen erklärt werden.
Das zweite Kapitel beinhaltet einen Überblick über die Geschichte der Russlanddeutschen von den Anfängen im achtzehnten bis zum großen Umbruch am Ende der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Der nächste Teil widmet sich dann der Entwicklung und dem Verlauf der Autonomiebewegung und der Autonomiediskussion, mit einem Schwerpunkt auf die Zeit am Anfang der neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Es werden hier auch verschiedene Autonomievarianten vorgestellt.
Die unterschiedlichen Versuche der deutschen Regierung durch eine gezielte Förderung in den Herkunftsländern den Aussiedlerzuzug zu stoppen, sollen in dem darauf folgenden Kapitel beschrieben werden.
7 Anm.: Leider wurde dieses Projekt seit 2005 vom Bundesministerium des Inneren nicht mehr gefördert
und deswegen eingestellt.
8 Anm.: Die Russlanddeutschen wurden sogar das Schwerpunktthema der Nr. 43 im Jahre 1991.
9 Vgl. Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitschrift Parlament, B 48/93 vom 26.
November 1993.
10 Vgl. Informationen zur politischen Bildung, Heft 267, 2000. Internetausgabe: Bundeszentrale für
politische Bildung: http:// www.bpb.de (9.6.2005)
11 Anm.: Gerade dieses Problem setzte sich meine Kollegin vom Institut Jana Kvěšková zum Thema ihrer
Diplomarbeit. Ihre Arbeit knüpft an meine an und beschäftigt sich mit den Problemen der
Russlanddeutschen in ihren “alten deutschen Heimat“.
8
Im fünften Kapitel gehe ich auf die Situation der Russlanddeutschen in den einzelnen GUS-Staaten ein. Ich beschäftige mich mit ihren spezifischen Problemen und den konkreten Hilfen von bundesdeutscher Seite.
Die russlanddeutsche Kultur ist Thema des sechsten Kapitels. Unter anderem beschreibe ich hier die Probleme mit der deutschen Sprache und der Bildung.
In Kapitel Sieben, betitelt mit “Motive und Hintergründe der Ausreise“, versuche ich die Gründe für die Ausreise der Russlanddeutschen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion darzulegen. Die juristischen Voraussetzungen für die Rückkehr der Spätaussiedler in ihre “alte Heimat“ und ihre Veränderungen bis zur Gegenwart (2005) sind der Inhalt des achten Kapitels. An dieser Stelle soll auch das ganze Aufnahmeverfahren erklärt und der fortschreitende Abbau der aussiedlerspezifischen Hilfen und Leistungen beschrieben werden.
Im abschließenden Kapitel versuche ich, die Auswanderung der Russlanddeutschen von den ersten “Tracks“ im neunzehnten Jahrhundert, über die restriktive Ausreisepolitik während des Kalten Krieges und die Ausreisewelle Anfang der neunziger Jahre bis hin zur relativem Stabilisierung am Anfang des dritten Jahrtausends zu beschreiben. Es werden hier innen- und außenpolitische Zusammenhänge vorgestellt und die Entwicklung anhand von Zahlen, Daten und Statistiken unter besonderer Berücksichtigung der letzten Jahre illustriert.
9
1. Begriffsbestimmung
“Vertriebener“, “Aussiedler“, “Spätaussiedler“, “Russlanddeutscher“dies sind nur einige Bezeichnungen, die oft im Zusammenhang mit den deutschen Minderheiten in Mittelosteuropa, in der Literatur bzw. in Zeitschriften- und Zeitungsartikeln benutzt werden. Sie werden zwar oft als Synonyme benutzt und scheinen die gleiche Bedeutung zu haben, aber dennoch gibt es Unterschiede.
Die Bezeichnung “Vertriebener“ ist eigentlich ein Oberbegriff, der einige andere in sich beinhaltet. Laut dem Bundesvertriebenengesetz (BVFG) §1 Abs. 1 gibt es folgende Definition:
Vertriebener ist, wer als deutscher Staatsangehöriger oder
deutscher Volkszugehöriger seinen Wohnsitz in den ehemals
unter fremder Verwaltung stehenden deutschen Ostgebieten
oder in den Gebieten außerhalb der Grenzen des Deutschen
Reiches nach dem Gebietsstande vom 31. Dezember 1937 hatte
und diesen im Zusammenhang mit den Ereignissen des zweiten
Weltkrieges infolge Vertreibung, insbesondere durch
Ausweisung oder Flucht, verloren hat. 12
Diese Definition wird dann in weiteren Absätzen noch erweitert und im §1 Abs. 2 Nr.3 können wir diese Definition von “Aussiedler“ finden:
Vertriebener (in diesem Falle Aussiedler - Anm. d. Verf.) ist,
Volkszugehöriger
Vertreibungsmaßnahmen vor dem 1. Juli 1990 oder danach im
Wege des Aufnahmeverfahrens vor dem 1. Januar 1993 die
ehemals unter fremder Verwaltung stehenden deutsche
Ostgebiete, Danzig, Estland, Lettland, Litauen, die ehemalige
Sowjetunion, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien,
Bulgarien, Jugoslawien, Albanien oder China verlassen hat
oder verläßt, es sei denn, dass er, ohne aus diesen Gebieten
vertrieben und bis zum 31. März 1952 dorthin zurückgekehrt zu
sein, nach dem 8. Mai 1945 einen Wohnsitz in diesen Gebieten
begründet hat. 13
12 BVFG § 1 Abs. 1 (Stand 24.12.2003).
13 BVFG § 1 Abs. 2 Nr. 3 (Stand 24.12.2003).
10
Die Bezeichnung “Spätaussiedler“ ist hingegen ein relativ neuer Begriff. Obwohl man diese Benennung in einigen Büchern schon für die Aussiedler der siebziger und achtziger Jahre finden kann, wurde die Klassifizierung “Spätaussiedler“ erst nach der Änderung des BFVG im Jahre 1992 im § 4 eingeführt.
Als Spätaussiedler werden in der Regel deutsche Volkszugehörige, aber auch in den Aufnahmebescheid einbezogene nichtdeutsche Ehegatten 14 und Nachkommen benannt, wenn sie nach dem 31. Dezember 1992 im Wege des Aufnahmeverfahrens die Aussiedlungsgebiete 15 verlassen und innerhalb von sechs Monaten einen ständigen Aufenthalt im Bundesgebiet genommen haben.
Den Spätaussiedlerstatus bekommen mehrheitlich die aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion kommenden Deutschen, da sie im Unterschied zu Deutschen aus anderen Aussiedlungsgebieten nicht glaubhaft machen müssen, dass sie
[...] am 31. Dezember 1992 oder danach Benachteiligungen
oder Nachwirkungen früherer Benachteiligungen auf Grund
deutscher Volkszugehörigkeit unterlagen. 16
Im Unterschied zu den bisher genannten Begriffen ist die Bezeichnung “Russlanddeutscher“ kein Rechtsbegriff. Er ersetzt den in der kommunistischen Zeit verbreiteten Begriff des “Sowjetdeutschen“ und stellt damit eine Sammelbezeichnung für alle Deutschstämmigen in Russland dar. Abweichend hiervon könnte man die Russlanddeutschen als Menschen deutscher Abstammung bezeichnen, die zum Teil russisch sozialisiert wurden. Dies könnte aber die Vermutung hervorrufen, dass dies nur auf die aus Russland stammenden Deutschen begrenzt ist. Tatsächlich wird dieser Begriff aber auch für Deutsche aus anderen Republiken der ehemaligen Sowjetunion benutzt, wenngleich diese auch
14 Anm.: Die Ehe muss mindestens seit 3 Jahren bestehen. So wollte man die Scheineheproblematik
vermeiden.
15 Anm.: Als Aussiedlungsgebiete werden deutsche Ostgebiete, Danzig, Estland, Lettland, Litauen, die
ehemalige Sowjetunion, Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien,
Albanien und China definiert.
16 BVFG § 4 Abs. 2 (Stand 24.12.2003).
11
manchmal als “Kasachstandeutsche“, “Ukrainedeutsche“ oder
“Kirgisiendeutsche“ bezeichnet werden.
Man sieht, dass hier wirklich eine große Begriffsvielfalt herrscht und obwohl viele dieser Bezeichnungen eine klare Definition besitzen, werden sie manchmal immer noch nicht richtig benutzt. So kann man bis heute in Zeitungen und Zeitschriften “Aussiedler“ statt “Spätaussiedler“ oder die Gleichstellung der Begriffe “Spätaussiedler“ und “Russlanddeutscher“ finden.
2. Zur Geschichte der Russlanddeutschen
Zum Zeitpunkt der ersten russischen Volkszählung im Jahre 1897 lebten im Russischen Reich 1 790.489 Menschen, die Deutsch als ihre Muttersprache angaben. Wie sind aber so viele Deutsche in diese Gebiete gekommen, zumal Deutschland und Russland nirgends unmittelbar aneinander grenzen?
Schon seit dem Mittelalter gab es Kontakte zwischen beiden Völker. Am Anfang kamen Kaufleute, Diplomaten und Geistliche. Mit der Hinwendung Russlands zu Europa durch Peter I. (1689-1725) stieg hier auch der Bedarf an ausländischen Fachleuten. Es kamen Deutsche aus den deutschen Fürstentümern, die in Russland als Ärzte, Offiziere, Wissenschaftler oder Handwerker arbeiteten. In dieser Zeit handelte es sich um vereinzelte Einwanderer, die sich hauptsächlich in den großen Städten wie St. Petersburg und Moskau niederließen. Eine andere Dimension erhielt die Einwanderung mit dem
Regierungsantritt der Zarin Katharina (1762-1796). Russland verfügte zwar über große Gebiete, aber nur über wenige Siedler. Die russischen Bauern wurden zu Leibeigenen ihres Grundherren und dadurch an ihn gebunden. So mussten Siedler im Ausland gewonnen werden. Als Grundlage für eine großangelegte Ansiedlungspolitik erließ Katharina am 22. Juli 1763 ein Einladungsmanifest. In diesem Erlass wurden den ausländischen Kolonisten zahlreiche Privilegien versprochen. Es waren Religionsfreiheit, Befreiung vom Militärdienst, Steuerfreiheit für bis zu
12
30 Jahre, Selbstverwaltung und staatliche Unterstützung bei Umzügen. Es wurde in verschiedenen Ländern geworben, aber das größte Echo gab es in den südlichen deutschen Fürstentümern, wo die Leute auf kleinen Schollen mit gleichzeitigen großen Lasten lebten. So wanderten bis zum Jahre 1774 30.623 Siedler hauptsächlich aus Hessen, Nordbaden, Nordbayern, Pfalz nach Russland aus. Zwar wurde ein Teil der Kolonisten in der Nähe St. Petersburgs, in Livland und auch in der Ukraine angesiedelt, für die meisten war aber das Wolgagebiet um Saratow bestimmt. Die Wolgasteppe überraschte viele Kolonisten und sie hatten in den Anfangszeiten mit großen Schwierigkeiten (klimatische Bedingungen, Nomadenüberfälle, Unerfahrenheit) zu kämpfen. Sie überlebten aber die schwersten Zeiten und bereits zehn Jahre später gab es hier mehr als hundert Dörfer mit über 25.000 Einwohnern. 17 Die zweite Region, die von Deutschen im 18. und am Anfang des 19. Jahrhunderts besiedelt wurde, war das Schwarzmeergebiet, deren nördlicher Teil nach langjährigen Kämpfen gegen die Türken unter Katharina II. letztendlich gesichert und zur Ansiedlung bestimmt wurde. In dieses “Neurussland“, wie diese Gegend auch genannt wurde, siedelten viele Kolonisten aus Danzig und Umgebung, unter diesen auch Mennoniten 18 . Die Mennoniten haben ihren Ursprung im 16. Jahrhundert in der Schweiz (Zürich). Ihre Lehre ist in der Tradition der Täufer beinhaltet (u.a. die Bekehrung, Erwachsentaufe, Abendmahl als Gedächtnismahl an die Leiden und den Tod Christi). Sie lehnen aus religiösen Gründen den Waffengebrauch ab und sind ausgezeichnete Bauern und teilweise auch Handwerker. Typisch ist für sie das Leben in den unabhängigen Gemeinden, die als Abbild der neutestamentlichen Gemeinde verstanden wird. Mit gutem Startkapital und besseren landwirtschaftlichen Kenntnissen (z.B. die Vierfelderwirtschaft), die sie aus ihrer Heimat mitgebracht hatten, gelang es ihnen in den neuen
17 Vgl. Brandes, Detlef: Einwanderung und Entwicklung der Kolonien, in: Stricker, Gerd (Hrsg.):
Deutsche Geschichte im Osten Europas. Russland, Berlin 1997, S. 51-61.
18 Anm.: Mennoniten, auch Altevangelisch Taufgesinnte und Alttäufer genannt, sind eine reformierte
christliche Konfession in der Tradition der Täufer. Der Name leitet sich vom friesischen Gründer Menno
Simons ab. Anfangs war "Mennoniten" ein Schimpfwort, später wurde der Name von der Gruppe
übernommen. Heute leben weltweit etwa 1,3 Mio. Mennoniten. Die meisten in den USA und Kanada
(42%). Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Russlanddeutsche
13
Siedlungen bald, einen entsprechenden Wohlstand zu erreichen. Von daher wurden sie oft auch als “Musterwirte“ in einigen Dörfern eingesetzt. Zu den bekanntesten mennonitischen Siedlungen gehörten Chortitza (1789) und Molotschna (1804) in der heutigen südlichen Ukraine. Aufgrund der Napoleonischen Kriege (1792-1815), den daraus resultierenden höheren Steuerabgaben, der fortschreitenden
Zentralisierung und der schlechten Ernten in den Jahren 1809 bis 1816 entschied sich auch ein Teil der Bewohner des frisch zum Königreich erhobenen Württembergs zur Abwanderung ins Schwarzmeergebiet. In dieser Zeit wurde auch Bessarabien von “Warschauer Kolonisten“ und Teile Georgiens (in der Nähe von Tiflis) von 500 schwäbischen Familien besiedelt. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts fanden insgesamt 55.000 Handwerker und Bauern in den Kolonien und Städten Neurusslands eine neue Heimat. Es waren unter ihnen neben Schwaben und Badenern auch Auswanderer aus der Pfalz, aus Lothringen, aus der Schweiz und aus Bayern. 19
Die Bedingungen in den beiden Siedlungsgebieten waren unterschiedlich. Während an der Wolga jede Siedlungsfamilie etwa 30 Desjatinen 20 Land zur Bewirtschaftung bekam, waren es im Schwarzmeergebiet bis zu 65 Desjatinen. Auch die Agrarordnung war anders. Das Land an der Wolga war grundsätzlich im Besitz der jeweiligen Gemeinde, die das Land nach einiger Zeit neu verteilte. So kam es aufgrund der wachsenden Bevölkerung und der ständigen Umverteilung zur Zersplitterung der jeweiligen Landstücke, so dass im Jahre 1834 der Anteil nur 5,6 ha pro Seele ausmachte. Aufgrund dieser Entwicklung wies die Regierung den deutschen Siedlern im Jahre 1840 neue große Flächen auf der Wiesenseite der Wolga zu. Aber auch dies reichte nicht aus und der ständige Bevölkerungszuwachs zwang einige Wolgadeutsche zu Umzügen in Richtung Nordkaukasus und später auch nach Sibirien und Mittelasien. Die Schwarzmeerdeutschen nutzten dagegen ihre günstigere
Ausgangsposition (das Land befand sich im persönlichen Erbbesitz) und
19 Vgl. Eisfeld, Alfred: Die Entwicklung in Russland und in der Sowjetunion, in: Informationen zur
politischen Bildung, Heft 267, 2000. Internetausgabe: Bundeszentrale für politische Bildung:
http:// www.bpb.de (9.6.2005)
20 Anm.: Eine Desjatine entspricht 1,09 ha.
14
setzten die Gewinne zum weiteren Landkauf bzw. zur Pacht von russischen und ukrainischen Bauern und Gutsbesitzern ein. Die Kolonien Neurusslands zogen ihren Gewinn auch daraus, dass die geschickten Handwerker ihren Beruf von Anfang an ausüben konnten und so wurden diese bald vor allem durch die Reparatur und später auch durch die Produktion verschiedener landwirtschaftlicher Geräte bekannt. Aber auch einige Schwarzmeerkolonisten wanderten in den sechziger und neunziger Jahren des 19 Jahrhunderts nach Osten und gründeten Kolonien im Land der Donkosaken, im Gouvernement Stawropol, später auch bei Samara und Orenburg, wo das Land wesentlich billiger war als in ihren Heimatkreisen. Die Mennoniten zogen in den neunziger Jahren in den asiatischen Teil des Reiches und gründeten Kolonien in der “Kirgisensteppe“ (nördlich von Taschkent) und in der Kulanda-Steppe (zwischen Ob und Irtysch). Zum Haupterzeugnis der Kolonien gehörte Brotgetreide, je nach Bodenbeschaffenheit Roggen und Weizen, weniger Gerste und Hafer. Der Getreidehandel führte dann zum Ausbau von Häfen und weiteren Verkehrswegen, zum Beispiel der Eisenbahnlinien von Moskau nach Odessa, Rostow an Don, Sewastopol und Saratow. 21 Laut der ersten allgemeinen Volkszählung im Jahre 1897 waren die deutschen Kolonisten auf verschiedene Gebiete verteilt: Wolgagebiet: 22%, Schwarzmeergebiet: 21%, Ostseeprovinzen 9% und Mittelasien 1%. Die deutschen Siedler wohnten in relativ geschlossenen Gemeinden, wo sie ihre Religion und Kultur weiterpflegten. Es wurden Kirchen gebaut und Schulen errichtet. Bis 1871 genossen die Kolonisten auch eine Selbstverwaltung. Mit der Reform in diesem Jahr wurden viele Privilegien aufgehoben. So mussten auch die Kolonisten seit dieser Zeit beim Militär dienen, was zu einer großen Ausreise vor allem der Mennoniten in die USA führte. Aufgrund dieser Reform wurden die deutschen Kolonien in Südrussland teilweise auch ethnisch gemischten Bezirken zugewiesen. Die Entstehung des modernen Nationalismus im 19. Jahrhundert fand Ende der achtziger Jahre auch unter den russischen “Slawophilen“ ein Echo. Es wurde vor der Germanisierung des
21 Vgl. Eisfeld, Alfred: Die Entwicklung in Russland…, Internetausgabe: Bundeszentrale für politische
Bildung: http:// www.bpb.de (9.6.2005).
15
russischen Bodens in den Grenzgebieten und vor Verbindungen der Kolonisten zum Deutschen Reich gewarnt. Diese Befürchtungen haben sich aber nicht bestätigt und das Gegenteil war sogar der Fall. Die Kolonisten waren der Russischen Krone treu und halfen schon im Krimkrieg (1853-1856) nicht nur als Soldaten, sondern spendeten Geld und stellten auch Futter für die Tiere des Heeres zur Verfügung. Dies wiederholte sich im Türkenkrieg (1877-1878) und schließlich auch im Krieg gegen Japan (1904-1905). Erwiesenermaßen waren in dieser Zeit weder die deutsche Regierung noch die nationalistischen “Alldeutschen“ an den Kolonisten interessiert. 22 Die antideutsche Stimmung hielt aber weiter an und führte zur Russifizierung des deutschen Schulwesens. 23 Die ganze Situation eskalierte mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs (1914-1918). Zweifel an der deutschen Loyalität erreichten ihren Höhepunkt. Schon im ersten Kriegsjahr wurden 50.000 “feindliche Ausländer“, unter denen sich auch 30.000 Deutsche befanden, ins Landesinnere umgesiedelt. Schließlich wurden im Jahre 1915 ohne Zustimmung des Parlaments die sogenannten “Liquidationsgesetze“ erlassen. Personen mit deutscher, österreichischer und ungarischer Staatsbürgerschaft wurde der Kauf, die Verpfändung und die Pacht von Land verboten. Darüber hinaus musste jeder Landbesitz in einem etwa 150 km breiten Streifen an der Grenze zu Deutschland oder Österreich-Ungarn beziehungsweise in einem etwa 100 km breiten Streifen an der Ostsee oder am Schwarzen Meer innerhalb von zehn beziehungsweise sechzehn Monaten verkauft werden. Im gesamten Reich sollten 2,5 Millionen Desjatinen Land zwangsverkauft werden. Dieser Verkauf wurde aber nur teilweise bis zur Machtübernahme der Bolschewiki im Jahre 1917 durchgeführt, als die Umsetzung dieser Erlasse ausgesetzt wurde. Nach der Oktoberrevolution entflammte in ganz Russland ein jahrelanger Bürgerkrieg zwischen den “Roten“ und den “Weißen“, der von Missernten und Hungersnot im Wolgagebiet begleitet wurde.
22 Anm.: In dieser Zeit wurde als Vorposten Deutsches Reiches Baltikum genannt. Die deutschen
Kolonisten waren also eher zur Umsiedlung ins Deutsche Reich oder auch ins Baltikum ermuntert. So
wurden 20.000 Wolhyniendeutsche nach 1905 im Baltikum angesetzt.
23 Anm.: Seit 1881 wurden die russlanddeutschen Schulen dem Ministerium für Volksbildung unterstellt
und die russische Sprache sollte als Unterrichtssprache schrittweise eingeführt werden.
16
Zwangsrekrutierungen und im Vergleich zu den benachbarten Regionen doppelt so hohe Zwangsablieferungen von Getreide riefen zahlreiche Aufstände hervor, die aber von der Bolschewiki drastisch bekämpft wurden. Am schwersten waren die Jahre 1921/1922, als in ganz Russland 25 Millionen Menschen nichts mehr zu essen hatten und in der Folge zwischen 3,4 und 5,2 Millionen verhungerten. 24 Die neuen Machthaber Lenin und Stalin standen unter anderen vor der Aufgabe die Nationalitätenproblematik zu lösen. Eine Möglichkeit war eine national-kulturelle Autonomie. In der nationalen Kulturautonomie sah Stalin aber die Gefahr der Zersplitterung der Arbeiterbewegung. Die Angst, dass sich die Arbeiterschaft mit anderen Schichten des Volkes verbinden könnte und dadurch der Klassenkampf erschwert wäre, brachte Stalin zum Prinzip der nationalen Selbstbestimmung in territorialen Einheiten. Auf diese Art und Weise sollten die Völker für den Aufbau des Sozialismus gewonnen werden.
Im Jahre 1918 wurde die “Arbeitskommune der Wolgadeutschen“ gegründet, die aber bis 1922 de facto nur die Rechte eines “nationalen Gouvernements“ besaß. Es handelte sich aber schon um eine gesonderte deutsche Verwaltungseinheit. Im Jahre 1924 wurde dieses Autonome Gebiet der Wolgadeutschen zu einer Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik (ASSR) der Wolgadeutschen aufgewertet. Die Fläche betrug fast 26.000 Quadratkilometer, die Deutschen stellten zwei Drittel der Bevölkerung und zur Hauptstadt wurde Pokrowsk (seit 1931 Engels genannt). Im Januar 1926 wurde zwar vom Sowjetkongress der Wolgarepublik auch eine Verfassung verabschiedet, die aber nie in Moskau zur Verhandlung vorgelegt wurde. Die Wolgarepublik kann man sich nicht wie einen selbständigen Staat vorstellen, zumal sie auch nie als ein solcher anerkannt war. Ihre Rechte waren beschränkt. Alle elf Volkskommissariate (ähnlich wie heutige Ministerien) waren Moskau untergeordnet und nur die Kommissariate für Innere Angelegenheiten, Justiz, Volksaufklärung, Gesundheit und Landwirtschaft auch den Organen der Wolgarepublik verantwortlich.
24 Vgl. Brandes, Detlef: Einwanderung und Entwicklung der Kolonien..., S. 101-142.
17
Die Wolgarepublik wurde als vorbildliche Bauernrepublik geschaffen und als solche sollte sie die Vorzüge des Sowjetsystems und der Sowjetautonomie demonstrieren. So war zum Beispiel der Prozess der (Zwangs-)Kollektivierung und “Entkulakisierung“ (Liquidierung der Großbauern als Klasse) auf diesem Gebiet am weitesten fortgeschritten. Im Juli 1935 waren hier 95 % des Landes kollektiviert, während der Landesdurchschnitt bei 57,7 % lag. Die wohlhabenden Bauer wurden enteignet und in entlegene Gegenden verbannt. Auf der anderen Seite entstanden durch die Bildung der Autonomen Republik für die Russlanddeutschen auch zahlreiche Vorteile. Die deutsche Sprache wurde zur Amts- und Unterrichtssprache erhoben. Da aber nur ein kleiner Teil der Funktionäre in den zentralen wolgadeutschen Behörden russlanddeutscher Herkunft war und die anderen keinerlei Interesse am Erlernen der deutschen Sprache hatten, wurde dort kaum deutsch gesprochen. Aber für die deutsche Bevölkerung, die manchmal kein Wort russisch oder ukrainisch sprach, war diese Regelung durchaus von Bedeutung. Gleichzeitig wurde auch intensiv die Möglichkeit zum Aufbau eines Bildungswesens genutzt. Ende der dreißiger Jahre konnte man im Wolgagebiet fünf Hochschulen, elf Fachhochschulen, ein deutsches Nationaltheater, ein Kindertheater, einen Staatsverlag und eine Reihe von Zeitungen und Zeitschriften finden.
Aber auch in anderen Gebieten konnten die Deutschen die Vorteile der territorialen Autonomie genießen. Neben der Wolga wurden 1925 fünf deutsche Rayons (Landkreise) in der Ukraine gegründet (1931 waren es sogar acht). Ende der zwanziger Jahre wurden solche Rayons auch in Georgien, Aserbaidschan, auf der Krim und in der Altaj-Region (je ein Rayon) gegründet. In den Regionen mit kleinerem deutschem Bevölkerungsanteil wurden nationale Dorfsowjets gegründet, deren Anzahl im Jahre 1929 um 550 betrug.
Aber auch in dieser Zeit kam es zu staatlichen Übergriffen. Die stalinistischen Säuberungen betrafen besonders auch die
russlanddeutschen Gebiete. Nachdem Hitler in Deutschland die Macht übernahm, kam es zu einer weiteren Verschärfung der Maßnahmen.
18
Zweifel an der Loyalität der Deutschen kamen erneut auf und schon im Jahre 1934 wurden alle Deutschen in der Sowjetunion unbemerkt in Listen erfasst, die dann später als Grundlage für Verfolgungen und Deportation dienten. Die Russlanddeutschen wurden in vereinfachten Verfahren der Spionage, Sabotage, illegalen Verbindung mit dem Ausland oder der Propaganda für eine ausländische Macht beschuldigt und verurteilt. Besonders betroffen von diesen stalinistischen Säuberungen war die deutsche Minderheit in der Ukraine, wo fast 200.000 Deutsche in den Jahren 1937/1938 zu Opfern dieser ausgeklügelten Fälle wurden. 25 Schrittweise wurde auch die deutsche Autonomie abgebaut. Bereits im Oktober 1935 wurde der deutsche Rayon in Wolhynien aufgelöst und die deutsche Bevölkerung umgesiedelt. Darauf folgte 1938/1939 die Ablösung der deutschen Unterrichtssprache außerhalb der Wolgarepublik durch Russisch bzw. Ukrainisch. Die anderen deutschen Rayons wurden bis März 1939 aufgelöst. Auch in der Wolgarepublik wurden seit Beginn der dreißiger Jahre die Russlanddeutschen systematisch von den Führungsposten entfernt. 26 Eine Zäsur in der russlanddeutschen Geschichte stellt der Überfall auf die Sowjetunion durch die deutschen Truppen am 22. Juni 1941 dar. Das schnelle Vorrücken der Wehrmacht verursachte ein totales Chaos in den westlichen Teilen der Ukraine und Weißrusslands. Von diesem Vormarsch der deutschen Truppen war auch das Schicksal der deutschen Bevölkerung abhängig. Zuletzt wurde der Fluss Dnjepr zur Trennungslinie zweier unterschiedlicher Entwicklungen. Die westlich gelegenen Gebiete wurden von den deutschen Truppen so schnell besetzt, dass die deutsche Bevölkerung großenteils am Wohnort bleiben konnte. Dagegen wurde die östlich vom Dnjepr lebende deutsche Bevölkerung in den nächsten Monaten in die östlichen Gebiete deportiert. Schon am 20. August 1941 wurden 35.000 Deutsche von der Halbinsel Krim “ins Hinterland, in Sicherheit“ gebracht. Weitere Deportationen folgten aus den von der Front gefährdeten Gebieten der östlichen Ukraine (etwa
25 Anm.: Davon wurden 122.237 zum Tode, 65.603 zu Gefängnis- bzw. Lagerhaft von 10 bis 25 Jahren
und 7.180 zu Lager- bzw. Gefängnishaft von drei bis fünf Jahren verurteilt.
26 Vgl. Eisfeld, Alfred: Die Entwicklung in Russland…, Internetausgabe: Bundeszentrale für politische
Bildung: http:// www.bpb.de (9.6.2005).
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100.000 Deutsche). Der wichtigste und von der Regierung länger geplante Beschluss wurde am 26. August 1941 gefasst und am 30. August 1941 in der Regierungszeitung der Wolgarepublik “Nachrichten“ veröffentlich. Laut diesem Beschluss “Über die Umsiedlung aller Deutschen aus der Republik der Wolgadeutschen, der Gebiete Saratow und Stalingrad in andere Regionen und Gebiete“ wurden die Russlanddeutschen der Kollaboration und Sabotagevorbereitung
beschuldigt. Die Regierung sehe deswegen keine andere Möglichkeit um Blutvergießung zu vermeiden als die deutsche Bevölkerung nach Sibirien und Kasachstan umzusiedeln. Mit der Deportation wurde auch rasch begonnen und schon zum 20. September waren über 365.000 Deutsche aus der Wolgarepublik deportiert. Gleichzeitig fanden auch
Deportationen aus dem Gebiet Saratow (46.706), aus Stalingrad (26.245), aus Gebieten des europäischen Russlands (80.000) und Mitte Oktober aus Georgien und aus Aserbaidschan (etwa 25.000) statt. Insgesamt waren in dieser Zeit zwischen 640.000 und 700.000 Personen von der Deportation betroffen. 27
Als Verbannungsorte wurden für die Russlanddeutschen die nur dünn besiedelten Gebiete der Mittelasiatischen Republiken und Sibiriens bestimmt. Hier wurden sie bis zur Auflösung der Sondersiedlungen unter die Aufsicht des Innenministeriums gestellt. Alle arbeitsfähigen Männer und später auch Frauen (soweit sie keine Kinder unter 3 Jahre hatten) wurden in die Arbeitsarmee einberufen. Hier wurden sie beim Aufbau von evakuierten Industrieanlagen, im Berg-, Straßen- und Bahnbau sowie in der Forst- und Landwirtschaft eingesetzt. Die westlich vom Dnjepr ansässige Bevölkerung wurde wegen des raschen Vormarsches der deutschen Truppen nicht deportiert. Dort wurde das Reichskommissariat Ukraine (RKU) geschaffen in dem etwa 200.000 Deutsche lebten. Weitere 130.000 Deutsche siedelten im südwestlichen Teil der Ukraine (Transnistrien), der vom deutschen Verbündeten Rumänien verwaltet wurde. Alle Deutschen im RKU wurden in der
27 Anm.: In den Jahren 1942 bis 1944 wurden weitere etwa 50.000 Deutsche aus dem Raum Leningrad,
aus dem Südkaukasus und aus kleineren Siedlungsgruppen in Frontnähe nach Sibirien und Mittelasien
“evakuiert“.
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“Deutschen Volksliste Ukraine“ erfasst, die sie in vier unterschiedliche Kategorien aufteilte, die Abstammungsprinzip (“Deutschstämmigkeit“) und politische Zuverlässigkeit kombinierten. Die zuverlässigen Deutschstämmigen sollten nach dem “Generalplan Ost“ neue Siedlungsgebiete besiedeln. Die erwartete Agrarreform in Form von Reprivatisierung der Kolchosen blieb mit Ausnahme Transnistriens aus. 28 Aber auch viele von diesen Russlanddeutschen wurden zuletzt in die Verbannungsorte deportiert. Nach der Schlacht bei Stalingrad und dem folgenden Rückzug der deutschen Truppen sollte auch die deutsche Bevölkerung evakuiert werden. Die Flüchtlinge waren zum größten Teil zur “Germanisierung“ des Warthelandes bestimmt, andere sollten sich in Schlesien und im Ostsudetengau niederlassen. Etwa 150.000 Deutsche aus der Sowjetunion befanden sich später in den westlichen Besatzungszonen und etwa die Hälfte wurde genauso wie die 200.000 Deutschen aus dem Warthegau nach Kriegsende in die Sowjetunion “repatriiert“ und von den Sowjetorganen anschließend in
Sondersiedlungen geschickt. Nur etwa 70-80.000 Russlanddeutschen gelang es, der “Repatriierung“ zu entgehen und ein neues Leben in Deutschland anzufangen.
Nach amtlichen Angaben wurden zwischen den Jahren 1941-1945 insgesamt 1 209.430 Deutsche deportiert, davon entfallen 203.796 auf die so genannten “Administrativumsiedler“ (“Repatriierte“). Die wirklichen Gründe für die Deportation mehrerer Völker sind bis heute unbekannt. Neben den Deutschen wurden gegen Ende des Zweiten Weltkriegs auch Krimtataren, Tschetschenen, Inguschen, Balkaren, Kalmyken und Karatschajer der Kollaboration beschuldigt und aus ihren Siedlungsgebieten deportiert. Einen Grund könnte die russische Russifizierungspolitik darstellen, die mit einer Verschmelzung dieser “fließenden Völker“ in der russischen Mehrheitsgesellschaft rechnete. Ein weiterer Erklärungsversuch operiert mit einer “Völkerhierarchie“, nach der die deportierten Völker die unterste Stelle besetzen, während die Russen als “Mustervolk“ dienen sollten. Auch die
28 Vgl. Eisfeld, Alfred: Die Russlanddeutschen, München 1999, S. 120-126.
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Aussiedlungsgebiete Kasachstan und Sibirien wurden nicht zufällig gewählt. Es handelte sich um Regionen, die bereits Ende der dreißiger Jahre erfolglos besiedelt worden waren.
Mit Kriegsende änderte sich für die Russlanddeutschen nicht viel. Obwohl die “Arbeitsarmee“ aufgelöst werden sollte, dauerte es oft bis Ende 1946 und an manchen Orten auch länger bis die Lager wirklich aufgelöst wurden. Auch in der Zeit unmittelbar nach dem Krieg blieb der Zehn- bis Zwölf-Stunden Arbeitstag erhalten, bei dem bei minimaler Ernährung die kaum erreichbaren Arbeitsnormen erfüllt werden mussten. Ab 1945 wurden die Siedler den Sonderkommandanturen der NKWD unterstellt. Neben der Arbeitspflicht konnten sich die Sondersiedler nur in unmittelbarer Nähe ihres Ansiedlungsortes bewegen und mussten sich alle zwei Wochen, später einmal im Monat bei der regionalen Kommandantur melden. Jedes Verlassen des zugewiesenen Ortes war nur mit einer Sondergenehmigung der Kommandantur gestattet. Zum Januar 1949 wurden mehr als 2,3 Mio. Menschen in den Sondersiedlungen registriert. Hierunter befanden sich 1 035.701 Deutsche. Die Hoffnungen der Sondersiedler auf eine Rückkehr in die Heimat wurden mit einem Dekret vom 26. November 1948 zerstört. In diesem Dekret wurde festgelegt, dass die Verschickung auf ewig und ohne Recht auf Rückkehr in die einstigen Wohnorte erfolgte. Jeder Verstoß gegen diese Regelung sollte mit zwanzig Jahren Zwangsarbeit bestraft werden. 29 Die weiteren Schritte im Umgang mit den Russlanddeutschen kann man nur unter Berücksichtigung der außenpolitischen Zusammenhänge, genauer gesagt unter Berücksichtigung der deutsch-russischen
Beziehungen beurteilen. Für die Auflösung der Sondersiedlungen im Dezember 1955 hat sich auf seinem Moskauer Besuch auch Konrad Adenauer eingesetzt. Selbstverständlich war auch das russische Interesse an der Aufnahme diplomatischer und wirtschaftlicher Beziehungen mit Deutschland hierbei von Bedeutung. Die Entlassung aus den Sondersiedlungen war aber keinesfalls mit der Rückgabe des konfiszierten Vermögens oder einer Rehabilitierung verbunden. Auch das
29 Vgl. Hilkes, Peter - Stricker Gerd: Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Stricker, Gerd (Hrsg.):
Deutsche Geschichte im Osten Europas. Russland, Berlin 1997, S. 225-231.
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Verbot, in die Herkunftsgebiete zurückzukehren, wurde bestätigt. Die Aufhebung der Sondersiedlungen nutzten viele Russlanddeutsche zur Suche nach ihren Familienangehörigen, die oft in andere Gebiete deportiert worden waren. Viele zogen aus dem unwirtlichen kalten Norden in die klimatisch günstigeren Regionen Westsibiriens, Kasachstans und Mittelasiens um. Aufgrund des Interesses der deutschen Regierung, aber manchmal auch aufgrund des Interesses der örtlichen Behörden, die die fleißigen Arbeiter in den Regionen halten wollten, folgten auch weitere Verbesserungen der Lage der Russlanddeutschen. Schon im Jahre 1955 wurde die erste deutsche Zeitung “Arbeit“ in Barnaul (Altajgebiet) herausgegeben. Im Jahre 1957 wurde sie von der in Slawgorod (Altajgebiet) gedruckten Zeitung “Rote Fahne“ abgelöst. Im selben Jahr wurde mit der Zeitung “Neues Leben“ (Moskau) ein gesamtrussisches Presseorgan geschaffen. Das Jahr 1957 steht auch für die erste deutschsprachige Rundfunksendung, die regelmäßig von Radio Alma-Ata für die Deutschen in Kasachstan, Kirgisien, Usbekistan und Westsibirien ausgestrahlt wurde. Später folgten auch weitere deutschsprachige Sendungen auf den Sendern Barnaul und Omsk. Im Jahre 1957 wurde ermöglicht, in den Schulen in den Gebieten mit einer Bevölkerung 30 , höheren Konzentration deutscher das Fach “Muttersprachlicher Deutschunterricht“ einzuführen, was aber
keinesfalls die Wiedereinführung deutscher Schulen bedeutete. Der Mangel an ausgebildeten Lehrern und entsprechendem
Unterrichtsmaterial wirkte sich negativ und nachhaltig auf den Unterricht aus.
Mit der Deportation der Russlanddeutschen und der folgenden Binnenmigration (nach 1955) entstanden völlig neue Siedlungsgebiete. Während vor dem Krieg 89% der Russlanddeutschen im europäischen Teil der Sowjetunion lebten, waren es nach dem Krieg nur noch 17%. Zu neuen Siedlungsgebieten wurden Sibirien - 23,8% (1979), Kasachstan -46,5% (1979) und Mittelasien - 9,3% (1979). In der Arbeitsarmee wurden die deutschen Bauern auch in der Industrie eingesetzt, sodass auch nach
30 Anm.: Mindestens zehn Schüler gleichen Alters.
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Arbeit zitieren:
Karel Brezina, 2006, Die Russlanddeutschen in den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts , München, GRIN Verlag GmbH
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