Gliederung
1. Einleitung: Die Sonderstellung des Rumänischen innerhalb der Romania 3
2. Vergleichende Untersuchung dreier Verbformen 4
2.1 Der substantivierte Infinitiv 4
2.1.1 Der substantivierte Infinitiv im Rumänischen ein Verbalnomen 4
2.1.2 Der Gebrauch des substantivierten Infinitivs im Vergleich mit dem Französischen
und Spanischen 6
2.2 Der Infinitiv als Objekt 9
2.2.1 Die Reduktion des Infinitivs im Rumänischen im Vergleich mit dem Französischen
und Spanischen 10
2.2.2 Der Infinitivschwund ein syntaktischer Balkanismus 11
2.2.3 Die Ausnahme a putea 13
2.2.4 Wechselwirkung zwischen dem kurzen und langen Infinitiv im Rumänischen
15
2.3 Das Supin 15
2.3.1 Das rumänische Supin ein Überbleibsel aus dem Lateinischen 15
2.3.2 Französische und spanische Entsprechungen des Supins 17
3. Zusammenfassung: Die Sonderstellung des Rumänischen in Hinblick auf die drei
untersuchten Verbformen 19
4. Literaturangaben: 21
Textcorpus: 21
Sekundärliteratur: 21
2
1. Einleitung: Die Sonderstellung des Rumänischen innerhalb der Romania
Dass die rumänische Sprache innerhalb der Romania eine Sonderstellung einnimmt, gilt in der Romanistik als unumstritten: Das Rumänische, das sich aus dem Latein entwickelte, welches während der römischen Herrschaft über die Provinz Dakien in dieser Region „gesprochen wurde, hat […] seinen grundlegend romanischen Charakter bis heute bewahrt, unterscheidet sich aber in einer Reihe grammatischer und lexikalischer Erscheinungen von allen anderen romanischen Sprachen.“ 1 Die rumänische Sprache, deren Sprachraum geographisch vom Rest der Romania isoliert liegt, hat im Gegensatz zu anderen romanischen Sprachen zum einen archaische Formen des Lateins erhalten, zum anderen im Laufe der Jahrhunderte Einflüsse der umliegenden Sprachen der Balkanstaaten verarbeitet. Daher eignet sich das Rumänische sehr gut für vergleichende sprachwissenschaftliche Untersuchungen.
In der vorliegenden Arbeit werden drei romanische Verbformen im Vordergrund der vergleichenden Betrachtung stehen: Im Rahmen des Seminarthemas „Vergleichende romanische Sprachwissenschaft – Theorien, Methoden, Arbeitsfelder“ soll das Vorkommen und die Verwendung des substantivierten Infinitivs, des Infinitivs als Objekt und des Supins im Rumänischen im Vergleich mit dem Französischen und dem Spanischen untersucht werden. Diese drei in der Morphosyntax anzusiedelnden rumänischen Phänomene wurden in dem Wissen ausgewählt, dass sie sich im Sprachgebrauch von den ihnen jeweils entsprechenden Phänomenen in den romanischen Vergleichssprachen Französisch und Spanisch unterscheiden.
Im Hinblick auf die Sonderstellung, die das Rumänische innerhalb der romanischen Sprachen inne hat, steht das Zusammentragen von Wissen über die sprachgeschichtlichen Gründe für den differierenden Gebrauch des substantivierten Infinitivs, des Infinitivs als Objekt und des Supins sowie über den tatsächlichen Gebrauch und die Verwendung dieser drei Verbformen im Vordergrund. Die Untersuchung soll zeigen, wie groß beziehungsweise wie gering die Unterschiede zwischen den einzelnen Sprachen sind und mit welchen verschiedenen Konstruktionen das Rumänische, das Französische und das Spanische den gleichen Sachverhalt ausdrücken.
Die vergleichende Untersuchung anhand eines ausgewählten Textcorpus geht stets vom Rumänischen aus, mit dem die französische und die spanische Version jeweils kontrastiert werden. Als Corpus dienen die rumänische, französische und spanische Übersetzung von
1
Beyrer, Arthur/ Bochmann, Klaus/ Bronsert, Siegfried: Grammatik der rumänischen Sprache der
Gegenwart, Leipzig 1987, S. 15.
3
Paulo Coelhos Roman „Onze Minutos“ 2 . Die zitierten Belege entstammen alle den ersten beiden und den letzten drei Kapiteln dieses Romans – dies sind je nach Ausgabe circa 50 Seiten, der Roman selbst umfasst je nach Ausgabe circa 260 Seiten. Eine quantitative Auswertung wird im Rahmen dieser Arbeit nicht stattfinden, vielmehr sollen anhand des Übersetzungsvergleichs einige charakteristische Beispiele für jedes der betrachteten Phänomene gegeben werden.
2. Vergleichende Untersuchung dreier Verbformen
2.1 Der substantivierte Infinitiv
2.1.1 Der substantivierte Infinitiv im Rumänischen – ein Verbalnomen
Als erste rumänische Verbform im Vergleich mit dem Französischen und Spanischen soll der substantivierte Infinitiv betrachtet werden. Der rumänische substantivierte Infinitiv entspricht weitgehend dem lateinischen Gerundium 3 und „verhält sich im Rumänischen wie ein Nomen.“ 4 Jedem Rumänischlernenden fällt früher oder später auf, dass es zwei Formen des Infinitivs gibt: den langen und den kurzen Infinitiv. Durch das Anhängen des Suffixes –re an den kurzen Infinitiv kann jedes rumänische Verb in ein Verbalsubstantiv verwandelt werden. Das Rumänische besitzt also zwei Formen des Infinitivs, „und zwar eine vollere Form, die heute nur mehr als Verbalnomen verwendet wird […] und den eigentlichen Infinitiv“. 5 Ein erstes Beispiel aus dem Textcorpus zeigt, wie das Rumänische diese Langform des Infinitivs bildet:
2
Die Originalausgabe des Romans „Onze Minutos“ von Paulo Coelho erschien 2003 in Rio de Janeiro in brasilianischem Portugiesisch.
3
Vgl.: Stein, Peter: Die infiniten Verbformen des Rumänischen (infinitiv, supin, gerunziu, participiu) im Kontext der romanischen Sprachen, in: Iliescu, Maria/ Sora, Sanda (Hg.): Rumänisch: Typologie, Klassifikation, Sprachcharakteristik, München 1996, S. 103.
4
Ebd.: S. 103.
5
Solta, Georg Renatus: Einführung in die Balkanlinguistik mit besonderer Berücksichtigung des Substrats und des Balkanlateinischen, Darmstadt 1980, S. 210 f.
6
Mit „R“ wird ein rumänischer Textbeleg gekennzeichnet.
7
Alle rumänischen Textbelegen werden zitiert aus: Coelho, Paulo: Unsprezece minute, aus dem brasilianischen Portugiesisch ins Rumänische übersetzt von Pavel Cuilă, Bukarest 2005. Rumänische, französische und spanische Textbelege werden im Folgenden im Fließtext mit der jeweiligen Seitenzahl nachgewiesen.
4
Aus dem kurzen, dem „eigentlichen” Infinitiv bildet das Rumänische durch das Hinzufügen des Suffixes –re also die Langform und somit ein Verbalsubstantiv: aus „a descoperi“ (entdecken) wird „descoperire“, woraus durch den angehängten bestimmten Artikel „descoperirea“ (wörtlich: das Entdecken die Entdeckung) wird. Ursprünglich gab es im Rumänischen nur eine Infinitivform, nämlich den langen Infinitiv, der wie die lateinischen Infinitivformen auf –re endete. Die „Entwicklung des neuen, gekürzten rumänischen Infinitivs und des damit verbundenen ausschließlich substantivischen Gebrauchs des alten Infinitivs auf –re“ 12 fand laut Gălăbov „unter bulgarischem Einfluß“ 13 statt. Die Tatsache, dass der ursprüngliche lange Infinitiv oft einen nominalen Charakter besaß, „führte zeitig zu einer klaren Trennung in den ‘kurzen Infinitiv’ als infinite Verbform und den ‘langen Infinitiv’ als Substantiv“ 14 .
Diese zum Verbalsubstantiv gewordene Form des rumänischen substantivierten Infinitivs ist im heutigen Rumänisch allgegenwärtig: Jedes Verb lässt sich mit Hilfe des Hinzufügens von –re substantivieren. Viele der so entstandenen Substantive sind längst ins allgemeine Vokabular eingegangen, und erst ein bewusstes Durchforsten des Textcorpus zeigt die Vielzahl der Wörter auf, die ursprünglich aus einem Verb entstanden sind. So bildet sich zum Beispiel das rumänische Wort für „Liebe“ aus dem dazugehörigen Verb „lieben“:
8
Mit „F“ wird ein französischer Textbeleg gekennzeichnet.
9
Französische Textbelege werden zitiert aus: Coelho, Paulo: Onze minutes, aus dem brasilianischen Portugiesisch ins Französische übersetzt von Françoise Marchand-Sauvagnargues, Paris 2006.
10
Mit „S“ wird ein spanischer Textbeleg gekennzeichnet.
11
Spanische Textbelege zitiert aus: Coelho, Paulo: Once minutos, aus dem brasilianischen Portugiesisch ins Spanische übersetzt von Ana Belén Costas, Barcelona 2007.
12
Gălăbov, Ivan: Languages in Contact – ein typischer Fall: das Rumänisch, in: Werner, Reinhold (Hrsg.): Sprachkontakte, Tübingen 1980, S. 24.
13
Ebd.: S. 24.
14
Beyrer, Arthur/ Bochmann, Klaus/ Bronsert, Siegfried: Grammatik der rumänischen Sprache der Gegenwart, Leipzig 1987, S. 157.
5
Aus „a iubi“ (lieben) wird „iubire“ (Liebe), in bestimmter Form „iubirea“ (die Liebe). Auffällig ist, dass das Französische und das Spanische sich nicht dieses Wortbildungsverfahrens bedienen. In diesem Fall verwenden beide Sprachen ein sich direkt vom lateinischen Wort für „Liebe“, „amor“, ableitendes Substantiv, während das Rumänische das slawische Verb „a iubi“ substantiviert.
Der rumänische substantivierte Infinitiv wird wie ein vollwertiges Nomen behandelt, also auch dekliniert. 15 Das folgende Beispiel zeigt den substantivierten Infinitiv im Genitiv:
Die im Französischen und Spanischen verwendeten Infinitivkonstruktionen sind im Rumänischen nicht möglich – der Grund dafür soll im folgenden Kapitel erörtert werden –, stattdessen bedient sich das Rumänische des substantivierten Infinitivs von „a pleca“, der wie ein Nomen dekliniert wird: „plecarea“ (Nominativ: der Aufbruch) „plecării“ (Genitiv: des Aufbruchs).
Existiert im Französischen und Spanischen kein substantivierter Infinitiv? Und warum ist er im Rumänischen so allgegenwärtig und lebendig? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden.
2.1.2 Der Gebrauch des substantivierten Infinitivs im Vergleich mit dem Französischen
und Spanischen Tatsächlich ist der substantivierte Infinitiv im Rumänischen lebendiger als in den restlichen romanischen Sprachen:
der lange (nominale) Infinitiv findet um vieles mehr Verwendung als der ihm entsprechende substantivierte Infinitiv im Italienischen, Spanischen oder Portugiesischen; im Französischen ist er sogar völlig verdrängt worden und nur in erstarrten, lexikalisierten Formen erhalten geblieben. 16
15
Auch die Deklination der Substantive ist ein Alleinstellungsmerkmal des Rumänischen innerhalb der romanischen Sprachen, denn in keiner anderen romanischen Sprache können die Nomen wie im klassischen Latein dekliniert werden.
16
Stein, S. 117 f.
6
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Susanne Hasenstab, 2008, Substantivierter Infinitiv, der Infinitiv als Objekt und das Supin, Munich, GRIN Publishing GmbH
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