Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Wintersemester 2006/07
,,Wie im echten Leben..."
Das Encoding/Decoding-Modell von Stuart Hall und die Rezeption
serieller Fernsehtexte am Beispiel ,Dawson's Creek`
vorgelegt von
Christian Undorf
Fach: Medien- und Kulturwissenschaften
2
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis ... 2
1.
Einleitung... 3
2.
Das Encoding/Decoding-Modell von Stuart Hall Ausgangspunkt und
Bezugsrahmen dieser Arbeit... 4
2.1 Medienaneignung im soziokulturellen Kontext... 4
2.2 Drei hypothetische Lesarten von Medientexten ... 7
2.3 Kritische Einwände gegen das Massenkommunikationsmodell... 9
3.
Das Beispiel Dawson's Creek... 11
3.1 Geschichte und Konzept der Serie ... 11
3.2 Die Episode ,,The Longest Day" als exemplarischer
Untersuchungsgegenstand... 14
3.3 Darstellung der möglichen Rezeptionspositionen ... 16
4.
Fazit... 22
Quellen- und Literaturverzeichnis ... 25
3
1. Einleitung
Millionen Menschen sehen sie täglich, lassen sich immer wieder aufs Neue von
ihnen begeistern und richten nicht selten sogar ihre Tagesplanung nach ihnen aus.
Die Rede ist von Fernsehserien. Die fiktionalen Bilderwelten gehören fest zu
unserem Alltag und im Fernsehen vergeht kaum eine Minute, in der nicht auf
irgendeinem Kanal eine Serie ausgestrahlt wird. Doch wie gehen wir eigentlich mit
diesen Inhalten um? Was passiert, wenn wir eine Fernsehserie rezipieren, und sei es
nur aus Zeitvertreib? Sind wir Medieninhalten tatsächlich so machtlos ausgeliefert,
wie
es
beispielsweise
das
Reiz-Reaktions-Modell
oder
andere
medienwissenschaftliche
Ansätze
implizieren?
Oder
müssen
wir
den
Fernsehzuschauer vielmehr als aktiv Handelnden betrachten?
Letztere Auffassung hat sich insbesondere in den Cultural Studies durchgesetzt.
Diese vertreten die Meinung, dass sich die vollständige Wirkung eines Medientextes
erst bei dessen Rezeption zeigt, abhängig von der aktuellen Situation des
Rezipienten, dessen Vorwissen sowie beeinflusst durch eigene, persönliche
Erfahrungen. Die Vorstellung Stuart Halls, einem herausragenden Vertreter der
Cultural Studies, von der Aneignung von Fernsehtexten, in der Lesart und soziale
Lage des Zuschauers untrennbar miteinander verknüpft sind, bildet die Grundlage
dieser Arbeit. Das von ihm entwickelte Encoding/Decoding-Modell soll dabei nicht
nur einen Schwerpunkt im ersten Teil der folgenden Ausarbeitung darstellen,
sondern anschließend in der Untersuchung eines populären, seriellen Fernsehtextes
zur Anwendung kommen und hierbei den theoretischen Bezugsrahmen bilden.
In der vorliegenden Arbeit habe ich mich für die US-amerikanische Jugend-
Dramaserie Dawson's Creek entschieden, die für den US-Sender ,The WB
Television Network` in den 1990er Jahren zu einem Publikumserfolg wurde und unter
Jugendlichen schnell einen sehr hohen Bekanntheitsgrad erreichte. Anhand einer
beispielhaft ausgewählten Episode werde ich versuchen, die von Hall konstatierten,
verschiedenen Möglichkeiten der Deutung und Bewertung von Fernsehtexten zu
veranschaulichen.
Die Arbeit soll einen Bogen schlagen vom Medienprodukt zur soziokulturell
vermittelten Rezeption nach Stuart Hall sowie den daraus resultierenden möglichen
Rezeptionspositionen und Lesarten.
4
2. Das Encoding/Decoding-Modell von Stuart Hall
Ausgangspunkt und Bezugsrahmen dieser Arbeit
2.1 Medienaneignung im soziokulturellen Kontext
Was machen die Medien mit den Menschen? Lange Zeit stand diese Frage im Fokus
der Wirkungs- und Rezeptionsforschung. Dabei ist das Bild der ,,übermächtigen
Medien", die auf den passiven Rezipienten in einer Art ,,kommunikativen
Einbahnstraße" einwirken, schon lange überholt (Reiz-Reaktions-Modell: Medium
sendet Reiz, Rezipient empfängt und reagiert).
1
Fest steht: Menschen nehmen
Medienangebote selektiv wahr. Was dem einen gefällt, gefällt noch lange nicht dem
anderen. Insofern muss die eingangs gestellte Frage neu formuliert werden: Was
machen die Menschen mit den Medien? Eine Antwort hierauf liefert der Uses and
Gratification-Ansatz (Nutzen und Belohnungs-Ansatz): Ihm liegt die Auffassung zu
Grunde, dass der Mensch bestimmte Bedürfnisse an ein Medium heranträgt, zum
Beispiel das Bedürfnis nach Information oder Ablenkung. Der besondere Fortschritt
dieses Modells gegenüber dem Reiz-Reaktions-Modell liegt darin, die Nutzer eines
Mediums als aktiv Rezipierende zu betrachten.
Der britische Soziologe Stuart Hall deckte in den zahlreichen Theorien der
Medienforschung seiner Zeit jedoch einen entscheidenden Defizit auf: Rezipienten,
wie zum Beispiel Fernsehzuschauer, werden als ,,isolierte Individuen" betrachtet,
losgelöst von jeglichem Kontext. Hall entwickelte einen Ansatz, in dem ,,aktive"
Rezipienten sowie die sie umgebende Gesellschaft und geltende Machtverhältnisse
eine zentrale Rolle einnehmen und der davon ausgeht, dass beispielsweise bei der
Bedeutungszuschreibung bei der Rezeption von Fernsehsendungen ständig
zwischen Rezipient und Medientext vermittelt wird. Dabei greift er auf semiotische
Überlegungen zurück und verknüpft diese mit sozialwissenschaftlichen Ansätzen,
worauf ich im Folgenden noch näher eingehen werde. Hall gilt nicht zuletzt wegen
dieses subjektbezogenen Ansatzes, der als Encoding/Decoding-Modell bekannt
wurde, als einer der Begründer der Cultural Studies.
2
Da Halls Encoding/Decoding-Modell auf semiotischen Überlegungen basiert, soll
zunächst festgehalten werden, dass mit einem ,,weiten" Textbegriff operiert wird.
1
Erstmals widerlegt von: Paul Felix Lazarsfeld: The people's choice. How the voter makes up his mind
in a presidential campaign. New York 1944.
2
vgl.: Andreas Hepp: Cultural Studies und Medienanalyse. Eine Einführung. 2. Auflage, Wiesbaden
2004. S.110f.
5
Unter dem Ausdruck ,Text` ist nicht nur tatsächlich Geschriebenes oder Gedrucktes
zu verstehen, sondern grundsätzlich jedes kommunikative Produkt in seiner
Gesamtheit.
3
Hierunter fallen demnach also auch Radio- und Fernsehsendungen
oder Filme. Im Folgenden werde ich die Ausdrücke ,Medientext` und ,Medienprodukt`
weitgehend synonym gebrauchen.
Stuart Hall geht davon aus, dass mediale Texte bei ihrer Produktion von
bestimmten Kodes geprägt werden. Hierbei spielen verschiedene Faktoren eine
Rolle: Auf der Seite des Kommunikators bzw. Produzenten eines medialen Textes
sind dies zum Beispiel die Absichten und Ziele der Medienmacher sowie deren
Wissensrahmen. Hierzu gehören neben technischen Fertigkeiten und bestimmten
Berufsideologien etwa auch Annahmen der Produzenten eines Medienprodukts über
das Publikum. So können, bezogen auf Nachrichtensendungen im Fernsehen,
Ereignisse nicht direkt (als eben jenes Ereignis) übermittelt werden, sondern müssen
erst unter Beachtung gewisser Konventionen in einen Diskurs umgewandelt werden.
4
Diese ,,Aufbereitung" hängt nicht unwesentlich von den beteiligten Produzenten einer
Fernsehnachricht bzw. den Redakteuren ab. Andererseits müssen auch die
Produktionsverhältnisse und die zur Verfügung stehende technische Infrastruktur auf
der Seite des Produzierenden berücksichtigt werden. All diese Faktoren schlagen
sich bei der Herstellung des Medienprodukts durch den Kommunikator im Text
nieder, was Hall als ,Encoding` bezeichnet. Die andere Ebene bzw. ,Sinnstruktur`,
wie Hall es bezeichnet bildet das Konsumieren des Medientextes durch den
Rezipienten, folglich ,Decoding` genannt. Auch hier manifestieren sich
Wissensrahmen und Produktionsverhältnisse des Mediennutzers, denn Hall versteht
den Moment des ,Decoding` analog zum ,Encoding` als eine Art medialer Produktion.
Seiner Auffassung nach zeigt sich die Wirkung einer medialen Botschaft erst dann,
wenn diese durch den Empfänger als sinnhaft angeeignet wird, d.h. dieser sich den
Medieninhalt im eigenen lokalen Lebenskontext zu eigen macht.
5
Dabei spielt auf der
Seite des Rezipienten dessen soziokultureller Hintergrund eine wichtige Rolle.
Persönliche Kenntnisse, Erfahrungen, Anschauungen ebenso wie perzeptive,
emotionale, kognitive und ideologische Prozesse. Unter ,Decoding` ist demnach die
3
vgl.: Andreas Hepp: Cultural Studies und Medienanalyse, a.a.O., S. 109.
4
vgl.: Stuart Hall: Kodieren/Dekodieren, in: Roger Bromley, Udo Göttlich, Carsten Winter: Cultural
Studies. Grundlagentexte zur Einführung. Lüneburg 1994. S. 92-110, hier: S. 96.
5
vgl.: ebd. S. 96.
6
Aktivität zu verstehen, bei der die Rezipierenden dem Kommunikat eine bestimmte
Bedeutung zuschreiben.
Somit wird bereits klar, dass Hall den Prozess der Medienkommunikation zwischen
den beiden beschriebenen Sinnstrukturen, also zwischen Produktion (,Encoding`)
und Rezeption (,Decoding`), lokalisiert. Entscheidend dabei ist jedoch, dass die
beiden Sinnstrukturen nicht identisch sind. Der Kode der Produktion muss nicht
zwangsläufig mit dem Kode, den ein Rezipient bei der Dekodierung anwendet,
übereinstimmen.
6
Hall führt mögliche Differenzen beispielsweise auf unterschiedliche
soziokulturelle Umfelder von Rezipienten und Produzenten zurück, denen sie
entstammen. Der Zuschauer einer Fernsehserie, den ich in dieser Arbeit als
zentrales Beispiel gewählt habe, befindet sich also immer im Spannungsfeld
zwischen Text und Kontext.
Um auf den semiotischen Aspekt zurückzukommen, auf den ich zu Anfang
hingewiesen hatte: Hall ist der Auffassung, dass jeder mediale Text als
,bedeutungstragender` Diskurs beschrieben werden muss, der sich aus
verschiedenen polysemen Zeichen zusammensetzt.
7
Er unterscheidet in diesem
Zusammenhang zwischen Denotation, d.h. der konventionellen Bedeutung eines
Zeichens in einem bestimmten Zeichensystem, sowie Konnotation. Letztere liegt vor,
wenn sich die Denotation eines Zeichens ,,mit den tiefen semantischen Kodes einer
Kultur kreuz[t] und zusätzliche, aktivere ideologische Dimension an[nimmt]."
8
Die
Konnotation ist also kulturell vermittelt und fügt einem Zeichen ein oder mehrere
zusätzliche Bedeutungsaspekte hinzu. Hall unterstreicht jedoch, dass diese
untereinander nicht gleichrangig sind. Daraus schließt er, dass Medientexte
vieldeutig sind und somit mehrere Lesarten erlauben. Serielle Fernsehtexte,
insbesondere Soap Operas, erweisen sich hier als ergiebige Beispiele, da sie
aufgrund ihrer (zumeist zahlreich vorhandenen) Figuren und verschiedenen
Handlungsebenen offen sind für verschiedene Lesarten. Bevor ich mich jedoch
einem Beispiel genauer widme, konzentriere ich mich im folgenden Abschnitt
zunächst auf Halls Kategorisierung in drei idealtypische Rezeptionspositionen.
6
vgl.: Stuart Hall: Kodieren/Dekodieren, a.a.O., S. 98.
7
vgl.: Andreas Hepp: Cultural Studies und Medienanalyse, a.a.O., S. 113.
8
Stuart Hall: Kodieren/Dekodieren, a.a.O., S. 102.
7
2.2 Drei hypothetische Lesarten von Medientexten
Nach Hall lassen sich im Zusammenhang mit Medientexten zwei generelle Arten von
Missverständnissen unterscheiden: Zum einen Missverständnisse auf der wörtlichen
Ebene, die zum Beispiel vorliegen, wenn der Rezipierende bestimmte im ,,Text"
verwendete Termini nicht versteht, er/sie der Logik nicht folgen kann, sich durch die
Art bzw. Form der Darlegung verwirrt fühlt oder einfach nicht der verwendeten
Sprache mächtig ist. Wesentlich häufiger sind laut Hall jedoch Missverständnisse, die
durch eine andere Auffassung des Zuschauers hervorgerufen werden, d.h. dieser
nicht innerhalb des bevorzugten Kodes agiert und den Fernsehtext nicht wie von den
Sendeanstalten beabsichtigt interpretiert.
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In diesem Kontext stellt Hall fest, dass immer mehr Erklärungsversuche für die
Problematik der Missverständnisse über die ,,selektive Wahrnehmung" getätigt
werden. Darunter sind individuelle Lesarten zu verstehen, was es unmöglich mache,
Rezeptionspositionen zu gewissen ,,Typen" bzw. Lesarten zusammenzufassen, da
jeder Rezipierende eine gänzlich eigene Lesart auf den rezipierten Medientext
anwende. Hall entkräftet jedoch diese Auffassung und vertritt den Standpunkt, dass
die ,,selektive Wahrnehmung" fast nie so selektiv, willkürlich oder privatisiert sei, wie
es der Begriff vermuten ließe. Seiner Meinung nach weisen die Rezeptions-
Schemata entscheidende Ballungen auf individuelle Abweichungen fielen dabei
kaum ins Gewicht. Er kommt zu dem Schluss, man müsse jede neue Untersuchung
über das Rezeptionsverhalten von Fernsehzuschauern wohl zukünftig ,,mit einer
Kritik der Theorie der selektiven Wahrnehmung beginnen."
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Da keine zwangsläufige Korrespondenz zwischen ,Encoding` und ,Decoding` vorliegt,
unterliegt der Dekodierungsprozess Hall zufolge eigenen Bedingungen. Es handelt
sich bei der Medienaneignung also keinesfalls um einen linearen Vorgang, wie in
früheren Massenkommunikationsmodellen angenommen. Dennoch muss allerdings
ein gewisser Grad an Reziprozität zwischen den beiden Sinnstrukturen vorhanden
sein, um überhaupt von ,,einem effektiven kommunikativen Austausch" sprechen zu
können.
11
Grundlegend ist aber, dass der Kodierungsvorgang durch den
Kommunikator die Dekodierung durch den Rezipienten nicht festlegen kann. Hierauf
9
vgl.: Stuart Hall: Kodieren/Dekodieren, a.a.O., S. 105.
10
ebd. S. 106.
11
ebd. S. 106.
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