Ein verheerendes Virus, das von Menschen verachtenden Terroristen auf den Westen losgelassen wurde, um dessen Bevölkerung ein für allemal auszulöschen. Leise, tödlich und vor allem unter dem Begriff Anthrax und in weiterer Folge als Bioterror medienwirksam und prägnant zusammengefasst. Handelt es sich bei diesem Szenario schon längst um Realität oder um einen verschwommenen Albtraum, der von findigen Machthabern - verstärkt durch die Ereignisse rund um den 11. September 2001 - in den Mittelpunkt des Medieninteresses gerückt wurde, um die Bevölkerung in eine steten Angstzustand zu versetzen und sie auf diese Weise gefügig für die eigenen Interessen zu machen? Dieser Frage versucht der Autor in Anthrax. Bioterror als Phantasma., Prof. Dr. Philipp Sarasin, der 1956 in Basel geboren wurde und derzeit als Professor für Neuere Geschichte an der Züricher Universität tätig ist, anhand der kurz nach 9/11 aufgetauchten Anthrax-Briefe nachzugehen. Dabei betritt er keineswegs Neuland, denn mit Publikationen im Bereich der Geschichtswissenschaften 1 , als auch der Bakteriologie und Körpergeschichte 2 , setzte er sich schon zuvor intensiv mit verwandten Themen auseinander, die in diesem Werk immer wieder zur Sprache kommen. Bereits im Vorwort stellt der Autor klar, in welche Richtung sein Werk gehen wird. Es soll sich demnach um keine historische Darstellung rund um die Angst vor scheinbar allgegenwärtigen Bioterror handeln. Stattdessen soll es der Versuch sein, die Ereignisse rund um die Anschläge des 9.Septembers 2001 unter einem kulturwissenschaftlichen Blickwinkel zu betrachten. Treffend für das gesamte Werk sind meines Erachtens die einleitenden Worte Sarasins, wonach „Bilder und Fiktionen, Phantasmen und Träume“ einen nicht zu verachtenden Teil dazu beitragen, wie wir die Welt sehen (S. 9). Für Sarasin ist der Grund, weshalb nach den Anschlägen auf das World Trade Center nicht die Air-Force, sondern die Nationalgarde eingeschaltet wurde, klar: Das Bild vom böswilligen Eindringling, beziehungsweise des Terroristen, der einen Menschen, eine Stadt, ein Land zu infizieren oder auszulöschen droht, ist in der amerikanischen Gesellschaft derartig stark manifestiert, dass es aufgrund dessen mehr als logisch war, sofort anzunehmen, dass zusätzlich zu den Flugzeugentführung noch Biowaffen mit im Spiel sein müssen.
Die Ursachen für diese Annahmen ortet Philipp Sarasin in der Übersensibilisierung durch Romane wie etwa Cobra von Richard Preston (S.71), diversen dystopischen Songtexten (S. 185), Videospielen (S. 187) und allen voran natürlich unzähligen Filmen wie Twelve Monkeys
1 Sarasin, Philipp (2003). Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, Frankfurt am Main. 2 Sarasin, Philipp (2001). Reizbare Maschinen. Eine Geschichte des Körpers 1765-1914, Frankfurt am Main.
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oder 28 Days Later (S. 188), die mit der Angst vor Bioterror und Viren gezielt spielen. So verwischte das Reale und die Fiktion in der amerikanischen Gesellschaft zunehmend zu etwas Neuem - einer neuen Realität, so Sarasin.
Auch Medien wie das Fernsehen - vor allem CNN mit deren pointiertem Aufruf zum „war on terror“ - oder diverse Printmedien tragen ihren Teil dazu bei, wie Menschen die Welt in der sie leben, sehen. Da war es auch nicht verwunderlich, dass, als die Bilder des brennenden World Trade Centers live im US-Fernsehen gesendet wurden, sich unzählige Amerikaner per Telefon an die jeweiligen Fernsehstationen wandten und sich beschwerten, weshalb „[...] nun Hollywood-Katastrophenfilme schon am Nachmittag gesendet würden [...] “ (S. 29). Das Fatale daran war laut Sarasin, dass sich dieses kognitive Verwischen selbst in der Führungsriege der US-Regierung, damals wie heute, in Form von unzähligen Terrorübungen (S.120) bemerkbar machte bzw. macht. Die ständige Erwartung der amerikanischen Bevölkerung, dass es nur mehr eine Frage der Zeit wäre, bis es zu einem verheerenden Anschlag, natürlich von islamischen Terroristen, unter Verwendung von Biowaffen durchgeführt, kommen würde, wurzelt laut Sarasin jedoch nicht nur im medialen Lauffeuer der letzten Jahre, sondern geht bis in die Kolonialkriege, auf Antisemitismus bzw. Rassismus, die Anfänge der Bakteriologie und die Gaskriege des ersten Weltkriegs zurück (siehe Kapitel II. Mikroben). Die kurz nach 9/11 aufgetauchten Anthrax- Briefe spielen dabei immer wieder eine wichtige Rolle. Vor allem die Umstände, wie und vor allem von wem sie in Umlauf gebracht wurden, nehmen eine zentrale Stellung in diesem Werk ein. Amerikas „war on terror“ ist seit dem 11. September 2001 wohl an kaum einem, in Tagespolitik interessierten Menschen, spurlos vorüber gegangen. Philipp Sarasin versucht jedoch keine genaue Analyse der Hintergründe zu den Anschlägen auf das WTC zu liefern, sondern geht eher der Frage nach, wie und mit welchen Mitteln es auf Basis dieser Ereignisse gelang, eine Verbindung zu Bioterror und in weiterer Folge zu den, wie sich im Nachhinein herausstellte, nicht vorhandenen weapons of mass destruction (S . 59 - Die Achse des Bösen) des Irak herzustellen. Sarasin stellt zur Veranschaulichung dessen eine These auf, wonach die US-Regierung - trotz oder gar wegen der scheinbar ständig vorhandenen Gefahr vor Terrorvon den Anschlägen von 9/11 zwar gewusst, aber nichts unternommen hat. Stattdessen sollen sie genutzt worden sein, um die Angst noch weiter zu schüren und durch die Anthrax-Briefe, von der Signifikante Anthrax auf Bioterror überzugehen.
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Die mutmaßlichen Verfasser dieser Briefe waren damals schnell gefunden: Es schien einleuchtend, dass das Terrornetzwerk al-Quaida auch hinter diesen Akt stehen würde (S. 52). Die Realität sieht laut Sarasin jedoch wieder anders aus, denn die wirklichen Verfasser sind bis heute ungeklärt und die Suche nach diesen versandete damals in der medialen Berichterstattung über mögliche Bedrohungen in Afghanistan in Form des Taliban-Regimes oder im Irak durch den damaligen Diktator Saddam Hussein. Beide Angriffe auf diese zwei Schurkenstaaten wurden im Grunde auf Basis dieser Anthrax- und Bioterror-Manie gerechtfertigt. Wie sich später herausstellte, können diese Briefe nur aus dem Umfeld der amerikanischen Biowaffenforschung stammen (S.114). Für Philipp Sarasin liegt des Rätsels Lösung somit klar auf der Hand, denn die in der Bevölkerung seit jeher tief verwurzelte Angst vor dem Fremden, seien es nun Menschen die den Propheten Mohammed verehren, oder unbekannte Viren, wurde von der US-Regierung schamlos genutzt, um die Menschenbesonders seit 9/11 - immer mehr in Panik zu versetzen. Der Einmarsch in Afghanistan und im Irak war das Ziel dieser Machenschaften. Das vorliegende Werk ist eine aufschlussreiche Lektüre, die fundiert recherchiert und leicht verständlich aufbereitet wurde. Es gelingt Sarasin, die klare Fragestellung nach den wahren Verfassern der Anthrax-Briefe, in ein mitreißendes Essay zu packen, bei dem auch andere, zeitgeschichtliche Themen angeschnitten werden. Dadurch könnten auch Leser, die sich schon des Öfteren mit der Thematik auseinander gesetzt haben, Neues erfahren. Der Stil des Autors ist meines Erachtens für ein wissenschaftliches Werk eher Einfach gehalten, ohne aber an Prägnanz zu verlieren. Die essentiellen Begriffe „Anthrax“ und „Bioterror“ bzw. deren Entstehung und die heutige Wirkung werden sehr detailliert behandelt und geklärt.
Die im Werk aufgestellten Thesen können als durchaus brisant eingestuft werden, dennoch bleibt Sarasin die Lösung des Rätsels nach den wahren Autoren der Anthrax-Briefe mehr oder weniger schuldig. Auf der einen Seite ein wenig ernüchternd, auf der anderen Seite kann man sich als Leser die ausbleibende Antwort vorstellen. Abschließend bleibt noch zu sagen, dass das Werk durchaus seine Längen hat, trotzdem aber interessant und angenehm zu lesen ist. Persönlich kann ich mich mit der Grundthese des Autors durchaus anfreunden, etwaige Verschwörungstheorien, wonach die US-Regierung in die Anschläge von 9/11 und die Anthrax-Briefe involviert gewesen sein soll, klingen zwar stellen weise durchaus plausibel, es fehlen meiner Meinung nach aber dahingehend die konkreten Beweise. Für alle, die sich für diese Thematik interessieren, kann ich dennoch eine klare Empfehlung für das vorliegende Werk aussprechen. Seite 4 von 4
Arbeit zitieren:
Raphael Schön, 2006, Buchrezension zu "Anthrax. Bioterror als Phantasma" von Philipp Sarasin, München, GRIN Verlag GmbH
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