Inhaltsverzeichnis:
Einleitung 03
Erster Teil: „Medea amans“: 03
1. Liebe auf den ersten Blick 03
2. Abschied 05
3. Verbrechen aus Liebe 07
Zweiter Teil: „Medea furens“: 08
1. Hochzeitszug 08
2. Drohung gegen Creusa 09
3. Verallgemeinerte Drohung 10
Zusammenfassende Schlussbemerkung 12
Quellen - und Literaturverzeichnis 13
2
Einleitung:
„Der Medea-Stoff ist fraglos eines der Lieblingsthemen Ovids.“ 1 Während die Medea-Tragödie Ovids leider nur in zwei Fragmenten überliefert ist, widmete sich Ovid der Frauengestalt Medea in den Tristien 3,9, in den Metamorphosen 7 und in den Heroides 6 und
12. Hier soll nun der 12. Heroides-Brief näher untersucht werden. Im 12. Heroides-Brief geht es, kurz gesagt, um die von Jason verlassene Medea, nachdem sie ihm mit ihren Zauberkräften zur Erlangung des Goldenen Vlieses geholfen hat. Obwohl Jason in Creusa bereits eine neue Liebschaft gefunden hat, fordert Medea Jason zurück und sinnt auf Rache. Ovid beschreibt Medea in diesem Brief als leidenschaftlich Liebende auf der einen Seite, auf der anderen Seite als drohende Rächerin. Eben diese Bipolarität zwischen einer „Medea amans“ und einer „Medea furens“ soll im folgenden herausgearbeitet werden, indem charakteristische Textausschnitte, die Medea als amans bzw. furens zeigen, genauer analysiert werden.
Erster Teil: „Medea amans“
1. Liebe auf den ersten Blick
In den Versen 31-38 beschreibt Ovid den Moment, in dem Medea Jason zum ersten Mal sah, und wie sie sich in ihn „auf den ersten Blick“ verliebte. „Das Motiv der Liebe auf den ersten Blick ist in der antiken Literatur sehr weit verbreitet (W.Kroll ad loc.: Die Antike kennt nur Liebe auf den ersten Blick).“ 2 Dieses Motiv setzt Ovid rhetorisch geschickt durch die Anapher tunc…tunc (V.31) um. Diese verstärkt eben das Augenblickliche, das Plötzliche, das Momentane, das hier ausgedrückt werden soll. Auffallend ist, dass Medea hier in der ersten Person Singular spricht: vidi…coepi (V.31); vidi…perii (V.33). Betont durch das ego (V.31), lässt Ovid Medea hier als diejenige auftreten, die die Initiative ergreift, handelt und Jason von Beginn an wahrnimmt. Knox bestätigt dies: „Throughout the rest of the epistle she complains of having been taken in by Jason, but here she appears to be saying that she perceived his nature from the beginning.“ 3 Heinze kann der Behauptung von Knox hier nicht zustimmen.
1 Schmitzer 2001, 52.
2 Heinze 1997, 122.
3 Knox 1986, 220.
3
Medea hat sich also schon hier total in Jason „verschossen“. Jacobson bezeichnet Medea in diesem Zusammenhang als „innocent lovesick girl“ 4 , was treffender nicht formuliert werden könnte.
Tunc ego te vidi ; tunc coepi scire quis esses; 5 So lautet der entscheidende Satz. Doch scheint an dieser Stelle eine Korrektur notwendig, da die Parallelen und die Überlieferung eher für ein quid anstatt für ein quis sprechen. Quis fragt nämlich nach der Identität oder nach der individuellen Beschaffenheit (wer?), wohingegen quid nach dem Wesen, nach der Begriffsbestimmung (von welchem Schlage?) fragt. 6 Quid ist nicht zuletzt deshalb hier einleuchtender, weil Medea schon hier Jason durchschaut und zu beginnen weiß, von welchem Schlage er sei. Im nächsten Vers zieht sie daraus die Konsequenzen, und Ovid lässt Medea bereits hier feststellen, dass ihre Liebe zu Jason zum Scheitern verurteilt ist: …mentis prima ruina meae. 7 Die beiden Doppelverse V. 33/34 und V.35/36, die anaphorisch durch ein et verbunden sind, stellen im Grunde eine repetitio von Medeas Liebesmotiv dar. Ovid drückt sich hier besonders pointiert aus, indem er die beiden Verben vidi und perii geschickt durch das Polysyndeton et…et verbindet und den ganzen Ausdruck in einen Parallelismus verkleidet: Et vidi et perii nec notis ignibus arsi 8 . Medea erblickte Jason und war hin und weg. Sie entbrannte durch ihr bisher unbekannte Feuer, nämlich durch die Feuer der Liebe. Das heißt, sie brannte förmlich, ihr Herz war warm und loderte innerlich mit der Kraft und Energie eines Feuers. Das arsi am Ende von Vers 33 nimmt Ovid zu Beginn von Vers 34 mit ardet wieder auf und überträgt die Feuer-Metapher auf die religiöse Ebene. Medeas „Liebesfeuer“ wird mit der pinea taeda (V.34), der fichtenen Fackel verglichen, die man den Göttern weiht. Dadurch bekommt Medeas „Liebesfeuer“ eine noch stärkere, offiziellere Bedeutung, vor allem dann, wenn man noch heranzieht, dass taeda auch mit Hochzeitsfackel zu übersetzen ist. In Vers 35 bekräftigt Medea Jasons Schönheit: Et formosus eras… Diese Schönheit Jasons nimmt Ovid schon zu Beginn des 12. Briefes auf: Cur mihi plus aequo flavi placuere capilii 9 . Die blonden Haare haben es Medea also angetan. Ovid spielt hier mit dem Topos, dass Heroen und Heroinen in der antiken Literatur sehr oft blond dargestellt werden, und blondes Haar seit Catull in der lateinischen Literatur zu einem unverzichtbaren
4 Jacobson 1974, 118f.
5 Ovid, Her. 12, 31.
6 Vgl. Heinze 1997, 121.
7 Ovid, Her. 12, 32.
8 Ovid, Her. 12, 33.
9 Ovid, Her. 12, 11.
4
Arbeit zitieren:
Andreas Keilbach, 2004, Ovid, Heroides - Das Hass-Liebe-Motiv Medeas im 12. Heroides-Brief Ovids, München, GRIN Verlag GmbH
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Medea: Essays on Medea in Myth, Literature, Philosophy, and Art
Clauss, James J. Clauss, Sarah Iles Johnston
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