Sozialisationsinstanz Internet -Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit Abstract
Internet ist aus der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken. Fast jeder zweite Haushalt in Deutschland verfügt über einen Zugang zum ‚World Wide Web‘. Immer mehr Kinder und Jugendliche gehen ohne elterliche Kontrollen in die Weiten des Internets. Somit sind Heranwachsende immer mehr Einflussfaktoren ausgesetzt. Diese können Kinder und Jugendliche, gerade in der sekundären Sozialisationsphase auch negativ beeinflussen. Besonders bei der Bildung von Identitäten durch und im Internet, können sowohl negative als auch positive Merkmal verstärkt werden. Die neuen Medien wirken immer intensiver. Mit einer ‚gut funktionierenden‘ Medienkompetenz, können diese potentiellen Gefahren minimiert werden, Kinder und Jugendliche werden zu verantwortungsvollen Rezipienten erzogen. Dies ist eine Aufgabe der Medienpädagogik. Dass das Internet eine Sozialisationsinstanz darstellt wird nicht eindeutig geklärt. Es wird aber festgestellt, dass das Internet einen großen Einfluss auf Kinder und Jugendliche ausübt. Neue Arbeitsbereiche für die Soziale Arbeit können hierbei die Onlineberatung sein. Durch das immerwährende voranschreiten der Technik muss sich auch in der Sozialen Arbeit ein neues Kompetenzprofil entwickeln. Nur so wird die Soziale Arbeit auch zukünftig kompetent arbeiten können.
Sozialisationsinstanz Internet -Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit Diese Arbeit wäre ohne die Hilfe der Menschen in meinem Umfeld nicht möglich gewesen.
In der Vorbereitungsphase der Diplomarbeit wurde mir besonders die Unterstützung von Prof. Dr. Karl Roßrucker zuteil, der mir auch im Verlauf der Arbeit den Freiraum ließ, den ich für die Verwirklichung dieser Arbeit brauchte. Für die Unterstützung während meines Studiums möchte ich mich bei meinen Eltern Maria Gatzke, Alfred Gatzke und Herwart Iburg bedanken. Besonderer Dank gebührt Dr. Timo Rode, der mir den Rücken freigehalten hat und mich trotz mancher Widrigkeiten immer in meinem Streben bestärkt hat. Ohne ihn wäre ich nicht soweit gekommen.
Elmar Schmidt († 09/2006) danke ich für seine kreative und kompetente Kritik und Hilfe bei der Erstellung dieser Arbeit.
Sozialisationsinstanz Internet -Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit
Diese Arbeit widme ich all den zukünftigen Generationen, die sich mit immer neuen Einflüssen durch neue Medien auseinandersetzen müssen.
Sozialisationsinstanz Internet -Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit Als Knabe verschlossen und trutzig, als Jüngling anmalich und stutzig, als Mann zu Taten willig, als Greis leichtsinnig und grillig! Auf deinem Grabstein wird man lesen:
Der höchste Lohn für unsere Bemühungen ist nicht das, was wir dafür
Das Internet baut virtuelle Brücken zu anderen Menschen, zu denen man wohl sonst nie in Kontakt geraten wäre und läßt damit den Erdball klein erscheinen. Wer es wagt diese Brücken physisch-real zu begehen, der muß mindestens mit der Ernüchterung rechnen,
Sozialisationsinstanz Internet -
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit
Inhalt
ABBILDUNGS - UND TABELLENVERZEICHNIS
1. EINLEITUNG 1
I. SOZIALISATION 5
2. DEFINITION SOZIALISATION 5
2.1 SOZIALISATION UND ERZIEHUNG 6
2.1.1 Erziehung 6
2.1.2 Entwicklung 7
2.1.3 Aneignung vers. Anpassung 7
2.1.4 Sozialisation 7
2.2 SOZIALISATIONSTHEORIE NACH FREUD 9
2.3 SOZIALISATIONSPHASEN 12
2.3.1 Primäre Sozialisation 12
2.3.2 Sekundäre Sozialisation 14
2.3.3 Tertiäre Sozialisation 15
3. SOZIALISATIONSINSTANZEN 15
3.1 SOZIALISATIONSINSTANZ FAMILIE 15
3.1.1 Definition des Begriffes Familie 16
3.1.2 Geschichte der Familie 17
3.1.3 Beziehungen innerhalb der Familie in der Geschichte 18
3.1.4 Kinder in der Familiengeschichte 18
3.1.5 Sozialisationstheorien in der Familie 19
3.1.5.1 Rationale Theorien 19
3.1.5.2 Familienstresstheorie 20
3.1.5.3 Psychoanalytische Sichtweisen 21
3.1.5.4 Familiale Sozialisation in sozioökologischer Sicht 21
3.1.6 Probleme bei der Sozialisation in der Familie 22
3.2 SOZIALISATIONSINSTANZ PEER-GROUPS 25
3.2.1 Strukturfunktionale Ansätze 27
3.2.2 Sozialisation über Vorgaben - Das Konzept der Entwicklungsaufgaben. 29
3.2.3 Das Konzept der Identität 30
3.3 SOZIALISATIONSINSTANZ SCHULE 31
3.3.1 Die Schule 31
3.3.2 Die Schule als Sozialisationsinstanz 32
3.3.3 Sozialisation durch Unterricht 33
3.3.3.1 Qualifikationsfunktion 33
3.3.3.2 Selektions- und Allokationsfunktion 33
3.3.3.3 Legitimations- und Integrationsfunktion 34
3.4 SOZIALISATIONSINSTANZ MASSENMEDIEN 35
II. INTERNET UND KOMMUNIKATION 39
4. INTERNET 39
4.1 DEFINITION INTERNET 39
Sozialisationsinstanz Internet -
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit
4.2 DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES INTERNETS. 39
4.3 WORLD WIDE WEB 43
5. KOMMUNIKATION 44
5.1 COMPUTERVERMITTELTE KOMMUNIKATION (CM)C 44
5.1.1 Sachinhalt 47
5.1.2. Selbstoffenbarung 47
5.1.3 Die Beziehungsebene 48
5.1.4 Appellseite 49
5.1.5 Fazit 49
5.2 CHAT 50
5.3 EMAIL 51
5.4 FORUM 53
5.5 EMOTICONS UND AKRONYME 54
5.6 CHATIQUETTE, NETIQUETTE 55
5.7 ZWISCHENFAZIT 56
III. INTERNET ALS SOZIALISATIONSINSTANZ 58
6. IDENTITÄT 58
6.1 IDENTITÄT IM INTERNET NACH NICOLA DÖRING 58
6.2 SELEKTIVE AKTIVIERUNG VON IDENTITÄTEN 58
6.2.1 Mangelnde Aktivierung 59
6.2.2 Gezielte Aktivierung 61
6.2.3 Stärkere Akzentuierung 63
6.3 MODIFIZIERUNG VON IDENTITÄTEN 64
6.4 DIE VIRTUELLE IDENTITÄT 65
7. SOZIALISATIONSINSTANZ INTERNET 66
8. PROBLEME DURCH DAS INTERNET 67
8.1 INTERNETSUCHT 68
8.1.1 Definition von Sucht 68
8.1.2 Kriterien für die Internetsucht 69
8.1.2.1 Fokussierung 70
8.1.2.2 Kontrollverlust 70
8.1.2.3 Negative Konsequenzen 70
8.1.2.4 Entzugssymptome 70
8.1.2.5 Unfähigkeit zur Verhaltensänderung 71
8.2 DIAGNOSE UND STADIEN DER INTERNETSUCHT 71
8.3 STATISTIK ZUR INTERNETSUCHT 72
8.4 THERAPIEMÖGLICHKEITEN 73
8.5 SOZIALE ISOLATION 74
9. KINDERPORNOGRAPHIE 74
Sozialisationsinstanz Internet -
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit
10. PRÄVENTION 78
10.1.1 Filtern von Wörtern 80
10.1.2 Filtern von Seiten 81
10.1.3 Etikettierung von Seiten 81
11. MEDIENPÄDAGOGIK 82
11.1 RICHTUNGEN DER MEDIENPÄDAGOGIK 83
11.2 ZIELE UND AUFGABEN DER MEDIENPÄDAGOGIK 84
12. MEDIENKOMPETENZ 85
12.1 ERKLÄRUNG DES BEGRIFFES KOMPETENZ 86
12.2. DIE VIER DIMENSIONEN DER MEDIENKOMPETENZ NACH BAACKE 87
12.2.1 Medienkritik 87
12.2.2 Medienkunde 88
12.2.3 Mediennutzung 88
12.2.4 Mediengestaltung. 89
12.3 RESÜMEE 89
12.4 WEITERE THEORIEN 89
13. JUGENDARBEIT 90
13.1 GESCHICHTE DER OFFENEN JUGENDARBEIT 91
13.2 OFFENE JUGENDARBEIT NACH KJHG 91
13.3 DAS PRINZIP OFFENHEIT 92
14. PROJEKT DER MODERNEN MEDIEN 93
15. DAS INTERNET ALS CHANCE FÜR DIE SOZIALE ARBEIT 95
15.1 ONLINEBERATUNG 96
15.1.1 Vorteile der Onlinebratung 97
15.1.2 Nachteile der Onlineberatung 97
15.2 MEDIENKOMPETENZ IN DER SOZIALEN ARBEIT 98
16. FAZIT 99
Literaturverzeichnis
Sozialisationsinstanz Internet -
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit
Abbildungs - und Tabellenverzeichnis
Abbildung 1: Es, Ich und Über-Ich nach S. Freud 9
Abbildung 2: Phasen der Sozialisation 12
Abbildung 3: Karikatur Internetsucht 68
Abbildung 4: Statistik Internetsucht von der HU-Berlin 72
Tabelle 1: Geschichte des Internets 39
Sozialisationsinstanz Internet - 1
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit
1. Einleitung
Das Internet ist das wohl meist benutzte Medium weltweit. Kaum ein anderes Medium hat in so kurzer Zeit so viele Anhänger gefunden wie das World Wide Web. Ich denke der Einfluss des World Wide Web auf die Menschen wird immer größer. Kaum jemand kommt heute noch ohne einen Computer aus. Nachrichten werden meistens nur als Email verschickt, und viele Informationen stehen nur noch im Internet. Inwiefern aber wirkt sich eigentlich die Benutzung des Internets auf die Menschen aus? Beeinflusst das Internet uns so stark, dass man von einer neuen Sozialisation sprechen kann? Wenn dies der Fall ist, stellt sich doch die Frage, ob es sich hier um eine Sozialisationsinstanz handelt, die in ähnlichem Ausmaß wie die Peer-Group auf den Menschen einwirkt. Ist also ein Einfluss durch das Internet möglich, der über eine ‚normale‘ Sozialisation hinausgeht? Wenn dies der Fall ist, muss man sich fragen, wie man Kinder und Jugendliche vor den möglichen Gefahren, die aus dem World Wide Web drohen, schützt. Gibt es Arbeitsfelder in der sozialen Arbeit, die sich speziell mit der Problemstellung befassen? Gibt es vielleicht sogar spezielle Projekte, die sich mit dem World Wide Web bewusst auseinander setzen und dieses Wissen gezielt an Kinder und Jugendliche weitergeben? Das sind Fragen, die sich stellen, mit zu der Themenwahl beigetragen haben und in der vorliegenden Arbeit bearbeitet werden sollen. Aufbau der Arbeit:
Der erste Teil meiner Arbeit wird sich mit dem Thema Sozialisation befassen. Dafür muss erst einmal Sozialisation und auch Erziehung definiert und voneinander abgegrenzt werden. Da S. Freud einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Sozialisationstheorie geleistet hat, ist es mir wichtig, seine Theorie zur Sozialisation darzustellen. Danach werde ich dann die drei Phasen der Sozialisation und deren Funktionsweisen erklären. Im Anschluss daran werde ich mich den drei größten Instanzen der Sozialisation widmen: der Familie, der Peer-Group und der Schule. Was die Familie betrifft, habe ich mich zunächst mit dem Begriff Familie und dem geschichtlichen Kontext befasst. Danach gehe ich auf die wichtigen Beziehungen in einer Familie und die Kinder in der Familie ein. Abschließend widme ich mich der Sozialisationsinstanz Familie genauer. Die Behandlung der Peer-Group stellt einen wichtigen Bestandteil der Arbeit dar. Ich werde dort die theoretischen Ansätze zu Peer- Groups darstellen und die Wichtigkeit der Peer-Group hinsichtlich der Entwicklung
Sozialisationsinstanz Internet - 2
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit einer Identität darstellen. Was die Schule betrifft, werde ich auf die Schule als Sozialisationsinstanz eingehen und anschließend die Sozialisation, die durch den Unterricht stattfindet, beschreiben. Dieser Teil der Arbeit schließt dann mit der Sozialisation durch die Massenmedien ab und bietet somit den Einstieg in den zweiten Teil der Arbeit. Dort befasse ich mich mit dem Internet und der Kommunikation im Internet. Um eine Grundlage zu schaffen, erkläre ich zunächst die Geschichte des Internets und im Anschluss daran dessen Funktionen. Speziell was die Kommunikation betrifft, war es für mich wichtig herauszuarbeiten, ob wir die Kommunikation durch Massenmedien auch als eine Kommunikationsform betrachten können. Deswegen verwende ich das Kommunikationsmodell von Schulz von Thun und betrachte es anhand der computervermittelten Kommunikation. Im Anschluss daran erkläre ich die Kommunikationsarten des Internets. Hierbei war es mir sehr wichtig zu zeigen, welche Arten der Kommunikation das Internet bietet. Ebenso möchte ich aufzeigen, dass die Kommunikation durch das Internet, je nach dem, wie man es einsetzt, auch seine Vorteile bietet und prinzipiell nicht mehr wegzudenken ist. Nach diesem Abschnitt werde ich mich mit den Möglichkeiten Emotionen im Internet darzustellen auseinander setzen. Jeder würde sagen, dass das Internet ein emotionsloser Raum ist. Deshalb habe ich mir die beiden Möglichkeiten des Internets, Emotionen auszudrücken (Emoticons und Akronyme), ausgewählt und handele diese kurz ab. Ein weiterer Kritikpunkt am Internet besteht immer wieder darin, im Internet könne doch jeder machen, was er wolle. Deswegen habe ich mich mit der Chatiquette befasst. Ich wollte überprüfen, ob es im Internet eine Wertehaltung gibt und wie sie möglicherweise sanktioniert wird. Der dritte Teil meiner Diplomarbeit führt dann die ersten beiden Teile zusammen. Da meine Arbeit die These überprüft, ob und inwiefern das Internet als Sozialisationsinstanz betrachtet werden kann, war es außerdem wichtig, die Identitäten von Internetnutzern und die möglichen Veränderungen zu betrachten. Dies ist ein wesentlicher Punkt, weil sich hier schon zeigen wird, ob und inwiefern das Internet einen Einfluss auf die Menschen ausübt. Das Kapitel zur Sozialisationsinstanz enthält meine Meinung diesbezüglich, die ich durch die Abhandlung gewonnen habe. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich darauf hinweisen, dass diese Meinung keine empirischen oder soziologischen Grundlagen hat. Zwar ist das Internet als schon häufig als Sozialisationsfaktor, meines Wissens aber noch nicht als Sozialisationsinstanz betrachtet und analysiert worden.
Sozialisationsinstanz Internet - 3
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit Ich wollte mich aber nicht mit dieser Thematik befassen, sondern auch einige Probleme aufzeigen, die durch das Internet entstehen oder entstehen können. Zunächst beschäftige ich mich mit der Internetsucht. Lange Zeit haben sich Wissenschaftler und Psychologen darüber gestritten, ob Internetsucht wirklich existiert. Deswegen setze ich mich kurz mir den Merkmalen der Internetsucht auseinander und beschreibe anschließend die Stadien der Internetsucht. Ferner führe ich kurz die Therapiemöglichkeiten der Internetsucht sowie eine Studie der Humboldt Universität Berlin an. Danach widme ich mich nur kurz dem Thema Kinderpornographie. In diesem Zusammenhang möchte ich nicht auf die Gefahr eingehen, dass Kinder und Jugendliche zu Konsumenten von Kinderpornographie werden, sondern vielmehr auf die Gefahr, dass die durch das Internet verbreitet wird. Danach beschäftige ich mich mit dem Thema Prävention. Die Fragestellung lautet dabei: Wie schützt man Kinder und Jugendliche vor eben diesen und anderen potenziellen Gefahren? Um eine wirksame Prävention vor pornographischem oder radikalistischem Material zu erreichen, bedarf es gewisser Filtersoftware. Welche Möglichkeiten die Softwarehersteller diesbezüglich anbieten, soll in der Diplomarbeit ebenfalls behandelt werden. Meiner Meinung nach besteht die wichtigste Präventionsmöglichkeit darin, Kindern und Jugendlichen eine ‚gesunde‘ und funktionierende‘ Medienkompetenz mit auf den Weg zu geben. Medienkompetenz wird oftmals durch die Medienpädagogik vermittelt. Deswegen gehe ich zunächst auf die Medienpädagogik und ihre verschiedenen Richtungen ein. Im Anschluss daran erkläre ich Ziele und Aufgaben einer funktionierenden Medienpädagogik. Im darauf folgenden Teil gehe ich genauer auf die Medienkompetenz und ihre vier Dimensionen nach Dieter Baacke ein. Ausgangspunkt ist dabei die Überlegung, dass, für die Vermittlung von Medienkompetenz nicht mehr nur die Schulen verantwortlich sind. Vielmehr sollte sie eine Aufgabe der sozialen Arbeit und somit der Jugend- bzw. offenen Jugendarbeit sein. Daher befasse ich mich kurz mit der Jugendarbeit und gebe einen kurzen Abriss über ihre Geschichte. Da ich nicht nur Theorien beschreiben und erklären möchte, habe ich mich dafür entschieden, ein konkretes Projekt zu beschreiben. Dieses Projekt beschäftigt sich speziell mit dem Thema Internet und der Vermittlung von Medienkompetenz für Kinder und Jugendliche. Es handelt sich um ein Projekt aus der offenen Jugendarbeit. Mich hat interessiert, welche Projekte es gibt und welche Methoden in der offenen Jugendarbeit angewendet werden. Besonders interessant ist aber die Frage, ob und inwieweit die Kinder und Jugendlichen solche Projekte annehmen. Deswegen gehe ich in meiner Diplomarbeit noch kurz auf die
Sozialisationsinstanz Internet - 4
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit Onlineberatung und deren Vor- und Nachteile ein. Im Anschluss daran wird kurz die Anforderung an die soziale Arbeit bezüglich der Medienkompetenz des Sozialarbeiters/Sozialpädagogen diskutiert, bevor ich dann zum endgültigen Fazit der Diplomarbeit komme. Leider konnte ich nicht alle Themen mit der gleichen Intensität behandeln. Trotzdem hoffe ich, dass es mir gelungen ist, die Kernaspekte der jeweiligen Themen bzw. Problemfelder herauszuarbeiten.
Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass um den Lesefluss zu erleichtern, bei bestimmten Personen- oder Berufsgruppen durchgehend das maskuline grammatikalische Genus verwendet wurde (also: ‚Sozialpädagoge‘, ,Sozialarbeiter‘, ,Heranwachsender‘ oder ,Jugendlicher‘); die weiblichen Vertreter des jeweiligen Personenkreises sind dabei aber selbstverständlich immer mit eingeschlossen.
Sozialisationsinstanz Internet - 5
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit
I. Sozialisation
Der folgende Abschnitt des Diploms beschäftigt sich mit der Sozialisation von Menschen. Es wird auf die Sozialisationstheorien, die Sozialisationsphasen und auch die Sozialisationsinstanzen näher eingegangen. Im Anschluss daran wird die Sozialisation durch Massenmedien beschrieben.
2. Definition Sozialisation
„Unter Sozialisation verstehen wir die Vorgänge, die dazu führen, daß die Menschen sich mehr oder weniger dem Wert- und Normsystem der Gesellschaft, in der sie leben,
anpassen bzw. ihm angepaßt werden.“ 1
Der Begriff Sozialisation befasst sich also mit der Frage, wie und warum aus einem Neugeborenen ein autonomes, gesellschaftliches Subjekt wird. Oder anders formuliert: Wie wird man ein Mitglied der Gesellschaft?
Émile Durkheim war der erste, der den Begriff Sozialisation verwendete. Nach seiner klassischen Bestimmung bringt der Mensch von Geburt an zunächst eine Physis mit. In Bezug auf alle späteren Eigenschaften sind nur unbestimmte Anlagen vorhanden. Der Säugling, dessen Persönlichkeit sich erst in der sozialen Umwelt entwickeln muss, muss auf das gesellschaftliche Leben erst vorbreitet und vergesellschaftet, also sozialisiert werden. 2 Dies ist ein zentraler Aspekt des Konzepts der Sozialisation: Die Persönlichkeitsentwicklung eines Individuums ist immer sozial bedingt und geschieht in Abhängigkeit von der Umwelt. Die Umwelt ist stets gesellschaftlich-historisch 3 vermittelt. Durkheim verstand unter Sozialisation, dass erwachsene Personen Einfluss auf die Entwicklung von jüngeren Menschen nehmen, sie somit handlungsfähig für das Leben in der Gesellschaft machen.
Sozialisation beschreibt also den Prozess, in dem ein Individuum, das als ‚Barbar‘ geboren wird, in die jeweilige Gesellschaft mit den vorhandenen kulturellen und
1 Gottschalch: Sozialisation. Weinheim 1985, S. 7.
2 vgl. Zimmermann: Grundwissen Sozialisation, Weinheim 2003. S. 13.
3 vgl. Zimmermann: a.a.O., S. 13
Sozialisationsinstanz Internet - 6
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit gesellschaftlichen Werten hineingeführt wird. Der Mensch ist also nicht von Geburt an Mitglied der Gesellschaft, sondern muss erst zu einem solchen gemacht werden.
2.1 Sozialisation und Erziehung
Menschen sind nach ihrer Geburt nur mit Instinkten und bestimmten Verhaltenmustern ausgestattet, die genetisch festgelegt sind. Aber auch die Fähigkeit zu lernen, sich inneren und äußeren Einflüssen anzupassen und diese zu internalisieren, ist dem Menschen mit in die Wiege gelegt.
In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sowohl die Begriffe Sozialisation, Erziehung und Entwicklung als auch die Begriffe Aneignung und Anpassung klar zu definieren und voneinander abzugrenzen.
Erziehung, Entwicklung, Aneignung und Anpassung stellen Untersysteme der Sozialisation dar, die immer enger auszulegen sind als Sozialisation selbst. Sozialisation umfasst somit die Gesamtheit der Lebensumstände und nicht nur die absichtlichen Maßnahmen.
2.1.1 Erziehung
Mit Erziehung ist die wechselseitige Situation zwischen Kindern und Erwachsenen gemeint. Es wird auch immer von einem Kompetenzgefälle zwischen dem Erziehenden und dem zu Erziehenden ausgegangen. Die größere Erfahrung liegt immer beim Erwachsenen: Er weiß mehr und ist somit in einer stärkeren Position dem Kind gegenüber. Dennoch oder gerade aus diesem Grund muss der Erziehende sich nach dem Handeln und dem Verhalten des zu Erziehenden ausrichten. Es besteht also eine wechselseitige Beeinflussung. Erziehung ist somit, wie schon bei Émile Durkheim zu erfahren ist, als eine „methodische Sozialisation“ aufzufassen, die auf bestimmte Themen und Gegenstände, Handlungen und Methoden und vor allem auf ein Ziel, das die Erwachsenen bezüglich des Kindes verfolgen, ausgerichtet ist. Bei Erziehung sprechen wir also von einer bewussten und geplanten Einflussnahme auf das zu sozialisierende Individuum. 4
4 vgl. Zimmermann: a.a.O., S. 16.
Sozialisationsinstanz Internet - 7
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit
2.1.2 Entwicklung
Unter der Entwicklung eines Individuums ist eine Reihe von Veränderungen zu verstehen, in die gleichermaßen sowohl körperliche als auch geistige Reifung, aber auch das Lernen eingeschlossen sind. In der körperlichen Reifung ist der Mensch von sozialisierenden Methoden unabhängig. Körperliches Wachstum, also Größen- und Massenzunahmen des Körpers oder der einzelnen Körperteile sind
Entwicklungsbereiche, in denen Erfahrungs-, Übungs- und Lernmöglichkeiten deaktiviert oder zumindest deutlich reduziert sind. Werden Komponenten der Entwicklung des Individuums, die doch erfahrungsabhängig sind, mit aufgenommen, spricht man vom Lernen. Lernen ist unter dem Begriff der Entwicklung zu verstehen als Aneignung fundamentaler Eigenschaften des Menschen wie Motorik, Sprache und logisches Denken. 5
2.1.3 Aneignung vers. Anpassung
Wird von Sozialisation als Aneignungsprozess gesprochen, darf dies nicht mit einem Anpassungsprozess verwechselt werden. Kinder sind aktive und veränderungsfähige Subjekte. Sie sind kein Schwamm, der alles aufsaugt und festhält, was an Einflüssen aus der Umwelt auf sie einwirkt. Sie sind in der Lage zu filtern und sich mit ihrer materiellen und sozialen Umwelt aktiv auseinander zu setzen. Der aktive Charakter des zu Sozialisierenden bedeutet, dass man nicht nur sozialisiert wird, sondern auch aktiv zur Sozialisation der Sozialisationsinstanzen beiträgt; Sozialisation ist also immer ein wechselseitiges Geschehen.
2.1.4 Sozialisation
In der gegenwärtigen Sozialisationsdebatte herrscht der Konsens, dass Sozialisation als ein Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit zu sehen ist. 6 Die Persönlichkeit an sich ist als ein spezielles Gefüge von Merkmalen, Eigenschaften, Einstellungen und Kompetenzen zu gewissen Handlungen zu verstehen. 7 Dieses spezielle Gefüge kennzeichnet einen Menschen und macht ihn einzigartig: zu einer Persönlichkeit. Die Persönlichkeit besteht sowohl aus von außen beobachtbare Verhaltensweisen, Werte, Wissen und Sprache als auch innere Prozesse und Zustände,
5 vgl. Zimmermann: a.a.O., S. 16.
6 vgl. Zimmermann: a.a.O., S. 16.
7 vgl. Zimmermann: a.a.O., S. 17.
Sozialisationsinstanz Internet - 8
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit
Gefühle und Motivationen. 8 Die einzigartigen Persönlichkeiten entwickeln sich im Rahmen der Sozialisation in Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt. Und eben diese Abhängigkeit beruht auf der Wechselseitigkeit zwischen der Sozialisationsinstanz und dem einzelnen „barbarischen“ Individuum. Es gibt drei Perspektiven 9 , unter denen Sozialisation betrachtet werden kann:
• Sozialisation ist subjektbezogen, d. h. Heranwachsende sind aktiv mitgestaltende Menschen, die ihre Sozialisation mitbestimmen und nicht, wie oben bereits gesagt wurde, alles, was an Umwelteinflüssen vorhanden ist, wie ein Schwamm aufsaugen.
• Sozialisation ist institutionsbezogen, d. h. bei dieser Betrachtungsweise steht die Zwecksetzung und Funktion von gesellschaftlichen Institutionen wie zum Beispiel Betrieben, Schulen, Universitäten, Medien und Kirchen im Vordergrund. Es wird untersucht, auf welche Weise und mit welchen Effekten Sozialisation Wertehaltungen und Kulturtechniken dem zu Sozialisierenden nahe bringen.
• Sozialisation ist kulturbezogen. Unter Kultur wird hier das Bedeutungssystem einer Gesellschaft oder Gruppe verstanden. Die Frage ist nur, wie sich die heranwachsenden Individuen diese Kultur aneignen, sich in dem Vorhandenen selbst sehen und die Kultur auf sich reflektieren. Weiter ist zu hinterfragen, wie Kinder und Jugendliche die vorhandene Kultur prägen und verändern. Zusammenfassend ist zu sagen: Das Denken und Handeln erlernen Menschen in einem sozialen Lernprozess, der bei der Geburt beginnt und erst mit dem Tod endet. Somit findet er ein Leben lang statt.
„Sozialisation ist kein zeitlich und räumlich begrenzter, sondern ein lebenslanger
Vorgang.“ 10
8 vgl. Zimmermann: a.a.O., S. 17.
9 vgl. Zimmermann (2003): a.a.O. S. 17.
10 Korte; Schäfers: Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie. Opladen 2000, S. 48.
Sozialisationsinstanz Internet - 9
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit Es geht für das Individuum um das Erlernen von Rollen sowie von Werten und Normen der Gesellschaft. Diese Entwicklung ist entscheidend für jeden Menschen, denn nur so kann er zum einzigartigen Individuum werden. Der Mensch wird in die Gesellschaft eingeführt und somit sozialisiert.
Ohne Sozialisation ist ein Mensch nicht lebensfähig und ohne sie kann er Unterwerfung ebenso wenig wie Eigenständigkeit lernen. Die Sozialisation festigt also die Entwicklung des Menschen zu einer autonomen Persönlichkeit, doch bleibt kritisch zu fragen, wie autonom sie tatsächlich ist.
2.2 Sozialisationstheorie nach Freud
Abbildung 1: Es, Ich und Über-Ich nach S. Freud
Freud ist wohl als derjenige anzusehen, der die Grundlage für die Sozialisationsforschung geliefert hat. Er begründete die Psychoanalyse und arbeitete mit ihrer Hilfe elementare Begriffe und Konzepte heraus, wie z. B. das Unbewusste, die
Sozialisationsinstanz Internet - 10
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit Verdrängung, die Neurose, die Sexualentwicklung und die Bedeutung der frühen Kindheit für die Sozialisation. 11
Aus seiner Sicht findet die Entwicklung der Persönlichkeit immer in Beziehung zu einem anderen emotional wichtigen Menschen statt. Freud teilte die persönliche Entwicklung zwischen der Geburt und dem 21. Lebensjahr in fünf Phasen ein. In diesen fünf Phasen wird nach Sigmund Freud der psychische Apparat des Menschen entwickelt. Er besteht aus drei psychischen Instanzen, und das Zusammenspiel dieser Instanzen bewirkt, dass wir ‚funktionieren‘, und nur wenn jeder einzelne von uns ‚funktioniert‘ kann auch das Zusammenleben in der gesamten Gesellschaft ‚funktionieren‘. 12
Freud versuchte zu erforschen, warum wir Menschen überhaupt handeln. Wir handeln, weil uns die in uns von Geburt an angelegten Triebe dazu motivieren. Diese Triebe werden als die psychische Instanz, „Es“, beschrieben. Im „Es“ sind alle sexuellen und aggressiven Triebe versammelt, und es verlangt, von den Lustansprüchen getrieben, sofortige Befriedigung. Kleinkinder erkunden im ersten Lebensjahr, das als orale Phase bezeichnet wird, ihre Umwelt, in erster Linie mit dem Mund und den Lippen. Die Nervenenden dieser Organe sind in diesem Alter extrem empfindlich und verhelfen dem Kind dadurch zu einem Lustempfinden. Alles, was ein Kind zu greifen bekommt, wird in den Mund gesteckt und auf diese Weise erkundet. Freud bezeichnet dieses unbewusste und vor allem irrationale Verhalten als Lustprinzip. Es besitzt keinerlei Moral.
Ein solches Prinzip ist natürlich nicht ‚gesellschaftsfähig‘. Um ein Zusammenleben in der Gesellschaft mit anderen Menschen zu ermöglichen, muss eine Beziehung zu diesen Menschen organisiert werden, was nicht den Trieben überlassen werden darf. Die Organisationsfunktion übernimmt die psychische Instanz des ‚Ich‘. Das ‚Ich‘, dass auch Realitätsprinzip genannt wird, ermöglicht es dem einzelnen Individuum, Triebansprüche zu verschieben, Abwehrmechanismen zu mobilisieren oder Anpassungen zu regeln. Freud teilt das ‚Ich‘ in der kindlichen Entwicklung in zwei Phasen ein: in die anale Phase, zwischen zweitem und drittem Lebensjahr und die infantil-genitale Phase vom dritten bis zum sechsten Lebensjahr. In der ersten Phase
11 vgl.: Zimmermann (2003): a.a.O., S. 22.
12 vgl.: Zimmermann (2003): a.a.O., S. 22.ff.
Sozialisationsinstanz Internet - 11
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit lernen die Kinder, ihre Ausscheidungen auf Kommando und eine zudem noch reinliche Art zu verrichten. Das Kind macht erste Erfahrungen mit Grenzen, die von der Gesellschaft gesetzt und gefordert werden. In der zweiten ‚Ich-Phase‘ lernt das Kind Ekel-, Scham- und Moralgefühle kennen, welche durch von der sozialen Umwelt sanktionierte Wünsche hervorgerufen werden. Das Realitätsprinzip nimmt also eine Vermittlerrolle zwischen den Triebansprüchen einerseits und den Ansprüchen der Außenwelt andererseits ein. 13
Die Motive und die in dieser Vermittlung enthaltenen Wertmaßstäbe erreichen uns nun durch die dritte und letzte von Freud beschriebene Instanz, durch das ‚Über-Ich‘. Dieses ‚Über-Ich‘ bringt uns gesellschaftliche Normen und Werte, Gebote und Verbote nahe. Es ist also die Gewissensinstanz einer Person oder, anders ausgedrückt, es umfasst die moralische Funktion einer Persönlichkeit, es fungiert also als Moralitätsprinzip. Kinder entwickeln dieses ‚Über-Ich‘ in der Latenzphase zwischen dem fünften und dreizehnten Lebensjahr und in der genitalen Phase zwischen dem vierzehnten und einundzwanzigsten Lebensjahr. Nachdem die Sozialisation in den ersten sechs Lebensjahren erfolgreich verlaufen ist, ruht in der Schulzeit nun die Sexualität. 14 Diese Triebe werden in der Latenzphase aufgrund der inneren Widerstände verdräng und in Freundschaftsbeziehungen umgelenkt. Diese Phase wird auch gerne als das Bandenalter bezeichnet. Ungefähr ab dem vierzehnten Lebensjahr reifen die erogenen Zonen weiter heran, und es geht nun um das Beschauen, Betasten, Küssen, Eindringen und Sich-Hingeben. Die Sexualfunktionen reifen heran, und der Sexualtrieb steht nun im Dienst der eigentlichen Fortpflanzungsfunktion. Der Jugendliche beginnt die Aufnahme sexueller Beziehungen.
Jede Phase der kindlichen Entwicklung und somit der kindlichen Sozialisation ist von Geburt an stets mitbestimmten Probleme verbunden, die von dem einzelnen kindlichen und jugendlichen Individuum bewältigt werden müssen. Durch die Bewältigung dieser Phasen vollzieht sich nach Freud die Subjektentwicklung. Werden die Probleme oder Entwicklungskrisen in den einzelnen Phasen durchgestanden, so führt dies letztendlich zu einer Stärkung des Ich.
13 vgl.: Zimmermann (2003): a.a.O., S. 24 f.
14 vgl.: Zimmermann (2003): a.a.O., S. 24 f.
Sozialisationsinstanz Internet - 12
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit
2.3 Sozialisationsphasen
Abbildung 2: Phasen der Sozialisation
Im folgenden Abschnitt sollen die einzelnen Phasen der Sozialisation und ihre Funktionen beschrieben werden.
2.3.1 Primäre Sozialisation
Unter primärer Sozialisation versteht man das erste Erlernen von Werten und Normen. Die erlernten Normen, Werte und Verhaltensmuster werden vom Individuum als dauerhaft beständig angesehen und in der Familie oder in Beziehungen zu Gleichaltrigen vermittelt.
Mit der Geburt eines Individuums beginnt dessen Sozialisation. Vorerst findet Sozialisation nur in der Herkunftsfamilie statt. Die erste Beziehung eines Kindes ist die zu der eigenen Mutter, somit stellt gerade zu Beginn die Mutter die Umwelt dar. Es handelt sich also um ein überschaubares, soziales Gefüge, in dem das Individuum seine ersten Werte, Normen und Rollen internalisiert.
In der primären Sozialisation, die sich von der Geburt bis zum Alter von etwa drei Jahren erstreckt, werden dem Kind die Thesen und Theorien der kindlichen Bezugspersonen (auch als die signifikant Anderen bezeichnet), wie z. B. der Mutter, als einzig wahre, als einzig wirkliche Welt in seinem Geist festgeschrieben. Anfangs sind diese Personen unanzweifelbar, verhalten sich unausweichlich richtig und auch im weiteren Leben bleiben sie beherrschend. Das Weltbild eines Menschen wird nie wieder
Sozialisationsinstanz Internet - 13
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit so in Ordnung sein wie in dieser Phase der Sozialisation. Die Welt der signifikant Anderen wird für das Kind zur Welt schlechthin, da es keine Möglichkeit hat, sich seine Bezugspersonen auch nur ansatzweise auszusuchen. Der Sozialisationskandidat ist seinen Bezugspersonen bzw. den signifikant Anderen beinahe völlig ausgeliefert. Darum ist das, was an Welt in der primären Sozialisation internalisiert wird, so viel fester im Bewusstsein verschanzt, als Welten, die auf dem Wege sekundärer oder gar tertiärer Sozialisation internalisiert werden. Die Welt der Kindheit ist zweifelsfrei wirklich, sie ist das sichere Paradies, in das sich viele später zurückwünschen werden. Die Definition der Wahrheit wird aber im Laufe der ersten primären Sozialisation von den nun zunehmenden Bezugspersonen variiert. Das bedeutet, dass die gesellschaftliche Welt für das Individuum doppelt gefiltert wird, sowohl durch das Sieb der Subgesellschaft der sozialen Schicht, in der das Kind aufwächst, als auch durch die individuelle Sicht der einzelnen Bezugspersonen. Um dies möglich zu machen, wird an diese Anderen eine starke Gefühlsbindung geschaffen.
Durch die in der primären Sozialisation eingegangen Bindungen und Identifikationen wird das Individuum in die Lage versetzt, sich als sich selbst und mit sich selbst zu identifizieren, eine eigene subjektiv kohärente und plausible Identität zu gewinnen. Der Mensch wird also zu dem, was seine Bezugspersonen in der primären Sozialisation in ihn hineingelegt haben. Die Person, das ‚Selbst‘, entsteht aus dem, was von außen, und dem, was von innen in die Person hineingelegt wurde. Das Kind lernt zu sein, was man es also heißt. So erlangt es seinen Platz in der Welt, von dieser Basis aus lernt es, sich die Welt anzueignen, seine erste Rolle einzunehmen.
Es geht hierbei um eine Rolle, die dem Individuum ein Leben lang zugeschrieben sein wird. Gemeint ist damit die Rolle als Sohn oder Tochter. Diese Rolle wird, egal in welchem Alter sich ein Individuum befindet, immer bleiben. Ein Individuum wird immer Sohn oder Tochter der Eltern sein; dies ist die einzige Rolle, die nicht abgelegt werden kann. Spätere Rollen, die ein Individuum erlernt, werden meist nur für geringe Zeit Bestand haben. Oftmals wird die Rolle neu definiert, oder jemand anders nimmt diese Rolle ein. Ausnahmen sind hier die Rolle als Mutter oder Vater, Großmutter oder Großvater etc.
Sozialisationsinstanz Internet - 14
Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit
Nicht zu vergessen ist jedoch, dass die primäre Sozialisation mit Konsequenzen arbeitet, die festgesetzt sind. Die Sozialisationsprogramme sind somit zum Beispiel nach Geschlecht, Alter oder sozialer Herkunft recht unterschiedlich. Auch bestimmen die meisten dieser Programme wohl, was Mädchen oder was Jungen lernen müssen. Diese Thesen der Sozialisation durch die Familie werden Bestand haben fraglich ist nur, ob der auf diese Weise Sozialisierte mit ihnen oder gegen sie lebt, ob er das Erbe seiner Eltern, ihre Welt weiterführt oder ob er sich alternative Welten erschließt, sich selbst vielleicht welche bildet.
Die Einflussnahme der Gesellschaft ist also zu Beginn der Sozialisation eher gering. Erst mit zunehmendem Alter eines Individuums nimmt auch der Einfluss der jeweiligen Gesellschaft zu, und es kommt zu einem Interaktionsprozess zwischen Gesellschaft und Individuum, der für die fortwährende Sozialisation von großer Bedeutung ist. Die primäre Sozialisation findet ihr Ende also an dem Punkt, an dem das zu sozialisierende Individuum die Bezugsperson (den generalisierten Anderen) völlig internalisiert hat. Der Sozialisierte wird nun ein ‚nützliches Mitglied der Gesellschaft‘. Zu diesem Zeitpunkt beginnt die sekundäre Sozialisation.
2.3.2 Sekundäre Sozialisation
Die sekundäre Sozialisation bedeutet in erster Linie die Übernahme neuer Rollen und den Eintritt in neue Subsysteme. Sie bereitet das Individuum auf seine Rolle in der Gesellschaft vor und findet hauptsächlich in der Familie, dem Kindergarten oder der Schule oder der Altersgruppe (den ‚Peers‘) statt. Auf die Sozialisation in Familie, in der Schule und in den Peer-Groups soll im Anschluss an die Sozialisationsphasen noch näher eingegangen werden, deshalb gehe ich an dieser Stelle auf die Phase der sekundären Sozialisation nicht ausführlicher ein. Es sei hier nur so viel gesagt, dass die sekundäre Sozialisation etwa ab dem dritten Lebensjahr stattfindet, was dem Kindergarteneintrittsalter entspricht, und dauert etwa bis zum Ende der Schulzeit und dem damit verbundenen Eintritt in das Berufsleben und das Erwachsenenalter.
Arbeit zitieren:
Dipl. Sozialarbeiter / Dipl. Sozialpädagoge Michael Iburg, 2006, Sozialisationsinstanz Internet - Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Anforderungen an Führungskräfte zur Umsetzung von Führungsgrundsätzen
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Diplomarbeit, 65 Seiten
Die Arten, Phasen und Instanzen der Sozialisation
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Hausarbeit, 16 Seiten
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Michael Iburg's Text Sozialisationsinstanz Internet - Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Michael Iburg hat den Text Sozialisationsinstanz Internet - Probleme und Prävention am Beispiel der offenen Jugendarbeit veröffentlicht
ASP.NET 2.0 Website Programming: Problem - Design - Solution
Problem, Design, Solution
Marco Bellinaso
Problem Solving with Data Structures Using Java: International Version
A Multimedia Approach
Mark Guzdial, Barbara Ericson
Handbuch der polizeilichen Jugendarbeit
Prävention und kriminalpädagog...
Wilfried Dietsch, Werner Gloss
Der Schutz der öffentlichen Sicherheit in Next Generation Networks am ...
Zugleich eine Einordnung von I...
Stefan Arenz
Pionier-Vorteile am Beispiel der Internet-Ökonomie
Eine empirische Untersuchung v...
Stephanie Busch
Konzept und Qualität in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit
Ein Modellprojekt aus Thüringe...
Ines / Mannheim-Runkel, Monika / Michelfeit, Claudia / Schmidt-Hood, Gerlinde Morgenstern
Statistische Erklärungen. Deduktiv-nomologische Erklärungen in präzise...
Statistische Erklärungen. Dedu...
Matthias Varga von Kibed
0 Kommentare