Immer wieder wird die mangelnde Transparenz der Europäischen Union beklagt. Gerade das Europäische Parlament leidet unter fehlendem öffentlichen Verständnis seiner Funkti-onsweise. Besonders deutlich wurde dies im Fall des geplanten Abgeordnetenstatuts des Europäischen Parlaments, das erst im September 2005 verabschiedet werden konnte, nachdem die Anfang des Jahres 2004 einsetzende mediale Berichterstattung über die neuen Gehaltsregelungen eine deutsche Ablehnung des Statuts im Ministerrat bedingt hatte. Ge-meinsam mit Frankreich, Schweden und Österreich stimmte die Bundesrepublik gegen einen Statutsentwurf, der vorher im EU-Parlament beschlossen worden war. In der vorliegenden Arbeit soll eben diese Berichterstattung deutscher Medien nachgezeichnet werden, die zu einem Umschwenken Deutschlands in seiner Haltung zum Abgeordnetenstatut führte. Vorwiegend wird zu diesem Zweck auf Zeitungsberichte zurückgegriffen, da zu diesem Thema nahezu keine wissenschaftliche Literatur existiert. Einzig der Speyrer Hochschulprofessor Hans Herbert von Arnim veröffentlichte eine wissenschaftliche Untersuchung, die nach einer kurzen Schilderung des Geneseprozesses des Abgeordnetenstatuts als akademisch fundierte Kritik an dem damals geplanten Entwurf des Rechtstextes skizziert werden soll. Auf eben diese Kritik von Arnims stützte sich die Berichterstattung der Bild-Zeitung und des Magazins Der Spiegel. Der journalistische Umgang dieser beiden Medien mit dem Thema soll aufgearbeitet und dem medialen Umgang „seriöser“ Medien gegenübergestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Genese des Abgeordnetenstatuts
3. Von Arnim: Wissenschaftlich fundierte Ablehnung des Abgeordnetenstatuts
4. Die mediale Berichterstattung vor der Ablehnung des Statuts im Ministerrat
4.1. Die Kampagne der Bild-Zeitung
4.2. Die Berichterstattung des Spiegel
4.3. „Seriöse“ Berichterstattung über das Abgeordnetenstatut
5. Die mediale Berichterstattung nach der Ablehnung des Statuts im Ministerrat
5.1. Von Arnim: Kostenerstattung und mediale Meinung
5.2. Hans-Peter Martin und die Tagegelder: Die Stern-Berichterstattung
5.3. Fortsetzung der Bild-Kampagne: Tagegelder und ein offener Brief
6. Der endgültige Entwurf: Das Abgeordnetenstatut
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit rekonstruiert und analysiert die Berichterstattung deutscher Medien über das geplante Abgeordnetenstatut des Europäischen Parlaments zwischen 2004 und 2005. Dabei wird untersucht, inwieweit die mediale Darstellung als kritische Kontrolle oder als populistische Medienpolemik einzustufen ist.
- Analyse der Rolle boulevardesker Berichterstattung gegenüber "seriöser" Presse
- Untersuchung des medialen Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse
- Rezeption der wissenschaftlichen Kritik von Hans Herbert von Arnim
- Dokumentation der Debatte um Tagegelder und Zusatzkostenregelungen
- Einordnung der historischen Entwicklung des Abgeordnetenstatuts
Auszug aus dem Buch
4.2. Die Berichterstattung des Spiegel
Genau wie bei der Bild-Zeitung beginnt die intensive Berichterstattung des Spiegel ebenfalls am 12. Januar 2004. Spiegel-Journalist Hartmut Palmer spricht in seinem Artikel „Meister der Verschleierung“ von einem „hübsche[n] Weihnachtsgeschenk“, das die EU Parlamentarier kurz vor Weihnachten beschlossen hätten. Er kontrastiert die geplanten erhöhten Zulagen mit der herrschenden Situation in Deutschland: „Während überall Zuschüsse und Altersversorgungen gekürzt, Betriebsrenten gekündigt sowie Gesundheits- und Sozialkosten erhöht werden, versucht die politische Klasse in Brüssel und Straßburg, möglichst unbemerkt Kasse zu machen.“ Gestützt auf die Ausführungen Hans Herbert von Arnims bemängelt Palmer unter anderem die verschobenen Gehaltsrelationen zwischen den Abgeordneten der neuen Mitgliedsländer und der nationalen Bevölkerung und des weiteren die geplante Koppelung der Diäten an die Richtergehälter, die eine faktische Diätensteigerung bedeute. Palmer bezeichnet die Abgeordneten als „Diäten-Trickser“ und wirft diesen vor – wiederum gestützt auf die Argumentation von Arnims – mit falschen Zahlen operiert zu haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt die Problematik der mangelnden Transparenz des Europäischen Parlaments und die Relevanz der medialen Berichterstattung für den Geneseprozess des Abgeordnetenstatuts.
2. Die Genese des Abgeordnetenstatuts: Dieses Kapitel beschreibt die historische Ausgangslage und die unterschiedlichen nationalen Gehaltssysteme der Europaabgeordneten bis zum ersten Entwurf 1998.
3. Von Arnim: Wissenschaftlich fundierte Ablehnung des Abgeordnetenstatuts: Hier wird die akademische Kritik des Professors Hans Herbert von Arnim dargelegt, die als maßgebliche argumentative Grundlage für die mediale Debatte diente.
4. Die mediale Berichterstattung vor der Ablehnung des Statuts im Ministerrat: Das Kapitel analysiert die einsetzende Kampagne gegen das Statut durch Bild und Spiegel sowie die Reaktion der sogenannten "seriösen" Medien.
5. Die mediale Berichterstattung nach der Ablehnung des Statuts im Ministerrat: Im Zentrum stehen die fortlaufenden Enthüllungen über Tagegelder und Zusatzkostenerstattungen, insbesondere durch Stern TV und die Bild-Zeitung.
6. Der endgültige Entwurf: Das Abgeordnetenstatut: Das Kapitel erläutert die schließlich verabschiedeten Regelungen des Statuts von 2005, die ab 2009 in Kraft treten.
7. Fazit: Das Fazit bewertet die ambivalente Rolle der Medien, die einerseits Missstände aufdeckten, andererseits zur Imagebeschädigung des Parlaments durch eine Vereinfachung der Thematik beitrugen.
Schlüsselwörter
Europäisches Parlament, Abgeordnetenstatut, Medienberichterstattung, Diäten, Tagegelder, Transparenz, Hans Herbert von Arnim, Boulevardpresse, politische Kommunikation, EU-Recht, Kostenregelungen, mediale Meinungsmacht, Skandalberichterstattung, Abzocke, parlamentarische Arbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen medialer Berichterstattung in deutschen Medien und dem politischen Entscheidungsprozess bezüglich des Abgeordnetenstatuts des Europäischen Parlaments.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten zählen die Genese des Statuts, die Rolle der wissenschaftlichen Kritik von Hans Herbert von Arnim und die mediale Inszenierung von "Abzocke"-Vorwürfen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Die Arbeit will klären, ob die intensive mediale Berichterstattung als berechtigte Anprangerung politischer Missstände oder als populistische Medienpolemik zu bewerten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär angewandt?
Es handelt sich um eine medienanalytische Rekonstruktion, die auf dem Vergleich von Zeitungsberichten und TV-Reportagen sowie der Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Fachliteratur basiert.
Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?
Der Hauptteil analysiert die unterschiedlichen Phasen der Berichterstattung – vor und nach der Ablehnung des Statuts im Ministerrat – und beleuchtet sowohl die Boulevardmedien als auch die Qualitätsmedien.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Transparenz, Diäten, mediale Meinungsmacht, politische Legitimation und der journalistische Umgang mit europäischen Finanzregelungen.
Welche Rolle spielt Hans Herbert von Arnim in dieser Debatte?
Von Arnim lieferte durch seine wissenschaftliche Analyse die inhaltliche Munition für die Medienberichterstattung, wobei er selbst zum prominentesten Kritiker des Statutsentwurfs wurde.
Wie reagierten die Europaabgeordneten auf die Vorwürfe?
Einige Abgeordnete reagierten mit Rechtfertigungen, Gegendarstellungen und öffentlichen Briefen, teilweise kam es auch zu juristischen Auseinandersetzungen mit den berichtenden Medien.
Was änderte sich durch den öffentlichen Druck an den Regelungen?
Der mediale Druck trug maßgeblich dazu bei, dass die Diäten reduziert und die Regelungen zur Reisekostenerstattung hin zur Belegung "tatsächlich entstandener Kosten" verschärft wurden.
Ist das Fazit der Arbeit eher positiv oder kritisch?
Das Fazit ist ambivalent: Es würdigt den Beitrag der Medien zur Aufdeckung von Missständen, kritisiert jedoch die oft eindimensionale und polemische Darstellung, die das Ansehen des Parlaments schädigte.
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- Andree Czerwinski (Author), 2006, Abgeordnetenstatut und Kostenregelungen im Spiegel medialer Berichterstattung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118467