2
3.3.2 Merkmalsfindung. 196
3.3.3 Die Untersuchung 198
3.3.4 Das Feature, ein naher Verwandter. 209
3.4 Der Essay 217
3.4.1 Die Untersuchung 220
3.5 Die Glosse, der Farbtupfer. 227
3.5.1 Die Untersuchung 228
3.6 Die Kunst-Kritik 235
3.6.1 Die Untersuchung 237
3.7 Das Feuilleton, der vernachlässigte Ort des Literarischen 243
3.7.1 Begriffsklärung 245
3.7.2 Das Wiener Feuilleton um 1900, eine historische Bestandsaufnahme 247
3.7.3 Das deutschsprachige Feuilleton der Gegenwart. 274
3.7.4 Conclusio der Feuilletons-Debatte. 282
3.8 Gesamtbild der Tageszeitungen 283
3.8.1 „Die Presse“ 283
3.8.2 Die „Süddeutsche Zeitung“ 286
3.8.3 Rückbesinnung im Zeitalter des World Wide Web? 288
4. SCHLUSSTEIL 296
4.1 Beantwortung der Forschungsfragen 296
4.2 Offene Fragen, Thesen und Ausblick. 302
5. QUELLENVERZEICHNIS 308
6. Anhang 331
3
Vorwort
„Nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit.“ 1 Dieses Zitat von Egon Erwin Kisch, zu finden als einleitendes Prinzip des erstmals im Jahr 1925 erschienenen „Rasenden Reporter“, kann als Fundament einer komplexen Thematik angesehen werden, lässt sich doch aus ihm bei genauerer Betrachtung eine Fülle an kommunikationswissenschaftlich relevanten Fragestellungen ableiten. Die Wahrheit, die Wirklichkeit in all ihrer (journalistischen) Subjektivität, als objektiver Widerspruch in sich quasi, ist ein Reibebaum des Journalismus, einer Kulturleistung, deren Facetten vor Vielfalt und nicht gelösten Problemen nur so strotzen.
Die „Wirklichkeit“ soll daher auch zu Beginn dieser Arbeit als ein Ausgangspunkt gelten, als provokant gezeichnete erste Hürde auf einem langen Weg zum wissenschaftlichen Ziel dieses Versuches, einen kleinen Teil des Journalismus näher zu beleuchten, zu deuten, und der Kommunikationswissenschaft einenwenn vielleicht auch nur kleinen - Schritt vorwärts zu helfen. Ein Schritt, mit dem die Türe zum Komplex „literarischer Journalismus“ erreicht werden soll, um einen Beitrag zur Erklärung eines Phänomens zu leisten, das seit Jahrzehnten die Wissenschaft beschäftigt, wenngleich sich (vor allem) die Kommunikationswissenschaft in der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis Literatur und Journalismus bislang auffallend dezent im Hintergrund aufgehalten hat. Das Forschungsfeld wurde fast ausschließlich anderen Disziplinen überlassen, vor allem der Literaturwissenschaft. Dabei darf - eigentlich sollte sie dies längst getan haben - auch die Kommunikationswissenschaft mit Recht die Untersuchung „literarischer Qualität“ für sich reklamieren.
Nicht zuletzt sind es die zeitlosen und anerkannten Werke von Journalisten und Grenzgängern wie Kisch, die eine intensive Auseinandersetzung der Kommunikationswissenschaft mit literarischen Leistungen rechtfertigen. Egon Erwin Kisch, dem Klassiker unter den - zumindest deutschsprachigen -Reportern, wird auf den folgenden Seiten, wenn es darum geht,
1 Kisch, Egon Erwin: Der rasende Reporter - klassische Reportagen, (Hamburg/Gütersloh) 1961,
S. 6.
4
Entwicklungstendenzen nachzuzeichnen, daher auch großes Gewicht beigemessen, da er als Meilenstein der Reportage, und damit auch des literarischen Journalismus gelten muss, an dem kein Weg vorbei führt. Will man sich mit dem Verhältnis Journalismus und Literatur ernsthaft auseinander setzen, gilt es daher auch, sich mit der historischen Entwicklung der printmedialen Vermittlung auseinander zu setzen, wobei das Wirken von Autoren wie Kisch oder Max Winter in einem Zentrum stehen soll, dessen Wurzeln ebenso beleuchtet werden müssen wie die jüngsten Blüten des literarischen Journalismus.
Die empirische Untersuchung literarischer Qualität in Zeitungen erfordert daher auch eine Beachtung der großen Journalisten der Geschichte, wie etwa Heinrich Heine oder Gottfried Seume, Alfred Polgar, Joseph Roth oder Tom Wolfe, die hier Eckpfeiler und Wegweiser sind für die vertiefenden Überlegungen auf der Suche nach den literarischen Elementen in der Zeitung - ein Unterfangen, welches zudem eines intensiven Blickes über die Grenzen der Kommunikationswissenschaft hinaus bedarf.
5
1 Einleitung
Wenn Wolfgang R. Langenbucher davon spricht, dass der Journalismus eine eigenständige Kulturleistung ist, die es nicht nötig habe, zur Literatur geadelt zu werden, 2 dann ist dies Forderung und Eingeständnis zugleich: Die Forderung nach stärkerem Selbstbewusstsein der Kommunikationswissenschaft, wesentliche Themenstellungen nicht anderen zu überlassen, und das Eingeständnis, dass eben dieses freiwillige Überlassen von Komplexen in den letzten Jahrzehnten geschehen sein muss.
Langenbucher gesteht dem Journalismus als Kulturleistung eine Rolle zu, wie sie Literatur, Theater, Kunst oder Wissenschaft einnehmen 3 , ein Punkt, auf den später noch einzugehen sein wird, wenn die „verwandtschaftlichen“ Verhältnisse des Journalismus geklärt werden. Gedanken über die Verhältnisse, über den Standort des Journalismus in der Gesellschaft der Kulturleistungen schaffenden Disziplinen also, sind grundlegend für weitere Überlegungen, um aus eben diesem Komplex den literarischen Journalismus abzuleiten und ihn greifbar zu machen.
Als eigenständige Kulturleistung soll der Journalismus daher auch in dieser Arbeit betrachtet werden, und, im speziellen Fall des literarischen Journalismus, könnte man sich noch einen Schritt weiter wagen, um die Gedanken von Kisch und Tom Wolfe, dem Meister des sogenannten „New Journalism“, aufzugreifen, die beide dafür plädierten, Journalismus als eine Kunstform anzuerkennen. 4
Doch ist der literarische „Zeitungsweg“ nicht so einfach zu finden, denn schon allein aus den oben angeführten Formulierungen erwachsen Probleme, die Fragen hinterlassen, die im folgenden Kapitel aufgeworfen werden sollen, um daraus die relevanten Forschungsfragen für diese Arbeit zu filtern.
2 Vgl. Langenbucher, Wolfgang R.: „Poetik“ des Journalismus? Ein Plädoyer; in: Hermann,
Kai/Sprecher, Margit: Sich aus der Flut des Gewöhnlichen herausheben - die Kunst der großen
Reportage, (Wien) 2001, S. 10.
3 Vgl. Langenbucher Wolfgang R.: Journalismus als Kulturleistung - Aufklärung, Wahrheitssuche,
Realitätserkundung; in: Aviso 11/1994, S. 7.
4 Vgl. Wallisch, Gianluca: Journalistische Qualität: Definitionen - Modelle - Kritik, (Konstanz)
1995, S. 48.
6
Die Suche nach Antworten auf bestimmte Fragen nach dem literarischen Journalismus bedarf einer intensiven theoretischen Auseinandersetzung sowie einer empirischen Untersuchung, um bestehende Denkansätze kritisch zu beleuchten und um (eventuell) neue Denkansätze zu erstellen.
In den folgenden Ausführungen gilt es, die Fundamente für die Untersuchung zu legen, die Frage nach der wissenschaftlichen Notwendigkeit zu beantworten und die Kernfrage dieser Untersuchung zu formulieren, von der aus der rote Faden für die weitere Vorgehensweise gelegt werden soll.
1.1 Fragestellung
Der erste Teil grundlegender Überlegungen zu dieser wissenschaftlichen Arbeit betrifft das Finden und Formulieren der grundlegenden Forschungsfrage, von ihr hängt nicht nur das weitere Vorgehen ab, sondern es entscheidet sich mit der Fragestellung samt ihrer in Folge zu erstellenden Hypothesen auch die Strukturierung der Arbeit im Gesamten.
Das Unternehmen führt in diesem Fall wieder zum Problem der „Wirklichkeit“, die in den einleitenden Sätzen als erste provokante Hürde auf dem Weg zum wissenschaftlichen Ziel definiert wurde, zurück.
Das Erzählen von Wirklichkeit, wie Kisch es meinte, oder, wie es Hannes Haas und Gianluca Wallisch formulieren, „literarischer Journalismus ist kunstvolle Inszenierung des realen Lebens“ 5 , ist, grob gesprochen, der zentrale Untersuchungsgegenstand der folgenden Untersuchung, auch wenn diese recht einfach klingende - und doch treffende - Definition nur Ausgangspunkt sein kann, um weitere Aspekte und also Fragestellungen abzuleiten, und davon ausgehend, relevante Kategorien zu erstellen.
Der Darstellung von Wirklichkeit, die der Journalismus zum zentralen
Ermittlungs- und Vermittlungsobjekt erkoren hat, als literarisches Ereignis anhand
5 Haas, Hannes / Wallisch, Gianluca: Literarischer Journalismus oder journalistische Literatur?; in:
Publizistik 3/1991, S. 312.
7
von spezifischen Merkmalen zu erkennen und zu deklarieren, ohne jedoch die Gefahr einer falsch verstandenen Normierung außer Acht zu lassen, dem sei in dieser Arbeit oberste Priorität beigemessen.
Die grundlegende Frage dieser Untersuchung soll lauten:
In welcher Form ist literarischer Journalismus zu erkennen, in welcher Form tritt literarischer Journalismus in der Tageszeitung in Erscheinung, was sind die Merkmale des literarischen Journalismus, und, daraus resultierend, welche Rolle messen die Verantwortlichen von Qualitäts-Zeitungen dem literarischen Journalismus bei?
Von dieser Forschungsfrage ausgehend werden in weiterer Folge noch andere kleinere Komplexe heraus zu stellen sein, welche die Thematik vertiefen sollen, und die, nach der Klärung der theoretischen Grundlagen, der historischen Dimensionen und der begrifflichen Klarstellungen, abgeleitet und formuliert werden.
1.2 Kommunikationswissenschaftliche Relevanz
Die im vorherigen Kapitel formulierte Grundfragestellung dieser Arbeit fällt aus kommunikationswissenschaftlicher Betrachtungsweise zunächst in den Kompetenzbereich der journalistischen Qualitätsforschung. Zwar wird die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der journalistischen Qualität in den letzten Jahren zusehends intensiviert, doch resultiert die Relevanz des Themas trotzdem in erster Linie aus dem Fehlen von relevanten Publikationen zum literarischen Journalismus. Das liegt einerseits daran, dass der literarische Aspekt in der Qualitätsdiskussion nach wie vor nur die Rolle einer Randerscheinung einnimmt, vor allem aber hat die Kommunikationswissenschaft eine intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung (vor allem im empirischen Sinne) bislang vermieden.
8
Oder, wie es Langenbucher schärfer formuliert:
„Dass ein Journalismus, der - wie immer definierte - hohe Qualitätsansprüche einlöst, von der Literaturkritik, Literaturwissenschaft und Literaturgeschichte ganz einfach usurpiert wird, ist aus Sicht dieser Disziplinen ganz verständlich, sollte aber aus der Sicht unserer Disziplin endlich wieder problematisiert werden.“ 6
Die Relevanz der dieser Untersuchung zugrunde liegenden 7 Problematik wird allein dadurch verdeutlicht, dass das journalistische Selbstverständnis, dem Produzierten dauernde Geltung beizumessen, kaum vorhanden ist, dass manche Journalisten, um im Gedächtnis zu bleiben, ihr Metier zumindest partiell verlassen, um sich unter die „echten“ Literaten mischen. Michael Frank unterstreicht dieses Manko in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung über den Journalisten und Literaten Joseph Roth: „(...) Auch im Bilde, das sich die Gesellschaft von den Schreibenden macht, hat diese Sehnsucht ihre Entsprechung: Literatur, das ist es, was zählt; Journalismus, dieser Knecht der Aktualitäten und der Obsessionen der Zeit, hat in seiner dienenden Rolle nicht diesen Nachhall, auch wenn es ihm immer und immer wieder gelingt, sehr grundsätzlich und auf immer wahr zu sein.“ 8
Obwohl sich mancher deutschsprachige Kommunikationswissenschafter zumindest ansatzweise dem literarischen Journalismus genähert hat, zu erwähnen sind hier aus jüngerer Zeit vor allem Gianluca Wallisch und Hannes Haas 9 , fehlen dennoch tiefergehende Untersuchungen in diese Richtung, vor allem ist ein Mangel an empirisch verwertbaren Erkenntnissen zu konstatieren.
Eine bedeutende Publikation, die sich mit dem Nahe-Verhältnis zwischen Journalismus und Literatur und gleichzeitig auch mit einer Öffnung der
6 Langenbucher: Journalismus als Kulturleistung, S. 7.
7 Frank, Michael: Objektivität ist Schweinerei, SZ-Serie über große Journalisten - Joseph Roth; in:
„Süddeutsche Zeitung“, Ausgabe vom 22. April 2003.
8 Ebda.
9 Wallisch, Gianluca: Journalistische Qualität; Haas, Hannes: Empirischer Journalismus,
(Wien/Köln/Weimar) 1999.
9
Disziplinen beschäftigt, stammt von Bernd Blöbaum und Stefan Neuhaus und aus dem Jahr 2003. Diese Band hat nicht nur die historische Aufarbeitung der Gemeinsamkeiten von Journalismus und Literatur zum Gegenstand, wie schon mehrere, frühere Aufarbeitungen (wie z. B. die Habilitationsschrift von Haas 10 ), sondern auch und vor allem wird durch einige Fallstudien - herangezogen werden die Werke prominenter Autoren - versucht, den literarischen Aspekt für die Kommunikationswissenschaft zu öffnen und umgekehrt, vor allem die Methodik der Literaturwissenschaft näher zu bringen.
Im Vorwort der Studie begründen die Herausgeber die Notwendigkeit einer solchen Öffnung und bemängeln die nach wie vor latent vorhandene wissenschaftliche Ignoranz, die sich vor allem darin manifestiert, dass die geisteswissenschaftliche Tradition der Literaturwissenschaft und die sozialwissenschaftliche Orientierung der Kommunikationswissenschaft
Kooperationen an nahe liegenden Problemen eher verhindert als gefördert haben. 11
Die von Blöbaum und Neuhaus publizierten Fallstudien bieten eine Grundlage zur vorliegenden Problematik, die sich jedoch weniger am Werk einzelner Personen orientiert, als vielmehr die empirische Erfassung literarischer Elemente in der Tageszeitung im Vordergrund steht. Blöbaum bemängelt das Fehlen von Untersuchungen das Verhältnis Journalismus und Literatur betreffend, vor allem, weil sich die Beschäftigung mit dieser Thematik vornehmlich auf der Akteursebene abspielt. 12
Zudem rechtfertigt nicht zuletzt die Vielfalt an Journalismuspreisen, die auch literarische Ehren zuteil werden lässt, sowie die breiten Diskussionen über die Qualitätskriterien im Journalismus die kommunikationswissenschaftliche Auseinandersetzung mit der literarischen Einheit des Journalismus. Das literarische Moment kann daher als ein Aspekt in der kommunikationswissenschaftlichen Qualitätsdiskussion im Journalismus
10 Haas: Empirischer Journalismus.
11 Vgl. Blöbaum, Bernd/Neuhaus, Stefan (Hrsg.): Literatur und Journalismus - Theorien,
Kontexte, Fallstudien, (Wiesbaden) 2003, S. 7.
12 Vgl. Blöbaum, Bernd: Literatur und Journalismus - zur Struktur und zum Verhältnis von zwei
Systemen; in: Blöbaum / Neuhaus: Literatur und Journalismus, S. 26.
10
angesehen werden, ein Aspekt, der jedoch meist nur am Rande Erwähnung findet. Möglicherweise auch, weil die empirische Erfassung literarischer Qualität ein Unterfangen ist, das einen Blick über die Grenzen der sozialwissenschaftlichen Disziplin Kommunikationswissenschaft bedarf.
1.3 Vorgehensweise
Bevor die eigentliche Untersuchung zur Kernfrage beginnen kann, noch bevor also der literarische Journalismus in Qualitäts-Tageszeitungen einer inhaltsanalytischen Untersuchung unterzogen werden kann, gilt es, einen komplexen, grundlegenden Diskurs zu führen, der auf einer scheinbar banalen Frage beruht:
Was ist literarischer Journalismus?
Diese Frage, aus der eingangs gestellten Forschungsfrage abgeleitet, leitet die Erläuterung der theoretischen Grundlagen ein, und ist daher von existentieller Bedeutung für diese Untersuchung, da der literarische Journalismus oft als gegeben angenommen wird, da er oft bemüht und zitiert, doch nur bedingt so erfasst wird, dass er auch begrifflich gefasst werden kann. Eine erste Klärung muss daher den Begriff „literarischer Journalismus“ betreffen, wie er in unterschiedlichen wissenschaftlichen Kontexten gesehen wird - und dabei muss eine Grenzüberschreitung vorgenommen werden, da mit den Erkenntnissen der Kommunikationswissenschaft allein dieser Problematik nur teilweise beizukommen ist. Die Wurzeln des Problems sind dabei zunächst in der Komplexität zu suchen, welche der Diskussion über die Qualitätsmerkmale im Journalismus eigen ist.
An dieser Stelle sei in diesem Zusammenhang auf diese grundlegende Problematik verwiesen, die Hans Wagner in einem Aufsatz verdeutlicht, in dem er der Kommunikationswissenschaft den Spiegel vorhält, um Defizite in bezug auf die Qualitätsdiskussion aufzuzeigen.
11
„Qualitätskriterien können nicht markiert oder normiert werden, wenn man nicht weiß, für wen und wofür, für welche Produkte mit welchem Gebrauchswert sie eigentlich gelten sollen.“ 13
Wagner zielt damit auf vernachlässigte Gebiete der Kommunikationswissenschaft gleichermaßen, wie er die Problematik betreffend die Messung von journalistischer Qualität aufwirft, und zitiert Stephan Ruß-Mohl, der mit seinem Heimwerkerlatein, so meint Wagner, am Ende angelangt sei: „Qualität im Journalismus definieren zu wollen, gleicht dem Versuch, einen Pudding an die Wand zu nageln.“ 14
Dieser Vergleich, der einen verzweifelnden und resignierenden Beigeschmack nicht verbergen kann, wird, so drastisch er auch formuliert sein mag, auch in dieser Untersuchung zu bedenken sein, vor allem dann, wenn es daran geht, Kategorien zu finden, die den literarischen Journalismus erkennbar machen sollen, um der zentralen Frage auf den fragilen und schwer zu fassenden Leib zu rücken. Ansichten wie jene von Ruß-Mohl fungieren quasi als ein mahnender Zeigefinger, welcher stets an die Gefahren einer strikten Kategorisierung und Grenzziehung erinnert.
In weiterer Folge soll, als oberstes Ziel dieser Untersuchung versucht werden, Merkmale des literarischen Journalismus zu finden, davor jedoch müssen jene Tendenzen aufgezeigt werden, wie sie die Wissenschaft bis dato erkannt und benannt hat, also, welche Denkansätze bislang zum Thema literarischer Journalismus entwickelt wurden.
Diese Denkansätze sollen im Zuge dieser Untersuchung zusätzlich vertieft werden, wobei es nicht nur um Grenzüberschreitung in die Literaturwissenschaft und eine Öffnung für andere Disziplinen, sondern auch um die Analyse der Grenzziehung innerhalb der journalistischen Strukturen geht, also darum, wie sich eine journalistische Darstellungsform, der literarischer Charakter bescheinigt wird, fassen und erkennen lässt - als Frage formuliert:
13 Wagner, Hans: Das Unwandelbare im Journalismus; in: Duchkowitsch, Wolfgang/Hausjell Fritz
(Hrsg.): Journalismus als Kultur - Analysen und Essays, (Opladen/Wiesbaden) 1998, S. 97.
14 Ebda., S. 96.
12
Wo liegen die Grenzen des literarischen Journalismus, und welche Darstellungsformen kommen dafür in Frage?
Zudem wird, nach Klärung dieser Fragen, und dem roten Faden der Untersuchung folgend, auf die zentrale Frage eingegangen werden, basierend auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft und ausgehend von Thesen, die nach der theoretischen Reflexion noch zu erstellen sein werden.
Vorab jedoch gilt es, einen weiteren wesentlichen Aspekt der zugrunde liegenden Problematik anzureißen - er betrifft das Verhältnis von Literatur und Journalismus. Dieses Beziehungsgeflecht gilt es erstens im wissenschaftlichen Diskussionsrahmen zu klären, und zweitens um einen Aspekt zu erweitern bzw. zu vertiefen, um Erkenntnisse einer empirischen Herangehensweise auf Basis gemeinsamer Faktoren.
Die grundsätzlichen Regeln, argumentieren Karola Ahlke und Jutta Hinkel, gelten für beide, Literatur und Journalismus, die Werkzeuge sind die gleichen, und selbst die abweichenden Mittel sind nicht einfach festzumachen und zuzuordnen. „Wie Schriftsteller sich als Stilmittel journalistischer Schreibtechniken bedienen können, ist dies eingeschränkt auch umgekehrt der Fall. So wird dem Feuilleton eine Nähe zur Literatur zugesprochen, weil dort neben der Informationsfunktion die unterhaltende und ästhetische Funktion an Bedeutung zunimmt. Ansätze dazu finden sich auch im nachrichtlichen Ressort, allerdings nur bei meinungsbetonten Formen wie Reportagen, Glossen, Features und Kommentaren.“ 15 Dieser Annahme wird hier nicht widersprochen, sie beinhaltet wesentliche Aspekte der grundliegenden Problematik dieser Arbeit und basiert auf der grundlegenden Haltung der Literaturwissenschaft, die wenigstens manche Bereiche journalistischen Werkens in den Grenzregionen der Literatur beheimatet sieht.
15 Ahlke, Karola/Hinkel, Jutta: Sprache und Stil - ein Handbuch für Journalisten, 2. Aufl.
(Konstanz) 2000, S. 44.
13
Die theoretischen Fundamente, die es zu berücksichtigen gilt, werden daher, wie bereits angedeutet, über die Kommunikationswissenschaft hinausreichen müssen, schon allein wegen der thematischen Verwandtschaft zur Literaturwissenschaft. Daher werden in diese Arbeit Einflüsse der literaturwissenschaftlichen Grundlagenforschung und Methodik Eingang finden (eine detaillierte Auseinandersetzung über die theoretische Annäherung wird im Kapitel 2.2 erläutert).
Das kommunikationswissenschaftliche Forschungsinstrumentarium wird die Inhaltsanalyse sein, mit ihrer Hilfe soll, nach einer qualitativen Kategorienbildung (auf Basis stilistisch-rhetorischer Elemente), die Untersuchung des literarischen Journalismus beginnen.
Untersucht werden dabei eine österreichische und deutschsprachige Qualitätszeitung, und diese Einschränkung, also die Aussparung von Wochenmagazinen und anderen Periodika als Untersuchungseinheiten, beinhaltet einen weiteren Hintergedanken, den Michael Geisler 1982 zur Debatte gestellt hat, indem er meinte, dass die literarische Reportage von der Zeitungsreportage zu trennen sei. 16
Diese Annahme gilt es aufzugreifen und zu falsifizieren, sie wird eine jener Anhaltspunkte sein, von denen der Weg zum Literarischen im Tagesjournalismus gefunden werden kann.
Doch nicht nur die Reportage und ihre verwandten Darstellungsformen werden einer Analyse unterzogen, ebenso im Zentrum des Erkenntnis-Interesses steht die Entwicklung, sowie eine historische und aktuelle Bestandsaufnahme des Feuilletons, das selbst von der Literaturwissenschaft als Ort der Kunst akzeptiert wird. 17
Und, vom Feuilleton weitergehend, wird die Tageszeitung als Ganzes betrachtet werden, soll eine Analyse aller Teile auf literarische Elemente hin darüber
16 Vgl. Geisler, Michael: Die literarische Reportage in Deutschland - Möglichkeiten und Grenzen
eines operativen Genres, (Frankurt/Main) 1982, S.4 und S. 89.
17 Vgl. u.a. Haase, Fee-Alexandra: Das Feuilleton als Ort der Kunst - zur Rezeption der Rhetorik
in Geschichte, Theorie und Medienpraxis des Journalismus; www.fachpublikationen.de, Zugriff
vom 5. Dezember 2002.
14
Aufschluss geben, ob sich eine Beschränkung des Ästhetischen auf einzelne Faktoren überhaupt halten lässt.
Daher wird nicht nur dem Feuilleton, sondern auch einer möglichen Überschreitung von feuilletonistischen Grenzen auf andere Ebenen Gewicht beigemessen, es wird versucht zu überprüfen, inwieweit das Feuilleton auf die anderen Zeitungsteile wirkt, wenngleich diese Thematik nur eine untergeordnete Rolle einnimmt.
Ein wesentlicher Faktor bei der Erstellung der Ausgangsposition wird auch die Aufarbeitung der historischen Dimensionen sein, um die Entwicklung des literarischen Journalismus erkennbar machen zu können, und dadurch Möglichkeiten für die Einbettung der Erkenntnisse in einen bestehenden Kontext setzen zu können.
Die aktuelle Situation wird jedoch im Zentrum der Überlegungen stehen, und damit auch einer Forderung von Hans Heinz Fabris nachgekommen, der meint: „Qualität im Journalismus sollte in Zukunft aus einer
journalistikwissenschaftlichen Sicht vor allem jene Dimensionen betreffen, die eng mit den jeweiligen aktuellen Entwicklungen des Journalismus verbunden sind. Es handelt sich (...) um die Globalisierung von Medienwirtschaft und Medienkultur auf der einen, die Neu- und Wiederentdeckung der Nah-Welt(en) auf der anderen Seite.“ 18
Damit liefert Fabris einen wesentlichen Gedanken zu dieser Arbeit und leistet einen Beitrag zu jenem theoretischen Rahmen, der hier als ein Teilsaspekt zur Geltung kommen soll. Die aktuellen Entwicklungen, also die Entfaltung und Informations-Dominanz des Online-Journalismus einerseits, und eine mögliche Neuerschließung von „alten“ Formen, die einen Kontrapunkt im weltweitvernetzten Informationszeitalter setzen, andererseits, sind im Zuge einer Untersuchung des Literarischen im Tageszeitungs-Journalismus zu berücksichtigende Größen.
18 Fabris, Hans Heinz: Hoher Standard. Qualität und Qualitätssicherung im Journalismus; in:
Fabris, Hans Heinz/Best, Franz (Hrsg.): Qualität als Gewinn - Salzburger Beiträge zur
Qualitätsforschung im Journalismus, (Salzburg) 2001, S. 68.
15
Als Untersuchungszeitraum wird dabei eine Spanne von jeweils zwei Wochen angenommen, wobei für den Aspekt „literarischer Journalismus im Zeitalter des Internet“ ein zusätzlicher Untersuchungszeitraum (zu diesem Zweck wird ein 15 Jahre alter Zeitungsjahrgang der „Presse“ als Vergleichsprodukt dienen) herangezogen werden wird, um Vergleiche über die Berichterstattungsmuster mit der Zeit vor der globalen Präsenz des Internet anstellen zu können. Es soll mit diesem Vergleich ein Versuch unternommen werden, etwaige Auswirkungen, welche die Etablierung des neuen Mediums Internet auf die Berichterstattungsmuster der Tageszeitung nach sich zieht, erkennen zu können, bzw. welche Entwicklungen abzusehen sein werden. Vor allem interessiert hierbei die Frage, inwiefern die Verwendung von Darstellungsformen modifiziert wurde, im Gegensatz zum „Internet-freien“ Zeitalter.
An der Schnittstelle zwischen Online-Journalismus und dem Balance-Akt der Tageszeitungen, Aktualität zu garantieren, ohne dabei an (sprachlicher) Qualität zu verlieren, ist aber zudem jene von Fabris bereits aufgeworfene Frage nach der „Neuentdeckung“ von alten Formen von großer Bedeutung - ihre Beantwortung im Zuge dieser Untersuchung könnte ein Fingerzeig für die Zukunft der täglichen Berichterstattung im Printbereich sein.
Weitere Bestandteile der empirischen Untersuchung dieser Arbeit bestehen aus einem Blick zurück auf die Tageszeitung im Wiener Fin de siecle (die Feuilletonteile zweier Tageszeitungen werden zu diesem Zweck einer inhaltsanalytischen Untersuchung unterzogen), sowie einer Beleuchtung von preisgekrönten journalistischen Werken, die es ebenso ermöglichen soll, Merkmale für literarischen Journalismus zu finden.
Am Ende der Arbeit wird ein Zusammenhang aus den erkennbaren Tendenzen der einzelnen empirischen Teile hergestellt und in Kontext zur wissenschaftlichen Diskussion gebracht werden
16
2. Grundlagen
Dieser Teil der Arbeit beinhaltet das Fundament der darauf folgenden Untersuchung, es besteht aus einem Konglomerat von theoretischen Ansätzen verschiedener Richtungen, Begriffsdefinitionen, historischen Entwicklungen und schließlich dem Versuch, ausgehend von den wissenschaftlichen Erkenntnissen die relevanten Thesen zu formulieren. Dabei gilt es, aufgrund der bereits dargelegten aktuellen geistigen Besitzverhältnisse, das Thema nicht nur als rein kommunikationswissenschaftliches zu betrachten, sondern vielmehr werden auch Bereiche der Literaturwissenschaft in die Überlegungen das Verhältnis Literatur und Journalismus betreffend, mit einzubeziehen sein.
Jürgen Enkemann, der sich in einer umfangreichen Untersuchung mit der historischen Verflechtung von Journalismus und Literatur auseinander gesetzt hat, meint: „In einer Untersuchung historischer Beziehungen zwischen Journalismus-und Literaturentwicklung steht von vornherein die Frage nach der begrifflichen Eingrenzung beider Bereiche im Raum. (...) Der Versuch einer genaueren vorwegnehmenden Abgrenzung würde im Widerspruch zu der hier zugrundeliegenden Auffassung stehen, dass die gewählten Begriffe sich historischen Prozessen verdanken und nur durch sie explizierbar werden.“ 19 Dies ist ein wesentlicher Gedankengang, dessen Quintessenz in einer Art Symbiose mündet, da beide Zweige, Literatur und Journalismus, gesellschaftliche Einheiten sind, die einander bedingen und von einander profitieren, ja, die sogar Brüder sind, wie Langenbucher metaphorisch festhält. 20 Diese Verflechtung gilt es also zu berücksichtigen, doch weil die Kommunikationswissenschaft bisher den literarischen Journalismus
vernachlässigt hat, so wird ein Großteil an theoretischen Überlegungen, historischen und methodischen Grundgedanken in dieser Arbeit aus der Literaturwissenschaft entnommen werden müssen.
19 Enkemann, Jürgen: Journalismus und Literatur. Zum Verhältnis von Zeitungswesen, Literatur
und Entwicklung bürgerlicher Öffentlichkeit in England im 17. und 18. Jahrhundert, (Tübingen)
1983, S. 5.
20 Wolfgang R. Langenbucher u.a. in einer kommunikationswissenschaftlichen Vorlesung vom 18.
April 2002.
17
2.1 Zur Begriffsklärung
In diesem Kapitel werden grundlegende Begriffe, die für diese Arbeit große Relevanz besitzen, erörtert. Neben der Bestandsaufnahme zur wissenschaftlichen Reflexion über den literarischen Journalismus ist es auch notwendig, vorab die Begriffe „Literatur“, „Werk“ und „Kanon“ zu präzisieren, um sie in die weitere Diskussion mit einbringen zu können.
2.1.1 Literatur
„Literatur ist ein Medium sozialer Kommunikation. Die Produktion und Rezeption literarischer Texte ist ebenso ein Bestandteil des gesellschaftlichen Prozesses, wie der Text selbst als Zeichenstruktur immer auf soziale Realitäten Bezug nimmt. Die Beschreibung dieses Zusammenhangs zwischen Literatur und sozialer Welt sowie die Lokalisierung des Literaturbetriebs als eines Teilsystems moderner Gesellschaften ist das Hauptziel der Literatursoziologie.“ 21 Mit dieser Definition verweisen Andreas Dörner und Ludgera Vogt auf die Offenheit der Literaturwissenschaften, durch die auch die empirische Sozialforschung integriert wurde.
Im weitesten Sinne ist die angesprochene Lokalisierung des Literaturbetriebs auch Gegenstand dieser Arbeit, wobei dieses Teilsystem die Basis für den Schritt zur Untersuchung des literarischen Journalismus darstellt.
Im umfassenden Sinne bezeichnet Literatur jede Form von schriftlichen Aufzeichnungen, häufig wird der Begriff Literatur für geistesgeschichtlich bedeutsame oder stilistisch hochstehende fiktionale und nichtfiktionale Schriftwerke verwendet. Die ältere Schreibweise „Litteratur“ lässt auf einen lateinischen Ursprung schließen (littera heißt Buchstabe), sie bedeutete ursprünglich „Buchstabenlehre“, „Kunst des Lesens“ und „Kunst des Schreibens“, ab dem hellenistischen Zeitalter wurde die Literatur auch zur Deutung
21 Dörner, Andreas/Vogt, Ludgera: Literatur - Literaturbetrieb - Literatur als „System“, in:
Arnold, Heinz Ludwig/Detering, Heinrich (Hrsg.): Grundzüge der Literaturwissenschaft, 4. Aufl.
(München) 2001, S. 79.
18
dichterischer Schriften (Hauptintention war hierbei der richtige Sprachgebrauch und die Dichtererklärung) gebraucht. Das Wort Literatur tauchte im deutschen Sprachraum erstmals Ende des 16. Jahrhunderts auf, im Sinne von Schrift, Schriftkunst, Schriftgelehrsamkeit. In der Bedeutung „Wissenschaft“ und „Gelehrsamkeit“ wird Literatur bis ins 18. Jahrhundert verwendet, erst danach wird der Begriff eingeengt auf (bedeutende) Schriften. Seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts jedoch wird der Literaturbegriff wieder in einem umfassenderen Sinne diskutiert. 22
Fakt ist, dass kein Begriff von Literatur seine unumstößlichen Umrisse aufweist, dass der Begriff aber mehr oder weniger fest eingegrenzt wird, wobei es nicht das Ziel ist und sein kann, eine möglichst strenge Definition zu etablieren, vielmehr müssen Merkmale erstellt werden, die als Kennzeichen für Literatur gelten sollen. 23
Literatur bezeichnet trotz aller unterschiedlicher Abgrenzungsversuche eine zusammengehörende Menge von literarischen Erzeugnissen.
Baasner benennt drei Arten von Literaturbegriffen. Der pragmatische Literaturbegriff legt sich demnach nicht auf bestimmte Eigenschaften fest, sondern bezieht sich lediglich auf das Urteil einer kulturellen Gemeinschaft. Doch sei dieser Begriff alleine nicht ausreichend, um zu einer systematischen Bestimmung beitragen zu können, es bedürfe daher solider Kriterien, die auch längerfristig weitgehenden Konsens finden können. Dies führt zum nächsten Gedanken, wonach zur Literatur nur abgeschlossene, zusammenhängende sprachliche Äußerungen, die in schriftlicher Form vorliegen und damit reproduzierbar sind, seien. Bei dieser Bestimmung handelt es sich um den sogenannten deskriptiven Literaturbegriff, der als Grundlage für das Gespräch über Literatur gelten kann. In einem nächsten Schritt gilt es, präzise Merkmale zu benennen, die in jeweils genauer zu umreißenden Normenkatalogen gefasst werden: Diese Merkmale bilden die Grundlagen für jeden normativen Literaturbegriff. Zu den üblichen Normen zählt Baasner Fiktionalität und
22 Vgl. Schweikle, Günther und Irmgard (Hrsg.): Metzler Literatur Lexikon, Begriffe und
Definitionen, 2. überarb. Aufl., (Stuttgart) 1990, S. 273.
23 Vgl. Baasner, Rainer: Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft, (Berlin) 1996, S. 11.
19
ästhetische Formprinzipien 24 , wie sie auch in der vorliegenden Untersuchung von Interesse sind. Wogegen der Fiktionalität als Kriterium für literarischer Produkte eine Absage erteilt werden muss, da die These vertreten wird, dass Fiktionalität, schon allein wegen der Existenz des Begriffes „literarischer Journalimus“, vorweg als Kriterium abgelehnt werden muss. Damit wird Lutz Rühling Recht gegeben, der meint, dass das Postulat, wonach Fiktionalität Voraussetzung für literarische Texte sei, unplausibel erscheint. 25
Der Literaturwissenschafter Stefan Neuhaus ortet jedenfalls einen gravierenden Unterschied zwischen literarischen und nicht-literarischen Texten und liefert damit eine sinnvollere Unterscheidung als den Fiktionalitäts-Aspekt: „(...); nichtliterarische Texte bemühen sich um Eindeutigkeit, literarische Texte um Mehr-oder Vieldeutigkeit.“ 26
So betrachtet und also auf den Journalismus umgelegt, bedeutet das, dass nach dieser Definition sowohl nicht-literarische (wie etwa rein auf Information abzielende Formen), als auch literarische (wie etwa subjektiv gefärbte und offene Formen wie Glosse, Essay oder auch Feuilleton) vorhanden sind, und somit die Einbeziehung von Teilen der Kulturleistung Journalismus in die Literatur ermöglicht wird.
2.1.2 Werk und Kanon
„Solange die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft sich nicht auch - und wieder - als eine Kulturwissenschaft begreift und ihre Aufgaben der Kanonbildung und der Werkedition ignoriert, versäumt sie es, an der Bedingung der Möglichkeit von Journalismus mitzuwirken.“ 27 Dieser Vorwurf von Wolfgang R. Langenbucher ist ein grundlegender, der die Ignoranz gegenüber journalistischen Werken, auch innerhalb der
24 Vgl.ebda., S. 12.
25 Rühling, Lutz: Fiktionalität und Poetizität, in: Arnold/Detering: Grundzüge der
Literaturwissenschaft, 4. Auflage (München) 1996, S. 25.
26 Neuhaus: Von Texten, Menschen und Medien; in: Blöbaum/Neuhaus (Hrsg.): Literatur und
Journalismus, S. 16.
27 Langenbucher: Journalismus als Kulturleistung - Aufklärung, Wahrheitssuche,
Realitätserkundung; in: Aviso, S. 8.
20
Kommunikationswissenschaft, zum Ausdruck bringt. Mittlerweile wird versucht, diesen Mangel zu beheben (so etwa publiziert die Zeitschrift „message“ in regelmäßigen Abständen Möglichkeiten zur journalistischen Kanonbildung), doch kann von einer Lösung noch lange nicht gesprochen werden, ebenso wenig wie von einer „Geschichte des Journalismus“.
Ausgehend vom Text, der notwendiger Bestandteil ist dessen, was im vorigen Kapitel als Literatur definiert wurde, lässt sich davon ausgehen, dass jeder Text ein Medium mit kommunikativer Funktion ist. 28 Der vom Autor verfasste Text wird als festgelegtes Ganzes (Kommunikationsbasis) weitergegeben, der Leser (Rezipient) ordnet dem Text Bedeutung und Sinn zu. Ein Text, der in seiner kommunikativen Funktion betrachtet wird, kann als literarisches Werk bezeichnet werden. Das Werk erfüllt also die Bestimmung des Textes zur Schrift, indem es so beschaffen ist, dass es sich erst in wiederholten Lektüren eines Lesers wie in wiederholten Lektüren einer Folge von Lesern erschließt. 29 „Dabei wird über den Text als Kette sprachlicher Zeichen hinaus seine Herstellung durch den Autor und die komplexe Wahrnehmung durch das Publikum berücksichtigt. (...) Der eigentliche materiale Text tritt dabei zurück gegenüber der mitgeteilten Intention und der ausgelösten komplexen Bedeutungs-und Sinnkonstruktion.“ 30
Baasner hält fest, dass ein Werk ein organisches Ganzes sein kann, dessen innere Abgeschlossenheit sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass das Werkganze mehr ist als die Summe seiner Teile und dass es in seiner Totalität Einzigartigkeit und überzeitliche Beständigkeit beanspruchen könne. 31 Mit dieser Argumentation lässt sich ein Zusammenhang zu Adornos „Ästhetischer Theorie“ herstellen, in der u. a. auch eine Theorie des Kunstwerks erstellt wird. Adornos Argumentation betont dabei den Zeitkern als Prozesscharakter der Kunstwerke, dass Kunstwerke kein Sein, sondern ein Werden seien, dass ihre Kontinuität teleologisch von Einzelmomenten gefordert sei.
28 Vgl. Baasner, Rainer: Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft, S.20.
29 Vgl. Stierle, Karlheinz: Werk und Intertextualität; in: Kimmich, Dorothee/Renner, Rolf
Günter/Stiegler, Bernd (Hrsg.): Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart, (Stuttgart) 1996, S 350.
30 Baasner: Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft, S. 20.
31 Vgl. ebda., S. 21.
21
„Wird ihnen (den Kunstwerken, Anm.) Dauer zur Intention, derart, dass sie das vermeintlich Ephemere aus sich entfernen und sich durch reine, unanfällige Formen oder gar das ominöse Allgemeinmenschliche von sich aus verewigen, so verkürzen sie ihr Leben, betreiben Pseudomorphose an den Begriff, der, als konstanter Umfang wechselnder Erfüllungen, seiner Form nach eben jene zeitlose Statik ambitioniert, gegen die der Spannungscharakter des Kunstwerks sich wehrt. Die Kunstwerke, sterbliche menschliche Gebilde, vergehen offensichtlich umso rascher, je verbissener sie dem sich entgegenstemmen.“ 32
Insofern ist Adornos Argumentation ein Plädoyer für die Möglichkeit eines Tagesjournalismus von andauernder künstlerischer Qualität, da journalistischen Texten, zumal in Zeitungen, schon aufgrund ihrer Funktion und ihrer Beschaffenheit das Entfernen des Ephemeren, in diesem Fall kann das Flüchtige als das Aktuelle bezeichnet werden, fremd ist. Wenngleich sich Adorno in diesem Zusammenhang nicht explizit sich auf schriftliche Werke konzentriert, seine Schriften im Gegenteil Journalismus sogar als oberflächliche Angelegenheit erscheinen lassen denn als Kunst 33 , so ermöglicht die Offenheit seines Prinzips trotzdem die Ausdehnung bis hin zu journalistischen Leistungen, deren Charakter auf Zeitlosigkeit abzielt.
Eben diesen künstlerischen Anspruch von Zeitlosigkeit, und damit auch den Werk-Charakter, lässt Langenbucher für den (großen) Journalismus gelten, und benennt in diesem Zusammenhang die gesammelten Werke von Alfred Polgar, Egon Erwin Kisch, oder Karl Kraus als Beispiele und rechtfertigt damit die These, wonach Teile des Journalismus in ihrer Konsistenz und Beständigkeit die Grenze zur Literatur überscheiten, und dabei trotzdem eine eigenständige Kulturleistung manifestieren.
Langenbucher wehrt sich zudem gegen die oberflächliche Gleichsetzung von Journalismus mit der einfachen Produktion von Medieninhalten und beantwortet
32 Adorno, Theodor W.: Ästhetische Theorie, (Frankfurt/Main) 1970, S. 264.
33 Vgl. Adorno: Kritische Theorie; in: Kimmich/Renner/Stiegler (Hrsg.): Texte zur Literaturtheorie
der Gegenwart, S.130 f.
22
die Frage, ob ein Werk-Begriff für den Journalismus anwendbar sei, mit einem eindeutigen „Ja“. 34 Mit diesem „Ja“ und mit den für diesen speziellen Fall
kommunikationswissenschaftlicher Betrachtungsweise adaptierten Ausführungen von Adorno über die Beschaffenheit von Kunstwerken, ist auch die Ausgangslage für diese Untersuchung gelegt, da es die Existenz der eigenen Kulturleistung des Journalismus unterstreicht und zudem eine Suche nach literarischen Aspekten auch in der Tageszeitung erlaubt und überhaupt erst auf eine realistische Basis stellt.
Diese Suche soll auch einen analytisch-empirischen Beitrag - ohne dabei explizit auf die Namen der Autoren zu achten - zum Unternehmen Kanon-Bildung im Journalismus leisten, ein Unternehmen, das von Egon Erwin Kisch mit der Anthologie über die „Meisterwerke der Zeitung“ begonnen wurde und von Langenbucher 1992 mit den „Sensationen des Alltags“ seine Fortsetzung fand. Dazwischen, konstatiert Langenbucher, sei Kischs (internationale) Sammlung 70 Jahre lang ein Unikat geblieben, und selbst die zuständigen Wissenschaften hätten sich nicht ausreichend mit dieser Anthologie samt ihrer theoretischen Überlegungen auseinander gesetzt. 35
Langenbuchers Sammlung betrifft den modernen Journalismus und meint damit den zeitgenössischen Journalismus von Egon Erwin Kisch, geographisch eingeschränkt auf Österreich. Damit werde ein weitreichender Anspruch postuliert und der Journalismus als Teil einer größeren kulturellen und intellektuellen Bewegung betrachtet, die von Wien aus ihren Ausgang nahm und deren Neuerungen auf vielen Gebieten wie etwa moderne Architektur, moderne Kunst oder moderne Philosophie auch als „Wiener Schule“ bezeichnet wird. Langenbuchers Intention war es, mit den „Sensationen des Alltags“ die Möglichkeit zu schaffen, auch die Facette des „modernen Journalismus“ in der
34 Vgl. Langenbucher: Journalismus als Kulturleistung, S. 8.
35 Vgl. Langenbucher, Wolfgang R.: Sensationen des Alltags: Meisterwerke des österreichischen
Journalismus, (Wien) 1992, S.10.
23
Wiener Schule zu identifizieren und damit einen weiteren Schritt zu tun, um den Nimbus einer „unerkannten Kulturmacht“ zu demontieren. 36
2.1.3 Literarischer Journalismus
Will man sich dem Begriff „literarischer Journalismus“ nähern, so ist es nützlich, zunächst wieder zu Haas und Wallisch, die den literarischen Journalismus als kunstvolle Inszenierung des realen Lebens bezeichnen 37 , zurückzukehren. Wenn die Literatur als „schöngeistiges Schrifttum“ angenommen wird, wie es die Herausgeber von Lexika tun, so ist die Erklärung von Haas und Wallisch den literarischen Journalismus betreffend sehr treffend, obwohl die Definition oberflächlich klingen mag.
Die Schwierigkeiten, literarischen Journalismus zu beschreiben, sind evident, wie Ryszard Kapuscinski in einer Rede anlässlich der ersten Verleihung des Lettre-Ulysses-Awards 38 eingesteht. „Was also ist eine literarische Reportage?“, fragt sich der Autor und kommt zum Schluss, dass die Antwort darauf nicht leicht fällt, „da wir in einer Zeit leben, die Cliffort Geertz als eine Ära ‚verschwimmender Genres’ bezeichnet, eine neue Spezies. Was der Anthropologe nur eilig mit den Worten ergänzen kann: ‚Neues ist qua definitionem schwer zu klassifizieren.’“ 39 Die Auseinandersetzung mit literarischem Journalismus ist zwar nicht so neu, wie Kapuscinski vermutet (siehe Geisler), doch in jedem Fall nur mangelhaft betrieben worden, insofern ist Kapuscinskis Argumentation ein weiterer Anreiz für intensivere wissenschaftliche Beschäftigung.
In Ermangelung an Alternativen im deutschsprachigen Raum ist es sinnvoll, sich auch der angloamerikanischen Sichtweise zu nähern. In den USA wird literarischem Journalismus, nicht zuletzt bedingt durch die Impulse, die durch den „New Journalism“ eines Truman Capote oder eines Tom Wolfe gesetzt wurden (der „neue Journalismus“ wird in einem eigenen Kapitel besprochen), doch auch
36 Vgl. Ebda., S. 11.
37 Vgl. Kapitel 1.1.
38 Der Preis für die weltbeste Reportage des Jahres 2003 wurde am 4. Oktober in Berlin verliehen.
39 Kapuscinski, Ryszard: Herodot - Reporter der Antike; in: Lettre International, Europas
Kulturzeitung, Nr. 63, Winter 2003, S. 106.
24
durch weiter zurück reichende Wurzeln, intensive wissenschaftliche Aufmerksamkeit zu Teil.
Ben Yagoda, Schriftsteller und Journalismus-Professor, hat sich eingehend mit der Thematik auseinandergesetzt und eine „Fünf-Worte-Antwort“ auf die Frage, was literarischer Journalismus sei, entwickelt: „Thoughtfully, artfully, and valuably innovative.“ 40
Für Yagoda ist vor allem das Wort „innovative“ von großer Bedeutung, und er vergleicht journalistische Leistung metaphorisch mit dem Spielen einer Blues-Gitarre oder mit der Beschäftigung mit Quanten-Physik. „High-level literary journalism is a tradition, with each practitioner standing on the shoulders of his or her predecessors.“ 41
Damit propagiert Yagoda eine stete Weiterentwicklung, ohne dass die historische Entwicklung außer Acht gelassen werden dürfe. Gleichzeitig jedoch ist es ein Eingeständnis, dass sich literarischer Journalismus, schon allein der historisch bedingten gesellschaftlichen und technologischen Wandlungen wegen, begrifflich nicht einfach fassen lässt, und damit fällt die Analyse ähnlich aus wie jene von Haas und Wallisch.
Yagoda unterstreicht die Komplexität der Erfassung von literarischem Journalismus, indem er konstatiert, dass der Faktor Stil in all seinen unterschiedlichen Facetten, ein nicht unwesentlicher Teil in der literarischen Kritik, zeigt, dass der Weg zum literarischen Journalismus viel mehr als nur zwei Richtungen aufweist. 42
Yagoda bezeichnet die Kunst des literarischen Journalismus in standesgemäßer Diktion mit der Metapher „making facts dance“, und ist mit seiner Einschätzung ebenso nahe an der kunstvollen Inszenierung des realen Lebens (vergleiche wieder Haas und Wallisch) wie Kevin Kerrane, der die beste Charakterisierung den literarischen Journalismus betreffend, Ezra Pound zugesteht, der literarische
40 Yagoda, Ben: Preface; in:Kerrane, Kevin/Yagoda, Ben: The Art of Fact - a historical anthology
of literary Journalism, (New York) 1997, S. 14.
41 Ebda..
42 Vgl. ebda., S. 16.
25
Qualität mit „news that stays news“ bezeichnet. 43 In seiner historischen Auseinandersetzung in den USA begreift John C. Hartsock den literarischen Journalismus in einer ersten Betrachtung als jene aus dem Leben gegriffenen Geschichten, die sich wie eine Novelle oder eine Kurzgeschichte lesen. 44
Durch diese Gedanken kann der Zusammenhang mit Langenbuchers Plädoyer für die andauernde Wirkung von journalistischen Leistungen hergestellt werden und diese Argumentation gleichsam mit dem literarischen Aspekt der „Neuigkeiten“, die über ihre ursprüngliche Intention hinausreichen, versehen werden.
Diese Ausführungen sollen als Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen dienen, dabei gilt es zunächst, daraus jene Problemzonen zu erkennen, die zu einem Streitpunkt führen, der, so könnte vereinfacht und bildlich gesagt werden, aus dem „Kunstvollen“ (vergleiche auch die ersten Ansätze im Kapitel über Werk und Kanon) als Reibebaum besteht.
Wo also beginnt die ästhetische „Erklärung der Welt“, der Wirklichkeit? Welche Darstellung verdient das Prädikat „literarisch“, und wer befindet darüber, ob ein Produkt kunstvoll gestaltet ist oder nicht? Diese Fragen wurde, wie schon angedeutet, bislang in erster Linie in der Literaturwissenschaft gestellt, doch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass auch die Journalismusforschung, vor allem dann, wenn es um zu prämierende journalistische Leistungen geht, ihre wertenden Gedanken mit einbringt. Diese sogenannten „Journalismus-Preise“ werden daher auch in dieser Untersuchung als wichtige Eckpfeiler zu beachten sein.
Die literarische Wertung als einem der Hauptprobleme der Literaturwissenschaft 45 (die Wertung sollte auch ein Problem für die Kommunikationswissenschaft bedeuten) wird in dieser Untersuchung zu beachten sein, doch darf es nicht dabei
43 Vgl. Kerrane, Kevin: Making facts dance, in: Kerrane/Yagoda: The Art of Fact, S.20.
44 Vgl. Hartsock, John C.: A History of American Literary Journalism - the Emerge of a Modern
Narrative Form, (Massachusetts) 2000, S. 22.
45 Vgl. Wallisch: Journalistische Qualität, S.88.
26
belassen werden, da im vorliegenden Problem eine Diskussion über die Wertung von literarischen Produkten nur ein kleiner Teil sein kann. Wertfrei quasi, so soll also vielmehr die Rolle verstanden werden, zwar kritisch beleuchtet und hinterfragt die Kriterienfindung, doch letztlich geht es um eine Standortbestimmung, um eine Erkennung von Merkmalen, und nicht um Wertung von Wertungen.
Es interessiert hier der literarische Journalismus in allen jenen Facetten, welche von der Wissenschaft als solche erkannt und benannt werden, und gleichzeitig soll versucht werden, Spezifika zu erkennen und zu dokumentieren.
Zunächst jedoch müssen die Verwandtschaftsverhältnisse geklärt werden, um die Konturen des literarischen Journalismus kenntlich zu machen. Dabei stehen zunächst drei zentrale Einheiten im Mittelpunkt des Interesses - Journalismus, Wissenschaft und Literatur.
Wenn Wolfgang R. Langenbucher Journalismus und Literatur als siamesische Zwillinge bezeichnet, und Hannes Haas, sich u. a. auf den Germanisten Konrad Burdach (1923) berufend 46 , Wissenschaft und Journalismus zwar nicht als Zwillinge, so doch als Brüder erkennt, so zeugt dies von der Komplexität einer Thematik, in der es auch um den Versuch einer Erkennung von Unterschieden geht, doch muss betont werden, dass rigorose Grenzziehung in dieser Arbeit nicht das Ziel sein kann und darf.
Es kann sich lediglich um Entgrenzungsversuche handeln, um die einzelnen Bestandteile eines Teiles dieser gesellschaftlichen Trias herauszustreichen.
Wer sich also mit literarischem Journalismus beschäftigen will, der muss auch den dritten Bruder - zumindest partiell - in vertiefende Gedanken mit einbeziehen, zumal Journalismus und Wissenschaft voneinander profitieren und einander in ihren Zielen, Vorgehensweisen und Methoden ähneln.
Haas unterstreicht dies mehrfach in seiner Habilitationsschrift, vergisst dabei aber nicht, auf die Wichtigkeit der literarischen Komponente hinzuweisen.
46 Vgl. Haas, Hannes: Empirischer Journalismus, S. 21.
27
„Der Nachweis genuiner kultureller und gesellschaftlicher journalistischer Leistungen braucht historische und transdisziplinäre Fundierung. Es gilt, die Komplexität des Beziehungs-und Beeinflussungskonzeptes der
Erkenntnissysteme Journalismus, Wissenschaft und Literatur zu verdeutlichen.“ 47
Dieser Umstand muss auch in dieser Arbeit zu berücksichtigt werden, wenngleich die rein historischen Verflechtungen nur als Ausgangspunkt hier zur Geltung kommen können, einerseits, weil detaillierte Abhandlungen bereits existieren 48 , andererseits, weil ebensolche Darstellungen den Rahmen der vorliegenden Thematik sprengen würden, da der historische Aspekt zwar ein essenzieller, doch eben nur ein kleiner Teil der Beschäftigung mit dem literarischen Journalismus, wie er in dieser Arbeit zur Diskussion steht, sein kann. Dennoch sind die Gemeinsamkeiten in der historischen Entwicklung von Wissenschaft, Journalismus und Literatur stete Wegbegleiter, darf der transdisziplinäre Charakter, wie er sich von Anfang an auf den Journalismus auswirkte nie außer Acht gelassen werden.
Zusammenfassend, so könnte formuliert werden, ist die Frage nach einer endgültigen Definition vorläufig geklärt, die Antwort kann zum aktuellen Forschungsstand nur lauten, dass es keine allgemein gültige gibt, wie man sie in Lehrbüchern findet und wie sie als geistiges Allgemeingut gelten könnte. Die teils verschwommene und unterschiedliche Wahrnehmung des literarischen Journalismus wird auch durch die Tatsache bestärkt, dass nicht einmal Standardwerke unter den deutschsprachigen Literatur-Lexika eine Definition für den literarischen Journalismus parat haben.
Ja, nicht einmal der Begriff „Journalismus“ selbst wird ins literaturwissenschaftliche Allgemeingut aufgenommen 49 , höchstens Teile davon
47 Ebda., S. 21f.
48 Wie etwa jene Arbeiten von Haas (Empirischer Journalismus) und von Michael Haller (Die
Reportage).
49 Vgl. Metzler Literatur Lexikon.
28
(und selbst jene werden vornehmlich im literarischen Grenzbereich angesiedelt), wie etwa das Feuilleton, die Reportage, die Glosse oder der Essay. Literarischer Journalismus muss also zu Beginn dieser Arbeit als das betrachtet werden, als was er in unterschiedlichen Kontexten bezeichnet wird: In diesem vorliegenden Kontext vor allem als die kunstvolle Inszenierung des realen Lebens, oder wie die us-amerikanischen Experten ausführen „making facts dance“ - diesen, wenn auch wenig präzise definierten, Basisgedanken sei auch hier zu Beginn der Untersuchung Gültigkeit beigemessen.
Die daraus resultierenden Fragen wurden bereits aufgeworfen, Gianluca Wallisch, der sich mit der Wertung von journalistischer Qualität intensiv auseinander gesetzt hat, verdeutlicht die Problematik, allgemeingültige Definitionen zu erstellen, die dann zur Erstellung von grundlegenden Normenkatalogen herangezogen werden könnten.
„Die journalistische Praxis zeigt, dass auch die Jury eines so angesehenen Journalisten-Preises wie des ‚Theodor-Wolff-Preises’ Probleme hat, ja, es als Unmöglichkeit ansieht, Qualitätsjournalismus normativ darzustellen:
Journalismus sei als primär geistiges Produkt einer freien Gesellschaft nicht reglementierbar.“ 50
Wie überhaupt die Kritik an Literatur stets umstritten war und ist, und daher die Kritik an der Kritik einer Spirale gleicht, die sich unaufhörlich dreht. Burckhardt Müller-Ulrich meint im Standard sogar, dass die immer beliebiger werdende Literaturkritik zu steilen Meinungsäußerungen im solipsistischen Medienbetrieb degeneriert sei. 51
Selbst wenn dieser Standpunkt überzogen sein sollte, so unterstreicht die Argumentation doch zumindest die Problematik, die der Diskussion über die Wertung von Ästhetik eigen ist.
50 Wallisch: Journalistische Qualität, S. 81.
51 Vgl. Müller-Ullrich, Burckhard: Neue Unbefangenheit der Geschichte gegenüber? Über den
Feuilletonstreit um Günter Grass und Bernhard Schlink, in: „Der Standard“, Ausgabe vom 4./5.
Mai 2002, Album, S. 7 und 8.
29
Dennoch muss es erlaubt sein, nach Kriterien und Merkmalen zu suchen, da, wie Langenbucher zurecht meint, „(...) es auch im Journalismus Sinn macht, zwischen gut und schlecht zu unterscheiden. (...) Auch Journalismus ist, ebenso wie Kunst, Literatur, Musik oder Theater, wert, öffentlich der Kritik ausgesetzt zu werden. Nur so kann sich ein Qualitätsbewusstsein entwickeln, das über Redaktionskonferenzen der einzelnen Medien hinausreicht (...).“ 52 Diese Vergegenwärtigung von Sinn ist insofern von Bedeutung, als dadurch die Sinnhaftigkeit dieser Untersuchung legitimiert wird, um durch deren Erkenntnisse einen kleinen Beitrag zur Journalismuskritik leisten zu können.
Umso mehr soll dies ein Ziel sein, als der Wertcharakter, sofern er einmal entdeckt ist, sofort, wie Langenbucher betont, zur Literatur erklärt und somit aus der Kommunikationswissenschaft herausdefiniert werde. 53 Gerade deshalb sei noch einmal darauf verwiesen, dass es nicht Ansinnen sein kann, allgemeingültig Normenkataloge für journalistische Qualität zu erstellen, wie es Saxer und Kull 1981 54 versuchten, und wie Wallisch folgerichtig derartige Versuche als wenig sinnvoll betrachtet, indem er meint: „Ein rigides Normenmodell hätte bloß einen fragwürdigen, weil präskriptiven Charakter. Dennoch sind im Journalismus Leitlinien allemal vorhanden und werden auch akzeptiert, und sei es bloß aus dem pragmatischen Grund, dass ein Artikel überhaupt publiziert werden kann. Der Journalist steht genau wie alle anderen Individuen in einem sozialen System. Durch soziales Lernen fügt auch er sich einem Kanon. Diese Leitlinien führen schließlich im Idealfall zu journalistischer Qualität.“ 55
52 Langenbucher, Wolfgang R.: Die Suche nach den Kriterien; in: Felsbach, Heinz/Fink, Humbert
(Hrsg.): Internationaler Publizistik-Preis Klagenfurt 1985 - Texte, Thesen, Reaktionen, (München)
1986, S. 90.
53 Vgl. Langenbucher, Wolfgang R.: Autonomer Journalismus. Unvorsichtige Annäherungen an
ein (Un-)Thema heutiger Publizistik- und Kommunikationswissenschaft; in: Mahle, Walter A.
(Hrsg.): Journalisten in Deutschland. Nationale und internationale Vergleiche und Perspektiven,
(München) 1993, S.129.
54 Vgl. Saxer, Ulrich/Kull, Heinz: Publizistische Qualität und journalistische Ausbildung, (Zürich)
1981.
55 Wallisch: Journalistische Qualität, S. 20.
30
Über die theoretischen Ansätze in der Wertungsdiskussion wird noch in einem späteren Abschnitt zu diskutieren sein, fest steht allerdings, dass es sich dabei nicht allein um eine rein literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung handeln kann, da durch eine ausschließlich philologische Methodik Faktoren wie Produktionsbedingungen, Publikumsinteresse, oder ökonomische Imperative nicht berücksichtigt würden. 56
2.2 Theoretische Annäherung
Dieser Teil der Arbeit beschäftigt sich mit unterschiedlichen Denkansätzen, sowohl mit jenen aus der Kommunikationswissenschaft, als auch mit jenen der Literaturwissenschaft und mit jenen Ansätzen, welche die Verschmelzung beider Richtungen zum Thema haben, wenngleich letztere nur bedingt vorhanden sind. Es gilt also, den theoretisch passenden Zugang zu finden, um, davon ausgehend, der empirischen Untersuchung eine Basis zu verleihen, und um in letzter Konsequenz die Fragen, die gestellt werden, beantworten zu können. Der grundlegende theoretische Komplex ist aus Sicht der
Kommunikationswissenschaft zunächst in der Kommunikatorforschung zu suchen, wie sie von Saxer und Kull folgendermaßen beschrieben wird: „Die Kommunikatorforschung untersucht die Strukturen und Prozesse der Entstehung massenmedialer Aussagen 1. als das Handeln von Personen in einem Arbeitszusammenhang, 2. als das Funktionieren und Interagieren von sozialen Systemen und 3. als Leistung von Personen und soziotechnischen Systemen.“ 57 Vor allem der dritte hier zitierte Aspekt besitzt für die Zeitungsanalyse Relevanz, doch muss berücksichtigt werden, dass eine Fokussierung auf die Kommunikatorforschung allein nicht ausreicht, vielmehr ist es notwendig, flexibler vorzugehen, da es, wie bereits ausgeführt, wenig Sinn macht, sich nur aus Sicht der Kommunikationswissenschaft der komplexen Thematik „literarischer Journalismus“ zu nähern, da Auseinandersetzungen mit literarischen Aspekten nur selten Gegenstand publizistikwissenschaftlicher Diskurse waren.
56 Vgl auch: Wallisch, Journalistische Qualität: S.83.
57 Saxer, Ulrich/Kull, Heinz: Publizistische Qualität und journalistische Ausbildung, (Zürich)
1981, S. 4.
31
Vor allem muss die Literaturwissenschaft zu Rate gezogen werden, um aus deren Theorien und Methoden Essentielles für die Untersuchung einer im vorliegenden Zusammenhang grundsätzlich kommunikationswissenschaftlich relevanten Frage zu gewinnen. Das Fundament stammt also, zumindest teilweise, aus einer Nachbardisziplin der Kommunikationswissenschaft, die sich mit einer auch dem Journalismus zurechenbaren Thematik auseinandersetzt.
Die literarische Wertung spielt in dieser Arbeit eine Rolle, doch im Vordergrund steht vornehmlich der Umgang der Tagespresse mit dem literarischen Aspekt. Es ist in diesem Zusammenhang von Nöten, eine Auffassung in den Vordergrund zu rücken, wie sie in herkömmlichen Journalismus-Lehrbüchern nicht vertreten wird bzw. nur am Rande thematisiert wird.
Langenbucher folgend, soll das rein organisatorische und strukturelle Element redaktionellen Entscheidens in dieser Untersuchung in den Hintergrund rücken, hingegen wird die Sensibilität für Qualität, wie man sie von einer Wissenschaft, die sich mit Kulturprodukten beschäftigt, erwartet werden darf 58 , im Zentrum stehen.
Das darf allerdings nicht bedeuten, dass alle anderen Gedanken auf der Suche nach dem literarischen Journalismus ausgeblendet werden. Im Gegenteil: Es ist stets zu beachten, dass (vor allem) das Arbeiten „für den Tag“ von Zwängen und Richtlinien dominiert wird, und daher dürfen diese Imperative auch in dieser Arbeit nicht ignoriert werden, zumal eine These explizit diese Problematik zum Inhalt haben wird. 59
Doch der Hinweis von Langenbucher untermauert einmal mehr die Forderung nach einem Richtungswechsel oder zumindest einer Erweiterung des Horizonts in der Journalismusforschung, die sich auch zunehmend mit ästhetischen Aspekten auseinandersetzen sollte, anstatt sich einzig auf strukturelle Aspekte und ökonomische Imperative zu stützen und zu stürzen, um daraus ihre Theorien für den Journalismus abzuleiten.
58 Vgl. Langenbucher: Autonomer Journalismus, S. 128.
59 Die Formulierung der Thesen erfolgt in Kapitel 2.3.
32
Die Relevanz einer wissenschaftlichen übergreifenden Betrachtungsweise betont auch Bernd Blöbaum, der nicht nur auf die Gemeinsamkeiten der Problemstellungen der Systeme Journalismus und Literatur hinweist (dabei benennt er u. a. Darstellungsformen wie Essay und Reportage sowie die Verwendung von Stilmitteln wie narrative Elemente, Vermischung von Fakten und Fiktionen sowie von Metaphern), sondern gleichzeitig auch die Vernachlässigung der Gemeinsamkeiten konstatiert und ein Umdenken fordert. 60 Blöbaum sieht diesen Mangel in strukturellen und methodologischen Problemen, meint, dass die durch geisteswissenschaftliche Tradition geprägte Germanistik und die durch sozialwissenschaftliche Ansätze dominierte
Kommunikationswissenschaft aufgrund mangelnder Flexibilität nur schwer zueinander finden. 61
Dieser Mangel an Flexibilität hat auch zur Folge, dass der journalistischen Qualitätsforschung eine wesentliche Kategorie nur bedingt zur Verfügung steht, auch wenn etwa Gianluca Wallisch sich mit literarischen Aspekten auseinandersetzt. In einer der wichtigsten deutschsprachigen Beiträge über journalistische Qualität versucht Wallisch, mit Hilfe der „Integralen Journalismusforschung“ die verschiedenen Aspekte der Quellen-, Produktions-und Organisationsforschung zu erfassen und zu berücksichtigen. Damit knüpft Wallisch an Saxer und Kull an, die eine integrale Kommunikator- bzw. Journalismusforschung im Umgang („Dieser weiterhin dominante
Persönlichkeitsaspekt im Journalismus sollte z. B. nicht irgendeinem soziologischen oder systemtheoretischen Reduktionismus völlig zum Opfer fallen“ 62 ) mit der Erörterung journalistischer Theorien und journalistischer Qualität postulieren.
Wallisch versucht, über einen interdisziplinären Weg journalistische Qualität zu fassen und zu erfassen, indem er sowohl philosophische als auch literaturwissenschaftliche Ansätze zur kommunikationswissenschaftlichen Basis gesellt.
60 Vgl. Blöbaum, Bernd: Literatur und Journalismus; in: Blöbaum/Neuhaus (Hrsg.): Literatur und
Journalismus, S.48.
61 Vgl. ebda.
62 Saxer/Kull: Publizistische Qualität und journalistische Ausbildung, S. 3.
33
Im vorliegenden Fall wird, an Wallisch und den Forderungen Langenbuchers und Blöbaums anknüpfend, versucht, die poetische Komponente des Journalismus herauszuarbeiten. Zwar gilt es auch in dieser Arbeit, die unterschiedlichen Einflüsse und Imperative zu berücksichtigen, sowie einen Überblick über die Qualitätsdiskussion zu bieten, doch wird aus dem Komplex „Qualitäts-Journalismus“ der Teilaspekt „literarisch“ herausgenommen und
dementsprechend separat einer intensiven analytischen Betrachtungsweise unterzogen.
Zuvor jedoch wird der theoretische Rahmen, sowohl in kommunikations- als auch in literaturwissenschaftlicher Sichtweise gelegt.
2.2.1 Kommunikationswissenschaftliche Grundlage
Journalistische Probleme wissenschaftlich zu formulieren, zu bearbeiten und zu lösen wird heute fast ausschließlich über sozialwissenschaftliche Theorien im weiteren Sinne vollzogen. 63 Manfred Rühl legt damit den theoretischen Rahmen fest, der dieser Arbeit dienen soll. Rühl erkennt darin aber auch jenes Problem, dass die durch die Sozialwissenschaftler gewonnene Erkenntnis, die gefilterten Ergebnisse, nie schlechthin wahr sein könnten. Stets behalten die Ergebnisse und also auch die Theorien nur vorläufigen Charakter. Diese Problematik hat auch Roland Burkart aufgezeigt, indem er im Zusammenhang mit der Kommunikationswissenschaft nicht von Theorien an sich, sondern von theoretischen Ansätzen spricht, da Allgemeinaussagen nicht möglich seien. 64 Über eine wenig eindeutige, allgemein gültige Schwerpunktsetzung hinaus wird in unregelmäßigen Abständen eine Diskussion um das Selbstverständnis der Kommunikationswissenschaft entfacht, „und man kann der Diagnose,
63 Vgl. Rühl, Manfred: Des Journalismus vergangene Zukunft; in: Löffelholz, Martin (Hrsg.):
Theorien des Journalismus, (Wiesbaden) 2000, S.67.
64 Vgl. Burkart, Roland: Kommunikationswissenschaft - Grundlagen und Problemfelder, 2. Aufl.
(Wien/Köln) 1995, S. 394.
34
Kommunikationswissenschaft hätte ‚das Syndrom der Nabelbespiegelung internalisiert’, eigentlich kaum widersprechen.“ 65
Drastischer formuliert Michael Haller die Problematik, die sich bei der Definition von Journalismustheorien offenbart. Haller fühlt sich beim Theorieproblem des Journalismus an die Nöte eines Waisenkindes bei seiner Suche nach den leiblichen Eltern erinnert. 66
Martin Löffelholz verweist zudem auf die Tatsache, dass sozialwissenschaftliche Theorien im allgemeinen nicht den besten Ruf genießen, da der Begriff „Theorie“ in den Sozialwissenschaften uneinheitlich gebraucht werde, und dokumentiert diesen Umstand mit der bestehenden Vielfalt an theoretischen Konstrukten, die von sozialphilosophischen Entwürfen und Zukunftsszenarien bis hin zu mathematischen Modellen reicht. 67
Die einzelnen theoretischen Ansätze können hier (auch aus Platzgründen) nicht diskutiert werden, sie würden auch vom Weg zur eigentlichen Thematik zu weit weg führen, doch einige Aspekte müssen in Hinblick auf das Fundament dieser Arbeit berücksichtigt werden: Für die Kommunikationswissenschaft hat sichauch wenn Löffelholz darauf beharrt, dass jede theoretische Bemühung Beachtung finden sollte - die Ansicht von Karl Popper im Großen und Ganzen durchgesetzt, dessen Falsifikationsprinzip darauf beruht, dass nicht die Addition wahrer Aussagen wissenschaftliche Erkenntnis kennzeichnet, sondern die wiederholte Widerlegung und ihre Substitution durch (vorläufig) zufriedenstellendere. 68 Noch stärker als das Falsifikationsprinzip jedoch hat sich Poppers Postulat vom Problem als Primat jeder wissenschaftlichen Untersuchung („die Erkenntnis beginnt nicht mit Wahrnehmungen oder Beobachtungen oder der Sammlung von Daten oder
65 Burkart, Roland/Hömberg, Walter: Einleitung; in: Burkart/Hömberg (Hrsg.):
Kommunikationstheorien, Studienbuch zur Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Band
8, 3. überarbeitete und erweiterte Auflage, (Wien) 2004, S. 1.
66 Vgl. Haller, Michael: Die zwei Kulturen; in: Löffelholz: Theorien des Journalismus, S. 105.
67 Vgl. Löffelholz, Martin: Theorien des Journalismus. Entwicklungen, Erkenntnisse, Erfindungen
- eine metatheoretische und historische Orientierung, in Löffelholz: Theorien des Journalismus, S.
18.
68 Vgl. ebda.
35
von Tatsachen, sondern sie beginnt mit Problemen.“) in der kommunikationswissenschaftlichen Auseinandersetzung durchgesetzt. 69
Methodisch orientiert sich die Journalismusforschung (wie überhaupt die Kommunikationswissenschaft) überwiegend an den erfahrungswissenschaftlichen Theorien. Die empirisch-analytische Wende wurde bereits vom
Sozialwissenschaftler Max Weber eingefordert und in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts schließlich zur Realität.
Wesentlich ist hier - wie bereits in der Einleitung angedeutet - der Begriff der Wirklichkeit (ein zentraler Begriff im Journalismus), der laut Popper durch Theorien nur approximativ beschrieben werden kann. Die Wissenschaft nähert sich der Wahrheit durch Theorien, die sich in Konkurrenz zueinander bewähren, indem sie Falsifikationsversuche überstehen. 70
Theorien als Hauptträger der wissenschaftlichen Erkenntnis können, argumentiert Löffelholz, die Wirklichkeit des Journalismus nicht abbilden, „sondern sich dieser Wirklichkeit allenfalls, im Popperschen Sinn, annähern, ohne aber zu ‚wahren’ Aussagen zu führen.“ 71
Gleichzeitig bestehen jedoch auch Ansichten, wie etwa von Feyerabend und Kuhn, wonach Theorien die Beobachtung prägen und damit den Journalismus selbst. Feyerabend wendet sich gegen jedweden methodischen Zwang, meint, dass keine Theorie jemals mit allen Tatsachen auf ihrem Gebiet übereinstimmen könne und stellt („quantitative Unstimmigkeiten und qualitative Fehlschläge“ 72 ) die sozialwissenschaftlichen Vorgehensweisen infrage. Das Fazit von Löffelholz jedenfalls ergibt eine Wechselwirkung, dass nämlich die Beobachtung des Journalismus die Theorienbildung beeinflusst, und dass umgekehrt die Theorie bestimmt, was beobachtet wird. 73
69 Popper, Karl R.: Die Logik der Sozialwissenschaften; in: Adorno, Theodor W.: Der
Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, 12. Aufl. (Darmstadt) 1987, S.104.
70 Vgl. Löffelholz: Theorien des Journalismus, S. 20.
71 Ebda., S. 20.
72 Feyerabend, Paul: Wider den Methodenzwang, (Frankfurt/Main) 1986, S. 71.
73 Vgl. Löffelholz: Theorien des Journalismus, S. 23.
36
Einigkeit herrscht in der Wissenschaft in dem Punkt, dass es sich bei den sozialwissenschaftlichen Theorienbildungen nur um theoretische Annäherung handeln kann. Konsens wird (innerhalb der Sozialwissenschaften) ebenso in der Wahl der Methoden erzielt. Die methodische Annäherung führt also auch in diesem Fall zur empirischen Sozialforschung.
Manfred Rühl unterscheidet mit der Mikroebene (interne Vorgänge und deren Management in produzierenden Organisationen), der Mesoebene (hier werden journalistische Leistungen und Gegenleistungen untersucht) und der Makroebene (hier erfolgt die gesamtgesellschaftliche Untersuchung des Journalismus) drei Segmente, deren sich die Journalismusforschung annimmt. 74 Die Untersuchung des literarischen Journalismus fällt nach dieser Einteilung also in die Mesoebene, es wird ein Faktor der journalistischen Leistung herausgeklammert und einer sozialwissenschaftlicher Analyse unterzogen, wobei es sich hier ausschließlich um den Faktor Leistung handelt, die sich im literarischen Journalismus äußert.
In bezug auf Journalismustheorien bringt Langenbucher einen interessanten Aspekt in die Diskussion ein, indem er auf die Anthologie von Egon Erwin Kisch verweist, die den Namen „Klassischer Journalismus - Meisterwerke der Zeitung“ trägt und aus dem Jahr 1923 stammt.
„In der Fülle seiner Etikettierungen, seiner Metaphern und seiner analytischen Bemerkungen sind diese Einleitungen - würde man sie in systematischer Absicht rekonstruieren - noch immer die brillanteste Theorie des Journalismus, über die wir heute verfügen. Weil die Kommunikationswissenschaft von dieser Theorie jedoch nur unzureichend Gebrauch macht, bleibt der Journalismus als Produkt in der deutschsprachigen Welt eine „unerkannte Kulturleistung.“ 75 Langenbucher selbst hat die Tradition Kischs aufgegriffen und mit dem Werk „Sensationen des Alltags - Meisterwerke des österreichischen Journalismus“ 76 gemeinsam mit Hannes Haas eine Art Fortsetzung der Kisch-Sammlung
74 Vgl. Rühl: Des Journalismus vergangene Zukunft, S. 68.
75 Vgl. ebda.
76 Langenbucher, Wolfgang R. (Hrsg.): Sensationen des Alltags.
37
präsentiert und damit einen wesentlichen Beitrag zur journalistischen Kanonbildung geleistet.
Zum Abschluss dieses Kapitels sei auf die unterschiedlichen
Berichterstattungsmuster verwiesen, um die thematische Problematik zu verdeutlichen und um eine erste Erkennung des Untersuchungsgegenstandes (im Sinne von Eingrenzung) zu erlauben. Zu diesem Zweck eignet sich vor allem ein Schema, das von Siegfried Weischenberg erstellt wurde, und das einen Überblick über Rollenbilder bis hin zu ethischen und darstellungsspezifischen Elementen der journalistischen Formenwelt bietet. 77
77 Das Schema, das auf der nächsten Seite zu finden ist, wurde entnommen aus: Weischenberg,
Siegfried: Investigativer Journalismus und „kapitalistischer Realismus“. Zu den
Strukturbedingungen eines anderen Paradigma der Berichterstattung; in: Rundfunk und Fernsehen,
Heft 3 -4, Jahrgang 1983, S. 359.
39
Im Schema von Weischenberg findet der literarische Journalismus zwar nicht explizit seinen eigenen Platz, doch kann er in (ausgenommen ist der reine Informationsjournalismus) in allen anderen angeführten Kategorien anzutreffen sein.
Auf die einzelnen Punkte einzugehen, würde weder dem Rahmen noch dem Sinn der vorliegenden Fragestellung entsprechen, zumal existieren bereits zahlreiche fundierte Publikationen zu den unterschiedlichen Berichterstattungsmustern, so
40
dass in dieser Arbeit die Fokussierung primär auf jene Sparten zu erfolgen hat, die in (auch weitestem Sinne) mit Ästhetik im Journalismus in Verbindung gebracht werden können. Weischenbergs Raster als Basis genommen, zählen jene Darstellungsformen als Untersuchungsobjekte, die unter die Kategorie „offen“ fallen, einen subjektiven Zugang zum Thema erlauben und deren Rollenwahrnehmung als „engagiert“ bezeichnet werden können.
2.2.2. Literaturwissenschaftliche Grundlage
Zwar ist die Kommunikationswissenschaft Hauptträger der Untersuchung (vor allem in der Bereitstellung der methodischen Zugänge), doch muss, angesichts mangelnder publizistikwissenschaftlicher Auseinandersetzung mit literarischen Komplexen, mit der Literaturwissenschaft jene Disziplin - zumindest theoretisch - bemüht werden, welche die Oberhoheit über die Beschäftigung mit literarischen Texten inne hat. Dabei handelt es sich bei „der Literaturwissenschaft“ um eine abenteuerliche Vereinfachung, wie Heinrich Detering konstatiert, und damit auf die Vielfalt an theoretischen Ansätzen und methodischen Verfahren verweist (womit eine weitere Gemeinsamkeit mit der Kommunikationswissenschaft zu erkennen ist). 78 Aufgrund dieser Vielfalt muss auf eine umfangreiche Darstellung theoretischer und methodischer literaturwissenschaftlicher Zugänge verzichtet werden, statt dessen werden die für diese Arbeit relevanten Aspekte gefiltert, wobei diese Eingrenzung in erster Linie zur Literaturkritik und der rhetorischen Figurenlehre führt, da ein zentraler Teil der Beschäftigung mit literarischem Journalismus aus der Auseinandersetzung mit der literarischen Wertung und der grundlegenden Bestimmung von Merkmalen literarischer Texte besteht.
Trotz dieser Fokussierung muss zudem ein kurzer theoriegeleiteter Exkurs unternommen werden, da, wie Peter Rusterholz fordert, jeder, der literaturwissenschaftlich tätig ist, sich mit den Beziehungen zwischen Theorie und Praxis - der Textanalyse und der Interpretation - zu beschäftigen hat. „Wer
78 Vgl. Detering, Heinrich: „Grundzüge einer Literaturwissenschaft“ - eine Gebrauchsanweisung;
in: Arnold/Detering: Grundzüge der Literaturwissenschaft, S. 9.
Arbeit zitieren:
Dr. Erich Vogl, 2004, Literarischer Journalismus und die Zeitung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Zweite Moderne oder Postmoderne?
Ein Architektur–Diskurs
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Fachbuch, 77 Seiten
Karl August Lingner - Leben und Werk eines sächsischen Großindustriell...
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Forschungsarbeit, 125 Seiten
Die literarische Gestaltung de...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Fachbuch, 114 Seiten
'Dreipfeil gegen Hakenkreuz' - Symbolkrieg in Deutschland 1932
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Wissenschaftlicher Aufsatz, 25 Seiten
Die Vertreibung der Sudetendeutschen 1945 aus ihrer Heimat. Hintergrün...
Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg
Wissenschaftlicher Aufsatz, 36 Seiten
'Flatland' and Einstein's Universe - On Our Relationship t...
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Wissenschaftlicher Aufsatz, 15 Seiten
Social capital as competitive ...
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Doktorarbeit / Dissertation, 245 Seiten
Begriff, Bedeutung und Handhabung des Grundrechtes auf Eigentum in den...
Jura - Öffentliches Recht / Staatsrecht / Grundrechte
Doktorarbeit / Dissertation, 322 Seiten
Fernsehhelden auf der Narrenschaukel - Materialien zum saarländischen ...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Fachbuch, 67 Seiten
Erich Vogl's Text Literarischer Journalismus und die Zeitung ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Erich Vogl hat den Text Literarischer Journalismus und die Zeitung veröffentlicht
Erich Vogl hat einen neuen Text hochgeladen
Presse, Radio, Fernsehen, Onli...
Heinz Pürer, Meinrad Rahofer, Claus Reitan
Fiktionen für das Volk: DDR-Zeitungen als PR-Instrument
Fallstudien zu den Zentralorga...
Anke Fiedler, Michael Meyen
Literarische Gegenbilder der Demokratie
Beiträge zum Franko-Romanisten...
Brigitte Sändig, Danielle Risterucci-Roudnicky, Timo Obergöker
Zeitung machen - Zeitung lesen
Journalismus und Didaktik im G...
Thomas Hauser, Hans-Werner Huneke, Andreas Lutz
Die Schein-Öffentlichkeit der Bild-Zeitung der 50er Jahre
Soziologische Analyse eines Ze...
Wilke Thomssen
0 Kommentare