Inhaltsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis i
Danksagung ii
I Einleitung 1
1. Zielsetzung und Fragestellung 1
2. Aufbau der Arbeit und allgemeine Anmerkungen 2
3. Forschungsstand und Quellenlage 3
3.1 Ethnologische Forschung zum Thema HIV AIDS 3
3.2 Ethnologische Alternsforschung und Gerontologie 4
3.3 Quellenlage und Literatur 6
4. Theorien zu Rollen und Status alter Menschen 6
4.1 Theorien zur Kontinuität von Rollen im Alter 7
4.2 Theorien zum Status alter Menschen 7
II Grundlagen der Feldforschung in Mwanga 8
1. Forschungssituation 8
2. Ort der Feldforschung: Mwanga 9
3. Auswahl der Informanten und Zusammensetzung des Samples 10
4. Methodik 11
III Ethnographische und regionale Rahmenbedingungen und soziale
Transformationsprozesse.......................................................................................................12
1. HIV AIDS 12
1.1 HIV Aids in Mwanga bzw Tansania Zahlen und Fakten 12
1.2 HIV-Infektionen im Alter und andere gesundheitliche Aspekte 13
1.3 Alte Menschen in der Entwicklungszusammenarbeit und AIDS-Politik 15
AIDS-Politik Tansanias 15
Alte Menschen in der AIDS-Politik und Entwicklungszusammenarbeit 16
2. Alt sein bei den Pare 18
2.1 Definition von Alter und mzee 18
2.2 Traditionelle Rollen alter Menschen und deren Wandel 19
Politische Rolle 19
Beraterfunktion und juristische Rolle 20
Wirtschaftliche Rolle 21
Familiäre Rollen 22
Religiöse Rolle 23
Pädagogische Rolle 23
Kontinuität oder Rückzug 25
2.3 Status alter Menschen bei den Pare 26
2.4 Staatliche Vorsorge und moderne Vorsorgesysteme 28
2.5 Traditionelle Systeme der Alterssicherung 29
Fürsorgeverpflichtung der Kinder die filial obligation 29
Patrilokalität 30
Polygynie und serielle Polygamie 31
Levirat Witwenerbe und Erbschaft 32
Clansystem 33
Die Rolle der Großfamilie 33
IV Einfluss von HIV Aids auf das Leben alter Menschen 35
1. Existenzsicherung 35
1.1 Zusätzliche finanzielle Belastungen 35
Pflege von AIDS-Patienten 35
Beerdigungen 37
Versorgung der Waisenkinder 37
1.2 AIDS und traditionelle Existenzsicherungssysteme 38
AIDS und Existenzsicherungsmechanismen der Kernfamilie 38
AIDS und die Rolle der Großfamilie 39
1.3 Innovationen Lösungsstrategien und die Rolle moderner Institutionen................................41
Einkommensgenerierende Aktivitäten 41
Beerdigungsvereine 41
Unconditional Cash Transfer und die staatliche Verantwortung 42
Internationale Entwicklungszusammenarbeit und NROs 44
Christliche Institutionen 45
Muslimische Institutionen 46
2. Rollenwandel 47
2.1 Wandel elternspezifischer Rollen 47
2.2 Wandel der Großelternrolle 48
Aus Spaß wird Ernst Wandel der Autorität 48
Die pädagogische Rolle: Großeltern als Aufklärer 50
Großeltern als Versorger 51
2.3 Wandel der außerfamiliären Rollen 52
Rollenwandel durch Isolation 52
Übertragung familiärer Rollen auf außerfamiliäre Kontakte 52
3. HIV AIDS Alter und Moralität 53
3.1 Fürsorge: Moralische Verpflichtung Egoismus oder Altruismus 54
AIDS und Fürsorgeverpflichtungen als Eltern 54
Verantwortungen bei Versorgung der Enkelkinder 55
Individualismus versus Familismus 56
Fazit: Grundlagen für Fürsorge 57
3.2 Moral Schuld und Bestrafung 59
Schuld ist das Fremde 59
Schuld in der eigenen Gesellschaft 59
Sanktionen und Lösungsvorschläge 61
3.3 Moral und Stigmatisierung 62
V Zusammenfassung 63
1. Existenzsicherung 63
2. Rollenwandel 64
3. Moralität 65
4. Fazit 66
VI Literaturverzeichnis 67
VII Anhang 72
Anhang A: Tansania Kilimanjaro Region und der Mwanga Distrikt 72
Anhang B: Informantenverzeichnis 74
Anhang C: Tabellen und Grafiken 75
i
Abkürzungsverzeichnis
AIDS Acquired Immunodeficiency Syndrome
ART Antiretrovirale Therapie
GPA Global Programme on AIDS
GTZ Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GmbH
HAI HelpAge International
HAT HelpAge Tanzania
HDI Human Development Index
HRAF Human Relation Area Files
EZ Entwicklungszusammenarbeit
HIV Human Immunodeficiency Virus
KIWAMWAKU Kikunde Cha Wanawake Mwanga Kupambana na UKIMWI
(Vereinigung der Frauen Mwangas im Kampf gegen AIDS)
MTP Medium Term Plan
NACP National AIDS Control Programme
NGO Non Governmental Organization
NRO Nichtregierungsorganisation
OAU Organization of African Unity
PLWAs People living with AIDS
Sw. Suaheli/Swahili
TACAIDS Tanzania Commission for HIV/AIDS
TSh Tanzanian Shilling
UNAIDS Joint United Nations Programme on HIV/AIDS
UN United Nations
UNDP United Nations Development Programme
UNESCO United Nations Educational, Scientific and Cultural Organisation
UNFPA United Nations Population Fund
UNICEF United Nations International Children's Emergency Fund
URT United Republic of Tanzania
USAID U.S. Agency for International Development
UWT Union of Tanzanian Women
WAA World Assembly on Aging
WHO World Health Organisation
ii
Danksagung
Ich danke Herrn Prof. Dr. Bollig für die Betreuung dieser Arbeit, die ich stets als konstruktiv, freundlich und motivierend empfand. Ebenso bin ich allen Menschen in Mwanga zu Dank verpflichtet, die mich bei meiner Feldforschung unterstützt haben (bzw. mir ein zweites Zuhause gegeben haben), allen voran meinen Informanten, aber auch meinem Übersetzer Nasibu, Wilson Kivuyo, Mama Halima, Anna von KIWAMWAKU, Mama Rahimu, Mama Leyla, Fatuma und Grace Msafiri.
Ganz besonders möchte ich mich bei Carmen Blenke bedanken, meiner Mitleidenden, Nebensitzerin, Motivationstrainerin, Korrekturleserin und amüsanten Gesprächspartnerin in den vielen Pausen in der Bibliothek. Des weiteren bin ich Olga Prede und Katrin Schneider für die sorgfältige und schnelle Korrektur von Herzen dankbar. Besonderer Dank gilt außerdem Dirk Donakowski für seelische und moralische Unterstützung, das Aushalten meiner Launen, Aufmunterungen, Korrekturlesen und die besten Latte Macchiato der Welt.
Rückblickend auf mein Studium danke ich außerdem meiner Mutter und meinen Großeltern für ihre Unterstützung. Besonders danke ich meinem Vater, dem ich diese Arbeit widmen möchte.
1
I Einleitung
Die Welt wird immer älter: Der Fakt der demografischen Alterung ist heute hinlänglich bekannt und wird vielfach diskutiert, Auswirkungen analysiert und nach Lösungen gesucht. Weniger bekannt ist, dass auch die sogenannten „Entwicklungsländer“ von diesem Prozess betroffen sind. Während man heute in Afrika davon ausgeht, dass 3,1% der Bevölkerung über 60 Jahre alt ist, prognostiziert United Nations (UN) bis zum Jahr 2050 einen Anstieg auf 11,4% (UN/ESA 2007:9). Für Ostafrika im Speziellen wird in der Zeit von 1980 bis 2050 ein Anstieg der Menschen über 75 Jahren um 434% erwartet (Apt 2001:1).
Aus diesem Grunde verwundert es nicht, dass alte Menschen in den Entwicklungsländern immer mehr in das Blickfeld von Politik und Forschung rücken, primär mit dem Fokus auf materielle Altersversorgung und Armut. Während der wachstumsorientierten Entwicklungspolitik der 1970er Jahre wurde noch angenommen, dass allgemeine wirtschaftliche Entwicklung automatisch auch alte Menschen erreiche. Außerdem ging man davon aus, dass traditionelle Versorgungssysteme in der Lage seien, das Problem der Altersversorgung aufzufangen und familiäre Lösungen zu finden (Jensen 1998:185). In Zeiten der demografischen Alterung aber auch von niedrigen Wachstumsraten und veränderten Familienstrukturen ist es allerdings heute fraglich, inwieweit Traditionen noch greifen und ob die Versorgung der Senioren noch gewährleistet ist.
AIDS – ein Thema, das im Gegensatz zur demografischen Alterung meist direkt mit Afrika verknüpft wird – wirkt in dieser Problematik wie ein Katalysator: Zum einen verstärkt diese Pandemie die gesellschaftliche Alterung, sie greift zum anderen Familienstrukturen zusätzlich an und löst allgemeinen gesellschaftlichen Wandel aus. Armut, AIDS, Alter – Themen die in Bezug auf Afrika nicht weiter getrennt betrachtet werden können.
Die vorliegende Arbeit beschreibt auf Basis einer Feldforschung die Situation und das Leben alter Menschen im Kontext von AIDS exemplarisch für den Mwanga Distrikt im Norden Tansanias. Dabei sollen allerdings nicht nur die materielle Versorgung und Altersarmut Beachtung finden, vielmehr wird einen Schritt weiter gegangen: Es wird aufgezeigt, dass AIDS das Leben, das Denken und das Verhalten alter Menschen auf den unterschiedlichsten Ebenen beeinflusst.
1. Zielsetzung und Fragestellung
Im Sinne einer explorativen Studie war die Feldforschung sehr breit und von der Fragestellung her flexibel angelegt. Im Nachhinein wurden die aussagekräftigsten Ergebnisse unter den drei Schlagworten 'Existenzsicherung', 'Rollenwandel' und 'Moralität' zusammengefasst. Diese drei Themengebiete beschreiben die drei Ebenen, auf der sich die Untersuchung bewegt:
a) Welchen Einfluss hat AIDS auf das Überleben/auf die Versorgung älterer Menschen? Auf dieser Ebene liegt der Fokus auf der materiellen Versorgung, also auf der Befriedigung der Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und Gesundheit. Hiervon abgeleitet ist ein Ziel,
2
die zusätzlichen Belastungen alter Menschen durch AIDS zu analysieren. Darauf aufbauend sollen die existierenden traditionellen Systeme der Alterssicherung untersucht werden, ob sie die zusätzlichen Belastungen tragen können oder ob andere (neue) Institutionen diese Aufgabe übernehmen können/müssen.
b) Welchen Einfluss hat AIDS auf das soziale Netzwerk alter Menschen? Wandeln sich Beziehungen und ihre Rolle im sozialen Umfeld? Hierfür wurde sowohl untersucht, welche Rollen durch AIDS an Bedeutung verlieren, als auch welche neue Rollen alte Menschen annehmen.
c) Welche Vorstellungen, Werte und Normen bestimmen das Verhalten und Denken alter Menschen im Kontext von AIDS? Dabei stehen zum einen die Fürsorgebeziehungen im Mittelpunkt und die Frage, welche Moralvorstellungen ihnen zu Grunde liegen und ob hier Wandel zu beobachten ist. Zum anderen soll die moralische Beurteilung von AIDS durch die Senioren beleuchtet sowie deren Lösungsstrategien aufgezeigt werden.
Das Thema „Alter und AIDS“ ist komplex und die einzelnen Aspekte sind kaum von einander zu trennen. Diese Arbeit hat keinen Anspruch auf erschöpfende Behandlung der jeweiligen Fragen, sie soll Tendenzen und grundlegende Zusammenhänge aufzeigen und Ansatzpunkte für weitere, tiefer gehende Forschung oder Untersuchungen liefern.
Wichtig ist, dass die Senioren in Mwanga nicht in ihrer Opferrolle beschrieben werden sollen, sondern als Akteure, die agieren, reagieren und zu Innovationen fähig sind. Im Sinne eines akteurszentrierten Ansatzes war der Ausgangspunkt dieser Arbeit das Alltagsleben und die persönliche Perspektive der Interviewpartner.
2. Aufbau der Arbeit und allgemeine Anmerkungen
Die vorliegende Arbeit besteht aus vier großen Themenblöcken. Der erste Teil führt in die Fragestellung ein und beleuchtet die bisherige Behandlung des Themas in der Literatur und Wissenschaft. Außerdem sollen hier theoretische Bezugspunkte erörtert werden. Im zweiten Kapitel wird der Ablauf und die Methodik der Datenerhebung skizziert sowie das strukturelle Umfeld der Feldforschung beschrieben. Der Ort der Feldforschung (Mwanga/Tansania) wird porträtiert und sowohl positive als auch negative Einflüsse auf die Datenerhebung dargelegt. Das dritte Kapitel basiert bereits zu weiten Teilen auf den erhobenen Daten und betrachtet die beiden Themenblöcke 'AIDS' und 'Alter' separat voneinander und legt damit den Grundstein für die weitere Analyse. Relevante Aspekte beider Bereiche werden beschrieben und kultureller und gesellschaftlicher Wandel wird verdeutlicht.
Das vierte Kapitel bildet den Hauptteil und führt die beiden Themenblöcke 'AIDS' und 'Alter' schließlich zusammen. Auf Basis der in Kapitel II dargestellten kulturellen Rahmenbedingungen wird der Einfluss von HIV/AIDS auf das Leben alter Menschen bewertet.
In der Literatur und im Alltag wird oft nicht zwischen den Begriffen HIV und AIDS getrennt. Auch in der vorliegenden Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit an einigen Stellen nicht differenziert. Wo eine klare Unterscheidung nötig schien, ist dies ausreichend verdeutlicht.
3
Ebenfalls aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei allgemeinen Personenbezeichnungen jeweils nur die männliche Form verwendet. Diese soll als Kurzform für beide Geschlechter verstanden werden.
3. Forschungsstand und Quellenlage
Die Verknüpfung von HIV/AIDS mit dem Thema Alter ist in der ethnologischen Forschung noch nicht sehr prominent. Beide Bereiche für sich stellen jedoch klassische und gängige Themenkreise der Ethnologie dar.
3.1 Ethnologische Forschung zum Thema HIV/AIDS
Unzählige Organisationen, Projekte, Wissenschaftler und Politiker beschäftigen sich mit den verschiedensten Aspekten und Auswirkungen der globalen AIDS-Epidemie. Nachfolgend wird dargelegt, welchen besonderen Beitrag die Ethnologie im HIV/AIDS-Bereich leistet und welche Stärken und Schwächen die ethnologische Forschung diesbezüglich aufweist.
AIDS ist sowohl aufgrund der Verbreitungswege als auch der Auswirkungen eng mit Kultur verknüpft. Ethnologen verstehen sich als 'Übersetzer' kultureller Aspekte sowie lokalen Wissens und durch die Betonung der emischen Sichtweise und durch den Fokus auf die Mikroebene ist die Ethnologie eine wichtige Ergänzung des allgemeinen Diskurses über HIV/AIDS (Heald 2004:Online 1 ). Die Methoden und Vorgehensweisen der Ethnologie eignen sich in besonderem Maße zur Erhebung bestimmter AIDS-spezifischer Daten, denn sie verfügen über ein ausreichendes Maß an Sensibilität und Flexibilität, um trotz der Tabuisierung des Themas eine Nähe zu den Menschen herstellen zu können. 2 Zweifelsohne bereiten Methoden wie die Teilnehmende Beobachtung bei einem derart sensiblen Thema auch viele Schwierigkeiten. Viele Aspekte von HIV/AIDS sind in einem äußerst intimen Kontext angesiedelt. Eine wirkliche „Teilnahme“ ist daher meist nicht möglich oder stellt den Forscher vor große persönliche Herausforderungen (siehe hierzu Erfahrungsbericht von Dilger 2005:85-91).
Genau genommen wäre es notwendig, zwischen Beiträgen der Ethnologie zur AIDS-Politik und zur AIDS-Grundlagenforschung zu differenzieren, da die jeweiligen Ansprüche und Zielsetzungen sehr verschieden sind. Im Falle von AIDS ist diese Unterscheidung aber oft nicht zu treffen, da AIDS von Anfang an eine „hoch politisierte Krankheit“ (Heald 2004:Online 1 ) war und daher viele Forschungen politisch motiviert sind.
Spätestens seit der Gründung des Joint United Nations Programme on HIV/AIDS (UNAIDS) im Jahr 1995 legt die Politik den Fokus auf lokal vorhandene Strukturen und Kulturen und setzt auf Partizipation und Mitbestimmung der lokalen Bevölkerung („bottom-up-Ansatz“, Heald 2003:210). Somit müssten ethnologische Forschungen im Grunde zunehmend Berücksichtigung finden. Dennoch, so bemängelt die Ethnologin Suzette Heald, haben 1 Heald: AIDS und Ethnologie in Afrika. URL: http://www.linksnet.de/textsicht.php?id=1288 (12.02.2008). 2 Im Speziellen trifft dies auf die Teilnehmende Beobachtung, bzw. die „dichte Teilnahme“ (Spittler 2001:19) zu. Sie bedeutet nach Spittler nicht nur rein physische Teilnahme, sondern auch soziale Nähe. Soziale Nähe beinhaltet allerdings Empathie, Einfühlungsvermögen und Mitgefühl (Hauser-Schäublin 2003:38) – Attribute welche in anderen Wissenschaften absichtlich ausgeklammert werden, die aber gerade im Umgang mit Themen wie Krankheit, Tod und Trauer relevant sein können.
4
Ethnologen „nur eine zu vernachlässigende Rolle bei der Formulierung von AIDS-Politiken gespielt und sind in dem Netzwerk der Interessengruppen und Herrschaftsagenturen unterrepräsentiert“ (Heald 2004:Online 1 ). In der vorliegenden Arbeit fehlt der Raum, um erschöpfend zu analysieren, ob ethnologische Forschung die notwendige Relevanz erfährt oder nicht. An dieser Stelle sei nur angemerkt, dass sich aus einer potenziellen engen Verknüpfung ethnologischer Forschung mit der Politik Vor- und Nachteile ergeben. Einerseits könnten sich neue Finanzierungsmöglichkeiten für ethnologische Studien eröffnen: Internationale Organisationen oder auch nationale Entscheidungsträger könnten vermehrt Ethnologen mit ihren Studien beauftragen. Andererseits liegt hier die Gefahr eines potenziellen Verlustes der Neutralität und Objektivität des Forschers. Politische Studien dienen meist der Policy- oder Programmbildung, wodurch ein besonderer Einfluss auf den Ethnologen ausgeübt werden könnte. Er könnte seine Daten damit nicht vorrangig zur eigenen Theoriebildung sondern zur Durchsetzung bestimmter Ziele und zur Formulierung von Handlungsanweisungen „ausnutzen“ (Dilger 2005:91). 3
Ungeachtet der Relevanz der Ethnologie für die Policy-Bildung existiert inzwischen ein breites Spektrum an Grundlagenforschung. Da diese meist nicht schnellen Ergebnissen verpflichtet ist, sind hier längerfristige Datenerhebungen und zeitintensive Methoden wie die Teilnehmende Beobachtung möglich (Heald 2003:218). 4 Studien über AIDS ziehen sich durch alle Teilbereiche der Ethnologie, allen voran aber durch die Medizinanthropologie. Inzwischen gibt es eine Vielzahl an unabhängigen ethnologischen Publikationen zu verschiedenen kulturellen Aspekten der Epidemie: Gender und Sexualität (z.B. Schoepf 1995,1997; Baylies/Bujra 2000), Migration und Modernität (Gronemeyer 2005) und Stigmatisierung (Deacon 2005), um nur wenige zu nennen.
3.2 Ethnologische Alternsforschung und Gerontologie
Alter und Generationen sind grundlegende Aspekte jeder Kultur. Daher ist Alter seit jeher ein zentraler Gegenstand der ethnologischen Forschung und Theorie – meist jedoch im Kontext von umfassenden Ethnographien oder unter bestimmten Gesichtspunkten wie Seniorität, Machtverteilung, Herrschaft oder Altersklassensysteme (Marzi 1998:14ff). In der traditionellen ethnologischen Altersforschung wurde die Lebensphase des Alters nicht betont, der Blick war weniger auf das Alter selbst gerichtet, als auf den gesellschaftsstrukturierenden Aspekt der Altersstufen (Marzi 1990:18, Elwert 1994:261).
In den 1940ern institutionalisierte sich in Deutschland unabhängig von der Ethnologie die interdisziplinäre Wissenschaft der Gerontologie, auch Alternswissenschaft genannt. 5 Diese breit 3 Dilger greift hier eine Diskussion über die Verantwortung der Medizinanthropologie auf. Diskutiert wird, ob wissenschaftliches Arbeiten und praktisches Engagement getrennt werden können bzw. müssen. Siehe hierzu Leslie Butt (2002).
4 Bei Evaluationen oder agency-sponsored researches ist dies selten möglich, hier kommen schnellere Methoden wie das KAP Survey (Assessment of Knowledge, Attitudes, and Practice) zur Anwendung. Heald erkennt den Wert solcher Daten, kritisiert aber den Mangel an Holismus, da die Daten nicht im Gesamtkontext der Gesellschaft interpretiert werden können (Heald 2003:218).
5 Die Herausbildung der Disziplin war ein langsamer Prozess. Wichtige Eckdaten sind die Gründung der Amerikanischen Gesellschaft für Gerontologie (1945), der Internationalen Gesellschaft für Gerontologie (1950) und der Deutsche Gesellschaft für Gerontologie (1967) (Baltes/Baltes 1994:6).
5
angelegte
sozioökonomischen, sozialpolitischen und auch den kulturellen Aspekten des Alterns und des Altseins (Baltes/Mittelstraß 1994:ix). Trotz der kulturellen Dimension wurden Ethnologen zunächst nicht integriert, da die Bedeutung der Ethnologie für die Gerontologie als „marginal“ eingestuft wurde (Marzi:1998:16). Denn das Interesse der Gerontologie beschränkte sich zunächst auf Länder, in denen eine demographische Alterung der Gesellschaft zu erkennen war (ebd.:17), die Ethnologie dagegen legte den Fokus zu diesem Zeitpunkt größtenteils noch auf die „exotischeren“ Kulturen und Länder, deren Alterspyramiden bis dato der klassischen Form entsprachen (ebd:14). 6
Erst mit der aufkommenden Modernisierungshypothese (s. Kapitel I-4.2) in den 1970ern wuchs in der allgemeinen Alternsforschung das Interesse an den sogenannten „Ländern der Dritten Welt“. Der interkulturelle Vergleich wurde populär und Gerontologen griffen vermehrt auf ethnologisches Material zurück. Dabei wurde Kritik an der Ethnologie laut, da die existierenden ethnologischen Arbeiten zu wenig quantitative Daten zur Lebenssituation alter Menschen bereitstellten. Qualitative Methoden galten als unwissenschaftlich und nicht geeignet zur Policybildung oder zur Akquisition von Forschungsgeldern (Rubinstein 1990:3).
Als Reaktion hierauf entstand in den 1980er Jahren eine neue Ethnologie des Alters. Durch neue Studien sollte der Wert der ethnologischen Methoden für die Altersforschung aufgezeigt werden. Zunächst stand hier die materielle Alterssicherung im Vordergrund, später dann das tatsächliche Alltagsleben alter Menschen sowie ihre Lebenserfahrungen und -geschichten. Außerdem versuchten Ethnologen sich den unterschiedlichen Alterskonzeptionen und -definitionen verschiedener Kulturen anzunähern (Marzi 1998:18). Die Bedeutung der Ethnologie für die Gerontologie wird seither zunehmend anerkannt:
„Anthropologists are playing an increasing and increasingly vital role in the study of later life, not only because the event of graying is planet wide, international and cross-cultural, but also because of the increasing recognition of the significance of culture and cultural differences in human life.“ (Rubinstein 1990:1).
Ethnologische Forschungen über das Alter und die Lebenswelt alter Menschen sind nun zahlreicher als früher und beschränken sich nicht mehr auf „small scale, non-western cultures“ (Rubinstein 1990:2). Ethnologische Altersstudien beschäftigen sich heute mit Alter und Modernisierung, Medizin, dem Einfluss verschiedener Umgebungen wie Altersheime, der Bedeutung der Pensionierung, Hilfe und Pflege, Alter und Ethnizität, Geschlechterrollen im Alter und vielem mehr (Rubinstein 1990:4). Es scheint allerdings immer noch große Lücken und enormen Forschungsbedarf zu geben. Der Einfluss von HIV/AIDS auf das Leben alter Menschen ist eines von vielen Themenfeldern rund um das Alter, die bisher unzureichend erforscht wurden.
6 „Klassische Form“ meint hier eine tatsächliche Pyramidenform, also Gesellschaften bestehend aus vielen Kindern und wenigen Senioren.
6
3.3 Quellenlage und Literatur
Wie bereits ausgeführt gibt es bereits zahlreiche ethnologische Studien und Publikationen, die die Themenfelder HIV/AIDS und Alter separat behandeln. Es mangelt jedoch aktuell an ethnologisch-wissenschaftlichen Texten, welche die beiden Themenbereiche mit Fokus auf Tansania zusammenführen.
Die meisten Publikationen, die vorrangig die Aspekte 'HIV/AIDS' und 'Alter' in Bezug zueinander setzen, stammen von Organisationen wie HelpAge International (HAI), der Weltgesundheits- organisation (WHO) oder den United Nations (UN). Dies sind keine ethnologischen Arbeiten im eigentlichen Sinn, da sie anwendungsorientiert sind und somit eher der Policybildung als der wissenschaftlichen Beschreibung dienen. Ungeachtet dessen sind auch diese Quellen für die Recherche sehr hilfreich und sind in die vorliegende Arbeit eingeflossen.
Ethnologische Arbeiten zu HIV/AIDS und Alter sind spärlicher: Als Autoren exemplarisch zu nennen sind Martha Ainsworth und Julia Dayton (zahlreiche gemeinsame Publikationen von 2001-2005), James Kakooza (2005), Alun Williams (2001, 2003) und M. Ferreira (2002, 2004).
Da sich keine der eben genannten ethnologischen Publikationen über AIDS und Alter explizit auf Tansania bezieht wurde hier ergänzend auf allgemeine Publikationen über HIV/AIDS in Tansania zurückgegriffen. Hervorzuheben sind die Arbeiten von Hansjörg Dilger (1999, 2004, 2005), die eine wichtige Säule der Literaturarbeit dieser Arbeit darstellen: Er beleuchtet die sozialen Aspekte der HIV/AIDS-Epidemie in Tansania, mit besonderem Blick auf Moralität und die Bevölkerungsgruppe der Luo 7 mit dem Ziel, „die Diskurse über AIDS auf die gesellschaftliche Wirklichkeit“ zu beziehen (Luig 1999:i).
Außerdem relevant für die Literaturarbeit und zur Vorbereitung der Forschung waren unter anderem Publikationen über Altern in Afrika (Hiltrud Marzi 1990, 2002; Cowgill 1986; Albert/Catell 1994), Fürsorgebeziehungen in Afrika (Aboderin 2006), den Einfluss von AIDS auf afrikanische Familien (Ankrah 1993, Kilbride/kilbride 1990) und traditionelle Alterssicherungs- systeme in Afrika (Catell 1993).
4. Theorien zu Rollen und Status alter Menschen
Mit der steigenden Popularität der Gerontologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden verschiedene Theorien aufgestellt, die allgemein beschreiben sollen, wie und ob sich Rollen, Status und Aktivitäten der Menschen im Alter ändern. Bisher wurde der Themenkomplex HIV/AIDS in der Literatur noch kaum in einem dieser theoretischen Rahmen betrachtet. Viele Aspekte dieser Arbeit, wie zum Beispiel die Untersuchung der Existenzsicherung, der Fürsorgebeziehungen oder des Rollenwandels sind durchaus mit diesen Theorien zu verknüpfen, in ihnen zu verorten bzw. wären gegebenenfalls sogar geeignet diese in Frage zu stellen. Primäres Ziel der vorliegenden Arbeit soll es indes nicht sein, die erhobenen Daten in Bezug zu diesen verschiedenen Alterstheorien zu setzen. Sie seien hier aber kurz erwähnt, da in den entsprechenden Abschnitten der folgenden Kapitel einige Denkanstöße in diese theoretischen Richtungen gegeben werden.
7 Die Luo stammen aus der Mara-Region Westtansanias.
7
4.1 Theorien zur Kontinuität von Rollen im Alter
Die ersten eigenständigen soziologischen Alterstheorien wurden in den 1960ern in den USA konzipiert (Marzi 1990:12) und behandeln die Frage, inwieweit im Alter Rollen und Aufgaben beibehalten werden (theories of engagement). Die Disengagement Theory of Aging beispielsweise geht auf Cumming und Henry zurück mit der Kernaussage: „Aging is an inevitable mutual withdrawal or disengagement, resulting in decreased interaction between the aging person and others in the social system he belongs to.“ (Cumming/Henry 1961:14). Cumming und Henry gingen davon aus, dass sich alte Menschen zwangsläufig aus dem sozialen Leben zurückziehen, ihre bisherigen Rollen abgeben, als langsame Vorbereitung auf den totalen Rückzug, den Tod (Cowgill 1986:5). Diesen Prozess sehen Cumming und Henry als universell an:
„This theory is intended to apply to the aging process, in all societies, although the initiation of the process may vary from culture to culture, as may pattern of the process itself. (...) in traditional cultures in which the old are valued for their wisdom, it may well be that the aging person openly initiates the process; in primitive (sic!), and especially in impoverished cultures, he may resist the process until it is forced upon him.“ (Cumming/Henry 1961:15).
Andere Theoretiker widersprachen dieser Annahme eines universellen Rückzugs, wie etwa Havighurst, Neugarten und Tobin (1986), die diesem Modell die Kontinuitätstheorie (Activity Theory) entgegenstellten. Sie betonten die Weiterführung der sozialen Aktivitäten alter Menschen und die Kontinuität von Rollen. Die Aktivitätstheorie verneint also einen grundsätzlichen Rückzug im Alter: „Nicht Alter per se, sondern lediglich ein schlechter Gesundheitszustand begründe einen Rückzug aus vorangegangenen Beschäftigungen.“ (Marzi 1990:15).
4.2 Theorien zum Status alter Menschen
Während die theories of engagement das Maß an aktiver Teilnahme in der Gesellschaft als Kern haben, suchten andere Theorien nach Erklärungsmodellen für den unterschiedlichen Status alter Menschen in verschiedenen Gesellschaften. Die bereits erwähnte Modernisierungstheorie der 1970er von Holmes und Cowgill 8 besagt, dass der Status alter Menschen mit zunehmender Modernisierung der Gesellschaft abnimmt und damit auch die Sicherheit der Alten in der Gesellschaft in Gefahr gerät (Marzi 1990:73). Dieser Ansatz geht aus strukturfunktionalistischer Perspektive von einer zwangsläufigen linearen Entwicklung von „traditionell“ hin zu „modern“ aus (Aboderin 2006:28) und sieht die Situation in heutigen „modernen“ Gesellschaften als verlässliche Vorhersage für die Entwicklungsländer, was in der Wissenschaft bereits seit Ende der 1960er kritisiert und widerlegt wurde (ebd.:8).
Maxwell und Silverman (1970) knüpften den Status alter Menschen an das Maß der Kontrolle über Informationsquellen in einer Gesellschaft: „(...) the esteem in which the aged are held in a given society varies directly with the degree of control they maintain over the society's informational resources.“ (Maxwell/Silverman 1970:381, zitiert nach Marzi 1990:25). Die Kontrolle über die für das soziokulturelle System relevanten Informationen resultiert nach 8 Cowgill und Holmes griffen einen Gedanken von Burgess auf, der 1960 bereits eine ähnliche Theorie formulierte, dabei allerdings den Fokus auf westliche Gesellschaften legte (Aboderin 2006:7).
8
Maxwell und Silverman allerdings auch in einer gewissen Aktivität: Je mehr die Alten wissen, was für die ganze Gruppe unerlässlich ist, desto mehr partizipieren sie auch an gemeinschaftlichen Aktivitäten (Marzi 1990:25ff).
Die Theoretiker Press und McKool (1972) wählten wiederum einen anderen Ansatz: Sie sehen den Status der Seniorengeneration angelegt in der Art der Sozialstruktur einer Gesellschaft. Dabei berufen sie sich auf strukturale Determinanten welche von Cowgill aufgestellt wurden und formulieren hieraus sechs eigene Determinanten, welche den Status alter Menschen bestimmen: Hohe sozioökonomische Homogenität, Rollen mit Verantwortung, Kontinuität des Lebenszyklus, Kontrolle über Güter, Ausübung wichtiger Aktivitäten und die Bedeutung der Großfamilie (Marzi 1990:31ff).
II Grundlagen der Feldforschung in Mwanga
Diese Arbeit basiert vorwiegend auf Daten, welche im Rahmen einer Feldforschung im Mwanga-Distrikt in Nordtansania erhoben wurden. Nachfolgend wird dargelegt, welche strukturellen Voraussetzungen vor Ort gegeben waren und welche Faktoren die Forschung förderten, verzögerten und beeinflussten. Mwanga als Ort der Forschung soll kurz charakterisiert und außerdem das methodische Vorgehen erläutert werden.
1. Forschungssituation
Die Feldforschung wurde von Mitte Juni bis Mitte September 2007 durchgeführt. Mwanga, der Ort der Feldforschung (s. II.2), war von früheren Aufenthalten bekannt, weshalb auf viele Kontakte zurückgegriffen werden konnte. Vor allem die Mitarbeiterinnen der ortsansässigen Nichtregierungsorganisation (NRO) KIWAMWAKU 9 unterstützen die Arbeit maßgeblich.
Im Vorfeld existierten Zweifel bezüglich der Offenheit und der Bereitschaft der Interviewpartner, was sich als unbegründet erwies: Die meisten Gesprächspartner waren trotz des heiklen Themas sehr offen und freuten sich darüber, dass sie als Informanten ausgewählt wurden. Nachdem die erste Unsicherheit überwunden war, antworteten fast alle Befragten ausführlich auf Fragen zum Thema AIDS und ihrem privaten und familiären Leben. Trotz des Tabuthemas Sexualität und der Anwesenheit eines lokalen, männlichen Übersetzers, gaben auch die Frauen sehr intime Details preis. Darauf stützt sich die Einschätzung, dass die gegebenen Informationen verlässlich sind. Hilfreich war es hierfür sicherlich, dass die Interviewpartner nicht über ihre eigene Sexualität sprechen mussten.
Häufig war es für die Informanten der erste intensive Kontakt mit einer Europäerin und man begegnete mir sehr interessiert und neugierig. Oftmals war es anfangs nötig, meinen Status als unabhängige Person zu verdeutlichen und klarzustellen, dass ich für keinerlei Organisation arbeite und mit meiner Arbeit keine Aufnahme in ein Hilfsprogramm verbunden ist. Dies 9 KIWAMWAKU (Kikundi cha wanawake Mwanga kupambana na UKIMWI = Vereinigung der Frauen Mwangas im Kampf gegen AIDS) ist eine kleine NRO mit fünf festen Mitarbeiterinnen und einem angegliederten Verein mit ehrenamtlichen Helfern. Sie bieten Beratung für betroffene Familien oder Einzelpersonen, Seminare für bestimmte Zielgruppen und Unterstützung für alleinerziehende Mütter.
9
schmälerte aber nicht die Bereitschaft mit mir zu reden und es wurde keine andere Gegenleistung erwartet, als dass ich selber Fragen beantworte. 10 Mein sozialer Status als unverheiratete Frau ohne Kinder wurde oft mit Verwunderung und einem gewissen Amüsement aufgenommen, stellte aber kein Hindernis dar.
Einige strukturelle Faktoren wirkten sich negativ bzw. beschränkend auf die Arbeit aus: So war es zum Beispiel kaum möglich, Informanten weit weg der einzigen geteerten Straße aufzusuchen, da es dort nur wenig öffentliche Verkehrsmittel gab. Somit war das Untersuchungsgebiet aufgrund der mangelnden Infrastruktur auf die Siedlungen nahe der Hauptstraße begrenzt. Ein weiterer hemmender Faktor war ein länger andauernder Stromausfall in der Region, der die Kommunikation und Terminabsprachen erschwerte und meine Gesprächspartner zwang, einige ihrer Arbeiten, die sie sonst abends bei elektrischem Licht erledigten, auf den Tag zu verteilen, weswegen sie weniger Zeit für Interviews hatten.
Darüber hinaus brachte die Thematik HIV/AIDS zusätzliche Probleme mit sich: Todesfälle ließen Informanten abspringen. Gleich mehrere meiner Informanten waren auf derselben Beerdigung eingeladen und konnten aufgrund der traditionellen Trauerzeit erst zwei Wochen später wieder Interviews geben. Manchmal ließ es außerdem der Gesundheitszustand der an AIDS erkrankten Verwandten, aber auch der der alten Menschen selbst für einige Zeit nicht zu, längere Gespräche zu führen.
2. Ort der Feldforschung: Mwanga
Mwanga liegt am Fuße der nördlichen Pareberge im Nordosten Tansanias in der Kilimanjaro- Region. Man unterscheidet zwischen der Stadt Mwanga und dem Distrikt Mwanga 11 . Die Stadt Mwanga ist mit ca. 12 400 Einwohnern eine klassische Kleinstadt und Verwaltungssitz des gleichnamigen Distrikts mit ca. 115 620 Einwohnern (Population and Housing Cencus 2002: Online 12 ). Mit zwei Banken, einem großen Markt, Anschluss an die Teerstraße und fünf weiterbildenden Schulen ist Mwanga ein wichtiges wirtschaftliches und soziales Zentrum in der Region.
Der Distrikt Mwanga besteht aus fünf Divisionen und 58 einzelnen Dörfern. Strukturell kann man den Distrikt in folgende zwei Zonen einteilen: Das Flachland entlang der Teerstraße von Kileo bis Lembeni und die kleinen Bergdörfer in den bis zu 2500 Meter hohen Parebergen (URT 1998:1). Während das Flachland sehr trocken ist und sich nur zum Anbau von Mais, Gemüse und Trocken-Reis eignet, profitiert die Bergbevölkerung von dem feuchten und kühlen Klima über 1000 Meter. Hier wachsen Bananen, Zuckerrohr und vielerlei Gemüse. Dafür mangelt es in den Bergen noch an ausreichender Infrastruktur.
In beiden Vegetationszonen bildet die Landwirtschaft die weitestgehend einzige Einkommensquelle. Geschätzte 80% der Einwohner des Distrikts Mwanga sind Bauern und 10 Hierfür nutzte ich meist ein zusätzliches informelles Treffen am Ende der Zusammenarbeit. Gastgeschenke wurden unabhängig davon erwartet, was aber in Tansania zur normalen Höflichkeit eines Gastes gehört. 11 Soweit nicht weiter spezifiziert bezieht sich der Name Mwanga im Folgenden auf den Distrikt.
12 URL: http://www.tanzania.go.tz/census/censusdb/index.html (21.11.2007).
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meist reichen die Erträge nur zum Eigenverbrauch. Es gibt kaum Industrie 13 und bis auf wenige Stellen in Administration, Bildung und Gesundheitswesen herrscht der informelle Sektor vor.
Die Region ist von starker Migration gekennzeichnet. Aus Mangel an industrieller Entwicklung wandern immer mehr Arbeitskräfte in die Städte ab. Der Agrarsektor erzielt aufgrund der dichten Bevölkerung und der Klimaveränderung zu niedrige Erträge, um den Nahrungsbedarf der Bevölkerung zu decken (URT 1998:18).
Der Großteil der Bewohner des Mwanga-Distrikts sind Pare. Andere Bevölkerungsgruppen in der Gegend sind unter anderem Chagga und Maasai, die allerdings in der Minderheit sind. Zur genauen ethnischen Zusammensetzung von Mwanga liegen keine Daten vor. Es lässt sich allerdings sagen, dass in den Parebergen nahezu keine andere Ethnie außer den Pare vertreten ist, während entlang der Teerstraße der Anteil der anderen Ethnien höher ist, da sich Mwanga Stadt aufgrund seiner Lage immer mehr zu einem Schmelztiegel verschiedener Gruppen entwickelt.
Die Pare praktizieren eine patrilineale Deszendenzform, heiraten exogam 14 und der Wohnort nach der Hochzeit ist traditionell patrilokal. Es liegen keine genauen Zahlen zur religiösen Zusammensetzung vor. Christen und Moslems scheinen sich die Waage zu halten, während im Zentrum Mwangas (dem Forschungsgebiet) der Animismus nur noch wenig Bedeutung hat.
3. Auswahl der Informanten und Zusammensetzung des Samples
Für das Sample der Untersuchung wurden zehn Senioren und ihre Familien als Hauptinformanten nach dem Schneeballpinzip ausgewählt. 15 Der erste Kontakt wurde in den meisten Fällen durch eine Mitarbeiterin von KIWAMWAKU hergestellt.
Als Hauptinformanten wurden Personen über 55 Jahre definiert, die sich entweder um einen an AIDS erkrankten Familienangehörigen oder um AIDS-Waisen kümmern, oder dies im vergangenen Jahr getan haben. Diese Personen wurden über einen längeren Zeitraum hinweg intensiv begleitet. Ergänzend wurden als Vergleichsgruppe Interviews mit Senioren geführt, die bisher keinerlei persönlichen Bezug zu HIV/AIDS haben sowie mit Spezialisten (Experteninterviews), die Informationen über die Gesellschaft und Traditionen der Pare geben konnten.
Die Zusammensetzung des Samples hat keinen statistischen Anspruch. Allerdings wurde auf eine repräsentative Verteilung bezüglich der Religionszugehörigkeit sehr großen Wert gelegt. Es ist anzumerken, dass die überdurchschnittliche Repräsentation von Frauen kein Zufall ist, sondern eine stärkere Verantwortung in Fürsorgebeziehungen widerspiegelt. 16
Obwohl in Mwanga auch andere Ethnien vertreten sind, beschränkte sich die Untersuchung auf die Gruppe der Pare. In informellen Gesprächen mit Mitgliedern anderer ethnischer Gruppen 13 Es gibt im Mwanga-Distrikt eine große Sisalplantage als einzige produzierende Großindustrie im ganzen Gebiet. Arbeitsplätze werden hier größtenteils an Wanderarbeiter aus anderen Regionen Tansanias vergeben. 14 Bestenfalls stammt der Ehepartner aus einem anderen Pare Clan. Keiner der Informanten konnte die genaue Anzahl der Pare-Clans nennen, schätzten deren Zahl aber auf ca. 50. Je nachdem, welchem Clan man angehört, gibt es eine bestimmte Anzahl anderer Clans, die für eine Ehe in Frage kommen.
15 Zur Auswahl der Informanten, Schneeballprinzip, Hauptinformanten/Spezialisten siehe Beer (2003:22f). 16 Hierauf wird in Kapitel IV- 3.1 näher eingegangen.
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(Chagga, Maasai) wurde bestätigt, dass die Unterschiede relativ gering sind und vermutlich viele der Ergebnisse übertragbar sind.
Alle Gesprächspartner gehörten entweder der armen Unterschicht oder der ärmeren Mittelschicht an, was der in dieser Gruppe höheren AIDS-Prävalenz gerecht wird. Selbstverständlich gibt es auch in der Mittel- und Oberschicht viele HIV-Infektionen und dadurch einhergehende Veränderungen und Probleme. Da diese Schicht in Tansania (und vor allem in Mwanga) jedoch extrem dünn ist, ist sie nicht repräsentativ für den Hauptteil der Bevölkerung. Kein Hauptinformant hatte eine höhere Schulbildung, einige waren Analphabeten. Niemand verfügte über ein festes Einkommen oder stand in einem festen Arbeitsverhältnis. So wie die meisten Bewohner in Mwanga waren die Interviewpartner hauptsächlich Bauern, die fast ausschließlich Subsistenzwirtschaft betrieben.
4. Methodik
Für eine umfassende Untersuchung der Fragestellung sind sowohl quantitative als auch qualitative Methoden sinnvoll und notwendig. Quantitative Daten sind besser vergleichbar und machen Generalisierungen möglich, wobei die Erhebung allerdings mit viel zeitlichem und personellem Aufwand verbunden ist und daher im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich war. Daher wurden hauptsächlich qualitative Methoden angewandt, die zudem – wie bereits erwähnt (Kapitel I-3.1) – bei einem sensiblen Thema einen einfacheren Zugang zu den Menschen ermöglichen können.
Trotz meiner Suaheli-Kenntnisse wurde ein Übersetzer hinzugezogen, da gerade die älteren Menschen in Mwanga für Ausländer recht schwer zu verstehen sind und statt Suaheli meist Kipare 17 sprechen. Es ist anzumerken, dass im Folgenden zwischen Zitaten eigener Übersetzung (wörtlich aus dem Suaheli ins Deutsche) und den Übersetzungen des Dolmetschers (sinngemäß aus dem Kipare/Suaheli ins Englische) unterschieden wird, da letztere oft von der Ausdrucksweise der interviewten Person stark abweichen und eher zusammenfassenden Charakter haben. 18
Zu Beginn der Arbeit mit einem Informanten stand die Aufnahme der demographischen Grunddaten wozu die Erhebung einer Genealogie sowie ein biografisches Interview gehörten. Beides diente dem Kennenlernen und besseren Verständnis von später Erzähltem. Meist konnte die Erhebung der Genealogie genutzt werden um die AIDS-Fälle in der Familie anzusprechen und ausfindig zu machen. Der nächste Schritt stellte eine Netzwerkanalyse (Persönliche Netzwerke) dar. 19 Ziel war die Untersuchung der Formen von Unterstützung in Zusammenhang mit bestimmten Rollen. Die meisten Informanten hatten allerdings große
18 Zitate eigener Übersetzungen sind Deutsch wiedergegeben, die des Übersetzers in Englisch. Letztere sind zusätzlich gekennzeichnet durch „n.Ü.v. Nasibu M.“ (= nach Übersetzung von Nasibu M.).
19 Zu Netzwerkanalyse siehe Schnegg und Lang „Netzwerkanalyse“ (2006).
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Lena Wilk, 2008, Alter und HIV/AIDS - Existenzsicherung, Moralität und Rollenwandel im Mwanga District Nordtansanias, Munich, GRIN Publishing GmbH
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