4.2 Inhalte und Ziele akzeptanzorientierter Drogenarbeit 38
4.2.1 Akzeptanz. 40
4.2.2 Gesundheitsförderung und Empowerment 42
4.2.2.1 Verändertes Präventionsverständnis als
Voraussetzung für Gesundheitsförderung 43
4.2.2.2 Inhalte und Methoden
von Gesundheitsförderung. 45
4.2.2.3 Empowerment. 45
4.2.2.4 Einbeziehung von Betroffenenkompetenz 48
Peer -Support
4.3 Allgemeine Kritik am akzeptanzorientierten Ansatz 49
4.4 Fazit 51
5. Safer-Use-Strategien gegen die gesundheitlichen
Folgen des Drogenkonsums. 53
5.1 Ziele 53
5.2 Inhalte 54
5.2.1 Drug, Set und Setting 54
5.2.1.1 Drug. 55
5.2.1.2 Set 58
5.2.1.3 Setting 59
5.3 Drogenkompetenz und Drogenmündigkeit. 60
5.3.1 Drogenkompetenz 60
5.3.2 Drogenmündigkeit 61
5.3.3 Mischkonsum 62
5.4 Methoden. 63
5.5 Safer-Use im Partysetting 64
5.5.1 Zum Begriff der Partyszene und Partydrogen. 64
5.5.2 Aufkommen und Konsum von Partydrogen 64
5.5.3 Partydrogen im Speziellen. 67
5.5.4 Drug und Safer Use am Beispiel Ecstasy. 68
5.5.4.1 Drug 68
5.5.4.2 Safer Use im Kontext von Ecstasy. 70
2
5.6. Safer Use in der Praxis 72
5.7 Safer Use in der Entwicklung. 76
6. Drugchecking 78
6.1 Inhalte und Ziele 79
6.1.1 Begriffsklärung 79
6.1.2 Ziele: 81
6.2 Drugchecking aus sozialpädagogischer Sicht. 83
6.3 Fazit 84
6.4 Zur Durchführbarkeit von Drugchecking 86
6.4.1 Die rechtliche Situation von Drugchecking in Deutschland. 86
6.4.1.1 Die Auftraggeber. 86
6.4.1.2 Die Untersuchungsstelle 87
6.4.2 Die Frage nach der Nachfrage 90
6.4.3 Ergebnis 91
6.5 Drugchecking Programme im europäischen Kontext: 93
6.6 Fazit und Ausblick. 95
Literatur. 97
3
Vorwort
Als ich vor etwa sieben Jahren als Betreuer eines Familienferienlagers mitfuhr, kam es zu einer Situation, die letztlich den Beginn meiner bis heute andauernden Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Drogen und Gesellschaft’ darstellt. Damals herrschte die Situation, dass die Jugendlichen sich dem exzessiven Kiffen (Hanfkonsum) hingaben um dann bei Regenwetter mit Sonnenbrillen beim gemeinsamen Essen zu erscheinen. Die Sonnenbrillen trugen sie, damit man nicht ihre geröteten Augen sehen konnte, welche eventuell auf einen Hanfkonsum Rückschlüsse zuließen. Natürlich fiel das augenscheinlich unnötige Tragen der Sonnenbrillen nur noch mehr auf und machte die Eltern wachsam. Kurze Zeit später wurde ein Jugendlicher mit einer recht ausgeprägten Überdosis und den damit verbundenen Ausfallerscheinungen des Nachts auf einer Wiese liegend aufgefunden. Für den Jugendlichen war die Überdosis angestrebt und die Ausfallerscheinungen erwünschte Wirkung. Für die Eltern die ihn fanden muss sich das Bild, welches sich ihnen bot, recht bizarr und bedrohlich dargestellt haben. Das ganze Ausmaß des Konsums unter allen beteiligten Jugendlichen war schnell aufgeklärt und es wurde ein ‚klärendes Gespräch’ inszeniert, welches jedoch im Eklat endete.
Wie in einer Gerichtverhandlung saßen die Jugendlichen als Angeklagte auf einer Bank, die Eltern ihnen gegenüber, und Wörter wie ‚Rauschgift’ und ‚alle abhängig’ gaben sich die Klinke in die Hand. Anschuldigungen wurden ausgesprochen und der Abbruch des Lagers, bzw. die Entfernung der auffällig gewordenen Jugendlichen wurde in Erwägung gezogen.
Womit die Eltern nicht rechneten, war die Reaktion der ‚Angeklagten’. Diese warfen ihnen vor, ‚doch selber nicht besser zu sein’, wenn sie morgens schon mit dem Bierkasten am Lagerfeuer sitzen. Ihrer Meinung nach sei das ungerecht und die Anschuldigungen nicht gerechtfertigt. Und außerdem hätten die Erwachsenen vom ‚kiffen’ eh keine Ahnung und Alkohol wäre doch die schlimmere Droge. Die Bezeichnung von Alkohol als Droge brachte widerrum die Eltern aus ihrer Fassung, da in ihrer Wahrnehmung Alkohol keine Droge sei und ‚außerdem Kiffen eh was ganz anderes wäre, und mit Alkohol nicht vergleichbar’.
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Ich konnte beobachten, dass dieses ‚Gespräch’ auf so unterschiedlichen Niveaus ablief, dass es niemals zu einer für alle Beteiligten zufrieden stellenden Lösung kommen würde. Gesellschaftlich geprägte, Drogen dämonisierende Sichtweisen jenseits der Tatsachen trafen auf jugendlichen Leichtsinn mit emanzipatorischen Ansprüchen.
Ich schlug vor, das Gespräch zu vertagen. Gleichzeitig bot ich an, mich ernsthaft über die Problematik informieren zu wollen um einige Tage später nach einem kurzen Input über das Verhältnis von Gesellschaft und Drogenkonsum als Moderator für ein erneutes Gespräch zur Verfügung zu stehen. Bei meinem Versuch, mich dem Thema zu nähern, stieß ich schnell auf das akzeptanzorientierte Projekt ‚Drugscouts’, welchem ich seit dem bis heute als freies Mitglied angehöre. Die Weite des Themas und die vielseitigen interdisziplinären Verflechtungen zeigten mir schnell, dass ich mich mit meinem Vorhaben damals deutlich überschätzt hatte. Trotzdem erkannte ich schnell, dass der akzeptanzorientierte Weg derjenige ist, welcher mit meinem Moralverständnis vereinbar war. Die Doppelmoral und die Ignoranz mit der in meinen Augen in der Öffentlichkeit mit dem Thema Drogenkonsum und Sucht umgegangen wird, galt es für mich zu hinterfragen. Abstinenz als nur ein Ziel von vielen möglichen und die Tatsache, seinen eigenen Drogenkonsum auf gelungene Art und Weise in die eigene Lebenswelt integrieren zu können, war für mich eine grundlegende Erkenntnis, die mir zeigte, dass Safer-Use-Kampagnen und Drugchecking sinnvolle und unterstützenswerte Konzepte der akzeptanzorientierten Drogenarbeit sind. Die praktische Arbeit mit dem Projekt ‚Drugscouts’ innerhalb der Partyszene ließ mich erkennen, wie direkt und unmittelbar und gut akzeptiert Angebote der Drogenhilfe sein können, kannte ich doch vorher nur die abschreckenden Unterrichtsmaterialien aus der Schule, und die diesen Materialien widersprechende Realität.
Mit dieser Arbeit möchte ich meinen Teil dazu beitragen, diese neuen Sichtweisen zu verbreiten, in der Hoffnung damit auf offene Ohren zu stoßen und die ein oder andere Hand, die bereit ist zu unterstützen.
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1. Einleitung
„Unsere Drogenprobleme wurzeln nicht in den Eigenschaften der Drogen, sondern in der Art und Weise, wie wir mit Drogen umgehen.“ (Cousto, 1999, S. 15)
Wir leben in einer Gesellschaft, in der der Konsum von bewusstseinsverändernden Substanzen ein mehr oder weniger fester Bestandteil unserer Kultur war und ist. Teilweise sind bestimmte alkoholhaltige Getränke als Lebensmittel deklariert. Man verabredet sich zum ‚Kaffeetrinken’ oder ‚trifft sich auf ein Bier’. Für, als allgemein gesellschaftsfähig bewertete Substanzen wie Koffein, Alkohol und Nikotin, gibt es extra eingerichtete Konsumräume wie Kaffeehäuser, Bars oder Raucherräume und damit verbunden eine regelrechte Drogenkultur. Doch nicht alle konsumierten Substanzen können dieses Privileg für sich verbuchen. Aus diesem Grund werden themenverwandte Begrifflichkeiten wie Droge, Sucht, Abhängigkeit und Drogengebrauch und Missbrauch unterschiedlich diskutiert und sind oft sehr wertend behaftet. Substanzkonsum als solcher scheint jedoch ein weit verbreitetes und mehr oder weniger akzeptiertes und integriertes Verhalten zu sein. Hinter den kulturellen Funktionen versteckt sich aber auch ein riesiger Markt. Hinter diesen marktwirtschaftlichen Interessen treten die der Gesundheitserhaltung manchmal in den Hintergrund.
In den letzten Jahren ist hier zwar ein Paradigmenwechsel beobachtbar, aber dieser bezieht sich nur auf die Diskussion um legalisierte Substanzen. Abstinenz als staatlich verordnetes Allheilmittel verhindert bzw. erschwert eine sachliche und konsumentenorientierte Aufklärung über gesundheitliche Risiken, welche mit dem Konsum illegalisierter Substanzen verbunden sein können. Nur allzuschnell werden entsprechende Hinweise als Aufforderung zum Konsum bewertet und machen somit eine vorurteilsfreie und sachliche Diskussion schwierig. Argumente werden politisiert oder durch die Omnipräsenz von Drogenmythen überhört. Die Existenz von Jugendbewegungen und Subkulturen, in denen Drogenkonsum eine wichtige Rolle spielt, aber auch der verdeckte Konsum illegalisierter Substanzen in allen anderen Gesellschaftsbereichen wird ausgeblendet.
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Die Leidtragenden sind die Konsumenten, die sich auf Grund schlechter Informationslagen und der Angst vor Stigmatisierung oder strafrechtlicher Verfolgung nicht genügend über die Risiken ihres jeweiligen Konsums informieren können um sich bewusster und selbstbestimmter für, oder möglicherweise gegen den Konsum zu entscheiden. Gesundheitliche Risiken und Langzeitfolgen aufgrund falscher Dosierung oder ungewollter Einnahme nicht erwünschter Inhaltsstoffe sind die mögliche Folge.
Daraus ergibt sich die Frage, wie das Gesundheitsrisiko, welches mit dem Konsum von legalisierten oder illegalisierten Substanzen einhergehen kann, verringert oder minimiert werden kann. Erst in der jüngeren Vergangenheit sind vereinzelte Anzeichen von einer Emanzipation der Diskussion erkennbar. Das ‚Recht auf Rausch’ wird ebenso angesprochen wie die mögliche Legalisierung verschiedener, als Drogen gebrauchte Substanzen. Im Gegensatz dazu häufen sich die Zeitungsberichte, in denen von steigenden Zahlen von Drogenfunden und von Berichten über Drogentote in Diskotheken die Rede ist. Aufklärungskampagnen gegen Drogenkonsum scheinen nicht zu greifen. Die Prohibitionspolitik der Bundesregierung scheint ineffektiv zu sein. Jugendkulturen und Subkulturen entziehen sich immer mehr der allgemeinen Einsicht. Die Techno-Szene ist die größte Jugendbewegung des 20. Jahrhunderts. Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse schaffen neue Lebenswelten, Netzwerke und soziale Realitäten. Für die Sozialpädagogik und für die professionellen Hilfeeinrichtungen ergibt sich hier eine neue Situation. Wie kann man junge Menschen in diesen Lebenswelten noch effektiv erreichen? Ist Abstinenz als pädagogisches Ziel überhaupt sinnvoll und realistisch? Und welche Alternativen gibt es? Mögliche Antworten bietet hier die verhältnismäßig junge Disziplin der
akzeptanzorientierten Drogenarbeit mit ihren Konzepten zu Safer-Use und Drugchecking.
In dieser Arbeit soll es darum gehen, Safer-Use als sinnvolles und zeitgemäßes Instrument der akzeptanzorientierten Drogenhilfe darzustellen und die Wichtigkeit von Drugchecking als eine Methode von Safer-Use herauszuarbeiten.
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„Wer die mangelhaften chemischen Kenntnisse und Erfahrungen der illegalen Betäubungsmittelproduzenten, die fehlende Hygiene und unzureichende technische Ausstattung illegaler Rauschgiftküchen, das wilde Mischen und Strecken von Betäubungsmittelzubereitungen mit Arzneimitteln, Giften und Chemikalien, in verschmutzten Behältnissen, in Kellerräumen und Abbruchhäusern kennt, hat keinen Zweifel daran, daß die Prohibition und die Strafverfolgung Gesundheitsrisiken schaffen, die weit über die
gesundheitsschädigenden Wirkungen der Betäubungsmittel selbst hinausgehen.“ (Körner, 1997, S. 3)
Drogenkonsum wird mit Rauschgiftsucht gleichgestellt. Wer Drogen konsumiert wird süchtig. Wer süchtig ist, ist krank und wer krank ist muss behandelt werden. Notfalls gegen seinen Willen.
Ich werde zeigen, dass diese Sichtweisen historisch gewachsene sind, denen bestimmte Menschbilder zugrunde liegen, wobei diese mit der Realität nicht viel gemein haben müssen, sondern aus einer Hilflosigkeit gegenüber der Integration von Drogenkonsum in unsere Gesellschaft heraus entstanden sind. Die Akzeptanzorientierte Drogenarbeit steht für neue Ansätze im Umgang mit Drogen und Rausch, Sucht und Abhängigkeit. Dies darzustellen ist eine Intension dieser Arbeit. Ebenso werde ich zeigen, dass die von mir bereits angesprochenen Methoden Safer-Use und Drugchecking effektive Mittel der Sozialpädagogik sind, niedrigschwellig und direkt auf die Gruppe der Drogengebraucher Einfluss zu nehmen und sie im Sinne der Gesundheitsförderung und Risikominimierung in ihrer Lebenswelt zu erreichen und zu unterstützen.
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2. Begriffsklärung
Gleich zu Beginn möchte ich anmerken, dass die Verwendung der Begriffe Rauschgift, Rauschmittel, Betäubungsmittel und andere in Verbindung mit dem Wort Droge oder Drogenkonsum und ähnlichen in der Literatur oft ungeachtet ihrer tatsächlichen Bedeutung verwendet werden. Viele Substanzen welche als Drogen gebraucht werden verursachen weder zwangsläufig einen Rausch, noch sind sie toxisch. Andere Begriffe haben sich trotz teilweise gegensätzlicher Bedeutung so im Sprachgebrauch etabliert, dass sie in diesem, falschen, Sinne trotzdem benutzt werden. Alkohol zum Beispiel lässt sich sowohl als Genussmittel, als Rauschmittel, als Schlafmittel, als Arzneimittel aber auch als Suchtmittel konsumieren. Das Gleiche trifft für alle Substanzen zu. Die jeweilige Konsummotivation aber ist entscheidend für die richtige Formulierung. Abseits davon werden die genannten Attribute scheinbar unhinterfragt benutzt und stehen teilweise im Widerspruch zur Aussage des jeweiligen Texts. Darüber hinaus sind in einigen Formulierungen unterschwellige Wertungen enthalten, welche oft unsachlich und unwissenschaftlich erscheinen. Ein Beispiel zum Begriff Rauschmittel:
„Sie [die Drogen d.V.] galten zu früheren Zeiten überwiegend als Heilmittel, meist pflanzlicher Herkunft. Heute versteht man unter Drogen alle Arten von Rauschmitteln - Stoffe, die Menschen zu sich nehmen, um ihr zentrales Nervensystem zu beeinflussen.“ (Hurrelmann,2000, S. 42) Die Verwendung der Formulierung Rauschmittel impliziert die
Konsummotivation, einen Rausch bzw. einen rauschhaften Zustand zu erzeugen. Substanz bezeichnet die chemische Zusammensetzung eines Stoffs oder Stoffgemisch. Unabhängig, vom Zweck, zu dem man sie gebrauchen kann. Somit ist Substanz ein neutraler Begriff. Ein Mittel bezeichnet die Funktion oder den Zweck, abhängig von der sozialen Interpretation. Gibt man also einer Substanz eine bestimmte Funktion oder Zweck, so wird sie damit zum Mittel. Eine Beeinflussung des Zentralen Nervensystems muss allerdings nicht in jedem Fall ein Rausch sein. Sicherlich könnte man nun an dieser Stelle über das Wort Rausch lange diskutieren, aber man wird mir zustimmen, wenn ich sage,
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vorausgesetzt, dass man Koffein als Droge bezeichnet, dass niemand auf die Idee kommen würde, die anregende Wirkung einer Tasse Kaffee als Rausch zu bezeichnen. Natürlich ist ein Konsum von Kaffe mit der Intension, einen Rausch zu erzeugen möglich, aber ich unterstelle dem Verfasser der oben zitierten Textstelle, dass er das so nicht gemeint hat. Ein weiteres gutes Beispiel ist das Konstrukt ‚Drogenmissbrauch’. Allgemeinverständlich betrachtet bedeutet dies so viel wie maßloser Konsum und süchtiges Verhalten zusammen. Genau genommen ist aber das Gegenteil der Fall: Ein Stoff wird zur Droge, in dem ich ihn als Droge konsumiere. Der Gebrauch von Stoffen als Droge ist also Drogengebrauch. Drogenmissbrauch wäre demzufolge eine davon abweichende oder gegensätzliche Handlung, zum Beispiel Ecstasy-Pillen beim Kartenspielen als Spielgeld zu ‚missbrauchen’. Beispiele wie dieses finden sich viele. Ein Grund für diese ungenauen, umgangssprachlichen Bezeichnungen sind vielleicht historisch-gesellschaftlich geprägte Bilder von Drogen, ihren Wirkungen und ihren Bedeutungen auf die ich später noch eingehen werde. Ich möchte daher versuchen, mich auf objektive und wertneutrale Begriffe zu stützen, auch wenn dies die häufige Verwendung der gleichen Begriffe nach sich zieht und die sprachliche Flexibilität dieser Arbeit etwas schmälert.
2.1 Droge
„Drogen sind Genussmittel, wenn sie mäßig und kontrolliert genossen werden, Drogen sind Hilfsmittel zur Bewältigung psychischer Alltagsprobleme, Drogen sind Betäubungsmittel zur Linderung von körperlichem Schmerz, Drogen sind Suchtmittel, wenn der Konsum außer Kontrolle gerät, Drogen sind Zahlungsmittel zur Abwicklung illegaler Waffendeals, Drogen sind Druckmittel zur Durchsetzung autoritärer Law-and-order-Strategien. Das ist die Realität.“ (Amendt, 2000, S. 209)
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Der Begriff „Droge“ bezeichnet ursprünglich „getrocknete Arzneipflanzen oder deren Teile, die direkt oder in verschiedenen Zubereitungen als Heilmittel verwendet oder aus denen Wirkstoffe isoliert werden“ (PSCHYREMBEL 1994, S. 345).
Der Begriff der Droge findet seine Wurzeln in der mittelalterlichen Medizin und bezieht sich auf verschiedene Pflanzenteile die zu Heilungszwecken verwandt wurden. Heutzutage ist dieser Begriff eher alltagsgeprägt und steht im Allgemeinverständnis für illegalisierte Substanzen. Definitionen zum Begriff, oder besser Definitionsversuche, gibt es viele. Von der eingangs erwähnten recht klinischen Definition bis hin zu Gesetzestexten wie das Betäubungsmittelgesetz sind sie alle mehr oder weniger ungenau, je nach dem in welchen Bedeutungskontext sie benutzt werden:
Die im Betäubungsmittelgesetzt getroffene Regelung definiert alle Stoffe als Betäubungsmittel, welche im Anhang I-III aufgeführt sind (BtMG, Anhang I-III). Tatsächlich ist nur ein kleiner Teil der dort aufgeführten Substanzen zu der Substanzklasse der Narkotika (Betäubungsmittel) zu zählen. Im Gegensatz dazu treffen SCHEERER und VOGT in ihrem Buch eine Aussage die sich als eine möglichst wertneutrale versteht und von der Verwendung behafteter Begriffe wie Rauschmittel oder Rauschgift absieht. Ihr Drogenbegriff bezieht sich auf Mittel und Substanzen welche
„aufgrund ihrer chemischen Natur Strukturen oder Funktionen im lebenden Organismus verändern, wobei sich diese Veränderungen insbesondere in den Sinnesempfindungen, in der Stimmungslage, im Bewusstsein oder in anderen psychischen Bereichen oder im Verhalten bemerkbar machen“ (Scheerer; Vogt, 1989, S.6)
An dieser Art der neutralen, funktionalistischen Herangehensweise möchte ich mich für den folgenden Teil meiner Arbeit orientieren. Ebenso möchte ich für ausführliche Informationen über spezifische Substanzen den Besuch des Internetauftritts des Projektes Drugscouts unter www.drugscouts.de empfehlen. Im Verlauf der Arbeit werden einige Drogen genannt werden, deren genaue pharmakologischen Eigenschaften, sowie Herkunft und übliche Zubereitungen zu
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erklären den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Aus diesem Grund verzichte ich generell auf die Auflistung der üblicherweise als Partydrogen bezeichneten Substanzen und verweise auf die oben von mir erwähnte Internetseite.
2.2 Sucht
Auch die Ursprünge des Begriffs Sucht reichen weit in die Zeit zurück. Vom germanischen ‚siech’ oder ‚siechen’ für Kranksein reichen diese Wurzeln bis in unsere Zeit hinein und manifestieren sich in volkstümlichen Namen für Krankheiten wie Gelbsucht, Schwindsucht oder Wassersucht (vgl. Scheerer, 1995, S. 10f.) Dies erklärt auch den Ursprung der pathologischen Perspektive vieler Definitionsversuche, in denen Sucht als Krankheit und damit verbunden der Konsument als Patient, und damit als behandlungsbedürftig etikettiert wird. STIMMER definiert Sucht folgendermaßen:
„Unter Sucht versteht man ein unabweisbares, starkes Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. […] Man unterscheidet hier auch zwischen den stoffgebundenen und den stoffungebundenen Süchten. Das süchtige Verhalten entzieht sich zunehmend der wissentlichen Kontrolle und damit der Verantwortung des Betroffenen. Es muss immer wieder von Neuem befriedigt werden, der Süchtige kann von seiner Sucht nicht lassen, und häufig kommt es zu Dosissteigerungen. Weiterhin sind schädigende Folgen im körperlichen, psychischen und sozialen Bereich für süchtiges Verhalten charakteristisch.“ (Stimmer, 1998, S. 502 f.)
Wie ich später noch zeigen werde, ist diese Definition falsch. Die Aussage, der Süchtige könne von seiner Sucht nicht lassen ist angesichts bekannter Forschungsergebnisse nicht haltbar (vgl. Barsch, 2004). Trotzdem zeigt sie einen, für diese Arbeit wichtigen Aspekt zum Verständnis von Sucht: Deutlich wird hier, dass Sucht als ein Verhalten zu betrachten ist und damit grundsätzlich jedes Verhalten süchtige Züge annehmen kann. Deutlich tritt hier die Pathologisierung des Süchtigen zu Tage. Dies ist in soweit dogmatisch, da dadurch eine Institutionalisierung von Sucht vorbestimmt, und ein
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selbstbestimmter Ausstieg aus der Sucht bzw. ein lebenslanges Arrangieren mit Sucht quasi ad absurdum geführt wird. Eng verwandt zum Suchtbegriff steht das Phänomen der Abhängigkeit und wird in der Literatur meistens als Synonym verwandt. Dem schließe ich mich in dieser Arbeit an. Eine neutralere Art von Definition gibt SCHEERER:
„Sucht wird als hochgradige Fixierung bei der Suche nach einer Gefühlserfahrung verstanden, die sich das Individuum durch wiederholte Luststimulierung verschafft. Entscheidend ist nicht die Substanz, die konsumiert wird, sondern die Stärke, in der jemand sein Glücksstreben auf ein einziges Mittel konzentriert. Sucht ist ein bis zur Existenzgefährdung übersteigertes, verstandesmäßig unbeherrschtes und immer wiederkehrendes Verlangen nach einer Erfahrung, das alle anderen Werte und Aktivitäten in den Hintergrund drängt. Sucht ist streng genommen der missglückte Versuch einer Verewigung des Wohlbefindens, und im Gegensatz zum gelegentlichen Rausch ist es die Eigenart der Sucht, dass sie die Periodik des Genusses, den zeitlichen Wechsel von Rausch und Nüchternheit auf ein Minimum (und damit letztlich auf ein Kontinuum) zu bringen versucht.“ (zitiert nach Scheerer, Sebastian: Spezial: Sucht, Rohwohlt, Hamburg, 1995;
http://www.suchtzentrum.de/drugscouts/dsv3/a-z/S/sucht.html, gesichtet am 29.05.2007)
In der Regel wird eine Unterscheidung in physische Sucht/ Abhängigkeit und psychische Sucht/ Abhängigkeit vorgenommen. Die physische Abhängigkeit meint das Vorhandensein von Entzugserscheinungen. Die psychische Abhängigkeit orientiert sich vielmehr an einem starken Verlangen nach einem Erlebniszustand. Für meine Arbeit ist es nicht elementar, eine genaue Version einer Definition festzulegen, da der Begriff Sucht zwar mein Thema tangiert, aber es nicht bestimmt. Trotzdem ist die Unterschiedlichkeit der Definitionsversuche von Sucht ein Maß für die unterschiedliche Wahrnehmung von Sucht. STÖVER entfernt sich noch weiter vom pathologisch orientierten Ansatz und formuliert dagegen auch positive Aspekte von Sucht:
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„Sucht ist ein wesentlicher und nicht wegzudenkender Bestandteil unserer Gesellschaft; weniger im engen Sinne von Krankheit, sondern als Synonym für intensives, z.T. unreflektiertes, zwanghaftes Handeln, das aber letztlich auch Funktionalitäten, Vorteile aufweist, die uns Sicherheit, Struktur, kurz: Sinn im Alltag geben.“ (Stöver, 1999, S. 18)
2.2.1 verändertes Suchtverständnis
Ich möchte in diesem Abschnitt deutlich machen, dass entgegen zur landläufigen Meinung der klassischen Suchtspirale aus der es keinen Ausweg gibt, ein verändertes Verständnis von Sucht existiert. Dieses veränderte Verständnis ist eine Voraussetzung für meine Argumentation.
Die für meine Arbeit wichtige Erkenntnis aus der Suchtforschung ist die Existenz von Spontanheilern und Selbstheilern, welche ohne professionelle Hilfe abstinent werden können (vgl. Couso, 2002). Das Praktizieren kontrollierter Drogengebrauchsmuster, zum Beispiel bei den Substanzen Heroin und Ecstasy, und der Dauergebrauch psychotroper Substanzen ohne nennenswerte physische und psychische Schäden sorgen für Aufsehen. Die Möglichkeit einer erfolgreichen Einbindung einer kulturfremden Substanz in eine Gesellschaft im Sinne der Abwesenheit weit reichender negativer Folgen trug zu diesem Wandel bei. Verbindendes Element war die Einsicht, dass ein bestimmtes Verhalten immer an eine zeitliche und kulturelle Relativität gebunden ist (vgl. Schroers, Stöver,). Mit diesen Erkenntnissen musste die Ansicht von der generellen und unbeherrschbaren Destruktivität von psychotropen Substanzen ins Wanken geraten.
STÖVER (vgl. Stöver, 1999) geht so weit, zu behaupten, dass der einzige Unterschied zwischen Süchtigen und Nicht-Süchtigen die erhöhte
Selbstzerstörungsgeschwindigkeit ist. Nichtraucher sterben eben auch. Wo ist also die Grenze, bzw. der Übergang zur Sucht? In diesem Kontext wird Sucht nicht mehr als Krankheit, sondern als systematisches Geschehen betrachtet, welches in Krankheit münden kann (aber nicht muss) wenn alternative Ressourcen bedroht
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oder bereits verschwunden sind. Auf Grund eines gesellschaftlichen Wandels der oft unter den Schlagwörtern Pluralisierung der Lebenslagen und Individualisierung von Lebenskonzepten u.ä. diskutiert wird, kommt es zur Auflösung einer dipolaren Betrachtungsweise von Abstinenz vs. Akzeptanz. Abstinenz ist nach STÖVER eine Forderung von Minderheiten für Minderheiten. Was in bestimmten Subkulturen unter dem Begriff ‚Straight Edge’ (die absolute Abstinenz gegenüber allen als Drogen konsumierten Substanzen und strenger Vegetarismus) praktiziert wird, entpuppt sich oft als gelebte Doppelmoral. Was meint Abstinenz eigentlich? Und wer kann von sich sagen wirklich abstinent zu sein. Sofort drängt sich die Frage auf, ‚abstinent von was’? Und für wie lange? Kaffee ja, Tabak nein, Cannabis ab und zu? Medikamente ja, Alkohol nicht? An dieser Stelle ist es wichtig den systematischen Charakter der Problematik deutlich zu machen. Widersprüchlichkeiten sind hier normal und kein Zeichen einer verfehlten Diskussion. Vielmehr zeigen diese, dass dieses Feld immer im gesellschaftlichen, historischen, politischen usw. Kontext zu betrachten ist. SCHMIDT-SEMISCH unterscheidet drei große Kategorien der Suchtmodelle:
-sozialwissenschaftliche und psychologische Defektmodelle
-naturwissenschaftliche Modelle
-konstruktivistische und selbstreflexive Modelle „Eine entscheidende Neubewertung betrifft die Funktionalität der Sucht: Drogenkonsum innerhalb bestimmter (Sub-)Kulturen, von peer-groups, in besonderen biographischen Phasen und innerhalb bestimmter settings macht und verschafft (Lebens-)Sinn. Der Konsum und die Erfahrung und Übernahme des Sinn- und Bedeutungszusammenhangs mit ihrem jeweiligen Symbolgehalt werden erlernt und (sub-)kulturell ständig verändert. Genuss- und Erlebnisqualitäten bzw. Zuschreibungen stellen nur reduzierte Ausschnitte der komplexen Bedeutungswelt der Drogen in unserer Gesellschaft dar. Alkoholismus oder andere Abhängigkeiten auf Willensschwäche, Unsicherheit oder ein krankhaftes körperliches Verlangen zu reduzieren, wird dem Phänomen Abhängigkeit nicht gerecht, sondern liefert allenfalls den Betroffenen eine Erklärungsmatrix ihres Verhaltens, den Helfern eine Grundlage zur externen
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Intervention und zur beständigen Produktion von Leidensdruck (mit ziemlich vielen Mitteln). Die Gleichung abhängig = willensschwach/krank/hilfebedürftig […] und abstinent = stark/kontrolliert/geheilt bildet wieder eines der Schwarz-Weiß-Muster, welche die Drogendiskussionen so erschweren.“ (Stöver,1999, S. 20)
„Diese Alternativen bestehen vor allem in der Unterstützung eines risikoarmen Umgangs mit Drogen und darin, ein Leben ohne (oder mit weniger) Drogen vorstellbar und ein Stück weit lebbar zu machen.“ (Stöver, 1999, S. 21)
„Zu den wesentlichen, heute wissenschaftlich weitgehend akzeptierten Tatsachen gehören folgende:
bestimmte Formen des Konsums psychoaktiver Substanzen sind - durchausmit physischer, psychischer und sozialer Gesundheit vereinbar.
Drogenkonsum ist nicht nur destruktiv, sondern kann auch - persönlichkeitsförderndeund sogar schützende Aspekte haben. Drogenkonsum geht keineswegs zwangsläufig mit und/ oder - psychischenStörungen einher.
Drogenkonsum unterminiert nicht per se die Gesellschaft und - Gesundheitder Konsumenten“ (vgl. Barsch, 2004, S. 29)
Sucht stellt somit in der Literatur keinen festen Gegenstand sondern eine ganze Kategorie von Gegenständen dar. Wichtig für meine Arbeit sind die Aspekte des veränderten Suchtverständnisses. Sucht, und damit auch Drogenkonsum können zeitlich begrenzte Lebensabschnittsphasen darstellen. Sucht ist nicht zwangsläufig eine Folge von Drogenkonsum, ebenso wie auf Drogenkonsum nicht zwangsläufig Sucht folgen muss. Der Konsum illegalisierter Substanzen kann in die Lebenswelt eines Einzelnen integrierbar sein und bedeutet nicht den unmittelbaren sozialen
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Abstieg. Diese Tatsache hat Angebote wie Safer-Use und Drug-Checking nötig gemacht, auf die ich später eingehen werde.
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3. Drogenkonsum in modernen, pluralen Gesellschaften
„Die Mehrheit aller Konsumenten und Konsumentinnen von legalen wie von illegalen Drogen nimmt sozial integriert und selbstbestimmt am
gesellschaftlichen Leben teil und ist auf keines der Versorgungssysteme angewiesen. Sie nehmen Ecstasy und werfen Psychopillen, sie inhalieren Nikotin und ziehen Marihuana, sie drücken Heroin und sniefen Koks, sie trinken Bier und kippen Schnaps, ohne aufzufallen und ohne auszusteigen. Das ist die Realität, der mit moralischen Appellen und prohibitiven Maßnahmen nicht beizukommen ist. Der dauerhafte exzessive Konsum von psychoaktiven Substanzen ist höchst riskant, daran kann kein Zweifel bestehen. […] Doch die Bereitschaft der Subjekte, Risiken in Kauf zu nehmen, ist gewachsen - und sie wird weiter wachsen. Deshalb wird die Erziehung zur Drogenmündigkeit und die Befähigung zum Risikomanagement zu einer der wichtigsten Aufgaben einer realitätsgerechten Präventionspolitik werden.“ (Amendt, 2000, S. 198) Die traditionelle Fokussierung unserer abendländischen Kultur auf eine Kulturdroge, in unserem Fall Alkohol, hat sich längst aufgelöst. Es lässt sich reflexiv beobachten, dass mit einer Horizonterweiterung unserer Gesellschaft auch neue Substanzen den Weg in den Kreis der kulturinhärenten Drogen gefunden haben. Die Kolonialzeit brachte den Kaffee, den Tabak. Die Epoche der Aufklärung, und damit auch die Emanzipation der Wissenschaften führte zur Entdeckung weiterer Substanzen. Die Isolierung der reinen Wirkstoffe aus Naturdrogen brachte nicht nur den Segen neuer Medikamente mit sich, sondern auch neue Wege, veränderte Bewusstseinszustände zu induzieren. Heutzutage hat der Substanzkonsum in vielen Alltagsbereichen Einzug gehalten und gehört zur Normalität. Ob nun als Genuss-, Rausch- oder Arzneimittel konsumiert spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle und unterstreicht nur noch mehr den pluralen, mulitintensionalen Charakter des Drogenkonsums. Somit kann jeder Lebensstil sein eigenes Konsummuster enthalten. Das Spektrum verfügbarer Substanzen erlaubt es dem Konsumenten, den Konsum an das ganze Spektrum seiner persönlichen Lebenswelt anzupassen wie ein Schneider den Anzug an den Kunden. :
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„So findet die ‚Pluralisierung der Lebensstile’ ihre Entsprechung in der ‚Pluralisierung der Drogenkonsumkultur. […] Die Auseinandersetzung mit psychoaktiven Substanzen ist in unserer Gesellschaft für (fast) alle Bürger eine Herausforderung, der sie sich in verschiedenen Lebensphasen auf je spezifische Weise stellen müssen. Zu einem der aktuellen Situation angemessenen Umgang mit diesen Drogen zu finden, ist somit ein lebenslanger Prozess. Ein Blick auf die legal zugänglichen Drogen verdeutlicht, dass sich dabei nur wenige Menschen für die völlige Abstinenz entscheiden.“ (Barsch, 2004, S. 30)
3.1 Grundströmungen der drogenpolitischen Diskussion, öffentliche
Wahrnehmung und zugrunde liegende Menschenbilder
Wie schon der Definitionsversuch von Sucht zeigen konnte, gibt es in unserer Gesellschaft die unterschiedlichsten Betrachtungs- und Bewertungsweisen von Sucht, und dem vorausgehend, von Drogenkonsum. Die Art der Betrachtung lässt auf gewisse Menschbilder schließen, welche ihr zugrunde liegen. Wichtig ist dies für diese Arbeit in so weit, als dass das Bewusstsein über diese Sichtweisen die Notwendigkeit eines Umdenkens erkennen lässt und eine radikal-akzeptierende Grundhaltung gegenüber drogengebrauchenden Menschen nachvollziehbar macht.
3.1.1 Drogenkonsum als kriminell-abweichendes Verhalten BÖHNISCH bezieht sich auf E. Durkheim (1893/1897). In dessen Anomieparadigma beschreibt er Anomie folgendermaßen:
„Anomie ist ein sozialer Zustand, in dem das Kollektivbewusstsein geschwächt ist und die Handlungsziele unklar werden, weil die in der Gesellschaft verankerten moralischen Überzeugungen versagen“ (Böhnisch, 1999, S. 26) Damit ist Anomie und damit verbundenes abweichendes Verhalten integraler Bestandteil einer jeden modernen Industriegesellschaft. Abweichendes Verhalten ist damit quasi ‚normal’. Dadurch bekommt es in einem gewissen Sinne die Rolle
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eines Zivilisationsmotors. Das besondere am Anomieparadigma ist nun aber die Überwindung der Täterzentrierung und die Fokussierung auf die eigentliche Tat: „Daher können nicht individuelle Täter Gegenstand der Analyse werden (sie sind ja prinzipiell austauschbar), sondern die Tat selbst steht im Zentrum der Überlegungen. […] Die strukturelle Diskrepanz zwischen dem, was die Gesellschaft kulturell und sozial (immer wieder neu und abgewandelt) vorgibt, und den Mitteln der Individuen, die gesellschaftlichen Ziele zu erreichen, führt zur Anomie und in deren Gefolge - weil damit auch die Individuen nicht nur die Bindung zur Gesellschaft, sondern nach der Integrationslogik der modernen Arbeitsteilung auch untereinander soziale Bindung und Gegenseitigkeit verloren haben - zu abweichendem Verhalten. “ (BÖHNISCH, 1999, S. 26 f.) Der Wandel von der vorindustriellen, eher traditionell geprägten Gesellschaft zu einer modernen, pluralisierten und individualisierten, führt zu
Strukturveränderungen. Das Generationsprinzip der Normaushandlung und Normdurchsetzung ist nach BÖHNISCH nicht mehr so leicht kalkulierbar. Individualisierung und die Herausbildung von (Sub-)Kulturen machen eine tradierte Normaushandlung schwierig. Tatsächlich scheint abweichendes Verhalten als eine normale Komponente des öffentlichen Lebens in der Gesellschaft angekommen zu sein.
Darum ist es wichtig, abweichendes Verhalten nicht als Qualität zu verstehen, sondern als Ergebnis eines Interaktionsprozesses zwischen einem handelnden Individuum und der Gesellschaft, welche Erwartungen an das Individuum stellt. Es entsteht, indem es als solches empfunden und bezeichnet wird: „Abweichendes Verhalten ist keine Qualität, die im Verhalten selbst liegt, sondern in der Interaktion zwischen einem Menschen, der eine Handlung begeht, und Menschen, die darauf reagieren.“ (Becker, 1981, S. 13) Diese Wahrnehmung orientiert sich an Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens, welche Handlungen gebilligt werden oder erwünscht sind, und welche unerwünscht sind, und gegebenenfalls sanktioniert werden. Der scheinbare Idealtyp einer solchen Regel ist die Gesetzgebung mit ihrem Anspruch der Eindeutigkeit und Omnipräsenz. Eine solche Regel zu brechen stellt nach BECKER
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allerdings noch kein abweichendes Verhalten dar. Das Verhalten muss entdeckt werden. Im Falle einer Wahrnehmung des Verhaltens obliegt die Bewertung desselben als abweichend der Gruppe, welche an der Durchsetzung der erstellten Regeln Interesse hat. Diese Gruppe verfügt in der Regel gleichzeitig über die Macht, das gezeigte Verhalten zu sanktionieren, zu strafen. Diese Reaktion ist allerdings nicht immer gleich. Sie kann mit den gesellschaftlichen, persönlichen und zeitlichen Umständen variieren. Als Ergebnis bedeutet das, dass eine Person für ein gezeigtes Verhalten, zum Beispiel der Konsum einer illegalisierten (unerwünschten) Substanz, in einer Situation drakonische Strafen zu erwarten hat, in einer anderen bleibt das Verhalten möglicherweise folgenlos. Daraus kann man schlussfolgern, dass die Reaktion davon abhängt, wer das Verhalten zeigt, und wer es beurteilt und in welchen chronologisch-gesellschaftlichen Kontext die Situation verortet ist.
3.1.2 Abweichendes Verhalten und (jugendliche)Subkultur
Die Theorie der Subkultur geht zurück auf die ‚Chicagoer-Schule’ und wurde in den 30iger Jahren des 20. Jahrhunderts in den USA formuliert. Es ging darum zu erklären, wie es den ethnisch pluralen Gruppen, welche in dieser Zeit in die vereinigten Staaten emigrierten, gelang, sich in die dort etablierten gesellschaftlichen Werte und Normen zu integrieren, und dennoch ihre eigenen kulturellen Traditionen und Bezüge beizubehalten. Dies, so BÖHNISCH, gelang, und gelingt bis heute, durch die Bildung von Subkulturen. Strukturell betrachtet bedeutet das, dass sich innerhalb einer Gesellschaft Gruppen sozialräumlich von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen. Bis hin zur Ghettoisierung. Diese Art der Abgrenzung geschieht durch die Aufstellung eigener Norm- und Wertsysteme. Somit sind Subkulturen als ein sozialstrukureller Mechanismus zu verstehen, der es möglich macht, das teilweise gegensätzliche und widersprüchliche Normen des Zusammenlebens nebeneinander bestehen können. Dieses Prinzip hat Auswirkungen auf abweichendes Verhalten: „Abweichendes Verhalten tritt ein, wenn die Normen einer Subkultur auch dann gegenüber der Gesellschaft vertreten und befolgt werden, wenn sie deren
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Normen widersprechen, wenn also die Balance zwischen subkultureller und gesamtgesellschaftlicher Normorientierung -hier liegt auch der
anomietheoretische Einschlag des Subkulurkonzepts - nicht mehr gegeben ist.“ (Böhnisch, 1999, S. 57)
In diesem Licht betrachtet liegt die Vermutung nahe, dass der Konsum illegalisierter Substanzen als ein abweichendes Verhalten eine gesellschaftliche Funktion erfüllt, ja, als Notwendigkeit betrachtet werden könnte, die sich immer wieder aus der Gesellschaft heraus allegorisiert. Vorausgesetzt, man akzeptiert die aktuellen Verhältnisse als diejenigen, die dieses Verhalten provozieren. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, in wie weit eine Verfolgung und Bestrafung dieses Phänomens überhaupt Sinn macht, oder ob hier nicht Ressourcen verbraucht werden, die, anders eingesetzt, möglicherweise für die Gemeinschaft vorteilhaftere Effekte erbringen könnten.
3.1.3 Drogenkonsum als sozial erlerntes Verhalten
Im Zuge der Sozialisation nimmt das Soziale Lernen eine zentrale Rolle im Entwicklungsverlauf von Jugendlichen ein. Entsprechend seiner Möglichkeiten und vorhandenen Perspektiven sucht sich das Individuum Bezugsgruppen, wobei das Maß der Attraktivität entscheidend für die Wahl der Gruppe ist. Nach BÖHNISCH misst sich die Attraktivität einer Gruppe daran, in wie weit das Individuum in ihr Selbstwertsteigerung und soziale Anerkennung erfahren kann. Schließt die Teilhabe in der entsprechenden Gruppe deviantes Verhalten ein, so hängt es wiederum davon ab, ob das Verhalten übernommen wird oder nicht, in wie weit Techniken der ‚Neutralisierung’, also die Abwehr von Schuldgefühlen und Rückbezügen zu früheren Verhalten, angewandt werden können. In einer Pluralen Gesellschaft wie unserer, mit nichthomogenen Wert- und Normvorstellungen, existieren viele alternative soziale Bezugssysteme. Gesellschaftliche Teilhabe kann sich darum nicht primär am übergeordneten System orientieren, sondern an der spezifischen Gruppe oder auch an der Subkultur, zu der sich das Subjekt zugehörig fühlt. Somit ist das Hineinwachsen in
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konventionelle und unkonventionelle gesellschaftliche Bindungen ein Aspekt von Sozialisation, bei dem es letztlich keine Frage der Qualität ist, ob ein übernommenes Normgefüge ‚allgemein’ akzeptiert ist, oder nicht. Die Wahl der Bezugsgruppe wird abhängig von den eigenen Interessen und persönlich vorhanden Handlungsalternativen getroffen. Die Lernmotive für ein bestimmtes Verhalten sind dabei gleich, die Inhalte allerdings unterschiedlich. So kann man die Annahme treffen, dass eine pluralistisch angelegte Gesellschaft die Ausbildung von einem als deviant bewertetes Verhalten provoziert. Für mein Thema bedeutet das, dass, wenn es subkulturelle Formen gibt, in denen Drogenkonsum, und vor allem der Konsum illegalisierter Drogen, nicht nur allgemein akzeptiert und als erstrebenswert erachtet wird, es für das Subjekt, welches nach Teilhabe in dieser Gruppe strebt notwendig ist, dieses Verhalten im Sinne von Sozialen Lernen zu übernehmen und in sein eigenes Norm- und Wertsystem möglichst widerstandsfrei zu integrieren. Ein wichtiges Element der Interaktion, welches das Individuum dahingehend unterstützt, bildet die peer-group, die durch Kontakte das entsprechende Verhalten vorlebt. Somit handelt die Person den vermittelten Inhalten entsprechend.
Gestützt wird dies von BECKER, wonach der Verlauf des Konsumverhaltens maßgeblich davon abhängig ist, in wie weit das Verhalten im Bezug zur Gruppe eine ‚Wertsteigerung’ der eigenen Person beinhaltet. Wird das Verhalten (Konsum illegalisierter Substanzen) als sinnvoll und gewinnbringend bewertet, entwickelt das Subjekt eine alternative Bewertung seines Verhaltens, die von denen der übergeordneten Gesellschaft abweichen, und von dieser auch so bezeichnet werden können. Mit einer längerfristigen Beibehaltung des Verhaltens nimmt die Person möglicherweise zunehmend Differenzen zwischen dem gesellschaftlich geprägten Vorstellungen des Selbigen und den eigenen, eventuell davon abweichenden Erfahrungen wahr. Dies macht eine individuelle generalisierte Neubewertung und Neustrukturierung des normativen und moralischen Handlungshorizonts der spezifischen Situation möglich. Das konventionelle Moralverständnis von illegalisiertem Drogenkonsum wird revidiert und durch emanzipierte Auffassungen ersetzt (vgl. Strieder, 2001, S. 107).
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Drogenkonsum muss nicht immer die Folge defizitärer Entwicklung oder mangelnder Handlungsalternativen sein. Ebenso kann der Konsum illegalisierter Substanzen ein Aspekt von gesellschaftlicher Teilhabe darstellen. Somit wird auch das Bild von ‚kontrollierten und integrierten Nutzen (Usern) illegalisierter Substanzen nachvollziehbarer.
3.1.4 Drogenkonsumenten als Kranke
Das Grundkonstrukt bei der Betrachtung von Drogenkonsumenten als Kranke lässt sich auf den Begriff des ‚Defizit-Wesen’ (vgl. Weber / Schneider, 1993, S. 47) reduzieren. Demnach ist die Handlungsursache im Persönlichkeitsprofil des Konsumenten zu finden. Hier existieren zwei dominante Argumentationsmuster, das Krankheitsmodell und das Defizitmodell. Erstes geht von einer ‚zur Sucht prädisponierten Persönlichkeit’ aus und bezieht sich dabei auf die pathologische Auslegung von Sucht.
Das Defizitmodell vertritt die Annahme einer ‚aufgrund von bestimmten Sozialisationsbedingungen geschädigten Persönlichkeit’ (vgl. Kettner, 2002). Innerhalb dieses Verständnisses werden Drogenkonsumenten als „ichentkernt, willensschwach, handlungsunfähig, neurotisch, konfliktbesetzt, narzisstisch gestört und überhaupt ‚schwer süchtig‘“ angesehen. (SCHNEIDER 1996, S. 14) Zurückzuführen ist diese medizinisch geprägte Sichtweise auf die damalige Hilflosigkeit, mit einem so vielschichtigen und interdisziplinären Begriff, wie Sucht, umzugehen. Mit der Etablierung der Psychiatrie als autonome medizinische Fachrichtung war eine Institution entstanden, die vermeintlich wie geschaffen war, die ‚Problemfälle’ aufzufangen und zu kategorisieren und damit behandelbar zu machen. Dies setzt allerdings eine Etikettierung als krank voraus. Die wissenschaftliche Diskussion des Themas und die Fachliteratur bewegten sich vorwiegend in einem psychiatrisch-pathologischen Radius und waren eine Ursache für die, bis teilweise in die heutige Zeit hineinreichende, dominierende pharmakologische Auffassung von Suchtentstehung und Suchtverlauf. (vgl. Scheerer / Vogt, 1989)
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Für den Umgang mit den Konsumenten von illegalisierten Substanzen ist dieses Konstrukt äußerst zweckdienlich. Die Logik ist bestechend: Dadurch, dass ein Individuum als krank etikettiert wird, scheint die Notwendigkeit von Hilfe nachgewiesen. Diese erfolgt institutionalisiert und ist straff organisiert. Durch die Definierung von Sucht als Krankheit ergibt sich für die Betroffenen eine passive Rolle, welche auch eine fremdbestimmte Therapie zu rechtfertigen scheint: Der Abhängige ist ungewollt und nicht selbst verschuldet ‚erkrankt’: „Die dominierende […] ausschließlich pathologisierende und problemzentrierte Blickrichtung zur Erklärung von >>Drogenabhängigkeit<< begründet die Definition von Gebrauchern illegalisierter Drogen als generell
behandlungsbedürftige Klienten, für deren Behandlung und Rehabilitation sich eine Vielzahl von >>Experten<< als zuständig betrachtet. Dies jedoch ohne ein entsprechendes >>Klientenmandat<<, obwohl die Behandlungspflicht
beispielsweise in der Medizin aus dem Behandlungsauftrag des >>Patienten<< erfolgt.“ (Schneider / Stöver, 2000, S. 25f.)
Da die Eigenverantwortung in diesem Prozess in Frage gestellt wird, ist auch der Weg aus der Abhängigkeit nicht zwangsläufig selbstbestimmt. Klein ist hier der Schritt zu einer Einschränkung der Persönlichkeit, einer Entmündigung und Entsubjektivierung der Konsumenten. Das Prinzip von ‚Therapie statt Strafe’ sorgt für einen steten Nachschub von ‚bereitwilligen’ Patienten und das Maß der Eigenmotivation, das unerwünschte Verhalten zu ändern oder davon zu lassen, darf hier in Frage gestellt werden.
3.1.5 Drogenkonsum als natürliche Bedürfnisbefriedigung
KANITSCHEIDER verweist auf die ursprüngliche Verwendung von psychoaktiven Substanzen in 90% aller bekannten Kulturen. Hierfür gibt es viele Beispiele. Angefangen bei Hanfsamen und Mohnkapseln, welche man als steinzeitliche Grabbeigaben fand, über den Gilgamesch-Epos, in dem der Alkohol als Kulturkatalysator gepriesen wird und die dionysischen Kulte der Griechen, hinüber in unsere Zeit, in der sich viele Kulturen psychoaktiver Substanzen aus
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Pflanzen- und Tierwelt, und aus dem Reagenzglas zur Bewusstseinsveränderung bedienen. Dies zeigt, wie eng Drogen mit der Menschheitsgeschichte verwebt sind. Daraus wird abgeleitet, das das Streben nach außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen quasi als ‚fünfter Trieb’, neben dem Trieb nach Nahrung, Lebenserhaltung, körperlicher Nähe und Fortpflanzung betrachtet werden kann. So könnte der Orgasmus quasi als ein ‚Modellrausch’ betrachtet werden, aus dem auch Leben entspringt und somit die Quelle dieses Strebens darstellen kann. Unsere abendländische, christlich geprägte Kultur, steht historisch bedingt der ungezügelten Hingabe zu einer freizügigen Sexualität und dem hemmungslosen Rausch eher skeptisch gegenüber. Dies ist jedoch nicht in allen Kulturen so. Nach KANITSCHEIDER ist dieses Streben nach solchen Erfahrungen in jedem Menschen verwurzelt. Seiner Meinung nach werden sich in Analogie zur Emanzipation der Sexualität (zumindest in der westlichen Kultur) auch die Emanzipation des Rausches und der freie Umgang mit dem eigenem Körper und dem eigenen Bewusstsein durchsetzen. In diesem Zusammenhang spricht er dem Staat auch eine ordnende, und keine moralisierende Rolle zu. „Er (der Staat, d.V.) muß dafür sorgen, dass zwar jeder Einzelne seine Privatinteressen verfolgen kann, dass aber auch niemand Anderem aus diesen Handlungen Nachteile erwachsen. Es ist nicht einzusehen, dass dieser einfache Grundsatz nicht auch auf den Umgang mit Drogen übertragen werden kann.“ (Kanitscheider, 2000, S. 238)
3.2 Drogenpolitik
Nach dieser Übersicht über die Menschenbilder, welche Drogenkonsum zugrunde liegen können, möchte ich anhand der aktuellen Drogenpolitik unseres Landes kurz zeigen, wie diese Menschenbilder in den Umgang einfließen, den unsere Gesellschaft mit Drogenkonsum und Sucht pflegt und welcher sich in der Drogenpolitik artikuliert.
Überspitzt gesagt bewegt sich der Begriff der Drogenpolitik zwischen dem Bild einer drogenfreien Gesellschaft und dem Bild einer freien Drogengesellschaft. Innerhalb dieses Spektrums befinden sich auch die formulierten drogenpolitischen
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Ziele der unterschiedlichen Interessengruppen. Aus dem Umstand heraus, dass es sich hierbei nicht um einen juristischen, sondern eher um einen Alltagsbegriff handelt, könnte man folgende Eingrenzung vornehmen:
„Insofern kann man mit Drogenpolitik jenen Teil der Politik benennen, der sich mit Drogen, Drogengebrauch, Drogenmissbrauch sowie mit Strategien gegen sozialschädlichen Drogenkonsum und -handel beschäftigt.“ (Jungblut, 2005,S. 275)
Der überwiegende Teil der in der Bundesrepublik Deutschland betriebenen Drogenpolitik ist Prohibitionspolitik. Dies bedeutet, dass der Staat die Absicht verfolgt, einen gemeinschafts-und sozialschädlichen Konsum von
bewusstseinsverändernden Substanzen zu kontrollieren und zu minimieren. Um dies zu erreichen kommt er nicht um hin, in die Freiheit des Individuums einzugreifen. Aus diesem Grund bedarf es in einer Demokratie einer plausiblen juristischen Legitimation. Diese ist eine Frage der Argumentation. JUNDBLUT nennt hier beispielhaft den Schutz der Volksgesundheit, den Schutz der Jugend und die Sicherung der Erwerbsfähigkeit und ähnliches (vgl. Jungblut, 2005). Die Mittel der Wahl sind in der Regel Strafe und Therapie. Gestützt von den Prinzipien der Kriminalisierung und der Pathologisierung. JUNGBLUT unterscheidet grundsätzlich zwischen aktiver und reaktiver Drogenkontrolle als Instrument der staatlichen Drogenpolitik.
3.2.1 Aktive Drogenkontrolle
Unter aktiver Drogenkontrolle können nach SCHEERER und VOGT alle Maßnahmen verstanden werden, die einen unerwünschten Konsum illegalisierter Substanzen verhindern sollen. Dabei sind die zwei Mittel der Wahl zum einen der Versuch, die Verfügbarkeit solcher Substanzen weitestgehend zu verhindern, zum anderen wird auf der Konsumentenseite das Ziel verfolgt, durch gezielte Maßnahmen wie Kampagnen oder Erziehung die Konsummotivation in der Bevölkerung möglichst niedrig zu halten.
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Die Einschränkung der Verfügbarkeit von illegalisierten Substanzen wird von der Institution des Bundesgesundheitsamtes (BGA) geregelt. Im Rahmen der aktuellen Gesetzgebung werden fünf Grade der Verfügbarkeit unterschieden (vgl. Kettner, 2002): Freiverkäuflichkeit; - beziehtsich vor allem auf so genannte ‚Alltagsdrogen’ wie Kaffee oder Alkohol und ist lediglich durch Jugendschutzbestimmungen eingeschränkt Apothekenpflichtig / Verschreibungspflichtig; - beziehtsich hauptsächlich auf Medikamente und wird über das Arzneimittelgesetz geregelt Sonderrezeptpflicht; - beziehtsich auf Substanzen, welche im Anhang III des BtmG aufgeführt sind und dürfen nur von Ärzten, Zähnärzten und Tierärzten verschrieben werden, ein vorhandenes Betäubungsmittelrezept vorausgesetzt. Dies wird in der Regel nur in Ausnahmefällen und nach eingehender Prüfung ausgestellt. Verschreibungs- und Verkehrsverbot; - Hierwird zwischen Substanzen unterschieden, die generell als gesundheitsgefährdend eingestuft werden und nicht verkehrsfähig sind (z.B: LSD, Heroin, MDMA, GHB, Psilocybin, Kokain, THC etc.), und denen, welche als Rohstoffe oder Zwischenprodukte für als gesundheitsgefährdend eingestufte Substanzen dienen können (Cannabiskraut, Schlafmohn, Cocablätter, Methadon etc.). Letztere können in bestimmten Fällen, z.B. zur wissenschaftlichen Untersuchung oder bei einem begründeten öffentlichen Interesse in Ausnahmefällen verfügbar gemacht werden. Diese werden als verkehrs- aber nicht verschreibungsfähig bezeichnet. Eine genaue Erklärung zu den oben erwähnten Substanzen ist unter www.drugscouts.de anzusehen. Alternativ empfehle ich die Lektüre von RÄTSCH (1998).
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Die Senkung der Konsummotivation wird im Allgemeinen durch mediengestützte Kampagnen betrieben. Die federführende Institution ist hier die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) in Köln. Die Wirksamkeit solcher Kampagnen muss allerdings bezweifelt werden. Zum einen verlieren Kampagnen wie ‚Sieger brauchen keine Drogen’ schnell an Glaubwürdigkeit, wenn parallel die Protagonisten von Pharmakonzernen oder Alkohol- bzw. Tabakindustrie gesponsert werden und dies offen zur Schau stellen, zum anderen, so SCHEERER und VOGT, ist es weitaus schwieriger, für das Unterlassen einer Handlung zu werben, als für das Ausüben.
3.2.2 reaktive Drogenkontrollen
Der maßgebliche Unterschied zur aktiven Drogenkontrolle ist der nachträgliche Charakter, also nach einem unerwünschten Konsum erfolgend. Die Maßnahmen beziehen sich auf ein in der Vergangenheit liegendes abweichendes Verhalten und zielen dennoch auf die Zukunft ab. Grundinstrument ist die Kontrolle und gezielte Verfolgung des Handels mit illegalisierten Substanzen. Polizei und
Bundesgrenzschutz verfolgen Konsumenten und Händler, konfiszieren gefundene Substanzen und vernichten diese. Aufgefallene Händler und Produzenten werden bestraft, geregelt durch das Betäubungsmittelgesetz und das Strafgesetzbuch (vgl. Scheerer / Vogt, 1989, S. 31 ; Kettner, 2002), Konsumenten therapiert / bestraft. Hier greift das Prinzip von Kriminalisierung und Pathologisierung; der Kriminelle erhält seine Strafe und der Kranke seine Therapie.
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4. Akzeptanzorientierte Drogenarbeit - eine Übersicht
4.1 Historische Aspekte der Drogenarbeit in der BRD
4.1.1 Von der Abstinenz zur Akzeptanz - ein Paradigmenwechsel im Wandel der Zeit
STING und BLUM verweisen auf historische Vorläufer der Suchtprävention in der Nachkriegszeit, sprechen diesen aber allenfalls einen nicht-kontinuierlichen Charakter zu. So gab es um 1900 erste Bestrebungen, Alkoholismus als Krankheit zu bezeichnen und erste gesetzliche Regelungen kamen auf. Diese hatten jedoch eher einen restriktiven Charakter und sahen Strafen wie Entmündigung und Zwangseinweisung, bis hin zur Zwangssterilisation, vor. Betonenswert ist jedoch die ausschließlich negativ gefärbte Sichtweise auf das Problemfeld. Positive Eigenschaften des Alkoholkonsums wurden ausgeblendet und flossen in die Bewertung des Phänomens nicht mit ein. Ebenso wurde Morphiumsucht als solche erkannt und medizinisch beschrieben. Skurrilerweise wurde diese damals mit Kokain behandelt, was nicht selten zu einer Suchtverlagerung führte (vgl. Scheerer/ Vogt, 1989, S. 44).
„Suchtprävention geriet damit von Anfang an unter den bis heute schwer widerlegbaren Verdacht der Ausbreitung einer Kontroll- und Defizitlogik, die das Verhalten ihrer Zielgruppen verändernd beeinflussen will, und dabei die illusionäre Norm des rationalen, allseits nüchternen und drogenfreien Menschen auszeichnet.“ (Sting/ Blum, 2003, S. 14)
Angestrebtes Langzeitziel war seid dem die langfristige Verhaltensänderung. 1928 wurde auf dem 47. Deutschen Ärztetag mit der Etablierung der „Leitsätze über Suchtgifte und Giftsuchten“ der Grundstein für eine vereinheitlichte und standardisierte Betrachtung und Behandlung von Sucht als Krankheit gelegt. Der Pathologische Gedanke war tonangebend, Einweisung in geschlossene Anstalten und Entzug waren die gängigen Mittel der Hilfe (vgl. Gerlach/ Engemann, 1996, S.
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14). Sucht als Krankheit und Abstinenz als Allheilmittel prägten das Wesen der Suchtbehandlung und Drogenarbeit bis in die 60er Jahre. In den fünfziger Jahren kam es in den Vereinigten Staaten zu einer regelrechten Drogenwelle, die sich immer mehr ausbreitete und schließlich ab spätestens 1965 auch bis nach Europa schwappte (vgl. Pereira, 1999, S. 59). Dies waren keine neuen Substanzen, aber der Konsum als vor allem jugendliches Phänomen in Verbindung mit subkulturellen Entwicklungen war neu. In Folge der Verbreitung illegaler Drogen in den 60er Jahren entwickelte sich die neuere Drogen- und Suchtdiskussion. STING und BLUM führen dies auf eine damit verbundene Stigmatisierung und Dramatisierung des Gebrauchs illegalisierter Substanzen zurück, welcher jedoch nicht Tatsachen zugrunde lagen, sondern dies eher eine Folge der „besonderen Entwicklungsbedingungen und symbolischen Implikationen“ (vgl. Sting/ Blum, 2003, S. 13)
Dazu kam, dass in der zweiten Hälfte der 60er Jahre dieser Drogenkonsum in Verbindung mit der Hippie-Bewegung zum Teil einer Jugendkultur wurde. Neue, alternative Formen des Zusammenlebens und eine emanzipierte
Gesellschaftskritik führten in Verbindung mit dem erwähnten Substanzkonsum zu einer Verknüpfung beider Elemente, Jugendkultur und Drogenkonsum, in der öffentlichen Wahrnehmung. Der Eindruck der Gefährlichkeit war entstanden und verdichtete sich zum ‚Kampf gegen Drogen’. Unterstützt wurde der Eindruck der Gefährlichkeit möglicherweise durch die nicht mehr richtig funktionierende Normen- und Wertevermittlung über die Generationen. Im Zuge der Entwicklung von Subkulturen entstanden parallel dazu neue alternative Lebensentwürfe. Tradierte Lebensweisen wurden nicht mehr ohne weiteres Übernommen und teilweise strikt abgelehnt. Auf die soziologischen Hintergründe dieses Phänomens werde ich später noch eingehen.
Im Zuge dieser Entwicklung wurde 1967 die BzgA, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, ins Leben gerufen und 1971 das BtMG, das Betäubungsmittelgesetz eingeführt. Im gleichen Jahr wurden Themen wie Sucht und Drogen in die Curricula der Schulen aufgenommen. Eine ‚negative’ Stoffkunde begleitete die Kriminalisierung vieler Substanzen und unterstützte damit die Entstehung von Drogenmythen, welche vom Konsum abschrecken sollten. Dies
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führte zu einer Meinungsspaltung zwischen der ‚Normalbevölkerung’, die in ihrer ablehnenden Sichtweise bestätigt wurde, und den Konsumenten, für die die Diskrepanz zwischen eigener und öffentlicher Wahrnehmung unübersehbar war. Dies hatte subkulturelle Effekte der Abspaltung zur Folge. Die Kollidierung von konservativen Betrachtungs- und Herangehensweisen, und den Tatsächlichen Bedingungen blieb nicht Wirkungslos. Kriminalisierung und Stigmatisierung konnte die Ausbreitung oder das Fortbestehen einzelner Substanzen nicht verhindern.
„Die damals praktizierte Suchtprävention entsprach in hohem Maß einer Drogenpolitik, die auf den drogenfreien Menschen orientierte und Grundlagen schuf für therapieorientierte Änderungsstrategien auch gegen den Willen der Konsumenten.“ (Barsch, 2004, S: 27)
Durch diese Einsicht bedingt setzte in der Fachwelt Anfang der 80er Jahre ein Umdenken ein. Dieser Paradigmenwechsel kann allgemein als der Wechsel von der Drogen- zur Suchtprävention bezeichnet werden. Merkmal war der Fokus auf die Ursachen von Sucht, jenseits vom Aspekt der Kriminalität. Sucht war somit nicht mehr nur eine Folge der Wirkung von verbotenen Substanzen, sondern wurde als prozesshaftes Problembild verstanden, an dem der Betroffene aktiv Anteil hat (vgl. Sting/ Blum, 2003, S. 16) Ab diesem Zeitpunkt wurde auch die Trennung zwischen legalen und illegalisierten Substanzen bei der Betrachtung von Sucht nicht mehr vollzogen. Sucht wurde als Prozess verstanden, der durch multiple Faktoren bestimmt wird. Das ‚Sucht-Dreieck’, in dem die Ursachen für Sucht in den Faktoren ‚Person’, ‚Umwelt’ und ‚Droge’ zu finden seien, war das wichtigste Modell der Wissenschaft (vgl. Kielholz und Ladewig, 1973).
Ebenfalls wurde zwischen den Begriffen Konsum, Sucht und Abhängigkeit differenziert. Auch der Umgang mit Rausch und Ekstase und dessen Bewertung in der Gesellschaft erfuhr einen Wandel. So wurde jugendlichem Alkohol- und Drogenkonsum durchaus auch eine entwicklungsrelevante Eigenschaft zugesprochen:
„Jugendlichen wird eine Suche nach Risiken, Grenzüberschreitungen und problematischen Selbsterprobungen zugestanden, die zur sozialen
Selbstverortung und Persönlichkeitsbildung in modernen Gesellschaften
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notwendig zu sein scheint. Erst das Scheitern der individuellen Entwicklung führt zur Sucht. Suchtprävention hat demnach an der Entwicklungsförderung anzusetzen.“ (Sting/ Blum, 2003, S. 16)
Parallel zu diesem historischen Abriss stellt FRANZKOWIAK die historische Perspektive der Drogen- und Suchtprävention als Phasenmodell in vier Phasen vor (vgl. Franzkowiak, 2002, S. 107 - 124): Phase 1: Drogenerziehung und Drogenprävention - Phase2: Ursachen- und Hilfeorientierte Suchtprävention - Phase3: Suchtprävention und Gesundheitsförderung - Phase4: Suchtprävention und Gesundheitsförderung durch - Ressourcenstärkung,Lebens- und Risikokompetenzförderung, Risikobegleitung
Zusammenfassend zeigt sich im Zuge der Entwicklung der Drogenarbeit ein Wandel, weg von der Drogenprävention, hin zur Suchtprävention mit einem immer stärker werdenden Fokus auf die neuen Prämissen der akzeptanzorientierten Drogenhilfe. Diese neuen Prämissen der Drogenhilfe hießen nun Überlebenssicherung, Risikominimierung und Steigerung der Lebensqualität. Sekundärziele waren Konflikt- und Problemlösefähigkeit, Handlungskompetenz, Gesundheitsförderung, Risikomanagement und Stärkung des Selbstbewusstseins. Im Zuge dieser Umorientierung entstanden viele unspezifische Angebote und Freizeiteinrichtungen für Jugendliche, die Handlungsalternativen bieten, und zu einem ‚Aktivierungsschub’ führen sollten. Trotz dieser Bemühungen ist die aktuelle Sucht- und Drogenprävention immer noch stark ihren ideologischen Wurzeln verhaftet:
„Wenngleich die Präventionsbemühungen inzwischen professionalisiert und institutionalisiert wurden, hält auch die heutige Suchtprävention mit ihren Kernaussagen an dem polarisierenden Code „drogenabhängig oder abstinent“ fest.“ (Barsch, 2004, S. 27).
Es entsteht der Eindruck, dass ‚szenenahe’ Projekte und professionelle Hilfeeinrichtungen den Paradigmenwechsel vollziehen und in ihre Arbeitsweisen
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integrieren. Ganz im Gegensatz zur, vermutlich politisch motivierten >offiziellen< Meinung und Einstellung der Bundesregierung. Obwohl in der wissenschaftlichen Diskussion das Bild von Abhängigkeit oder Abstinenz längst überholt scheint, wird in Veröffentlichung des Bundesministeriums für Gesundheit an dieser Vorstellung festgehalten. Der aktuelle Drogen- und Suchtbericht des Bundesministeriums für Gesundheit zeigt dies Eindrucksvoll durch Wortwahl und Beispielbiographien von Einzelpersonen mit zweifelhafter Vorbildwirkung (vgl. BMG, 2007). Ein weiteres gutes Beispiel für den Widerspruch zwischen Wissenschaftlichen Erkenntnisstand und aktueller Praxis von Seiten der Bundesregierung, vertreten durch die BzgA ist der Internetauftritt www.drugcom.de. COUSTO hat sehr detailliert die sachlichen Fehler und Falschdarstellungen aufgelistet und analysiert (Cousto (B), 2002.). Eine Korrektur der Angaben auf www.drugcom.de ist bis heute nicht erfolgt. Der Verdacht der bewussten Falschinformation liegt nahe. Somit sehe ich das oben erwähnte Zitat nach BARSCH bestätigt.
4.1.2 Die Ursprünge der akzeptanzorientierten Drogenarbeit War das Schlagwort akzeptanzorientiert in den 80iger Jahren noch ein Prädikat für ein exklusives Hilfeangebot, so ist es heute fast ein Modebegriff geworden, der in nahezu allen Konzepten, dem Thema nahe stehender sozialpädagogischer Institutionen zu finden ist. Die Anfänge sind wahrscheinlich in einer Gegenbewegung zur konservativen Prohibitionspolitik zu finden und haben ihre Wurzeln in der Antipsychiatriebewegung. Prägende Kritikpunke waren die Pathologisierung, Expertenmacht durch Diagnose und Therapie, verbale Stigmatisierung, Ruhigstellung durch Medikamente, gesellschaftliche
Stigmatisierung etc. (vgl. Stöver, 1999, S. 12).
Ein typisches, wenn auch etwas pragmatisches Beispiel in diesem Kontext soll folgendes Dilemma veranschaulichen: Wird ein Mensch zu seinem eventuell süchtigen Verhalten befragt, ist er mit dem Beginn der Befragung schon verurteilt. Verneint er seine Sucht, so ist er es doch, weil dies ein typisches Symptom von süchtigen Verhalten sein soll, und er ja sowieso nur vor dem Problem davonrennt und er es sich nur eingestehen müsse. Gibt er sie zu, so ist er es sowieso.
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Akzeptanzorientierte Drogenarbeit entstammt vor allem der Konsumsituation in intravenös konsumierenden Kreisen. Weil bei dieser Konsumform besonders hohe Risiken vorhanden sein können, war auch hier der Bedarf am größten, Regeln für einen gesundheitsschonenden Konsum zu finden, ohne den Konsum selbst aufgeben zu müssen. Mit dem Erscheinen von AIDS als Krankheit und der Entdeckung des HI-Virus Anfang der 80er Jahre reagierten die Einrichtungen der AIDS-Hilfen mit verschiedenen Kampagnen für intravenös konsumierende Drogengebraucher. Ein gutes Beispiel ist die Propagierung des Spritzentauschs. Der gemeinsame Gebrauch des gleichen Spritzenbestecks für den intravenösen Substanzkonsum galt in der Szene als ein Beweis für Vertrauen und
Zugehörigkeit. Durch gezielte, szenenahe Safer-use-Beratung von Seiten der AIDS-Hilfe konnte ein Signifikanter Rückgang des Spritzentauschs erzielt werden: „Das Needle-Sharing ist gegenüber den 80er und 90er Jahren deutlich zurückgegangen. Anlass zur Entwarnung besteht allerdings nicht.“ (Heudtlass, 2000, S.101)
Ein akzeptanzorientierter Ansatz wurde fester Bestandteil des Arbeitskonzeptes: „Die Aidshilfen arbeiten schon seit Jahren an präventionspolitischen Veränderungen, die nicht nur im Interesse der HIV- und Hepatitisprävention dringend erforderlich sind.“ (Barsch, 2004, S. 26) Die Vermeidung von Neuinfektionen mit HIV und Hepatitis C standen dabei im Vordergrund. Mit dem Aufkommen immer neuer Subkulturen und der Verbreitung von psychoaktiven Substanzen in den Selben wurde schnell die Notwendigkeit deutlich, dass diese präventionspolitischen Veränderungen auch über das Aufgabenspektrum der AIDS-Hilfen hinaus von Bedeutung waren, wollte man die jugendlichen Konsumenten in ihren pluralisierten Lebenswelten noch erreichen und gesundheitsfördernd tätig sein:
„Im Laufe der Zeit wurde klar, dass eine entmündigende, abstinenzfixierte Politik ungeeignet ist, Drogenproblemen wirklich zu begegnen. In Deutschland hat weder ein prohibitiv angelegtes Drogenrecht noch eine abstinenzorientierte Suchtprävention verhindern können, dass in der Bevölkerung massenhaft alte und neue, legale und illegalisierte psychoaktive Substanzen konsumiert werden und entsprechende Probleme entstehen.“ (Barsch, 2004, S. 27)
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Grundlegende Instrumentarien der akzeptierenden Drogenarbeit sind zum Beispiel Substitutionsbehandlung, Originalstoffvergabe, Spritzenvergabe,
Druckräume, Drugchecking, Safer-Use-Kampagnen etc.. Aus der Vorreiterrolle dieser Arbeitsgrundlagen und ihrer Betroffenen- und Lebensweltorientierten Arbeitsweise ergibt sich die Notwendigkeit, das teilweise stattfindende Agieren in rechtlichen Grauzonen bewusst in kauf zu nehmen, und gleichzeitig eine Änderung der rechtlichen Rahmenbedingungen zu Gunsten besserer
Interventionsmöglichkeiten zu forcieren. Hier verortet sich auch die Schnittmenge von Drogenarbeit und Drogenpolitik.
Angesichts der Tatsache, dass sich das Feld, in dem sich akzeptierende Drogenarbeit bewegt, stark verändert, ist es wichtig im Blick zu behalten, dass selbst die Entwicklung über nun schon zwei Dekaden eine sehr große ist. Anfängliche Bilder von Drogen und deren Konsumenten haben sich seit dem stark gewandelt. Manche Ansätze führten in Sackgassen, andere scheiterten an der Umsetzung auf Grund mangelnder öffentlicher Akzeptanz oder politischer Unerwünschtheit. Neue Substanzen brachten neue Probleme. Dazu kommt teilweise die enge Bindung bestimmter Konsummuster an eine bestimmte Art von Sub- bzw. Jugendkultur.
Drogenarbeit und Drogenpolitik sind in dieser neuen Perspektive untrennbar miteinander Verbunden. Führt die politische Lage zur Illegalisierung einer Substanz, so werden deren Konsumenten kriminell, setzen sie ihren Konsum fort. Dies kann zu einer sozialen Verelendung führen, die aber von den klassischen Hilfeangeboten nicht bedient wird. Ein weiteres Problem dieser alten Strukturen bestand darin, dass von Niedrigschwelligkeit keine Rede sein konnte. So musste ein Hilfesuchender erst vor seiner Sucht kapitulieren, wollte er Hilfe: „Nach dem Verständnis akzeptierender Drogenarbeit sollte mit einer neuen Praxis gleichzeitig auch die Richtung einer neuen Drogenpolitik angedeutet werden, die vom Verzicht auf ausgrenzende Mechanismen, weitgehenden Verzicht auf das Strafrecht zur Verhaltenssteuerung, alternativen Drogenkontrollmodellen sowie ideologiefreier Information über psychotrope Substanzen gekennzeichnet sein sollte.“ (Stöver, 1999, S. 12)
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Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die neuen Ansätze in der Drogenarbeit dadurch von den vorherrschenden Modellen abgrenzten, indem sie die Frage formulierten, in wie weit eine Fixierung des Drogenhilfesystems auf das Phänomen Sucht und deren Beendigung sinnvoll ist, oder ob dadurch die Interventionsmöglichkeiten und die Betroffenen selbst nicht zu sehr eingeengt werden. Gibt es ein Recht auf Rausch und haben Menschen das Recht, selbstbestimmt über ihren Konsum, wenn er auch selbstschädigend ist, frei zu entscheiden? Welche Konsequenzen ergeben sich aus dieser Entscheidung? Welche Rolle spielt dabei das Strafrecht? Gibt es eine drogenfreie Gesellschaft? Somit bekommt der Begriff der akzeptierenden Drogenarbeit einen Abgrenzungscharakter der zu einer vielfältigen Besetzung des Selben führte. Trotz seiner Diffusität und Veränderlichkeit gibt es doch einen Grundkonsens: Abschied vom Mythos einer drogenfreien Gesellschaft - Abschiedvom Mythos einer suchtfreien Gesellschaft - Abschiedvom Mythos eines ‚Königswegs’ der Suchttherapie - Niedrigschwelligkeitder Angebote der Drogenhilfe - Akzeptanzvon zirkulären Drogenkonsumverläufen - Akzeptanzder emotionalen und symbolischen Aufladung von - Drogenthemen(vgl. Stöver, 1999, S. 13)
Heute ist der akzeptanzorientierte Ansatz zumindest allgemein anerkannt. Jedoch steht er nicht den abstinenz- und kontrollorientierten Ansätzen gegenüber, sondern wird je nach Situation mehr oder weniger in bestehende Hilfeangebote integriert. Daraus ergeben sich wiederum neue Fragen die sich mit den unterschiedlichen Menschenbildern beschäftigen, welche dem jeweiligen Hilfeangebot und seiner Ausrichtung zu Grunde liegen. Diese Aspekte werde ich später intensiver beleuchten.
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4.2 Inhalte und Ziele akzeptanzorientierter Drogenarbeit
„’Akzeptierende Drogenarbeit’ war und ist eine Bewegung, die nicht nur praktische, sondern auch politische Alternativen zur traditionellen Drogenarbeit formulierte: Die kontraproduktiven Effekte der Kriminalisierung der Drogengebraucher/-innen für den Heilungs- und Integrationsprozess wurden in den Mittelpunkt gestellt. Wer von Drogenhilfe redete, durfte von Kriminalisierung nicht schweigen. Demgemäß wurden radikale Veränderungen des Betäubungsmittelgesetzes ins Auge gefasst und Modelle der Drogenkontrolle aufgezeigt, die auf das Strafrecht als vermeintliche Steuerungsinstanz verzichteten und sich meist an bestehenden Regelungen für legale Drogen orientierten.“ (Stöver, 1999, S.8f.)
Akzeptanzorientierte Drogenarbeit beschäftigt sich in erster Linie mit der Minimierung der Schäden, die durch den Konsum von illegalisierten Substanzen für die Konsumenten und die Gesellschaft entstehen können. Sie stellt die vorherrschende repressive Grundposition der derzeitigen Drogenpolitik in Frage und konfrontiert diese mit alternativen Positionen. Andersartige, ganzheitlichere Ansätze von Sucht werden genauso diskutiert wie eine Unterscheidung zwischen Abhängigkeit und eigenverantwortlichen integrativen Konsum von illegalisierten Substanzen. Konsequenterweise gehört letztlich dazu auch eine
bedürfnisorientierte Unterstützung derjenigen, deren Substanzkonsum in ein süchtiges Verhalten mündet und mit einer Einschränkung der Lebensqualität einhergeht die sich in Leiden äußert.
Übergeordnetes Langzeitziel ist die vollständige Freigabe aller illegalisierten Substanzen. Folgendes Zitat soll einen kurzen Überblick über die dafür verwendeten Argumente geben:
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Argumente für eine totale Freigabe, kontrollierte Produktion und Abgabe der Originalstoffe (vgl. Biesenbach, 2002, S. 117f.) Drogenpolitische Vorteile: Auflösung des Schwarzmarktes Rückgang der substanzbezogenen Kriminalität Freiwerden von Humanressourcen durch Wegfall der Repression Gesamtgesellschaftliche Vorteile: Einsparungen von Steuergeldern Ausdünnung der Szene Effektivere Drogenarbeit Entlastung des Gesundheitssystems Konsumentenspezifische Vorteile: Verbesserte Substanzqualität Qualitätskontrolle Soziale Stabilisierung Erhöhte Lebensqualität
Ich möchte an dieser Stelle auf die Einzelheiten dieses Ziels nicht näher eingehen, da es in meiner Arbeit nicht den nötigen Raum gibt, die Inhalte dieser Argumentation zu diskutieren. Ebenso müsste ich das Terrain meiner Disziplin verlassen um hier genauer Auskunft geben zu können. Ich empfehle dazu die weiterführende Lektüre von BIESENBACH.
Ein entscheidender Katalysator für das Voranschreiten der akzeptanzorientierten Drogenarbeit war das Aufkommen von HIV/ AIDS in der Mitte der 80iger Jahre. Eine neue Form der aufsuchenden Sozialarbeit war nötig, neue Betrachtungs- und Herangehensweisen unumgänglich, um betroffene Konsumenten zu erreichen und über Riskante Verhaltensweisen aufzuklären. Die klassische Institutionalisierung
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mit Abstinenz als oberstes Therapieziel erreichte nur einen Bruchteil der Konsumenten: Dazu kam, dass die herkömmliche Sichtweise sehr ideologisch geprägt und der Hilfesuchende von vornherein als krank und kriminell abgestempelt wurde. Therapiemöglichkeiten waren oft an juristische Forderungen geknüpft. Mit der Absicht einer Haftverkürzung wurden diese dann quasi ‚freiwillig’ begonnen.
Die unbedingte Abstinenz durfte darum nicht länger das oberste Ziel sein, sondern die grundlegende Überlebenssicherung, die Vermeidung von Neuinfektionen mit tödlichen Krankheiten und die Steigerung der Lebensqualität. „Diese Umkehrung der Prioritäten musste stattfinden angesichts der Tatsache, dass Drogenabhängigkeit heilbar ist, eine HIV-Infektion beispielsweise nicht. […] Die mit der akzeptierenden Drogenarbeit verbundene Umorientierung lässt sich festmachen an der Hinterfragung abwertender, problemfixierter
Kommunikation über Drogen und deren gesellschaftlicher wie individueller Funktionalität, an anderen Theorien über Ursache, Verlauf und Beendigung von Drogenkonsum sowie an den Zielen von Drogenhilfe und -politik.“ (Stöver, 1999, S. 8)
Kurz gesagt geht es darum, die Konsumenten da abzuholen wo sie stehen. Niedrigschwellig und Lebensweltorientiert.
4.2.1 Akzeptanz
„Akzeptanz ist als Haltung offen, aber nicht grenzenlos.“ (Stöver, 1999, S. 17) Dieser Satz umfasst recht klar die Tragweite des Begriffs Akzeptanz. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Dimensionen von Akzeptanz als Kategorie der Drogenhilfe herauszustellen um für den weiteren Teil dieser Arbeit eine klare Basis für die Verwendung dieses Begriffs zu haben:
„Akzeptanz bedeutet im Kommunikationsprozess praktischer Drogenarbeit, den anderen gelten zu lassen, ihn anzuerkennen in seinen Entscheidungen und seinen Handlungen vor dem Hintergrund eines differenzierten Sinnverstehens seiner
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Lebenssituation zu billigen. Akzeptanz schließt Toleranz, als Duldung verschiedener Lebensstile ein, umfasst aber darüber hinaus eine stärkere Annahme des Hilfesuchenden und die Kommunikation mit ihm.“ (Stöver, 1999, S. 14)
In diesem Sinne versteht sich Akzeptanz als ein kooperativer Kommunikationsprozess zwischen Hilfesuchenden und Hilfegebenden im Sinne einer gleichberechtigten Lernsituation. Somit ist der Hilfegebende nicht mehr professionell distanziert, sondern muss sich zwangsläufig mit seiner eigenen Persönlichkeit zu der Kommunikationssituation in Beziehung setzen. Dadurch kommt es zu einer Konfrontation mit eigenen Vorstellungen und Normen, die sich für das Gelingen der Situation als problematisch erweisen können. Dies wird bei STÖVER als das Problem der Parteilichkeit bezeichnet. Allerdings ist hier nicht die völlige Auflösung der Grenzen zwischen Professionellen und Klienten gemeint, sondern das Einbringen der eigenen Persönlichkeit im Sinne von Empathie als Voraussetzung für das Entstehen von Akzeptanz.
Dadurch bedingt ergeben sich drei Grundprämissen des Verständigungsprozesses: auch unverständliches Konsumverhalten muss als legitimer Lebensstil - akzeptiertwerden.
Drogengebraucher haben zu jeder Zeit das grundlegende Recht auf - menschenwürdigegesundheitliche und soziale Lebensbedingungen. Eine notwendige Bindung an abstinentes oder angepasstes Verhalten wird nicht gefordert.
Drogenkonsumenten können selbstbestimmt und selbstverantwortlich - Handeln.Freiwilligkeit ist darum die Grundvoraussetzung eines jeden therapeutischen Zugangs und Grundlage eines jeden Hilfeangebots.
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„Akzeptanz schließt das Ernstnehmen anderer Wertkonzepte und Lebensentwürfe ein, so fremd sie unseren meist mittelschichtsgeprägten Entwürfen auch sein mögen. Statt problemorientiert, gestaltet sich die Arbeit ressourcen- und lösungsorientiert.“ (Stöver, 1999, S. 17) „Akzeptanzorientierte Drogenarbeit kooperiert also mit den
DrogengebraucherInnen bei der Erarbeitung eines eigenverantwortlichen, risikomindernden, aber auch genussorientierten Umgangs mit illegalisierten Drogen. Dazu muss sie >Drogen-Beratung< im wahrsten Sinne des Wortes durchführen und Angebote vorhalten, die einen gesundheitsschonenden Konsum in Eigenregie ermöglichen können.“ (Schneider / Stöver, 2000, S. 23) Eine logische Konsequenz dieser Herangehensweise war die Etablierung von gesundheitsfördernden Strategien in der akzeptanzorientierten Drogenarbeit. Diese beinhaltete zwei Grundpfeiler. Zum einen gesundheitsfördernde Angebote von Seiten der Profession, und zum anderen die Befähigung der Klienten zum emanzipierten selbstverantwortlichen Verhalten. Diese zwei Grundpfeiler hießen Gesundheitsförderung und Empowerment
4.2.2 Gesundheitsförderung und Empowerment
Gesundheitsförderung und Empowerment sind mit die wichtigsten Dimensionen der neueren Diskussionen innerhalb der akzeptanzorientierten Drogenhilfe. Der Grundgedanke der Gesundheitsförderung leitet sich aus der 1986 verabschiedeten OTTAWA-CHARTA der WHO ab:
„Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen, und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern bzw. sie verändern können. In diesem Sinn ist die Gesundheit als ein wesentlicher
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Bestandteil des alltäglichen Lebens zu verstehen und nicht als vorrangiges Lebensziel. […] Menschen können ihr Gesundheitspotential nur dann weitestgehend entfalten, wenn sie auf Faktoren die ihre Gesundheit beeinflussen, auch Einfluss nehmen können.“ (WHO, 2007)
4.2.2.1 Verändertes Präventionsverständnis als Voraussetzung für Gesundheitsförderung
Im Bereich der beratenden Drogenhilfe findet Hilfe oft in dem Rahmen statt, dass der Konsum des Klienten zwar akzeptiert wird, jedoch das Beratungsziel idealerweise die Abstinenz als totale Vermeidung von Risiken beim Drogenkonsum betrachtet wird. In diesem Sinne ist auch die Idealvorstellung einer gelungenen Beratungssituation zu verstehen: Der Klient nimmt alle guten Wünsche des Beraters bereitwillig an, verinnerlicht sie und setzt sie mit tiefer Dankbarkeit im Alltag um. An diesem Punkt kollidieren nicht selten theoretische Beratungsszenarien und lebensweltorientierte Realität. In diesem Zusammenhang ist Gesundheitsförderung und Empowerment als Verbraucherberatung für Drogenkonsumenten zu verstehen:
„Die lange Jahre abstinenzfixierte Drogenhilfe hat keine Tradition wirklicher und wortwörtlicher Drogenberatung entwickelt. Diese ist dringend nötig, angesichts des Fehlens von Herstellerhinweisen auf Qualitätsmerkmale wie Herkunft, Reinheitsgehalt, Produktionsjahr, Lager-/Reifezeit. Auch im Bereich legaler Drogen werden trotz verfügbarer Angaben auf dem Etikett oder Beipackzettel oft nicht alle notwendigen Informationen veröffentlicht. Darüber hinaus fehlen im Bereich der legalen Drogen Austauschmöglichkeiten über
Selbstkontrollstrategien, Regeln eines schadensbegrenzenden Konsums.“ (Schneider / Stöver, 2000, S. 19)
Illegalität und moralische Barrieren sorgen für einen Grauschleier im Informationsbereich. Erstkonsumenten und Angehörige haben nur sehr eingeschränkte und informelle Kanäle zur Verfügung, wo sie sich Informieren
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können. Oft sind Freunde oder der Dealer einzige Informationsquellen. Gerade letzterem ist auf Grund seiner marktorientierten Interessen nicht in jedem Fall eine Objektive Aufklärung über die von ihm zur Verfügung gestellten Substanzen hinsichtlich gesundheitlicher Risiken, welche mit dem Konsum verbunden sein können, zu unterstellen. In diesem Kontext stellt sich die Wichtigkeit einer unabhängigen und objektiven Aufklärung klar heraus. Die Vermittlung lebensweltnaher Präventionsbotschaften steht damit im methodischen Mittelpunkt der neueren Gesundheitsförderung. Ein Problem stellt die historisch bedingte ‚Schwarzmalerei’ konservativer Beratungseinrichtungen und deren Materialien dar. Um jugendliche Konsumenten auch wirklich zu erreichen, scheint es einleuchtend, dass auch die Frage, WER Gesundheitsbotschaften transportiert, von großer Bedeutung. Darum ist die Einbeziehung von peers in der Gesundheitsförderung ein zentrales Standbein.
Dadurch ergibt sich für den Begriff der Prävention eine veränderte Bedeutung im Rahmen von Gesundheitsförderung:
„Prävention hat auszugehen von einem umfassenderen Verständnis, das stärker die gesellschaftliche Strukturierung der individuellen Ansprüche und Handlungen einbezieht.“ (Ahlemeyer, 1990, S. 181) SCHNEIDER und STÖVER betonen den Irrglauben, dass eine erwünschte Verhaltensänderung allein durch die reine Informationsvermittlung zustande kommen würde. Hierbei würde der Anteil der subkulturellen Einbindung der Adressaten und den damit zu Grunde liegenden eigenen Bewertungsmaßstäben nicht zur Genüge in Rechnung gestellt. Sie legen den Fokus auf die Fragen, wie der Beratungskontakt zu Stande kommt, wer übermittelt wie, und was wird vermittelt: „community-based-Ansätze, die die Authentizität von Erfahrungen und die Kompetenz Betroffener in einer nicht-bevormundenden Art und Weise mit in Aufklärungskampagnen integrieren, sind für wirksame und zeitstabile Verhaltensmodifikationen von enormer Bedeutung.“ (Schneider / Stöver, 2000, S. 20)
Die Kenntnis der Lebenswelten und die Beteiligung Betroffener, sowie authentische Erfahrungen, sind demnach, eingebunden in gesundheitsrelevante
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Informationen, wichtige Voraussetzungen für eine erwünschte
Einstellungsänderung und /oder Verhaltensänderung und damit für eine effektive Prävention.
4.2.2.2 Inhalte und Methoden von Gesundheitsförderung
Gesundheitsförderndes Handeln versteht sich als Versuch, „ […] bestehende soziale Unterschiede des Gesundheitszustandes zu verringern und gleiche Möglichkeiten und Voraussetzungen zu schaffen, um alle Menschen zu befähigen, ihr größtmögliches Gesundheitspotential zu verwirklichen. Das beinhaltet die Verwurzelung in einer unterstützenden sozialen Umwelt, den Zugang zu allen wesentlichen Informationen, die Entfaltung von praktischen Fertigkeiten und die Möglichkeiten und Voraussetzungen zu schaffen, um alle Menschen zu befähigen, selber Entscheidungen in Bezug auf ihre persönliche Gesundheit treffen zu können.“ (Schneider / Stöver, 2000, S. 22)
Durch die Zufügung einer sozialen Dimension geht ‚Gesundheitsförderung’ über die konservativ-defizitäre und individuumzentrierte Perspektive von Prävention hinaus. Hier verortet sich die Schnittmenge mit der Akzeptierenden Drogenarbeit, in der der selbstgewählte Lebensstil von Drogenkonsumenten wahrgenommen wird und ihre Erfahrungen und Kompetenzen Berücksichtigung finden. Dreh- und Angelpunkt für die Kommunikation und Interaktion ist die Selbstbestimmung der Betroffenen. Daraus ergibt sich als eine mögliche Aufgabe der Drogenhilfe, infrastrukturelle Bedingungen bereitzustellen, die einen Austausch unter Drogengebrauchern ermöglichen, die gemachten Erfahrungen mit dem eigenen gesundheitsfördernden Handeln zu kommunizieren, und in ihre eigenes Selbstbild und ihre Lebenswelt zu integrieren.
4.2.2.3 Empowerment
Eine derartige Befähigung zur Selbsthilfe und Eigenverantwortlichkeit im Sinne von ‚Befähigung’ versteht sich als Empowerment. Dieser Begriff ist eng mit der so genannten Kontrollüberzeugung verbunden:
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„Empowerment zielt auf Selbstwirksamkeit, d.h. es geht um die Unterstützung effektiver (gesundheitsschonender) Verhaltensweisen ind
Drogengebrauchssituationen. Die Wahrnehmung der eignen Fähigkeiten überhaupt etwas an der oftmals aussichtslos erfahrenen eigenen Situation ändern zu können, gestaltet auch die Selbstwirksamkeit, bzw. wirkt motivierend. […] Die Fähigkeit, seinen Drogengebrauch selbstregulierend zu steuern und risikoarm zu gestalten, ist darüber hinaus von der subjektiven Beurteilung der eigenen Fähigkeit zur Steuerungskompetenz abhängig (Kontrollüberzeugung). Kontrollüberzeugungen beschreiben dabei die Fähigkeit des Individuums, Situationen bzw. deren Folgen zu antizipieren, zu beeinflussen und angemessen zu deuten.“ (Schneider / Stöver, 2000, S. 23)
Gibt man dem Konsumenten Instrumente in die Hand, kann das das Erleben von Selbstwirksamkeits- und Kontrollerfahrungen ermöglichen und das Zutrauen in die Integrität der eigenen Persönlichkeit positiv beeinflussen. Solche Instrumente könnten zum Beispiel substanzspezifische, normfreie und sachlich-objektive Informationen zu einem gesundheitsfördernden und risikominimierenden Substanzgebrauch sein.
„Stützung und Vermittlung von Selbstwirksamkeit mit Hilfe von Safer Use-Maßnahmen können so regulative Orientierungen zur Gestaltung des (auch) drogenbezogenen, genussorientierten Lebensstils bewirken.“ (Schneider / Stöver, 2000, S. 24)
Darum kann man Gesundheitsförderung auch als Gegenentwurf zur traditionellen Gesundheitserziehung betrachten. Normierte und maßgeschneiderte
Idealvorstellungen von Gesundheit versus erweiterte Handlungskompetenzen-und Ressourcen.
„Vor diesem Hintergrund scheint die Frage, ob Jugendliche mit Drogen experimentieren und sie in einer bestimmten Entwicklungsphase aus hedonistischen Gründen oder um sich von der >bürgerlichen Erwachsenenwelt< abzugrenzen konsumieren, sekundär. Den Gebrauch von Betäubungsmitteln werden wir nicht aus der Welt schaffen können und demgemäß ist die Fixierung auf Drogenabstinenz irrational und unglaubwürdig. Wichtig ist, dass
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Jugendliche einen verantwortlichen Umgang mit Suchtmitteln erlernen und eine selbstverantwortete Entscheidung für oder gegen Drogen schaffen können.“ (Bossong, 1991, S. 3)
Ein weiterer wichtiger Baustein im Gefüge der Gesundheitsförderung ist die Aufhebung des Partizipationsgefälles zwischen Experten und Laien in der Drogenarbeit. Wie bereits dargestellt existieren diverse Drogen- und Menschenbilder in der Gesellschaft, welche teilweise einen mythenhaften Charakter haben, der sich auf historisch-kulturell gewachsene Wurzeln gründet. Ausführlich wird dies von SCHNEIDER (vgl. Schneider, 2000) dargestellt und begründet.
Die Aufrechterhaltung dieser Konstrukte diente nicht zuletzt einem praktischen Zweck, nämlich der Prävention im Sinne von Konsumvermeidung durch Abschreckung:
„Die herrschenden Wahrnehmungsfolien werden somit beständig reproduziert. Dabei erhalten diese Strategien wohlwollende Unterstützung: Die öffentliche und wissenschaftliche Inszenierung der Drogenproblematik als Dramen hat >> dann zwar viele Regisseure, aber eine unangemessen einfache Dramaturgie. Sie geht von der Trennung zwischen Experten und Laien<< aus. (zitiert nach Giessen, 1983, S. 235). Betroffene werden meist von der Mitwirkung (außer als Probanden oder Fallbeispiele) ausgeschlossen.“ (Schneider / Stöver, 2000, S. 25) Eine Partizipation der Betroffenen ist nicht erwünscht, weil sie nicht in das Bild des Drogengebrauchers als Opfer von Droge und Dealer, den man ‚da rausholen’ muss, weil er sich nicht helfen kann, sich selbst und andere belügt, passt. SCHNEIDER und STÖVER geben folgendes Beispiel, zitiert nach HERWIG-LEMPP:
„Ein Mitspracherecht bei der Methadonsubstitution für die >>Betroffenen<< wird in keiner Silbe in der ganzen Expertise (Methadonexpertise des Institutes für Therapieforschung, d.V.) erwähnt. Wo kämen wir da auch hin, die >>Patienten<< selbst in die Behandlung einzubeziehen? - Sie sind doch ein schwieriges >>Klientel<<: >>Sie tricksen, sie lügen, sie wehren sich, sie sind nicht einsichtig<<.“ (Schneider / Stöver, 2000, S. 26)
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Letztlich scheint es nicht nur eine Frage der Profession zu sein, die Drogengebraucher ‚mit ins boot zu holen’, um zum Beispiel von deren Kompetenzen und Lebensweltnahen Erfahrungen im Umgang mit Drogen zu profitieren, sondern auch eine moralische. Drogengebraucher besitzen, wie alle Menschen ein Recht auf Menschenwürde und Hilfe, und müssen es nicht erst durch angepasst-konformes und abstinentes Verhalten erwerben. Die Wichtigkeit der Einbeziehung von ‚Betroffenenkompetenz’ als methodische Strategie soll im nächsten Abschnitt näher dargestellt werden.
4.2.2.4 Einbeziehung von Betroffenenkompetenz - Peer Support Nach BADURA erfahren soziale Beziehungen eine große instrumentelle Bedeutung für die Lebensqualität und das Überleben von Individuen unter potentiell bedrohlichen Lebensbedingungen. So vollzieht sich auch Drogengebrauch in einem Rahmen bestimmter Erfahrungen, welche Regeln, Normen, Konsumformen, Beschaffung, Netzwerkstrukturen etc. betreffen, und die durch die Kommunikation innerhalb der sozialen Gruppe der Drogengebraucher erweitert, verändert oder zurückgewiesen werden: „In der Kommunikation der DrogenkonsumentInnen untereinander werden wichtige Tipps, schadensminimierende Ratschläge, die Drogenwirkung intensivierende Hinweise, aber auch Warnungen, Bewertungen und Mythen ausgesprochen, oder im Modelllernen anderweitig transportiert und für den eigenen Alltag übernommen oder abgewandelt bzw. zurückgewiesen.“ (Schneider / Stöver, 2000, S. 27)
Diese Kommunikation und gegenseitige alltagspraktische Unterstützung von Menschen in ähnlichen psychosozialen Lebenslagen nennen SCHNEIDER und STÖVER >>Peer-support<< im Sinne eines Interaktionsbegriffs. Dieser Unterscheidet sich vom Begriff der >>Drogensozialisation<< nach MARZAHN dadurch, dass beim Peer-Support der Fokus auf der sozialen, kommunikativen und kulturellen Dimensionen der Lebenswelt von Drogengebrauchern als Quelle eines stabilen sozialen Nexus liegt. Gerade bei Konsumenten, deren Lebenswelt sich am
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Rande der Legalität und darüber hinaus vollzieht, bedürfen eines übersichtlichen und vertrauten sozialen Rahmens für ein erfolgreiches Alltagsmanagements. In der Regel findet die Etablierung eines Konsummusters vom Primärkonsum bis hin zum Gewohnheitskonsum im Rahmen dieser sozialen Strukturen statt. Von Anfang an werden diverse Verhaltensregeln und konsumspezifisches Fachwissen vom Konsumenten übernommen und weitergegeben. Hier liegt die Schwäche, aber auch die Stärke von Peer-Support. Auf der einen Seite werden verborgene Risiken, welche in der Szene unbekannt sind, nicht kommuniziert und gegebenenfalls gesundheitsschädigende Verhaltensweisen weitergegeben. Dies können zum Beispiel schlechte hygienische Bedingungen sein. Hier ist es Aufgabe der professionellen Seite, Wissenslücken zu schließen, von veränderten Verhaltensweisen zu überzeugen, und vor verdeckten Risiken zu warnen. Besteht ein gleichberechtigtes Verhältnis zwischen Drogenhilfe und Drogengebrauchern im Sinne der oben erwähnten Aufhebung der Trennung zwischen Experten und Laien scheint es wahrscheinlich, dass dieses veränderte Wissen in den sozialen Kreis der Drogengebraucher ‚eingeimpft’ werden kann, und dort durch den Prozess von Erweiterung und Anpassung der Information an die Lebenswelt von Drogengebrauchen, in die selbe Einzug hält. Dieser Weg des Informationsfluss kann natürlich auch in die entgegengesetzte Richtung laufen und die Profession auf etwaige Missstände erstmals hinweisen:
„Diese gegenseitige Informierung und Beeinflussung sind von entscheidender Bedeutung für die Bildung eines Risikobewusstseins und eines daraufhin entwickelten Risikomanagements.“ (Schneider / Stöver, 2000, S. 28)
4.3 Allgemeine Kritik am akzeptanzorientierten Ansatz
Die grundlegende Schwäche des akzeptanzorientierten Ansatzes kann man in seiner Entstehungsgeschichte sehen. Sie begründet sich auf einem Paradigmenwechsel. Dieser ist aber keine fundierte und wissenschaftlich begründete Theorie, sondern nur eine Art konträres Konzept (vgl. Böllinger / Stöver, 1992, S.83f.) zu dem bis dahin aktuellen abstinenzorientierten Ansatz.
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Somit ist der Inhalt des akzeptanzorientierten Ansatzes interpretativen Schwankungen unterlegen, die ihn aus wissenschaftlicher Sicht grundsätzlich angreifbar machen. Ebenso bezieht sich das auf die in dem Zusammenhang verwendeten Begriffe wie Sucht und Abhängigkeit als Arbeitsgrundlage. Dadurch, dass eine Selbstdefinition der eigenen Position nur durch eine Interpretation der vorhandenen Grundbegriffe möglich ist, und sich nicht auf einen stabilen wissenschaftlich begründbaren Unterbau stützt, wird Akzeptanz zur Auslegungssache. Akzeptanzorientierte Drogenarbeit ist somit, extrem formuliert, dass was man dafür halten möchte (vgl. Herwig-Lempp, 1994). Eine exakte und einheitliche Selbstverortung im wissenschaftlichen Nexus als eigenständige Disziplin ist damit quasi nicht möglich. Trotzdem grenzt sich der akzeptanzorientierte Ansatz vom abstinenzorientierten Ansatz klar ab. Hier liegt in meinen Augen das systematische Dilemma.
Dadurch ist auch das Ziel eines breiten Verständnisses in der Gesellschaft für diesen Ansatz schwer umsetzbar. Immerhin lehnt die akzeptierende Drogenarbeit zum Beispiel das Bild des Süchtigen als Kranken, der behandelt werden muss, grundsätzlich ab. Gleichzeitig muss sie sich in ein System der Drogenhilfe integrieren, welches diesen Ansatz in sich trägt, und grundsätzlich prohibitiv veranlagt ist. Somit ist die akzeptierende Drogenhilfe innerhalb des etablierten Systems der Drogenhilfe das, was man als Störenfried und Nestbeschmutzer verstehen kann. Die fehlende wissenschaftliche Legitimation und die szenenahen Protagonisten unterstützen dieses Bild in der Öffentlichkeit. Ein weiterer Aspekt von Widersprüchlichkeit liegt in den Möglichkeiten der Umsetzung akzeptanzorientierter Ziele. So ist zum Beispiel die Legalisierung aller illegalisierter Substanzen erklärtes Langzeitziel. Zwischenlösungen wie Originalstoffvergabe und Apothekenmodell sollen den Weg dahin ebenen. Problematisch ist hier die Miteinbeziehung von bestimmten Personen innerhalb eines Expertensystems, welches die Menschenbilder erst generiert hat, welche die akzeptanzorientierte Drogenhilfe ablehnt. So ist eine kontrollierte
Originalstoffvergabe nur durch die Kontrolle von Ärzten möglich, welche das Menschenbild vom Defizitärwesen im Suchtkontext erst geprägt haben. Diese haben aber den Behandlungsauftrag zur Arbeitsgrundlage, welchem die Etikettierung von Sucht als Krankheit vorauszugehen hat.
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Somit hat die akzeptanzorientierte Drogenhilfe einen schweren Spagat darzubieten. Emanzipierte Klienten und legalisierte ‚harte Drogen’ auf der einen, mangelndes fundiertes Selbstverständnis und das Angewiesensein auf die von ihr abgelehnten Institutionen des abstinenzorientierten Lagers auf der anderen Seite. Eine Möglichkeit, dieses Dilemma wenigstens etwas aufzubrechen stellt meiner Meinung nach ein eigenes wissenschaftliches System einer objektiven Drogenforschung dar. In dem man die vorher als Schwäche bezeichnete Szene-und Klientennähe nutzt, um aus diesem Horizont heraus, zum Beispiel mit Drugchecking, eine fundierte Drogenforschung zu betreiben die sich dem Feld direkt und unmittelbar nähert, und nicht wie bisher über mehr oder weniger indirekte Wege wäre eine wissenschaftlich fundierte Selbstbestimmung und Positionierung innerhalb des wissenschaftlichen Gefüges schon eher möglich. Letztlich bleibt aber auch auf diesem Weg die Abhängigkeit von Institutionen, welche Drugchecking erst legitimieren müssen. Eine breite öffentliche Diskussion wie sie zurzeit über das Thema Heroin-Behandlung für Schwerstabhängige stattfindet, bildet sicherlich eine gute Möglichkeit neue Wege der Drogenhilfe öffentlich zu machen.
4.4 Fazit
Akzeptanzorientierte Drogenarbeit ist also eine im Wandel begriffene Dimension der Sozialpädagogik. Ich habe gezeigt, dass eine lebensweltorientierte, gleichberechtigte und niedrigschwellige Arbeitsweise zeitgemäß und zweckmäßig ist, um drogengebrauchende Menschen zu erreichen. Es besteht ein Unterschied zwischen der öffentlichen Wahrnehmung von akzeptanzorientierter Drogenhilfe und tatsächlichen Möglichkeiten. Ich konnte zeigen, dass dieser Unterschied gleichzeitig die Schnittmenge zur Drogenpolitik darstellt. Somit bewegt sich akzeptanzorientierte Drogenarbeit im Spannungsfeld von professionellen Anspruch und politischer Realität. Diese Spannung zu lösen ist aber nicht allein ihre Aufgabe. Dies wird eher eine generelle Frage des Umdenkens und der Einstellung gegenüber alternativen Lebensentwürfen sein. Trotz der
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Widersprüchlichkeiten in der Selbstlegitimation und den systematischen Zwängen, denen sie unterworfen ist, kann die akzeptanzorientierte Drogenhilfe doch den einen oder anderen Erfolg vorweisen. Auch kann man beobachten, dass langsam der akzeptanzorientierte Sand im abstinenzorientierten Getriebe der Drogenhilfe zu knirschen beginnt. Die in meinen Augen sehr effektiven und unterstützenswerten Entwicklungen der akzeptierenden Drogenhilfe sind die unter dem Begriff Safer-Use zusammengefassten Angebote und Strategien. Diese möchte ich nun in diesen Zusammenhang darstellen.
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5. Safer Use - Strategien gegen die gesundheitlichen Folgen des
Drogenkonsums
„Wer in die Praxis des Safer-use einsteigt, wird es schnell spüren: nicht immer decken sich die Interessen der Beteiligten, und Motivation wie Beratungsziel können weit auseinander liegen.“ (Heudtlass, 1995, S. 70) Die Motivation, Safer-Use-Strategien anzuwenden, kann als der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Genussmotivation der Konsumenten und Gesundheitserhaltung als Langzeitziel verstanden werden. Mit fast jedem Substanzkonsum geht ein gesundheitliches Risiko einher, welches vermieden werden könnte, würde man, im Idealfall, auf den Konsum verzichten. Dieser fromme Wunsch ist aber augenscheinlich unrealistisch. Professionelle Drogenhilfe sieht sich in der Beratungssituation dem Problem gegenübergestellt, dass Beratungsziel und Konsummotivation nicht Deckungsgleich sind. Safer-Use stellt die erwähnte mögliche Kompromissposition dar.
5.1 Ziele
„Safer-Use-Beratung will Risiken, die mit dem Drogenkonsum einhergehen, mindern helfen. Die Problembeschreibungen und Lösungsvorschläge beruhen auf praktischen Erfahrungen und auf Ergebnissen anderer, angrenzender Forschung. […] In der Safer-Use-Beratung ist es das erklärte Ziel, im Rahmen einer Gesamtstrategie der >>harm reduction<< (Schadensminimierung) risikoärmere Konsumgewohnheiten zu fördern.“ (Heudtlass, 2000, S. 98) Es ist nur verständlich das viele Ansätze in der Drogenarbeit nicht effektiv erscheinen, wenn Konsummotivationen, welche genussorientierter Natur sein können, auf die teilweise doch recht genussfeindlichen Vorschläge zur Gesundheitsförderung stoßen. Das Ergebnis ist, dass Jugendliche Konsumenten nur schlecht erreicht werden, weil nur allzu oft der bildhaft erhobene Zeigefinger als ‚pädagogische Zurechtweisung von oben herab’ wahrgenommen wird. Diese
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Lebensweltorientierte Lücke versuchen Safer-Use-Strategien zu schließen, in dem sie sich an der tatsächlichen, aktuellen Lebenssituation der Konsumenten orientieren und praktische Informationen zur Senkung des Gesundheitsrisikos des individuellen Substanzkonsums im Sinne von Gesundheitsförderung geben.
5.2 Inhalte
Der wohl wichtigste systematische Unterbau zur Erarbeitung von Safer-use-Strategien ist der Zusammenhang von Drug, Set und Setting:
5.2.1 Drug, Set und Setting
Für das Vermeiden riskanter Situationen im Umgang mit Drogen gibt es keinen ‚Leitfaden’ oder ‚Anleitung’. Die meisten Drogen induzieren nicht eine ihnen inhärente Stimmung oder Gefühlslage, vielmehr verstärken sie die jeweils vorherrschende. Das Eintreten von negativen Gefühlen oder ‚bad trips’, krisenhaften Rauschverläufen, hängt nicht in erster Linie von der konsumierten Substanz und deren Inhalts- und Wirkstoffen ab, sondern wird zu einem großen Teil von den akuten Gefühlslagen des Konsumenten, seiner innerer Einstellung zur Substanz und Konsumsituation, bestimmt, und zum anderen von der ihn umgebenden Situation, in der der Konsum stattfindet. Diese drei Faktoren, die Substanz betreffend, den Konsumenten betreffend und die Situation betreffend, nennt man Drug, Set und Setting, und diese Bilden das Fundament von Safer-Use und den Strategien zur Minimierung der gesundheitlichen Folgen des Drogenkonsums (vgl. Cousto, 2002).
Eingeführt wurden diese Begriffe in den 1960’iger Jahren von Harvard-Professor Timothy Leary im Rahmen der Beschreibung von therapeutischen und rituellen Drogensitzungen. Demnach bezieht sich der Begriff Drug auf objektive, wertneutrale Sachinformationen über pharmazeutische Zusammensetzung und Wirkungsweise, sowie möglichen Risiken und Nebenwirkungen einer Substanz. Set umfasst die Dinge, Einstellungen, Erwartungen, Lebenslage, Stimmungslage
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etc., die der Konsument in die Situation einbringt. Setting beschreibt das räumliche, soziale und emotionale Umfeld, in dem der Konsum und das daraus folgende Erleben stattfinden. Trotz dieser umstrittenen Herkunft sind diese drei Begriffe zu einem festen und allgemein akzeptierten Bestandteil von Safer-Use-Strategien geworden.
5.2.1.1 Drug
Eine saubere Droge ist die beste Prävention.
Wie bereits erklärt, gibt es rund um den Begriff Droge vielfältige Auslegungen und Bedeutungsinhalte. Im Kontext von Drug ist das erklärte Ziel, eine möglichst objektive und wertfreie Betrachtungsweise zu erlangen um eine verbesserte Informationslage über Wirkstoffe und deren Dosierungen zu erhalten (vgl. Cousto, 2003). Die Wichtigkeit von Drug für das Gelingen einer Konsumsituation und der Zeit danach macht folgendes Zitat deutlich:
„Wer eine saubere, richtig dosierte, psychedelische, entaktogene, empathische oder entheogene Droge unter günstigen Bedingungen konsumiert, kann durch die Wirkung der Droge sein Tun, seine Mitmenschen, seine Umgebung und sich selbst intensiv genießen und erlebt dabei eine fundamentale Befriedigung. Wer jedoch unsaubere oder falsch dosierte Drogen unter ungünstigen Bedingungen konsumiert, dem geht der Genuss ab und es stellt sich keine Befriedigung ein. Eine Folge, die sich aus einer solchen Situation ergibt, ist der Wunsch nach mehr Drogen, da man zu leicht geneigt ist, das Unwohlsein vornehmlich auf eine schlechte oder ungenügende Drogenwirkung zurückzuführen und nicht auf die eigene Konstitution oder das Set und das Setting. Der bequemste Weg scheint in einem solchen Fall oft der Konsum weiterer Drogen zu sein. Um ‚Besserung’ herbeizuführen, wird dann völlig oft völlig unüberlegter und übermäßiger Drogenmischkonsum betrieben, der die Situation jedoch nur verschlimmert und nicht verbessert.“ (Cousto, 1999, S. 22)
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Dabei ist es wichtig, von Anfang an eine klare Trennung zwischen den verwendeten Begrifflichkeiten zu schaffen. Die Unterschiede zwischen den Begriffen Substanz und Mittel wurden schon erläutert. Ähnlich verhält es sich mit den Begriffen Stoff und Arznei. Was ein Stoff ist, ist im Arzneimittelgesetz geregelt: „1. Chemische Elemente und chemische Verbindungen sowie deren natürlich vorkommende Gemische und Lösungen,
2. Pflanzen, Planzenteile und Pflanzenbestandteile in bearbeitetem und unbearbeitetem Zustand,
3. Tierkörper, auch lebende Tiere, sowie Körperteile, -bestandteile und Stoffwechselprodukte
von Mensch und Tier in bearbeitetem und unbearbeitetem Zustand, 4. Mikroorganismen einschließlich Viren sowie deren Bestandteile oder Stoffwechselprodukte.“ (vgl AMG)
Daraus leitet sich auch die Bedeutung des Begriffs Wirkstoff ab, wonach ein Stoff zum Wirkstoff wird, indem er im Körper eine Wirkung hervorruft. Diese Definition ist in sofern neutral, als dass sie die Art der Wirkung und deren Bedeutung für die Gesundheit, außen vor lässt.
Arzneien sind Wirkstoffe, welche für den Organismus als nützlich erachtet werden. Arzneistoffe werden dann zu Arzneimitteln, wenn diese gezielt zur Behandlung von Krankheiten oder deren Prophylaxe eingesetzt werden. Hier wird wieder die wichtige Rolle des Zusatzes ‚-mittel’ deutlich. Erst durch die Sinnstiftung erfährt eine Substanz oder ein Stoff die Bedeutungszuschreibung eines Mittels. Somit ergeben sich auch für den Begriff der Droge im Kontext von Drug mehrere zulässige Definitionen, die sich allerdings nicht gegenseitig ausschließen sondern ergänzenden Charakter haben. So können Drogen sowohl Stoffe wie Substanzen, als auch Wirkstoffe und Arzneimittel sein. Genauso, wie eben viele Drogen als Genussmittel oder auch als Rauschmittel gebraucht werden können. Interessant wird dieser Aspekt bei der Etikettierung von Drogen als Betäubungsmittel im Rahmen des Betäubungsmittelgesetzes. Nach COUSTO leitet sich die Bedeutung
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des Wortes Betäubungsmittel aus dem griechischen Anästhetikum ab, dem Fachbegriff für Betäubungsmittel. Die Vorsilbe ‚an’ bezeichnet das Gegenteil. In diesem Fall das Gegenteil von Ästhetik. Ästhetik wiederum bezeichnet ‚wahrnehmen, fühlen, empfinden’. Demnach bedeutet Anästhetikum ‚nicht wahrnehmbar, nicht fühlbar, nicht empfindbar’. Das Betäubungsmittelgesetz regelt recht rigide, welche Stoffe Betäubungsmittel sind, und welche nicht: „ (1) Betäubungsmittel im Sinne dieses Gesetzes sind die in den Anlagen I bis III aufgeführten Stoffe und Zubereitungen. „ (BtmG, §1 (1))
Dies ist irreführend, da es Substanzen gibt, die demnach unter die gesellschaftliche Zuschreibung als Betäubungsmittel fallen, ihrer Natur nach aber dem nicht entsprechen. Ein gutes Beispiel ist LSD oder auch Lysergsäurediäthylamid. Dieses, von Albert Hofmann erstmals synthetisierte und den Mutterkornalkaloiden verwandte Präparat ruft starke psychedelische Effekte hervor, welche in erster Linie als sinnverstärkend zu bezeichnend sind. Eine erhöhte Empfindsamkeit gegenüber optischen und akustischen Reizen und eine völlig andere Art der internen Interpretation dieser Reize, bis hin zur Auflösung der Ich-Grenze, stellen das Hauptwirkungsspektrum dar. LSD wurde auch als Arzneimittel im Rahmen der psycholytischen Therapie unter dem Namen Delysid 25 verwendet, und bis heute in der Schweiz in bestimmten Ausnahmefällen angewandt. Somit ist LSD ein Stoff, ein Arzneistoff, ein Arzneimittel und ein Rauschmittel. Alle diese Definitionen treffen auf LSD zu, die Kategorisierung als Betäubungsmittel erscheint im Gegensatz dazu unsachlich, irreführend und schlichtweg falsch. Dieses Beispiel zeigt, was Drug nicht meint, wenn von objektiven Informationen über Drogen die Rede ist, und wie weit öffentliche Wahrnehmung einer Substanz und tatsächliche Eigenschaften auseinander liegen können. „Die heute allgemein als Drogen bezeichneten Substanzen verändern in sehr unterschiedlicher Art und Weise unsere Wahrnehmung, unsere Empfindung, unser Lustgefühl, unseren Wachheitsgrad, unsere Impulsivität oder auch unser Konzentrationsvermögen.“ (Cousto, 2002, S. 3)
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Genauso unterschiedlich wie Drogen und deren Substanzen wirken ist eine allgemeine Zuschreibung all dieser als Betäubungsmittel abwegig. Eine objektive Informierung über eine bestimmte Droge kann sich daher nicht ausschließlich an gesellschaftlichen Wahrnehmungen orientieren. Eine kritische, selbstbestimmte und reflexive Informationsstrategie ist hier angebracht. Das Ziel ist ,es dem Konsumenten zu ermöglichen, sich tatsächlich wertneutral und objektiv über verschiedene Substanzen informieren zu können. Dazu ist es notwendig ihm die entsprechenden Informationen zugänglich zu machen, und die Frage nach einer etwaigen Moral oder gesellschaftlichen Wahrnehmung des Konsums dieser Substanzen außen vorzulassen. Dabei ist es wichtig eine Unterscheidung zu treffen die folgendes Beispiel deutlich machen soll:
5.2.1.2 Set
„Set bezeichnet die innere Grundeinstellung des Konsumenten oder der Konsumentin sowie dessen oder deren persönliche Erwartung an die Drogenwirkung als auch dessen oder deren Stimmung bei der Einnahme der Droge.“ (Cousto, 2002, S. 4)
Da, wie eingangs erwähnt, die meisten Drogen entaktogen, also von innen heraus, wirken, verstärken sie die jeweils vorherrschende Stimmung des Konsumenten. Hier wird deutlich wie stark der Einfluss des Set auf das Gelingen der Konsumsituation und darüber hinaus ist. Nach COUSTO ist der Einfluss mindestens genauso stark wie die Drogenart und die Dosierung. Seiner Meinung nach hängt eine günstige Prognose für ein positives Erleben im Wesentlichen von der Fähigkeit ab, andere zu akzeptieren, existentielles Erleben und Handeln im Sinne von Selbstverwirklichung zu praktizieren und die Bedürfnisse andere anzuerkennen, jenseits von Konformismus und Opportunität. Im Gegensatz dazu sieht er den größten Risikofaktor für einen schlechten Konsumverlauf im Grad der Rigidität einer Person. Rigidität bezeichnet das Maß an Starrheit und Steifheit einer Person. Die Angst vor möglicherweise unangenehmen Wahrheiten oder Erkenntnissen über die eigene Persönlichkeit, welche drogeninduziert hervortreten können, und die Angst vor einer Auflösung des inneren
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Bezugssystems in Verbindung mit einer möglicherweise daraus folgenden Ichauflösung, sind Indikatoren für eine hohe Wahrscheinlichkeit, ein eher negatives Rauscherlebnis zu erfahren.
COUSTO verweist bei seiner Verwendung des Wortes Rigidität aus dessen Verwendung in der Persönlichkeitspsychologie wo der Begriff in Verbindung mit dem Unvermögen, sich an ändernde Lebensumstände anzupassen, und alte Denk-und Handlungsmuster abzulegen oder zu modifizieren. Demnach würde das Maß an Rigidität, der Rigiditätskoeffizient, eine sichere Aussage darüber Zulassen, in welcher Situation eine Person voraussichtlich von Angstzuständen betroffen sein wird und in welchen nicht:
„Unsere Drogenprobleme wurzeln nicht in den Eigenschaften der Drogen, sondern in der Art und Weise, wie wir mit Drogen umgehen.“ (Cousto, 2002, S. 5)
5.2.1.3 Setting
Grundsätzlich bezieht sich Setting auf das soziale, kulturelle und physische Umfeld, in dem der Konsum stattfindet. Cousto geht davon aus, dass sich mit jeder Veränderung dieses Umfelds auch gewisse Aspekte der Drogenwirkung verändern. Diese veränderten Wirkungsweisen können so stark sein, dass gewisse Teilwirkungen nicht mehr, bzw. verstärkt wahrgenommen werden. Darum scheint es wichtig, den Ort, an dem der Konsum stattfinden soll, bewusst zu wählen: „Wer ein zwiespältiges Gefühl zur angesagten Umgebung hat, sollte dort auf gar keinen Fall Drogen konsumieren, die hoch dosiert sind und stark wirksame psychoaktive Substanzen enthalten. Solche Drogen sollten nur in einem Umfeld genommen werden, in dem man sich sicher, geborgen und wohl fühlt.“ (Cousto, 2002, S. 5)
Der Zusammenhang von Drug, Set und Setting stellt somit die Frage nach dem Was, Wo, Wie viel, Womit usw..
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5.3 Drogenkompetenz und Drogenmündigkeit
„Drogenkonsum ist nicht grundsätzlich ein Problem, dem entgegengewirkt werden muss, sondern der Konsum psychoaktiver Substanzen ist als Phänomen wahrzunehmen, das unter bestimmten Voraussetzungen in die
Lebenswirklichkeiten der Menschen integrierbar ist und dort einen berechtigten Platz haben kann. Voraussetzungen hierfür sind Drogenkompetenz als Basis eines autonom kontrollierten, sozial integrierten und vor allem genussorientierten Konsums sowie Drogenmündigkeit als Ausgangspunkt von Wert- und Handlungskriterien zur Partizipation von Drogenkonsumenten am Kultur und Gesellschaftsleben.“ (Cousto, 2002, S. 2)
5.3.1 Drogenkompetenz
Drogenkompetenz lässt sich als die konsequente Umsetzung und Integration von Drug in eigene Konsummuster und die eigene Drogen- und Genusskultur verstehen. In der Literatur wird an Stelle von Drogenkompetenz auf der Begriff Drogenmündigkeit benutzt. Gundula Barsch, Kommissionsmitglied der Drogen-und Suchtkommission beim Bundesministerium für Gesundheit definiert Drogenmündigkeit wie folgt:
„Die Entwicklung von Drogenmündigkeit zielt darauf Menschen zu befähigen, sich eigenständig in vielfältigen Alltagssituationen orientieren und zu jeweils angemessenen Formen im Umgang mit Drogen finden zu können. Drogenmündigkeit beinhaltet insofern keinesfalls Fertigkeiten, Willensqualitäten und Selbstkontrolle, um durch Experten formulierte Vorgaben buchstabengetreu umzusetzen. Drogenmündigkeit ist vielmehr ein sehr komplexes Handeln, in das u.a. Fähigkeiten und Motivationen für Risikomanagement, Kritikfähigkeit, Genußfähigkeit, Drogenwissen eingehen und die Basis dafür schaffen, daß Menschen in den vielfältigsten Alltagssituationen in Bezug auf Drogen autonom und kundig handeln. Gerade mit dem Bezug auf Kritikfähigkeit und Risikomanagement wird deutlich, daß Drogenmündigkeit nicht dem nur sich selbst verpflichteten Individuum das Wort redet, das sich mit seinem
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Drogenkonsum rücksichtslos in der Gemeinschaft platziert. Drogenmündigkeit soll vielmehr ausdrücklich als Aspekt der Gemeinschaftsfähigkeit verstanden werden.“ (Die Drogen- und Suchtkommission beim Bundesministerium für Gesundheit, 2002, S.45)
5.3.2 Drogenmündigkeit
Kompetenzentwicklung statt Zwang und Entmündigung.
„Es gibt viele Leute, die schon seit 10 Jahren dabei sind (betrifft Ecstasykonsum d.V.) und trotzdem ihren Alltag geregelt bekommen, die das als eine Art Flucht oder auch einfach nur Entspannung sehen. Es kann nicht darum gehen den Konsum zu verteufeln, sondern eher schon darum zu sagen: ‚Wenn du es schon nehmen musst, überlege dir, was du machst.’ Von den Konsumenten kann man lernen, wie ein bewusster Drogenkonsum aussieht - das Stichwort Drogenmündigkeit ist hier ziemlich zutreffend - dass man einfach einen Weg aufzeigt, wie man neben dem Wochenendleben auf den Technopartys auch den Alltag geregelt bekommt, wie man synchron mit der Hauptwelt geregelt bekommt, dass man nicht allzu sehr in die Ecstasywelt abdriftet.“ (BMG, 2003, S. 30)
BARSCH begründet die Vorrangigkeit von Drogenmündigkeit gegenüber abstinenzorientierten Zielen mit dem nicht direkt vorhandenen kausalen Zusammenhang zwischen Substanzkonsum und Abhängigkeit. Dabei soll Abhängigkeit, vor allem in ihrer schweren Form, nicht verharmlost werden, allerdings werden mit der Fixierung auf Abstinenz viele andere Zugänge zum Thema versperrt.
Sie stellt die negativen Folgen eines ungünstigen Konsums ( falscher Ort, falsche Zeit, falsche Menge, falsche Person, falsche Konsumtechnik ), wie Unfälle und physische Gewalt, als wesentlich akuter dar, als die verhältnismäßig selten vorkommenden Folgen von Abhängigkeit. Um Drogenmündigkeit, und damit die Gesundheit des Konsumenten zu fördern, ist es unumgehbar ihn wieder als Subjekt im Gefüge der professionellen Institutionen sichtbar zu machen. Die
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Erkenntnis, dass Drogenkonsum nicht etwas ist, was es zu überwinden gilt, sondern etwas was vielmehr in die Lebenswelt des Individuums integriert werden-, und bereichernd wirken kann, macht die Entwicklung von Kompetenzen erst möglich und stellt damit das Subjekt ins Zentrum der Bemühungen. Ziel ist es, den Konsumenten dazu zu befähigen, „sozial verantwortlich und selbstbestimmt mit psychoaktiven Substanzen umzugehen“. (Barsch, 2004, S. 29)
5.3.3 Mischkonsum
„Wahrer Genuß will gelernt sein, ja wahrer Genuß ist eine echte Kunst. Auch der Genuß von Drogen will gelernt sein, damit man die Drogen als Genußmittel optimal nutzen kann. Die Kunst, Drogen in einem kultivierten Rahmen bewußt als Mittel zum Genuß zu nutzen nennt man Drogenkultur.“ (Cousto, 2002, S.6) Um Drogen und Substanzen als Genussmittel konsumieren zu können bedarf es genauer Kenntnisse über Zusammensetzung, Dosierung und Wirkung einer Substanz. Dies ist vielleicht vergleichbar mit dem Einsatz von Gewürzen bei der Zubereitung eines komplizierten Gerichts. Nicht nur das Wissen um den Geschmack der einzelnen Gewürze ist von Nöten, um das Ergebnis zu beeinflussen. Auch das Wissen um die Harmonie beim Einsatz vieler Gewürze, die Komposition, das Verhalten bei hohen Temperaturen, den Zeitpunkt der Zugabe, und letztlich das persönliche Empfinden und Erfahrung sind zentrale Faktoren für einen ausgewogenen Geschmack und ein gelungenes Ergebnis. Mischkonsum, die gleichzeitige oder zeitüberlappende Einnahme mehrerer unterschiedlicher Substanzen ist die Regel, nicht die Ausnahme. Der morgendliche Kaffee mit einer Zigarette ist Mischkonsum. Auf der Party das Bier und der kreisende Joint ist Mischkonsum. Das Cola-Bier-Gemisch ist Mischkonsum. Die gleichzeitige Wirkung mehrerer Drogen entspricht nicht der Summe ihrer Einzelwirkungen, sondern kann weit davon abweichen, oder ein völlig anderes, zum Teil hoch riskantes Wirkspektrum entfalten. Eine genaue Kenntnis der zu erwartenden Wirkung und eine wohl bedachte Dosierung ist die elementare Grundlage für einen genussvollen Mischkonsum.
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5.4 Methoden
HEUDTLASS gibt folgende Hinweise zur Safer-Use-Beratung welche als Instrumente betrachtet werden können, die zu vermittelnden Inhalte besser zu transportieren:
Peer Support und Peer Education als Prävention für und von Drogengebrauchern. Hier wird besonders die hohe Akzeptanz der Konsumhinweise auf Grund ihres Szenenahen Ursprungs hervorgehoben:
„Um auf die notwendige Akzeptanz aufseiten der AdressatInnen zu stoßen, muss die Prävention glaubwürdig sein. Die Glaubwürdigkeit von Prävention wiederum hängt maßgeblich von dem Vertrauen ab, das Partygänger den Präventionsbotschaften entgegenbringen. FreundInnen sind für
PartydrogenkonsumentInnen bei der Wissensvermittlung mit Abstand (85,7% Nennungen) die wichtigste Informationsquelle hinsichtlich des Umgangs mit Drogen.“ (Schroers, 2002, S. 137)
Dissonance Shaping kann man als Akzeptanz einer Kompromissbildung zwischen Gesundheitsförderung und Genusserhaltung interpretieren. Die Unterschiedlichen Erwartungshaltungen innerhalb der Beratungssituation müssen nicht ausgeglichen werden um die Situation als gelungen zu betrachten. Vielmehr steht eine realistische Einschätzung der Gesamtlage im Vordergrund: „Sowohl die individuelle Praxis (die personale Ebene) wie auch das Milieu (die interaktionelle Ebene), die Lebensbedingungen (gesellschaftliche Ebene) und die materiellen Gegebenheiten (instrumentelle Ebene) gehören zur Ausgangslage.“ (Heudtlass, 2000, S. 100)
Die Next Best Solution ist, sinngemäß übersetzt, die naheliegensde akzeptable Teillösung. Teillösung darum, weil es ‚die’ Lösung auf Grund der großen Diversität der Ausgangslage nicht geben kann. Abstinenzorientierte Ratschläge zur Konsumsituation verfehlen oft ihre Adressaten. Alltagsnahes und
lebensweltorientiertes Beraten und Handeln bedarf einer genussbejahenden, den Konsumenten unterstützenden Grundhaltung:
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„Obwohl natürlich immer die Frage kommt, ob das Eintreten für einen verantwortungsvollen Umgang noch zu verantworten ist angesichts der Risiken. Aber kann man denn heute noch hingehen und Verzicht predigen? Ich glaube, was die Zielgruppe der bereits konsumierenden betrifft, kann man realistischerweise zunächst nur den verantwortungsvollen Konsum fördern.“ (BMG, 2003, S. 30)
5.5 Safer-Use im Partysetting
5.5.1 Zum Begriff der Partyszene und Partydrogen
Der Begriff Partydrogen umspannt die am häufigsten im Partysetting konsumierten psychoaktiven Substanzen. Mit Partysetting sind die Party- und Tanzkultur der Techno- und Raveszene, sowie die Clubszene gemeint. Alternativ wird auch der Begriff der ‚Eventkultur’ benutzt (vgl. Gebhard, 2000). Grund für diese Kategorisierung ist zum einen der gemeinsame Gebrauchskontext dieser Stoffe, und zum anderen der funktionelle Aspekt der drogeninduzierten Wirkung, das ‚Rauscherlebnis’. Das bedeutet nicht, dass alle als Partydrogen bezeichneten Substanzen das gleiche Wirkungsspektrum aufweisen, sondern der Begriff beschreibt den funktionellen Charakter im Sinne von sozialen, psychischen und physischen Erleben im Zusammenhang mit dem jeweiligen Substanzgebrauch in einem spezifischen kulturellen Umfeld (vgl. Schroers / Schneider, 1998).
5.5.2 Aufkommen und Konsum von Partydrogen
Die als Event- bzw. Partyszene beschriebene Jugendkultur stellt die größte Jugendbewegung des 20. Jahrhunderts dar. Drogenkonsum spielt dabei eine wesentliche Rolle:
„Die Zahl der Technomusikanhänger in Europa wird von Experten auf 10 Millionen geschätzt, allein in Deutschland sind es mindestens 3-4 Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmer an dieser Form populärer Jugendkultur. Die
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>>Techno-Szene<< und das um sie herum angelagerte Partymilieu sind somit die quantitativ stärkste Jugendbewegung dieses Jahrhunderts. Einigkeit besteht unter den mit dem Phänomen befassten Forscherinnen und Forschern, dass ein hoher Anteil der Techno-Musik und Tanzbegeisterten bereits mit einer Vielzahl von Drogen Erfahrungen gesammelt hat.“ (Schroers, 2000, S. 179) Und:
„’Techno’ ist die stilprägende Jugend- und Musikkultur der neunziger Jahre. Der Gebrauch von illegalisierten Partydrogen wie Ecstasy (MDMA), Speed (Amphetamin), LSD und Zauberpilzen hat in ihr eine große Verbreitung gefunden.“ (Sonics-Netzwerk, 1999, S. 2)
Die Ergebnisse verschiedener explorativer, wissenschaftlicher Untersuchungen zeigen, dass die Prävalenz des Konsums in der Partyszene signifikant größer ist als der Konsum betreffender Rauschmittel außerhalb dieses Kontextes. „Während in der Partyszene - je nach gewählten Untersuchungskontext […]beispielsweise vier von fünf PartybesucherInnen Erfahrungen mit Ecstasy haben, hat allgemein nicht einmal jede/r Zwanzigste in dieser Altersgruppe Ecstasy probiert.“ (Schroers, 2000, S. 134). Doch nicht nur die Häufigkeit des Konsums ist innerhalb der Partyszene im Vergleich zu kontextfernen Jugendlichen erhöht, auch die Konsummuster hinsichtlich Dauer und Regelmäßigkeit weißen signifikante Unterschiede auf: „Wenn es bei 45% der KonsumentInnen illegaler Drogen beim ein- bis zweimaligen Probieren bleibt lassen sich im Szenegefüge des Partysettings auch über den Zeitraum einiger Jahre hinweg verstetigte und verfestigte Konsummuster beobachten.“ (Schroers / Schneider, 1998, S. 131 und vgl. BMG, 2001).
Eine 1997 im Auftrag der BzgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) durchgeführte Studie zum Drogenkonsum in der Techno-Party-Szene zeigte, dass Drogenkonsum in dieser Szene weit verbreitet ist: 69% der Partybesucher haben Erfahrungen mit Cannabis - 49%mit Ecstasy - 44%mit Amphetaminen -
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37% mit Halluzinogenen - 31%mit Kokain - 93%der Ecstasykonsumenten konsumieren mehrere Substanzen - ZumUmfang der Szeneinvolviertheit lässt sich sagen, dass 2001 ein Fünftel (19%) der 18-25-Jährigen regelmäßig an Techno-Partys teilgenommen haben. Die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland die einmal existiert haben, gleichen sich rasant an (vgl. BzgA, 2002, S. 56ff.) Zur heutigen Situation gibt es keine aktuellen Studien, allerdings zeigt ein Vergleich von 1997 zu 2001, dass es in der Gruppe der Techno-Party-Besucher bei allen Substanzen einen leichten Rückgang, mit der Ausnahme Kokain, gibt. Allerdings lassen die steigenden Zahlen der festgestellten Drogenfunde durch Polizei und Zoll auf einen eventuell immer noch steigenden Konsum schließen (vgl. BMG, 2007). Dies könnte man dadurch erklären, dass der Drogenkonsum in der Szene selbst zwar abgenommen, außerhalb der Szene aber zugenommen hat. Eine andere Vermutung stellt das Ergebnis als Folge der szenenahen Präventionsarbeit dar:
„Vielleicht haben die intensive öffentliche Berichterstattung und die vielfältigen szenebezogenen Präventionsaktivitäten, die seit 1996 stattfinden, doch ihre Spuren hinterlassen.“ (BzgA, 2002, S. 65)
Die prohibitive Drogenpolitik scheint auch im Fall der Partydrogen nicht zu greifen. Nach einer Studie von TOSSMANN zur Technoszene im Auftrag der BzgA sind 56% der gesamten Stichprobe Konsumenten illegalisierter Substanzen. Von diesen fühlen sich über 95% dazu in der Lage, innerhalb von zwei bis drei Stunden ‚ihre’ Partydrogen zu beschaffen. Anscheinend hat die Prohibition keinen Einfluss auf die generelle Verfügbarkeit von Substanzen. Auch die Zugehörigkeit zu bestimmten Milieus ist hier nicht ausschlaggebend, da auch in der Gruppe derjenigen, die keine illegalisierten Substanzen Konsumieren ebenfalls 90% angeben, innerhalb der gleichen Frist die gängigen Partydrogen beschaffen zu können (vgl. Cousto, 1999, S. 123). Hier zeigt sich unter anderem aber auch, dass die Verfügbarkeit von Substanzen keinen Einfluss auf die Bereitschaft hat, diese auch zu konsumieren.
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Verbot und Angst vor staatlicher Repression scheinen keine guten Gründe für ein Abstinentes Verhalten bezüglich Partydrogen zu sein. Ein sehr großer Teil der Jugendlichen hat Erfahrungen mit illegalisierten Substanzen. Viele haben Erfahrungen mit Mischkonsum. Fast alle können die entsprechenden Substanzen innerhalb kurzer Zeit beschaffen. Drogen sind verfügbar und sie werden konsumiert (vgl. Cousto, 1999, S. 124).
5.5.3 Partydrogen im Speziellen
Zum besseren Verständnis möchte ich einen kurzen Überblick über die ‚gängigen’ Partydrogen geben. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, auf alle Substanzen die verfügbar sind, und deren Wirkungen einzugehen. Ich werde daher am Beispiel Ecstasy als zweithäufigst im Partysetting konsumierte illegalisierte Substanz etwas intensiver auf Wirkungen und die daraus resultierenden Safer-Use-Regeln eingehen. Alle folgenden Partydrogen werde ich nur kurz umreißen um einen allgemeinen Überblick zu geben, und ein besseres Verständnis für den Rest dieser Arbeit, gerade im Bezug auf den Themenkomplex Drugchecking, zu generieren. Die von mir beschriebenen Substanzen stellen nur einen Ausschnitt aus der ganzen Palette der als Drogen konsumierten Stoffe dar. Die nun folgende Liste dient nur der Übersichtlichkeit und stellt keinen Anspruch auf Vollständigkeit:
Cannabis: Blüten der weiblichen Hanfpflanze bzw. das Harz der Pflanze - (Haschisch),Pflanzenteile
Ecstasy: MDMA, MDA und MDE, Amphetamin, meist in Pillenform - Speed:Amphetamin, weißes kristallines Pulver - Crystal:Amphetamin, weißes kristallines Pulver - LSD:synthetisches Mutterkornalkaloid, entweder flüssig oder als Pille - Kokain:Alkaloid der Kokapflanze, weißes kristallines Pulver - Heroin,Opiat, meist in Pulverform, weiß bis braun - DieseListe ist nur ein kurzer Auszug aus den im Partysetting vorkommenden Substanzen und zeigt aber schon recht gut, dass die meisten Substanzen in einer
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Form vorliegen, die es vor allem unerfahrenen Konsumenten schwer macht, sich über Inhaltsstoffe und Dosierung im klaren zu sein.
5.5.4 Drug und Safer-Use am Beispiel Ecstasy
Das nun folgende Beispiel dient der Veranschaulichung von Drug in Kombination mit daraus resultierenden Safer-Use-Regeln als sinnvolles Konstrukt zur Vermeidung von negativ erlebten Konsumsituationen und Drogennotfällen im Sinne der Gesundheitsförderung. Für den Konsumenten kann es hilfreich sein, die folgenden Informationen für sich zu erschließen, um aus dem eigenen Verständnis heraus für sich einen Weg zu finden, den Konsum so sicher wie möglich zu gestalten. Grundlage dafür ist ein fundiertes Wissen über die Substanz, ihre Haupt- und Neben- sowie Langzeitwirkungen, ihre Gefahrenpotenziale, aber auch ihre positiven Eigenschaften. Aus der genauen Kenntnis von Drug und der bewussten Gestaltung oder Wahl des passenden Setting in Verbindung mit einem gesund ausbalancierten Set kann ein sehr gelungener Rausch im Sinne eines bereichernden Erlebnisses folgen. Die selbstverantwortliche, selbstbewusste Einhaltung von Safer-Use-Regeln kann riskante Konsumformen und krisenhafte Konsumverläufe vermeiden helfen. Ich möchte mit dem folgenden Artikel zeigen, dass ohne die genaue Kenntnis von Drug der Rückschluss auf entsprechende Konsumregeln nicht möglich ist. Ich orientiere mich bei meinem Überblick bezüglich Ecstasy stark an COUSTO, weil er meiner Meinung nach auf diesem Bereich einer der renomiertesten Autoren ist und auf dem Gebiet von Safer-Use und Drugchecking viel geleistet hat.
5.5.4.1 Drug
Ecstasy (XTC) gehört zur Gruppe der Amphetaminderivate und ist ein Oberbegriff, unter den zur Zeit drei Wirkstoffe fallen. MDMA ( 3,4-
Methylendioxymethylamphetamin), MDEA (3,4-Methylendioxyethylamphetamin) und MBDB (N-Methyl-1-(1,3-benzodioxol-5-yl)-2-butylamin. Jedoch stellt MDMA
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den üblicherweise vorkommenden Wirkstoff dar. Ecstasy wird in der Regel in Pillenform angeboten.
Das Hauptwirkspektrum beinhaltet eine erhöht empfundene Empathie gegenüber Mitmenschen. Wahrnehmungsfähigkeit und Einfühlungsvermögen werden intensiviert erlebt. Das Seh- und Hörvermögen verändert sich. Im Partysetting kann dies zu einem gesteigerten Gemeinschaftsgefühl bis hin zu einem tiefen, religiös anmutenden Verbundenheitsgefühl mit anderen Partyteilnehmern führen. Das Seh- und Hörvermögen verändert sich. „Ecstasy hat in der Regel eine tranceartig entspannende und zugleich eine psychisch stimulierende Wirkung. Harmonie- und Zärtlichkeitsgefühle dominieren gegenüber Angst- und Aggressionsgefühlen. Ecstasy steigert die Empfindung für das Ich-Gefühl und öffnet das Herz für die Wahrnehmung des Du-Gefühls. […] Nach drei bis fünf Stunden klingt die Wirkung langsam wieder ab.“ (Cousto, 2003, S. 22) Diese Wirkung ist auf das Wirkprinzip von Ecstasy zurückzuführen, welches so funktioniert, dass das Hormon Serotonin, welches als Botenstoff agiert, vermehrt ausgeschüttet wird. Serotonin selbst ist ein körpereigener Stoff, der in bestimmten Hirnarealen gespeichert-, und bei Bedarf in die Synapsen entlassen wird. MDMA induziert die vermehrte Freisetzung von Serotonin und erzeugt damit die für diese Droge typische Wirkung. Das Wichtige an diesem Fakt ist, dass dadurch bedingt, dass nicht die Droge selbst eine Wirkung hervorruft, sondern sozusagen über den indirekten Weg eine Wirkung erzeugt wird, eine zeitnahe Neuapplikation von MDMA keinen Sinn macht. MDMA leert quasi die Serotoninspeicher im Gehirn. Eine erneute, rasch auf die erste Dosis folgende Einnahme würde darum keinen stärkeren Effekt hervorrufen. „Der E-Film ist jetzt zu Ende und man sollte das einfach akzeptieren und nicht ‚nachlegen’. Die Serotoninspeicher sind jetzt weitgehend geleert und müssen erst wieder langsam gefüllt werden.“ (Cousto, 2003, S. 22)
MDMA ist eine entaktogene, dass bedeutet, das innere Empfinden betreffend, wirkende Substanz. Während der Wirkung von Ecstasy kann es zu einem Anstieg der Körpertemperatur und einem unterdrückten Hunger-, sowie Durstgefühl kommen. Interessant ist die Tatsache, dass selten die als Ecstasy angebotenen Pillen kein, bzw. nicht nur MDMA enthalten, ganz entgegengesetzt zur Meinung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, der BzgA, die auf ihrer Internetseite www.drugcom.de davon ausgeht, dass „in den als Ecstasy verkauften
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Pillen in der Regel verschiedene wirksame und unwirksame Substanzen enthalten“ sind. Nach dem Rauschgiftjahresbericht des Bundeskriminalamtes wurden in 91,2% aller festgestellten ‚Pillen’ MDMA als Wirkstoff festgestellt. Die restlichen Prozentpunkte verteilten sich auf Kombinationspräperate mit MDMA-Anteilen und andere (vgl. Cousto (b), 2002, S. 23) Somit ist eher selten davon auszugehen, dass die angebotenen Pillen einen anderen Wirkstoff als den erwünschten enthalten. Viel wichtiger erscheint mir hier die Frage nach der Dosierung, also nach der enthaltenen Menge des erwünschten Wirkstoffes. Dies zu bestimmen ist die Aufgabe von Drugchecking, auf welches im nächsten Kapitel näher eingegangen wird.
5.5.4.2 Safer-Use im Kontext von Ecstasy
Wie bereits dargestellt macht die zeitnahe Neuapplikation von MDMA keinen Sinn. Im Kontext von Safer-Use ist sogar davon abzuraten. Die völlige Entleerung der Serotoninspeicher hat eine Art künstlicher Depression zur Folge, den so genannten Ecstasy-Kater. Eine oft als unangenehm empfundene Desorientierung kann die Folge sein. Ein fehlendes Wissen um die Wirkprinzipien von MDMA kann zu einer erneuten Einnahme verleiten, die aber nicht die gewünschte Besserung, sondern eine Verlängerung des als negativ empfunden Zustandes zur Folge haben kann.
Abgesehen davon scheint nach dem heutigen Stand der Forschung reines MDMA keine bleibenden Organschäden zu verursachen. Es gibt lediglich Hinweise auf eine Schädigung von Nervenzellen in bestimmten Hirnarealen, allerdings bilden sich diese Schäden wieder zurück. Ungeklärt ist, ob sich die Zellen vollständig regenerieren oder ob eine Restschädigung bleibt. Diese Frage wird Gegenstand weiterer Forschung sein müssen. Durch die Kombination zweier Wirkungen von MDMA, zum einen die partielle Unterdrückung von Hunger- und Durstgefühlen und die gleichzeitige Anhebung der Körpertemperatur kann in Verbindung mit stundenlangen ekstatischen Tanzen zu riskanten Kreislaufkrisen, mit im Extremfall tödlichem Ausgang kommen. Eine ausreichende Zufuhr mit nichtalkoholischen Getränken ist daher von großer Wichtigkeit, auch wenn man keinen Durst verspürt. Ebenso ist vom Mischkonsum in Kombination mit Ecstasy
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abzuraten. Vor allem MOA-Inhibitoren (MAO - Monoaminooxidase) enthaltende Drogen oder Medikamente (z. B. Antidepressiva) stellen ein großes Risiko dar. Monoaminooxidase ist ein körpereigenes Enzym, das unter anderem für den Abbau von freigesetztem Serotonin verantwortlich ist. Wird dieses Enzym gehemmt, kommt es zu einem kritischen Anschwellen der MDMA-bedingten Serotoninkonzentration in den Synapsen.
Wie eine fertig formulierte Safer-Use-Botschaft aussehen kann zeigt die Ecstasy-Info des Projektes Drugscouts aus Leipzig. Diese Informationen liegen sowohl in elektronischer, als auch in gedruckter Form eines Info-Faltblattes vor. Der Fokus liegt hier auf einer objektiven Information der Drogengebraucher ohne die Verwendung moralisch belasteter Formulierungen. Die Informationen sind allgemein verständlich, praktisch und lebensweltorientiert formuliert. Die inzwischen Überarbeitete Version dieser Information geht auch auf die geschlechtsspezifischen Wirkunterschiede bei Mann und Frau ein und erläutert Risiken in Bezug auf Schwangerschaft und die Wechselwirkungen mit hormonhaltigen Präparaten wie zum Beispiel der Antibabypille. Diese neue Information ist im folgenden Zitat allerdings noch nicht enthalten, liegt aber in gedruckter Form vor.
„Beachte: Man weiß bei den auf dem Schwarzmarkt erhältlichen Substanzen nie, was genau und wie viel davon drin ist. Achte darauf, was und bei wem du kaufst, nutze nach Möglichkeit "Drugchecking" (Substanzanalysen oder Schnelltests). Weitere Infos zum Umgang mit dieser Situation findest Du unter Pilleninfo. Personen mit folgenden körperlichen Beschwerden sollten auf keinen Fall Ecstasy konsumieren: Asthma, Zuckerkrankheit, Epilepsie, Bluthochdruck und Störungen der Herz-Kreislauf-Regulation.
Psychisch labilen Personen ist dringend vom Konsum abzuraten. Achte auf Deinen inneren Zustand (Set), d.h. ob Du Dich gut/schlecht fühlst, ob Du gesund bist/Schmerzen hast, ob Du müde/wach bist, ob Du gestresst/ausgeruht bist. Dein SET beeinflusst die Drogenwirkung dementsprechend im positiven oder negativen Sinn. Benutze Ecstasy niemals zur Stimmungsaufhellung oder als Problembeseitiger!
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-Konsumiere Ecstasy nur, wenn Du Dich mit den Menschen und in Deiner Umgebung wohl fühlst. Bleibe dabei immer in Kontakt mit jemandem, dem Du vertraust.
-Nimm lieber erst eine halbe Pille, um Dich vor Überdosierungen oder "schlechten" Pillen zu schützen. Nicht gleich nachlegen!
-Alkoholfreie Getränke, Vitamin C (Frischobst), Tanzpausen und Frischluft verringern das Risiko gesundheitlicher Schäden. Trage keine Kopfbedeckung! - Gefahr von Wärmestau und im Extremfall Hitzschlag.
-Der Mischkonsum mit anderen Drogen verstärkt das gesundheitliche Risiko. Konsumpausen einlegen: die Pillen werden nicht schlechter, aber Dein Rauschempfindungsvermögen lässt nach (Toleranzentwicklung).
-Bei Psychokater nach dem "Runterkommen" helfen eine heiße Dusche, frische Klamotten, ausreichend Schlaf und tryptophanhaltige Lebensmittel (Milch, Eier, Bananen, Nüsse, Nudeln).
-Bedenke die Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit! „ (vgl. http://www.suchtzentrum.de/drugscouts/dsv3/stoff/e.html; tägliches update; download am 15.09.07)
5.6. Safer-Use in der Praxis
Safer-Use-Regeln werden vor allem von szenenahen Drogeninformations- bzw. Aufklärungsprojekten und Szene-Initiativen sowie szenenahen Netzwerken propagiert. Diese Projekte nutzen die Prinzipien des peer-support und des dissonance Shaping um ihre Adressaten möglichst effektiv zu erreichen. Ihre Mitarbeiter rekrutieren sich zu einem großen Teil aus der Partyszene oder aus eigenen Multiplikatorschulungen. Grundlage der Arbeit ist oft eine sehr große Szenenähe und die aktive Beteiligung an der Gestaltung der entsprechenden Jugendkultur. Gängiges niedrigschwelliges Mittel sind hierbei Internetauftritte und auf Partys ausgelegte Faltblätter sowie die eigene Gestaltung von Partys. Aber auch professionelle Beratungsangebote und aufwendige Öffentlichkeitsarbeit gehören zum Aufgabenspektrum der meisten Projekte. Ein Großteil dieser Projekte ist wiederum in Netzwerken auf nationaler und internationaler Ebene organisiert. Regelmäßige Treffen und gemeinsame Absprachen von Safer-Use-
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Strategien nutzen die netzwerkbedingten Synergieeffekte effizient aus. Einen kurzen Überblick über die, meiner Meinung nach, wichtigsten Projekte gibt die folgende Liste (Eine vollständige Liste aller Projekte ist im Projektkatalog der BzgA (2001) enthalten): Drugscouts (Leipzig) - „DieDrugscouts möchten darauf hinwirken., dass Jugendliche die Möglichkeit wahrnehmen können, einen selbstverantwortlichen, regelorientierten, risikobewussten und genussfähigen Umgang mit Drogen zu entwickeln. Dies geschieht mithilfe verschiedener Informationsangebote, wie dem Internet, dem Drogen-Info-Laden […], durch Aufklärungsarbeit in Jugendclubs […], mit dem Infotelefon und im Rahmen von Multiplikatorschulungen.“ (SCHROERS, 2002,S. 141) Die Drugscouts betreiben eine sehr umfangreiche und aktive Internetpräsenz. Darüber hinaus unterstützen sie aktiv die Partyszene durch die eigene Gestaltung von Chill-Out-Bereichen. Dies sind eigene Räume im Setting der Party, die als Rückzugsräume funktionieren. Ruhigere Musik, eine Atmosphäre die die Kommunikation fördert, kostenloses Obst und Wasser, saubere Zieh-Röhrchen und Kondome, sowie eine der Party angepasste Dekoration sorgen für eine positive Bereicherung des Partysettings allgemein. Im Weiteren stehen die Mitglieder des Projekts für Fragen zur Verfügung. Regelmäßige Erste-Hilfe-Kurse für Drogennotfälle, welche durch medizinisches Fachpersonal getragen werden, machen die Drugscouts fit für den Notfall.
Drugscouts, Suchtzentrum Leipzig e.V. Eutritzscher Str. 9, 04105 Leipzig www.drugscouts.de Eve & Rave e.V. - BeiEve & Rave handelt es sich um eins der ersten Szeneinitiativen der Bundesrepublik. 1994 in Berlin von Szenemitgliedern gegründet, hat sich bis heute die Aktivität des Projekts auf ganz Deutschland und über seine Grenzen hinaus ausgeweitet. Zurzeit existieren selbstständige
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Gruppen in Berlin, in Münster, in Köln, in Kassel und in der Schweiz. Die Ziele von Eve & Rave sind objektive Drogenaufklärung, Safer-Use-Beratung und Harm Reduction bzw. Risikominimierung. Das Projekt versteht sich als Peer-Projekt. Die Arbeitsweise umfasst die aktive Beteiligung und Gestaltung an der Technoszene inklusive der Aufklärung in Clubs, Vernetzung mit Partnerprojekten, Flyererstellung und Erste-Hilfe-Kurse für Drogennotfälle. Eve & Rave e.V. Berlin, Postfach 440519, 12005 Berlin. www.eve-rave.net
Alice - DasPeer-Projekt Alice besteht seit 1995 und beschäftigt sich vorrangig mit der Verbreitung von Safer-Use-Botschaften und der langfristig angestrebten Bewusstseinsentwicklung von Konsumenten im Sinne von Empowerment. Wichtigstes Instrument von Alice ist ein Party-Bus, mit dem das Projekt auf Partys Präsenz zeigt. Alice - Frank Günther, Musikantenweg 22, 60316 Frankfurt am Main www.alice-project.de Eclipse e.V. - Derehrenamtliche Verein aus Berlin nennt sich selbst ‚Verein für akzeptanzorientierte Drogenarbeit und psychedelische Krisenintervention’.
Schwerpunkt der Arbeit liegt im Drogenpolitischen Feld des ‚Rechts auf Rausch’, sowie der kulturellen Einbindung von Substanzkonsum und Drogenmündigkeit. Eclipse e.V. unternimmt ebenfalls eine eigenständige Gestaltung von Chill-Out-Bereichen auf Partys und vermittelt Safer-Use-Botschaften.
Eclipse e.V. - Frederik Luhmer, Mühlhauser Str. 3-4, 10405 Berlin. www.eclipse-online.de
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Eine Sonderstellung in dieser Liste möchte ich den überregionalen und internationalen Netzwerken zukommen lassen, die sich in diesem Kontext entwickelt haben. Das besondere dieser Netzwerke ist, dass sie sich teilweise offiziellen Strukturen entziehen und dezentral strukturiert sind. Zweck ist der lose Zusammenschluss verschiedenster Techno-, Drogen-, und Jugendkulturprojekte zum freien Austausch von relevanten Informationen. Die Vorteile dieser Netzwerkstrukturen liegen in einem lockeren Verteilersystem, dass es ermöglicht, innerhalb kürzester Zeit alle Teilnehmenden Projekte über Neuigkeiten, wie neuartige Drogen, oder gefährliche Wirkstoffkombinationen oder Dosierungen enthaltende Präparate, zu informieren. Ebenfalls werden neue internationale Ansätze der Drogenberatung und Safer-Use-Botschaften diskutiert. So ist es zum Beispiel Praxis, die aktuellsten Pillenlisten, das sind Listen, in denen die aktuellen Wirkstoffe und deren Konzentration in den kursierenden Partydrogen veröffentlicht werden, im Netzwerk zu verbreiten und sie somit den Konsumenten zeitnah und direkt zur Verfügung zu stellen, um vor eventuelle Gefahren zu warnen. Die zwei wichtigsten Netzwerke im europäischen Kontext sind meiner Meinung nach:
Basics Netzwerk (Europäisches Netzwerk der Techno-, House- - Community-und Gesundheitsorganisationen)
Das Basics Netzwerk beinhaltet eine Vielzahl von szenenahen Projekten: Drop’In project- Bologna, Crew 2000 - Edinburgh, Eve & Rave - Köln, Drugscouts - Leipzig, Eclipse - Berlin, Alice - Frankfurt am Main, Energy Control - Brcelona, Ave’One - Metz, Keep Smiling - Lyon, Le Tipi - Marseille, Tribal Koncept - Chartes, Techno Plus - Paris (vgl. Schroers, 2002, S. 133-153)
Techno Plus, Thierry Charlois, 64 rue Jeanne-Pierre Timbaud, 75011 Paris, Frankreich www.basics2000.org
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Sonics-Cybertribe-Netzwerk - Sonicsist ebenfalls ein Netzwerk der Party- und Technokultur und beschäftigt sich vor allen mit den Themen Drogenpolitik, Partykultur und Drogeninformationen. Das Netzwerk ist traditionell der Hauptverteiler für so genannte ‚Pillenlisten’. Das Netzwerk zeichnet sich durch seine unmittelbare Szenenähe aus und hat nicht nur themenverwandte Projekte als Mitglieder, sondern steht jedem interessierten Individuum offen. Das Netzwerk ist absolut dezentral organisiert und funktioniert nicht wie üblich über eine Seite im Internet, sondern ausschließlich über Email-Verteiler. Sonics@yahoogroups.de
5.7 Safer-Use in der Entwicklung
Safer-Use beinhaltet inzwischen mehr als nur die Verbreitung von Safer-Use-Botschaften in Jugendclubs und im Internet. Viele der Projekte welche sich auf diesem Gebiet engagieren verstehen sich als aktive Mitglieder ihrer Szene und möchten diese mitgestalten.
Weiterführende Konzepte wie ‚Safer-Sniefen’ oder ‚Safer-Clubbing’ sind im Entstehen und setzen die Rahmenbedingungen für eine gelungene Party, im Sinne der Gesundheitsförderung bereits um. ‚Safer-Sniefen’ bezieht sich auf die Kampagne einiger Projekte, welche sich zum Ziel setzt, jedem sein eigenes sauberes Zieh-Röhrchen für den nasalen Substanzkonsum zur Verfügung zu stellen. Zum einen beschränkt sich dies auf die reine Propagierung dieses Ziels mit Plakaten oder Faltblättern im Partysetting, zum anderen werden teilweise kostenlose, hygienisch reine Zieh-Röhrchen direkt im auf der Party oder im Club angeboten.
So genannte Safer-Use-Packs enthalten zum Beispiel ein Faltblatt mit generellen Tipps und Vorschlägen zur Gesundheitsförderung und Risikominimierung beim Drogenkonsum, Vitamin-C-haltige Bonbons, ein Kondom und ein Ziehröhrchen.
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Die Bezeichnung ‚Safer-Clubbing’ bezieht sich auf eine weitere Kampagne welche durch mehrere Projekte getragen wird und richtet sich an die Partyveranstalter oder Clubbetreiber direkt. Ziel ist es, die Rahmenbedingungen der Party selbst, die non-drogalen Größen des Settings, bewusst gesundheitsschonender zu gestalten. Dies kann zum Beispiel eine angemessene, nicht zu hohe Raumtemperatur, eine angepasste Lautstärke sowie eine gute Durchlüftung der Räume während der Party beinhalten. Darüber hinaus soll das Personal nach Möglichkeit Erste-Hilfe-Schulungen im Drogennotfall erhalten, welche von den Projekten selber getragen werden können. Als Katalysator sollen die Adressaten dieser Kampagne von der geschäftsfördernden Wirkung einer Teilnahme an der Selben dadurch überzeugt werden, in dem man ein Label vergibt, welches zum Beispiel bei den Veranstaltungshinweisen in szeneüblichen Magazinen oder
Veranstaltungsanzeigen Verwendung findet, und den potentiellen Partygast auf das besondere Prädikat eines ‚Safe-Club’ hinzuweisen.
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6. Drugchecking
Wer sich im Handel ein Bier kauft wird durch Produzentenhinweise über Inhaltsstoffe und deren Dosierung genau informiert. Wer sich Medikamente kauft kann den Arzt oder den Apotheker zu Risiken und Nebenwirkungen befragen. Wenn es Gründe zur Beanstandung gibt, gibt es entsprechende Ansprechpartner und Gesetze, welchen den Konsumenten schützen sollen. Menschen, welche illegalisierte Substanzen konsumieren müssen leider auf derartige Verbraucherinformationen verzichten. Bekannt ist, dass viele der als illegal eingestuften Drogen alles andere als unbedenklich sind. Über auf dem Markt verfügbare Zubereitungen dieser Drogen gibt es jedoch kaum verlässliche Informationen. Bestandteile, Wirkungen und Nebenwirkungen werden beim Verkauf nicht offen gelegt, sondern vermutet. Oberstaatsanwalt KÖRNER von der Zentralstelle der
Betäubungsmittelkriminalität in Frankfurt am Main stellt fest, dass obwohl die akzeptanzorientierte Drogenhilfe und Drogenarbeit weitere Angebote geschaffen hat, welche an konsumentschlossene Drogengebraucher gerichtet sind, die Verbraucherschutzinformationen bezüglich illegaler Drogen davon weitgehend unberührt bleiben. Die Zusammensetzung der konsumierten Drogen ist regelmäßig unbekannt. (vgl. Körner, 1997, S. 3)
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6.1 Inhalte und Ziele
6.1.1 Begriffsklärung
Zuerst möchte ich am praktischen Beispiel erklären, was Drugchecking eigentlich ist. Danach werde ich den Begriff näher definieren. Im Bereich der Partydrogen bekommt die Informationsdimension Drug eine entscheidende Bedeutung, da gerade hier Substanzen konsumiert werden, die in einer Form vorliegen, in der Regel als Pillen oder Pulver, die es dem Konsumenten nicht ermöglichen durch eine sensorische Qualitätskontrolle eine sichere Aussage über Inhaltsstoffe, Kombinationen von Inhaltsstoffen und deren Dosierung zu machen. Am Beispiel Ecstasy, welches in der Regel in Pillenform vorliegt, lässt sich gut belegen, dass teilweise hochriskanten Wirkstoffkombinationen auf dem Markt kursieren. Für die Vermeidung von krisenhaften Konsumverläufen und Rauschzuständen ist es daher von hoher Wichtigkeit die Information über diese Inhaltsstoffe nach Möglichkeit noch vor dem Konsum zu erhalten. Die
Möglichkeit, diese Information zu bekommen schafft Drugchecking. Praktisch bedeutet das, dass ein Konsument zum Beispiel im Rahmen der Party, auf der er sich befindet, eine Möglichkeit vorfindet seine Droge auf Inhaltsstoffe, Wirkstoff und Gehalt testen zu lassen um eventuell riskante Konsumformen vermeiden zu können:
„Drugchecking ermöglicht ein erkennen und Bewerten von Substanzen und soll Konsumenten eine Informationsmöglichkeit bieten, um gefährliche Wirkungen nicht erwarteter Stoffe (z.B. unbekannte Stoffe, hohe Dosierungen) zu vermeiden.“ (Schroers (b), 2002, S. 201) Das Konzept der Gesundheitsförderung beinhaltet unter anderem die Verringerung der Risiken, welche durch Drug, Set und Setting bedingt sein können. Diese Verringerung der Risiken von Drug, Set und Setting kommt in Safer-Use-Regeln zum Ausdruck, die Verringerung der Risiken von Drug insbesondere durch Drugchecking. Es soll drogenbedingte Todes- und Notfälle, sowie gesundheitliche Folgen verhindern helfen.
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„Unbeabsichtigte Überdosierungen und Vergiftungen durch Beimischung toxischer Stoffe können durch Drugchecking erheblich verringert werden. Die den Klienten eingeräumte Möglichkeit, sich über die Qualität der Drogen zu informieren, gibt mehr Sicherheit beim Drogenkonsum; zugleich wirkt diese indirekte Kontrolle disziplinierend auf den Schwarzmarkt ein und kann so zu einer Verbesserung der Qualität der dort angebotenen Drogen führen.“ (Akzept e.V., 1999, S. 38)
Der Begriff Drugchecking bedeutet so viel wie ‚Drogen-Testen’ und steht als Oberbegriff für verschiedene Drogentestprogramme der akzeptanzorientierten Drogenarbeit. Drugchecking versteht sich als Teil der Gesundheitsförderung. „Der Begriff Drugchecking steht für Maßnahmen der qualitativen und quantitativen Analyse und Bestimmung der Beschaffenheit illegaler psychoaktiver Substanzen mit Feedback an den Konsumenten / die Konsumentin. Die Analyseergebnisse sollen sowohl risikoreduzierenden und
gesundheitsfördernden Zielen als auch wissenschaftlicher Drogenforschung dienen.“ (Schroers (B), 2002, S. 201)
Drugchecking ist jedoch mehr als nur das Testen einer Substanz. Drugchecking ist ein Konzept zur Risiko- und Schadensminimierung im Kontext vom Konsum illegalisierter Substanzen:
„Ein besonderes Risiko besteht bei dem Gebrauch dieser illegalisierten Substanzen in der Tatsache, dass die qualitative und quantitative Zusammensetzung der entsprechenden Zubereitungen (z.B. Tabletten, Pulver) nicht bekannt ist. Drogengebrauchende setzen sich demnach einer gesundheitlichen Gefährdung durch Überdosierung oder Schädigung durch eine nicht erwartete Verunreinigung aus. Außerdem ist die Reflexion der Drogenwirkung erschwert. „Schlecht drauf zu kommen“ kann so auf die Qualität der Droge abgeschoben werden, ohne den eigenen psychischen und physischen Zustand kritisch zu betrachten.“ (Sonics-Netzwerk, 1999, S. 2)
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6.1.2 Ziele
Eine der frühesten Zielsetzungen von Drugchecking wurde im Rahmen der Fachtagung zu Ecstasy-Drugchecking im Jahr 1997 erarbeitet. Die AIDS-Hilfe e.V. NRW, Eve & Rave Münster, sowie INDRO e.V. verfassten eine Resolution welche bis heute die drei Hauptziele von Drugchecking festschreibt. Drugchecking dient als Maßnahme der Gesundheitsvorsorge und beinhaltet drei Zielsetzungen (vgl.INDRO e.V. u.a., 1997, S. 3): Harm reduction (Risikominderung) - DieMöglichkeit, Drogen testen lassen zu können stellt Jugendlichen ein wirkungsvolles Instrument zur Verfügung und zielt auf das Gesundheitsbewusstsein der Selben ab. „Mit dem Angebot niedrigschwelliger, szenenaher und akzeptanzorientierter Anlauf-und Beratungsstellen werden
drogengebrauchende junge Menschen an ihre Selbstverantwortung erinnert, nicht wahllos und maßlos Drogen zu konsumieren, sondern das Risiko zu mindern, zum Beispiel durch die Abwägung der Informationen sachgerechter Substanzaufklärung.“ Mittel sind szenegerechte Informationsmedien wie Flyer oder Faltzettel, hauptsächlich aber die qualitative und quantitative Wirkstoffbestimmung im Partysetting im Rahmen eines
sekundärpräventiven Konzepts für die Partykultur wie Safer-Clubbing. Monitoring (Trendüberwachung) - Erkenntnisseüber Konsumverhalten, Risikovermeidung und die Akzeptanz von präventiven Maßnahmen können über gezielte Befragungen und Analyse der Substanz-Proben erhalten werden. Das gleiche gilt für den Umgang mit legalen und illegalen Substanzen, insbesondere für Mischkonsum. „Solche Erkenntnisse sind, entgegen unglaubwürdiger Warnungen und rein abstinentorientierter Kampagnen, eine sachgerechte und realitätsbezogene Grundlage für die Maßnahmen im Bereich der Primär- und Sekundärprävention.“
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Forschung - Ausden durch Drugchecking gewonnen Daten können kontinuierlich und systematisch Analysedaten und sozialwissenschaftliche Deskription zum Drogengebrauchsverhalten gewonnen werden. Die Daten haben eine hohe Aussagekraft. „Die so gewonnen Erkenntnisse aus lebensweltnaher Drogenforschung sind laufend in präventive Maßnahmen einzubinden und umzusetzen.“
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6.2 Drugchecking aus sozialpädagogischer Sicht
Wenn man den Versuch unternimmt, die möglichen Vorteile von Drugchecking zu erläutern kann es schnell geschehen, dass diese Vorteile als ‚Freibrief’ zum exzessiven Drogenkonsum verstanden werden. Dagegen bietet Drugchecking neue Zugänge zu den Konsumenten illegaler Substanzen und erhöht die Akzeptanz sozialpädagogischer Instrumente. Ziel, im Sinne der Gesundheitsförderung soll es nun sein, die Konsumenten illegalisierter Substanzen in die Lage zu versetzen, einen möglichst risikobewussten Umgang mit diesen Substanzen zu praktizieren. Drugchecking erreicht den Konsumenten möglichst zeitig, im Idealfall vor dem Konsum, und hilft somit, nicht beabsichtigte irreversible Schäden, z.B. durch eine ungewollte Überdosierung, zu vermeiden. Methodisch wird eine erhöhte Akzeptanz dieses Instruments durch einen Verzicht auf stereotype Warnhinweise und Verzichtsaufforderungen erreicht (vgl. Kriener / Schmid, 2001, S. 186). Die Chance, dass entsprechende Hilfeangebote angenommen werden scheint damit erhöht:
„Es wird angenommen, dass Drogengebraucher weiterreichenden Beratungs-und Hilfsangeboten offener gegenüberstehen. Eine Vielzahl von Nutzern wird so erreicht und motiviert, sich mit dosisabhängiger Wirkung und dem Risiko der einzelnen Substanzen auseinanderzusetzen, ihren Konsum zu reflektieren und gegebenenfalls selbständig zu kontrollieren.“ (vgl. Tornow 1998, S. 149 und ) Das Angebot von Drugchecking ist nicht an eine Bereitschaft zur Verhaltensänderung gekoppelt und versteht sich dadurch als ein Niedrigschwelliges. Es erfüllt die Ansprüche der akzeptierenden Drogenarbeit; es ist niedrigschwellig, betont die Eigenverantwortung der Drogengebraucher und wirkt gesundheitsfördernd.
„Das Interesse der Gebrauchenden an den Testergebnissen und die Bereitschaft, sich mit diesen auch intellektuell auseinanderzusetzen ist sehr groß. Diese Drugchecking-Listen (Pillen-Listen) bilden die Grundlage für zahlreiche Gespräche über Drogenwirkungen und Risiken mit Gebrauchenden - oft direkt „vor Ort“ an Informationsständen auf Technoparties.“ (Sonics-Netzwerk, 1999, S. 2)
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Ein zweiter gewinnbringender Aspekt von Drugchecking für die Sozialpädagogik ist die Möglichkeit einer direkt empirisch durchführbaren Drogenforschung. Erstens können Informationslücken bezüglich neu aufkommender Drogen schnell erkannt und gefüllt werden. Somit können Drogen mit bedenklichen Inhaltsstoffen sehr schnell identifiziert werden und die Anbieter von szenenahen Hilfen können dementsprechend reagieren. Zweitens wird durch die neugewonnenen Informationen und die Nutzung der netzwerkförmigen Infrastruktur der Safer-Use- und Drugchecking-Projekte zur Verbreitung der Selben die Effektivität der Hilfeangebote gesteigert und der Aktionsradius des Hilfeangebots drastisch erhöht. Gerade mit dem Blick auf eine wachsende E.U. und ein praktisches Verschwinden von nationalstaatlichen Grenzen würde dies eine Zusammenarbeit auf europäischer Ebene ermöglichen. Die Planbarkeit von entsprechenden Hilfeangeboten würde erhöht werden. Die Gewonnen Informationen können dazu beitragen, die Konsumenten illegalisierter Substanzen besser mit Hilfsangeboten zu erreichen (vgl. Schroers (B), 2002, S. 201 und ).
6.3 Fazit
Drugchecking ist im Rahmen von Safer-Use ein Element der akzeptanzorientierten Drogenarbeit. Es ist niedrigschwellig, lebensweltorientiert und genießt innerhalb der Konsumentenszene eine sehr hohe Akzeptanz (vgl. Mähler, 2000, S. 52). Es unterstützt die Eigenverantwortlichkeit der Konsumenten und ist nicht an den tradierten Anspruch einer Verhaltensänderung gebunden. Dadurch unterstützt es den Gedanken des Empowerment. Drugchecking soll im Sinne der Gesundheitsförderung risikominimierend wirksam sein und neue Wege der empirischen Drogenforschung eröffnen. Drugchecking hat das Potential multideminsionaler Präventionseffekte:
„Auf diese Weise sollen zum einen die körperlichen, psychischen und sozialen Folgen des Konsums der derzeit illegalisierten Drogen minimiert oder verhindert werden. Zum anderen soll Hilfe und Unterstützung bereitgestellt werden, um die Begleiterscheinungen der Prohibition - Kriminalisierung, soziale Ausgrenzung, Stigmatisierung usw. - besser bewältigen zu können.“ (Akzept, 1999, S. 27)
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Und:
„Unbeabsichtigte Überdosierungen und Vergiftungen durch Beimischung toxischer Stoffe können durch Drugchecking erheblich verringert werden. Die den Klienten eingeräumte Möglichkeit, sich über die Qualität der Drogen zu informieren, gibt mehr Sicherheit beim Drogenkonsum; zugleich wirkt diese indirekte Kontrolle disziplinierend auf den Schwarzmarkt ein und kann so zu einer Verbesserung der Qualität der dort angebotenen Drogen führen.“ (Akzept, 1999, S. 38) Und ebenfalls:
„Vor allem dank der Drugchecking-Programme in den Niederlanden, in Frankreich, in Österreich und in der Schweiz konnten die gefährlichen Pillen ausfindig gemacht werden und die Konsumenten größtenteils rechtzeitig vor diesen lebensbedrohlichen Pillen in Zusammenarbeit mit den verschiedenen Szeneorganisationen gewarnt werden - Drugchecking ist ein funktionierendes Instrumentarium der Gesundheitsvorsorge, das Menschenleben rettet.“ (Cousto, 2003, S. 51f.)
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6.4 Zur Durchführbarkeit von Drugchecking
6.4.1 Die rechtliche Situation von Drugchecking in Deutschland
Entscheidend für die Durchführbarkeit von Drugchecking ist die Frage nach der rechtlichen Situation. Das grundsätzliche Problem beim Thema Drugchecking ist die Tatsache, dass es sich bei den zu testenden Substanzen um illegale Substanzen nach dem BtmG handelt. Somit sind nur Personen berechtigt mit diesen Substanzen umzugehen, welche nach §3 Abs. 1 Nr. 1 BtMG die entsprechende Genehmigung für den Umgang mit diesen haben. Apotheker und
Untersuchungsstellen von Landes- und Bundesbehörden sind nach § 4 BtMG von der Erlaubnispflicht ausgenommen. Wenn es also einen Weg geben würde, Drugchecking legal durchzuführen, wäre eine tatsächliche Hürde bei der möglichen Umsetzung von Drugchecking genommen.
Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass es für die Analyse von Drogen immer einen Auftraggeber gibt, und einen eine Untersuchungsstelle. Ich orientiere mich bei der rechtlichen Bewertung der Situation an der juristischen Expertise von Oberstaatsanwalt KÖRNER (vgl. Körner, 1997).
6.4.1.1 Die Auftraggeber
Für den Fall, dass eine besorgte Person, zum Beispiel ein Lehrer oder ein Elternteil oder ein Sozialarbeiter etwas findet, was nach seinem Glauben ein Betäubungsmittel ist und diese Substanz zu einer Drogenberatungsstelle bringt mit der Bitte, es testen zu lassen, macht sich diese Person im Sinne §29 Abs. 1 BtMG wegen Verschaffen und Besitz von Betäubungsmitteln strafbar. Händigt die Person die Substanzen an unbefugte Personen aus (Personen, welche keine Genehmigung nach § 3 BtMG besitzen oder von der Genehmigungspflicht nach § 4 BtMG ausgenommen sind), so macht sich die aushändigende Person der Weitergabe von Betäubungsmitteln strafbar.
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„Zwar werden derartige Gesetzesverstöße zumeist zu Verfahrenseinstellungen führen; das Risiko, Gegenstand eines Ermittlungsverfahrens zu werden, kann aber nicht geleugnet werden.“ (Körner, 1997, S. 4) Für den Fall, dass ein Konsument Substanzen testen lassen möchte, ist die Sachlage etwas anders. Grundsätzlich macht sich derjenige, der Substanzen, in dem Glauben, es handele sich um Betäubungsmittel im Sinne des BtMG, zu Testzwecken zu einer Untersuchungsstelle bringt, wegen Erwerbs, Besitzes und Abgabe von Betäubungsmittel strafbar. KÖRNER verweißt aber darauf, dass der Erwerb in der Regel schwer nachweisbar ist. Dazu kommt, dass das mit sich führen einer Konsumeinheit auf den baldigen Verbrauch schließen lässt, und in diesem Sinne Besitz ohne Besitzwillen darstellt. Das bedeutet, dass der Zweck des Besitzes nicht den Aspekt der Längerfristigkeit hat, sondern nur vorübergehenden unmittelbaren Charakter hat.
„Ein Konsument, der eine Konsumration nicht in einem Labor abliefert, sondern nach einem Drogentest verbrauchen will, dürfte somit ebenfalls nicht wegen Besitzes von Betäubungsmittel strafbar sein.“ (Körner, 1997, S. 4) Eine Person, die Drogen (illegale) verkauft, von KÖRNER als Dealer bezeichnet, und diese Drogen zu Marketingzwecken testen lässt, macht sich wegen Erwerbs, Besitzes und eventuell wegen dem Handeln von Betäubungsmittel strafbar.
6.4.1.2 Die Untersuchungsstelle
Auf Grund des Legalitätsprinzips sind Polizei und Staatsanwaltschaft verpflichtet, Verstöße gegen das BtMG grundsätzlich zu verfolgen. Liegen allerdings Mengen vor, die dem Eigenverbrauch dienen, und liegt die Sache der Strafverfolgung nicht im öffentlichen Interesse, kann von einer Strafverfolgung abgesehen werden. Dies betrifft allerdings nur die Konsumenten selbst, und nicht z.B. besorgte Personen. „Die Strafverfolgungsbehörden haben nach dem Betäubungsmittelgesetz nicht nur Strafverfolgung zu gewährleisten, sondern darauf zu achten, dass durch das Strafrecht nicht andere Ziele wie Gesundheitsschutz, Lebenshilfen, Therapie und Überlebenshilfe zunichte gemacht werden.“ (Körner, 1997, S. 5)
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Dadurch konzentriert sich die Verfolgung von Straftaten hauptsächlich auf die Händler und Hersteller von illegalen Betäubungsmitteln im Sinne des BtMG. Der Gesundheitsschutz, welcher in Drogenberatungsstellen u.a. praktiziert wird, soll dabei geschützt bleiben.
Somit wäre die Respektierung von Drugchecking von Seiten der Justiz schon möglich, allerdings nur, wenn dieses nicht den gesetzlichen Bestimmungen direkt widerspricht. So könnten zum Beispiel nur Apotheker oder Mitarbeiter der befugten Bundes- und Landesbehörden Drugchecking durchführen. „Die Strafverfolgungsbehörden können zwar das Verhalten der konsumierenden und besorgten Auftraggeber in beschränkten Umfang tolerieren, nicht aber Untersuchungsaufträge von Dealern und keine Untersuchungen von unbefugten Untersuchungsstellen hinnehmen.“ (Körner, 1997, S. 5) KÖRNER kommt zu dem Schluss, dass Drugchecking in Deutschland nicht grundsätzlich strafbar ist, aber um eine realistische Durchführung zu gewährleisten wäre eine Ausweitung der Befreiung von der Erlaubnispflicht nach §4 BtMG auf weitere Berufsgruppen wie Drogenberater nötig. Jedoch scheint Drugchecking grundsätzlich möglich zu sein. An dieser Stelle ist es wichtig zu betonen, dass es bereits in den 1990er Jahren ein aktives Drugchecking-Programm in Deutschland gab, welches von EVE & RAVE in Berlin durchgeführt wurde. Dieses Programm wurde eingestellt, nachdem es von Seiten der Strafverfolgungsbehörden zur Anzeige kam. 1998 wurde die Eröffnung des Hauptverfahrens jedoch aus rechtlichen Gründen abgelehnt, da keine Straftaten im Rahmen des Drugchecking-Programms festgestellt werden konnten. Die Verfahrenskosten wurden der Landeskasse auferlegt. Diese Urteile wurde in erster und zweiter Instanz bestätigt (vgl. Cousto, 2004, S. 6) Damit ist meiner Meinung nach die manchmal aufzufindende Behauptung, die rechtliche Situation zu Drugchecking sei ungeklärt, nicht aufrechtzuerhalten.
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KÖRNER entwirft alternativ zwei Modelle, welche die komplizierte rechtliche Lage auflösen könnten: Das Ambulante Apothekermodell - Apothekersind von der Erlaubnispflicht zum Umgang mit Betäubungsmitteln befreit. Die Frage, ob und wie ein Apotheker eine ambulante Betäubungsmitteluntersuchung vornehmen darf, ist im Gesetz nicht geregelt.
„Wenn aber am Rande von Musikgroßveranstaltungen und drogenpolitischen Veranstaltungen Apotheker in einem besonderen Drogenmobil Betäubungsmittel zu Untersuchungen entgegennehmen […] dürfte §4 Abs. 1 Nr. 1e BtMG ebenfalls erfüllt sein.“ (Körner, 1997, S. 7)#
Durch Apotheker im Partysetting in einem eigenen Raum durchgeführtes Drugchecking scheint demnach möglich. Das Selbstuntersuchermodell - DasSelbstuntersuchermodell, wie der Name schon sagt, schützt die testende Person in so weit, dass sie die zum Testen nötigen Utensilien herausgibt und eine Testanleitung erteilt. Der Konsument muss die zum Test nötigen Handgriffe selbst vornehmen. Die Mitteilung der Testergebnisse stellt auch keine Werbung für Betäubungsmittel und auch kein Verschaffen einer Konsumgelegenheit dar: „Denn dem Konsumenten wird keine Drogenquelle erschlossen, sondern lediglich eine schadensminimierende Verbraucherinformation zuteil.“ (Körner, 1997, S. 7)
Problematisch erscheint mir die Praktische Anwendung dieser Modelle in so weit, dass Apotheker in der Regel nicht die nötige Ausstattung haben um diese umfangreichen Tests durchzuführen. Es verbleiben nur noch Schnelltests mit nicht so hoher Aussagekraft. Entweder muss sich dieser nötige Mehraufwand für den Apotheker ‚bezahlt’ machen, was sich letztlich auf die Niedrigschwelligkeit des Angebots niederschlagen wird, oder sein Handeln muss altruistisch motiviert sein. Letzteres halte ich unrealistisch. Eine mögliche Alternative wäre hier der
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Substanztest gegen einen Unkostenbeitrag oder gegen eine Spende. Hier stellt sich jedoch die Frage nach der Bereitschaft der Konsumenten, für diesen Test etwas zu bezahlen. Angesichts der sinkenden Preise für die meisten Partydrogen steigt in Relation dazu der ‚Preis’ für den Test. Fraglich ist, ob ein Konsument theoretisch bereit wäre für den Test in etwa den gleichen Preis zu bezahlen wie für eine Konsumeinheit seiner Droge. Ebenso muss die Frage gestellt werden, ob überhaupt ein Interesse an Drugchecking von Seiten der Konsumenten von Partydrogen besteht.
6.4.2 Die Frage nach der Nachfrage
Die Frage nach dem Interesse von Drogengebrauchern an Drugchecking und der Bereitschaft, dafür eine Leistung zu erbringen ist vom Leipziger Projekt Drugscouts e.V. in einer Umfrage mit einer Grundgesamtheit von 966 Teilnehmern (im Partysetting) in mehreren europäischen Ländern evaluiert worden (vgl. Schröder, 2003, S. 82 ff.).
Auf die Frage ,Sind Drogenkonsumenten an Drugchecking im Sinne einer risikominimierenden Maßnahme beim Gebrauch illegalisierter Drogen interessiert?’, gaben 89,5% der Befragten an, an dem Wissen um die Inhaltsstoffe der von ihnen konsumierten Drogen interessiert zu sein. Weiter gaben 83,7% der Befragten an, ihre Substanzen zu diesem Zweck testen lassen zu wollen. Obwohl nur 36,2% der Befragten bereits Erfahrungen mit Drugchecking sammeln konnten, waren fast 90% von ihnen an Drugchecking interessiert. 41% der Interessierten Befragten würden vor jedem Konsum einen Test vornehmen lassen. Somit kann man hier von einem hohen allgemeinen Interesse an Drugchecking unter den Befragten ausgehen.
Auf die Frage: ‚Welche Rahmenbedingungen sollen erfüllt sein, um die Maßnahme im Sinne der Verbraucher zu realisieren?’, gaben 42,7% der Probanden an, bereit zu sein für den Substanztest Geld zu bezahlen. Der Großteil Derjenigen würde einen Betrag zwischen 1€ und 5€ investieren.
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In wie weit sich diese Bereitschaft auf die einzelnen Länder verteilt konnte ich nicht in Erfahrung bringen. Genauso war es mir nicht möglich zu recherchieren, mit welchen Betrag die Kosten für einen Substanztest gedeckt wären. Da es aber Schnelltests (Indikatortest) gibt, welche nur den gewünschten Wirkstoff nachweisen, und andere (Hochdruck-Gas-Chromatographie), welche die Droge komplett analysieren, ist davon auszugehen, dass der Schnelltest wesentlich günstiger ist als die komplette Analyse, diese aber eine wesentlich höhere Aussagekraft besitzt.
6.4.3 Ergebnis
Somit stelle ich fest, dass eine grundsätzliche Nachfrage nach Drugchecking unter den Konsumenten von Partydrogen gegeben ist. Die Bereitschaft, einen gewissen Betrag für die Analyse der Drogen zu bezahlen ist vorhanden. Die Frage nach der Rentabilität bleibt ungeklärt, aber es ist wahrscheinlich, dass zumindest die Kosten für einen Schnelltest gedeckt sein könnten. Mein Vorschlag wäre die Etablierung eines Spendensystems, nach dem der zu zahlende Betrag vom Konsumenten frei gewählt werden dürfte, um niemanden den Zugang zu Drugchecking-Programmen zu verwehren und die Niedrigschwelligkeit des Angebots sicherzustellen. Die ausbleibenden Unkosten könnten aus öffentlichen Mitteln zugezahlt werden, da die positiven Effekte von Drugchecking im öffentlichen Interesse liegen sollten. Zudem ist nach meinem Dafürhalten der alte Spruch ‚Vorsorge ist besser als Nachsorge’ um den Zusatz ‚und billiger’ zu ergänzen. Es ist meine Überzeugung, dass die Unkosten von Drugchecking die Unkosten, welche aus den negativen Folgen einer ungewollten Überdosierung oder Vergiftung mit nicht erwünschten Substanzen durch Behandlung oder Arbeitsausfall entstehen können, weit unterschreiten. Dies zu belegen steht, zugegeben, noch aus. Zur rechtlichen Situation kann ich sagen, dass mir Drugchecking vom juristischen Standpunkt aus betrachtet möglich erscheint. Die bereits gemachten Erfahrungen sprechen dafür, die Gesetzeslage spricht nicht explizit dagegen. Allerdings würde ich die Situation als unsicher bezeichnen wollen. Letztlich scheint es in meinen Augen stark vom politischen Klima abzuhängen, ob Drugchecking in der
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öffentlichen Wahrnehmung als Freibrief zum exzessiven Drogenkonsum oder als dringend nötige schadens- und risikominimierende Präventionsmaßnahme verstanden wird.
„Drugchecking sollte nicht als neuer ‚Königsweg’ der Drogen- und Suchthilfe sowie der Suchtprävention verstanden werden. Vielmehr ist Drugchecking als ein notwendiger Bestandteil der (Sekundär-) Prävention zu betrachten. Prävention als gesellschaftliche Querschnittsaufgabe bedarf wiederum eines tragfähigen Konsens unter allen Beteiligten (Polizei, Drogenarbeit/ Suchtprävention, Politik, Verwaltung sowie Bürger/ -innen.“ (Schroers (B), 2002, S. 202)
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6.5 Drugchecking-Programme im europäischen Kontext:
Im Europäischen Raum existieren zurzeit mehrere Drugchecking-Programme mit unterschiedlichen Herangehensweisen. Diese möchte ich kurz beschreiben. Ein direkter Vergleich ist auf Grund der Unterschiedlichen rechtlichen Situationen der einzelnen Länder nicht sinnvoll. Viel mehr sollen die folgenden Darstellungen als anregende Beispiele verstanden werden.
Drugchecking-Programme gibt es in Belgien, Deutschland, Frankreich, Österreich, der Schweiz, Spanien und den Niederlanden. Obwohl sich die offiziellen Beweggründe in den einzelnen Ländern stark unterscheiden und meist der wissenschaftliche Aspekt im Fordergrund steht, haben doch alle Projekte ihren Ursprung in szenenahen Initiativen, bei denen der Schutz der Konsumenten im Vordergrund steht (vgl. Schröder, 2003).
Drugchecking wird in Österreich und den Niederlanden teilweise aus öffentlichen Mitteln finanziert oder unterstützt. In den Niederlanden selbst ist die Erteilung von Lizenzen zur Durchführung großer Partyevents partiell an die Zurverfügungstellung präventiver Maßnahmen wie Drugchecking gebunden (vgl. Cousto, 1999).
Frankreich betreibt die Praxis von Ausnahmeregelungen für Projekte, welche Drugchecking anbieten. In Spanien ist die rechtliche Situation ungeklärt, das Projekt Energy-Control darf allerdings Substanztests vornehmen. Grundsätzlich ist in den meisten europäischen Ländern die Situation ungeklärt bzw. unpräzise bis ungünstig. Die Regel ist die ‚rechtliche Grauzone’. Somit steht und fällt die Umsetzung von Drugchecking auch im europäischen Kontext mit der politischen Erwünschtheit von-, und der öffentlichen Meinung über Drugchecking. Die Folgende Liste enthält Verweise auf sehr aktive und stete Drugchecking-Programme, sowie symphatisierende Projekte, welche die aktuellen Ergebnisse in Form von Pillenlisten publizieren: Drugchecking-Programme www.checkyourdrugs.at in Wien www.saferparty.ch in Zürich
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www.eve-rave.ch in Solothurn Pillenlisten: www.checkyourdrugs.at www.eve-rave.ch www.eve-rave.de www.eve-rave.net www.drugscouts.de www.step-hannover.de/data/rav3.html
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6.6 Fazit und Ausblick
Drugchecking-Programme ermöglichen es, den Konsumenten qualitative und quantitative Angaben zu Wirkstoffgehalt, Zubereitung und Dosierung illegalisierter Substanzen zur Verfügung zu stellen. Hiermit ist ebenfalls eine Aussage über ein mit dem Konsum eventuell einhergehendes Risiko verbunden. Dadurch werden sie befähigt, eine emanzipierte und selbstbewusste Entscheidung für oder gegen einen Konsum zu treffen. In diesem Zusammenhang wirkt Drugchecking im Sinne der Gesundheitsförderung. Drugchecking-Programme dienen der physischen und psychischen Schadens- und Risikominimierung. „Zudem haben sie erzieherischen Charakter im Sinne der Entwicklung und Förderung von Selbstkompetenz und Drogenmündigkeit. […] Das risikohafte Verhalten wird verringert.“ (Cousto, 2003, S. 93)
Der Vorteil von Drugchecking liegt in der schnellen Reaktionszeit des Programms. Informationen über gefährliche Inhaltsstoffe in Pillen oder Pulvern, welche als Drogen verkauft werden, bzw. die Möglichkeit von gefährlichen Wechselwirkungen mit anderen Substanzen erreichen die Konsumenten teilweise noch vor dem Konsum. Alarmierende Testergebnisse werden im Partysetting über Flyer und Aushänge bekannt gegeben bzw. im Internet veröffentlicht. Über die europaweite Netzwerkstruktur der sympathisierenden Projekte werden auch die Konsumenten in Ländern erreicht, in denen Drugchecking nicht möglich ist. Leider hat diese Distanz gleichzeitig Auswirkungen auf die Aktualität bzw. Authentizität der Testergebnisse. Darum wäre es viel effektiver, Drugchecking flächendeckend einzuführen. Somit können die Konsumenten vor gefährlichen Substanzen gewarnt, und eventuell auch vom Konsum dieser Stoffe abgehalten werden. „Somit bietet Drugchecking eine Hilfe zur Vermeidung von Überdosierungen und Vergiftungen im Umfeld der Drogen konsumierenden Szenen.“ (Cousto, 2003, S. 94)
Der informelle Weg der szeneinternen Kommunikationskanäle unterliegt subjektiven Einflüssen, welche die zu transportierende Information stark verändern können. „Mittels Drugchecking kann eine objektive, wissenschaftlich
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fundierte Komponente in diesen oft von Mythen durchtränkten Informationsfluss eingebracht werden.“ (Cousto, 2003, S. 95)
Angesichts der Tatsache, dass Teilweise viele Menschen gleichzeitig, manchmal bis zu mehreren Tausend wie im Fall der Love-Parade, die gleichen bzw. ähnliche Substanzen konsumieren, ist es im Sinne der Risikominimierung außerordentlich wichtig die genaue Zusammensetzung dieser Illegalisierten Drogen zu kennen. Darüber hinaus hat die unmittelbare Bekanntgabe der Inhaltsstoffe und deren Dosierung einen direkten Einfluss auf die Qualität der auf dem Schwarzmarkt kursierenden Substanzen. Immerhin unterliegt dieser Markt, wie auch jeder andere, Markt ganz normalen ökonomischen Gesetzen. Stellt sich im Partysetting heraus, dass eine bestimmte Pille oder ein bestimmtes Pulver von schlechter Qualität ist, hat der Händler es schwer seine Ware weiterhin abzusetzen. Als letzter Aspekt lässt sich noch die steigerbare Qualität von Beratungsgesprächen erwähnen: „Eine hilfreiche und effiziente Drogenberatung sollte sowohl auf einem empirisch erfassten Erfahrungsschatz als auch auf gesicherten
wissenschaftlichen Daten basieren, sonst droht sie kläglich zu scheitern und nur noch symbolischen Charakter anzunehmen.“ (Cousto, 2003, S. 95) Aus meiner persönlichen Sicht heraus und durch meine eigenen Erfahrungen mit der Arbeit in der Szene kann ich nur sagen, dass Safer-Use erst durch die Kombination mit Drugchecking sein ganzes Potential entfalten könnte. Drugchecking ist ein geeignetes Instrument um Konsumenten von illegalisierten Substanzen unmittelbar zu erreichen. In meinen Augen scheitert die Umsetzung von Drugchecking allein an der politischen Erwünschtheit. Leider fallen immer wieder junge Menschen aus Unwissenheit oder Leichtsinn diesem Umstand zum Opfer.
Drugchecking kann Leben retten. Keine Politik sollte dem entgegenstehen.
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Diplompädagoge Sven Winter, 2006, Safer Use im Rahmen der Akzeptanzorientierten Drogenarbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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