VORWORT
Während meiner Tätigkeit als Zeitungs- und Fernsehjournalistin war ich immer wieder mit Tod und Trauer als Nachrichten-Themen konfrontiert. Ich habe 1997 die weltweite Trauer um Prinzessin Diana und 2000 die schweizweite Trauer um den Kickboxer Andy Hug journalistisch miterlebt. Über den Swissair-Absturz 1998 in Halifax und das Attentat im Kantonsparlament von Zug 2001 habe ich selber berichtet. Dabei standen die Fragen nach der Art und Weise sowie nach dem Umfang der Berichterstattung im Zentrum meiner journalistischen Aufmerksamkeit und derjenigen meiner Berufskolleginnen und -kollegen. Auch die Ursachen für diese Ereignisse sowie deren Auswirkungen auf die Hinterbliebenen waren Gegenstand der Medienberichterstattung.
Privat haben mich im Zusammenhang mit den erwähnten Ereignissen immer auch ganz andere Fragen beschäftigt:
Wie kommt es, dass Menschen zu hunderten und zu tausenden an Abdankungsfeiern teilnehmen und an Unfallorte reisen, um dort Blumen niederzulegen und Kerzen anzuzünden für Verstorbene, die sie nicht persönlich gekannt hatten?
Warum es zu derartigen Gefühlsausbrüchen, wie man sie zum Beispiel rund um die Trauerfeierlichkeiten für Prinzessin Diana mitverfolgen konnten?
Was bewegt diese Menschen dazu, in aller Öffentlichkeit oder auch bei sich zu Hause vor dem Fernseher über ihnen persönlich nicht bekannte Opfer zu weinen und zu trauern?
Im Rahmen dieser ersten Studienarbeit bot sich mir die Möglichkeit, diesen Fragen nachzugehen. Es ist, wie sich bald heraus stellte, ein noch weitgehend unerforschtes Thema. Trotzdem will ich versuchen, einen Überblick über mögliche Erklärungsansätze für diese relativ neue Form der öffentlichen Trauer zu geben.
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INHALTSVERZEICHNIS
INHALTSVERZEICHNIS 2
1. EINLEITUNG 3
2. GRUNDSÄTZLICHE ASPEKTE ZU TOD UND TRAUER 5
2.1. Individuelle Trauer 7
2.1.1. Trauerarbeit 8
2.1.2. Trauergemeinschaft 9
2.2. Kollektive Trauer 10
3. MITTRAUERN 12
3.1. Die Rolle der Medien 13
3.1.1. Infotainment 14
3.1.2. Emotionsgehalt von Nachrichten 14
3.1.3. Nähe und Distanz in den Medien 16
3.1.4. Medien verstärken Emotionen 17
3.2. Fallbeispiel 17
3.3. Weitere Erklärungen für das Mittrauern 19
3.3.1. Mittrauern um berühmte Verstorbene 20
3.3.2. Mittrauern um unbekannte Opfer 23
3.3.3. Stellvertretende Trauer 24
4. DISKUSSION 25
5. ABSTRACT 31
6. LITERATURVERZEICHNIS 32
ANHANG 36
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1. EINLEITUNG
Als im August 2000 der Schweizer Kickboxer Andy Hug in Japan an akuter Leukämie starb, erfasste eine Welle der Bestürzung und der Trauer die Schweiz und ebbte erst nach der Abdankungsfeier eine Woche später wieder langsam ab. Die Zeitungen berichteten täglich über Andy Hugs Leben, sein Sterben und über die Frau und den kleinen Sohn, die er zurück liess; zwei Schweizer Fernsehstationen übertrugen die Trauerfeier im Zürcher Grossmünster live. So etwas hatte es in der Schweiz noch kaum je gegeben.
Drei Jahre zuvor, im August 1997, war Prinzessin Diana bei einem Autounfall in Paris ums Leben gekommen. Die Abdankungsfeierlichkeiten haben schätzungsweise 2,5 bis 3 Milliarden Fernsehzuschauer in 187 Ländern gesehen, zehntausende haben vor Dianas Wohnhaus in London Blumen niedergelegt und geweint. Das Ausmass an öffentlicher Trauer setzte neue Massstäbe.
Nach dem Attentat im Kantonsparlament von Zug, bei dem im September 2001 ein Amoktäter 14 Personen und sich selber erschoss, trug die Schweiz Trauer. Die Menschen standen vor den Kondolenzbüchern Schlange, vor dem Parlamentsgebäude lag wochenlang ein Blumen-und Kerzenmeer.
Die drei Beispiele haben etwas gemeinsam: Die Menschen, die in emotionaler Aufgewühltheit Blumen niederlegen und weinen, haben die Verstorbenen in aller Regel nicht persönlich gekannt. Und trotzdem haben sie das Bedürfnis, ihrer Bestürzung und Traurigkeit öffentlich Ausdruck zu geben. Sie gehören weder zu den Trauerfamilien noch zum Bekanntenkreis der toten Personen und sind daher nicht direkt vom Verlust eines oder mehrer Menschen betroffen. Diese Menschen werden im Rahmen dieser Studienarbeit „Mittrauernde“ genannt. Die Einführung dieses Begriffs ermöglicht eine Abgrenzung gegenüber denjenigen Trauernden, die persönlich vom Tod einer ihnen nahe stehenden Person betroffen sind (Kapitel 2.1.), sowie gegenüber jenen, die direkt, gemeinsam und damit kollektiv von Verlusten, Katastrophen oder Kriegen heimgesucht werden (Kapitel 2.2.).
Die Fragestellung, die dieser Studienarbeit zugrunde liegt, bezieht sich ausschliesslich auf die Mittrauernden:
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Was bewegt Menschen dazu, öffentlich um Verstorbene zu trauern und zu weinen, die sie vor deren Tod nicht persönlich gekannt hatten?
Dabei wird von folgender Arbeitshypothese ausgegangen:
Je mehr die Menschen den eigenen Tod aus ihrem Leben ausblenden, desto mehr lassen sie sich vom Tod ihnen fremder Menschen in Bann ziehen.
Die vorliegende Studienarbeit ist eine Literaturarbeit. Beim Mittrauern handelt es sich um ein relativ neues Phänomen. Nach dem Tod von Prinzessin Diana beschäftigten sich verschiedene Journalistinnen und Autoren in Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln mit dem wachsenden Mittrauer-Bedürfnis der Menschen. Etwas später suchten britische Psychologinnen und Psychologen nach Erklärungen und publizierten ihre Aufsatzserie in der englischen Fachzeitschrift „The Psychologist“. Umfassende quantitative und qualitative Erhebungen zum Mittrauern fehlen bisher. Als bedeutsam für die vorliegende Arbeit erwiesen sich die erwähnten britischen Aufsätze einerseits sowie das Buch „Trauer und Beziehung. Systemische und gesellschaftliche Dimensionen der Verarbeitung von Verlusterlebnissen“ von Hans Goldbrunner (1996) andererseits.
Das an die Einleitung anschliessende Kapitel gibt einen Überblick über grundsätzliche Aspekte zu Tod und Trauer. Zwei Formen von Trauer werden dort unterschieden: die individuelle und die kollektive. Diese beiden werden abgegrenzt gegen die Mittrauer, die sich bei Menschen zeigt, die von einem Todesfall zwar nicht direkt betroffenen sind, aber trotzdem in der Öffentlichkeit oder zu Hause weinen. Dem Mittrauern ist das Kapitel 3 gewidmet. Es wird die Rolle untersucht, die die Massenmedien beim Entstehen von Mittrauer spielen. Als Illustration dient ein Fallbeispiel: Der ehemalige Chefredaktor der Zeitung „Blick“ legt seine Überlegungen und Strategien zur Berichterstattung über den Tod des Kickboxers Andy Hug dar. In der Diskussion in Kapitel 4 geht es darum, die im Theorieteil gewonnenen Erkenntnisse kritisch zu prüfen und Widersprüchen nachzugehen, sowie die in der Einleitung formulierte Arbeitshypothese zu überprüfen und zu diskutieren.
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2. GRUNDSÄTZLICHE ASPEKTE ZU TOD UND TRAUER
In früheren Jahrhunderten haben die Menschen den Tod als gottgegeben oder als Schicksal hingenommen. Die Verstorbenen wurden gewaschen und in Sonntagskleidern zu Hause aufgebahrt. Man stattete den Trauerfamilien Kondolenzbesuche ab und trug schwarz. Am Tag der Beerdigung ging die Trauergemeinde zum Friedhof, zur Abdankung und anschliessend zum Leichenmahl. Die Lebenden nahmen gemeinsam Abschied von den Toten.
Im Verlauf des 20. Jahrhunderts hat sich mit der Individualisierung der Gesellschaft auch die Einstellung zum Tod verändert. Heute sterben die meisten Menschen in Spitälern und Altersheimen. Bestattungsunternehmen kümmern sich professionell um die Toten. Der Tod ist aus dem Alltag weitgehend verschwunden. Wer eine nahe stehende Person verliert, bleibt einige Tage der Arbeit fern und wird bald wieder funktionsfähig zurück erwartet. Das führt zu einer weit verbreiteten Angst vor dem eigenen Tod und vor dem Verlust einem nahe stehender Personen. Wittkowski (1990) versteht diese Angst als „antizipierende Auseinandersetzung mit der Bedrohung des Lebens ohne akute Gefährdung. Beispielsweise könnte der Tod eines Angehörigen das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit intensivieren und Angst vor dem eigenen Tod und/oder dem eigenen Sterben auslösen“ (S. 76).
Mehrere Autorinnen und Autoren kommen zum Schluss, dass viele Menschen Angst vor dem Tod haben und deshalb die Gedanken daran verdrängen. Dazu Bellebaum (1992):
Der Tod ist sicherlich ein Problem für viele Lebende. Er wird zwar von manchen Menschen sehnlichst erwartet und die Lebensgestaltung auf ihn als den Übergang ins Paradies ausgerichtet. Diese Gesinnung schliesst aber Angst vor dem Sterben und Furcht vor dem Tod keineswegs aus. Es gibt eine Verdrängung des Todes auf der ‚individuellen Ebene’ infolge psychischer Abwehrmechanismen. Diese machen sich gegebenenfalls umso stärker bemerkbar, je geringer die sozialen Absicherungen sind. Fasst man die Verdrängungen auf der ‚sozialen Ebene’ ins Auge, dann ergibt ein - übrigens sehr umstrittener - Gesellschaftsvergleich unter anderem: früher eher öffentliches, heute eher privat-vereinsamtes Sterben. (S. 142)
„Verdrängung“ ist ein psychoanalytischer Begriff und bezeichnet einen Abwehrmechanismus. Abwehrstrategien sind unbewusste psychodynamische Prozesse. Ihre Aufgabe besteht darin, die Funktionsfähigkeit des Individuums bei der Bewältigung der verschiedensten alltäglichen Anforderungen (z.B. im Beruf und in der Familie) zu sichern. Generell wird die Funktionsfähigkeit einer Person in erster Linie durch überstarke Angst beeinträchtigt. Aufgabe und Ziel von Abwehrstrategien ist die Reduktion der Angst (Wittkowski, 1990).
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Die Begleitumstände von Tod und Sterben sind für viele Menschen bedrohlich. Deshalb ist es auf den ersten Blick nachvollziehbar, wenn von einer „Verdrängung des Todes“ gesprochen wird. Doch hält dies auch einer genaueren Betrachtung stand? In der Psychoanalyse steht „Verdrängung“ für einen unbewussten psychodynamischen Vorgang, der bewirkt, dass für eine Person ein bestimmtes Ereignis gar nicht bewusstseinsfähig ist oder werden kann. Es ist daher nicht auszuschliessen, dass einzelne Menschen den Tod verdrängen; weiter verbreitet scheint es allerdings zu sein, dass Menschen alle Gedanken an das für sie bedrohliche Thema Tod beiseite schieben und bewusst nicht daran denken. Wittkowski (1990) schlägt vor, für diesen Prozess den Begriff „Unterdrückung“ zu verwenden. Denn im Gegensatz zur Verdrängung ist die Unterdrückung bewusstseinsfähig, d.h. Personen können das Unterdrücken bewusst aufheben oder sie können retrospektiv darüber berichten. Andere Kritikerinnen und Kritiker schlagen vor, anstatt von Verdrängung von der „Unsicherheit im Umgang mit dem Tod“ zu sprechen (Schäfer, 2003) oder von einem „Tabu“, weil dieser Begriff eine weniger starke Konnotation habe als „Verdrängung“ (Nölle, 1997).
Bacqué (1994, S. 44) geht noch einen Schritt weiter, wenn sie festhält: „Eigentlich glaubt nie-mand an den eigenen Tod; im Unbewussten ist jeder von uns von der eigenen Unsterblichkeit überzeugt.“ Sie meint, dass die Vorstellung vom eigenen Tod, dazu führe, den Tod als gesellschaftliche Grenze abzulehnen. Das mag auch eine Erklärung dafür sein, dass die Forschung auf Hochtouren nach lebensverlängernden Medikamenten und Methoden sucht. In den USA liessen sich bereits einige Dutzend Menschen in flüssigem Stickstoff tiefkühlen - in der Hoffnung, dass man sie in ferner Zukunft, wenn die entsprechenden Medikamente gefunden sein sollten, wieder auftaue, sie auferstehen und weiter leben könnten (Hossli, 2003).
Andererseits ist seit einiger Zeit zu beobachten, dass Menschen wieder vermehrt bereit sind, das Sterben anderer zu begleiten und damit auch die Trauer von Angehörigen auszuhalten. In vielen Ländern sind Initiativen entstanden, die Sterben, Tod und Trauer als Bestandteil des Lebens begreifen. Dazu gehören Hospizgruppen, Kurse zur Begleitung in Leid und Trauer oder Fachgruppen für palliative Betreuung (Mettner, 2000).
Tod und Trauer sind oft behandelte und erforschte Themen in der psychologischen Fachliteratur. Die meisten Publikationen verwenden den Begriff „Trauer“ für die Individualtrauer, die
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nach dem Tod einer nahe stehenden Person entsteht. Es handelt sich dabei also um Trauer aus der Perspektive des Individuums, um Trauer aus direkter persönlicher Betroffenheit.
2.1. Individuelle Trauer Etymologisch weist „Trauer“ auf alt- und mittelhochdeutsche sowie gotische und altenglische Begriffe zurück, die sich mit „niederfallen, matt und kraftlos werden“ übersetzen lassen. Im Sinne von „den Kopf sinken lassen“ und „die Augen niederschlagen“ bezeichnete es eine typische Trauergebärde und galt als Ausdruck seelischen Schmerzes über einen Verlust oder ein Unglück (Bacqué, 1994).
In der Fachliteratur begegnet man sowohl einem engeren als auch einem weiteren Verständnis von Trauer. Bowlby (1991) verwendet den Ausdruck „Trauer“ im engeren Sinn, um bewusste und unbewusste psychologische Prozesse zu bezeichnen, die durch den Verlust einer geliebten Person ausgelöst werden. Daneben verwendet er den Begriff „Kummer“ (engl. grieving), womit er den Zustand einer Person bezeichnet, die Schmerz über einen Verlust empfindet und dies auf eine mehr oder weniger offene Weise erlebt.
Verschiedene Autorinnen und Autoren ziehen jedoch eine erweiterte Definition von Trauer vor. Dass von Trauer nicht nur beim Verlust eines geliebten Menschen gesprochen werden kann, hatte schon Freud (1917/1946) festgestellt: „Trauer ist regelmässig die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer an ihre Stelle gerückten Abstraktion wie Vaterland, Freiheit, ein Ideal usw.“ (S. 429). Diese Sichtweise wird in vielen Fachbüchern geteilt. Für Goldbrunner (1996) ist Trauer überall dort anzutreffen, wo grundlegende Bedürfnisse nicht befriedigt werden und Enttäuschungen verarbeitet werden müssen. Als Beispiele nennt er die Verarbeitung von Trennungen nach einer Scheidung oder die Ablösung der erwachsenen Kinder von ihren Eltern, den Verlust der Jugendlichkeit und körperlichen Unversehrtheit im fortgeschrittenen Alter, die Enttäuschung in partnerschaftlichen Beziehungen nach anfänglicher Verliebtheit, die Bewältigung von chronischer Krankheit und Behinderung oder die Langzeitarbeitslosigkeit. So betrachtet wird Trauer zur lebenslangen Aufgabe der inneren Loslösung von Liebgewordenem, das in der äusseren Realität nicht mehr existiert - Trauer als permanenter Prozess der Anpassung an die Verluste des Lebens.
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dipl. Psych. FH Trix Angst, 2004, Mittrauern - eine Form öffentlicher Trauer, Munich, GRIN Publishing GmbH
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