Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 3
II. Hauptteil 5
1. Darstellung des Untersuchungsgebietes 5
1.1 Weltkriegsliteratur als kollektives Erinnerungsprojekt und
die Schwierigkeiten der geteilten Kriegserfahrung 6
1.2 Krieg und Roman 7
1.3 Unterschiede in der literarischen Aufbereitung der
beiden Weltkriege 7
1.4 Der frühe und der späte Roman zum Zweiten Weltkrieg 9
1.5 Zur Wahl der Autoren und Romane 10
2. Konsaliks Roman Der Arzt von Stalingrad (1956) 11
2.1 Kriegserfahrung und Entstehungsgeschichte 12
2.1.1 nach Angaben Heinz G. Konsaliks 12
2.1.2 nach Ergebnissen der Forschungsliteratur 14
2.2 Handlungsraum und Figurenkonstellation 17
2.3 Der Mythos als Grundlage des narrativen Schemas 18
2.4 Viktimisierung als telos, topos und selling point 18
3. Buchheims Roman Das Boot (1973) 19
3.1 Kriegserfahrung und Entstehungsgeschichte 20
3.2 Entlarvung durch Überzeichnung, Zynismus und Persiflage 22
3.3 Fiktionalisierung und (Ent-)Mythisierung 23
4. Gegenüberstellung beider Romane und Vergleich der
Darstellung der Kriegserlebnisse 24
III. Fazit 26
IV. Literaturverzeichnis und Ehrenwörtliche Erklärung 27
I. Einleitung
Wenngleich der Zweite Weltkrieg mit all seinen Schrecken und ungekannten Gräueltaten ganz sicher als die „größte historische Katastrophe der Deutschen“ 1 gelten muss, so war er doch auch, wie man ganz leidenschaftslos feststellen muss, einfach das zentrale Ereignis Europas und speziell der Deutschen im vergangen Jahrhundert. Wie jedes große Ereignis hinterließ er Spuren; recht eindeutige in der Erinnerung eines ganzen Kontinents, sehr widersprechende in der Erinnerung der Deutschen. Kollektive Erinnerung ist natürlich stets im Wandel, ein andauernder Prozess, und dabei stets den Formungen durch äußere Einwirkung und den nicht anhaltenden Weltenlauf unterworfen. Solche äußeren Einwirkungen sind bei vielen Menschen Eindrücke, die ihre eigenen Erinnerungen durch gehörte oder gelesene fremde Erinnerungen umdeuten, verfälschen, erweitern, bereichern. Insofern ist gerade die Kriegsliteratur ein mächtiges Werkzeug für das Formen kollektiver Erinnerungen.
Die vorliegende Untersuchung will nicht so sehr einen rein literaturwissenschaftlichanalytischen Romanvergleich liefern, weshalb hier auf eine ausgeprägte Darstellung von Figurenkonstellationen und Plot-Nachzeichnungen ebenso verzichtet wird wie auf intensive Interpretationsansätze.
Diese Arbeit versteht sich vielmehr als literaturgeschichtsphilosophische Grundlagenarbeit, die einen Beitrag leisten möchte für die künftige, interdisziplinäre Gedächtnisforschung zu bewältigbaren Kollektiverinnerungen der Deutschen bezüglich des Zweiten Weltkrieges. Denn, wie schon Kant erkannt hatte, es wird künftige Generationen „in wenigen Jahrhunderten“ nur noch interessieren, was die vorherigen „in weltbürgerlicher Absicht zu leisten“ im Stande waren, und nur die Fortschritte jeder Generation an die Nachkommen weiterzugeben kann sinnvoller Inhalt eines Erziehungsbegriffes sein. 2 „Vielleicht daß die Erziehung immer besser werden und daß jede folgende Generation einen Schritt näher thun wird zur Vervollkommnung der Menschheit; denn hinter der Education steckt das große Geheimniß der Vollkommenheit der menschlichen Natur.“ 3 Entgegen Kants Hoffnungen noch im 18. Jahrhundert hat sich mit dem Zweiten Weltkrieg vor allem eines gezeigt: Die menschliche Natur kann auch ungekannte Abgründe vorweisen, und einem fehlleitenden aber charismatischen Führer folgen die Massen nur zu gerne wie die Lemminge in den Abgrund - und reißen dabei alles und jeden mit sich.
1 Salewski, Michael (1976): Von der Wirklichkeit des Krieges, S. 9.
2 Vgl. Kant, Immanuel in Idee zu einer allgemeinen Geschichte in Weltbürgerlicher Absicht, 9. Satz.
3 Kant in Pädagogik, Akad. IX, S. 444.
3
Die Erinnerung an dieses Desaster soll und muss wachgehalten und geformt werden, gerade die Deutschen müssen ‚aus der Geschichte lernen‘.
Noch leben wir parallel und gemeinsam mit den Zeitzeugen. „Opa war kein Nazi“, wie einer gleichnamigen Studie zufolge fast drei Viertel der Enkelgeneration glauben. Die mündliche Überlieferung scheint also durchaus auch geschönt zu funktionieren. ‚Auch‘, da die schriftliche Überlieferung auf jeden Fall Schönungen erfährt und vornimmt. Das Buch, das erzählt, woran sich die Überlebenden gern oder wenigstens lieber erinnern, ist ein Verkaufserfolg a priori. Wo die Täter sich als Opfer wiedererkennen können, zeigen sie gerne mit dem Finger darauf und sagen „So war es, das hab´ ich erlebt!“ 4 Insofern nimmt es nicht wunder, dass der ‚frühe‘ Roman zum zweiten Weltkrieg, in welche Kategorie etwa Heinz G. Konsaliks Der Arzt von Stalingrad gehört, deutlich zur Viktimisierung der deutschen (Soldaten) neigt. 5 Dagegen wurde mit zunehmendem zeitlichem Abstand und zunehmender Wahrnehmung der kollektiven ‚Schuld‘ in jener Zeit auch die Erinnerung der Autoren zunehmend kritischer und reflektierter. Etwa in Lothar Buchheims Roman Das Boot kommen zwar die deutschen Soldaten moralisch eigentlich nicht schlecht weg, werden gar Heldenbilder der Kommandanten gezeichnet - doch die politische und ideologische Dimension ist hier eine ganz andere. Diesen vergleichsweise ‚späten‘ Weltkrieg-II-Roman zeichnet schärfere System- und Kriegskritik aus.
Für die vergleichende Untersuchung der beiden Romane waren besonders hilfreich Michael Salewskis „Von der Wirklichkeit des Krieges“ zu Buchheims Das Boot und Matthias Harders Dissertation „Erfahrung Krieg - Zur Darstellung des Zweiten Weltkrieges in den Romanen von Heinz G. Konsalik“.
Nach einer recht detaillierten, allgemeinen Darstellung von Weltkriegsliteratur und Erinnerungsprozessen, deren Nutzen und zugehöriger Forschung, werden in den folgenden Schritten die Autoren und Werke vorgestellt und auf die auf sie eingewirkte und von ihnen dargestellte Kriegserfahrung hin befragt, um in einem letzten Schritt die beiden Romane Der Arzt von Stalingrad und Das Boot als exemplarische Vertreter des frühen und späten Weltkrieg-II-Romans einander gegenüberzustellen.
Letztes Ziel dieser Arbeit ist die Präzision von hier zu beschreibenden und künftig gezielter zu lenkenden Erinnerungsdimensionen der Deutschen zum Zweiten Weltkrieg.
4 Konsalik im Interview, über die Reaktionen auf seine Schilderungen der Zustände in den Kriegsgefan-
genenlagern im Roman Der Arzt von Stalingrad. In: Harder (1999): S. 224 [Hervorh. v. Autor].
5 Vgl. zum Begriff der „Viktimisierung“ Krieg, Claudia(2008): Dimensionen der Erinnerung, S. 85f.
4
II. Hauptteil
1.Darstellung des Untersuchungsgebietes
Im Fokus dieser Arbeit steht die Darstellung der Varianten des Erinnerns an den Zweiten Weltkrieg als gesellschaftlich-soziale wie auch als literarische Aufgabe, wobei letztere hier explizit erörtert wird anhand des Vergleichs eines ‚frühen‘ und eines ‚späten‘ Weltkrieg-II-Romans unter Einbeziehung der subjektiven Kriegserfahrung der Autoren und Einwirkungen dieser auf deren schriftstellerisches Arbeiten. Dass bei der literarischen Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs in der zugehörigen Forschung meist eher Autoren der „höheren“ oder „ernsten“ Literatur berücksichtigt werden, hat durch die Qualität und tiefe Reflexion derselben sicher seine Berechtigung. Bei der Frage nach Entstehungen und Wandlungen der gesamtdeutschen Erinnerungsprozesse jedoch scheinen jene Autoren bei weitem nicht so wichtig wie die ein viel breiteres Publikum erreichenden Schriftsteller des eher „Unterhaltungs-“ oder „Trivial“-Romane produzierenden Literatensegments.
Da die kollektiven Erinnerungsprozesse der Deutschen an die Weltkriege gerade durch die verstärkt Anfang der 1990er Jahre aus einer Kombination von Historikern, Soziologen, Psychologen und Literaturwissenschaftlern entstandene „Gedächtnisforschung“, 6 welche immer mehr zur eigenen interdisziplinaren Wissenschaft zu wachsen scheint, mehr und mehr beschreibbar und neu formbar werden, 7 sollte die tradierte Einteilungen oft übernehmende analytische Literaturwissenschaft sich diesem neuen Projekt, eine bewältigbare Erinnerung eines ganzen Volkes zu schaffen, auch durch die Toleranz der Lesegewohnheiten und Wissensbezugsquellen von dessen Bürgern, zunehmend öffnen. 8 Dies geschah zwar bereits, etwa bei der „Beat“- und „Pop“-Literatur des letzten Jahr-hunderts, 9 geschieht zudem bereits verstärkt gegenüber heute erscheinenden Neulingen auf dem literarischen Markt, wie etwa Feridun Zaimoglu, Wladimir Kaminer oder Zoe Jenny. Die Untersuchung älterer vermeintlicher Trivial-Autoren dagegen wird jedoch in der Forschung meist vernachlässigt oder gar vermieden, 10 obwohl gerade diese durch die in früheren Jahrzehnten bei weitem nicht so breit gefächerte Palette eine sehr breite Masse von Lesern pro Einzelwerk erreichte und somit schon lange auf die Urteile,
6 Vgl. dazu: Assmann, Jan: Das Gestern im Heute. Medien und soziales Gedächtnis. In: Merten, Klaus
(1994): Die Wirklichkeit der Medien, S. 114 ff.
7 Vgl. dazu: Welzer, Harald: Der Krieg der Erinnerung, S. 7 ff.
8 Vgl. dazu: Assmann (1994): S. 114 ff.
9 Vgl. ebd.
10 Vgl. dazu: Assmann, Jan (1992): Das kulturelle Gedächtnis, S. 82.
5
Fehlurteile und Vorurteile eines ganzen Volkes weit mehr Einfluss haben konnte als die von der ‚geistigen Elite‘ befürworteten Werke des Schul- und Universitäts-Kanons. Aufgrund dieser Sachlage muss für die künftige Gedächtnisforschung bezüglich des Zweiten Weltkrieges, die in einem späteren Schritt über empirische Ergebnisse etwa zu Verkaufszahlen und Rezeptionserlebnissen die Wirkung der Romane auf die Millionen von Lesern zu analysieren haben wird, sicherlich zunächst eine zentrale Frage sein, was auch Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist: Wie erlebten und schildern viel gelesene Romanautoren diesen Krieg?
1.1 Weltkriegsliteratur als kollektives Erinnerungsprojekt und die Schwierigkeiten der ‚geteilten‘ Kriegserfahrung
Gedächtnis als eine deskriptiv-analytische Kategorie „findet sich vor allem in den Formen der Erinnerung, mit denen kollektiv geteiltes Wissen vermittelt wird. Kollektives Gedächtnis ist damit immer eine Konstruktion der Vergangenheit aus dem Blickpunkt der Gegenwart.“ 11 Eine Universalisierung erfolgt bei den hier wirkenden Konstruktionsmechanismen Claudia Krieg zufolge insofern, „dass die sozialen, politischen und ökonomischen Voraussetzungen, unter denen sich das Gedächtnis der Wir-Identität konstituiert, als adäquat angenommen werden.“ 12 Diese Voraussetzungen jedoch waren und sind durch Kategorien wie Geschlecht, ‚Schichten‘-Zugehörigkeit, Bildungsstand etc. sehr komplex und kaum verallgemeinerbar. „Vielmehr finden […] öffentlichdiskursive Universalisierungen ihr Pendant in der individuellen Erinnerung, die für sich ebenfalls universelle Gültigkeit reklamiert“, 13 was für heute noch lebende erinnernde Leser ebenso gilt wie für die Literatur produzierenden Kriegsteilnehmer von damals. Nicht nur die öffentliche, kollektive Erinnerung ist dabei im dauernden Wandel, sondern mit zunehmendem Abstand und durch gewonnene Erkenntniszugewinne oder Verdrängungsprozesse auch die vermeintlich autobiographische Erinnerung. „Das autobiographische Gedächtnis ist […] ein ‚ungleichzeitiges‘ Gedächtnis. Wenn die Ebenen bedeutsamer Lebensabschnitte, allgemeiner Ereignisse und spezifischer Einzelereignisse ineinander fließen, wirft sich oft das Problem der ‚Quellenamnesie‘ auf“, was bedeutet, dass der Realitätsgehalt von Erinnerungen „schwankt in Abhängigkeit von dem Rahmen, in denen autobiographische Erinnerungen kontextualisiert werden.“ 14
11 Krieg, Claudia(2008): Dimensionen der Erinnerung. Geschichte, Funktion und Verwendung des Erin-
nerungsbegriffs im Kontext mit den NS-Verbrechen, S. 101 f.
12 Ebd. S. 102.
13 Ebd. S. 102 f.
14 Ebd. S. 36.
6
Daher rührt also wohl speziell bezüglich der Weltkriege auch die mit zunehmendem zeitlichem Abstand zunehmend kritischer werdende Literatur und Leserschaft.
1.2 Krieg und Roman
Der Kriegs- bzw. Antikriegsroman ist keine echte eigene Untergattung des Romans, 15 wie etwa der Bildungsroman, da die Ähnlichkeit verschiedener Werke „nicht durch eine bestimmte Struktur oder inhaltlich-gehaltliche Vorgaben geprägt ist […]. Das einigende Band ist lediglich ein thematisches, das seine Ausprägung in verschiedensten Formen, vom autobiographischen Bericht bis zur skeletthaft-kühlen Tatsachenauswahl der dokumentarischen Auflistung, findet.“ 16 Wenngleich also Kriegsroman laut Wagener „eher eine Buchhändlerbezeichnung“ ist, so ist doch „von größter Wichtigkeit dagegen der Krieg als literarisches Thema.“ 17 Denn „Literatur ist in diesem Zusammenhang als Erinnerungs- und Trauerarbeit im Freudschen Sinne zu verstehen.“ In der explizit erst Anfang der 1990er Jahre entstandenen internationalen Forschung zur Kulturgeschichte der Erinnerung an den Ersten und Zweiten Weltkrieg wird die Bedeutung dieser Kriege aus der Trauerarbeit für deren Tote erschlossen. 18 Dabei kommen der fiktionalen Prosa und ihrer erzählerischen Differenzen in der Aufbereitung der Erlebnisse beider Weltkriege zentrale Bedeutung zu. 19
1.3 Unterschiede in der literarischen Aufbereitung der beiden Weltkriege Es scheint völlig unmöglich, die Schwierigkeiten der WK-II-Literatur darzustellen und zu verstehen, ohne die von dieser gänzlich verschiedene WK-I-Literatur wenigstens anzureißen. Denn dass die Literatur gewissermaßen diese beiden Weltkriege gemeinsam umfasst, ist eine nicht nur semantisch, sondern auch temporal treffende Wahrheit: Zum ersten Weltkrieg existiert hauptsächlich diesen vorbereitende, hinarbeitende Prosa und Lyrik, zum zweiten hingegen fast ausschließlich nachbereitende, aufarbeitende Literatur. In der kurzen Phase zwischen den Weltkriegen dagegen, sowie in den insgesamt immerhin fast 10 Jahren reiner Kriegszeit, blieben die Blätter vieler großer Schriftsteller
15 Anmerkung: Vielen Literaturwissenschaftlern ist schon die Einteilung in Kriegs- und Antikriegs-Filme
und -Romane zu „oberflächlich. Wer vom Krieg schreibt, schreibt ein Kriegsbuch. Es gibt keine ‚Anti-
Kriegsbücher.“ Salewski, Michael(1976): Von der Wirklichkeit des Krieges. Analysen und Kontrover
sen zu Buchheims ‚Boot‘, S. 11.
16 Wagener, Hans (Hg)(1997): Von Böll bis Buchheim. Deutsche Kriegsprosa nach 1945, S. 11.
17 Ehrhard Bahr: Defensive Kompensation. Kriegsromane von Bamm und Konsalik. In: Wagener(1997):
S. 199-213, S. 199.
18 Vgl. Ebd.
19 Vgl. Ebd. S. 201.
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Jonas Zech, 2008, Kriegserfahrung und Erinnerungsdimensionen, München, GRIN Verlag GmbH
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