Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Situation der Kinder- und Jugendliteratur in der Nachkriegszeit 5
3. Zwischen Wandel und Kontinuität - Erich Kästner als Erzähler und Erzieher nach 1945. 9
3.1. Erich Kästners Welt- und Menschenbild im Kontext seiner Kinder- und Jugendliteratur
9
3.2. Kästner als Erzähler: „Das doppelte Lottchen“ 11
3.3. Kästner als Erzieher: „Die Konferenz der Tiere“ und die Zeitschrift „Pinguin“ 14
4. Fazit. 19
Bibliographie : 21
Prim ärliteratur: 21
Sekund ärliteratur: 21
2
1. Einleitung
„Ein Vorwort ist für ein Buch so wichtig und so hübsch wie ein Vorgarten für ein Haus.“ 1
Erich Kästner gilt bis heute als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Kinderbuchautoren. Kästners nationaler und internationaler Erfolg wird wohl nur von den Gebrüdern Grimm und ihrer Sammlung deutscher Volksmärchen übertroffen. Seine Kinderbücher wurden in über 60 Sprachen übersetzt und erfreuen sich bis heute großer Beliebtheit. 2
Werke wie „Emil und die Detektive“, „Pünktchen und Anton“, „Das doppelte Lottchen“ oder die Nacherzählungen „Münchhausen“, „Till Eulenspiegel“ und „Der gestiefelte Kater“ haben weder an Aktualität der behandelten thematischen Stoffe noch an Spannung und Unterhaltsamkeit eingebüßt.
Dass über seinen Erfolg als Kinderbuchautor, Kästners allgemeinliterarisches Werk oft in Vergessenheit gerät und er gerade im Ausland lediglich als Kinderbuchautor angesehen wird, ist in gewisser Weise bedauerlich, denn seine Zeitungsartikel, Gedichte, Chansons, Kabarettstücke und vor allem sein weltbekanntes Werk „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“, verdeutlichen die Vielfältigkeit und literarische Größe des Asphaltliteraten und Gebrauchslyrikers. Doch im rechten Licht betrachtet, schmälert dies keineswegs die literarischen Leistungen Erich Kästners, der mit Fug und Recht als ein exemplarischer Autor des 20. Jahrhunderts angesehen werden kann. 3
Im Bewusstsein um sein vielseitiges Wirken als sprachgewandter Satiriker, Moralist, Gesellschaftskritiker und Utopist beschäftigt sich die vorliegende Arbeit dennoch primär mit Kästners Schaffen als Kinderbuchautor. Dies erfolgt im Kontext und unter Berücksichtigung der gesellschaftlich-moralischen und pädagogisch-politischen Vorstellungen die Kästner in seinen Kinder- und Jugendbüchern vermitteln wollte. Dass es Kästner dabei um mehr ging als einzig und allein unterhaltende Lektüre für Kinder zu verfassen, zeigt sich vor allem in seinen
1 Erich Kästner zitiert nach Dolle-Weinkauf, Bernd / Ewers, Hans-Heino (Hrsg.). Erich Kästners weltweite Wirkung als Kinderschriftsteller: Studien zur internationalen Rezeption des kinderliterarischen Werks. Frankfurt/M. (u.a.): Lang 2002, S. 12
2 Ebd. S.1
3 Doderer, Klaus: Erich Kästner. Lebensphasen - politisches Engagement - literarisches Wirken. Weinheim, München: Juventa 2002, S.6
3
Kinder- und Jugendbüchern der Nachkriegszeit. So bilden diese Jahre auch den Rahmen für die Analyse der konzeptionellen Idee, die sich hinter den Werken Kästners verbirgt. Gerade in der Nachkriegszeit zeigt sich das Vakuum an anspruchsvoller und zeitgerechter Kinder- und Jugendliteratur, die mit modernen pädagogischen Konzepten und erzähltheoretischen Innovationen den Zeitgeist und Geschmack der Heranwachsenden einzufangen vermochte. Kästner gehört zu den wenigen Literaten der Zeit, die diesen Anforderungen im Großen und Ganzen gerecht werden konnten.
Entgegen der Tendenz vieler zeitgenössischer Kinderbuchliteraten, die unter dem Mantel der „Heilen Welt“ versuchten, traditionelle Werte zu vermitteln und bewusst der Beschreibung der unmittelbaren Wirklichkeit in Deutschland nach 1945 auswichen, zeichnet sich ein Großteil der Nachkriegsbücher Kästners von Anbeginn durch einen ungewohnt kritischen Moralismus und das Bestreben zur pädagogischen Erneuerung des Kinder- und Jugendliteraturwesens aus. 4
Doch Kästner fokussierte sich nicht ausschließlich auf die Produktion von politischpädagogischer Literatur. Neben den vielen didaktisch motivierten Anstrengungen, welche exemplarisch an den Beispielen der satirischen Tierfabel „Die Konferenz der Tiere“ und der Kinder- und Jugendzeitschrift „Pinguin“ analysiert werden sollen, entstehen weiterhin Bücher in gewohnter konzeptioneller und literaturästhetischer Manier wie „Das doppelte Lottchen“ oder die Nacherzählungen von „Münchhausen“ und der „Der gestiefelte Kater“. Keinesfalls verzichtet Kästner in diesen Büchern auf moralische Querverweise, Andeutungen und die gewohnten Spitzfindigkeiten, doch treten die didaktischen Ambitionen in den Hintergrund und das Erzählen der Geschichte an sich, ob im phantastischen Konjunktiv der Nacherzählungen oder in den Alltagsgeschichten seiner Kinderhelden, bestimmt vordergründig das Geschehen. Es zeigt sich somit, dass selbst ein so erfahrener und renommierter Kinderbuchautor wie Kästner in den Wirren der Nachkriegszeit, zwischen „Kahlschlag“ und „Stunde Null“, zwischen Wandel und Kontinuität kein Patentrezept für ein neues Kinder- und Jugendliteraturwesen zur Hand hatte. 5 Darf man somit behaupten, dass das Wechselspiel des Erzählers und Erziehers Kästner als exemplarisch für die Kinder- und Jugendbuchliteratur der Nachkriegsjahre gelten kann? Dies gilt es zu untersuchen. Ohne Zweifel nimmt Kästner eine exponierte Stellung unter den zeitgenössischen Literaten ein.
4 Doderer, Klaus (Hrsg.): Zwischen Trümmern und Wohlstand. Literatur der Jugend 1945-1960. Weinheim Basel: Beltz 1988, S. 10-11
5 Ebd. S. 3 ff.
4
Dennoch ist es von Nöten, sich intensiver mit der Denkweise und dem literaturästhetischen Anspruch des Kinderfreundes auseinander zu setzen. Nur so lässt sich verstehen, welche herausragende Rolle Erich Kästner als Vorbild für die Themenwahl, Schreibweise und ebenso als Initiator eines neuen pädagogisch-didaktischen Verständnisses von Kinder- und Jugendliteratur Mitte des 20. Jahrhunderts einnehmen konnte 6 und warum es seine Werke bis heute vermögen, Kinder und Erwachsene mit Zeitlosigkeit und Wortwitz dermaßen zu begeistern, zu bereichern und nicht selten, zu belehren.
2. Die Situation der Kinder- und Jugendliteratur in der Nachkriegszeit
Um die Innovationskraft der Nachkriegs-Kinderbücher Kästners nachvollziehen zu können, ist es unabdingbar, zuallererst einen Blick auf die Situation des Kinder- und Jugendliteraturwesens der Nachkriegszeit zu werfen. Das Bild, welches sich bei genauerer Betrachtung dabei ergibt, mutet fast babylonisch an. Zwischen Neubeginn und Restauration mischen sich Reste von wilhelminischem und nationalsozialistischem Gedankengut, aber auch die ersten antiautoritären Strömungen können sich Mitte der 1950iger Jahre etablieren. 7
Die völlige Zerstörung von Werten materieller und moralischer Art verlangte in der (Kinder-und Jugend) - Literatur, wie in allen Modellen des Alltagsdenkens, nach neuen kulturpolitischen und pädagogischen Konzeptionen. Problematisch war jedoch, dass der Bedingungsrahmen für die Produzenten, die erwachsenen Schriftsteller, sich ebenso konfus und komplex gestaltete wie für die Konsumenten, die Kinder. Gebräuchliche Denkformen und Konzepte der Zeit reichten von „Kahlschlag“, „Innenraum“ und „Heile Welt“ bis hin zu Darstellung „des täglichen Krams“ und der „göttlichen Unbefangenheit der Jugend“. 8 Somit lohnt ein Blick auf die literaturpädagogischen Hauptkonzeptionen sowie auf die verschiedenen Kinderbilder und die daraus resultierenden Vorgänge im Literaturwesen der Zeit. Neben den innerliterarischen Entwicklungen erschwerte der materielle Notstand, das heißt die Zerstörung der Produktionsstätten, Rohstoffmangel sowie die politisch induzierten Beschränkungen durch die Re-education-Programme der Alliierten das literarische Schaffen. Vor- und Nachzensur förderten oft die Selbstzensur der Autoren, so dass sich die Verlage dezidiert auf die Produktion „neutraler“ Literatur und Zeitungen im Sinne der Re-education konzentrierten.
6 Doderer 2002: S. 205 ff.
7 Kaminski, Winfried: Neubeginn, Restauration und antiautoritärer Aufbruch. In: Reiner Wild (Hg.): Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur. 2. erg. Aufl. Stuttgart: Metzler Verlag 2002
8 Doderer 1988: S. 20ff.
5
„In der Nachkriegszeit beherrschte das im engeren Sinne nationalsozialistische Gedankengut zwar nicht mehr den Schulunterricht, aber die autoritären Grundströmungen blieben weit in die 50er Jahre vorherrschend. (...) Der Nachkriegskinderliteratur mangelte es an einer sprachlichen Inventur im Sinne von Günther Eichs Ausnüchterung. Sie hat neue, aber keine neu orientierten Erzählungen vorgelegt. Häufiger hat sie nur neue Inhalte in alte Formen gegossen.“ 9
Diese Einschätzung trifft in besonderer Weise auf die Jahre 1945 - 1949 zu. So zeigen viele Bücher dieser Jahre einen Hang zur Darstellung idealisierter, fast märchenhaft anmutender Umstände in denen die Beziehung zwischen den Figuren und das Verhältnis von Erzähler und Leser autoritär gestaltet ist und traditionelle Werte-, Moral- und Geschlechterrollen bedient. Anstatt Konfrontation und Auseinandersetzung mit den Grauen des Krieges, der Armut und des Hungers erfolgte vermehrt eine Entwirklichung der äußeren Realität.
„Die Figuren haben jedenfalls selten Zeichen der Verstörung oder Angst angesichts dessen, was die Ruinen über die materielle Zerstörtheit hinaus repräsentieren. In ihrer körperlichen, offenbar auch emotionalen und intellektuellen Unversehrtheit sind die das Versprechen auf die „Neugeburt“ Deutschlands.“ 10
9 Kaminski 2002: Kapitel „Neubeginn, Restauration und antiautoritärer Aufbruch“
10 Ebd.
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Arbeit zitieren:
Torben Fischer, 2008, Krieg, Zerstörung, Leid - und wer schreibt für die Kinder?, München, GRIN Verlag GmbH
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