Der zerbrochne Krug - Heinrich von Kleist
Personen.
W
ALTER
, Gerichtsrath.
A
DAM
, Dorfrichter.
L
ICH
t, Schreiber.
F
RAU
M
ARTHE
R
ULL
.
E
VE
, ihre Tochter.
V
EIT
T
ÜMPEL
, ein Bauer.
R
UPRECHT
, sein Sohn,
F
RAU
B
RIGITTE
.
E
IN
B
EDIENTER
, B
ÜTTEL
, M
ÄGDE
, &c.
Die Handlung spielt in einem niederländischen Dorfe bei Utrecht.
Erster Auftritt
Scene: Die Gerichtsstube.
ADAM (sitzt und verbindet sich ein Bein).
LICHT (tritt auf).
LICHT. Ei, was zum Henker, sagt, Gevatter Adam! Was ist mit euch geschehn? Wie
seht ihr aus?
ADAM. Ja, seht. Zum Straucheln braucht's doch nichts, als Füße. Auf diesem glatten
Boden, ist ein Strauch hier? Gestrauchelt bin ich hier; denn jeder trägt den leid'gen Stein
zum Anstoß in sich selbst.
LICHT. Nein, sagt mir, Freund! Den Stein trüg' jeglicher ?
ADAM. Ja, in sich selbst!
LICHT. Verflucht das!
ADAM. Was beliebt?
LICHT. Ihr stammt von einem lockern Aeltervater, der so beim Anbeginn der Dinge
fiel, und wegen seines Falls berühmt geworden; Ihr seid doch nicht ?
ADAM. Nun?
LICHT. Gleichfalls ?
ADAM. Ob ich ? Ich glaube ? Hier bin ich hingefallen, sag ich euch.
LICHT. Unbildlich hingeschlagen?
3
ADAM. Ja, unbildlich. Es mag ein schlechtes Bild gewesen sein.
LICHT. Wann trug sich die Begebenheit denn zu?
ADAM. Jetzt, in dem Augenblick, da ich dem Bett' Entsteig'. Ich hatte noch das
Morgenlied im Mund', da stolpr' ich in den Morgen schon, und eh' ich noch den Lauf
des Tags beginne, Renkt unser Herrgott mir den Fuß schon aus.
LICHT. Und wohl den linken obenein?
ADAM. Den linken?
LICHT. Hier, den gesetzten?
ADAM. Freilich!
LICHT. Allgerechter! Der ohnhin schwer den Weg der Sünde wandelt.
ADAM. Der Fuß! Was! Schwer! Warum?
LICHT. Der Klumpfuß?
ADAM. Klumpfuß! Ein Fuß ist, wie der andere, ein Klumpen.
LICHT. Erlaubt! Da thut ihr eurem rechten Unrecht. Der rechte kann sich dieser
Wucht nicht rühmen, und wagt sich eh'r auf's Schlüpfrige.
ADAM. Ach, was! Wo sich der eine hinwagt, folgt der Andre.
LICHT. Und was hat das Gesicht euch so verrenkt?
ADAM. Mir das Gesicht?
LICHT. Wie? Davon wißt ihr nichts?
ADAM. Ich müßt' ein Lügner sein wie sieht's denn aus?
4
LICHT. Wie's aussieht?
ADAM. Ja, Gevatterchen.
LICHT. Abscheulich!
ADAM. Erklärt euch deutlicher.
LICHT. Geschunden ist's, ein Gräul zu sehn. Ein Stück fehlt von der Wange, wie groß?
Nicht ohne Waage kann ich's schätzen.
ADAM. Den Teufel auch!
LICHT. (bringt einen Spiegel). Hier! Ueberzeugt Euch selbst! Ein Schaaf, das,
eingehetzt von Hunden, sich durch Dornen drängt, läßt nicht mehr Wolle sitzen, als ihr,
Gott weiß wo? Fleisch habt sitzen lassen.
ADAM. Hm! Ja! S' ist wahr. Unlieblich sieht es aus. Die Nas' hat auch gelitten.
LICHT. Und das Auge.
ADAM. Das Auge nicht, Gevatter.
LICHT. Ei, hier liegt Querfeld ein Schlag, blutrünstig, straf mich Gott, als hätt' ein
Großknecht wüthend ihn geführt.
ADAM. Das ist der Augenknochen. Ja, nun seht, das Alles hatt' ich nicht einmal
gespürt.
LICHT. Ja, ja! So geht's im Feuer des Gefechts.
ADAM. Gefecht! Was! Mit dem verfluchten Ziegenbock, Am Ofen focht' ich, wenn
ihr wollt. Jetzt weiß' ich's. Da ich das Gleichgewicht verlier, und gleichsam Ertrunken in
den Lüften um mich greife, fass' ich die Hosen, die ich gestern Abend durchnäßt an das
Gestell des Ofens hing. Nun fass ich sie, versteht ihr, denke mich, ich Thor, daran zu
5
halten, und nun reißt der Bund; Bund jetzt und Hos' und ich, wir stürzen, und
Häuptlings mit dem Stirnblatt schmettr' ich auf den Ofen hin, just wo ein Ziegenbock
die Nase an der Ecke vorgestreckt.
LICHT (lacht). Gut, gut.
ADAM. Verdammt!
LICHT. Der erste Adamsfall, den Ihr aus einem Bett hinaus gethan.
ADAM. Mein Seel! Doch, was ich sagen wollte, was giebts Neues?
LICHT. Ja, was es Neues giebt! Der Henker hol's, hätt' ich's doch bald vergessen.
ADAM. Nun?
LICHT. Macht euch bereit auf unerwarteten Besuch aus Utrecht.
ADAM. So?
LICHT. Der Herr Gerichtsrath kömmt.
ADAM. Wer kömmt?
LICHT. Der Herr Gerichtsrath Walter kömmt, aus Utrecht. Er ist in Revisions-
Bereisung auf den Aemtern, und heut noch trifft er bei uns ein.
ADAM. Noch heut! Seid ihr bei Trost?
LICHT. So wahr ich lebe. Er war in Holla, auf dem Grenzdorf, gestern, hat das
Justizamt dort schon revidirt. Ein Bauer sah zur Fahrt nach Huisum schon
dieVorspannpferde vor den Wagen schirren.
ADAM. Heut noch, er, der Gerichtsrath, her, aus Utrecht! Zur Revision, der wackre
Mann, der selbst sein Schäfchen schiert, dergleichen Fratzen haßt. Nach Huisum
6
kommen, und uns cujoniren!
LICHT. Kam er bis Holla, kommt er auch bis Huisum. Nehmt Euch in Acht.
ADAM. Ach geht!
LICHT. Ich sag' es euch.
ADAM. Geht mir mit Eurem Mährchen, sag' ich euch.
LICHT. Der Bauer hat ihn selbst gesehn, zum Henker.
ADAM. Wer weiß, wen der triefäugige Schuft gesehn. Die Kerle unterscheiden ein
Gesicht von einem Hinterkopf nicht, wenn er kahl ist. Setzt einen Huth dreieckig auf
mein Rohr, hängt ihm den Mantel um, zwei Stiefeln drunter, so hält so'n Schubjak ihn
für wen ihr wollt.
LICHT. Wohlan so zweifelt fort, ins Teufels Namen, bis er zur Thür hier eintritt.
ADAM. Er, eintreten! Ohn' uns ein Wort vorher gesteckt zu haben.
LICHT. Der Unverstand! Als ob's der vorige Revisor noch, der Rath Wacholder, wäre!
Es ist Rath Walter jetzt, der revidirt.
ADAM. Wenn gleich Rat Walter! Geht, laßt mich zufrieden. Der Mann hat seinen
Amtseid ja geschworen, und praktisirt, wie wir, nach den Bestehenden Edikten und
Gebräuchen.
LICHT. Nun ich versichr' euch, der Gerichtsrath Walter erschien in Holla unvermuthet
gestern, Vis'tierte Kassen und Registraturen, und suspendierte Richter dort und
Schreiber, warum? ich weiß nicht, ab officio.
ADAM. Den Teufel auch? Hat das der Bauer gesagt?
LICHT. Dies und noch mehr
7
ADAM. So?
LICHT. Wenn ihr's wissen wollt. Denn in der Frühe heut sucht man den Richter, dem
man in seinem Haus' Arrest gegeben, und findet hinten in der Scheuer ihn am Sparren
hoch des Daches aufgehangen.
ADAM. Was sagt ihr?
LICHT. Hülf inzwischen kommt herbei, man lös't ihn ab, man reibt ihn, und begießt
ihn, ins nackte Leben bringt man ihn zurück.
ADAM. So? Bringt man ihn?
LICHT. Doch jetzo wird versiegelt, In seinem Haus, vereidet und verschlossen, es ist,
als wär er eine Leiche schon, und auch sein Richteramt ist schon beerbt.
ADAM. Ei, Henker, seht! Ein liederlicher Hund war's Sonst eine ehrliche Haut, so
wahr ich lebe, Ein Kerl, mit dem sich's gut zusammen war; Doch grausam liederlich, das
muß ich sagen. Wenn der Gerichtsrath heut in Holla war, so ging's ihm schlecht, dem
armen Kauz, das glaub' ich.
LICHT. Und dieser Vorfall einzig, sprach der Bauer, sei Schuld, daß der Gerichtsrath
noch nicht hier; Zu Mittag treff' er doch ohnfehlbar ein.
ADAM. Zu Mittag! Gut, Gevatter! Jetzt gilt's Freundschaft. Ihr wißt, wie sich zwei
Hände waschen können. Ihr wollt auch gern, ich weiß, Dorfrichter werden, und ihr
verdient's, bei Gott, so gut wie einer. Doch heut ist noch nicht die Gelegenheit, heut laßt
ihr noch den Kelch vorübergehn.
LICHT. Dorfrichter, ich! Was denkt ihr auch von mir?
ADAM. Ihr seit ein Freund von wohlgesetzter Rede, und euren Cicero habt Ihr studirt
trotz einem auf der Schul' in Amsterdam. Drückt Euren Ehrgeitz heut hinunter, hört'
ihr? Es werden wohl sich Fälle noch ergeben, Wo ihr mit eurer Kunst Euch zeigen
8
könnt.
LICHT. Wir zwei Gevatterleute! Geht mir fort.
ADAM. Zu seiner Zeit, Ihr wißt's, schwieg auch der große Demosthenes. Folgt hierin
seinem Muster. Und bin ich König nicht von Macedonien, kann ich auf meine Art doch
dankbar sein.
LICHT. Geht mir mit eurem Argwohn, sag' ich euch. Hab ich jemals ?
ADAM. Seht, ich, ich, für mein Theil, dem großen Griechen folg' ich auch. Es ließe von
Depositionen sich und Zinsen zuletzt auch eine Rede ausarbeiten: Wer wollte solche
Perioden drehn?
LICHT. Nun, also!
ADAM. Von solchem Vorwurf bin ich rein, der Henker hol's! Und alles, was es gilt, ein
Schwank ist's etwa, der zur Nacht geboren, des Tags vorwitz'gen Lichtstrahl scheut.
LICHT. Ich weiß.
ADAM. Mein Seel! Es ist kein Grund, warum ein Richter, wenn er nicht auf dem
Richtstuhl sitzt, soll gravitätisch, wie ein Eisbär, sein.
LICHT. Das sag ich auch.
ADAM. Nun denn, so kommt Gevatter, folgt mir ein wenig zur Registratur; Die
Aktenstöße setz' ich auf, denn die, die liegen wie der Thurm zu Babylon.
9
Zweiter Auftritt
Ein BEDIENTER (tritt auf). Die VORIGEN. Nachher: Zwei MÄGDE.
DER BEDIENTE. Gott helf, Herr Richter! Der Gerichtsrath Walter läßt seinen Gruß
vermelden, gleich wird er hier sein.
ADAM. Ei, du gerechter Himmel! Ist er mit Holla Schon fertig?
DER BEDIENTE. Ja, er ist in Huisum schon.
ADAM. He! Liese! Grete!
LICHT. Ruhig, ruhig jetzt.
ADAM. Gevatterchen!
LICHT. Laßt euern Dank vermelden.
DER BEDIENTE. Und morgen reisen wir nach Hussahe.
ADAM. Was thu ich jetzt? Was laß ich? (Er greift nach seinen Kleidern.) ERSTE
MAGD (tritt auf.) Hier bin ich, Herr.
LICHT. Wollt ihr die Hosen anziehn? Seid ihr toll?
ZWEITE MAGD (tritt auf.) Hier bin ich, Herr Dorfrichter.
LICHT. Nehmt den Rock.
ADAM (sieht sich um). Wer? Der Gerichtsrath?
LICHT. Ach, die Magd ist es.
10
ADAM. Die Bäffchen! Mantel! Kragen!
ERSTE MAGD. Erst die Weste!
ADAM. Was? Rock aus! Hurtig!
LICHT (zum Bedienten). Der Herr Gerichtsrath werden hier sehr willkommen sein.
Wir sind sogleich Bereit ihn zu empfangen. Sagt ihm das.
ADAM. Den Teufel auch! Der Richter Adam läßt sich Entschuldigen.
LICHT. Entschuldigen!
ADAM. Entschuld'gen. Ist er schon unterwegs etwa?
DER BEDIENTE. Er ist Im Wirthshaus noch. Er hat den Schmidt bestellt; Der
Wagen ging entzwei.
ADAM. Gut. Mein Empfehl. Der Schmidt ist faul. Ich ließe mich entschuld'gen. Ich
hätte Hals und Beine fast gebrochen, schaut selbst, s' ist ein Spektakel, wie ich ausseh;
Und jeder Schreck purgiert mich von Natur. Ich wäre krank.
LICHT. Seid Ihr bei Sinnen? Der Herr Gerichtsrath wär sehr angenehm. Wollt ihr?
ADAM. Zum Henker!
LICHT. Was?
ADAM. Der Teufel soll mich holen, ist's nicht so gut, als hätt' ich schon ein Pulver!
LICHT. Das fehlt noch, daß ihr auf den Weg ihm leuchtet.
ADAM. Margarethe! he! Der Sack voll Knochen! Liese!
DIE BEIDEN MÄGDE. Hier sind wir ja. Was wollt ihr?
11
ADAM. Fort! sag ich. Kuhkäse, Schinken, Butter, Würste, Flaschen, aus der Registratur
geschafft! Und flink! Du nicht. Die Andere. Maulaffe! Du, ja! Gott's Blitz,
Margarethe! Liese soll, die Kuhmagd, In die Registratur! (Die erste Magd geht ab.)
DIE ZWEITE MAGD. Sprecht, soll man euch verstehn!
ADAM. Halt's Maul jetzt, sag' ich ! Fort! schaff mir die Perücke! Marsch! Aus dem
Bücherschrank! Geschwind! Pack dich! (Die zweite Magd ab.)
LICHT (zum Bedienten.) Es ist dem Herrn Gerichtsrath, will ich hoffen, nichts Böses
auf der Reise zugestoßen?
DER BEDIENTE. Je, nun! Wir sind im Hohlweg umgeworfen.
ADAM. Pest! Mein geschundner Fuß! Ich krieg' die Stie
LICHT. Ei, du mein Himmel! Umgeworfen, sagt ihr? Doch keinen Schaden weiter ?
DER BEDIENTE. Nichts von Bedeutung. Der Herr verstauchte sich die Hand ein
wenig. Die Deichsel brach.
ADAM. Daß er den Hals gebrochen!
LICHT. Die Hand verstaucht! Ei, Herr Gott! Kam der Schmidt schon?
DER BEDIENTE. Ja, für die Deichsel.
LICHT. Was?
ADAM. Ihr meint, der Doctor.
LICHT. Was?
DER BEDIENTE. Für die Deichsel?
ADAM. Ach, was! Für die Hand.
12
DER BEDIENTE. Adies, ihr Herrn. Ich glaub', die Kerls sind toll. (ab.)
LICHT. Den Schmidt meint' ich.
ADAM. Ihr gebt Euch bloß, Gevatter.
LICHT. Wie so?
ADAM. Ihr seid verlegen.
LICHT. Was!
DIE ERSTE MAGD (tritt auf.)
ADAM. He! Liese! Was hast du da?
ERSTE MAGD. Braunschweiger Wurst, Herr Richter.
ADAM. Das sind Pupillenacten.
LICHT. Ich, verlegen!
ADAM. Die kommen wieder zur Registratur.
ERSTE MAGD. Die Würste?
ADAM. Würste! Was! Der Einschlag hier.
LICHT. Es war ein Mißverständniß.
DIE ZWEITE MAGD (tritt auf). Im Bücherschrank, Herr Richter, find ich die
Perücke nicht.
ADAM. Warum nicht?
ZWEITE MAGD. Hm! Weil ihr
13
ADAM. Nun?
ZWEITE MAGD. Gestern Abend Glock eilf
ADAM. Nun? Werd ich's hören?
ZWEITE MAGD. Ei, ihr kamt ja, besinnt euch, ohne die Perück' ins Haus.
ADAM. Ich, ohne die Perücke?
ZWEITE MAGD. In der That. Da ist die Liese, die's bezeugen kann. Und Eure andr'
ist beim Perückenmacher.
ADAM. Ich wär ?
ERSTE MAGD Ja, meiner Treu, Herr Richter Adam! Kahlköpfig wart ihr, als ihr
wiederkamt; Ihr spracht, ihr wärt gefallen, wißt ihr nicht? Das Blut mußt ich Euch noch
vom Kopfe waschen.
ADAM. Die Unverschämte!
ERSTE MAGD. Ich will nicht ehrlich sein.
ADAM. Halt's Maul, sag' ich, es ist kein wahres Wort.
LICHT. Habt Ihr die Wund' seit gestern schon?
ADAM. Nein, heut. Die Wunde heut und gestern die Perücke. Ich trug sie weiß
gepudert auf dem Kopfe, und nahm sie mit dem Huth, auf Ehre, bloß, als ich ins Haus
trat, aus Versehen ab. Was die gewaschen hat, das weiß ich nicht. Scheer dich zum
Satan, wo du hingehörst! In die Registratur! (Erste Magd ab). Geh, Margarethe! Gevatter
Küster soll mir seine borgen; In meine hätt' die Katze heute Morgen gejungt, das
Schwein! Sie läge eingesäuet mir unterm Bette da, ich weiß nun schon.
LICHT. Die Katze? Was? Seid ihr ?
14
ADAM. So wahr ich lebe. Fünf Junge, gelb und schwarz, und eins ist weiß. Die
schwarzen will ich in der Vecht ersäufen. Was soll man machen? Wollt ihr eine haben?
LICHT. In die Perücke?
ADAM. Der Teufel soll mich holen! Ich hatte die Perücke aufgehängt, auf einen Stuhl,
da ich zu Bette ging, den Stuhl berühr' ich in der Nacht, sie fällt
LICHT. Drauf nimmt die Katze sie ins Maul
ADAM. Mein Seel
LICHT. Und trägt sie unter's Bett und jungt darin.
ADAM. In's Maul? Nein
LICHT. Nicht? Wie sonst?
ADAM. Die Katz'? Ach, was!
LICHT. Nicht? Oder ihr vielleicht?
ADAM. In's Maul! Ich glaube ! Ich stieß sie mit dem Fuße heut hinunter, als ich es sah.
LICHT. Gut, gut.
ADAM. Canaillen die! Die balzen sich und jungen, wo ein Platz ist.
ZWEITE MAGD. (kichernd). So soll ich hingehn?
ADAM. Ja, und meinen Gruß an Muhme Schwarzgewand, die Küsterinn. Ich schickt'
ihr die Perücke unversehrt noch heut zurück ihm brauchst du nichts zu sagen.
Verstehst du mich?
ZWEITE MAGD. Ich werd' es schon bestellen.
15
Dritter Auftritt
ADAM und LICHT.
ADAM. Mir ahndet heut nichts Guts, Gevatter Licht.
LICHT. Warum?
ADAM. Es geht bunt alles über Ecke mir. Ist nicht auch heut Gerichtstag?
LICHT. Allerdings. Die Kläger stehen vor der Thüre schon.
ADAM. Mir träumt', es hätt' ein Kläger mich ergriffen, und schleppte vor den
Richtstuhl mich; und ich, ich säße gleichwohl auf dem Richtstuhl dort, und schält' und
hunzt' und schlingelte mich herunter, und judicirt' den Hals ins Eisen mir.
LICHT. Wie? Ihr Euch selbst?
ADAM. So wahr ich ehrlich bin. Drauf wurden beide wir zu eins, und flohn, und
mußten in den Fichten übernachten.
LICHT. Nun? Und der Traum meint ihr ?
ADAM. Der Teufel hol's. Wenn's auch der Traum nicht ist, ein Schabernack, sei's, wie
es woll', ist wider mich im Werk!
LICHT. Die läpp'sche Furcht! Gebt Ihr nur vorschriftsmäßig, wenn der Gerichtsrath
gegenwärtig ist, Recht den Partheien auf dem Richterstuhle, damit der Traum vom
ausgehunzten Richter auf andre Art nicht in Erfüllung geht.
16
Vierter Auftritt
Der GERICHTSRATH WALTHER (tritt auf). Die VORIGEN.
WALTER. Gott grüß Euch, Richter Adam.
ADAM. Ei willkommen! Willkommen, gnäd'ger Herr, in unserm Huisum! Wer konnte,
du gerechter Gott, wer konnte So freudigen Besuches sich gewärt'gen. Kein Traum, der
heute früh Glock achte noch Zu solchem Glücke sich versteigen durfte.
WALTER. Ich komm ein wenig schnell, ich weiß; und muß auf dieser Reis', in unsrer
Staaten Dienst, zufrieden sein, wenn meine Wirthe mich mit wohlgemeintem
Abschiedsgruß entlassen. Inzwischen ich, was meinen Gruß betrifft, ich mein's von
Herzen gut, schon wenn ich komme. Das Obertribunal in Utrecht will die Rechtspfleg'
auf dem platten Land verbessern, die mangelhaft von mancher Seite scheint, und strenge
Weisung hat der Mißbrauch zu erwarten. Doch mein Geschäfft auf dieser Reis' ist noch
ein strenges nicht, sehn soll ich bloß, nicht strafen, und find ich gleich nicht alles, wie es
soll, ich freue mich, wenn es erträglich ist.
ADAM. Fürwahr, so edle Denkart muß man loben. Ew. Gnaden werden hie und da,
nicht zweifl' ich, den alten Brauch im Recht zu tadeln wissen; Und wenn er in den
Niederlanden gleich Seit Kaiser Karl dem fünften schon besteht: Was läßt sich in
Gedanken nicht erfinden? die Welt, sagt unser Sprichwort, wird stets klüger, und Alles
lies't, ich weiß, den Puffendorff; Doch Huisum ist ein kleiner Theil der Welt, auf den
nicht mehr, nicht minder, als sein Theil nur Kann von der allgemeinen Klugheit
kommen. Klärt die Justiz in Huisum gütigst auf, und überzeugt euch, gnäd'ger Herr, ihr
habt Ihr noch so bald den Rücken nicht gekehrt, als sie auch völlig euch befried'gen
wird; Doch fändet Ihr sie heut im Amte schon, wie Ihr es wünscht, mein Seel, so wär's
ein Wunder, da sie nur dunkel weiß noch, was ihr wollt.
17
WALTER. Es fehlt an Vorschriften, ganz recht. Vielmehr es sind zu viel, man wird sie
sichten müssen.
ADAM. Ja, durch ein großes Sieb. Viel Spreu! Viel Spreu!
WALTER. Das ist dort der Herr Schreiber?
LICHT. Der Schreiber Licht, zu Eurer hohen Gnaden Diensten. Pfingsten neun Jahre,
daß ich im Justizamt bin.
ADAM (bringt einen Stuhl). Setzt euch.
WALTER. Laßt sein.
ADAM. Ihr kommt von Holla schon.
WALTER. Zwei kleine Meilen Woher wißt ihr das?
ADAM. Woher? Ew. Gnaden Diener
LICHT. Ein Bauer sagt' es, der eben jetzt von Holla eingetroffen.
WALTER. Ein Bauer?
ADAM. Aufzuwarten.
WALTER. Ja! Es trug sich dort ein unangenehmer Vorfall zu, der mir die heitre
Laune störte, die in Geschäften uns begleiten soll. Ihr werdet davon unterrichtet sein?
ADAM. Wär's wahr, gestrenger Herr? Der Richter Pfaul, weil er Arrest in seinem Haus'
empfing, Verzweiflung hätt' den Thoren überrascht, Er hing sich auf?
WALTER. Und machte Uebel ärger. Was nur Unordnung schien, Verworrenheit,
nimmt jetzt den Schein an der Veruntreuung, die das Gesetz, ihr wißt's, nicht mehr
verschont. Wie viele Kassen habt ihr?
18
0 Kommentare