Timo Kotowski: Weblogs - Neuer Journalismus? Seite 1
Inhalt
1 Einleitung 2
2 Blogs - Charakteristika und Definitionskriterien 3
3 Praktiken des Bloggens 6
4 Bloggen als gerahmtes soziales Handeln 8
4.1 Regeln 8
4.2 Netzwerk 10
4.3 Technologie 12
4.4 Synthese zum Analysemodell des Bloggens 12
5 Blogs vs. Journalismus 13
6 Zusammenfassung 17
Literatur 19
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1 | Einleitung
Sie gelten als Teil einer „heimlichen Medienrevolution“ 1 , als Bestätigungsfeld für „neue Meinungsmacher“ 2 , werden als Mittel für die „soziale Rückeroberung des Netzes“ 3 angesehen. Durch Weblogs und ihre Autoren werden das allgemein verfügbare Medienangebot und der Kreis der Medienschaffenden vergrößert. Weblogs können helfen, Gegenöffentlichkeiten zu schaffen, randständige Stimmen in die Öffentlichkeit zu bringen und Mittel zum Austausch zwischen Menschen mit geteilten Interessen sein.
Umstritten ist aber, ob die Autoren der Webtagebücher, die Blogger, als Journalisten anzusehen sind. Einerseits verstehen sich zahlreiche Blogger als (alternative) Journalisten. Manche von ihnen sind neben ihrer Blogger-Tätigkeit auch ausgebildete und hauptberufliche Profi-Journalisten. Andererseits sind sowohl in der Blogosphäre als auch im Journalismus Abgrenzungstendenzen zu beobachten. Zahlreiche Blogger geben ihren Veröffentlichungen eine starke individuelle autorenspezifische Färbung, ihre Themenwahl orientiert sich nicht an einem öffentlichen Interesse oder professionellen Relevanzkriterien, sondern ist durch ein persönliches Interesse bzw. eine individuelle Mitteilungslust bestimmt. Und Profi-Journalisten verweisen auf ihre standesspezifischen Regeln, die sie in Blogs gebrochen sehen.
Da beide - Blogger und Journalisten - Inhalte im Web schaffen, besteht mindestens partiell ein Konkurrenzverhältnis, das als nicht entspannt angesehen werden kann. Zuweilen wird festgestellt, zwischen Bloggern und Journalisten bestehe eine „innige Hassliebe“. 4 Exemplarisch für diese Feststellung seien die Notizen eines beobachtende Wissenschaftlers zu einer Diskussionsveranstaltung des Deutschen Journalistenver-bands (DJV) im Januar 2008 in Berlin genannt. „Gelernt habe ich erstens, dass der Graben des Misstrauens und der Abneigung zwischen Blattmachern und Blogmachern tiefer und breiter ist als gedacht“, schreibt Haller - in seinem Blog. 5 Er diagnostiziert auf beiden Seiten Zerrbilder bezüglich der Selbstdefinition der Verantwortlichen und der Rezeption ihrer Veröffentlichungen.
Die Verantwortlichen in den Mainstreammedien hätten „das Lebensgefühl und die Weltsicht der Unter-30-Jährigen wirklich nicht begriffen; dass sie mit aufgeblasenen Belanglosigkeiten (Knut, Britney, Dschungelcamp) ihre Titelblätter und Nachrichtensendung füllen - und
1 Möller 2005
2 Zerfaß / Boelter 2005
3 Eigner et. al. 2003
4 Faber 2004, 14
5 Haller 2008
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zeitgleich mit geschwellter Brust über ihre ‚öffentliche Aufgabe schwadronieren: Das kotzt alle an Sinnfragen interessierten jungen Leute definitiv an.“ Blogger glaubten,
„sie seien nun die wahren Gralshüter des ‚echten’ Journalismus, der angeblich authentisch und frisch und frech und voll das Leben sei - sozusagen ohne Deo-Spray mit dem würzigen Naturduft unter der Achselhöhle. Viele von denen sind der Meinung, wenn sie schon eine Meinung haben, dann sollte dies die Öffentlichkeit wissen, also seien sie Journalisten.“ In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, ob Blogs und traditionelle journalistische Produktionen komplementär zu einander sind, Blogs also eine neue ergänzende und erweiternde Form des Journalismus sind oder ob in Blogosphäre und Journalismus gänzlich unterschiedliche mediale Produkte geschaffen werden, die mit unterschiedlichen Intentionen publiziert und rezipiert werden und somit an unterschiedlichen Gütekriterien gemessen werden. Mit diesem Ziel soll zuerst im Kapitel 2 die jüngere Publikationsformdie Blogs - betrachtet werden, um Charakteristika und Definitionskriterien herauszuarbeiten. Unter Bezugnahme auf empirische Ergebnisse sollen in Kapitel 3 Praktiken des Bloggens - Motive der Autoren, beobachtbare Handlungsregelmäßigkeiten vorgestellt werden, die in Kapitel 4 im von Schmidt 6 entwickelten Modell, das Bloggen als durch Regeln, Netzwerkbildung und -pflege sowie Technologie gerahmtes soziales Handeln begreift, zusammengeführt werden. Anhand der modelleigenen Analysekriterien sollen in Kapitel 5 Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Blogs und traditionellen Massenmedien aufgezeigt werden.
2 | Blogs - Charakteristika und Definitionskriterien
Dass Weblogs als Kommunikatonsform populär geworden sind, wird oft ihrer leichten Bedienbarkeit zugeschrieben. Mit wenig oder gar keinen Programmierkenntnissen können Texte und andere (auch multimediale) Inhalte im Internet veröffentlicht werden. Daher steht gelegentlich die Technologie im Vordergrund, wenn es um die Frage „Was sind Weblogs?“ geht. Der deutsche Blogger Don Alphonso - mit bürgerlichen Namen Rainer Meyer - schreibt:
„Im Kern sind Blogs nur eine Technik, deren Erfolg darauf beruht, dass sie die Einstiegshürden für das Publizieren im Netz absenkt. Sie sind einfach zu bedienen, praktisch kostenlos, und jeder Nutzer kann ohne Vorkenntnisse alles veröffentlichen“ 7
6 Schmidt 2006
7 Don Alphonso 2004, 19
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Zweifellos zutreffend, allerdings kann es für eine sozialwissenschaftliche Betrachtung nicht genügen, eine Kommunikationsform auf die ihr zugrunde liegende Technologie zu reduzieren. Auch Einstellungen von Nutzern (Au-toren und Rezipienten) sowie Inhalte, für die eine bestimmte Verbreitungsweise gewählt wird, können wesentliches Charakteristikum sein.
An den Content knüpft die frühe Begriffsbestimmung des US-Bloggers Jorn Barger an, der den Begriff Weblog - eine Kombination aus world wide web und log book - als erster 1997 verwendete. 8 Er bezeichnete seine Seite robotwisdom.com als Weblog - kurz Blog 9 - , als „a web page where a web logger ‚logs’ all the other web pages he finds interesting“. 10 Doch diese Beschreibung fokussiert auf die Inhalte und geht nur rudimentär auf Kommunikationsabsichten ein. Zudem ist sie mittlerweile historisch. Das Wesen von Blogs hat sich im Zeitverlauf verändert. Statt „link-centered filters of web content“, als die Barger sie sah, sind „journal-type blogs“ 11 , die in der Tradition von Tagebüchern stehen und mehr Befindlichkeiten und Meinungen des Autors zu Ausdruck bringen, heute die dominante Form. 12 Allerdings gelten Links in Beiträgen weiterhin nicht als „bloße Anhängsel oder Verweise, sondern als elementare Bestandteile des Formats“. 13
Auf die Autorenzentriertheit stellen Zerfaß/Boelter ab, wenn sie als Charakteristikum von Blogs die „chronologische und expressive Kommunikation“ 14 nennen, während die optische Aufbereitung sich nicht von anderen Webangeboten unterscheiden müsse. Schmidt 15 benennt drei Leitbilder für Weblogs.
Sie gelten als authentisch, „weil sie die Persönlichkeit des Autoren repräsentieren“,
Sie seien dialogorientiert, „weil sie die bidirektionale Kommunikation innerhalb eines Angebots und über einzelne Angebote hinweg technisch unterstützen“, und
8 Verbreitet ist die Auffasung, dass Weblogs schon Jahre eher entstanden, bevor Barger den Begriff prägte. So hatte der Informatiker Tim Barners-Lee, der als Erfinder des World Wide Web gilt, bereits ab 1989 die Seite info.cern.ch genutzt, um zu wissenschaftlichen Datenbanken zu verlinken und auf Neues im damals noch überschaubaren Netz hinzuweisen.
9 Die Kurzform Blog prägte der Web-Autor Peter Merholz (www.peterme.com), der scherzhaft vorschlug, statt Weblog anknüpfend an die Tätigkeit der Internetschreiber „We blog“ zu sagen. In der Folge setzte sich der Terminus Blogs durch.
10 Allerdings gilt eine bereits 1991 veröffentlichte Seite von Tim Barners-Lee, der den Begriff world wide web einführte, als erstes Weblog.
11 Herring et. al. 2004, 9
12 Der Wandel wird auch als Ablösung von „Filter-Style-Blogs“ durch „Free-Style-Blogs“ oder „Journal-Style-Blogs“ beschrieben; vgl. Armborst 2006, 42ff
13 Armborst 2006, 47
14 Zerfaß/Boelter 2005, 32
15 Schmidt 2006, 9
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Sie seien eine dezentrale Form des Austausches, da durch sie „Merkmale der öffentlichen und der interpersonalen Kommunikation vereint und soziale Netzwerke unterschiedlicher Reichweite fundiert“ werden.
Losgelöster von der Person des Autors - und daher in Verbindung mit den Leitbildern zu lesen - ist Schmidts Definitionsversuch, demzufolge Weblogs „regelmäßig aktualisierte Webseiten [sind], die bestimmte Inhalte, zumeist Texte beliebiger Länge, aber auch Bilder oder andere multimediale Inhalte) in umgekehrt chronologischer Reihenfolge darstellen“ 16 , auf denen alle Beiträge (Postings) einzeln „über URLs adressierbar“ seien und die Beiträge die Möglichkeit böten, „Kommentare zu hinterlassen“. Ferner enthielten Weblogs „Verweise auf andere Weblogs“, wodurch sich „Netzwerke von untereinander ver-bundenen Texten und Webseiten“ heraus bildeten.
Auch diese Definition ist nicht frei von Problemen. Seiten, auf den umgekehrt chronologisch die neusten Einträge oberhalb früherer erscheinen, gibt es praktisch seit Bestehen des World Wide Web. Aktuell entsprechen diesem Merkmal nahezu alle Internet-Präsenzen traditioneller Massenmedien, sofern man von den technisch aufwendig gestalteten Homepages dieser Sites absieht. Außerdem mangelt es den Definitionskriterien an Trennschärfe. Unklar bleibt, wie häufig eine Seite aktualisiert werden muss, um als Blog zu gelten, ob (temporär) nicht aktualisierte Seiten allein durch die Inaktivität des Autoren aufhören, Blog zu sein oder ob eine Kommentarfunktion zwingend nötig ist. Zudem ist in der Definition nichts dazu enthalten, wie die Interaktivität einer Seite ausgeprägt sein muss - ob eine Vielzahl von Verlinkungen auf andere Seiten (outbound links) zur Charakterisierung genügt, oder ob es auch zahlreiche Verweise auf die Seite selbst (inbound links) geben muss.
Stärker auf die Abgrenzung von anderen Formen der Internet-Kommunikation setzt ein Kategorisierungsversuch von Herring et. al., der aus einer Analyse von 203 Blogs von März bis Mai 2003 erarbeitet wurde. Sie verorten Blogs in Bezug auf drei Dimensionen (Aktualisierungshäufigkeit, Symmetrie des kommunikativen Austausches und Multimedialität) auf einem Kontinuum „at an intermediate point between standard Web pages and asynchronous CMC“: 17
16 Schmidt 2006, 13, vgl. Herring et. al. 2004, 1
17 Herring et. al. 2004, 10; Asynchronous CMC steht als Abkürzung für Asynchronous interactive computer-mediated communication und bezeichnet als Oberbegriff Formen internetbasierter Individualkommunikation wie E-Mail oder Foren
Arbeit zitieren:
Dipl.-Soz. Timo Kotowski, 2008, Weblogs - Neuer Journalismus?, München, GRIN Verlag GmbH
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